Die Deutschen Familiennamen, geschichtlich, geographisch, sprachlich
Part 6
In bildlicher Weise wurden auch Namen von ~Tieren~, an denen man bestimmte, stark hervortretende Eigenschaften fand, in diesem Sinne verwendet. Bekannt sind aus der Geschichte _Heinrich der Löwe_ und _Albrecht der Bär_. Noch häufiger waren wohl spottende Zusätze der Art. So wird in der Lübecker Bürgermatrikel von dem Jahre 1322 der eine von zwei Brüdern Johannes _de rode_, der andere Richard _Vos_ genannt, offenbar nach derselben Ursache.[54]
~Körperteile.~
Die bisher angeführten Namen dieser Gattung beziehen sich, wie leicht zu erkennen, teils auf geistige, teils auf leibliche Eigenschaften. Familiennamen der letzteren Art sind nun mit Vorliebe von einem Körper~teile~ hergenommen, der eben von hervorstechender Eigentümlichkeit sein muß, um Anlaß zur Benennung der ganzen Person zu geben. Darum eignen sich allgemeine und einfache Bezeichnungen wie ~Haar~, ~Hand~, ~Finger~, ~Mund~ wenig zu Familiennamen, weil sie als solche meist zu nichtssagend wären.
Die Namen dieser Art, die sich dessenungeachtet finden, sind verdächtig und bedeuten offenbar großenteils etwas ganz anderes. So ist _Mund_ sicher meist das altdeutsche _Munto_ (von althochd. munt d. i. Schutz, vgl. Vormund), _Haar_ das altdeutsche _Haro_ (von hari d. i. Heer).[55] Andere bedeuten allerdings Körperteile, sind aber durch Häuserzeichen vermittelt (s. weiterhin).
Mit viel größerer Sicherheit gehören hierher die zusammengesetzten Benennungen, unter denen besonders häufig sind die Komposita mit ~Haupt~ und ~Kopf~, mit ~Haar~ und ~Bart~, mit ~Bein~ und ~Fuß~. Die Beschaffenheit und Form des Kopfes, wie anderseits die des Fußes, die Farbe und Beschaffenheit des Haares und Bartes, weil ja am meisten in die Augen fallend, wurde vorzugsweise bezeichnet.
Haupt: _Breithaupt_, _Rauchhaupt_ (= Rauh-), _Wollenhaupt_.
Kopf: _Großkopf_, _Breitkopf_, _Wittkopf_ (niederd.).
Haar: _Flachshaar_, niederd. _Flashaar_, _Geelhaar_ (= Gelb-), _Weißhaar_.
Bart: _Rothbart_, _Spitzbart_, _Weißbart_.
Bein: _Einbein_, _Krummbein_, _Langbein_.
Fuß: _Leichtfuß_, _Schmalfuß_, _Stolterfoth_ (niederd.).
Wie sehr Bezeichnungen dieses Schlages sich zu Familiennamen eignen, geht daraus hervor, daß manche derselben noch jetzt appellativ gebraucht werden. So reden wir von einem „Flachskopf, Rotkopf“, einem „Großmaul“, nennen einen Invaliden mit hölzernem Bein „Stelzfuß“ usw.[56]
Hier, bei den von körperlichen Eigenschaften entlehnten Namen, verrät sich eine bemerkenswerte Übereinstimmung mit der Seite 11 geschilderten römischen Namengebung, in der Art, daß die Namen beider Sprachen sich vielfach decken:
_Longus_: _Lange_, _Paullus_: _Klein_, _Niger_: _Schwarz_, _Capito_: _Großkopf_, _Crispus_: _Krause_, _Plautus_: _Platzfuß_ (= Platt-) usw.
Doch sinkt das Deutsche auch hier nicht zu der geistlosen Einförmigkeit und Äußerlichkeit der lateinischen Namengebung hinab. Das verhindern vor allem die
~Satznamen~,
eine besonders anziehende und reichhaltige Gruppe.
