Die Deutschen Familiennamen, geschichtlich, geographisch, sprachlich
Part 10
Schon bei der ersten Festsetzung der Familiennamen mischten sich in bedeutendem Maße fremde Sprachelemente ein, und zwar ~slawische~. Als die Hauptmasse der Germanen in der Völkerwanderung nach Westen und Süden zog, wurde der Osten Deutschlands fast ganz entleert, und die aus dem fernen Osteuropa hervordringenden Slawen rückten über Weichsel und Oder in die Lücke ein. Die wenigen Germanen, welche etwa in der ursprünglichen Heimat geblieben, konnten der herandringenden Slawenflut nicht Widerstand leisten, sie mußten sich unterwerfen und verschmolzen mit den neuen Einwanderern. Erst an der Elbe staute sich die Flut, und so füllten seitdem die Slawen in ihren verschiedenen Stämmen den Osten Deutschlands bis zur Elbe und Saale, ja zum Teil noch darüber hinaus. In Mecklenburg saßen die ~Obotriten~, in Brandenburg die ~Wilzen~, ~Heveller~ u. a., in Pommern die ~Pomoren~, im Meißnischen die ~Dalemincier~, in Schlesien die ~Belochrobaten~ usw. Jahrhunderte lang sah die Elbe auf ihren beiden Ufern ganz verschiedene Völker: links die Deutschen (Sachsen und Thüringer), rechts die Slawen (Wenden), die sich in unaufhörlichen Fehden und Beutezügen bekämpften. Mit den Karolingern begann der Rückschlag; doch erst seit der Hohenstaufenzeit drang die deutsche Nation wieder mit Stetigkeit vor. Im Süden wurde durch die Stiftung des Bistums Bamberg und im Norden durch die Gründung der Nordmark an der untern Elbe die Grundlage gewonnen zu weiterem Vorschreiten. Von da ab mußten die Wenden immer weiter nach Osten zurückweichen, und in jahrhundertelangen blutigen Kämpfen wurden die ausgedehnten Landschaften zwischen Elbe und Oder, sodann zwischen Oder und Weichsel größtenteils dem Deutschtum wiedergewonnen.
So gewaltsam man auch gegen die Wenden verfuhr, es verblieben doch viele in ihrer seit Jahrhunderten eingenommenen Heimat, mischten sich zum Teil mit den Deutschen und wurden allmählich germanisiert, oder wo sie in größerer Masse zusammensaßen, behaupteten sie sogar ihre Volkstümlichkeit, ihre Sprache. So gab es in Hannover ein Wendland (im Lüneburgischen), ebenso in Altenburg, wo die höchst eigentümliche wendische Tracht sich bis zur Stunde erhalten hat; in Westpreußen bilden die ~Kassuben~, in der Lausitz die ~Sorben~ noch jetzt bedeutende, wenn auch immer mehr zusammenschmelzende Inseln im germanischen Sprachmeer; Oberschlesien ist überwiegend slawisch, und von Südost dringen die ~Tschechen~ in Böhmen wie eine Halbinsel fast bis in die Mitte Deutschlands vor.[98]
Diese ursprüngliche Grundlage des Slawischen auch in längst rückgermanisierten Landschaften bekunden noch jetzt die Ortsnamen, die entweder slawisch oder ~neu~deutsch sind. Alle Städtenamen auf -_gard_, z. B. _Naugard_ (Nowgorod = Neuenburg), alle Ortsnamen auf -_ow_, -_itz_, -_in_ -- und deren ist Legion -- sind slawisch. Wie eine Sündflut hat sich das Slawentum auf die Spuren unserer Altvordern gelegt.
Daher nun so vielfache slawische Elemente auch in den Familiennamen, besonders des östlichen Deutschland!
Zunächst sind die von slawischen Ortsnamen abgeleiteten FN. hervorzuheben, unter welchen vorschlagen die auf
-_in_ (betont): _Cammin_, _v. Schwerin_, _Stojentin_; -_itz_: _Bublitz_, _v. Dewitz_, _Nemitz_; -_ow_ (mit stummen w): _v. Flotow_, _Grabow_, _Vangerow_.
