Die Buben der Frau Opterberg

Part 21

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Die Zeit hatte Frau Christiane Opterberg nichts anzuhaben vermocht. Wohl war der Schein ihres strohgelben Haares ein wenig matter geworden, aber immer noch krönte es in schwerer Fülle das Haupt, aus dem die Augen in der kristallklaren Farbe des jungen Rheins blickten, und die Frauenreife des Körpers hatte trotz der Jahre die Spannkraft und Biegsamkeit ihres Mädchenkörpers behalten. Nur die Raschheit hatte sich verloren. Aber die Gelassenheit, die sie allen Dingen und Vorkommnissen gegenüber zur Schau trug, war nur ein Schein, und es glitt zuweilen wie verhaltene Laune um ihren Mund, die besser als sprudelnde Worte kundtat, was Frau Christiane im Innersten bewegte.

»Es ist halt nichts so trauerspielmäßig, als daß es nicht wieder zum Singspiel umschlagen könnt’,« meinte sie in ihrer lebensklaren Art, als der Sohn ihr am Weihnachtsabend hatte erzählen müssen. »Es kommt lediglich darauf an, wie man selber das Spiel zu betreiben gedenkt, ob mit Asche auf dem Haupt, oder mit einer frischgepflückten Nelke hinterm Ohr. Man kann sich bei der Beerdigung eines Freundes selber mitbegraben, man kann sich aber auch just am frischen Hügel das Gelöbnis ablegen. Nun wird noch lange nicht gestorben! Nun wird das Leben erst recht in die Hand genommen, damit’s sein Bestes hergibt vor dem törichten Tod.«

Sie lachte in sich hinein.

»Ich hab’ einmal von einem lustigen Gesellen den Trauermarsch von Chopin spielen hören, ohne daß er eine Note verändert hätt’, nur in einem flotteren Zeitmaß, und der alte Trauermarsch klang wie eine funkelnagelneue Aufforderung zum Tanz.«

»Ich versteh’ dich, Mutter, und hab’s mir selber schon so ausgelegt. Nicht hinter dem unwiderruflich Abgeschiedenen herjammern und in die Knie knicken. Wer lebt, hat nur die eine Pflicht: nämlich zu _leben_ und sein Leben so aufzubauen, daß es Wert für ihn hat und für seine Zeit.«

»Siehst du,« sagte Frau Christiane, »damit hätten wir eigentlich alles besprochen, was es zwischen uns an Wichtigem zu besprechen gäb’. Was wir nun noch daherreden, sind die schönen Randverzierungen.«

»Red nur daher, Mutter,« bat Martin Opterberg lächelnd und streichelte ihre kräftige Hand.

»Gelt, du bist auch den Randverzierungen nicht abhold? Der Schuß Vatersblut in dir ist nicht das schlechteste Erbteil, ob wir beide auch früher einmal ein wenig darum gebangt haben mögen. Denn Freud’ muß der Mensch haben, oder er tut sein Tagewerk wie ein Öchslein unterm Jochbalken.«

»Erzähl mir ein wenig von der Freud’, Mutter. Ich werd’ schon gut hinhorchen.«

»Du möcht’st mich wohl ausspionieren, Bub?« erwiderte sie lachend und klopfte ihm kräftig den Rockärmel.

»Ausspionieren? Ist denn der Gegenstand so heikel?«

»Nun steigt mir wahrhaftig die Röt’ ins Gesicht. Ach was, ich bin doch zuletzt kein jung Mädchen und du kein Hosenlupf. Ich bin deine Mutter und vermag drum sogar Gegenständ’ mit dir zu besprechen, die einen Pastor in Beklemmungen versetzen könnten. Wenn ich von der Freud’ red’, so mein’ ich halt: die größte Freud’ für den Mann ist doch das Weib.«

»Es könnt’ wenigstens so sein, Mutter.«

»Es _könnt’_ nicht nur so sein, es _ist_ so, Bub. Denn wenn ich von eines Mannes Weib sprech’, mein’ ich den getreuen Kameraden in gleichem Schritt und Tritt und nicht einen Herumfeger oder gar eine Schlampampe. Ich sag’s, wie ich’s weiß, und hab’s an mir selber und einem anderen erfahren, und du wärst mittlerweil’ auch alt genug dazu geworden.«

