Die Colonie: Brasilianisches Lebensbild. Erster Band.
Chapter 2
»Direct zum Director,« lachte Günther, »der wird uns dann schon die beste Auskunft geben, wo wir übernachten können. Wir müssen nun im nächsten Hause seine Wohnung erfragen.«
»Das ist nicht nöthig,« meinte sein Freund -- »das Haus da drüben, wo die deutsche Fahne weht, ist jedenfalls das Wirthshaus, und das größere Gebäude daneben eben so sicher die Kirche, -- wo baute der Deutsche nicht Eins neben das Andere? Außerdem steht aber dort nach Süden nur noch ein sehr großes Haus mit einer neuen Umzäunung, und dort hat natürlich auch der Director seinen Aufenthalt. Wir wollen ruhig darauf zureiten.«
»Sie können Recht haben,« lachte Günther, »aber vielleicht wohnt er doch da drüben in dem kleinen allerliebsten Gebäude, wo die vielen Orangenbäume stehen. _Den_ Platz hätte ich mir jedenfalls zu meiner Wohnung ausgesucht.«
»Das ist sicher die Pfarrwohnung,« versicherte aber sein Kamerad; »sehen Sie nicht den breiten, betretenen Pfad, der von dort zur Kirche niederführt. Ich glaube kaum, daß der Director alle die Fährten nach der Kirche in den Sand eingedrückt hat. Folgen Sie mir nur; ich führe Sie den richtigen Weg.« Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, gab er seinem Pferde leicht die Sporen und sprengte, von Günther jetzt dicht gefolgt, dem vorher bezeichneten Hause zu, vor dessen Thür er anhielt und ohne Weiteres aus dem Sattel sprang.
2.
Der Director.
Gerade als Günther an seines Gefährten Seite hielt und seinem Beispiele folgte, trat eine Erscheinung aus dem Hause, die beide junge Leute hier, mitten im brasilianischen Walde, wohl kaum vermuthet hatten, und die sie deshalb um so mehr überraschte; -- eine _Dame_ in vollem europäischen Putze, mit einem grün und schwarz groß carrirten Seidenkleide, sehr bedeutender Crinoline und überhaupt allem dazu Nöthigen und Gehörigen versehen, die mit sehr stolzer, fast majestätischer Haltung aus der Thür rauschte, einen Augenblick erstaunt die Fremden betrachtete und dann, mit einem leichten, kaum bemerkbaren Kopfnicken ihre Begrüßung erwiedernd, vorbei und in die kleine Stadt hinein schwebte.
»Alle Teufel,« murmelte der Jüngere der Beiden halblaut vor sich hin, als die Dame außer Hörweite war, »von allen Dingen auf der Welt hätte ich eine Crinoline hier am Allerwenigsten erwartet. Das muß die Frau oder eine Verwandte des Directors sein, denn nach einer Colonisten-Frau sieht sie doch nicht aus. Es thut den Augen aber ordentlich wohl, nach einem Stücke wilden Lebens wieder einmal auf eine so breite Fährte der Civilisation zu kommen. Diesen Anzeichen nach giebt es also hier auch jedenfalls eine #haute volée#; unser rauher Waldanzug schien der Dame nicht besonders zu behagen, denn sie grüßte nur sehr vornehm und nachlässig.«
»Nun, wir werden ja bald erfahren, mit wem wir es hier zu thun bekommen,« sagte Günther. »Jedenfalls müssen wir jetzt erst erfragen, ob hier der Director wirklich wohnt, und wenn so, ob er zu Hause ist. -- He, Landsmann,« wandte er sich dann an einen Colonisten, dessen Äußeres, mit dem langen blauen Rocke und schmalen Kragen, dem ausgeschweiften Hute und dem Gesangbuche unter dem Arme, über sein Vaterland keinen Zweifel gestattete -- »ist das die Wohnung des Directors?«
»Guten Morgen mit einander,« erwiderte der Gefragte, der sich dabei die Fremden von Kopf bis zu Fuß betrachtete -- »ja wohl, der Herr Director wohnt hier -- er ist oben in seiner Stube -- wollen Sie was?«
»Danke schön; ja, wir wollen ihn sprechen.«
»Gehen Sie nur hinauf; er ist oben allein, aber -- nicht gerade guter Laune. Sie kommen wohl weit her?«
»Nicht sehr.«
»Und wollen Sie hier in der Colonie bleiben?«
»Uns wenigstens den Platz erst einmal ansehen,« sagte Günther, nicht gesonnen, sich hier vor der Thür in eine lange Unterredung einzulassen. Sein Freund hatte das Haus schon betreten, und Beide schritten jetzt die Treppe langsam hinauf. Auf der Treppe oben blieb der Jüngere plötzlich stehen und sagte:
»Kamerad, ich habe mir die Sache überlegt; ich werde jetzt _nicht_ mit hineingehen. Wenn der Herr Director übler Laune sind, möchte ich ihm nicht gern in den Weg treten, denn ich _will_ Nichts von ihm, und gedenke mich deshalb auch nicht seiner übeln Laune auszusetzen. _Sie_ haben _Geschäfte_ mit ihm, das ist etwas Anderes; ich werde indessen in's Wirthshaus gehen und Sie dort erwarten. Machen Sie Ihre Sachen so rasch ab, wie Sie können.« -- Damit wollte er ohne Weiteres umdrehen und wieder hinabsteigen, Günther aber ergriff seinen Arm und sagte.
