Die Deutschen Familiennamen, geschichtlich, geographisch, sprachlich

Part 4

Chapter 42,862 wordsPublic domain

Doch vorher ist der Zeitpunkt, ~wann~ diese große Wendung eingetreten (daß sich aus den alten Personennamen, unter Hinzutritt ganz neuer Elemente, die Familiennamen bildeten), genauer ins Auge zu fassen und festzustellen. Dieser Zeitpunkt ist durchaus nicht überall derselbe, sondern ein sehr verschiedener, zum Teil um Jahrhunderte auseinanderliegender, eben in genauem Anschluß an die soziale Entwickelung der einzelnen Länder und Landschaften. Wo ~bürgerlicher Verkehr~ aufkommt, da wird auch das Vorhandensein fester, erblicher Namen notwendig, und es bilden sich Familiennamen, als natürliches Erzeugnis der Verhältnisse. Umgekehrt ist demnach das frühere oder spätere Emporkommen der Familiennamen ein Gradmesser für die frühere oder spätere Entwickelung des Bürgerstandes in den Städten. Von den Städten wird der neue Brauch dann auf das Land und andere Stände übertragen.

Am frühsten treten die Geschlechtsnamen in ~Süddeutschland~ und am ~Rheine~ auf; so (nach Becker)

in Köln 1106, in Zürich 1145, in Basel 1168 --

etwas später in ~Mitteldeutschland~, so

in Nordhausen im 13. Jahrhundert[21] --

noch später in ~Norddeutschland~; wenigstens weisen für Pommern die Verzeichnisse der Kamminer Prälaten[22] auf die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts hin.

Anfänglich tauchen einzelne Familiennamen auf, die sich aber schnell vermehren, und sehr bald, nach einer verhältnismäßig kurzen Übergangsperiode, hat der neue Brauch gesiegt und die Umwandlung ist allgemein. Zunächst finden sich die Geschlechtsnamen, nach Beckers Beobachtungen, bei den vornehmeren Bürgern der größeren Städte, nämlich bei den reicheren Ministerialen oder ritterbürtigen Dienstmannen der Bischöfe und bei den an Rang und Geltung ihnen nahestehenden Freibürgern oder Patriziern. Was an Rang über oder unter diesem Stande ist, der hohe Adel und die Geistlichkeit einerseits, der Handwerker und der hörige Bauer anderseits, das hält noch lange an dem alten Brauche der einfachen Namengebung fest. -- Der hohe Adel nennt sich bekanntlich nach dem Stammsitz. Bei der Geistlichkeit setzen zuerst die Stiftsherrn aus städtischen Geschlechtern ihren Geschlechtsnamen der sonstigen Bezeichnung bei, z. B. 1230 in Zürich _R. Manezo_ subdiaconus; bei ihnen mochte das bürgerliche Selbstgefühl dem geistlichen die Wage halten. Dagegen nannten Bischöfe und Äbte sich, wie meist noch jetzt, mit dem Taufnamen oder dem angenommenen Kirchennamen, unter Beifügung der Würde, der Diözese, des Klosters.

Die Handwerker in den Städten ahmten zwar bald den Brauch des städtischen Adels und der Patrizier nach; da sie sich aber stets aus der Landbevölkerung ergänzten und deren älteren Brauch in die Stadt hineinbrachten, so konnte es vorkommen, daß z. B. in Basel noch 1438 bei der Zunft „zu Brotbecken“ ein sonst namenloser „Hans des jebsmolers (Gipsmüllers) tochtermann“ aufgenommen wurde.

Bei dem Landvolke endlich hängt die Benennung mit dem Grade der errungenen Freiheit zusammen. Während die freien Landleute von Uri schon 1291 eine große Anzahl wirklicher Geschlechtsnamen bieten, entbehren die Leibeigenen in manchen Gegenden derselben bis ins 14., ja 16. Jahrhundert.

Doch ist hervorzuheben, daß an den Küsten der Nordsee, in Friesland, Holstein, Schleswig, wie auch in Dänemark eigentliche Familiennamen sich am spätesten festgesetzt haben, indem die alte Sitte, sich nach dem Vater zu nennen (z. B. Großvater _Clas Petersen_, Vater _Peter Classen_, Sohn _Clas Petersen_, Enkel _Peter Classen_) erst im vorigen Jahrhundert polizeilichen Verordnungen gewichen ist.[23] Es ergibt sich aus allem, daß der Gebrauch der Geschlechts- oder Familiennamen in den Städten und mit der Blüte der Städte entstanden ist; daß dieser Brauch in den einzelnen Städten um so eher aufkommt, je früher sich dieselben entwickeln, und daß er sich von der Stadt und ihren Bürgern auf das Land und auf andere Stände verbreitet hat.

