Die Deutschen Familiennamen, geschichtlich, geographisch, sprachlich

Part 5

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Indessen sind es nur einzelne unter den fremdsprachigen Namen, welche eine solche Fruchtbarkeit entwickeln. Im allgemeinen können dieselben, schon als Fremdlinge, nicht eine so vielseitige Bildsamkeit besitzen wie die einheimischen, von vornherein in deutschem Sprachgrunde wurzelnden. Es bleibt daher die Zahl der von kirchlichen Taufnamen stammenden Familiennamen im ganzen eine beschränkte im Vergleich mit den Gebilden altdeutschen Ursprunges.

11.

Familiennamen der dritten Schicht.

a) ~Stand und Gewerbe.~

Den aus den Personennamen gebildeten Familiennamen gesellt sich eine gleich große Zahl solcher Bezeichnungen zu, die niemals Personen- (Tauf-)namen gewesen. Diese wurden zunächst entlehnt von der ~Beschäftigung~. Um unter den vielen Konrad oder Johannes einen bestimmten zu bezeichnen, setzte man das Handwerk, welches er trieb, oder das Amt hinzu. Solchen Zusätzen begegnen wir bereits bei den Goten, indem sich unter zwei sonst lateinisch abgefaßten Verkaufsurkunden, die sich aus der ostgotischen Zeit erhalten haben, als Zeugen neben Römern auch finden: _Merila bokareis_ (M. der Bucherer, d. i. Schreiber), _Ufitahari papa_ (U. der Pfaffe), _Sunjaifrithas diakun_ (S. der Diakon), _Viljarith bokareis_, _Gudilub diakun_. Dies sind die ältesten germanischen Zusätze von Stand und Gewerbe zur näheren Bezeichnung einer Persönlichkeit. So finden wir denn auch in spätern Urkunden häufig solcherlei Zusätze, wie „Herman der Perchmayster“ (in einer Marburger Urkunde aus dem Jahre 1290), „Herman der Amman“, „Schechel der Mawter“ (Mautner), „Nicla der Schreiber“ (alle ebenda aus dem 14. Jahrhundert) „Huch de smet“ und „Schrift de kremere“ (im Göttinger Urkundenbuch um 1383) usw.

Eine solche Beifügung konnte nun sehr leicht auf den Sohn übergehen, so sich allmählich in einem Geschlechte befestigen und zum Namen der gesamten Familie werden, besonders wenn der Sohn, wie es doch ohne Frage häufig und häufiger als jetzt geschah, die Beschäftigung seines Vaters fortsetzte. Doch war das kaum einmal nötig: der Name des Familienhauptes wurde ohne weiteres auf die übrigen Glieder der Familie, insbesondere auf die Kinder übertragen.

Erscheinungen dieser Art zeigen sich noch heutzutage, da doch längst die feststehenden Familiennamen durchgedrungen sind, im Volksmunde gar nicht selten. So wird in Fr. Reuters „Reis’ nah Belligen“ der Pastorsohn nie mit dem Geschlechtsnamen, sondern immer „Heindrich Paster“ genannt.[40]

Hier muss doch ein schon vorhandener Familienname verdrängt werden, damit die Amtsbezeichnung an die Stelle trete; wie viel leichter war die Sache, wenn solche Verdrängung noch nicht nötig war!

Bei dem Übergange zum Familiennamen fiel zunächst der Artikel, wenn er nicht etwa schon von vornherein gefehlt hatte, regelmäßig fort. So bietet das Göttinger Urkundenbuch neben den vorhin erwähnten Huch de smet und Schrift de kremere in demselben Schriftstück aus dem J. 1383 Eckel Smet und Herman Kremere. Nur in ganz vereinzelten Fällen ist der Artikel stehen geblieben, z. B. in _de Pottere_ (= Töpfer), _de Boer_ (spr. Bûr).[41]

Eine lange, fast endlose Reihe ehrsamer Meister vom Handwerk zieht an uns in diesen Namen vorüber, die uns einen Blick in die friedliche Tätigkeit unserer Vorfahren während des 12.-16. Jahrhunderts tun lassen. Greifen wir einige Gruppen heraus -- solcher Handwerke, die für jene Zeit besonders bezeichnend sind.

