Die Deutschen Familiennamen, geschichtlich, geographisch, sprachlich

Part 1

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1903 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert.

Vereinzelt wurden Namen und Namensteile alphabetisch nicht korrekt eingeordnet; die originale Reihenfolge der Begriffe wurde dennoch beibehalten. Zu einigen Verweisen im enzyklopädischen Teil des Buches existiert keine Entsprechung. Verschiedentlich wurden Seitenzahlen in Verweisen dem gegebenen Inhalt angepasst. Die ‚Berichtigungen‘ am Ende des Buches wurden bereits in den Text eingearbeitet.

Hochgestellte Zahlen in geschweiften Klammern, z. B. ^{17}, verweisen auf Beispiele der altdeutschen Namensbildung, von welchen verschiedene ausgewählte Formen im Abschnitt 5, ‚Weiterentwickelung der altdeutschen Personennamen. Ihre Lebenskraft.‘ vorgestellt werden.

Die Fußnoten wurden an das Ende des ersten Teils (‚Abhandlung‘) verschoben.

Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

kursiv: _Unterstriche_ fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: ~Tilden~

Das Caret-Zeichen (^) zeigt ein nachfolgendes hochgestelltes Zeichen an; mehrere Zeichen werden durch geschweifte Klammern gruppiert.

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Albert Heintze,

Die deutschen Familiennamen.

Die

Deutschen Familiennamen

geschichtlich, geographisch, sprachlich.

Von

Prof. Albert Heintze,

Verfasser von „Gut Deutsch“.

Zweite verbesserte und sehr vermehrte Auflage.

Halle a. S.

Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses.

1903.

Alle Rechte vorbehalten.

Vorwort

zur ersten Auflage.

Nachdem in den letzten Jahrzehnten eine ganze Literatur über die deutschen Eigennamen erblüht ist, habe ich den Versuch gemacht, die ~wesentlichsten~ Ergebnisse der bisherigen Forschungen, soweit sie die Familiennamen betreffen, einem größern Kreise, dem der Gebildeten überhaupt, in möglichst übersichtlicher und handlicher Form darzulegen. Demgemäß schildert der erste Teil dieses Buches zusammenhängend die deutschen Familiennamen nach ihrer Entwickelung und ihren Klassen, während der zweite Teil eine lexikalische Zusammenstellung der wichtigsten Bildungselemente (und Namen) enthält.

Die Grundlage dieser Darstellung bilden zunächst die einschlagenden Werke von ~Förstemann~, ~Pott~, ~Abel~, ~Stark~, ~Andresen~, denen sich für die Namen der zweiten und dritten Schicht der freilich oft unkritische ~Vilmar~ anreiht. Wenig Ausbeute lieferten im allgemeinen die Namenbücher, welche den Wohnungsanzeiger irgend einer Hauptstadt, meist in ziemlich oberflächlicher Art, behandeln. Als entschieden wertvoller erwiesen sich dagegen einige Arbeiten in Jahresberichten höherer Schulen.

Besondere Aufmerksamkeit habe ich auf ein bisher weniger berücksichtigtes Gebiet, nämlich auf die geographische Verteilung der Familiennamen verwendet. Das bezügliche Material lieferten hauptsächlich, während der letzten Kriege (von 1866, 1870-71), die Verlustlisten der preußischen und deutschen Heere, aus welchen ich viele tausende von Namen zu diesem Behufe mit Vorsicht ausgezogen und geordnet habe.

Auf einem so schwierigen Gebiete, wie die Behandlung und Erklärung der Eigennamen ist, kann nur durch vereinte Kräfte vieler größere Sicherheit gewonnen werden. Daher gestatte ich mir an alle, welche sich für diesen Zweig unserer Sprache und Kultur interessieren, die Bitte, mich brieflich durch Beiträge, insbesondere durch Berichtigung etwaiger Fehler, die sich in meiner Arbeit finden, freundlichst zu unterstützen.

Und so möge denn dieses Buch, auf welches ich im Lauf der Jahre so manche Stunde verwendet habe, zum bessern Verständnis unserer Familiennamen und damit auch zur Belebung echt deutschen Sinnes an seinem bescheidenen Teile beitragen!

Vorwort

zur zweiten Auflage.

