Die Deutschen Familiennamen, geschichtlich, geographisch, sprachlich
Part 2
Das ist die Bedeutung, welche die Namenkunde nach der sprachlichen Seite hat. Aber in der Sprache spiegelt sich der Geist des Volkes, und in ganz besonderem Maße gerade in den Namen. Ihren Stolz und ihre Sehnsucht, ihren Glauben und ihren Aberglauben, ihre ganze Lebensanschauung haben ursprüngliche Völker, wie das germanische, in ihre Namen gelegt. Und weiter, auch die späteren Entwickelungen im Leben des Volkes, in Sitten und Einrichtungen, Zuständen und Anschauungen lassen hier ihren Niederschlag zurück, so daß wir ein gutes Stück unserer Kulturgeschichte an den Familiennamen herabbuchstabieren können. Dieselben gleichen den Versteinerungen der Urzeit: aus den Umwälzungen früherer Perioden sind sie übrig geblieben als Zeugen von dem, was einstmals war. Freilich ist es schwer und oft gar nicht mehr möglich, die Bedeutung mancher Namen zu ergründen; aber wo es möglich ist, da erschließen sich uns ganz neue, unverfälschte Quellen für die Erkenntnis der Denk- und Sinnesart unseres Volkes in längst vergangener Zeit. So ist es denn keine undankbare Mühe, es ist eine schöne und nach mehr als einer Seite hin lohnende und fruchtbringende Beschäftigung, in diese reiche Welt der Namen zu gehen, das nur schlummernde Leben in den scheinbar kalten und toten Zeichen wieder zu erwecken, der stillen Sprache zu lauschen, die sie, die unsere Vorfahren durch sie zu uns reden.
„Vergangenheit entsteigt dem dunklen Grab Und gibt uns manche wundersame Kunde.“
1.
Die Elemente der deutschen Familiennamen (dreifache Schicht).
Die deutschen Familien- oder Geschlechtsnamen sind als solche, wie schon in der Einleitung hervorgehoben ist, verhältnismäßig jung; erst im Ausgange des Mittelalters, im 12. bis 14. Jahrhundert, haben diese vom Vater auf den Sohn vererbenden Bezeichnungen sich allmählich festgesetzt. Die Elemente jedoch, aus welchen sich damals die Familiennamen gebildet, gehen meist viel weiter zurück; es lassen sich darin ~drei Schichten~ unterscheiden, die sich wie Geschiebe eines Gebirges auf- und ineinander gelagert haben. Diese sind:
1. ~alteinheimische~, ursprünglich heidnische ~Personennamen~, d. h. nicht forterbende Benennungen einzelner Personen (z. B. _Albrecht_ und _Arnold_);
2. später dazugekommene _fremde Personennamen_ aus christlicher Zeit (z. B. _Peter_ und _Paul_).
Beide Klassen haben das gemein, daß sie von Hause aus Personen- oder Einzelnamen gewesen sind und auch nach ihrem Festwerden (als Familiennamen) großenteils noch daneben als Personen-, d. h. nunmehr ~Vor~namen, verwendet werden. Zu ihnen gesellt sich nun aber
3. eine dritte Klasse von ~Bezeichnungen~, ursprünglich nur unterscheidende Zusätze zu den Personennamen der beiden ersten Schichten: Namen jüngster Periode (z. B. _Weber_ und _Wittenberg_).[1]
Betrachten wir zunächst die beiden ersten Schichten genauer, um ein möglichst anschauliches Bild von den Grundlagen zu gewinnen, auf denen die Bildung unserer Familiennamen beruht.
2.
Die Personennamen überhaupt -- ein Spiegel des Volksgeistes.
Namen der Griechen, Römer, Israeliten.
Daß in den Eigennamen eines Volkes sich der Geist dieses Volkes, der Charakter desselben in seiner Eigentümlichkeit abspiegele, nicht minder als in seinen Sitten und Taten, dieser Satz gilt in besonderem Maße von den ältesten Namen, welche sich bildeten, da das Volk noch unberührt von fremden Einflüssen, in voller Selbständigkeit sich entwickelte. So redet eben durch die Namen die uralte Vergangenheit zu der Gegenwart, die Vorfahren reden durch sie zu den nachkommenden Geschlechtern und enthüllen ihnen ihren Geist und Sinn.