Die Eigentümlichkeit, kurze Sätze, namentlich befehlender Art, zusammenzuschieben in uneigentlicher Komposition und daraus Hauptwörter zu bilden, erscheint innerhalb der deutschen Sprache zuerst im Mittelhochdeutschen, wo Gebilde wie _habedanc_ (Danksagung), _rûmelant_ (räume das Land, ein Landflüchtiger) und einige andere auftreten. Diese Bildungsweise scheint dann besonders in der volkstümlichen Literatur des 15.-16. Jahrhunderts geblüht zu haben. So finden wir unter anderem im Liederbuch der Klara Hätzlerin, welches zahlreiche lyrische Stücke, größtenteils aus dem 15. Jahrhundert, enthält: „_Vergiß mein nit_ das plümlein, das krautt _denck an mich_“ -- in Sebastian Brants Narrenschiff: _Füll den mag_, _schmirwanst_ (Namen von Fressern) -- bei Fischart: _Hebdenmann_, ein rechter _Jag den Teuffel_, _Reckdendegen_, _Streichdenbart_ (lauter Personennamen); Dörflein _Beiteinweil_ (d. i. Wart ein Weilchen), _Trotzdenkaiser_ (N. einer Burg), _Luginsland_ (N. eines Turmes)[57] -- dann besonders in Rollenhagens „Froschmeuseler“ bezeichnende Tiernamen wie _Blehebauch_, _Ruerdendreck_, _Rufflaut_ (Frösche); _Beißhart_, _Luginsloch_, _Spahrkrümlein_ (Mäuse). Niederdeutsche Bildungen dieser Art bietet Reineke de Vos in den Tiernamen _Merkenouwe_ (Merke genau, die Krähe), nebst dem Krähensohn _Slindepier_ (schlinge den Wurm); _Pluckebudel_ (pflücke den Beutel, die räuberische Natur der Raben bezeichnend).
Diese Fähigkeit ist allerdings im Neuhochdeutschen, je mehr dasselbe Buchsprache wurde und an lebendiger Beweglichkeit einbüßte, desto mehr erloschen; trotzdem läßt sich auch jetzt noch eine ziemliche Reihe solcher Bildungen zusammenbringen: _Habenichts_, _Störenfried_ (störe den Frieden), _Wagehals_, _Thunichtgut_ -- _Lebewohl_, _Stelldichein_ u. a., wozu noch die Blumennamen _Vergißmeinnicht_ und _Gedenkemein_ zu rechnen. Auch die Büchertitel _Trösteinsamkeit_, _Trutznachtigall_ und _Wendunmuth_ erklären sich hieraus. Manche unter diesen Ausdrücken sind allerdings weniger schriftgemäß als volkstümlich, und begeben wir uns ganz von der einförmigern Landstraße des Schriftdeutschen herunter auf die Nebenpfade volkstümlicher, mundartlicher Rede, so können wir noch manches Blümchen dieser Gattung pflücken.[58]
In ganz besonderem Maße hat diese Zusammensetzungsweise ihren Tummelplatz im Bereiche der Personennamen. Bekannt sind unter den Vornamen _Leberecht_, _Fürchtegott_, _Traugott_ -- auch wohl _Kreuzwendedich_ (hin und wieder einem Kinde gegeben, wenn schon mehrere vor ihm gestorben). Weit größer aber ist die Zahl unter den Familiennamen. Vilmar hat drittehalbhundert zusammengebracht, eine Zahl, die sich noch erheblich vermehren läßt.[59]
Es finden sich unter diesen Namen, die vorwiegend wohl in den Kreisen lustiger Gesellen, Waffen- und Zechbrüder entstanden sind, die lebendigsten und launigsten Bezeichnungen, Scherz- und Spottnamen.
Betrachten wir nach diesen allgemeinen Vorbemerkungen die Satznamen genauer, und zwar zunächst hinsichtlich der ~Form~, so haben wir unter ihnen
1) Zusammensetzungen aus ~zwei~ Wörtern (Zeitwort und Eigenschaftswort oder auch Umstandswort): _Bleibtreu_, _Trinkaus_ -- viel häufiger aber
2) Zusammensetzungen aus ~drei~ Wörtern (Zeitwort mit Objekt und davorstehendem Artikel): _Haßdenpflug_ (ein Bauer, der des Pfluges überdrüssig geworden), gewöhnlich abgeschliffen _Hassenpflug_, _Jagenteufel_, später verkürzt in _Jageteufel_, so daß nun der Artikel ganz ausgefallen ist, auch _Wieswell_ (= wie es wolle, geh es wie es wolle, Bezeichnung eines gelassenen Gemütes).