»Also wie muß sie ausschauen, Mutter?«

»Garnicht muß sie ausschaun. Darauf hast du wohl die Prob’ selber gemacht, daß das bloße Ausschaun erst in der zweiten Linie kommt. Aber das Herz muß sie auf dem rechten Fleck haben, besonders wenn’s der Mann gerad beansprucht, und es nicht beleidigt auf die andere Seit’ schieben, wenn er auch andere Dinge mal im Kopf hat. Und den Verstand muß sie an der rechten Stell’ haben, daß sie an allem ihren Anteil nehmen kann, was des Mannes Wesen und geistiges Leben ausmacht, ohne aber, daß sie nun gleich als die Belehrerin und Besserwisserin auftreten will, denn dann wär’ ja für den Mann die Freud’ des Starken dahin. Und lieb muß sie ihn haben, und wenn’s Hühnereier hagelt.«

»Also hübsch braucht sie nicht zu sein, Mutter?«

»Nicht hübsch?« sagte Frau Christiane erstaunt. »Ja bist du denn von einem anderen Stern, auf dem die Menschen Astralleiber haben? Natürlich muß sie für den Mann, der sie heiratet, hübsch sein und sehr sogar, aber nur für den Mann, und wenn sie für die anderen nur als ein Meerwunder mitdurchläuft. Für den einen Mann aber muß sie so hübsch sein, daß es in allen seinen Sinnen singt und klingt, wenn er sie daherschreiten sieht, und ein Freuen in ihn kommt vom Herzen bis in die Kehle, als stünd’ der Atem still. Laß du die Frommen im Land von der Abtötung der Sinne faseln -- was weiß ein Frosch vom Falkenruf in der Luft anders, als daß er Angst vor ihm hat. Sind die Sinne nicht mit im Spiel, so ist’s eine Laute mit gesprungenen Saiten.«

»Und schlank und rank muß sie sein,« fuhr Martin Opterberg fort, »und braunes Haar muß sie haben mit einem Sonnenkrönlein drin, wie bei ihrer Schwester, und ihre Augen müssen blitzen vor Lust am Leben, und aus der Stadt Karlsruhe _muß_ sie sein.«

»Martin --,« sagte Frau Christiane, »da bringst du mich auf eine Fährte.«

»Laß gut sein, Mutter. Noch ist der Friede nicht unterzeichnet. Und ich möcht’, wenn’s einmal übermächtig in mir wird, mein Glück in Frieden haben.« -- --

Bis zum neuen Jahr blieb Martin Opterberg, und er saß auf der Bank über dem brausenden jungen Rhein und saß im Giebelstübchen des Turmes, das den Ausblick bot über die Schwarzwaldberge und hinaus zu den geheimnisvoll lockenden Ketten der Alpen, die den Vater angezogen hatten Tag und Nacht. Aber Martin Opterbergs Blicke schweiften nur nach den Schwarzwaldhöhen, als forschten sie, ob dort die Jugendwege noch liefen …

»Zum Sommer kehr’ ich wieder, Mutter,« sagte er beim Abschied. »Es zieht mich mächtig …«

Und wieder ging es im Bogen um den Rhein zurück, dessen Ufer nicht von den Deutschen aus deutschen Landen betreten werden durften und nur von den Negern vom Senegal und ihren weißen Brüdern. Die Wagenabteile waren gedrängt voll Menschen, und es herrschte so viel Gelächter und Geschrei, als gingen diese Überlauten alle auf eine rheinische Kirmesfahrt.