Das ganze die deutschen Familiennamen behandelnde Schrifttum, insbesondere die vielen in letzter Zeit erschienenen Einzelschriften auszuschöpfen, konnte auch bei dieser neuen Auflage nicht meine Absicht sein. Durch eine solche Erweiterung wäre das Buch übermäßig angeschwellt und somit auch für einen größeren Kreis übermäßig verteuert worden. Immerhin sind mehrere tausend Namen dem Lexikon neu eingereiht, unter steter Bevorzugung des Gesicherten und Feststehenden.

In der Abhandlung ist vornehmlich die Übersicht der landschaftlichen Verteilung der Familiennamen weitergeführt und auf einen großen Teil des hochdeutschen Sprachgebietes ausgedehnt worden.

Für freundliche Unterstützung sage ich besonderen Dank den Herren Archivrat Dr. ~Jacobs~ in Wernigerode, Gymnasial-Rektor Prof. ~Erbe~ in Ludwigsburg, Prof. Dr. ~Cascorbi~ in Münden, Prof. ~Böhme~ in Stolp.

~Stolp~ in Pommern, im Juli 1903.

A. ~Heintze~.

Inhalt.

I. Abhandlung. Seite

Einleitung 3

1. Die Elemente der deutschen Familiennamen (dreifache Schicht) 9

2. Die Personennamen überhaupt -- ein Spiegel des Volksgeistes. Namen der Griechen, Römer, Israeliten 9

3. Die altgermanische Namenwelt 12

4. Übereinstimmung der deutschen Namengebung mit der griechischen 19

5. Weiterentwickelung der altdeutschen Personennamen. Ihre Lebenskraft 20

6. Fremdsprachige (kirchliche) Namen 24

7. Das Festwerden der Namen: Bildung der Familiennamen 26

8. Altdeutsche Vollnamen als Familiennamen 30

9. Sproßformen der altdeutschen Vollnamen als Familiennamen: a) Kürzungen und Verkleinerungen 32 b) Genetivische Namen 34

10. Kirchliche Personennamen als Familiennamen 36

11. Familien-Namen der dritten Schicht: a) Stand und Gewerbe 39 Werkzeuge und Kleidungsstücke 44 Speisen 46

12. Familiennamen der dritten Schicht: b) Eigenschaften 47 Körperteile 49 Satznamen 50

13. Familiennamen der dritten Schicht: c) Herkunft und Wohnstätte 53 Adelsnamen 58 Häusernamen 59

14. Würdigung der deutschen Familiennamen nach Gehalt und Form 62

15. Latinisierungen 63

16. Jüdische Namen 66

17. Französierungen, Polonisierungen und andere Metamorphosierungen der Neuzeit 68

18. Geographische Verbreitung der deutschen Familiennamen 70

19. Genauere Angabe der Verteilung der Familiennamen: a) Niederdeutschland 73 b) Oberdeutschland 78

20. Stillstand oder Bewegung in der Namenwelt? 84 Beilage 1. Godeberaht 85 „ 2. Entwickelung einer Namenreihe während der Neuzeit 87 „ 3. Fremdsprachige Namen in Deutschland: a) Slawische 88 b) Littauische 90 c) Romanische 91

II.

Namen-Lexikon 93

I.

Abhandlung.

Einleitung.

Unsere Geschlechts- oder Familien-Namen erscheinen uns, wenn wir genauer nach ihrem eigentlichen Sinne fragen, in der weitaus größten Zahl rätselhaft und unverständlich. Denn was bedeuten Namen wie z. B.: _Hildebrand_, _Gundlach_, _Odebrecht_, _Rüdiger_, _Amelung_? Ist das nicht, wie wenn eine Reihe von Rittern vor uns aufmarschierte, aber alle mit geschlossenem Visier? Oder kürzere Namen wie: _Renz_, _Wenz_, _Benz_, _Bopp_, _Dapp_, _Rapp_, _Rupp_, _Dromtra_, _Krumtum_, _Zumtrum_! Wird uns da nicht zu Mut, als ob wir einen Chor wunderlicher Kobolde sähen, die uns neckend umhüpfen?

Nun, wir wollen es einmal versuchen, ob wir den Rittern ihr Visier nicht öffnen, ob wir die neckischen Kobolde nicht zwingen können, daß sie uns standhalten und Namen und Abkunft sagen.