Wie wenig befestigt anfangs die einzelnen Familiennamen waren, ergibt der leichte und häufige Wechsel. So wurde _Lucas ~Cranach~_, also benannt von seinem Geburtsort im Hochstifte Bamberg, auch genannt „_Lucas ~Maler~_“. Sein eigentlicher Familienname war wahrscheinlich _Sunders_ (~Pott~, Personennamen, S. 43). Im Quedlinburger Urkundenbuche wird aus dem Jahre 1407 ein _Ludeke Hugholdes_, „andere geheten _Ludeke Smet_,“ erwähnt, aus dem Jahre 1429 ein _Clauwes Hartwiges_, „anders geheten _Clauwes Groper_.“

8.

Altdeutsche Vollnamen als Familiennamen.

Um eine Person genauer zu bezeichnen und von „den Genamen“, den Namensvettern, zu unterscheiden, war es das Nächstliegende, die Abkunft anzugeben, also den ~Namen des Vaters~ hinzuzufügen, besonders wenn dies eine hervorragende Persönlichkeit war. Nennen sich doch schon in der deutschen Heldensage die Helden nach ihren Vätern: _Hiltibrant Heribrantes sunu_, _Sigfrid Sigmundes sun_ -- Zusätze, die jedoch damals noch nicht erblich geworden. Wurde nun der Name des Vaters beigefügt, so geschah dies in der Form „Sohn _Arnolds_“ oder auch bloß _Arnolds_, in den Bürgerrollen und Urkunden, die meist lateinisch abgefaßt wurden: _filius Arnoldi_ oder mit Auslassung von _filius_ bloß _Arnoldi_. Man würde demnach hier lauter genetivische Familiennamen als Patronymika erwarten, wie _Arnolds_, _Friedrichs_, _Otten_. Auffällig ist nun, daß die weit überwiegende Mehrzahl der Namen dieser Art nicht im Genetiv, sondern im Nominativ auftritt: _Arnold_, _Friedrich_, _Otto_ (Otte) usw. Woher diese auf den ersten Blick überraschende Erscheinung? Sie ist wohl so zu erklären, daß man statt des genaueren Genetivs oder einer sonstigen patronymischen Bildung den Namen des Vaters einfach und unverändert im Nominativ hinzusetzte -- infolge einer schon damals eintretenden Erstarrung der Sprache, vielleicht auch, weil man den Namen des Vaters deutlicher wollte hervortreten lassen. So finden wir bereits im 8. Jahrhundert in Urkunden unter andern einen _Sigifridus filius Sigimun~dus~_, und im 11. Jahrhundert erscheint der Vatername schon oft dem des Sohnes im Nominativ als Beiname hinzugefügt, z. B. _Uguo Folcaldus_ (im J. 1030.)[24] Ein besonders belehrendes Beispiel führt Becker aus Köln an. Dort finden wir unter den Dienstmannen der Abtei zu St. Pantaleon im Jahre 1128 einen _Razo_; dann unterzeichnet 1185 unter den Bürgern ein _Henricus ~Razonis~_, derselbe 1195 _Henricus ~Razo~_, und 1272 ist _Theodoricus dictus Razo_ Bürgermeister. Ebenso erscheint im Göttinger Urkundenbuch im Jahre 1245 der Ritter _Johannes Cusen_ (Genetiv), 1270 der Ritter _Johannes Cuso_.[25] Gewiß war dies, die einfache Beifügung des Vaternamens im Nominativ, im gewöhnlichen Leben noch häufiger.

So erscheint denn nun eine Menge jener altdeutschen Personennamen nunmehr als Familiennamen, teils wenig verändert, z. B. _Hildebrand_, _Siegfried_, _Amelung_, teils mannigfach abgeschliffen, wie Kiesel und Geröll des Meeres im Wogenschlag der Jahrhunderte, teils sogar verstümmelt und entstellt bis zur Unkenntlichkeit.