Doch sind diese nebst vielen mehr vereinzelten Bildungen, wie _Balfanz_, _Laabs_ (O. Labes), _Roggatz_, _v. Wobĕser_, nur bedingt hierher zu ziehen; denn wenn auch die Ortsnamen, welche hier zu Grunde liegen, slawisch sind, so ist doch die Art, wie dieselben mit Ergänzung eines Verhältniswortes oder auch durch einfache Übertragung (s. Kap. 13) zu Familiennamen gestempelt werden, nicht slawisch, sondern deutsch, und sie treten also zu den deutschen Familiennamen. (Näheres über diese ganze Namenklasse in dem Namenlexikon unter den Endungen _in_, _itz_ (_witz_), _ow_.)
Nach slawischer Art wird von den Ortsnamen eine Ableitung gebildet mit der Endung _ski_ (häufig im Deutschen _sky_ geschrieben), z. B. _Grabowski_, „der Mann aus Grabow“, _Kaminsky_, „der aus Kammin“. So entsprechen sich ferner Lassan -- _Lassansky_, Loschitz -- _Loschitzki_, Poblotz -- _Poblotzki_ usw. Nur diese also sind als wirkliche und vollgültige slawische Bezeichnungen anzusehen (wenn auch vielfach in halbdeutscher Schreibung).
Den adligen Namen ist im Deutschen dann noch das _von_ vorgesetzt, welches streng genommen doch nur zu dem Ortsnamen selber paßt: _von Gostkowski_ (O. Gustkow), _von Lisiecki_ (sprich Lisiëtzki), _von Zelasinski_.
Zu diesen eigentlichen slawischen Bezeichnungen treten nun, ähnlich wie im Deutschen, ~Personen~namen mit ihren mannigfachen Sproßformen:
a) ursprünglich slawische, z. B. die auf -_slaw_ (Ruhm): _Mieczyslaw_ „Schwertruhm“;
b) kirchliche: _Pawelek_ (von Paulus); _Piotr_ (Petrus) nebst _Petrik_, _Pechatschek_, _Pjatrask_ u. a.;
c) Amts- und Handwerksnamen: _Woita_ (Schulze), _Pahnke_ (Panek kleiner Herr, Junker), _Koschnik_ (Mäher), _Pigorsch_ (piekarz Bäcker) usw.
In überwiegend deutschen Gegenden sind diese Namen großenteils so umgewandelt, daß sie ein mehr deutsches Gepräge angenommen haben: _Mitzlaff_, _Pawelke_,[99] _Woith_ -- in überwiegend slawischen bestehen sie in unveränderter slawischer Fassung fort.
b) Littauische.
Littauisch Redende finden sich unter deutscher Herrschaft hauptsächlich nur noch in den nördlichsten Teilen des preußischen Regierungsbezirkes Gumbinnen, nördlich von Insterburg und Pillkallen, doch auch hier vielfach durch deutsche Ansiedelungen unterbrochen. Erst die Spitze nördlich von Tilsit, die alte Landschaft Schalauen, ist überwiegend littauisch, so daß hier die deutschen Orte als Inseln (auf Böckhs Karte gelb im littauischen Blau) erscheinen.
In den Familiennamen tritt der ursprünglich littauische Bestandteil natürlich noch in größerem Maße hervor, da auch in den deutsch gewordenen Gegenden viele Einwohner littauischen Stammes leben und die alten Namen, wenn auch teilweis entstellt, fortführen. Doch macht sich überall das Eindringen des Deutschen bemerklich, und so überwiegen littauische Familiennamen selbst unter der Landbevölkerung nur noch etwa in den Kreisen Heidekrug und Tilsit, halten den deutschen das Gleichgewicht in Memel, Ragnit, Pillkallen, bleiben aber in allen übrigen Kreisen in der Minderzahl.
Unter den littauischen Familiennamen stehen im Vordergrunde die ursprünglich ~patronymischen~ Bildungen auf -_atis_ und -_aitis_ (vgl. griech. -είδης, -ιάδης), welche dann auch verkleinernd gebraucht werden -- z. B. _Baltratis_ von Baltras (Balthasar), _Obramaitis_ von Obramas (Abraham). Gewöhnlich haben sie die Endung _is_ abgeworfen und erscheinen in der Form _at_, _eit_: _Peterat_ (von Peter), _Josupeit_ (Joseph). Am deutlichsten erkennbar sind nach ihrem Sinne die Ableitungen von Vornamen, wie die obigen; doch gibt es auch vielfache Ableitungen von Appellativen, wie _Kaprolatis_ von Kaprolas (Korporal), selbst von deutschen Stämmen: _Schneidereit_, _Schulmeistrat_.