Werfen wir zum Beweise einen vergleichenden Blick auf die drei Völker, welche für uns die Hauptvölker des Altertums sind, die Griechen, die Römer und die Israeliten, so treten uns hier die allerbezeichnendsten Verschiedenheiten entgegen.
Das edle, hochbegabte Volk der ~Griechen~ zeigt auch in seinen Personennamen eine reiche Phantasie, einen ~idealen~ Schwung. Die Namen gehen überwiegend auf das Geistige, auf edle Eigenschaften und Beschäftigungen. Das beweist die Fülle der Namen, die auf _kles_ (Ruhm) endigen: _Perikles_ (sehr berühmt), _Sophokles_ (durch Weisheit berühmt), _Themistokles_ (durch Gerechtigkeit berühmt), _Kallikles_ (durch Schönheit berühmt) -- oder die mit der Silbe _kle_ anfangen: _Kleophanes_ (ruhmstrahlend). Viele beziehen sich auf das ~Vorangehen~ und Erster sein, gleichsam Bezeichnungen für Männer, die jenen homerischen Wahlspruch: „Stets der Beste zu sein und vorzustreben den andern“ in sich zur Verkörperung gebracht haben. So die mannigfachen Bildungen von _Aristos_ (der Beste), ferner Namen wie _Poliarchos_ (Stadtherrscher), _Agesilaos_ (Volksführer), _Eurysthenes_ (weit gewaltig) -- auch _Thrasybulos_ (kühn im Rat), _Megistophron_ (das Größte denkend). Auf ~Kampf~ und Sieg gehen _Nausimachos_ (zu Schiffe kämpfend), _Nikophanes_ (siegprangend). Wie jedoch jene homerischen Helden das Wort ebenso trefflich zu handhaben wissen wie das Schwert, so stellt sich neben die kriegerischen Namen eine fast ebenso lange Reibe von Namen, welche die ~Beredsamkeit~ feiern, z. B. _Aglaophon_ (herrlich redend), _Anaxagoras_, _Protagoras_ -- letztere zum Beweise, wie hoch der Grieche seine _Agora_, die Volksversammlung, hielt. Aber in der Reihe dieser edlen und ruhmwürdigen Eigenschaften ist auch die ~Götterfurcht~ unvergessen; den Beweis geben die vielen mit _Theos_ (Gott) zusammengesetzten Namen, wie _Theodotos_ (gottgegeben), _Timotheos_ (Ehregott), dazu mannigfache Ableitungen von den Namen einzelner Gottheiten, von _Dionysos_ (Bacchus): _Dionysios_, von _Hera_ (Juno): _Herodotos_, von _Apollon_: _Apollonios_. Im Einklange damit stechen unter den Tieren in der Namengebung hervor der Löwe, das königliche Tier, in vorgeschichtlicher Zeit in Griechenland einheimisch: _Leon_, _Timoleon_, das edle Roß, dem Poseidon heilig, in besonders zahlreichen Namen: _Hippias_ und _Hipparchos_, _Hippokrates_, _Philippos_, _Aristippos_.
Während so die griechischen Personennamen ein ideales, poetisches Gepräge haben, indem edle, meistens geistige Eigenschaften in ihnen anklingen, bilden dazu den allerschroffsten Gegensatz die ~Römer~. Hier ist von Poesie und Idealität wenig zu finden; die römischen Namen haben ein durchaus ~prosaisches~ Gepräge und bewegen sich meist in einer sehr niederen Region. Zunächst halten sie sich an die erste und hauptsächlichste Beschäftigung der alten Römer, den ~Ackerbau~: _Agricola_ (Landbauer), _Fabius_, _Cicero_, _Piso_ (Bohnen-, Erbsen-, Wickenmann),[2] und in Zusammenhang damit an die Viehzucht: _Porcius_ (Schweinezüchter), _Asinius_ (Eselzüchter). Schon hierbei kann es befremden, daß die großen Römerhelden keine edleren Namen führten als Bohnenmann, Erbsenmann, Schweinemann. Doch mögen wir diese Namen trotz ihrem Erdgeruche noch gelten lassen, da der Ackerbau die Grundlage des römischen und überhaupt jedes italischen Gemeinwesens war und derselbe allewege