Am deutlichsten treten hervor die zusammengesetzten Namen, von denen hier eine Übersicht der gewöhnlicheren Bildungen folgen möge, nach dem zweiten Teile der Zusammensetzung geordnet:

~bald~ (bold, belt; polt, pelt, „kühn“[26]): _Liebald_, _Liebold_, _Liebelt_, _Lippold_, _Lippelt_;

~brecht~ (bert, barth; precht, pert, „glänzend“): _Siebrecht_, _Siebert_, _Siebarth_; _Wieprecht_, _Wiepert_;

~fried~ (fert, fart, „Friede, Schutz“): _Siegfried_, _Siefert_, _Seifart_;

~ger~ („Speer“): _Rödiger_;

~hart~ (art, ert, „stark, fest“): _Eckhardt_, _Eckart_, _Eckert_;

~her~ (er, „Krieger; Heer“): _Walther_, _Walter_;

~mann~: _Hermann_;

~mar~ (mer, „berühmt“): _Volkmar_, _Volkmer_;

~rich~ (reich, „mächtig“): _Friedrich_, _Friedreich_;

~walt~ (olt, elt, „waltend“): _Reinwald_, _Reinold_, _Reinelt_;

~wart~ (werth, „Hüter, Wart“): _Ahlwardt_, _Adelwerth_;

~wig~ („Kampf“): _Hartwig_;

~win~ (wein, „Freund“): _Gerwin_, _Eberwein_;

~wolf~ (olf, umgestellt loff, „Wolf“): _Schönewolf_; _Rudolph_, _Rudloff_.

Durch Abfall der Schlußkonsonanten entwickelte sich aus _bald_, _belt_: _ball_, _bel_; aus _fert_: _fer_; aus _old_: _ohl_ usw.

Manche dieser urspr. altdeutschen Namen treten infolge mundartlicher und anderer Einflüsse in außerordentlich vielen verschiedenen Formen auf, z. B. altdeutsch _Ricohard_ findet sich als:

_Richard_, _Richert_, _Riechert_ -- _Riegert_ -- _Reichhardt_, _Reichard_, _Reichert_ -- _Rickert_, _Ritschard_ -- _Ritsert_;

ungerechnet die bloß orthographischen Abweichungen. _Liutbald_ tritt gar (freilich gemengt mit _Liutwald_) in mehr als zwanzig Formen auf:

_Liebaldt_, _Liebold_, _Liebhold_, _Libelt_, _Liebel_, _Liepelt_ -- _Lippelt_, _Lippel_ -- _Leopold_ -- _Lepold_, _Lepel_ -- _Leppelt_ -- _Luppold_ -- _Lubold_ -- _Laubhold_ -- _Leupold_ -- _Leybold_, _Leibel_, _Leibhold_, _Leipold_, _Leipel_ usw.

9.

Sproßformen der altdeutschen Vollnamen als Familiennamen.

a) ~Kürzungen und Verkleinerungen~.

Sehr zahlreich, mitunter zahlreicher noch als die vollen Formen, sind die verkürzten, sich anschließend an die altdeutschen Kürzungen und Verkleinerungen, die Seite 23 behandelt sind. Das _o_, welches dort an den Torso gesetzt wurde, hat sich nur in wenigen Familiennamen, wie _Otto_, _Thilo_, erhalten; meist ist es in _e_ abgeschwächt: _Otte_, _Thiele_, _Heine_ (altd. Heino aus Heinrich), _Thieme_ (Thiemo aus Thiedmar) -- oder es ist ganz abgefallen, so daß der Name einsilbig wird: _Ott_, _Thiel_, _Heyn_, _Thiem_.

Diese Verkürzungen bilden den Übergang zu den eigentlichen Verkleinerungsformen oder ~Schmeichelformen~. Die verschiedensten Bildungen treten hier hervor, und eine wundersam reiche Flora beut sich den erstaunten Blicken. Jede Landschaft hat ihre besonderen Deminutivendungen, nach Maßgabe der Mundart.[27]

Der Kern der ~oberdeutschen~ Verkleinerungsendung ist ein _l_ (altd. _ilo_, s. S. 23), welches auch in Appellativen in den mannigfachsten Formen auftritt: _ele_, _el_, _le_, _li_, _la_ usw., z. B. _Mädele_, _Mädel_, _Maidle_, _Maidli_, _Madla_; _Vogel_, _Vogerl_.