3) Sogar Zusammenschiebungen aus ~vier~ Wörtern finden sich, am deutlichsten in _Haltanderheide_ (ein Ritter oder Reisiger, der an der Heide hält, um Vorüberziehende anzugreifen); aber auch Namen wie _Fleugimtanz_ (flotter Tänzer), _Griepentrog_ (niederd. = greif in den Trog, von einem, der unbescheiden zulangt), _Springsfeld_ (spring in das Feld) und der Gegensatz _Bleibimhaus_ gehören hierher; ferner _Feuerimdach_ (ein Jähzorniger).
Dem ~innern Gehalte~ nach bezeichnen diese Namen zum Teil gute, rühmliche Eigenschaften, überwiegend aber, wie nicht anders zu erwarten, Schwächen und Untugenden. Unter den ersteren steht auch hier wie bei den altdeutschen Namen obenan die ~Tapferkeit~ in Namen wie _Hauenschild_ (Hauschild), _Klubeschedel_ (klöbe d. i. spalte den Schädel), _Schüttesper_ (schüttle den Speer, englisch Shakespeare), _Zuckseisen_ (zücke das Eisen), wohin auch die Zusammensetzungen mit Teufel gehören: _Fressenteufel_, _Jageteuffel_, _Schlagenteufel_, _Bitdendüwel_ (niederd. = beiße den Teufel) -- Leute, die sich selbst vor dem Gottseibeiuns nicht fürchten.[60]
Einzelne dieser Namen mögen auch schon ein gewisses Übermaß von Tapferkeit, eine übermäßige Kampfbegier, ~Streitsucht~ und ~Raufsucht~ bezeichnen. Deutlich tritt letzteres hervor in Namen wie _Raufseisen_, _Haberecht_, _Hebenstreit_ (der den Streit anhebt). Unter solchen Spottnamen ragen vor allen diejenigen hervor, welche den übermäßigen Durst, die leidige ~Trunksucht~ der Deutschen geißeln: _Kehrein_, _Suchenwirth_, _Findekeller_, (der den Keller zu finden weiß), _Schmeckebier_ und _Schluckebier_ und manche andere, denen nur vereinzelt ein _Haßenkrug_ gegenübersteht.
Kann es nun wohl bezeichnendere Namen geben als diese imperativischen? Kräftigere als Hauenschild und Schüttesper, neckischere als Findekeller und Greifentrog, schwungvollere als Fleugimtanz?
13.
Familiennamen der dritten Schicht.
c) ~Herkunft und Wohnstätte.~
Die von Örtlichkeiten entlehnten Familiennamen gehören zu den ältesten, da diejenigen Personen und Geschlechter, welche Grundbesitz hatten, sich schon sehr früh danach benannten. So finden wir unter den ritterlichen Sängern und Dichtern der Hohenstaufenzeit einen _Heinrich von Veldeke_, einen _Hartmann von Aue_ (Ouwe), einen _Walther von der Vogelweide_ u. a. Doch war dieser Zuname ursprünglich noch nicht so befestigt, daß bei einem Wechsel des Besitzes die Familie ihn beibehalten hätte; vielmehr wurde in solchem Fall auch der Name vertauscht. So führten z. B. die Freiherren _von Attinghausen_ diesen Namen erst seit ihrer Übersiedelung nach Uri; vorher hießen sie nach ihrer Stammburg im Emmental die Freien _von Schweinsberg_. So hießen die _von Löwenstein_ früher _Bischofshausen_, von Bischofshausen, jetzt Bischhausen an der Schwalm; als sie aber im 13. Jahrhundert ihre neue Burg erbauten, nahmen sie ebenfalls die neumodische Benennung an.[61]
Diese Weise wurde aber auch von Leuten nicht ritterlichen Standes frühzeitig befolgt, indem sie sich nach ihrem Stammorte oder ihrem Wohnsitze benannten. So begegnen wir unter den hervorragenden Dichtern des 13. Jahrhunderts einem bürgerlichen „meister“ Konrad, der sich selbst _Konrad von Würzburg_ nennt.[62]
Daß solche Zusätze sich allmählich befestigten, war naturgemäß, ja fast unvermeidlich, sobald eine Familie längere Zeit in demselben Besitze blieb oder an derselben Stelle wohnte.
Die aus dieser Quelle geflossenen zahlreichen Namen zerfallen in zwei Hauptgattungen, je nachdem sie von ~allgemeinen Ortsbezeichnungen~ oder von ~bestimmten Ortsnamen~ herrühren. Betrachten wir jene zuerst!