Zu ihnen treten die Namen auf _ies_ (_i_-_es_): _Stachulies_, und auf _us_: _Schimkus_, welche mit jenen zusammen gegen 80 v. H. der littauischen Familiennamen ausmachen. Dadurch erhält die Namengebung etwas Eintöniges, wenn auch nicht zu leugnen ist, daß manche dieser Namen, wie _Adomaitis_, _Rodatis_, _Laugallies_ recht vollen Klang haben.
Auf ihrer Wanderung nach Westen erleiden diese fremdartig klingenden Namen, von ihrer Heimat abgetrennt, manche Entstellungen: _atis_ wird abgeschwächt in _ates_ (_Norekates_), _Obromeit_ abgeschliffen in _Obermeit_, die Endung _at_ erscheint in schlechter Schreibung als _adt_, _ath_, _aat_.
c) Romanische.
1. ~Französisch.~ Hier kommen weniger in Betracht die 10000 Wallonen im rheinpreußischen Kreise Malmedy und die im Reichslande Elsaß-Lothringen verbliebenen Franzosen (gegen 250000), als die Hugenotten, welche Ludwig XIV. durch seine Bedrückungen zur Auswanderung veranlaßte. Als derselbe alternd samt seiner Umgebung von leichtsinniger Sittenlosigkeit zu heuchlerischer Frömmigkeit übergegangen war, begann er die Protestanten in seinem Reiche zu verfolgen, um durch ihre gewaltsame Bekehrung sich ein Verdienst im Himmel zu erwerben. Durch Vertreibung und Hinrichtung ihrer Geistlichen, durch Schließen und Niederreißen ihrer Kirchen und Schulen, durch Wegnahme ihrer Kinder, um sie im Katholizismus erziehen zu lassen, suchte er sie zum Abfall von ihrem Glauben zu bringen, sodann durch Entziehung ihrer Gewerbsrechte und ihrer Sitze in den Gerichtshöfen, endlich durch die berüchtigten Dragonaden oder Einlagerungen von Dragonern und andern Soldaten. Schon jetzt wanderten viele Protestanten aus, und als gar durch den Widerruf des Ediktes von Nantes (1685) der Protestantismus in Frankreich für aufgehoben erklärt und auf die Ausübung dieses Kultus Todesstrafe gesetzt ward, verließen nach und nach, trotz strenger Grenzbewachung und Androhung der Galerenstrafe, viele tausend gewerbfleißige Menschen ihr Vaterland und fanden teils in den Niederlanden und in England, teils in Deutschland Aufnahme. Hier war es besonders Friedrich Wilhelm der große Kurfürst, welcher den Flüchtigen (Réfugiés) bereitwillig eine neue Heimat gewährte. Seit 1672 wurden in Brandenburg an 25000 Hugenotten aufgenommen, vorwiegend in den Städten. Daher noch jetzt die französisch-reformierten Gemeinden an vielen Orten in Preußen, z. B. in Berlin, Magdeburg, Stettin u. a., aber auch in Süddeutschland, z. B. Erlangen.
Zu Ende des 18. Jahrhunderts sind in den Stürmen der Revolution auch viele geflüchtet (Emigranten), und wenngleich die meisten später wieder nach Frankreich zurückgekehrt sind, so haben doch auch manche es vorgezogen, in der inzwischen liebgewonnenen neuen Heimat zu verbleiben, wie der Dichter _Adalbert von Chamisso_ (mit vollständigem Namen: Louis Charles Adelaïde de Chamisso de Boncourt, von dem Schlosse B. in der Champagne).
Daher nun häufig französische Namen in Deutschland, wie _Palmier_, _Bétac_, _du Mesnil_, besonders im Heere: _Loucadou_, _de Courbière_ (der „König von Graudenz“ 1806), _Forcade_, _de la Motte-Fouqué_ und viele andere, darunter manche berühmte Namen auch von Gelehrten: _Savigny_, _Michelet_, _Carrière_, _du Bois-Reymond_.
Fast immer sind diese Namen unverändert erhalten, wenn sie auch im Volksmunde manchmal wunderlich entstellt werden: _Boitelet_ in Budlee, _Généola_ in Schellack. Nur in vereinzelten Fällen ist eine Verdeutschung erfolgt; so hat sich _Buttmann_, der bekannte griechische Grammatiker, aus franz. _Boudemont_ germanisiert.