Der Kern der ~niederdeutschen~ Verkleinerungs-Endung ist ein _k_ (altd. _iko_, S. 23): _ke_, _ken_, z. B. _Mäke_, _Mäken_.

Im Schriftdeutschen sind beide vertreten, und zwar in der Verbindung mit _n_ (S. 23): oberd. _lein_, niederd. _chen_.

Demnach finden wir im Oberdeutschen folgende Bildungen in den Familiennamen:

~el~ (die verbreitetste Form): _Dietel_, _Merkel_;

~l~ (bayrisch, österreichisch): _Dietl_, _Merkl_;

~le~ (schwäbisch): _Dietle_, _Merkle_ -- mit Bindevokal: _Eisele_;

~li~ (schweizerisch): _Märkli_;

~lin~ (schwäbisch, schweizerisch):[28] _Märklin_, _Bürklin_ -- abgestumpft in:

~len~ _Eiselen_ --

gewöhnlich, mit der Weiterentwickelung des Neuhochdeutschen Schritt haltend:

~lein~: _Dietlein_.

Weniger mannigfaltig sind die entsprechenden Bildungen in ~Niederdeutschland~, wo man im allgemeinen die Verkleinerungsformen auch in den gewöhnlichen Hauptwörtern weniger liebt. Es ist hier besonders nur die Endung

~ke~ mit Bindelaut: _Tedike_, _Reinicke_, _Reinecke_; ohne Bindelaut: _Reinke_, _Wilke_;

~k~: _Tieck_ -- verhochdeutscht

~ch~ (ich, ig): Dedich, Rüdig.

Daneben finden sich

~ken~: _Tiedken_, _Wilken_, welches hierher gehört, sofern es aus dem alten _kin_ (_ikin_) abgeschwächt ist. Doch ist es in vielen Fällen genetivische Bildung (s. das folg. Kap.). Die hochdeutsche Form

~chen~, die bei den Appellativen zur Herrschaft gelangt ist, findet sich gerade bei Eigennamen auffallend selten: _Nöldechen_ (_Didtgen_).

Friesisch lautet die Verkleinerungsform je: _Meisje_ (Mädchen), _Pottje_ (Töpfchen); so auch in Familiennamen

~je~: _Detje_, _Bätje_.

Diese Verkleinerungen bewirken in der Regel, wie aus den obigen Beispielen ersichtlich, den Umlaut, wegen des ursprünglich in der Endung steckenden _i_ (_iko_, _ilo_).

Außer diesen beiden Hauptsuffixen, _l_ und _k_, wird in Mittel- und Süddeutschland noch jenes dritte, nur in Eigennamen vorkommende gebraucht:

_z_ (altdeutsch _izo_, s. S. 23).

So wird aus Dietrich: _Dietze_, nachher einsilbig _Dietz_, aus Gottfried: _Götze_, _Götz_ (vgl. Götz von Berlichingen), aus Ludwig: _Lutze_, _Lutz_, aus Heinrich: _Heinze_, _Heinz_ -- aber auch _Heinitz_ (aus urspr. _Heinizo_, der Grundlage für alle drei Formen).

Diese Kürzungen der Rufnamen, welche als solche in Niederdeutschland, mit alleiniger Ausnahme von _Fritz_,[29] durchaus nicht üblich sind, haben von Oberdeutschland her als Familiennamen weite Verbreitung gewonnen.

Das _z_ erweichte sich übrigens, der Entwickelung der Sprache folgend, häufig in _ss_: _Diess_, _Russ_, ja in _s:_ _Heinse_, während es sich anderseits in _sch_, _tsch_ vergröberte: _Gersch_ statt Gerz, _Dietsch_.

Da nun aber die Sprache mit einmaliger Verkleinerung noch keineswegs zufrieden ist, so werden diese verschiedenen Endungen verbunden und auf solche Weise doppelt verkleinerte Formen gebildet, z. B. von _Dietrich_:

~licke~ (altd. _iliko_): _Thielicke_, _Tielke_;

~kel~ (altd. _ikilo_): _Tickel_;

~zel~ (altd. _izilo_): _Dietzel_;

~zke~ (altd. _iziko_): _Tietzke_.