Uns klingen jetzt die Namen mancher Landleute in Schillers Tell auffällig und fremdartig: (Hans) _auf der Mauer_, (Jörg) _im Hofe_, (Burkhart) _am Bühel_ u. a. Solcher Benennungen aber, wie sie hier Schiller im Anschluß an die Schweizer-Chronik von Tschudi gewählt hat, gab es ursprünglich sehr viele, von den verschiedensten Örtlichkeiten entlehnt und mit den mannigfachsten Verhältniswörtern: _von der Au_; _am Ende_ (der am Ende des Ortes Wohnende); _aus dem Werd_ (Werder, Insel); _beim Born_; _vor dem Baum_; _achterm Boil_ (hinter dem Bühel d. i. Hügel); _unter den Weiden_; _zum Steg_ u. s. f.[63]
Später fiel dann das Verhältniswort meist ab, eine Familie aus dem Werd nannte sich einfach _Werth_, ter Varrentrap (zu der Ochsenspur) _Varrentrap_ -- oder dasselbe wurde eng an das Hauptwort herangezogen und mit ihm vereinigt. So ist eine Anzahl Familiennamen entstanden, die man nur nach ihren Bestandteilen auseinander zu schneiden braucht, um sie sofort zu verstehen:
_Ambach_: am Bach; _Imhove_: im Hofe; _Zumbusch_: zum Busch; _Vormbaum_: vor dem Baum; _Auffenberg_: auf dem Berg usw.
Bisweilen sind dabei allerdings Entstellungen eingedrungen: _Tremöhlen_ statt _~ter~ Möhlen_ (hochd. zur Mühlen), _Austermühle_ statt _aus der Mühle_, _Amthauer_ statt _Amthor_.
Nur selten hat die ursprüngliche Form, Hauptwort und Verhältniswort getrennt, sich erhalten, wie in: _aus der Ohe_, _aus’m Werth_, _ten Brink_ (niederd. = zum Hügel), _zum Bild_, ganz vereinzelt _Zur-Linde_.[64]
In entsprechender Weise werden Familiennamen von ~bestimmten Ortsnamen~ (Stadt- oder Dorfnamen) abgeleitet. Wer aus einem fremden Orte zuzog, wurde beim Eintragen in die Bürgerrollen am einfachsten nach dem Orte bezeichnet, aus welchem er kam. So ist in den Bürgerrollen von Nordhausen aus dem 13. und 14. Jahrhundert ein Personenname aus ~von~ (oder lateinisch ~de~) und einem Ortsnamen gebildet die gewöhnlichste Bezeichnung, z. B. _Henricus de Erfordia_, _Ludovicus de Molhusen_. Das ~von~ fiel später weg, zumal der Adel es mehr und mehr als sein Kennzeichen und Sonderrecht hinstellte. Dieser allmähliche Wegfall ergibt sich deutlich aus einer Zusammenstellung Förstemanns (Programm S. 11), wonach von 27 Mitgliedern des Rates zu Nordhausen im Jahre 1385 noch 13 das ~von~ mit einem Ortsnamen haben, dagegen 1401 nur 7, 1421 nur 2, 1475 noch einer, endlich 1484 keiner, obgleich nicht weniger als sieben einen Ortsnamen als Familiennamen führen.