eine hochehrenwerte Beschäftigung ist. Es ist freilich etwas Hausbackenes und Massives,[3] aber doch immer etwas sehr Praktisches und Solides in den Namen dieses Schlages. Aber was soll man zu der langen Reihe der Namen sagen, die von ~äußerlichen Zufälligkeiten~ und ~Gebrechen~ hergenommen sind, wie _Niger_, _Rufus_, _Flavius_, _Livius_ (der Schwarze, der Rote, der Gelbliche, der Bläuliche), _Longus_, _Paullus_, _Crassus_, _Macer_ (der Lange, der Kleine, der Dicke, der Magere), _Calvus_ (der Kahlkopf), _Capito_ (der Großkopf), _Naso_ (der Nasenkönig), _Paetus_ (der Schieler), _Caecus_ (der Blinde), _Balbus_ (der Stammler), _Claudius_ (der Lahme), _Plautus_ (der Plattfuß), _Scaurus_ (der Klumpfuß) -- die Reihe ist fast endlos, ich breche ab, um nicht durch fernere Aufzählung zu ermüden. Ist es doch, als käme man in ein Lazarett oder eine orthopädische Anstalt! Das Äußerste jedoch in nüchterner Prosa und Armut an Erfindungsgabe leisten die Zahlnamen: _Secundus_, _Tertius_, _Quintus_, _Sextus_ (mit mehrfachen Ableitungen wie _Sextius_, _Octavianus_), die bloß herzählen, daß jemand der zweite, dritte usw. Sohn seines Vaters sei. Welche geistige Armut, wenn ein Vater seinem Kinde nichts weiter im Namen mitzugeben weiß, als daß es Nr. 2, Nr. 3 ist!
Diese Namen, welche eben die römische Namengebung beherrschen, verraten einen großen Mangel des römischen Geistes, eine starke Einseitigkeit der Anschauungs- und Auffassungsweise. Fürwahr, man braucht nur diese Namenliste anzusehen, um kühnlich zu prophezeien, daß ein solches Volk auch auf geistigem Gebiete, besonders in der Dichtung, wenig leisten werde. Auf ~solchem~ Boden können die goldenen Hesperidenäpfel der Poesie schwerlich gedeihen. Dagegen bekundet eine derartige Namengebung eine hervorstechende Anlage und Neigung zum Auffassen menschlicher Schwächen, d. h. zur ~Satire~. In der Tat ist auch die Satire der einzige Zweig der poetischen Literatur, worin die Römer etwas Bedeutendes, Ureigenes geschaffen haben.
Ein Element, welches schon in der griechischen Namengebung, doch nur in zweiter Reihe hervortrat, der ~fromme Sinn~, die alles auf die Gottheit beziehende Lebensanschauung, kommt zur vollen Entfaltung bei den Orientalen, namentlich dem Volke der Israeliten. Dies wird durch das Vorwiegen der Namen bezeugt, die mit der Silbe _ja_ (jo, je) -- Abkürzungen von Jehova (Jahve) -- oder mit _el_ anfangen oder auch schließen. Beides bedeutet „Gott“, also[4] _Josua_ (dessen Hülfe Jehova ist), _Johannes_ (den Jehova geschenkt hat), mit ähnlichem Sinne _Jonathan_ (den Jehova gegeben), _Josaphat_ (dem Jehova Recht schafft); -- _Obadja_ (Knecht Gottes, vgl. arabisch Abdallah), _Sacharja_, _Zacharias_ (dessen Jehova gedenkt); -- _Elimelech_ (dem Gott König ist), _Elieser_ (dem Gott Hülfe ist), in derselben Bedeutung _Eleasar_ (Lazarus); -- _Nathanael_ (den Gott gegeben), _Joel_ (die beiden Gottesnamen verbunden: dem Jehova Gott ist). Hieran reihen sich noch mehrere, bei welchen diese Beziehung nicht ausdrücklich ausgesprochen, aber doch leicht zu ergänzen ist, z. B. _Nathan_, abgekürzt aus Jonathan, _Saul_ (der Erbetene, nämlich von Gott).
3.
Die altgermanische Namenwelt.
Wenden wir uns, nachdem wir dies vorausgeschickt, zu unserm Volke in seiner ungetrübten Ursprünglichkeit und fragen: Was ist das Eigentümliche der altgermanischen Namengebung?