»Thun Sie mir den Gefallen und bleiben Sie; kommen Sie wenigstens einen Augenblick mit hinein, um Ihren Auftrag auszurichten.«
»Auftrag -- es ist nur ein Gruß.«
»Und wenn auch. Er wird uns nicht gleich beißen, und ich selber habe vor der Hand ebenfalls nur wenige Worte mit ihm zu sprechen, denn unsere Thiere müssen abgepackt und untergebracht werden.«
»Meinetwegen,« sagte der Freund achselzuckend, »wenn Sie's absolut wollen. Lieber ginge ich freilich in's Wirthshaus.«
Wenige Stufen höher standen sie vor der Thür des Directors, die eine daran genagelte einfache Visitenkarte bezeichnete. Die Karte trug auch weiter keine Bezeichnung, als »Ludwig Sarno«, nicht einmal der Titel »Director« war beigefügt, und der jüngere Fremde nickte befriedigt mit dem Kopfe. Günther hatte indessen ohne Weiteres an die Thür geklopft, und ein etwas barsches »Herein!« lud sie ein, des Löwen Höhle zu betreten.
Der Direktor, ein schlanker, aber stattlicher Mann, ebenfalls mit einem militärischen Anstriche, starkem, etwas röthlichem Barte und vollem, lockigem Haar, ging mit auf den Rücken gelegten Händen in seinem Arbeitszimmer auf und ab, das sich besonders durch eine Menge von Gefächern mit actenartig in blaues Papier geschlagenen Folioheften auszeichnete. Bei dem Anklopfen hatte er seinen Spaziergang unterbrochen und stand, halb nach der geöffneten Thür gedreht, mitten im Zimmer. Günter ließ ihn aber nicht lange über sich in Zweifel, sondern auf ihn zugehend, sagte er:
»Herr Director, ich bin gezwungen, mich selber bei Ihnen einzuführen. Mein Name ist Günther von Schwartzau, Ingenieur-Officier, und ich bin vom Präsidenten der Provinz hieher beordert, etwa nöthig gewordene Vermessungen vorzunehmen.«
»Etwa _nöthig_ gewordene?« wiederholte der Director, indem er den Fremden erstaunt ansah. »als ob ich nicht den Herrn Präsidenten seit sechs Monaten bei jeder möglichen Gelegenheit mit Eingaben bombardire, daß er _endlich_ einmal die seit einem Jahre schon fast dringend nöthigen Vermessungen vornehmen _lasse_! Etwa nöthigen....«
»Es thut mir leid, Herr Director, wenn Sie haben warten müssen,« sagte Günther ruhig, »aber _meine_ Schuld war es nicht; denn vor fünf Tagen erst erhielt ich am Chebaja den Brief des Präsidenten, der mich hieher beordert, und Sie werden mir zugestehen, daß ich von dort aus, bei _der_ Entfernung und _den_ Wegen, wahrlich keine Zeit versäumt habe.«
»Der Herr ist Ihr Gehülfe?«
»Bitte um Verzeihung,« sagte der Fremde, der indessen mit einem leichten, kaum bemerkbaren Lächeln dem Gespräche gefolgt war -- »ich gehöre in das _Geschäft_ gar nicht hinein und muß mich eigentlich als einen Aufdringling betrachten, will Ihre kostbare Zeit auch nicht länger in Anspruch nehmen, als unumgänglich nöthig ist, Ihnen mir aufgetragene und an's Herz gelegte Grüße zu bestellen.«
»Grüße? Von wem?« sagte der Direktor, der indessen die schlanke, edle Gestalt des Fremden mit eben nicht freundlicher werdenden Blicken musterte.