Daher stammt nun eine außerordentliche Menge von Familiennamen, die einfach aus einem Ortsnamen bestehen. Besonders leicht zu erkennen sind die zusammengesetzten, bei welchen etwa folgende Ausgänge die häufigsten sind:
~-au~: _Fürstenau_;
~-bach~: _Blumenbach_ -- niederd. ~-beck~ (spr. bäk): _Möllenbeck_;
~-baum~: _Birnbaum_ -- niederd. ~-bohm~: _Nottebohm_;
~-berg~: _Lichtenberg_;
~-brück~: _Delbrück_ -- niederd. ~-brügge~: _Delbrügge_;
~-burg~: _Homburg_;
~-dorf~: _Holtzendorf_, _Bernstorff_ -- niederd. ~-dorp~: _Oldendorp_;
~-eck~: _Viereck_ -- südd. ~-egg~: _Hohenegg_;
~-feld~: _Birkenfeld_;
~-hagen~: _Hundeshagen_ -- zsgz. ~-hain~: _Rosenhain_, ~-hahn~: _Langenhahn_;
~-haus~: _Brockhaus_ -- im Dat. Plur. ~-husen~ (aus altd. husum): _Wachenhusen_, mit neuhochd. Vokal ~-hausen~: _Möllhausen_;
~-heim~: _Freinsheim_;
~-hof~: _Blumhof_ -- im Dat. Plur. ~-hofen~: _Altenhoven_;
~-holz~: _Buchholz_;
~-horst~: _Scharnhorst_;
~-leben~: _Alsleben_;
~-reut~: _Bärenreuth_;
~-rode~: _Benterode_ -- mit Abfall des e ~-roth~: _Almeroth_, ~-rath~: _Beckerath_;
~-stadt~: _Karlstadt_ -- mit der Nebenf. ~-stedt~ (eig. Dativ): _Bodenstedt_;
~-stein~: _Lauenstein_;
~-thal~: _Friedenthal_ -- niederd. ~-dahl~: _Küchendahl_;
~-walde~: _Schwachenwalde_ -- gew. gekürzt ~-wald~: _Arnswald_;
Dazu die Endung
~-ingen~ (eig. Dat. Plur. von dem Patronymikum s. Namenlexikon): _Ehingen_, gekürzt ~-ing~: _Bisping_.
Diesen schließen sich in der Häufigkeit zunächst an die auf
~-born~, ~-busch~, ~-fels~, ~-furt~, ~-horn~.
Im ganzen ist der Ortsnamen, die zugleich als Familiennamen dienen, eine ungezählte Menge, da es kaum einen größeren Ort in Deutschland gibt, dessen Name nicht auch als Familienbezeichnung sich fände. Viele Familiennamen, die sonst fast als unlösbare Rätsel erscheinen, werden ohne weiteres klar, sobald man ein geographisches Wörterbuch zur Hand nimmt.[65]
Freilich wird anderseits auch die sichere Deutung und Heimweisung vieler Familiennamen durch das Hereinspielen der Ortsnamen erschwert, da nicht wenige der letzteren mit Personennamen buchstäblich übereinstimmen. Z. B. ist _Seeger_ eine Weiterbildung des altdeutschen Personennamens _Sigher_, zugleich aber auch ein Ort in Pommern; _Roth_, für welches schon eine doppelte Quelle nachgewiesen (S. 48), findet sich auch häufig als Ortsbenennung, von rode abzuleiten (s. oben). Außerdem tragen viele Orte Namen von Gegenständen der Natur, sei es durch zufälliges Zusammentreffen, wie in _Hahn_, welches hier doch nur Zusammenziehung aus Hagen ist, oder indem der Name eines Tieres, einer Pflanze ohne weiteres, ohne Anhängung einer Endung, auf einen Ort übertragen wurde. Es tritt an diesem Punkte ein Mangel in der Namengebung hervor, da viele Bezeichnungen unterschiedslos als Personen- wie als Ortsnamen dienen, z. B. _Baum_, _Habicht_, _Kranz_, _Nagel_, _Wohlgemuth_. Daher ist hier besondere Vorsicht geboten, und es ist in solchen zweifelhaften Fällen jeder Name möglichst durch Einzeluntersuchung klarzustellen.
Leichter sind diejenigen Familiennamen zu erkennen, welche durch ~Ableitung~ von Ortsnamen gebildet sind, und zwar mittels der Endung _er_ wie: _Eppinger_, _Meißner_.[66] Diese Bildungsweise hat jedoch geringere Verbreitung und ist hauptsächlich oberdeutsch. So gehören bei Fröhner (Karlsruher Namenbuch) unter etwa 100 von Orten hergeleiteten Familiennamen zwei Drittel hierher, während in Hoffmanns hannöverschen Namenbuche unter etwa 300 derartigen Namen sich (abgesehen von den neueren jüdischen) kaum 10 finden, und diese erklären sich durch oberdeutschen Zuzug.[67]
Die meisten der auf S. 54 f. aufgeführten Endungen bilden Familiennamen dieser Art, wobei sich durch Hinzutreten des ~Umlautes~ aus manchen zwei Formen entwickeln, so aus -dorf: -dorfer und -dörfer, aus -bach: -bacher und -becher. Demnach haben wir
~-auer~: _Kronauer_;
~-bacher~ (-becher): _Speckbacher_ -- _Isselbecher_;
~-berger~: _Frankenberger_ -- _Reichensperger_;
~-brücker~ (-brugger): _Haarbrücker_ -- _Moosbrugger_;
~-burger~ (-bürger): _Waldburger_ -- _Waldbürger_;
~-dorfer~ (-dörfer): _Rudorfer_ -- _Harsdörfer_;
~-ecker~ (-egger): _Bernecker_ -- _Buchegger_;
~-felder~: _Hirschfelder_;
~-hauser~ (-häuser): _Steinhauser_ -- _Steinhäuser_;
~-heimer~: _Sinsheimer_;
~-hofer~ (-höfer): _Frauenhofer_ -- _Sandhöfer_;
~-inger~: _Ehinger_;
~-reuter~: _Vogelreuter_;
~-röder~: _Blumröder_;
~-städter~: _Hochstädter_;
~-steiner~: _Buchsteiner_;
~-thaler~ (-thäler): _Reinthaler_ -- _Lichtenthäler_.