Auf das alte ~Kriegswesen~, wie es vor der Erfindung und allgemeinen Anwendung des Schießpulvers war, gehen Namen wie _Harnischmacher_, _Harnischfeger_ (der den Harnisch fegt, d. i. glänzend macht, poliert); _Armbruster_, _Pfeilschmidt_, _Bolzer_, _Pfeilsticker_, niederl. _Pielsticker_ (Verfertiger der Stecken für die Pfeile); _Lersner_ (Verfertiger der Lersen d. i. Lederhosen).

Während diese durch ihr meist geräuschvolles Handwerk dem Schwerte dienten, bewegte in stiller Klause der ~Bücherabschreiber~ unermüdlich die Feder im Dienste friedlicher Kunst: _Bucher_, _Pucher_ (der Bücherabschreiber). Ihn unterstützten der _Buchfeller_ (der die Felle zu Büchern bereitet) und der _Rothmaler_ (der die bunten Anfangsbuchstaben malte). Alle drei Namen stammen vorzugsweis aus Oberdeutschland, wo die Kunst des Bücherabschreibens und des Ausmalens der Titel und Anfangsbuchstaben mehr als in Niederdeutschland zu Hause war.

Begeben wir uns aus der Enge der Städte hinaus aufs Land, in die freie Natur, so sprechen uns hier besonders die Namen an, welche der ~Jagd~ und ~Waldwirtschaft~ entlehnt sind. Ist doch das Jagen im schönen, grünen Walde von jeher eine Lieblingsbeschäftigung der Deutschen gewesen! Und wieviel ausgedehnter war noch im Mittelalter das Jagdgebiet, da die Wälder einen so unvergleichlich größeren Raum einnahmen, derart, daß die bewohnten Stätten in manchen Landschaften fast nur wie Inseln im Waldmeer erschienen!

Der älteste Name des Jägers ist _Waider_, _Weidmann_; er bedeutet denjenigen, welcher auf Weide, d. i. Nahrung ausgeht, und weist somit auf jene uralten Zustände in dem Leben unserer Vorväter hin, in welchen die Jagdbeute den vornehmsten Teil der Speise ausmachte. Jünger ist das so häufige _Jäger_ mit den Zusammensetzungen _Gambsjäger_, _Hasenjäger_, während ein Name wie _Bärenfänger_ beweist, daß auch die wilden, starken Tiere des Waldes, die einst der Germane bekämpft hatte, noch nicht ausgestorben waren. Auf die Jagd mit Falken („Federspiel“), einen der beliebtesten Zeitvertreibe in der ritterlichen Zeit, gehen _Falkner_ (_Felkner_), _Hachmeister_ (s. v. a. Habichtmeister, Abrichter der Stoßvögel). Die älteste Bezeichnung des Waldverwalters dauert noch in dem Familiennamen _Widemarker_ fort; derselbe bedeutet den, welcher für die Holzmark (witu Holz) zu sorgen hat. Der Name setzt das Vorhandensein einer gemeinsamen Mark voraus; in der Privatwaldung eines Fürsten oder Adligen dagegen war ein _Holzknecht_ angestellt -- nach Vilmars treffender Bemerkung ungefähr das, was jetzt Oberforstkollegium, Oberforstrat, Forstinspektor, Oberförster, Unterförster und Forstläufer zusammengenommen sind. Viel häufiger ist indes der Name _Förster_ (Vorster). Daneben sind Zeugen für die ehemalige verschwenderische Waldwirtschaft die Familiennamen _Aschenbrenner_ und _Aschenbrand_; dieselben bezeichnen ein eigenes Gewerbe, welches darin bestand, ganze Waldstrecken niederzubrennen, bloß um Asche zu gewinnen, teils für die Glashütten, teils für die Seifensiederei.

Die zuletzt angeführten Namen sind zum Teil nicht mehr reine Handwerksnamen, sondern bezeichnen, wie Hachmeister und Förster, ein ~Amt~. So reihen wir denn hier die Amtsnamen an.