Denn ein merkwürdig und wunderlich Ding ist es im Grunde doch, daß der Mensch in seinem Namen so einen Begleiter durch das Leben erhält, der ihm stets mit geschlossenem Visier zur Seite geht, einen Gefährten, der ihn von der Wiege bis zur Bahre geleitet, siebenzig, achtzig Jahre lang, und dennoch in seinem Wesen nicht erkannt wird, stets nur sein Äußeres, nie sein Inneres aufweist -- dessen wahre Gestalt also verborgen bleibt. Und doch bewahren wir den unerkannten Begleiter so sorgsam, wir dulden es nicht, daß er in irgend etwas verkürzt werde, daß ihm ein Buchstab, sollte er auch für die Aussprache nichts verschlagen, genommen oder zugesetzt werde, wir bewahren den Namen mit allen unorthographischen _ck_ und _tz_ und _dt_.

So wachen wir sorglich über die äußere Gestalt und Hülle, und um den inneren Gehalt und Kern sollten wir uns nicht bekümmern, nie danach fragen?

Etwas Bedeutungs~loses~ ist ein solcher Name jedenfalls nicht, so sinnlos und bedeutungsleer er auch vielfach scheinen mag. Es ist kein leerer Schall, welcher rein der Willkür und der Laune des Zufalls sein Dasein zu verdanken hätte. Etwas -- das kann hier im voraus versichert werden -- etwas bedeutet von Hause aus ein jeder Name, und dieser Satz behält seine Wahrheit auch gegenüber den tausenden unserer Familiennamen, die uns so dunkel und unverständlich klingen.

~Aber wie hat denn Sinn und Bedeutung der Namen so sehr entschwinden können?~ -- Das hat mehr als einen Grund. Vor allen Dingen liegt es am ~Alter~ der Familiennamen. Dieselben sind fest geworden in der zweiten Hälfte des Mittelalters, also vor mindestens 500-600 Jahren. Damals sind sie ~fest geworden~, d. h. während bisher der Name vom Vater auf den Sohn wechselte, wie noch jetzt bei uns die Vornamen, so befestigte sich nunmehr allmählich in der Familie ein Name, der vom Vater auf den Sohn überging und an dem ganzen Geschlechte haften blieb. Diese Entwickelung trat allerdings erst vor etwa einem halben Jahrtausend ein; die Namen aber, welche sich damals als Familiennamen festsetzten, sind nicht erst damals auch entstanden, sondern gehen, als Personennamen, meist weit höher hinauf, bis in die Zeiten der Völkerwanderung -- es braucht hier nur an die hervorragendsten Gestalten des Nibelungenliedes erinnert zu werden, an _Siegfried_, _Hagen_, _Gunther_, _Dietrich_, _Rüdiger_, Namen, die wir sämtlich, wenn auch vielleicht ein wenig verändert, in der Gegenwart als Familiennamen, zum Teil auch als Vornamen häufig finden. Einzelne reichen noch höher hinauf, bis zu den Anfängen der germanischen Geschichte, wie sie uns in freilich lückenhafter Kunde Griechen und Römer überliefert haben, ja über Armin und Marbod hinauf in Zeiten, da wohl noch kein Germane Fuß und Speer auf den Boden des nachmaligen Deutschland gesetzt hatte.

