Die Deutschen Familiennamen, geschichtlich, geographisch, sprachlich

Part 3

Chapter 33,145 wordsPublic domain

In das geheimnisvolle Reich der Naturgeister, der Albe oder Elfen, von denen Sage und Märchen so viel zu erzählen wissen, führen uns Namen wie _Albirich_ (Elfengebieter), _Albarad_, angels. _Älfred_ (Elfenrat), _Alfwin_, _Alboin_ (Elfenfreund).

Den Gegensatz zu dem kleinen, bald gutmütig helfenden, bald boshaft schadenden Elfenvolke mit ihrem Anhange der Zwerge und Wichtelmänner bildet das ungeschlachte, sinnlich rohe, naturkräftige Geschlecht der ~Riesen~ (Hünen und Thursen): _Hunibald_, _Thurismund_.

Es wird dies genügen, um mindestens in den Grundzügen ein Bild von der Namengebung jenes Zeitalters zu gewinnen. ~Kampf~ und ~Sieg~ tönen uns allerorten aus ihr entgegen mit hellem Waffenklang; daran schließt sich der kluge ~Rat~ und das ~ruhmvolle Walten~ -- nicht ohne den Aufblick zu den sieg- und segenspendenden ~Göttern~. Weiter ins einzelne zu gehen ist für unseren Zweck nicht erforderlich und alles gar zu erschöpfen hier ganz unmöglich, wegen der außerordentlichen Menge der Namen. Wie zur Frühlingszeit in Wald und Flur tausend und abertausend grüne Sprossen aufschießen, so ist auch in diesem Frühling deutscher Namengebung eine fast zahllose Menge von Namen erwachsen. Die oben angeführten sind nur beispielsweise genannt, sind nur geringe Proben aus der Fülle, derart, daß die einzelnen ganze Reihen vertreten. So sind der Namen, die auf _bald_ auslauten, in Förstemanns großem Werke 199, der auf _ric_ über 200, der auf _beraht_ (bert) weit über 300, der auf _wolf_ (olf) gar nahezu 500. Mehr als 12000 (männliche und weibliche) Namen hat Förstemann aus gedruckten Schriften und Urkunden gesammelt, eine Zahl, die durch spätere Forscher noch sehr vermehrt worden ist; wie viele mögen sich nicht noch in ungedruckten Quellen finden, wie viele nie zur Aufzeichnung gelangt sein!

Es ist eine ~hochgemute~, eine ~ideale~, eine ~poetische~ Namengebung, in der uns nichts Unedles stört. Sie ist ~einheitlich~, wie aus ~einem~ Geist und Guß, gleich dem Germanenvolke selber, das ein einheitliches an Abstammung und Aussehen war, „ein eigenes, reines, nur sich selbst ähnliches Geschlecht“. Das Heldenhafte, Kühne, Gewaltige, Hohe finden wir in dieser Namenwelt ausgeprägt, das Liebliche, Sanfte, Milde tritt zurück -- selbst in den ~weiblichen~ Namen. Auch diese sind wesentlich von demselben Gepräge, Kampf und Schlacht tönen aus ihnen fast ebenso wieder wie aus den männlichen. Die Walküre, die Schlachtenjungfrau Wuotans, erscheint als das Ideal des urgermanischen Weibes. War doch in jenen Tagen auch das schwächere Geschlecht dem Kriege, seinen Ehren und Gefahren nicht fern. Was uns griechische und römische Schriftsteller erzählen, spricht laut genug. Es wird uns da geschildert, wie die Frauen mit in den Krieg zogen, um in der Nähe ihrer Anverwandten hinter der Schlachtreihe sich aufzustellen, wie sie die Kämpfenden durch ihren Zuruf anfeuerten, die Verwundeten verbanden, die Weichenden wohl wieder zum Stehen brachten, die Sieger begrüßten und belohnten, aber auch mit den Unterliegenden zu sterben wußten und lieber sich selbst und ihre Kinder töteten, als daß sie sich in Gefangenschaft begaben.

Bei solcher Sinnesart der germanischen Frauen darf es uns nicht wunder nehmen, wenn auch ihre Namen dieses Gepräge haben und sich eng an die männliche Benennungsweise anschließen.[11]

4.