2. ~Italienisch.~ Italiener sind über die Alpen gezogen besonders als Kunsthändler und Konditoren.
Die italienischen Familiennamen enden auf _a_: _Sala_, _Bonewendura_ (entstellt aus Bonaventura) -- auf _o_: _Delmanzo_ -- meist aber und in großer Einförmigkeit auf _i_: _Bentivegni_, _Marsegli_, _Sparagnapani_, _Bertinetti_. Dieses _i_ erklärt sich als Pluralform, „einer aus der Familie so und so“, z. B. der _Cittadini_, während das Appellativ im Sing. _cittadino_ lautet. --
Ganz vereinzelt erscheinen, damit doch alle Nationalitäten Europas in Deutschland vertreten seien, selbst im Norden, am Gestade der Ostsee ~madjarische~ Familiennamen: _Böszörmeny_, _Kedesdy_. Ja dem Verf. ist ein Nachkomme eines ~Kosaken~ bekannt, mit dem klangvollen Namen _Nawitainuk_, dessen Nachkommen sich freilich _Iwan_ (russisch = Johann) nennen.
Fußnoten:
[1] Diese werden nicht als Vornamen verwendet. Wenn also ein Name sich auch als Vorname findet (z. B. _Kasten_), so liegt darin ein Beweis, daß er einer der beiden ersten Schichten angehört.
[2] _Ut quisque aliquod optumum genus sereret. Plin. hist. nat. XVIII, 3._
[3] Diesen Charakter des Derb-Massiven, das nicht selten selbst in ästhetische Roheit übergeht, hat man auch sonst in der lateinischen Sprache, zumal in der Dichtersprache, gefunden. Vgl. Frommanns fesselnd geschriebene Studie über die „Verschiedenheit des Geschmackes im poetischen Ausdruck bei lateinischen und deutschen Klassikern“ 1866.
[4] Die nachfolgenden Namen sind hier in der uns geläufigen Form der deutschen Bibel gegeben, von welcher die ursprüngliche hebräische allerdings mitunter stark abweicht, z. B. _Jochânân_ (Johannes), _Scha-ûl_ (Saul).
[5] Wuotan, niederdeutsch Wodan, nordisch Odin, der alles durchdringende Geist, der Gott des überallhin dringenden Sonnenlichtes und des in den Wolken jagenden Sturmwindes, welchem deshalb das windesgleich dahinbrausende Roß heilig ist. Er ist der Kriegs- und Schlachtengott, der die gefallenen Helden um sich sammelt in Walhalla. Auf ihn als Kriegsgott bezieht sich noch jetzt der Auszug des wütenden Heeres, das sturmesgleich hoch durch die Lüfte dahinzieht („wilder Jäger“).
[6] Ein solcher Angriff wird z. B. geschildert im Nibelungenliede Str. 2210 f.:
„Den Schild rückte Wolfhart, ein schneller Degen gut; ~Gleich einem wilden Leuen lief er auf ihn an~, Die Schar seiner Freunde ihm jäh zu folgen begann. ~Mit weiten Sprüngen setzt’ er~ bis vor des Saales Wand.“
[7] In der nachfolgenden Übersicht sind die einzelnen Namen in der, soweit erreichbar, ältesten und ursprünglichsten Form aufgeführt, ohne weitere Scheidung der Mundarten, worauf es hier nicht ankommt. Vgl. ~Abel~, Die deutschen Personennamen. ~Förstemann~, Altdeutsches Namenbuch I. Bd.: Personennamen. 1856. Zweite Auflage. 1900.
[8] Nimith eure saxas! ruft bei Nennius hist. Brit. cap. 46 Hengist den Seinen zu. ‚Von den mezzerin also wahsin Wurden sie geheizen Sahsin‘ (Annolied).
[9] Zusammensetzungen mit brunja (Brünne d. h. Panzer) und helm treten erst spät auf, im 6. Jahrh., meist erst seit dem 8. Jahrh.
[10] Lange verwechselt mit _Arminius_, welches wohl abzuleiten von dem Halbgott Irmino, dem kriegerisch dargestellten Wuotan, vgl. Irmingard und Armengardis; Irminfrid und Armenfred u. a.