Martin Opterberg ließ schweigend seine Blicke wandern. Wer waren diese Leute? Ein neues Volk? Ein neues Geschlecht aus dem alten? Er musterte Gesichter und Kleider, fing Sprache und Bewegung auf. Nein, es war kein neues Volk und kein neues Geschlecht. Es waren die Dunkelmänner, die zu allen Zeiten in schmierigen Hintergassen ihre Geschäfte betrieben hatten und nun bei dem großen Kopfüber auf die Höhe geraten waren. Nur daß sie nicht mehr mit Lotterielosen handelten und mit unzerreißbaren Hosenträgern, nicht mehr um ein erbärmlich Stück Vieh feilschten oder auf Pfänder liehen … Und es waren Gewerbetreibende und Kaufleute aller Art, die gestern noch eine Hose gewendet oder ein Viertelpfund Kaffee ausgewogen hatten und heute, wie aus ihren großtönenden Reden hervorging, Tuche, Lebensmittel, Kohlen und was das notleidende Volk bis zu den Düngemitteln brauchte, in Wagenladungen aufkauften und mit Wuchernutzen weiterverhandelten. Die meisten staken in feinen, neuen Kleidern, manche in weichgefütterten Pelzröcken, gaben sich das Ansehen von Baronen und entgleisten in die Gewohnheiten von Pferdeknechten. Ihre Frauen trugen kurze, knisternde Seidenröckchen, die kaum über das Knie reichten und oft seltsam geformte, immer aber mit durchsichtigen Seidenstrümpfen bekleidete Beine aufwiesen, während die Hände, von den traurigen Fingernägeln abgesehen, im Schmucke von Brillanten glänzten. Und alle diese Herren und Damen zogen aus feinen neuen Lederkoffern Kognakflaschen und Straßburger Gänseleberpastete und Schokoladensüßigkeiten jeder Art hervor und schmausten und redeten mit gefüllten Mündern aufeinander ein und kreischten vor Vergnügen auf, daß sie sich fast verschluckten. Viele waren im Besitze von Ausweisen, die den Stempel einer der fremdländischen Besatzungsbehörden trugen und die Erlaubnis verliehen, um einer besonders starken Lebensnotwendigkeit willen auf eine kurzbefristete Zeit auch das Rheintal besuchen zu dürfen. Jetzt aber fuhren sie zum Einkauf oder einer Warenverschiebung in das Hinterland. Andere ließen sich auf das Genaueste in die Geheimnisse der Paßerlangungen einweihen und warteten dafür mit den Geheimnissen des Schleichhandels auf. Einer sprach von den Loslösungsbestrebungen zugunsten einer rheinischen Republik. »Ob sie sagen, dat Rheinland sollt’ pfäffisch gemacht werden oder welsch -- die Hauptsach’ is, dat wir von den verfluchzigen Vermögenseinziehungen verschont bleiben un unser sauer verdient Geld in Ruhe verzehren können.« Und seine Zuhörer stimmten ihm mit vollen Mündern bei.

Da erhob sich Martin Opterberg, angeekelt von all dem würdelosen Schmarotzertum am Körper des hungernden und frierenden Vaterlandes und ging in eine niedere Wagenklasse hinüber, in der blasse und abgehärmte Menschen in scheuem Ton, als berührten sie das Allerheiligste, von dem Heldentod ihrer Söhne und Brüder sprachen, deren Leiber in Frankreich moderten, in Polen, auf dem Balkan, in Palästina oder unbekannten Ortes auf dem Meeresgrund …

Im unbesetzten Düsseldorf stieg er zum letzten Male um und ging, um die Zeit bis zur Abfahrt des Zuges hinzubringen, in die Stadt hinein. Vor einem vornehmen Hotel winkte ihm ein Herr in langem Gehpelz, auf den der weiße Patriarchenbart ehrwürdig niederwogte, munter zu.

»Der Herr Doktor Opterberg, wenn ich nicht irre?«

Eine Sekunde verhielt Martin Opterberg den Schritt, und sie genügte dem alten Herrn, um ihn festzuhalten.