Übereinstimmung der deutschen Namengebung mit der griechischen.

Werfen wir, ehe wir weitergehen, einen vergleichenden Rückblick auf die Namengebung der alten Völker, so läßt sich wohl kaum ein schrofferer Gegensatz denken, als zwischen der ~römischen~ und der ~germanischen~ Namengebung. Dort körperliche Schwächen und Mängel, hier edle Eigenschaften und Vorzüge, leiblicher und ganz besonders geistiger Art! Dort niedrige Prosa -- hier erhabene Poesie!

Dagegen tritt eine auffallende Übereinstimmung mit der ~griechischen~ Namengebung hervor, zunächst darin, daß die Namen auf beiden Seiten der großen Mehrzahl nach zusammengesetzte sind.[12] Namen dieser Art sind an sich schon poetischer, schwungvoller als einfache, und so tritt bereits hier in erfreulicher Weise übereinstimmend eine edle Anlage beider Völker hervor. Dann aber entsprechen sich auch die Zusammensetzungselemente in beiden Sprachen großenteils: so das griechische _phanes_ (glänzend, prangend) und das deutsche _beraht_ (bert), das griechische _kles_ (berühmt) und das deutsche _mar_, das griechische _krates_ (kräftig, gewaltig) und das deutsche _rich_; so ferner _medon_ (waltend) und _walt_ (old), _stratos_ (Heer) und _heri_, _demos_ (Volk) und _theod_ (diet), _theos_ (Gott) und _got_ u. s. f.

Demnach kann man eine Menge griechischer Namen geradezu mit deutschen übersetzen, da sie sich wörtlich decken, z. B.:

_Nikophanes_ (siegprangend) -- _Sigibert_, _Kleophanes_ (ruhmstrahlend) -- _Hrodebert_ (Ruprecht, Robert), _Kleoptolemos_ (ruhmkämpfend) -- _Chlodowich_ (Ludwig), _Perikles_ (vielberühmt) -- _Vilmar_, _Demosthenes_ (volksgewaltig) -- _Dieterich_, _Thrasybulos_ (kühn im Rat) -- _Chuonrat_ (Konrad), _Laomedon_ (volkswaltend) -- _Leutold_, _Demophilos_ (Volksfreund) -- _Volkwin_, _Theodulos_ (Gottesknecht) -- _Gotschalk_ u. a. m.

Genug, die Anlage unseres Volkes ist, gleich der des griechischen, eine treffliche und edle; ein nach dem Hohen gerichteter Sinn tritt uns überall in dieser Namengebung entgegen, aus welcher der Geist unserer Ahnen mit beredten Lauten zu uns spricht. Unser Volk war berufen von der Vorsehung, die Ketten zu zersprengen, in welche römische Tyrannei die Welt geschlagen hatte, und als ein edles Reis in die Fäulnis des Römertums eingesenkt zu werden, um von jetzt an Hauptträger der Entwickelung des Menschengeschlechtes zu sein.

5.

Weiterentwickelung der altdeutschen Personennamen. Ihre Lebenskraft.

Wie sehr diese Namengebung aus dem innersten Leben und Wesen des deutschen Volkes hervorgewachsen, das erweist sich durch die Zähigkeit, mit welcher lange Jahrhunderte hindurch an ihr festgehalten wird. Die Stürme der Völkerwanderung brausen dahin, die verschiedenen Stämme der Germanen lassen sich in den Provinzen des ehemaligen römischen Reiches nieder und bauen die Erde sich neu. Die staatlichen Verhältnisse ändern sich, das Christentum stürzt den alten Götterhimmel -- doch die Namen bleiben und blühen ohne wesentliche Veränderung weiter auf einem vielfach umgestalteten Felde.

Die Beweise liegen zu Tage. Man werfe nur einen Blick auf die Namen der deutschen Könige und Kaiser! Ihre Reihe ist von Karl dem Großen an sechs Jahrhunderte lang rein deutsch: Karl, Ludwig, Konrad, Heinrich, Otto, Friedrich sind die herrschenden Namen. Unterbrochen wird diese Reihe erst durch ~Wenzel~ aus dem lützelburgisch-~böhmischen~ Hause 1378 und später durch ~Maximilian~ den „letzten Ritter“ 1493. Ebenso ist es im Kreise der Reichsfürsten. _Albrecht_ der Bär hatte sieben Söhne: _Otto_, _Hermann_, _Sigfrid_, _Heinrich_, _Adelbert_, _Dietrich_, _Bernhard_ -- kein undeutscher Name findet sich darunter, ein Fall, der sich jetzt schwerlich wiederholen würde.