[11] Es finden sich wohl Namen, die mit _lieb_ zusammengesetzt sind: _Liubgard_, mit _blid_ (freundlich, heiter): _Bliddrud_, mit _flat_ (schön): _Albofledis_ (Elfenschön) -- aber sie sind mehr vereinzelt in der Menge. Dagegen kommt nach andern Seiten hin das eigentümlich Weibliche zu entschiedenem Ausdruck. So in den auf ~Rat~ hinzielenden Namen. Wie sehr Frauenrat bei den Germanen geehrt und beachtet wurde, beweist die Sitte, daß man erst dann in den Kampf ging, wenn die Weiber durch Los oder Weissagung erklärt hatten, daß eine Schlacht ratsam sei. Man glaubte eben in Priesterinnen und anderen geistig hervorragenden Frauen eine geheimnisvolle, weissagerische Kraft. Daher nun, abgesehen von den Zusammensetzungen mit Rat, die zahlreichen Namen, die von dem Worte _run_ (Geheimnis, Zauber) gebildet sind: _Runhild_, _Friderun_ (Friedenszauberin), _Sigirun_ (Siegzauberin). Das Schaffen des Weibes im geschlossenen häuslichen Kreise heben die Namen auf _gard_ hervor, wie _Adalgard_, _Irmingard_, das ~Bergen~ (schützen, bewahren) die auf _birga_ (berga) und _burg_, die sämtlich weiblich sind: _Amalabirga_, _Dietberga_, _Sigiburg_, _Waltburgis_.
[12] Im Deutschen sind sie es fast ausnahmslos, da auch die einfach scheinenden Namen meist Kürzungen aus zusammengesetzten sind. Eine ganz sichere Ausnahme bilden nur einige partizipiale Formen, wie _Wigand_, _Heiland_.
[13] Es sind diese altdeutschen Personennamen eine Saat, die über die ganze europäische Welt ausgestreut ist. Denn den romanischen Völkern haben sich später auch die Slawen und die Madjaren angeschlossen, so daß jetzt bei allen christlichen Nationen Europas und Amerikas diese altdeutschen Namen, wenn auch mannigfach umgewandelt und zum Teil entstellt, sich wiederfinden, zunächst als Vornamen (s. die reichhaltige Zusammenstellung von Michaelis: Vergleichendes Wörterbuch der gebräuchlichsten Taufnamen. Berlin 1856) -- aber auch, wenigstens bei den Romanen, als Familiennamen, z. B. bei den Franzosen: _Bertrand_ (Berhtrand), _Arnaud_ (Arnold), _Gautier_ (Walter), _Guéroult_ (Gerold), _Regnier_ (Reginher, Reiner), _Baudouin_ (Balduin), _Thibaut_ (Theobald); bei den Italienern _Gualtieri_ (Walter), _Garibaldi_ (Garibald), _Ruggiero_ (Rüdiger), _Sismondi_ (Sigismund).
[14] ~Abel~, Personennamen, S. 44 f.
[15] ~Strackerjan~, Die jeverländischen Personennamen. Dergleichen Kürzungen finden sich noch jetzt in Mundarten häufig, mit der vollen Endung _o_ besonders im Friesischen: _Edo_, _Ecko_, _Luddo_, _Willo_, s. ~Allmers~, Marschenbuch, Land- und Volksbilder aus den Marschen der Weser und Elbe 1861, S. 139, wo ein Verzeichnis von 30 solcher Vornamen gegeben wird, bei denen freilich _o_ jetzt auch schon meist in das klanglose _e_ abgeschwächt ist, wie in den norddeutschen Formen _Ede_ (Eduard), _Lude_ (Ludwig). -- Der umgekehrte Fall, daß nämlich eine Kürzung im Anlaut eintritt, ist selten und dann wohl durch besondere Einflüsse, namentlich fremder Sprachen, zu erklären. So _Prandus_ aus _Rotprandus_ (~Stark~, Die Kosenamen der Germanen, S. 13), _Role_ für _Karl_ aus der latinisierten Form _Carôlus_.
[16] Nach ~Starks~ Beobachtungen (S. 52 ff.) sind die ältesten Verkleinerungsformen die auf _i_, demnächst die mit _l_ (nachweislich aus dem 1. Jahrh. nach Christo), während solche mit _k_ erst seit dem 4. Jahrh. auftreten. Alle drei Formen waren bei den ~gotischen~ Stämmen sehr beliebt; ~Sachsen~ und ~Friesen~ dagegen verwendeten vorzugsweise _k_, selten _t_ (entsprechend dem ahd. _z_). Bei den ~oberdeutschen~ Stämmen erscheinen Deminutiva mit _l_ in überwiegender Zahl, seltener solche mit _z_ (in sicheren Belegen erst seit dem 8. Jahrh.). Nur sparsam, und zwar erst vom 7. Jahrh. an, finden sich Deminutiva mit _ch_; sie sind wahrscheinlich niederdeutschem Einfluß zuzuschreiben, der z. T. durch Kolonisation hervorgerufen ist. _L_ und _k_ können jede Stelle einnehmen, _z_ scheint auf die erste beschränkt zu sein.