»Professor Barthelmeß,« kam er dem Erstaunten zu Hilfe. »Und hier ist auch meine liebe Frau Hadwiga. Nun geht sie im Gewand einer Fürstin, wie es sich für die Frau eines großen Künstlers geziemt. Ja, mein Freund, die Tage der Bitternis, in denen ich in der Wüste Ziegel strich, sind vorüber. Jetzt ist die Fronarbeit an die armen Reichen gekommen, von denen ich im Auftrage des bedeutendsten Berliner Kunsthändlers alte Gemälde zu geringen Einkaufs- und hohen Verkaufspreisen aufkaufe. Und meine drei Herren Söhne, dieses echte Barthelmeßblut -- ah, dort steigen sie gerade aus ihrem eigengesteuerten Mercedeswagen -- handeln mit allem, was Gott gedeihen läßt, hinüber und herüber über den Rhein, und die Sabine verschafft ihnen durch ihre aufrichtige Beliebtheit bei den fremden Herren Offizieren die Ein- und Ausfuhrbewilligungen durch das große Loch im Westen.« --

Er sprach in die Luft. Martin Opterberg hatte schweigend an die Hutkrempe gefaßt, als entschuldige er sich eines Versehens wegen, und war weitergegangen.

Vor einem kleinen Papierladen blieb er stehen. Zeitungen und billige Bücher waren in der Auslage zu sehen, aber die waren es nicht, die ihn fesselten. Er blickte forschend durch die Scheiben und glaubte in dem Mann, der am Ladentische saß und Schreibübungen zu veranstalten schien, Broich zu erkennen, Broich, den er zuletzt mit abgeschossener Hand im Feldlazarett gesehen hatte.

Er trat ein und hatte sich nicht geirrt.

»Lieb von dir, Opterberg, daß du mich heimsuchst. Nimm einen Stuhl. Die neuen Zeitungen kommen erst in einer halben Stunde, und bis dahin ist es ruhig im Laden. Warte, eine Begrüßungszigarre sollst du auch haben. Meine Frau hat mir ein ganzes Viertelhundert zu Weihnachten geschenkt.«

»Wie geht es dir, Broich, und wie geht es Frau und Kindern?«

»Alles gesund, und was mehr bedeutet: fest im Glauben an die Zukunft.«

»Gottlob, daß die anständigen Menschen nicht aussterben. Was macht die schwere Verwundung? Ich seh’, du hast eine künstliche Hand.«

»Ich kann, wenn ich die Linke zu Hilfe nehm’, alles mit ihr fassen und halten. Mit der Linken üb’ ich mich im Schreiben. Sieh her, es geht schon ganz gut. Und bis zum Frühjahr wird’s so weit sein, daß ich mich mit gutem Gewissen wieder um eine bessere Stellung bewerben darf. Einstweilen glauben ja die Herren, wem die rechte Hand weggeblasen sei, dem sei auch der Verstand weggeblasen. Aber einstweilen hält uns ja auch das Zeitungslädchen über Wasser.«

»Sind deine Schwiegereltern nicht so wohlhabend, daß sie dich über Wasser halten konnten?«

»Opterberg,« sagte Broich und legte dem Jugendkameraden die gesunde Linke auf den Arm, »du vergissest wohl, daß ich neben einer Frau auch Kinder habe. Sollten die etwa glauben, ihr Vater sei ein so armseliger Kerl, daß er nicht einmal seine Kinder ernähren könnt’? Nein, Opterberg, eher mit einem Arm Steine klopfen. Na, du hätt’st es ja nicht anders gemacht.«

Frau Hilde Broich kam mit den Kindern. Sie alle trugen einen Pack neuer Zeitungen im Arm und glühten trotz der Kälte vor Stolz.

»Wenn Jung und Mädel brav sind, dürfen sie zur Belohnung ihrem Herrn Hauptmann, dem Vater, helfen,« sagte sie, als sie den alten Freiburger Freund freudig begrüßt hatte. »Lieber Martin, wie oft sprechen wir gerade in diesen dunklen Deutschlandtagen von den sonnigen Wanderungen im Schwarzwald und von den Freudentagen auf dem Opterberghof, wo ich mich dem Liebsten da heimlich anverlobte.«

Martin Opterberg beugte sich herab und küßte ihr beide Hände …

Sein Zug führte ihn heimwärts.