»Vom Hauptmann Könnern.«
»Von _Hermann_ Könnern?« rief der Director rasch.
Der Fremde nickte nur langsam mit dem Kopfe.
»Und kennen Sie Könnern persönlich?« fragte der Direktor eben so eifrig weiter.
»Ziemlich genau,« erwiederte der junge Mann; »er ist mein Bruder, und ich heiße Bernard.«
»Der sich in Amerika so lange herumgetrieben -- der Maler?«
»Derselbe,« lächelte der junge Mann.
»Dann sein Sie mir herzlich und viel tausend Mal willkommen,« rief Sarno, der in dem Augenblicke ein ganz anderer Mann zu werden schien -- »herzlich willkommen!« wiederholte er noch einmal, die gefaßte Hand aus allen Kräften schüttelnd. »Oft haben wir von Ihnen gesprochen -- und wie geht es Hermann? -- Aber davon nachher -- Sie kommen eben von der Reise, und unsere Wege sind nichts weniger als musterhaft; erst müssen Sie sich erholen und eine Erfrischung einnehmen; nachher plaudern wir viel, recht viel mit einander, denn Ihr Bruder ist der beste Freund, den ich auf der Welt habe, und ich muß Alles wissen was ihn angeht.«
»Er schrieb mir noch in seinem letzten Briefe, wo ich Sie hier in Brasilien anträfe, den Fuß nicht eher aus dem Bügel zu setzen, bis ich Ihnen die aufgetragenen herzlichen Grüße überbracht -- da ich aber nicht gut die Treppe herauf_reiten_ konnte, mußte ich wenigstens vor der Thür absteigen.«
»Ihr Pferd steht noch unten?«
»Gesattelt.«
»Desto besser, dann legen Sie Alles gleich herein -- keine Widerrede; ich schicke gleich Jemanden hinunter, denn leider Gottes habe ich Menschen genug dazu im Hause -- Bernard Könnern soll wahrhaftig nicht in Brasilien in einem Wirthshause wohnen, so lange ich selber ein Dach über mir habe, und ein Bett, mit ihm zu theilen.«
»Aber, Herr Director....«
»Kein Wort mehr; ich lasse keine Einrede gelten, wenn ich Ihnen auch keine besondere Bequemlichkeit zu bieten vermag. Sie aber sind ja auch an ein Lagerleben gewöhnt. -- Mein lieber Herr von Schwartzau,« wandte er sich dann an den Ingenieur, »mit großem Vergnügen würde ich auch Sie gern beherbergen, aber überzeugen Sie sich selber, ich habe das ganze Haus voll von Emigranten, und noch dazu fast lauter Kranke, Frauen und Kinder, die ich bei dem ewigen Regen in dem erbärmlichen Auswanderungshause nicht lassen mochte.«
»Mein lieber Herr Director!« sagte Günther abwehrend.
»Sie können uns aber helfen,« fuhr der Director fort. »Vermessen Sie uns eine tüchtige Strecke Land, daß ich die armen Einwanderer bald unterbringen kann, und ich habe dann Raum genug in meinem Hause für sechs oder acht Freunde, und vielleicht für mehr.«
»Mit Freuden, sobald ich nur erst einmal weiß, wo.«
»Das zeige ich Ihnen noch heute Abend, denn wir haben in der That keine Zeit zu verlieren. Ihre Pferde brauchen Sie dabei nicht anzustrengen, ich borge Ihnen von meinen Thieren, und Könnern hier begleitet uns; dann können Sie morgen früh mit Tagesanbruch Ihre Arbeit gleich beginnen. Was Sie von Leuten dazu brauchen, stelle ich Ihnen; ich kenne einige dazu ganz passende junge Burschen, und hätte die Arbeit schon längst selbst gemacht, wenn ich's eben im Stande wäre. Aber sehen Sie selber hier die Actenstöße an -- Berichte, Klagen, Eingaben, Zänkereien, Befehle von oben, wovon immer einer dem anderen widerspricht, und Quängeleien, daß sie einen Heiligen manchmal zum Fluchen bringen könnten -- und ich bin eben keiner -- doch darüber sprechen wir nachher. Und außerdem noch, lieber Schwartzau -- Sie waren Officier, nicht wahr?«
»In schleswig-holsteinischen Diensten.«
»Aha -- die alte Geschichte, mit der sie daheim die besten Kräfte über die Gränze getrieben haben. -- Ich muß Sie noch um Entschuldigung bitten, daß mein Empfang gerade kein überfreundlicher war, aber weiß es Gott, sie treiben es hier manchmal, daß es Einem die Galle mit Gewalt in's Blut hineinjagt. Die Frau Gräfin verbessert überhaupt nie meine Laune, wenn sie mich einmal mit ihrem hohen Besuche beehrt.«