Nun haben aber die Eigennamen mit der stetigen Weiterentwicklung der Sprache nicht gleichen Schritt gehalten, sie sind je länger je weniger mitgegangen, zumal seit sie als Familiennamen festgeworden. Die Veränderungen, welche die Sprache zu erleiden gehabt, haben sie als das geheiligte Eigentum des einzelnen nicht gleichmäßig mitgemacht, sie sind stehen geblieben; die Stürme der Zeiten, welche die alten Sitten und Weisen hinweggefegt, haben sie nur wenig berührt. So stehen die Namen da gleich den Ruinen der Ritterburgen, als Zeugen einer vergangenen Zeit. Die alten Wortformen sind untergegangen in dem sonstigen Gebrauch der Sprache, manche Stämme und Wurzelwörter ganz abhanden gekommen, wie Zweige eines Baumes, ganze Stämme verdorren; doch in den Namen sind sie noch da, wenn auch dem Verständnis entrückt. So verstehen wir von dem Namen _Hildebrand_ die letzte Silbe wohl noch, was heißt aber hilde? Hier gibt uns unser Neuhochdeutsch nicht mehr Aufschluß, wir müssen weiter hinaufsteigen, zum ~Altdeutschen~, um den Schlüssel für diesen noch jetzt gar nicht seltenen Namen zu holen. _Hild_ heißt Kampf, Schlacht, also Hildebrand: Kampfesbrand, Schlachtenbrand -- gewiß ein trefflicher Name für einen Helden, der wie verzehrendes Feuer um sich her wütet in der Schlacht! Ähnlich ist es mit der Silbe _mar_, berühmt, in _Waldemar_ (berühmt im Walten), _Germar_ (speerberühmt), sowie mit _rud_, welches gleichfalls berühmt bedeutet, in _Rudolf_, _Rüdiger_. So könnten der verschollenen Stämme noch gar manche aufgeführt werden; andere haben wenigstens ihre Bedeutung geändert, wie _schalk_ (ursprünglich „Knecht“), und wir als geborene Deutsche müssen bei den Gelehrten Rat suchen, um uns diese urdeutschen Namen wie fremde erklären zu lassen. Es ist Moos darum gewachsen, Rost hat sich auf das Metall gelegt und will mit behutsamer Hand entfernt sein, ehe uns wieder der edle, reine Metallglanz entgegenstrahlt.

So nehmen denn die Eigennamen eine besondere, eine Ausnahmestellung in der Sprache vor allen anderen Wörterklassen ein; sie gehen nicht mit der Zeit mit, sie kümmern sich nicht darum, ob man sie versteht, sie haben ihre eigenen Formen, die nicht angetastet werden dürfen, ja ihre eigene Rechtschreibung.

Aber es ist nicht allein das hohe Alter der Namen und ihre von daher großenteils bewahrte Form, wodurch sie so dunkel und rätselhaft, fast hieroglyphengleich geworden sind -- auch die mannigfachen ~Mundarten~, in welche sich das Deutsche spaltet, tragen dazu bei, die Bedeutung der Familiennamen zu verhüllen. Als diese sich bildeten, waren die verschiedenen Mundarten Deutschlands noch in vollerer Blüte, eine allgemein herrschende Schriftsprache war noch nicht vorhanden. So setzten sich denn auch die Familiennamen für jede Landschaft zunächst in der dort verbreiteten Mundart fest. Sieht man sich z. B. die lange Reihe pommerischer Namen aus der Zeit Herzog Bogislaws X. an, wie sie Klempin in seinen „Diplomatischen Beiträgen zur Geschichte Pommerns“ aufstellt, so wird man alles, was darin an Namen deutsch ist, eben als niederdeutsch erfinden: Apenborch, Benekendorp, van deme Berghe, Bilrebeke, Blome, Boddeker, Bokholt usw. Als nun nach Luther das Hochdeutsche auch im Norden allmählich als Schriftsprache durchdrang, wurden diese „plattdeutschen“ Namen allerdings zum größten Teile dem neuen Lautsystem angepaßt, aber doch nicht ausnahmslos: viel Niederdeutsches blieb und bleibt stehen. So schimmert die ursprüngliche mundartliche Grundlage für ganz Niederdeutschland in den Familiennamen noch überall durch in Formen wie: _Schulte_, _Möller_, _Flashaar_, _Niebuhr_ (neben Neubauer), _Voß_, _Utermöhlen_ („aus der Mühle“), _Cassebaum_ (halbniederd. = Kirschbaum) usw. Dahin gehört besonders auch die große Zahl von Verkleinerungsformen auf _ke_, die meist von einheimischen oder auch ausländischen Vornamen herrühren, z. B. _Gerike_ von Gerhard, _Jahnke_ von Johannes. Im Oberdeutschen finden wir statt dessen die Endung _el_, auch _z_, z. B. _Dietel_, _Dietz_ für Dietrich. Diese und viele andere Verkleinerungswörter, oder wenn man will „Schmeichelformen“, die sich vorzugsweis als Familiennamen festgesetzt haben, erfordern zu ihrer Entzifferung, wenn dieselbe mehr als ein bloßes Raten sein soll, Kenntnis der Dialekte und ihrer oft höchst eigentümlichen Formen. Wer möchte z. B. durch bloßes Vermuten darauf kommen, daß _Hiesel_ aus Matthias, _Gilles_ aus Ägidius, _Grolms_ aus Hieronymus entstanden ist! Nicht minder macht sich dies geltend bei der zahlreichen Klasse der von Beschäftigungen, von Amt und Gewerbe entlehnten Familiennamen, da die Bezeichnungen gerade auf diesem Gebiete landschaftlich oft sehr verschieden sind.