Der Geist und Sinn, die ganze Anschauungsweise eines ursprünglichen Volkes spricht sich bezeichnend aus in den Vorstellungen, die es sich vom Übersinnlichen, von der Gottheit macht. Wie Gott die Menschen schuf nach seinem Ebenbilde, so denkt sich umgekehrt der Naturmensch die Gottheit gern nach ~seinem~ menschlichen Bilde. Was ihm als das Höchste erscheint, das überträgt er auf jene und stellt somit einen Spiegel auf seines eigenen Selbst. Wie hat nun der Germane sich die Gottheit gedacht? Hören wir darüber den beredten Mund eines neueren Forschers, der sich in der Hauptsache folgendermaßen ausspricht: „Während andere Völker die stille, starre Ordnung der Himmelskörper, der Gestirne, über alles andere gefeiert und das Leben der Menschen zu einem Abbilde dieser stillen, starren Ordnung zu machen gesucht haben; während wieder andere das in den Entwickelungen der Dinge bemerkbare Ebenmaß und die Schönheit des lebendigen, organischen Maßes, die Harmonie gefeiert haben -- hat die germanische Glaubenslehre an die Spitze aller Götterfiguren eine Personifikation gestellt des ungebrochenen, rastlos jagenden, todverachtenden ~Heldengeistes~, den Wuotan.[5] Damit ist der ungebrochene, gottbewegte, persönliche Heldensinn über alles andere gesetzt und zum höchsten Gegenstande der Verehrung und des sittlichen Strebens gemacht.“ (H. Leo, Vorlesungen I, 109).
Diesen stürmischen Heldengeist zeigt unser Volk von seinem ersten Auftreten in der Geschichte an. Heftig und ungestüm war die Kampfesart der Germanen, zumal ihre ersten Angriffe zu Beginn der Schlacht, und nur der überlegenen Kriegskunst der Römer gelang es, die furchtbare Kraft derselben zu brechen.[6] So in dem Kriege der Cimbern und Teutonen, welche fünf Jahre hindurch alle gegen sie ausgesandten Heere der Römer schlugen und vernichteten, bis es endlich dem großen Feldherrn Marius gelang, den Sturm zu beschwören und das drohende Verderben von Rom abzuwenden; so in dem Kampfe Cäsars mit Ariovist, so in allen nachfolgenden Kämpfen, bis zu dem gewaltigen Gewittersturm der Völkerwanderung.
Bekannt sind die Zeugnisse des Tacitus für die Tapferkeit der Germanen (_nullus mortalium armis aut fide ante Germanos_). Krieg und gefahrvolle Unternehmungen waren ihre Lust -- daher jene nie gesättigte Begier nach Abenteuern, die Gier, Gefahrvolles aufzusuchen und mit dem Furchtbaren zu kämpfen; daher auch im Frieden die Lust, auf ungemessenen, ungebahnten Pfaden das Wild zu jagen. „Wer hat mehr Mut“, ruft der Römer Seneca, „als die Germanen? Wer stürmt mit größerer Gewalt? Wer liebt leidenschaftlicher die Waffen, mit denen sie gleichsam geboren, in denen sie aufgezogen werden? Die allein sind ihre Sorge, alles andere kümmert sie wenig.“ (Sen. de ira I, 11.) Im Einklang damit läßt der jüdische Schriftsteller Josephus den König Agrippa zu den Juden sagen: „Ihr habt ohne Zweifel von den Germanen gehört. Ihr habt ihre Stärke gesehen und die Größe ihrer Gestalt. Sie haben aber einen Geist, der größer ist als ihre Leiber, eine Seele, die den Tod verachtet, und einen grimmigern Zorn als die wilden Tiere.“
Dieser wilde Kriegsmut ist der „_furor Teutonicus_“, der im Altertume wie zum Sprichwort geworden noch von viel späteren Schriftstellern oftmals erwähnt wird.
So war der Geist unserer Ahnen, und diese todesverachtende Kühnheit, dieser wuotanische Heldensinn spiegelt sich ab auch in der Namengebung jener Zeit, des Heroenalters unseres Volkes. Und wenn uns keine Geschichte und keine Sage Kunde gäbe, so würden diese zahlreichen männlichen und auch weiblichen Namen vernehmlich genug sprechen, die da wiederklingen von ~Waffen~ und ~Krieg~ und ~Kampf~ und ~Sieg~.