»Die Frau Gräfin,« sagte Könnern, aufmerksam werdend; »war das etwa die Dame, die vorhin aus dem Hause trat?«
»Kurz vorher, ehe Sie kamen -- sie verließ mich sehr beleidigt, daß ich einen armen Teufel von Bauer, der noch drei Stunden Weges bis nach Hause hat, nicht ihretwegen vor der Thür warten ließ und ihn abfertigte, während sie bei mir war. Doch ich schwatze und schwatze. Also Schwartzau, Sie müssen sich noch ein paar Tage im Wirthshause unterbringen, und dann werden Sie wahrscheinlich gezwungen sein, einige Wochen auszulagern, bis dahin aber hoffe ich, Ihnen Raum geschafft zu haben. He, Christoph -- Klaas!« rief er dann aus dem Fenster -- »schaff' doch einmal die Sachen des fremden Herrn in's Haus -- Sattel und Taschen, oder was es ist -- wo wollen Sie hin, Könnern?«
»Wenn Sie es denn nicht anders haben wollen, so muß ich wenigstens hinunter, um mein Packthier selber abzuladen, daß mir die guten Leute Nichts zerbrechen.«
»Gut, auch recht. Lassen Sie nur Alles hier herauf schaffen und draußen vor die Thür stellen; wir arrangiren es dann selber, denn ich habe hier Junggesellenwirthschaft. Indessen Sie das besorgen, schreibe ich nur noch zwei Briefe, die jener Colonist mit in eine andere neue Colonie nehmen muß, wohin sonst sehr selten Gelegenheit ist.«
»Und um wie viel Uhr ist es Ihnen recht?« fragte Günther.
»Um -- aber das können wir nachher bereden,« sagte der Direktor; »natürlich essen Sie mit uns, was gerade da ist, und nach dem Essen reiten wir in aller Bequemlichkeit hinaus. Die übrigen Geschäfte müssen warten, denn dieses ist das wichtigste. Um ein Uhr esse ich gewöhnlich, bis dahin behalten Sie also noch übrig Zeit, sich ein wenig auszuruhen. Und Sie, lieber Könnern, kommen gleich wieder zu mir herauf, sobald Sie Ihre Sachen besorgt haben.«
Und damit, ohne irgend eine Einwendung zu erwarten, setzte er sich ohne Weiteres an seinen Schreibtisch und überließ die beiden Fremden indessen sich selber.
»Nun, wie gefällt Ihnen Ihr Director?« sagte Könnern auf der Treppe.
»Vortrefflich!« erwiederte Günther; »im Anfange schien er ein wenig brummig, aber der Name Ihres Bruders wirkte Wunder. -- Wo haben sich die beiden Herren eigentlich gekannt?«
»In der österreichischen Armee,« erwiederte Könnern, »wo sie den siegreichen Feldzug in den vierziger Jahren zusammen durchgemacht haben. Mir gefällt aber der Mann auch außerdem; er ist rasch, kurz angebunden, und wie mir scheint, aufrichtig und offen. Mit solchen Leuten ist immer am Besten verkehren, denn der Böse soll die Überfreundlichen holen, die stets ein lächelndes Gesicht zeigen und bei denen man doch nie und nimmer weiß, woran man mit ihnen eigentlich ist.«
»Mich hat es ebenfalls gefreut, daß er mich so ohne Weiteres in's Wirthshaus wies. Er hätte ja eine lange Entschuldigung machen können, aber er sagte einfach, deshalb geht's nicht, und damit Punctum. Ich glaube, ich werde mit _dem_ Director fertig.«
Sie waren damit vor die Thür getreten, wo ihre Diener mit den Pferden noch hielten, und während Günther wieder aufstieg, lockerte Könnern seinem Grauen den Sattelgurt. Da schallten rasche Hufschläge die Straße herauf, Beide wandten den Kopf dorthin und Günther rief aus:
»Hallo, wer kommt da -- eine Amazone!«
In demselben Augenblicke aber sprengten schon zwei Reiter, mehr im Carriere als Galopp an dem Hause des Directors vorüber, und die beiden Fremden hatten nur eben Zeit zu bemerken, daß auf dem ersten Pferde ein junges, wunderhübsches Mädchen in einem knapp anschließenden, dunklen Reitkleide saß, mit einem kleinen Amazonenhute auf, von dem eine einzelne mächtige weiße Straußfeder und ein paar lange Reiherfedern in dem scharfen Luftzuge weit auswehten. Ihr Begleiter, der etwa eine Pferdelänge hinter ihr folgte, war ein ganz junger Bursche von etwa sechszehn bis siebenzehn Jahren.