Selbst im Stande der ~Geistlichen~, wo das Eindringen fremder Namen am ersten zu erwarten wäre, behauptet sich die deutsche Namengebung überraschend lange. Bischöfe und Erzbischöfe, Klosteräbte und Mönche erscheinen fort und fort als Träger der altgermanischen Krieges-, Sieges- und Ruhmesnamen. Man denke an _Adalbert_ von Prag, den Apostel der Preußen, an _Otto_ von Bamberg, den Pommern-Apostel, an _Willegis_ von Mainz, _Adalbert_ von Bremen.

Ähnliches gilt von den romanischen Ländern. Trotz der fortwährenden Berührung mit der römischen Welt und dem teilweisen Aufgehen in dieselbe behaupten sich die alten Namen nicht bloß im eigentlichen Deutschland, sondern auch in Frankreich, Spanien, ja selbst in Italien. Nachdem die Sprachen längst romanisch geworden, erhalten sich noch die fränkischen, gotischen, langobardischen Namen in überraschender Weise. Man braucht sich nur die Führer des ersten Kreuzzuges zu vergegenwärtigen: _Gottfried_ von Bouillon, _Robert_ von der Normandie, _Raimund_ von Toulouse, _Boemund_ von Tarent usw., um dies bestätigt zu finden. Fügen wir noch ein Beispiel aus Frankreich, eins unter vielen, hinzu! Im Jahre 991 versammelten sich zu Reims die Bischöfe der Diözese: _Guido_ von Soissons, _Adalbero_ von Laon, _Heriveus_ von Beauvais, _Godesmann_ von Amiens, _Ratbod_ von Noyon, _Odo_ von Senlis; außerdem Erzbischof _Daibert_ (Dagobert) von Bourges, aus der Lyoner Synode die Bischöfe _Walter_ von Autun, _Bruno_ von Langres, _Milo_ von Maçon; endlich der Erzbischof _Siguin_ von Sens mit den Bischöfen seines Sprengels _Arnulf_ von Orleans und _Herbert_ von Auxerre. Unter diesen dreizehn geistlichen Würdenträgern findet sich keiner mit nichtdeutschem Namen; nur sind einzelne dieser Namen oberflächlich romanisiert, wie _Guido_ aus altdeutsch _Wido_, oder latinisiert, wie _Heriveus_ aus _Heriwic_.[13]

Geschichtliche Erinnerungen und mehr noch Familienüberlieferungen kamen der Erhaltung der Namen zu Hülfe. Im karlingischen Geschlechte waren Karl, Ludwig, Lothar zu Hause, bei den Württembergern Ulrich und Eberhard, bei den Schwarzburgern Günther usw. Aber auch Stammesüberlieferungen machten ihren Einfluß geltend; noch jetzt läßt sich erkennen, wie einzelne Namen bei gewissen Stämmen besonders gebräuchlich waren. So kommen Friedrich, Rudolf, Albert vorwiegend in Schwaben, Luitpold, Dietpold bei den Bayern, Heinrich, Ludwig, Konrad bei den Rheinfranken vor. Wie beliebt der Name Wilhelm noch im 12. Jahrhundert bei den Normannen war, davon zeugt die Erzählung eines Zeitgenossen. Als nämlich Weihnachten 1171 der junge König Heinrich (Sohn Heinrichs II. von England) bei Bayeux ein großes Fest gab, kamen zwei Wilhelme, der Seneschall von der Bretagne und der Verwalter von der Normandie, auf den Einfall, es sollten in ihrem Saale nur Wilhelme sein dürfen. Wer einen anderen Namen führte, mußte hinaus, und als man zählte, waren noch 117 Ritter da, die alle Wilhelm hießen, ungerechnet die vielen andern, welche in des Königs Halle speisten.[14]

So behaupteten sich die Namen, nur daß sie mit der Entwickelung der Sprache im wesentlichen Schritt hielten und daher mancherlei Abschleifungen und Zusammenziehungen erfuhren. Aus _Raganhar_, wie es im 6. Jahrhundert gelautet hatte, entwickelte sich _Reginher_, _Reginer_ und schließlich (im 10. Jahrh.) _Reiner_; ferner aus

_Cariovalda_ (1. Jahrh.): _Heroald_ -- _Herold_ (10. Jahrh.), _Hruodperaht_: _Ruodpreht_, _Hruodbert_ -- _Ruprecht_ und _Rupert_ (11. Jahrh.), _Berinhard_: _Bernhard_, _Bernd_.