»Es gibt noch Männer in diesem Deutschland,« dachte er, »und es gibt noch Frauen, und es gibt noch einen Nachwuchs!« Und dann versank er in ein Träumen -- --

14

Martin Opterberg hatte die Träume abgeschüttelt. Als ein Verjüngter war er heimgekehrt von dem Opterberghof der Frau Christiane, als ein Ernster und Froher zugleich. Aus klaren Augen überblickte er die Geschehnisse der Zeit, die vergangenen wie die kommenden, denn sein Wirklichkeitssinn sagte ihm, daß ein Volk, das die alte Obrigkeitsgewalt mit einem bloßen Heben der Achseln abgeschüttelt habe, in einen Taumel der Überhebung geraten müsse und jede neue von ihm selbst bestellte Obrigkeit nur als Ausführerin der eigenen Wünsche und Befehle ansehen würde, die bei nicht zusagender Arbeit ohne weitere Kündigung wieder auf die Straße zu setzen sei. Ein Spatzenschreck war sie bestenfalls, und im schlimmen Fall, der nicht außer acht gelassen werden durfte, eine Platzhalterin für die brodelnden Gewalten der Tiefe.

Sein klarer Ernst wies ihn darauf hin, daß es Jahre des Sichtens und Schichtens bedürfen würde, bis sich das große Leid Deutschlands in die Erkenntnis des neuen Tages und seiner unerbittlichen Arbeitsforderungen umgewandelt haben würde, und seine tiefe Froheit war dankbar dafür, daß er für die große Menschheitsaufgabe noch ein Leben einzusetzen habe.

Er schritt mit Christoph Attermann über die Werft, die bei dem Fehlen der Baustoffe und der wilden Steigerung aller Preise nur geringe Beschäftigung hatte. Er musterte die Arbeiterschaft und fand nur noch ein Häuflein der Getreuesten vor. Gar mancher der Kräftigsten und Geschicktesten war draußen vor dem Feind geblieben, und gar viele der Lebenden waren auch dem stürmischen Drang der Zeit gefolgt und hatten den Platz gewechselt, um an den ausgebotenen Riesenlöhnen leichteren Anteil zu gewinnen.

Die Pflegebrüder besprachen in großen Zügen die zuerst zu ergreifenden Maßnahmen.

»Die Tragbalken sind geblieben. Zwei Dinge kommen in Betracht: Arbeit hereinzuholen und -- die Lust an der Arbeit zu heben. Das erstere ist nicht so schwer. Die Schiffsparks befinden sich allenthalben in Unstand, und die Holzpreise werden bezahlt werden müssen, bis die wiedereinsetzende Einfuhr sie eines Tages von selber regelt. Darnach müssen wir uns bei den Abschlüssen halten. Der zweite Punkt aber, die Lust an der Arbeit zu heben, setzt einige Eigenschaften voraus, die wir beide wohl bei uns als vorhanden ansehen dürfen: ein wenig mehr Menschenliebe und ein wenig mehr Selbstlosigkeit. Das gilt für uns im kleinen wie für das Vaterland im großen. Wir wollen in aller Ruhe und Klarheit an die Ausarbeitung eines Entwurfes gehen.«

Und Martin Opterberg schritt den Rhein hinab zu seinem vereinsamten Haus, und Linde Baumgart ging neben ihm. »Ich muß wieder seßhaft werden, Linde,« sagte er, »und unter meinem eigenen Dach wohnen. Sonst fühl’ ich mich nur als Gast im Haus und leicht dadurch auch im Werk. Schließ auf. Ah, da ist ja mein großes, stilles Arbeitszimmer.«

Sie ging vor ihm her, von einem Raum zum anderen, und öffnete die Läden, damit das grüßende Licht ihn empfange und alle Dunkelheit vor seinem Fuß zerflattere. Der Herr des Hauses sollte das Haupt heben bei jedem Schritt.

Er bemerkte ihr heiteres Handeln wohl und auch die Ordnung, die überall gehalten war.

»Hier warst du wohl öfters, Linde?«

»Wir müßten sonst mit dem Taucherhelm in die Staubwogen.«

›Vierundeinhalbes Jahr hat sie hier im Stillen geschafft,‹ dachte er, ›und das Deine betreut, während du im Felde lagst und mit keiner Zeile darnach fragtest.‹ Und er trat vor sie hin und ergriff ihre Hand.