Nicht genug, daß die Mundarten ihre Einflüsse geltend gemacht haben -- alles das ist immer doch noch deutsch -- aber auch von außerhalb der Grenzen unserer Sprache sind bedeutende Einströmungen erfolgt. So wenig das jetzige deutsche Volk ein ganz ungemischtes ist, so wenig sind die Familiennamen durchweg deutsch. Vor allem ist die Beimischung der ~Slawen~ hervorzuheben. Diese erfüllten bekanntlich, von den Zeiten der Völkerwanderung her, den ganzen Osten Deutschlands bis zur Elbe und Saale. Als sie endlich wieder zurückgedrängt wurden, blieben doch viele in ihrer seit so langer Zeit eingenommenen westlichen Heimat sitzen und wurden erst allmählich und nicht überall germanisiert. Diese Grundlage des Slawischen auch in längst wieder deutsch gewordenen Strichen tritt wie in den Ortsnamen, so auch in den Familiennamen hervor, ein bedeutender Bruchteil ist slawisch: wendisch, polnisch -- selbst Tschechen dringen aus Böhmen herauf. Vor allen kenntlich sind die polnischen Namen auf _ski_, wie _Lichnowski_, _Kosinsky_; nicht minder aber sind slawisch, meist eben von den entsprechenden Ortsnamen entlehnt, die Namen auf _ow_ (mit stummem _w_): _Passow_; die auf _itz_: _Miltitz_, vergröbert _itsch_: _Delitzsch_; die auf _in_: _Schwerin_ -- nicht zu vergessen die mit _slawa_ (Ruhm) selbst zusammengesetzten Personennamen: _Bogislaw_, Bugslaff, zuletzt _Butzlaff_ (mit lang zu sprechendem _u_, „Gottesruhm“).

Dann ist ein, wenn auch lange nicht so starker, doch immerhin in Anschlag zu bringender Bruchteil ~romanischen~ Blutes aufgenommen worden, hauptsächlich aus Frankreich, in den Auswanderern, welche unter Ludwig XIV. ihres protestantischen Glaubens wegen ihr Vaterland als „Réfugiés“ verlassen mußten und in Deutschland liebevolle Aufnahme und eine neue Heimat fanden. Daher nun französische Familiennamen, wie _Palmier_, _du Mesnil_, _de Convenant_.

Zum Schluß verdient noch Erwähnung, daß selbst das ~Littauische~, so entlegen es dem Völkerverkehr ist, sein Fähnlein gestellt hat, z. B. _Kaprolatis_, _Adomeit_. In Berlin sind littauische Namen nicht selten, und in Königsberg gar wimmelt es von ihnen.

So sind denn slawische Elemente von Ost und Südost, littauische von Nordost, romanische von West und Südwest eingedrungen und zwar in bedeutendem Maße. Man mache die Probe an irgend einer Namenreihe -- eines Regierungskollegiums, eines Stadtverordneten- oder Lehrerkollegiums -- in dem östlichen Deutschland, und man wird selten die Namen rein deutsch finden.

Wir haben es also in der Welt der Familiennamen, wie sie gegenwärtig in Deutschland ist, mit einem Gemisch nicht bloß aus verschiedenen Zeitaltern und Mundarten, sondern sogar aus ganz verschiedenen Sprachen zu tun. Dadurch wird begreiflicherweise die Erforschung der Namen außerordentlich erschwert. Denn wer vollkommen gerüstet ans Werk gehen wollte, um die in Deutschland jetzt vorkommenden Familiennamen zu erklären, müßte eine sehr umfassende Sprachkenntnis besitzen, nicht allein des Deutschen nach seinen Verzweigungen und des Romanischen, sondern vor allen Dingen auch des Slawischen, und zwar in seinen verschiedenen Mundarten.