Nun liegt es aber in der Natur der Sache, daß Eltern ihre Kinder mit ~abgekürzten~ Namen rufen. Solche Kürzungen, zunächst für den Hausgebrauch und vertraulichen Verkehr, kannte die alte Zeit auch schon, und sie waren regelmäßiger gebildet als die jetzt üblichen. Da nach deutscher Grundregel der erste Teil der Zusammensetzung betont ist, so behielt man diesen bei und ließ den zweiten fort, an dessen Stelle ein _o_ trat, erwachsen aus dem im Gotischen und Altsächsischen noch haftenden _a_, z. B. _God-beraht_: _Godo_; _Kuon-rat_: _Kuono_; _Sig-bert_: _Sigo_.[15] Dies sind die ~ein~stämmigen gekürzten Formen. Häufig wurde jedoch der zweite Teil nicht ganz abgeworfen, sondern sein Anfangskonsonant blieb erhalten, und so entstand eine ~zwei~stämmige gekürzte Form, z. B. _Rat-poto_: _Ratpo_; _Sig-bert_ (_Sibert_): _Sibo_; _Thiet-mar_: _Thiemo_.

Natürlich ist _Godo_ Abkürzung nicht bloß für _Godberaht_, sondern für alle Vollnamen, d. i. unverkürzte Namen, deren erster Teil _God_ ist, wie _Godebald_, _Godofrid_, _Godomar_ usw., ebenso _Sigo_ auch für _Sigibrand_, _Sigifrid_, _Sigimar_ usw., _Sibo_ wenigstens für _Sigibert_ und _Sigibrand_.

Diese verkürzten Formen erlitten nun noch weitere Veränderungen, indem man ~Verkleinerungs~silben an sie hängte. Die einfachste Art der Verkleinerung wird durch _i_ bewirkt: _Sigi_, _Kuni_. Wichtiger jedoch sind die konsonantischen Suffixe _k_, _l_, _z_ in den Endungen _iko_, _ilo_, _izo_. So entstanden Bildungen wie: _Godiko_, _Godilo_, _Godizo_ (von _Godo_); _Sigiko_, _Sigilo_, _Sigizo_ (von _Sigo_) -- ebenso zweistämmig: _Sibiko_; _Oppilo_, _Oppizo_ (von _Oppo_ = _Otbert_).

Aber damit war man noch nicht zufrieden. Kann doch die elterliche, besonders die mütterliche Liebe sich in zärtlichen Benennungen nimmer Genüge tun. Man verband die Verkleinerungssilben, so daß dann doppelt verkleinerte Formen entstanden: _ikilo_ -- _iliko_ -- _iziko_, _izilo_ und mit Zuhülfenahme des dem _l_ so naheverwandten Suffixes _n_: _ikîn_ -- _ilîn_ -- _izîn_.[16]

Dies sind die Verkleinerungsformen, die liebkosenden Deminutiva oder Schmeichelformen[17], mit welchen wir aus dem Hochwald der altgermanischen Namengebung (s. Kap. 3) nunmehr in den Niederwald eingetreten sind, der, was ihm an Mächtigkeit der einzelnen Stämme abgeht, durch ihre Menge und dichtes Wachstum zu ersetzen sucht.