Weltliches Amt und weltliche Würde war im Mittelalter meist erblich geworden. Somit werden wir uns nicht wundern, in unseren Namenverzeichnissen den vollständigen Hofstaat weltlicher und geistlicher Fürsten, vom Kanzler bis zum Schergen, wiederzufinden. Man vergleiche nur folgendes Verzeichnis der Hof-Verwaltungsämter eines Fürsten jener Zeit mit deutschen Familiennamen: Dapifer _Truchsess_, _Droste_; Pincerna _Schenk_; Marescalcus _Marschall_; Camerarius _Kämmerer_; Causidicus oder Scultetus _Schuldheiß_, _Schulz_; Advocatus _Vogt_; Minister _Ammann_; Villicus _Meier_; Cellarius _Keller_; Telonarius _Zoller_, _Zöllner_; Magister coquinae _Küchenmeister_; Monetarius _Münzer_ usw. Daran reiht sich eine Menge Namen von städtischen und Klosterämtern, richterlichen, polizeilichen und militärischen Stellen wie _Fürbringer_ (Advokat); _Küster_, _Glöckner_, _Sigrist_ (auch Sacristan); _Stocker_ und _Sulzer_ (Gefängniswärter); _Venner_ (Fähnrich).

Während so diese alten Ämter viele Familiennamen geliefert haben, sind die neueren Amtsbenennungen -- glücklicherweise -- nicht so fruchtbar gewesen. Weder Kammerherr noch Kammerdiener, weder Präsident noch Superintendent, weder Steuerperäquator noch Hauptzollamts-Kassenkontrolleur werden aus naheliegenden Gründen je zu Familiennamen werden.

Einige Schwierigkeit machen Namen wie _Kaiser_, _König_, _Herzog_ und ähnliche, bei denen allerdings „gerechte Zweifel sich erheben können, ob solche Familien häufig in den Fall gekommen sind, die durch derlei Namen bezeichnete Würde als wirkliche Lebensbürde zu tragen“ (Pott). Es sind jedenfalls Übernamen, welche die betreffenden Persönlichkeiten in dem sie umgebenden Kreise führten.[42] Ähnlich ist es mit _Bischof_, _Probst_, _Mönch_ und anderen geistlichen Würden, die sich freilich auch sehr wohl auf patronymischem Wege als Familiennamen festsetzen konnten -- trotz dem Cölibat.

Spottnamen sind: _Bratengeiger_, _Giegengack_ (Bierfiedler), _Pinkepank_ (Schmied), _Gaugengigl_ (Narr, Geck).[43]

Manche alte Bezeichnungen von Amt und Gewerben sind nur in diesen Familiennamen erhalten, da sie sonst, zugleich mit der bezeichneten Sache, erloschen sind -- so _Platner_, _Armbruster_. Andere Gewerbe bestehen noch, aber die alten Namen sind erloschen, z. B. _Menger_ = Händler, in Zusammensetzung _Eisenmenger_, _Winkler_ = Kleinverkäufer, _Preiswerk_ = Posamentier.

Interessant sind auch die mundartlichen und ~landschaftlichen Verschiedenheiten~, die sich hier geltend machen. So ist _Müller_, _Miller_ die oberdeutsche, _Möller_ die niederdeutsche Form; _Beck_ (Mehrh. Becken) oberdeutsche Form statt des norddeutschen _Becker_ (in Basel _Pfister_ vom lat. pistor). _Leiendecker_ ist (nach Vilmar) am Rhein und nach Oberhessen hinein wohl verständlich, aber schon in Niederhessen ein Fremdling: ein _Schieferdecker_; denn der Dachschiefer heißt am Mittel- und Niederrhein die Leie. Manches Handwerk hat infolgedessen die verschiedensten Bezeichnungen; so heißen die ~Schlächter~: _Fleischhauer_, _Fleischhacker_, _Fleischer_, _Metzger_, _Knochenhauer_, _Beinhauer_; die ~Töpfer~: _Hafner_, _Potter_, _Eulner_. Ebenso bedeuten _Binder_, _Küfer_, _Böttcher_, _Büttner_, _Scheffler_ im wesentlichen dasselbe.

Manche dieser Gewerbenamen sind außerordentlich häufig, vor allen die fünf:

_Müller_, _Schulze_, _Meier_, _Schmidt_, _Schneider_,

die man deshalb auch die fünf Großmächte in der Namenwelt genannt hat. Den vier ersten wird man diese Stelle nicht bestreiten; doch gegen Schneider als fünften möchten mehrere andere nicht ohne gute Aussichten in die Schranken treten, als da sind: _Bauer_, _Becker_, _Richter_, _Weber_, _Lehmann_. Zu Berlin gab es im Jahre 1867 nach Ausweis des Adreßbuches 929 Familien und alleinstehende Personen des Namens _Müller_ und sogar 1267 des Namens _Schulze_ (Schulz); nächstdem waren die _Schmidt_ mit 884, die _Meyer_ mit 509 Nummern vertreten. Die _Lehmann_ und die _Krüger_ brachten es gleichmäßig auf 474, die _Richter_ und die _Hoffmann_ ebenso gleichmäßig auf 354. Alle gehören ausnahmslos in diese Klasse, ihre Häufigkeit erklärt sich aus dem häufigen Vorkommen des betreffenden Gewerbes oder Amtes, besonders auch auf dem Lande. Das trifft bei sämtlichen oben angeführten Namen zu, vor allen bei Müller und Schulze. Da jedes Dorf (in Norddeutschland) seinen Schulzen hatte, fast jedes, wenigstens größere, seinen Müller, so war eine Überfülle daher entspringender, meist gleichlautender Familiennamen unvermeidlich.[44] Obenan steht in dieser Hinsicht unleugbar der Name Schulze (Schulz), den man deshalb versucht wäre kaum noch als Namen gelten zu lassen.

Die hier hervortretende Einförmigkeit wird dadurch noch vermehrt, daß die Namen dieser Klasse an Sproßformen so arm sind. Deminutive Bildungen sowie patronymische fehlen fast ganz, auch genetivische, z. B. _Schiffers_, _Snyders_, _Zimmermanns_ sind selten und finden sich nur in einzelnen Landschaften, besonders am Niederrhein.

Eine Ausnahme macht der Name _Schmid_, der mehrfache Ableitungen, namentlich auch Deminutiva wie _Schmiedecke_, _Schmidel_, _Schmidtlein_ bietet. Dies erklärt sich daher, daß der Name schon sehr früh vorkommt, schon im 9. Jahrhundert in den Formen Smithart, Smido, Smidilo; er gehört demnach zu den altdeutschen Personennamen, welche ja eine so große Umbildungsfähigkeit im Bereich der Schmeichelformen entwickeln (s. SMID). Nebst _Kaufmann_ (althochd. Caufman) ist Schmid wohl der einzige vom Gewerbe entlehnte Personenname der altdeutschen Zeit. Das Schmiedehandwerk ist eben das älteste Handwerk der Deutschen; zugleich war es das vornehmste, da seine Aufgabe war, Waffen für den Kampf zu liefern. Mit den Namen berühmter Schwerter wurde auch der des kunstreichen Verfertigers fortgepflanzt, so die Namen Wielands (in der nordischen Wilkinasage), Mimes (in der Wölsungensage). In manchen Gegenden hat der Schmied noch einen mythischen oder heidnischen Schimmer behalten; vielleicht versteht er die Schwarzkunst; man zieht ihn zu Rate, wenn man bestohlen ist. Daher die zahlreichen Schmiedesagen (wie von dem Schmied zu Jüterbogk, der selbst den Teufel zu überlisten weiß und ihn auf dem Amboß übel zurichtet). Es liegt einmal etwas Geheimnisvolles in der Beschäftigung mit dem glühenden Stahl und Eisen.

Wenn, von Schmied abgesehen, sich Sproßformen bei dieser Namenklasse selten finden, so sind dagegen ~Zusammensetzungen~ häufiger und ersetzen zum Teil den Mangel an eigentlichen Sproßformen. Um manche dieser Handwerksnamen gruppiert sich eine überraschende Zahl solcher Kompositen; dieselben rühren größtenteils daher, daß das betreffende Handwerk früher in weit mehr Spielarten zerfiel als heutzutage. So finden sich in Nürnberg von 1300-1500 neben Beck: _Brodbeck_, _Fladenpeck_, _Schwarzpeck_ (Schwarzbrotbäcker), _Tachspeck_ (später _Täglichsbeck_, der alle Tage backt), _Judenpegk_ (der den Juden Matzen backt), _Pfennigspeck_ (der Pfenniglaibe backt), _Wasserbeck_ (der Wasserwecken backt).

Obenan steht in betreff der Zusammensetzungen ohne Frage der Name _Meier_ (Meyer, Maier), vom lat. major der Ältere, sodann Aufseher (eines Landgutes), Verwalter. Dieser Name, welchen einer der großen Sippe, Franz Meyer in Osnabrück, in einer besonderen Einzelschrift („Der Name Meyer und seine Zusammensetzungen“) behandelt hat, zählt weit über 1000 Zusammensetzungen, so daß schwerlich ein anderer Name dieser Klasse sich darin auch nur entfernt mit ihm messen dürfte.