_Hild_, _Gund_, _Had_, _Bad_ und _Wig_ sind lauter Ausdrücke für Kampf, Schlacht, Krieg, Wortstämme, die, sonst in unserer Sprache längst erstorben, nur noch in den Namen und zwar hier um so häufiger fortleben. Es ist hier nicht der Raum, alle die Ableitungen und Zusammensetzungen aufzuzählen, von denen die Sprache damals eine staunenswerte Menge und Mannigfaltigkeit besaß. Nur zur Probe wollen wir, um an einem Worte diesen Reichtum zu zeigen, die von dem Stamme _hild_ gebildeten Namen vollständiger hersetzen:[7]
_Hildibald_, _Hildibern_, _Hildiberht_, _Hildibodo_, _Hildibrand_ -- _Hildidag_ -- _Hildifrid_, _Hildifuns_ -- _Hildigang_, _Hildigar_, _Hiltigast_, _Hildegaud_, _Hildegern_, _Hildigis_, _Hildigrim_ -- _Hildehoc_ -- _Hildelaic_, _Hiltilant_, _Hiltileip_, _Hiltilouc_ -- _Hildiman_, _Hildimar_, _Hildimod_, _Hiltimund_ -- _Hildinand_ -- _Hildirad_, _Hiltiram_, _Hildiric_, _Hiltiroch_ -- _Hiltiscalh_, _Hiltistain_ -- _Hildulf_ -- _Hildowald_, _Hildiwar_, _Hildiward_, _Hildiwerc_, _Hiltiwic_, _Hildiwin._
Dabei sind die weiblichen Namen, wie _Hildigunda_, _Hildiburg_ (von denen späterhin!) noch gar nicht berücksichtigt.
Von dem Stamme _Gund_ kommen, um nur wenige Namen herauszugreifen, _Gundachar_ (Kriegskämpfer), _Gundobert_ (kampfprangend), _Gundemar_ (kampfberühmt);
von _Wig_: _Wigand_ (Kämpfer), _Wiglef_ (Kampfessohn), _Chlodowech_ (Ruhmeskampf), der Frankenkönig des 5. Jahrhunderts.
Zu Kampf und Schlacht gehören ~Waffen~. Auch diese sind zahlreich vertreten. Haben sich doch ganze Völkerschaften danach genannt, wie z. B. die Sachsen nach ihren langen Kriegsmessern, althochdeutsch _sahs_, angelsächsisch _seax_, nach welchen selbst ein Gott, der Kriegsgott der Germanen, _Saxnot_ (Schwertgenoß) benannt ist.[8]
Die deutsche Nationalwaffe, die ~Frame~ (bei Tacitus), ein Spieß mit schmalem, kurzem Eisen, geschickt für den Nahkampf wie für den Fernkampf, für Stoß und Wurf, begegnet in _Framhard_ (speerkräftig) -- das althochdeutsche _ger_, Wurfspeer, in _Gairebald_ (gerkühn), _Garibert_ (gerprangend), _Ansigar_, altsächsisch _Osgar_ (Asenspeer d. i. Götterspeer); -- das ~Schwert~, _ecka_ (Schwertecke = Schneide, Stamm _ag_) in _Agabert_ (schwertglänzend), _Agihard_, _Ekkihart_ (schwertstark).
Die Schutzwaffen treten zurück; waren doch die alten Germanen damit kärglich ausgerüstet: fast mit nacktem Leibe, nur mit einem langen, schmalen Schilde aus Holz und Leder traten sie furchtlos den wohlausgerüsteten römischen Legionären entgegen.
Der Schild heißt ~Rand~, daher _Rantowic_ (Schildkämpfer), _Bertrand_ (leuchtender Schild).
Panzer besaßen die Germanen auch zu Armins Zeiten noch nicht, selbst nicht einmal eigentliche ~Helme~. Statt dessen setzten sie die Kopfhaut von erlegten Tieren auf, deren Fell zugleich als Mantel die Schultern bedeckte. Daher die Namen _Bernhelm_, _Ebarhelm_, _Wolfhalm_. Doch später, als sie in der Kunst des Schmiedens sich vervollkommnet, traten eherne Helme an die Stelle, und somit gewannen Namen wie _Helmperht_ (helmglänzend) eine Berechtigung.[9]
Die kriegerische Eigenschaft der ~Kraft~ und ~Stärke~ klingt an in _magan_, _megin_: _Maganhard_ (machtstark), _Magnobod_ (mächtig gebietend); in _ellan_, got. _aljan_: _Ellanperht_ (kraftglänzend), _Aljanmot_ (kraftmutig) -- die ~Kühnheit~ in besonders vielen Namen; dahin gehören vor allem die zahlreichen Bildungen mit _bald_: _Baldawin_ (kühner Freund), _Liutbald_ und _Theudobald_ (sehr kühn), _Hunibald_ (riesenkühn); ferner die Zusammensetzungen mit _nand_: _Nandulf_ (kühner Wolf), _Siginand_ (siegeskühn).