Staunenswert ist die Vermehrungskraft, die in diesen alten deutschen Personennamen liegt. Einem einzigen können tausende entkeimen. Sie ~können~ es -- denn freilich sind nicht alle Keime fruchtbar geworden, wie nicht aus jeder Eichel im Walde ein Baum entsteht; aber die Möglichkeit ist vorhanden. Dies weist sehr anschaulich Pauli an einem Beispiele nach, wozu er den Namen _Godeberaht_ wählt.[18]

Aus ihm entstehen zunächst die einstämmige gekürzte Form _Godo_ und die zweistämmige _Godbo_ mit ihren Nebenformen _Gobbo_ und _Gobo_. Daraus entstehen an einfach verkleinerten Formen mittels der Endungen _ilo_, _izo_ und _iko_ 21 Namen; hieraus durch doppelte Verkleinerung 49 Formen (s. Beilage 1).

Das sind 75 Grundformen, deren weitere Entwickelung Pauli mit Rücksicht auf das Neuhochdeutsche folgendermaßen berechnet. Jede dieser 75 Formen hat zunächst mindestens eine mundartliche Nebenform, indem für _d_ auch _t_, für _b_ auch _p_, für _z_ niederdeutsch _t_, für _k_ hochdeutsch _ch_ eintreten kann. Das gibt also 75 neue Formen, zusammen 150. Nun wechseln ferner _g_ und _j_ häufig in Namen, und dadurch erhalten wir 150 weitere Nebenformen, zusammen 300. Der althochdeutsche Vokal _o_ erscheint neuhochdeutsch bald als _o_, bald als _ö_, verdumpft auch als _u_ und _ü_. Es ist demnach jede der 300 Formen in vier Variationen möglich -- zusammen also 1200. Doch wir sind noch nicht zu Ende! Jede der obigen 1200 Formen kann die drei Arten Patronymika bilden, auf -_ing_, auf -_sen_ und rein genetivische. Das gibt 3600 Formen, also zusammen bis jetzt 4800. Fast wie eine Laune der Sprache erscheint es, wenn sie an den Namen, der ja schon die Personen als solche bezeichnet, noch ein -_mann_ anhängt. Dadurch ergeben sich schließlich noch 1200 Namen, in Summa also alles in allem 6000 Namen, die auf die eine alte Form _Godeberaht_ zurückgehen.

So zeigt auch die Sprache, was wir an der Natur so sehr bewundern, eine unendlich reiche Entfaltung eines einzigen Keimes, und zwar mit verhältnismäßig geringen Mitteln.

6.

Fremdsprachige (kirchliche) Namen.[19]

Trotz der eben geschilderten Lebenskraft und Zähigkeit der altdeutschen Personennamen war es unausbleiblich, daß bei der andauernden Einwirkung der fremden Gelehrsamkeit, die ja schon im Zeitalter der Ottonen (10. Jahrh.) zu einer deutschen Literatur in lateinischer Sprache führte, und bei der zunehmenden Macht der Kirche endlich auch fremde Namen Eingang gewannen. Bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts ist die Anzahl dieser in Deutschland auftauchenden kirchlichen, also hebräischen und griechisch-lateinischen Taufnamen verschwindend klein; seit der Hohenstaufenzeit aber und dem gesteigerten Verkehr mit Italien nimmt ihre Zahl sehr zu. Die ersten sind die Namen der hervorragendsten Apostel _Johannes_, _Petrus_, _Paulus_, _Jacobus_, auch _Philippus_ (so unter den Hohenstaufen selbst ein Philipp von Schwaben); daran schließt sich eine Reihe Heiliger, als: _Martin_, _Michael_ (der Erzengel), _Christoph_, _Georg_. Letztere jedoch, so unverdächtig kirchlich ihre Namen klingen, wurzeln im tiefsten Grunde noch in altheidnischem Boden. Wie sonst vielfältig, haben sich auch hier volkstümlich-heidnische Vorstellungen unter einem nur leicht darüber geworfenen christlichen Gewande erhalten. Bekannt ist die Legende vom _h. Christophorus_, der das Christuskind durch das tiefe Wasser trägt und daher eben seinen Namen (Christusträger) empfängt. Ebenso trägt nach der nordischen Mythe der Gott Thor (Donar) durch gewaltige Ströme gehend den Oervandil auf seinen Schultern, und wie Thor hat auch der _h. Christoph_ rotes Haar und wurde vom Volke zum Schutzpatron gegen Blitz und Wetterschaden gemacht.

In _St. Georg_ dem Drachentöter haben wir unverkennbar den alten deutschen Nationalhelden Siegfried vor uns, der selbst wieder nur die verjüngte und vermenschlichte Wuotansgestalt ist.