[17] Gewöhnl. „Koseformen“, eine Benennung, die ~Steub~ in seinen „Oberdeutschen Familiennamen“ S. 34 mit Recht als etwas „budoirmäßig“ klingend tadelt und für die er „Schmeichelform“ vorschlägt. Im Gegensatze zu ihnen werden die unverkürzten Namen wie _Godberaht_, _Sigbert_ ~Vollnamen~ genannt.
[18] _Pauli_, Über Familiennamen, insbes. die von Münden. Progr. I, S. 8 f.
[19] ~Abel~ S. 45-48. -- ~Becker~, Die deutschen Geschlechtsnamen, ihre Entstehung und Bildung. Programm der Gewerbeschule zu Basel. S. 17 f.
[20] Übrigens wurden auch Träger alter deutscher Namen zu Heiligen gestempelt, und dadurch wurde der Erhaltung dieser Namen selbst Vorschub getan. Solche Heiligennamen weisen die Kalender in großer Zahl nach, z. B. _Alfons_, _Gottschalk_, _Hildebrand_, _Hubert_ (Patron der Jäger), _Otto_, _Wilibald_ u. a. m.
[21] ~Förstemann~, Über die Bildung der Familiennamen in Nordhausen im 13. und 14. Jahrhundert, Progr. S. 4.
[22] ~Klempin~, Diplomatische Beiträge zur Geschichte Pommerns aus der Zeit Bogislaws X. 1859. Zur Veranschaulichung setzen wir ein Verzeichnis der „Praepositi, Dhumpraueste“ des Bistums Kammin her:
_Sifridus_ 1175-85 _Conradus_ 1186-1216 _Thietmarus_ 1222 _Pribzlaus_ 1224-32 _Florentius_ 1233-40 _Conradus_ 1241-49 _Lambertus_ 1253-91 _Johannes_ 1297-99 _Hildebrandus_ 1303-15 _~Reymarus (de Wacholt)~_ 1317-23 _Fridericus de Stalberg_ 1326 _Barnim de Werle_ 1330-33 _Conradus dictus de Gripeswold_ 1333-36 _Bernardus Bere_ 1336-51 _Marquardus de Tralowe_ 1354-68 usw.
So ist im allgemeinen der Gang. Genaueres über einzelne Landschaften findet man unter anderen bei ~Kleemann~, Die Familiennamen Quedlinburgs und der Umgegend, S. 3. -- Wenn wir die Alpen übersteigen, finden wir Familiennamen allerdings viel früher in den italienischen Städten, in denen sie sich, während sie bei uns im 12. Jahrhundert erst im Entstehen sind, bereits seit langen Jahren ganz verbreitet zeigen. Die ersten Spuren finden sich in ~Venedig~, wo schon im 9. Jahrhundert eine Familie _Particiaco_ begegnet: 809 _Angelo P._, 829 _Justiniano P._, 864 _Urso P._, 881 _Johannes Particiaco_. Hier erbt also der Name _Particiaco_, ursprünglich der Beiname einer einzigen Person, in dem Geschlechte fort.