Aber selbst wer diese umfassende Sprachkenntnis besäße, würde doch noch genug Hindernisse zu überwinden haben und oft mutlos das kritische Messer sinken lassen. Ja, wenn die Namen in reiner, unverfälschter und unentstellter Form vorlägen! Aber wieviel Entstellungen, Verstümmelungen und besonders Umdeutungen haben sie sich müssen gefallen lassen trotz aller beanspruchten Unantastbarkeit, die fremden zumal, die man nicht verstand! _Butzlaff_ statt _Bogislaw_ (Bugslaff) ist noch nicht arg; wenn aber _Warneking_ (Verkleinerungsform von Werner) sich in _Warnkönig_, wenn _Christian_ sich einerseits in _Kirschstein_, anderseits in _Kasten_, _Bley_ gar sich in _Pflaumbaum_ wandeln konnte, so sieht man, daß hier Dinge möglich und häufig sind, die bei den Gemeinnamen (Appellativen) glücklicherweise zu den größten Seltenheiten gehören.

Das alles sind unabsichtliche Entstellungen; es kommt aber auch vor, daß der Träger eines Namens in bewußter Weise diesen Namen, weil er ihm nicht zusagt, umändert und entstellt, z. B. ein _Faßbinder_ nennt sich _Vasbender_, ein _Knieriem_ schreibt sich wenigstens _Cnyrim_. Das ist ein harmloses Vergnügen; ganz anders ist es, wenn jemand seinen ehrlichen deutschen Namen verachtet, weil er eben nur deutsch ist, und ihn in ein fremdartiges Gewand hüllt, damit er vornehmer klinge. In der Art versündigten sich besonders die Gelehrten im 16. und 17. Jahrhundert, indem sie ihre untadeligen deutschen Namen latinisierten, ihnen eine zuweilen recht schlotterige Toga umwarfen. Weil man dabei ziemlich willkürlich und gewaltsam verfuhr, so ist die Rückübersetzung häufig schwierig. _Olearius_ z. B. kann die Übersetzung von drei Namen sein: _Öhlmann_, _Öhler_, _Öhlenschläger_. Andere sind gar nicht mehr nach ihrer Bedeutung zu entziffern.

So haben denn gar mannigfache Einflüsse verschleiernd und verdunkelnd auf die Familiennamen eingewirkt. Dieselben sind, um es nochmals zusammenzufassen: 1. ~das Alter der Namen~, das nach Jahrhunderten, zum Teil nach Jahrtausenden zu berechnen ist, und in Verbindung damit die verschiedenen ~Entwickelungsstufen der Sprache~; 2. der trübende Einfluß der ~Mundarten~; 3. die Mischung mit ~fremden Sprachelementen~; 4. ~Mißverständnisse und willkürliche Entstellungen~. Daher ist es denn auch kein Wunder, wenn die große Mehrheit der Familienbezeichnungen uns so unverständlich ist, wenn die tausende und aber tausende von Namen, die unter diesen Einflüssen zusammengekommen sind, das Bild eines dichtverschlungenen Urwaldes darbieten, in welchem man fast bei jedem Schritt auf Schwierigkeiten und Hindernisse stößt.

Aber diese Schwierigkeiten, so groß sie zum Teil sind, dürfen von der Betrachtung der Familiennamen und ihrer Erforschung nicht zurückschrecken. Das verbietet -- abgesehen von dem Interesse, welches es doch für den einzelnen haben muß, die Bedeutung seines Namens zu wissen -- die Wichtigkeit des Gegenstandes überhaupt. Die Eigennamen (Personen- und Ortsnamen) bilden einen Teil der Sprache, und zwar in den altdeutschen Namen den ältesten, den unsere Sprache überhaupt als erhalten aufzuweisen hat. Wenn man nun die übrigen Wörterklassen betrachtet, ihre Bildungsgesetze erforscht und darstellt, so sind die Eigennamen dabei nicht zu übergehen, ihnen gebührt dieselbe Aufmerksamkeit. Auch in ihnen webt und wirkt der Geist der Sprache. Wollte man sie beiseite lassen, so würde die Kenntnis der Sprache an einer bedeutenden Lücke leiden, ein großes Gebiet wäre unerhellt.