Am merkwürdigsten aber ist es, wie der _h. Michael_ in die Stelle Wuotans getreten ist. Warum haben neben ihm die beiden andern Erzengel _Raphael_ und _Gabriel_ keinen Platz gefunden? Zunächst war ihm schon sein Name günstig, der an das altdeutsche michel (groß) anklang; dann aber erinnerte der Erzengel die jungen Christen dadurch an ihren Gott, daß er der Führer der himmlischen Heerscharen (caelestis militiae signifer) und der Vorsteher des Paradieses ist. Wie Wuotan die Seelen der gefallenen Helden empfängt und nach Walhalla führt, so wird von Michael gelehrt, daß er der Fürst der Engel und von Gott mit dem Amte betraut sei, die Seelen der abgeschiedenen Christen in Empfang zu nehmen und ins Paradies einzuführen.

So lehnen auch diese Heiligen sich noch an das altgermanische Heidentum, dessen Anschauungen und Gestalten unter der durchsichtigen Hülle christlicher Benennungen fortleben.

Ferner setzte sich eine Reihe von ~Ortsheiligen~ fest, die besonders in einzelnen Landschaften, Städten usw. als Heilige und Schutzpatrone verehrt wurden. So _Gallus_ und _Columban_ im Bereiche von St. Gallen, _Stephanus_ in Österreich, _Kilian_ der Franken-Apostel in Würzburg, _Martin_ in Mainz, _Florentius_ in Holland. Ihre Namen wurden Täuflingen beigelegt und wurden sehr natürlich Lieblingsnamen des Volkes in dem jedesmaligen Bereich.

Verwandt mit diesen Lokalheiligen sind die ~Schutzheiligen einzelner Stände~. _St. Georg_, der Drachensieger im ritterlichen Harnisch, war der Patron der Ritterschaft. Ähnlich wurde der _h. Nicolaus_, ursprünglich Bischof von Myra in Syrien (Kleinasien), als Patron der Kaufleute und Seefahrer angesehen, seitdem im 11. Jahrh. italienische Kaufleute seine Gebeine glücklich nach Bari in Unteritalien entführt hatten. Daher nun unter anderem die vielen Nikolaikirchen, besonders auch im Norden Deutschlands, z. B. in Berlin, Stettin, Hamburg, daher die Beliebtheit des Namens als Taufname in früherer Zeit.[20]

So drang allerdings ein immer breiter werdender Strom neuer, fremdsprachiger Namen ein; aber eine eigentliche Hochflut brachte erst das 16. Jahrhundert, das Zeitalter der Reformation. Mit Eifer wandte sich das Volk dem neu erschlossenen Buch der Bücher zu und holte sich dort nicht nur seine Glaubenslehren, sondern auch seine Namen. Aus dem alten und neuen Testamente, von Adam und Eva bis zur Offenbarung Johannis herab, entlehnte man sie. Im Gegensatze zu dem Protestantismus betonte der Katholizismus die Heiligenverehrung noch stärker und fügte den schon früher eingeführten Heiligennamen eine große Zahl neuer hinzu; man kann sie eben daran erkennen, daß sie ziemlich ausschließliches Eigentum der Katholiken sind, z. B. _Ignatius_, _Vincenz_, _Aloys_, _Xaver_, _Seraphin_.

Als nun vollends durch den dreißigjährigen Krieg das nationale Leben in seinem Kern angegriffen und auf ein Jahrhundert fast erstickt wurde, da riß wie in Sprache und Literatur, so auch in der Namengebung eine vollständige Verwilderung ein. Doch ist das hier glücklicherweise von geringerem Belang, weil längst der große Wendepunkt eingetreten war, da die Personennamen fest wurden und sich die Familiennamen bildeten. Auf diesen schon im 13. und 14. Jahrhundert in der Hauptsache zum Abschluß gekommenen Prozeß hat die spätere Überschwemmung mit fremden Namen wenig mehr einwirken können, daher wir uns hier mit diesen kurzen Hindeutungen begnügen.

7.

Das Festwerden der Namen: Bildung der Familiennamen.