Ja es finden sich Formen, in denen alle drei Suffixe (_z_, _l_, _k_) vereinigt sind: _Dietzelke_.

b) ~Genetivische Namen.~

Wenn (nach S. 31) auch die Form, in welcher ein Personenname sich als Familienname festsetzte, in der Regel die des Nominativs war, so war es doch unausbleiblich, daß bisweilen der ~Genetiv~ an seine Stelle trat. Entsprach es doch der strengen grammatischen Regel, wenn der Name des Vaters zu näherer Bezeichnung eben im Genetiv hinzugefügt wurde: _Heinrich_, Sohn _Arnolds_, lateinisch _Henricus_, _filius Arnoldi_, wobei die Bindeglieder „Sohn“ und _filius_ auch wegfallen können.[30] Daher nun eine ziemliche Menge Namen, die sich im Genetiv festgesetzt haben und in dieser Form als Familiennamen erstarrt sind. Die beiden Biegungsarten, welche durch die Deklination der Hauptwörter im Deutschen hindurchgehen, treten nun auch hier hervor:

~die starke~, die sich durch ein _s_, ~die schwache~, die sich durch ein _n_

im Genetiv kennzeichnet. Erstere tritt an die vollen Namen, wie _Diederichs_, _Hermanns_, letztere an die Verkürzungen: _Thielen_, _Otten_ (welche aber auch häufig das _s_ der starken Biegung annehmen, z. B. _Köhns_ neben _Könen_).

Dazu tritt als eine dritte Form im Friesischen _ena_ (wie in _Hagena_, _Tydena_), die mit Ruprecht[31] als Genetiv Pluralis der schwachen Deklination zu erklären ist (vgl. den alten Wahlspruch „_Eala freya Fresena_“). Es bedeutet demnach z. B. _Focke Uckena_ („hovetlink _Focke U._ van Leer“ in einer Urkunde von 1435) den Sohn oder Nachkommen der _Uko_, weist also nicht bloß auf den Vater, sondern auch auf die Ahnen hin. Da diese Bezeichnung besonders für angesehene Geschlechter Wert hatte, bei welchen der Name auch einen Anteil an dem alten Besitze und dem alten Ruhme der Familie zusicherte, so ist es nicht zufällig, wenn wir unter den klangvollen Namen dieser Bildung vielen alten Häuptlingsnamen begegnen.

Der genetivischen Bildungen sind aber mehr, als es auf den ersten Blick scheint, da sich dieselben nicht selten hinter entstellender Rechtschreibung verstecken; namentlich schmilzt ein _t_-Laut mit _s_ zu _tz_ zusammen: _Seifritz_ (statt Seifrids, Siegfrids), _Gompertz_ (statt Gomperts von Gundbrecht), _Reinartz_ (Reinhards). Während in dem letzten ein zum Stamm gehöriges _h_ ausgelassen ist, wird ein solches in den Zusammensetzungen mit _old_ (walt) fälschlich eingeschoben, so daß der Schein einer Zusammensetzung mit ~Holz~ (niederd. Holt) entsteht. _Reinold_, schon entstellt und umgedeutet in Reinhold, nimmt so im Genetiv oder durch falsche Verhochdeutschung gar die Form _Reinholz_ an.

Durch Vermittelung des ~Lateinischen~, welches in den Bürgerrollen und öffentlichen Urkunden überwog, entstanden die Zwitterformen _Arnoldi_, _Ruperti_, _Friederici_, auch mit _y_: _Bernhardy_ und ähnliche, Formen, die sich schon durch das Verschieben der naturgemäßen Betonung als Entstellungen der deutschen Namen kundgeben.

Ganz mit demselben patronymischen Sinne wie die Genetive werden auch Zusammensetzungen mit „Sohn“ gebildet, welches dabei aber fast immer in der abgeschliffenen Form _sen_ erscheint: _Wilmsen_, _Volquardsen_. Es ist dies eine alte Bezeichnungsweise; schon in der Edda findet sich „_Sigmundr Völsungsson_“ (Siegmund, Völsungs Sohn). Dieselbe ist besonders im Norden heimisch,[32] während in einigen süddeutschen Landschaften, z. B. Kärnten, eine patronymische Bildung auf _er_ (ler) hervortritt: _Sebolter_, _Hartler_ (aus Leonhard).[33]

Auch ~Metronymika~ (Ableitungen von dem Namen der Mutter) finden sich, wenngleich nur sehr vereinzelt. Dahin gehören _Vernáleken_ = (Sohn) der „Frau Aleke“ (Adelheid),[34] _Nesensohn_ (der Agnes Sohn), _Odiliae_, _Eisentraut_, _Liebetrut_.