Dagegen erweisen sich -hagen, -leben, -see, -wald u. a. für Bildungen dieser Art wenig fruchtbar, was sich zum Teil daher erklärt, daß die betreffenden Ortsnamen in Süddeutschland nicht üblich sind. So ist -leben auf Thüringen und das nördliche Schleswig beschränkt, -borstel und -bostel auf das nordwestliche Deutschland (Hannover).
In die Lücke treten dafür einige andere Endungen, welche Süddeutschland eigentümlich sind, namentlich
~-kofer~: _Zollikofer_;
~-öder~ (-eder): _Ameisöder_ -- _Hocheder_ (Leute, die in einer „Öde“ wohnen).
Die Namen dieser Gattung zeichnen sich, wie aus den mitgeteilten Beispielen hervorgeht, durch ihre Länge aus, da sie meist dreisilbig, zum Teil sogar viersilbig sind. Doch gibt es auch zweisilbige in Menge, von Ortsnamen, die nur aus einer Silbe oder auch aus zweien bestehen, abgeleitet, wie _Ulmer_, _Wiener_, _Lindner_ (vom O. Linden).
So haben wir denn eine dreifache Weise, Familiennamen von Ortsnamen zu bilden; alle diese drei Formen finden sich z. B. in dem berühmten Baseler Drucker- und Gelehrtengeschlechte der Amerbach, welche in den alten Zunftlisten auftreten als _von Amorbach_, _Amerbach_, _Amerbacher_.
Für viele Familiennamen, die offenbar Ortsnamen sind, läßt sich der entsprechende Ort nicht mehr nachweisen. Gar viele Ortschaften sind in den Stürmen der Zeiten untergegangen; so nach Förstemann in der Umgegend von Nordhausen an hundert im Umkreise weniger Stunden, und Hoffmann von Fallersleben bezeichnet in dem „Kasseler Namenbüchlein“ unter 120 hessischen Ortschaften 30, also den vierten Teil, als nicht mehr vorhanden (auf Grund der „Historisch-topographischen Beschreibung der wüsten Ortschaften im Kurfürstentum Hessen“ von Dr. Landau). Die großen Seuchen des Mittelalters, die verheerenden Kriege früherer Zeiten erklären dies zum großen Teile. Doch gingen auch vielfach kleine Ortschaften in eine große Stadtgemeinde auf, die sie mehr zu schützen vermochte.[68]
Wenn aber auch der Ort noch vorhanden ist, so decken sich doch dessen Name und der daher entlehnte Familienname heutzutage keineswegs immer. Das darf nicht überraschen; denn indem beide Jahrhunderte lang selbständig und meist ohne gegenseitigen Zusammenhang fortbestanden und sich entwickelten, konnte es nicht ausbleiben, daß hin und wieder der eine Wandlungen erfuhr, die der andere nicht mitmachte. So weist für die Familiennamen _Birkenhagen_ und _Eschenhagen_ auch Rudolphs „Vollständigstes Ortslexikon“ keine vollkommen entsprechenden Ortsnamen nach, sondern nur Birken~hain~ und Eschen~hahn~; beides aber, hain und hahn, sind Zusammenziehungen aus hagen (s. Förstemann, Die deutschen Ortsnamen S. 57). Es hätten somit in diesem Falle die Familiennamen die ältere, ursprüngliche Form bewahrt. Dasselbe gilt von _Meixner_ statt Meißner, von _Zollikofer_ (aus Zolli~kon~ am Züricher See, urspr. Zollinc hovun „zu den Höfen des Zollinc“).