»Nun müßt’ ich dir einen großen Dank sagen, und es wird doch wieder eine neue große Bitte. Würdest du mit hierher übersiedeln und mir das Hauswesen leiten? Ich möcht’s gern heimatlich behalten.«

»War das die große Feierlichkeit wert? Ich hab’s mir schon halb und halb gedacht und auch mit den Attermanns besprochen.« Sie knixte lachend. »Morgen kann ich Einstand halten und bitt’ um gute Behandlung.«

»Mädel …,« sagte er, und dann ging er weiter.

Von Stund’ an aber regte sich das Leben wieder im Opterbergschen Haus und lief durch alle Räume und suchte die Freude und fand sie allenthalben. Linde Baumgart leitete in Küche und Keller ein stämmiges Westfalenmädchen an, und so stark machte sich die Schule der Frau Christiane geltend, daß es Martin Opterberg oft war, als wäre er daheim in der Hut der Mutter. Oft blieb er am Abend noch ein Stündchen am Eßtisch sitzen und horchte auf ihr wohltuendes Geplauder. Öfter aber noch nahm er sie mit in sein Arbeitszimmer hinüber, wo sie still mit einem Buch unter der Lampe saß, immer bereit, auf eine Frage eine Antwort zu erteilen. Mehr und mehr führte er sie in seine Pläne ein.

An einem Abend erzählte er ihr von dem Jugendfreunde Broich und dem Wiedersehen in Düsseldorf. »Als Hauptmann ließ er dem Vaterland seine rechte Hand. Jetzt verkauft er ebenso stolz mit der Linken Zeitungen, und Frau und Kinder helfen ihm. Diese heilige Anschauung von Arbeit und Familienleben hat einen starken Eindruck auf mich gemacht.«

»Ich wüßt’, was ich tät’,« sagte Linde Baumgart.

»Dann laß es mich auch wissen.«

»Aus solchen Hauptleuten müßt’ sich das ganze Volk zusammensetzen, wenn’s wieder werden wollt’. Ich würd’ ihn, wenn ich der Martin Opterberg wär’, zu mir holen und ihm die kaufmännische Leitung des Werks übertragen. Und ich hätt’ nicht nur den zuverlässigen Mann, sondern auch ganz nah bei mir den Freund. Alte Freunde aber bedeuten neue Jugend.«

Einen Monat später siedelte der einhändige Broich mit Frau und Kindern über. Er schlug seine Wohnung im Geschäftshaus der Werft auf, und es war vor allem Therese Attermann, die der Jugendfreundin und einstigen Mitstudierenden mit Rat und Tat zur Seite stand. Allwöchentlich fand sich der Freundeskreis zu einem Plauderabend zusammen, abwechselnd im Hause eines jeden, und die Freiburger Erinnerungen stiegen auf, wurden lebendig und in heitere Verklärung gesetzt.

Auch nach der Lautenspielerin wurde verlangt, aber Therese Attermann verschloß sich zum ersten Male den Bitten der Freunde und selbst denen ihres Mannes und blieb dabei, das Erinnerungsbild würde Schaden leiden, wenn sie hier die Jugend von ehemals vortäuschen wolle, und das leide ihre weibliche Eitelkeit nicht. Darum müsse ihre um so viel jüngere Schwester Linde die Rolle übernehmen.

Da sang Linde Baumgart die Lieder zur Laute an der Schwester Statt, die alten Volks- und Liebeslieder, die voll von der Sehnsucht sind und ihren Erfüllungen. Das Lachen ihrer Augen schwand und wurde ein fernes Fragen und Horchen. In sich gekehrt und dem Kreis entrückt saß sie und schmiegte die Wange an den Lautenhals, wie es einst die Therese Baumgart getan hatte in den Tagen der Schwarzwaldwanderungen, und Martin Opterberg schaute mit gebannten Augen auf das Bild, wie es Therese Attermann tat, die mit feuchten Augen lächelte …

An einem dieser Abende brachte Broich einen Brief mit, den er am selben Tage von Tillmann erhalten hatte. Der Armierungssoldat und Kunstgelehrte war, kurz nach der letzten Begegnung mit Martin Opterberg und Christoph Attermann, bei einer Grabenüberrumpelung in französische Gefangenschaft geraten und nun mit einem der ersten Gefangenenschübe ins Rheinland zurückgesandt worden. In dem Briefe bat er um eine Unterredung mit den Freunden, da er »auf Grund gegenseitiger Abneigung« die Scheidung von seiner Frau und diese die Scheidung von ihm beantragt habe.