10.

Kirchliche Personennamen als Familiennamen.

Die Personennamen der zweiten Schicht, die kirchlichen, mußten eben als fremde Namen noch stärkere Umwandlungen erfahren wie die einheimischen. Aufgenommen sind sie zunächst in der griechisch-lateinischen Form, wie die Kirchensprache (nach dem Vorgang der lateinischen Bibelübersetzung, der Vulgata) sie bot. In dieser vollen Form jedoch erscheinen sie als Familiennamen, einige kürzere wie _Thomas_, _Lucas_ ausgenommen, fast nie; -- es verbietet das schon ihre Länge, da sie meist 4-5silbig sind.

Es mußte also eine Kürzung erfolgen. Dabei kam alles auf die Betonung an. Im Althochdeutschen wurde bei den Fremdwörtern der Ton zurückgezogen, er strebte noch über die drittletzte Silbe nach vorn hin, auf die erste Silbe, die im Deutschen in der Regel als Stamm den höchsten Ton trägt, z. B. _Antichristus_ -- _Ántichristo_, _Constántia_ -- _Chóstanza_, _Mathaéus_ -- _Mátheus_.

Die Sprache hatte sich so gewöhnt, den Hochton auf den Anfang des Wortes zu werfen, daß in den Fällen, wo dies aus irgend einem Anlasse nicht geschehen war, der nun tonlose Anfang wie mit Mißachtung behandelt und durch eilendes Drüberhingehen des einen oder anderen Lautes beraubt, ja gänzlich abgeworfen wurde, z. B. _apostolus_ -- althochd. _postul_, _Hispanus_ -- _Spân_.

Später freilich wurde durch romanische Einflüsse die echtdeutsche Betonung der Fremdwörter mehr und mehr verdrängt zu Gunsten einer anderen, welche den Ton auf den Ausgang der Wörter wirft. Es ist dies die französisch-neuhochdeutsche Betonung, die, schon im Mittelalter beginnend (s. die zahlreichen Hauptwörter auf _îe_, jetzt _íe_ oder _ei_), nunmehr leider zur Herrschaft in unserer Sprache gelangt ist.

Länger als in der Schriftsprache behauptete sich jene ursprüngliche, umdeutschende Betonung im Volksmunde, besonders den fremden Eigennamen gegenüber. Bei denselben wird noch heute der Ton auf die erste Silbe zurückgezogen, was dann Kürzungen am Ende (Apokopen) zur Folge hat: _Andres_, _Béndix_, d. i. Benedictus, _Chrístian_ (Chrísten), _Níclas_[35] usw. Oder falls diese Zurückwerfung des Tones unterblieben ist, treten vorn Verkürzungen (Aphäresen) ein: Joachim -- _Achim_, Erasmus -- _Rasmus_, _Asmus_. Häufig ist beides, Aphärese und Apokope, vereint, wie Bonifacius -- _Fazi_, Dionysius -- _Nis_, wo von 5 Silben nur eine, die Tonsilbe selbst, übrig geblieben ist.[36]

Hinsichtlich dieser weitgreifenden Aphäresen treten die fremden Namen den deutschen gegenüber, bei welchen Kürzungen zu Anfang des Wortes durch die Betonung gehindert werden.

Aus diesen mannigfach gekürzten und umgewandelten Taufnamen ist nun eine verhältnismäßig bedeutende Zahl Familiennamen erwachsen, teils mit einer Kürzung am Ende: _Máthies_ und _Mathes_, teils mit einer solchen am Anfang: _Alexander_ -- _Xander_. Vielfach treten an demselben Namen wechselnd beide Erscheinungen hervor, wie von demselben Stamm eines Baumes Äste nach entgegengesetzten Richtungen ausgehen, und es entstehen Formen, die keine Ähnlichkeit mehr miteinander haben. So wird

aus Ambrosius einerseits _Ambrosch_, anderseits _Brose_,[37] „ Andreas „ _Enders_, „ _Drewes_, „ Nicolaus „ _Nickel_, „ _Claus_, _Klaas_.

Mitunter haben diese verschiedenen Sproßformen keinen Buchstaben des Stammes gemein, z. B. _Barthel_ und _Mewes_ aus Bartholomäus.