~Werkzeuge und Kleidungsstücke.~

Eine nicht unwesentliche Ergänzung erhält diese Klasse durch die von ~Werkzeugen und Geräten~ entlehnten Namen. Womit jemand hantierte, danach wurde er benannt. So konnte einen tapfern Krieger der Name _Degenkolb_, einen Schmid der Name _Boßhammer_ zieren (von boßen = schwer aufschlagen), wie für einen Koch _Schaumlöffel_ sehr bezeichnend war. _Pfeffersack_ ist ein alter Spottname für Kaufleute, während _Knieriem_ und _Leimpfann_ noch heutzutage für jedermann verständlich die betreffenden Handwerke bezeichnen.

Unter den hierher gehörigen Familiennamen nehmen auf dem Gebiete der ~Hausgerätschaften~ die der ~Küche~ den größten Raum ein: _Schaumlöffel_, _Kessel_, _Wiegelmesser_, _Fetthake_ (ein Hauptgerät der Küche des 15. Jahrhunderts), _Feuerhake_, _Pfannstiel_, _Ölhafen_ u. a. -- unter den ~Handwerksgeräten~ die, welche sich auf grobe Holz- und Eisenarbeit beziehen: _Axt_, _Breitbeil_, sowie die Zusammensetzungen mit Hammer.[45]

Geräte der Feldarbeit erscheinen beispielsweis in: _Schellpflegel_, _Pflug_ (_Keil-_), _Rollwagen_, _Spannagel_.

Doch dieser friedlichen Vereinigung tritt auch hier sofort ein starkes Fähnlein ~kriegerischer~ Namen gegenüber: _Eisenhut_, _Stahlhuth_, _Harnisch_, _Kempeisen_ (die Eisenkolbe der Gottesgerichtskämpfe), _Bauerneisen_, die berüchtigten Kirmeßspieße des 15.-16. Jahrhunderts, „mit denen die Bauern sich leichtlich zur Ader ließen“; einen Reitersmann bezeichnen: _Klingspor_, _Holzsadel_, den altertümlichen Pfeilschützen _Armborst_ und _Pfeil_, während die Feuerwaffen in dem Namen _Feuerrohr_ vertreten sind. Manche dieser Namen gehen zugleich auf die ~Jagd~.

Entsprechend dem Goetheschen „Saure Wochen, frohe Feste“ schließt sich ein heiterer Reigen solcher Namen an, die von ~Lustbarkeiten~ und dabei gebrauchten Geräten entlehnt sind.

_Danzglock_, _Schombart_ (Maske), _Glückrad_, _Kranz_, _Maikranz_ und _Grünemay_, _Rosenkranz_, _Kuttruf_ (eines der im 15.-16. Jahrhundert äußerst zahlreichen Trinkgefäße). Diese Namen stammen besonders aus Süddeutschland, wo überhaupt mehr leichtlebiger Frohsinn als im Norden herrscht und wo frühzeitig schon im Mittelalter auch ein freier Bauernstand sich bildete. Einen Beleg für die Blüte des letzteren haben wir in der höfischen Dorfpoesie des bayrischen Ritters Neidhart von Reuenthal.

Hierher rechnet Vilmar auch die ~Münznamen~, deren er volle 20 aufzählt. Darunter sind freilich manche zu streichen, wie _Dreier_, welches die niederdeutsche Form für Dreher, Drechsler ist; auch _Schilling_ und _Heller_ sind zweifelhaft zu nennen. Doch bleiben immer noch einige übrig, wie _Weißpfennig_, _Redepenning_ (barer Pf.), _Wucherpfennig_ und dessen Gegenteil _Schimmelpfennig_, _Fünfschilling_, bei denen eine Beziehung auf die betreffenden Münzen nicht abzuweisen ist.

Den Geräten mögen sich die ~Kleidungsstücke~ anreihen, wie denn schon bei Namen wie _Eisenhut_, _Harnisch_ sich beides nicht scharf trennen ließ.