[23] ~Allmers~ in seinem „Marschenbuch“ bemerkt auf Seite 140 f.: „Eigentliche Familiennamen waren bei den Friesen selbst noch bis ins vorige Jahrhundert selten. Der Sohn erhielt zu dem Vornamen seines Vaters nur noch einen eigenen Taufnamen, ~wie es noch jetzt auf vielen friesischen Inseln Gebrauch ist~. Hieß z. B. der Vater _Eke Lübs_ und man taufte seinen Sohn _Siade_, so hieß dieser _Siade Eks_, und der Enkel, wenn er nach dem Großvater _Lübbe_ genannt wurde, _Lübbe Siads_ oder _Eke Lübbe Siads_. Das angehängte _s_ ist nichts weiter als Bezeichnung des Genetivs. -- Man kann leicht ermessen, welche bunte Verwirrung solche Sitte zur Folge haben mußte, und wie ganz besonders, wo es wichtige Erbschaftsangelegenheiten betraf, bei denen oft weitläuftige Namenregister in betracht gezogen werden mußten, die unlösbarsten Verwickelungen oft endlose Prozesse herbeiführten. Früher oder später machte daher in den verschiedenen Marschen ein Gesetz, wonach jede Familie einen festen Namen annehmen mußte, diesem Unwesen ein Ende, welches in manchen Gegenden bis ins letzte Jahrhundert fortdauerte und auf den Inseln sogar heute noch angetroffen wird. Denn wenn auch alle Friesen nunmehr Familiennamen angenommen haben, so betrachten sie, wenigstens die Landbevölkerung, dieselben als unnütze Anhängsel, die nur vor Gericht und bei ähnlichen Gelegenheiten erforderlich sind.“
Im Osnabrückischen haftet noch jetzt der Name in den Bauerschaften weniger an der Person als am Hofe. Wenn z. B. _Müller_ zu _B._ auf den Hof _Meyer_ zu _N._ heiratet, heißt er selbst _Meyer_ zu _N._, nicht mehr _Müller_, höchstens _Meyer_ geb. _Müller_. Wenn Kinder oder Kindeskinder vom Hofe ziehen, werden sie sich in der Regel _Meyer_, selten _Müller_ nennen. (~Fr. Meyer~, Der Name Meyer, S. 8.) Ähnliches bezeugt für die lippischen Familiennamen ~O. Preuß~. 1864.
[24] ~Stark~, Kosenamen, S. 154. 156.
[25] Bemerkenswert ist, daß ja auch Luther vielfältig in der Bibelübersetzung die Eigennamen unverändert, statt im Gen., beifügt, z. B. Kinder _Korah_, Tochter _Zion_, Sohn _Isai_.
[26] Infolge des häufigen Gebrauches ist aber die ursprüngliche Bedeutung dieser Zusammensetzungselemente allmählich sehr verblaßt, so daß sie teilweise zu bloßen fast bedeutungsleeren Endungen herabgesunken sind.
[27] Die rein vokalische Verkleinerungsform _i_ (S. 23) findet sich jetzt nur noch in der Schweiz: _Burcki_, _Fritschi_, _Hochuli_, _Welti_.
[28] Wie Luther „_Wörtlin_“ u. a. und noch Fischart in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts: „Er hat ein hölzins _Röcklin_ an.“ Daß übrigens die Endung hier in den Eigennamen nicht den Ton hat, ist selbstverständlich, also _Rümelin_ (́― ᴗ ―).
[29] Daß „_Fritz_“ als Rufname für Friedrich auch in Niederdeutschland so allgemein verbreitet ist, erklärt sich durch die Verpflanzung der Hohenzollern nach Brandenburg, deren Ahnherr, der Burggraf Friedrich von Nürnberg, im Jahre 1411 von dem Kaiser Sigismund in die Marken eingesetzt wurde. Jedoch finden sich einzelne Formen mit _z_ auch schon früh in niederdeutschen Urkunden: _Hence_ (= Henze) und _Hinze_ mehrfach in Urkunden der Stadt Lübeck 13. Jahrh., _Thiezo_, _Winizo_, _Reinzo_ und einige andere in der Frekenhorster Heberolle, so daß man mit ~Lübben~, Die Thiernamen im Reineke Vos S. 48, wohl hochdeutschen Einfluß hier einräumen muß; ebenso bei der Verbindung des _z_ mit _k_, wie in _Tieziko_, _Meinziko_, _Raziko_, die eigentlich Zwitter sind.
[30] _Henricus dictus Arnoltz_ (= Arnolds), _Berchtoldus Marchwardi_ u. a. in Urkunden; deutsch _Henning Markwardes_ (wie _Darius Hystaspis_).
[31] ~Ruprecht~, Die deutschen Patronymica, nachgewiesen an der ostfries. Mundart. Programm S. 14.
[32] Wir finden sie auch bei den Schweden (_Torstenson_), Norwegern (_Björnson_), Dänen (_Thorwaldsen_), Isländern (_Sturluson_), Engländern (_Wilson_, _Robinson_, _Thomson_). Im Schottischen entsprechen die Namen mit _Mac_ (_M’_): _Mac Gregor_ (Sohn des Gr.), _Macdonald_; im Irischen die mit _O_: _O’Connel_.