Wie eine Erscheinung flogen die Beiden an ihnen vorüber, und Günther hatte noch außerdem jetzt mit seinem eigenen Pferde zu thun, das sich, wie es schien, am liebsten dem Rennen angeschlossen hätte, und herüber und hinüber tanzte.
»Hier im Orte scheint es wirklich ganz interessante Gesellschaft zu geben,« sagte Könnern, als die wilden Reiter die Straße hinab verschwunden waren, »und es wird lohnen, sich eine Zeit lang aufzuhalten und ihre Bekanntschaft zu machen.«
»Beinahe hätt' ich das Letztere gleich gethan,« lachte Günther, »denn mein Rappe schien dasselbe Bedürfniß zu fühlen. Aber, Adieu jetzt, Kamerad. Um ein Uhr sehen wir uns beim Diner wieder.«
»Hoffentlich nicht im Frack, denn darauf bin ich nicht eingerichtet,« nickte ihm Könnern zu, während Günther, von seinen beiden Lastthieren gefolgt, denselben Weg, aber bedeutend langsamer, einschlug, den die junge Dame eben genommen. Die Kirche lag in dieser Richtung, und er wußte gut genug, daß Könnern Recht hatte, wenn er das Wirthshaus dicht daneben vermuthete.
Aus dem Directionshause waren indessen ein paar deutsche Arbeiter gekommen, junge Burschen in Hemdärmeln und mit ledernen Hosen und Pantoffeln, der eine eine runde blaue, der andere eine viereckig grüne Mütze auf, und Beide genau so aussehend, als ob sie eben dieselben Pantoffeln nicht ausgezogen hätten, seit sie in Bremen oder Hamburg das Schiff betreten.
Diese griffen willig mit zu, das Packthier abzusatteln, und wenn sie auch stets an den verkehrten Stricken, aber deshalb nicht minder gut gemeint, zogen, gelang es doch endlich mit Könnern's Hülfe, den Packen aufzuschnüren, und die verschiedenen Gegenstände in's Haus und in die erste Etage zu schaffen. Die Pferde brachten sie dann ebenfalls auf einen kleinen Weideplatz dicht am Hause, wo sie auch einzeln gefüttert werden konnten, und seinen Diener schickte Könnern dann mit dessen eigenem Sattelzeuge in das Wirthshaus hinüber, da er den Eingeborenen nicht mit den Deutschen zusammenbringen wollte. Er wußte, daß dies selten gut that.
Hierbei gelang es ihm, einen Blick in den untern Theil des Directionshauses zu werfen, und es sah dort allerdings wild und wunderlich genug aus. Das ganze Haus war noch neu, ja, es stand sogar noch ein Theil des Gerüstes. Die Wände waren auch nur erst einfach geweißt und die Fensterrahmen noch nicht einmal gestrichen.
Gleichwohl glich der Platz da unten weit eher einem indianischen Bivouac, als der Wohnung eines Directors der Colonie, denn überall in den Zimmern lagen Matratzen, überall an den Wänden standen die riesigen Kisten und Koffer der Auswanderer, mit der groß gemalten Adresse »Nach Brasilien« noch daran, und auf dem ebenfalls preisgegebenen Kochherde war auf jeder Ecke ein Feuer angezündet, über dem theils ein Kessel brodelte, theils eine Pfanne zischte. Selbst im Hofe loderte ein stattliches Feuer, um den übrigen Kochgeschirren Raum zu geben, denn heute war ja Sonntag, und die Deutschen feierten diesen, genau wie daheim, mit Essen und Trinken.