Die Gesamtheit der freien, waffenfähigen Männer bildete bei den Germanen das ~Heer~, althochd. _hari_, _heri_, altfränkisch _chari_. Hierher gehört, um den ältesten überlieferten Namen voranzustellen, wahrscheinlich das im römischen Munde wohl etwas entstellte _Ariovist_, sicher aber _Hariman_ (Heeresmann),[10] _Hariberaht_ (heerglänzend), _Cariovalda_ (der heerwaltende), Bataverfürst des 1. Jahrh. (Tac. Ann. II, 11); dann besonders die vielen Namen, deren zweiter Teil aus diesem Worte besteht, wie _Raganhar_, _Werinheri_.
Aber die Tapferkeit der Germanen, so stürmisch sie war, war doch kein bloßes Dreinschlagen, das des ~klugen Rates~ entbehrt hätte. Wuotan ist nicht allein der Gott des Sturmwindes, sondern auch der der Weisheit, und neben den stürmenden, alles vor sich niederwerfenden Wate des Gudrunliedes stellt sich der kluge Frute. Welchen Wert die Germanen auf einsichtsvollen Rat gelegt haben, lehren nun auch lange Reihen von Namen. Da sind die mit _rat_: _Adalrad_, _Chuonrat_; da ist _ragan_ (Rat): _Raganfrid_, _Raginmund_; _mathal_ (Versammlungs-, Beratungs- und Gerichtsort des Volkes): _Mathalwin_; _hugu_ (denkender Geist): _Hugubert_.
Solchem mit Kraft und klugem Rate zugleich geführten Kampfe kann der ~Sieg~ nicht fehlen: _Sigifrith_, _Sigiberht_, _Sigimund_ und mit erweitertem Stamme _Sigismund_ (Siegschutz, durch Sieg schützend).
So hören wir alles von Schwertergeklirr und Waffenklang wiederhallen, wir hören die Tapferkeit der Germanen heraus, ihren Schlachtenmut, ihre Siegesfreude; wir begreifen, daß Leute, die Krieg und Jagd für die einzigen eines freien Mannes recht würdigen Beschäftigungen hielten, die sich am liebsten nach ihren Waffen, nach Schwert und Lanze nannten, daß diese wohl ihren Nachbarn furchtbar sein mußten, ja den bis dahin unbezwinglichen Römern ein „bis hierher und nicht weiter!“ zurufen konnten.
Das mächtige ~Walten~ nach Kampf und Sieg liegt in _Waldomar_ (im Walten berühmt), _Sigiwalt_, _Chraftolt_; -- ferner in _rich_ (mächtig): _Ricohard_, _Frithuric_, _Ermanarich_ (der Gotenkönig aus dem 4. Jahrhundert, welcher sich in dem Schmerz über die Zurückdrängung seines Volkes durch die Hunnen im 110. Lebensjahre selbst den Tod gab).
Der mit solchem Siegen und Walten verbundene ~Ruhm~ wird, abgesehen von dem überaus häufigen _beraht_, _bert_, besonders durch die Stämme _hlod_, _hrod_ und _hrom_ dargestellt: _Chlodowald_ (ruhmwaltend); _Hrodegang_ (Ruhmesgänger), _Romuald_ (ruhmwaltend); ferner durch _mar_, schon seit dem 1. Jahrhundert in Namen wie _Catumer_, _Inguiomer_ (Armins Oheim, Tacit. Ann. I, 60).
Im vollen Einklang hiermit werden auch in den aus der ~Tierwelt~ entlehnten Benennungen starke, kampflustige, herrschende Tiere entschieden bevorzugt, solche, deren Schönheit, Kraft, Schnelligkeit der Germane bewunderte, wenn er auch mit ihnen als Jäger oder Hirt in Fehde lag.