Eine Benennung nach einem auffälligen Kleidungsstücke, welches jemand trägt, ist auch für uns noch etwas Naheliegendes und Gewöhnliches. So sprechen wir von _Grünröcken_ (Jägern),[46] _Rotröcken_ (roten Husaren -- englischen „Rotröcken“), _Schwarzröcken_, von _Weißmänteln_ und _Rotmänteln_.[47]

Fangen wir mit der Kopfbedeckung an, so haben wir hier vor allem die Zusammensetzungen mit Hut: _Webelhut_ (d. i. Wackelhut), _Weißhut_, _Grünhut_, _Spitzhut_; vereinzelter _Wittkugel_ (weiße Gogel oder cucullus, eine Kaputze, an einem Kragen desselben Stoffes befestigt, der Schultern und Hals umschloß, so daß vom Kopfe nichts zu sehen blieb als das rings umrahmte Gesicht), _Rothkepl_ u. a.

Das Leibkleid, der Rock, findet sich ebenfalls in mannigfachen Zusammensetzungen: _Blaurock_, _Wittrock_ (auch _Weißkittel_), _Langrock_, _Kurzrock_; dazu Ärmel in _Rothärmel_, _Weißermel_ (wohl Spottname für Müller); ferner der Mantel in _Wintermantel_, _Rothmantel_.

Die Beinbekleidung haben wir in: _Leinhose_, _Mehlhose_ (Spottname für Müller), _Kurthose_.[48] Die scherzhaftesten unter allen sind: _Lodderhose_, _Schlaphose_ und _Lumphose_, ein Kleeblatt, in welchem sich die unsinnige, zuerst von renommistischen Landsknechten aufgebrachte Pludertracht des 16. Jahrhunderts verewigt hat, gegen die der Brandenburger Hofprediger Andreas Musculus 1556 in gerechtem Zorn seine „Vermahnung und Warnung vom zuluderten, zucht- und ehrverwegenen Hosenteufel“ schrieb.[49]

Die Fußbekleidung endlich ist vertreten durch _Schuh_, _Knabenschuch_, _Holtzschue_, _Rothschuh_ (Tanzliebhaber), _Bundschuh_ (der von den Bauern getragene Schnürschuh, der nicht nur eine sprichwörtliche Bezeichnung des Bauern überhaupt, sondern auch ein bekanntes Parteizeichen hat abgeben müssen).

~Speisen.~

Namen von Speisen entlehnt gehören hierher, soweit sie Personen bezeichnen, welche die betreffende Speise bereiteten, sie an Gäste verabreichten, damit handelten; doch ist gewiß auch häufig jemand nach einer Speise benannt worden, die er besonders liebte.

Auf dieser Tafel stehen im Vordergrunde ~Brot~ und ~Fleisch~, ~Bier~ und ~Wein~, die sich in mannigfachen Zusammensetzungen finden:

_Hirsebrod_ und _Roggenbrod_, _Weichbrodt_ und _Truckenbrod_;

_Kalbfleisch_ und _Rindfleisch_, _Gensfleisch_ und _Sötefleisch_;

_Schweinebraten_, _Bratfisch_, _Bradenahl_;

_Gutbier_ und _Bösbier_, _Dünnebier_ und _Zuckerbier_;

_Altwein_ und _Gutwein_, _Kühlwein_ und _Sauerwein_.[50]

~Milch-~ und ~Mehl~speisen sind vertreten durch: _Süßmilch_, _Schlegelmilch_ (Buttermilch), _Hafermehl_, _Pfannkuch_, _Butterweck_.

Mehr Vereinzeltes übergehen wir hier; doch zu erwähnen ist noch ein deutsches Nationalessen, die ~Wurst~, wonach der deutsche Lustigmacher den Namen „Hanswurst“ (Hans Wurst) erhalten hat, während der französische als „Jean Potage“ (Suppe) und der englische als „John Plumpudding“ auftritt. Die Wurst kommt in deutschen Familiennamen sowohl einfach vor, als auch in genaueren Zusammensetzungen wie: _Blutwurst_, _Krautwurst_, _Leberwurst_.

Es ist im ganzen eine einfache Küche; man braucht sich besonders nur die häufigen Zusammensetzungen mit sauer vorzuhalten:

_Sauerbier_ und _Sauerwein_, _Sauermilch_ und _Sauermost_,

_Sauersenft_, _Saueressig_, _Sauerbirn_ --

um sich mit einem Schlage an die genügsamen Tische des 15. Jahrhunderts zurückversetzt zu sehen. (Vilmar, Namenbüchlein S. 48 ff).