Wie das letzte Beispiel beweist, findet neben der Kürzung bisweilen Zerdehnung statt, indem zwischen zwei Vokale sich ein _w_ oder _g_ einschiebt. Dies ist auch der Fall bei _Paul_, woraus sich _Pawel_ und _Pagel_ entwickelt hat.

Nicht selten gehen diese Kürzungen, Zusammenziehungen und Umbildungen so weit, daß die ursprüngliche Namensform vollkommen unkenntlich geworden ist. _Lex_ aus Alexius, _Xander_ aus Alexander ist schon ziemlich gewaltsam; doch wird auch dies noch überboten. Wer würde z. B. denken, daß der Familienname _Gille_ aus Aegidius entstanden ist, daß _Grolms_ (der Bauer in der bekannten Fabel), _Rohner_ und _Muss_ ein und derselbe Name und daß alle drei aus Hieronymus entstellt sind?[38] Und doch beweisen dies die Formen, welche in den alten Schriften und Urkunden sich finden, nebst den lebenden der Volksmundarten. Bei fremdsprachigen Namen dürfen solche Erscheinungen nicht überraschen.

In betreff der ~genetivischen~ Ableitungen ist Vorsicht vonnöten; namentlich ist das _s_ kein sicheres Kennzeichen, da es vielfach nur von dem Nominativ her stehen geblieben, z. B. _Staats_ (aus Eustathius), _Mews_; auch _Marx_, aus Marcus. Das gilt besonders von der Endung _ies_ (zweisilbig zu sprechen), die aus dem lat. Nominativ _ius_ entstanden ist:[39] _Borries_ aus Liborius, _Plönnies_, _Lönnies_ aus Apollonius. Ganz unzweideutig genetivisch sind fast nur die mit fremden (lateinischen) Genetivendungen auftretenden Namen auf _i_, _ae_, _is_: _Pauli_, _Matthiae_, _Michaelis_.

Zusammensetzungen mit „Sohn“ sind häufig, und dabei ist mehrfach der volle Vokal bewahrt: _Andersohn_, _Matthisson_, _Petersson_, während allerdings in der Mehrzahl auch hier die Abschwächung in _sen_ eingetreten ist.

Verkleinerungsformen dagegen sind im ganzen seltener: _Köbke_ (aus Jakob) und _Jahnke_ (aus Johannes), denen _Jäckel_ und _Hensel_ gegenüberstehen, weisen die Hauptform des niederdeutschen Deminutivs (mit dem Charakterlaute _k_) und des oberdeutschen (mit _l_) auf, während _z_ bei den Fremdnamen überhaupt nicht vertreten ist.

Außer dem Genetiv und der Zusammensetzung mit Sohn wird das patronymische Verhältnis auch durch Vorsetzung von Jung oder Klein bezeichnet. Hieß der Vater z. B. Andreas, so wurde der Sohn, welcher denselben Namen in der Taufe erhalten hatte, _Jungandres_ genannt, oder Michel: _Kleinmichel_, und zu den Zeiten der Söhne trat eben das Festwerden der Familiennamen ein, so daß nun _Jungandres_ und _Junghans_, _Kleinmichel_ und _Kleinpaul_ auch der ganzen Nachkommenschaft des eigentlichen Jungandres usw. zuteil wurden. Übrigens scheinen es hauptsächlich nur die Fremdnamen _Andreas_, _Johannes_, _Michael_, _Nikolaus_ und _Paul_, sowie die einheimischen _Konrad_ (Kurt, Kunz) und _Heinrich_ (Heinz) zu sein, welche Patronymika mit Jung und Alt, Klein und Groß bilden.

Aus einigen dieser Namen hat sich solchergestalt durch Kürzung, Ableitung, Zusammensetzung eine Menge Familiennamen gebildet; man sehe das Lexikon unter _Andreas_, _Nikolaus_, _Matthaeus_.

Alle überbietet jedoch der Name _Johannes_. Wie dieser als Taufname jederzeit einer der beliebtesten gewesen, so hat er auch als Familienname die weiteste Verbreitung und mannigfachste Gestaltung erfahren, so daß sich mehr als 100 Familiennamen aufzählen lassen, die sämtlich aus _Johannes_ gebildet sind (s. das Lexikon). Wir haben hier wieder das Bild eines Waldes, der allmählich aus einem einzigen Baum entstanden ist.