Der Herrscher von Wald und Heide, der grimmige ~Bär~, nahm einst in der Anschauung des Nordens die Stelle ein, aus welcher ihn später der fremdländische Löwe verdrängt hat: er war König der Tiere. Daher die Namen: _Berinhard_, _Beringar_, _Isanpero_.
Nicht minder passend, als Sinnbild der Größe und Stärke, ist der ~Ur~, das gewaltigste einheimische Tier, oft im Kampfe mit dem Bären: _Urold_, _Uremar_. Beiden schließt sich der ~Eber~ an, ebenfalls durch wilde Stärke ausgezeichnet. Einfach _Ibor_ (Eber) hieß der älteste, uns überlieferte Anführer der Langobarden aus dem 4. Jahrhundert; am bekanntesten ist _Ebarhard_.
Herrscher im Reiche der Lüfte ist der ~Aar~: _Arnoald_ (waltend wie ein Aar).
Doch die beiden königlichen Tiere Bär und Adler treten zurück gegen zwei andere von scheinbar geringerer Bedeutung: ~Wolf~ und ~Rabe~. Dies rührt daher, weil letztere heilige Tiere sind. Freilich war auch der Eber schon ein geheiligtes Tier, doch nur des Gottes Fro, während Wolf und Rabe Diener des höchsten Gottes Wuotan sind. Zwei Wölfe, _Geri_ und _Freki_ (gierig und frech d. i. kühn), und zwei Raben, _Huginn_ und _Muninn_ (Gedanke und Erinnerung), sind Wuotans ständige Begleiter. Jene begleiten ihn als seine Hunde, wenn er in seinen Wolkenmantel gehüllt auf windschnellem Rosse auszieht. Der Wolf ist daher ein heil- und siegverkündendes Tier. Nach ihm hat der älteste Schriftsteller unserer Literatur den Namen: _Vulfila_ (Ulfila, Wölflein), der westgotische Bischof und Bibelübersetzer aus dem 4. Jahrhundert. Ganz besonders häufig ist der Name des Wolfes als zweiter Teil der Zusammensetzung in der abgeschliffenen Form _ulf_ (olf): _Athaulf_, _Maginulf_, _Ebarolf_.
Die Raben sind die beutegierigen Tiere des Schlachtfeldes, die Kriegs- und Siegesvögel und so dem Wuotan als dem obersten Schlachtenlenker heilig, der auch von ihnen den Beinamen „Rabengott“ führt. Einen Raben hatte der schreckliche Normannenhäuptling _Ragnar Lodbrokr_ auf seiner Schlachtenfahne; je nachdem er auf derselben munter in den Lüften flatterte oder seine Flügel hängen ließ, schloß man auf Sieg oder Niederlage. So haben wir nun unter anderen die Namen: _Hiltiram_ und _Gundhram_ (Kriegsrabe), _Sigihram_, _Walahram_ (Rabe des Wal d. i. der Gefallenen), _Wolfhraban_, die beiden heiligen Tiere verbunden.
Bei den von Wolf und Rabe hergeleiteten Namen stehen wir mit einem Fuße schon auf einem anderen Gebiete, welches dicht daran grenzt, auf dem Gebiete ~religiöser~ (mythologischer), von den ~Göttern~ entlehnter Benennungen. Die ungeheuchelte Ehrfurcht vor dem Heiligen, den sieg- und segenspendenden Göttern, liegt in zahlreichen Namen zu Tage.
Unser uraltes und ureigenes Wort ~Gott~ ist in _Godolef_ (gotisch _Gudilaibs_, althochd. _Cotleip_), gottgeboren, enthalten; ferner in _Godefrid_, _Godascalc_ (Gottesknecht), _Godowin_ (Gottesfreund), _Gotahard_ u. a.
Die Namen der obersten Götter: _Wuotan_, _Donar_, _Ziu_, _Fro_ werden, wohl aus religiöser Scheu, nicht zu Personennamen verwendet (nur ausnahmsweise findet sich ein _Thunerulf_ oder _Donarperht_) -- desto häufiger die allgemeinen Götternamen und die Benennungen der untergeordneten Götterwesen. So die _Ansen_ (Asen, Götter) in _Anshalm_ (der mit dem Asenhelm, Götterhelm), _Ansoin_, _Ansowald_, die uns geläufiger sind in der altsächsischen und angelsächsischen Form, wo _ans_ in _ôs_ zusammengezogen wird, also: _Osvine_, _Osvald_.