Außerdem zeigen sich in den Familiennamen noch Speisen und Getränke, die bereits im 16. Jahrhundert verschwinden, z. B. _Gossenbrod_, warmes Brot mit Fett begossen, eine Lieblingsspeise alter Zeit, selbst von Dichtern öfter erwähnt,[51] und _Moras_, über Maulbeeren abgezogener Wein.

12.

Familiennamen der dritten Schicht.

b) ~Eigenschaften.~

Wie aus der Geschichte bekannt ist, wurden hervorragenden Personen, namentlich fürstlichen Standes, in früheren Zeiten häufig Beinamen gegeben, mit welchen der Deutsche in diesem Falle sehr freigebig war. So finden wir schon im 9. Jahrhundert unter den Karolingern einen ~Karl den Dicken~ und einen ~Karl den Kahlen~, später unter den sächsischen Kaisern einen ~Otto den Roten~ und einen ~Heinrich den Heiligen~. Was letzteren Namen betrifft, so kennt die Geschichte außerdem noch Heinrich den ~Stolzen~, den ~Schwarzen~, den ~Zänker~. Und wie hieraus ersichtlich, gab man nicht immer ehrende Beinamen, sondern auch tadelnde und spottende, und das Mittelalter war darin durchaus nicht blöde. So hieß Kaiser Wenzel der „~Faule~“, Landgraf Ludwig von Thüringen der „~Unartige~“, Eberhard von Württemberg der „~Greiner~“, d. i. Händelsucher.[52]

Zu diesem Zwecke werden zunächst und am einfachsten verwendet ~Eigenschaftswörter~ selbst, die mit dem Artikel dem eigentlichen Namen nachgesetzt werden: Otto der Rote, Friedrich der Lange usw. Aus diesen Zusätzen entwickelten sich dann dauernde Bezeichnungen der Familie, wobei der Umstand zu Hülfe kam, daß eben die Eigenschaften des Vaters vielfach auf die Kinder vererben. Dabei fiel der Artikel vor dem Zusatze fort;[53] doch blieb trotzdem sehr oft die gebogene Form des Eigenschaftswortes stehen: _Kluge_ neben _Klug_, _Weiße_ neben _Weiß_, _Grote_ (Große) neben _Groth_ (Groß), und in manchen Fällen ist es sogar die herrschende Form geblieben, wenigstens in Norddeutschland, wie in _Krause_, _Lange_.

Die Zahl der einfachen Namen dieser Art vermindert sich übrigens bei näherer Untersuchung sehr. Einmal finden sich viele davon schon im Altdeutschen, gehören demnach -- wenn auch vielleicht nicht in allen Fällen -- zur ersten Schicht; so die Namen _Guth_, _Fromm_, _Jung_ (schon im 6. Jahrhundert ein _Goda_, im 10. ein _Jungo_). Dann sind manche auch nur scheinbar Eigenschaftswörter, z. B. ist _Voll_ schwerlich einer, der immer „voll“ ist, sondern es ist das altdeutsche _Fulko_ (vgl. Volkbrecht und Vollbrecht). Auch _Rohde_ kann zwar die niederdeutsche Form des Eigenschaftswortes rot sein -- auf das Haar bezüglich, wie schon Krause; gewiß aber mindestens eben so häufig ist es das altdeutsche _Hrodo_ (zu dem Stamme _hrod_ „Schall, Ruhm“).

Sicherer sind Zusammensetzungen, wie

lobend: _Gottgetreu_, _Unverzagt_, _Wolzogen_ (wohlerzogen);

tadelnd: _Schadenfroh_, _Tollkühn_, _Umbscheiden_, _Ungefug_.

Viel seltener finden sich ~Hauptwörter~ zur Bezeichnung einer Eigenschaft oder charakteristischen Tätigkeit, wie Becker aus Köln (12. Jahrhundert) anführt: _Fraz_ (Fresser), _Schad_ (Räuber), _Slevere_ (Schläfer); aus Zürich (13. Jahrhundert): _Manesse_ (Menschenfresser), _Boneze_ (Bohnenesser). Letzteren stellen sich zur Seite von neueren Namen: _Fleischfresser_ nebst _Holtfreter_ (niederd. = Holzfresser) und _Speckäter_ -- insbesondere aber gehören hierher manche Zusammensetzungen mit Mann: _Biedermann_, _Großmann_; auch Abstrakte wie _Frischmuth_, _Sanftleben_, und präpositionelle Zusammensetzungen: _Ohnesorge_, _Woltemate_ (wohl zu Maß).