Sehr viel Familiennamen, besonders im östlichen Deutschland, sind von slawischen Ortsnamen entlehnt und sollen später eine genauere Darstellung finden (s. Beilage 3 und das Namenlexikon).
Eine besondere Abteilung in dieser Klasse bilden die
Adelsnamen,
die ja, soweit ursprünglich und echt, fast sämtlich von Ortsnamen abgeleitet sind, z. B. _von Falkenstein_, _von der Asseburg_. Doch ebenso alt ist die schon erwähnte Ableitung auf ~er~: _der Bodensteiner_, _der Toggenburger_. So nennt sich Hartmann (im 13. Jahrhundert) bald „_der von Ouwe_“, bald „_der Ouwaere_“. So wird noch im Tell der Freiherr von _Attinghausen_ von dem Hirten in der ersten Szene „der _Attinghäuser_“ genannt.
Jetzt ist die präpositionale Bezeichnung allgemein durchgedrungen und zwar die mittels des Verhältniswortes _von_, welche die andern in den Hintergrund gedrängt hat und als Kennzeichen des Adels schlechthin gilt.
Wie aus obiger Darstellung erhellt, hat dieses _von_ einen Sinn nur vor Ortsbezeichnungen, und es ist eine Verirrung, auch Namen anderer Art, ursprünglichen Personennamen, Handwerksnamen usw. es vorzusetzen. _Von Hermann_, _von Schmidt_, _von Schulz_ u. dergl. ist sprachlich entschiedener Nonsens, und daß man in hunderten von Fällen ein _von_ so ganz äußerlich anheften konnte, ist ein unleugbarer Beweis von erloschenem Sprachgefühl.
Ein Rest dieses Gefühles hat sich in Österreich erhalten; aber wie hilft man sich dort? Man bildet (wie schon in den Zeiten des alten deutschen Reiches)[69] aus dem bisherigen Familiennamen des zu Adelnden durch Anhängung von -feld, -burg, -thal usw. einen Ortsnamen, unbekümmert darum, ob es einen solchen Ort in der Welt gibt oder nicht, also: _Kuhn von Kuhnenfeld_, _Planck_ Edler _von Planckburg_, _Braun von Braunthal_ -- lauter Namen, welchen man es sofort ansieht, daß sie nichts als Phantasiegebilde sind.
Besser ist in dieser Hinsicht eine Namengebung wie: _Schubert_, Edler _von dem Kleefelde_ (wegen seiner Verdienste um den Kleebau geadelt, Pott, Personennamen S. 3), und _Escher von der Linth_, wie der Staatsrat Escher wegen Regelung des Laufes der Linth und Austrocknung der durch diesen Fluß gebildeten Sümpfe auf Beschluß des kleinen Rates von Zürich genannt wurde. („Die Staatskanzlei sei beauftragt, künftig in allen betreffenden öffentlichen Schriften den verewigten hochverehrten Herrn Staatsrat Hans Konrad Escher und dessen männliche Nachkommen als „Escher von der Linth“ zu benennen, eine Bezeichnung, die jetzt urkundlich um so begründeter festgesetzt wird, da sie schon, während das Vaterland sich noch des lebendigen Wirkens des Vollendeten erfreute, von der öffentlichen Meinung aufgefaßt und von Mitbürgern und Eidgenossen übereinstimmend geübt ward.“)
Häusernamen.
Wenn in manchen Geschlechtsnamen, z. B. _Amthor_, die Bezeichnung der ~Lage~ des Hauses entnommen ist, so entspringt sie auch sehr häufig aus dem ~Namen~ des Hauses selbst. Denn jene alte Zeit war, wie Becker S. 20 treffend bemerkt, so jugendfrisch, daß sie allen Dingen, wie Adam im Paradiese, gleich einen lebendigen Namen zu geben wußte, nicht nur Burgen, Höfen und Straßen, sondern auch den Häusern.[70] Wir begnügen uns jetzt mit einer toten Nummer und Littera, während nur die Straßennamen noch fortdauern. An einzelnen Orten sind freilich auch diese wenigstens vorübergehend abgeschafft, z. B. in Mannheim, wo es statt dessen bis vor kurzem armselige Häuserquadrate A, B, C usw. gab, und jenseit des Ozeans bei den nüchternen, poesielosen Yankees, die da bloß zählen 1. 2. 3..... Avenue.