Bei den einfachen Verhältnissen der früheren Jahrhunderte, solange eben das Leben auf engere Kreise beschränkt war, hatte ~ein~ Name zur Bezeichnung einer Person genügt. So noch während der Herrschaft der sächsischen, der fränkischen Kaiser. Die Bevölkerung war verhältnismäßig dünn und dazu der Hauptmasse nach bodenständig; jeder, vom Grafen bis zum letzten Hörigen, war ein mehr oder weniger abhängiges Zubehör der Scholle, die ihn nährte, des Gaues, der Grafschaft. Jeder kannte seine Nachbarn, Aus- und Einwanderung fand, die slawischen Marken abgerechnet, nur in geringem Maße statt. Handel und Verkehr war nicht bedeutend, da die abendländischen Völker wenig Bedürfnisse hatten und was sie brauchten, meist selbst erzeugten. Da bedurfte es der Geschlechtsnamen so wenig, als noch heutzutage im Innern der Familie. Aber allmählich änderte sich die Sache. Die Bevölkerung wurde dichter. Es kamen die Kreuzzüge und bewirkten mannigfachen Wechsel im Besitztum; das Land wanderte in die Stadt, Fremde siedelten sich hier neben Fremden an; Handel und Wandel nahm zu und mit ihm die Zahl der gerichtlichen Verträge und Urkunden. So genügte die alte Bezeichnungsweise nicht mehr. Da überdies viele der alten Namen erloschen waren, andere, ursprünglich verschiedene, in der im gewöhnlichen Leben gebrauchten Form zusammenfielen (z. B. _Baldhard_, _Baldram_, _Baldewin_ in der Form Baldo, vgl. S. 23), so war es unausbleiblich, daß besonders an den Brennpunkten des Verkehrs, in den Städten, derselbe Name sich bei vielen Personen wiederholte. Wie häufig der Name Wilhelm bei den Normannen gewesen, ist vorhin schon erwähnt (S. 22). So finden wir ferner in Köln unter den Ministerialen in den Jahren 1141 bis 1159 nicht weniger als zwölf verschiedene _Hermann_. Ähnlich war in Basel der Name _Burkhard_, in Zürich _Heinrich_ verbreitet. Endlose Verwechselungen und Verwirrungen mußten daraus im täglichen Leben entstehen. Und wie unvollkommen war eine Unterschrift in dieser Art, wie eine Urkunde des Bistums Basel aus dem Jahre 1095 von 19 Personen bezeugt wird, die außer dem _dux Bertholdus_ (nämlich von Zähringen) und _comes Erimannus_ nur mit ihrem einfachen Personennamen unterschrieben sind: _Arnolt_, _Sigebolt_, _Ruodolfus_ usw., zweimal _Burchardus_ und zweimal _Cuono_, wo es dann höchst einfach heißt: _Cuono, item Cuono_!

Die Notwendigkeit einer genaueren Bezeichnung und Unterscheidung machte sich gebieterisch geltend, im täglichen Leben wie bei Ausstellung von Urkunden. Um zu wissen, welcher Hermann oder Heinrich oder Johannes unter den vielen dieses Namens denn gemeint sei, mußten allerhand Zusätze gemacht werden, wodurch die einzelnen genauer gekennzeichnet wurden. Dieselben bestanden in dem Personennamen des ~Vaters~ oder in der Angabe des ~Amtes~ und der ~Beschäftigung~, oder sie waren von besonderen, an einer Persönlichkeit hervortretenden ~Eigenschaften~ oder endlich von dem ~Wohnsitz~ entlehnt. So finden wir unter jenen zwölf _Hermann_ in Köln einen _Razo’s_, einen Sohn _Ditwigs_, einen ~Vogt~, einen ~Schultheiß~ (Amt), einen ~roten~, einen ~weißen~, einen ~mit dem Bart~ (Eigenschaften), einen ~vom Neumarkt~ (Wohnung).

Diese Zusätze nun gingen auf die Nachkommen über, sie befestigten sich in der Familie und wurden so allmählich zu Familiennamen, wie dies bei den einzelnen Klassen derselben näher nachgewiesen werden soll. Erst dies, daß solche Zusätze nicht bloß eine bestimmte einzelne Person näher kennzeichnen, sondern auch auf die Nachkommen forterben, macht ja das Wesen der Familien- oder Geschlechtsnamen aus.