Könnern, im Augenblicke ohne weitere Beschäftigung, trat dort hinein, ohne daß die Leute jedoch besondere Notiz von ihm genommen hätten. Ein paar alte Frauen saßen auf den Kisten in der Ecke und lasen in ihren Gesangbüchern; die Mädchen und jungen Frauen waren fast alle mit ein oder der andern Arbeit für die Küche beschäftigt, und die Männer lagen zum Theil ausgestreckt auf den Matratzen oder auch auf dem nicht gerade überreinlichen Boden und rauchten ihre kurzen Pfeifen. Tabak war billig hier, und sie konnten sich dem Genusse mit unbeschränkter Leidenschaft hingeben.
»Nun, Leute, wie geht's?« redete Könnern einen der Männer an, der beide Beine von einander gestreckt hatte und, ein Bild der höchsten Zufriedenheit, flach auf dem Rücken lag. Nur den einen Arm hatte er als Kissen unter den Kopf geschoben und sah den eigenen Rauchwolken nach, die er mit Macht gegen die Decke blies; »Ihr scheint Euch hier ganz behaglich zu befinden?«
»Und warum nicht?« sagte der Mann, indem er die Pfeife in den einen Mundwinkel schob; »hier kann mer's aushalten, und die Schinderei geht doch noch zeitig genug an. Das Brumsilien ist ein ganz famoses Land -- wären wir nur _erst_ (früher) hergekommen.«
»Ja, mit dene Männer hat's keine Noth,« fiel hier die eine Frau ein, die mit roth erhitztem Gesichte gerade aus der Küche kam und sich mit der Schürze den Schweiß von der Stirn trocknete, »wenn die nur satt Tabak haben und auf der faulen Haut liegen können, sell freut sie und sie wollen's net besser, aber uns arme Weiberleut' derf's schinden und plagen, wie's mag.«
»Und was geht _Euch_ ab?« fragte der Mann, faul den Kopf nach ihr umdrehend.
»Was _uns_ abgeht?« sagte aber die Frau, »ein eigen Haus und ein eigener Herd, weiter Nichts, daß man weiß, _weshalb_ man sich plagt und schindt, und seine Kochtöpf' nicht auf Gottes Erdboden herum zu stoßen hat. Erst aber drei Monat das leidige Schiffsleben und nun vier Monat wieder hier in einer wahren Heidenwirthschaft -- sell kann Einen freuen, und bis an den Hals steht mir's.«
Und damit griff die Frau ein am Boden sitzendes, schreiendes Kind an einem Arme auf, warf sich's mit einem Ruck auf die Hüfte und verschwand damit durch die offene Thür.
»Weiberleut'!« sagte der Bauer verächtlich und rauchte weiter.
Könnern behielt übrigens keine Zeit, noch weitere Forschungen anzustellen, denn der Director sah in diesem Augenblicke in's Zimmer. Er hatte jedenfalls seinen Gast gesucht und rief jetzt:
»Nun, sieht es hier nicht liebenswürdig aus? Aber kommen Sie, Könnern, wir wollen vor Tisch noch einen kleinen Spaziergang machen -- lassen Sie nur, Sie können sich nachher umziehen; es kommt bei uns nicht so genau darauf an, und Ihre Sachen habe ich schon in die für Sie bestimmte Stube stellen lassen.«
Damit nahm er ohne Weiteres Könnern unter den Arm und verließ mit ihm das Haus. Die in der Stube umher zerstreuten Einwanderer richteten sich aber, als der Director das Zimmer betrat, etwas überrascht auf, rückten ihre Mützen und nahmen ihre Pfeifen aus dem Munde. So wie er ihnen aber den Rücken drehte, fielen sie in ihre alte Stellung zurück und rauchten ruhig weiter.
Der junge Fremde mußte jetzt vor allen Dingen dem Director von seinem Bruder erzählen, wie es ihm gehe, was er thue und treibe, und er wurde dabei nicht satt, ihm zuzuhören. Erst als Jener Alles erschöpft, was er darüber zu sagen hatte, kamen sie auf die hiesigen Verhältnisse zu sprechen, und Bernard Könnern gestand dem Director daß er, doch einmal in der Welt umherstreifend, nur nach Brasilien gekommen sei, um die Verhältnisse des Landes, über die er die verschiedensten und widersprechendsten Gerüchte gehört, einmal selber von Augenschein kennen zu lernen und dabei für seine Mappe zu sammeln. Habe er das erreicht, dann kehre er eben wieder nach Europa zurück, denn mit allen Mängeln scheine es doch, als ob ihm das Vaterland kein anderer Ort der Welt ersetzen könne.