»Nie ist eine Abneigung gegenseitiger gewesen,« schloß er grimmig, »und das ist meine einzige Genugtuung.«

Über nichts anderes wurde an diesem Abend gesprochen als über den begeisterungsseligen und so übel entgleisten Fuchsmajor der Freiburger Burschenschaft. Die Freunde riefen sich das Bild des flotten Studenten auf dem Kneip- und Fechtboden in die Erinnerung zurück und gedachten des Eindrucks, den der schwärmende Führer bei ihrem ersten Anstieg auf die Schloßberghöhen in ihrem jungen Blut hinterlassen habe. Und die Frauen rühmten sein ritterlich Wesen auf Wanderungen und Schneeschuhfahrten. Aber auch seine Wandlungen seit Eingang der Ehe mit der verwöhnten und anspruchsvollen Klarenbachin erwähnte Broich, seinen wissenschaftlichen Müßiggang und sein Beharren im studentischen Ton und Gehaben.

»Sie hat ihn doch gewählt, weil er ihr von allen der Liebste war,« meinte verwundert Frau Hilde Broich.

Therese Attermann schüttelte nachdenklich den Kopf. »Sie hat ihn gewählt, weil er ihr, solang sie selber Studentin war, in seiner Fuchsmajorwürde und freiherrlichen Burschenart den stärksten Eindruck machte. Das galt für das kleine und genügsame Freiburg und für das romantische Studentenleben. Für das reiche und großartige Düsseldorfer Fabrikantenleben langte die Fuchsmajorwürde nicht aus und hielt darum die Mädchenbegeisterung nicht vor.«

»Aber sie hieß doch die eifersüchtigste Frau weit und breit?«

»Weil sie ihn nährte und kleidete und darum als ihr alleiniges Eigentum ansah. Das ist durchaus bezeichnend für diese Frauenart und braucht mit einer Liebesregung nichts mehr zu tun zu haben.«

»Aber sie war ihm treu,« sagte Martin Opterberg.

Therese Attermann sann nach. Ihre Augenbrauen rückten aneinander.

»Ich mag das nicht für ein Verdienst halten. Er mußte ja jeder ihrer Winke gewärtig sein. Es gibt eine Treue, und ich weiß es aus den Vorkommnissen in meinem Beruf, eine hirn- und seelenlose Treue, die den Mann bis zur eigenen Untreue plagen kann. Mir scheint, der Heißkopf Tillmann ist auf ein totes Gleis verfahren worden, als er allzu hastig nach dem goldenen Vögelchen griff.«

»Was nun mit ihm? Sein Notruf geht an die Freunde.«

»Laßt ihn herkommen. Viele schauen anders aus, als sie schreiben. Oft leichtfertiger, oft zerschlagener.«

Und Tillmann kam. Sein einst so gutgehaltener Körper war durch die schwere Schanzarbeit ausgereckt, seine Arme erschienen länger, seine Hände hingen breit und plump in den Gelenken. Ein gequälter Zug stand in seinem Gesicht und ein aufflackerndes Mißtrauen in seinen Augen. Er stieg im Hause Attermann ab und redete in den ersten zwei Tagen kaum ein Wort.

Frau Therese ließ ihn ruhig gewähren. Mit dem geschärften Blick der Ärztin erkannte sie sofort die seelische Natur seines Leidens und den knirschenden Kampf zwischen Haß und Scham.

Scharf und argwöhnisch beobachtete er seine Gastgeberin. Aber als sie sich in ihrer frohen Güte immer gleich blieb und keinerlei Unterschied zwischen ihm und den anderen Freunden machte, wurde sein Blick ruhiger, und der Mund fand ein Dankeswort.