Part 12
Katschinsky richtete sich auf. Wie töricht, dachte er, muß sie ihm denn gleich sagen, daß sie kein Geld hat? Sie wird es nie lernen, es ist zum Verzweifeln!
„Lieben Sie diese schönen Dinge?“ fragte Wenzel weiter. Die Verwirrung des jungen Mädchens entzückte ihn.
„Ich liebe sie leidenschaftlich!“ erwiderte Jenny. „Woher kommt es, daß diese alten Dinge schöner sind als die unserer Zeit?“
Wenzel zuckte die Achseln. „Wer sollte heute soviel Geld haben, diese kostbaren Dinge herstellen zu lassen? Hat aber jemand die Mittel, so hat er sicherlich nicht den Geschmack.“
Es schien Katschinsky an der Zeit, ebenfalls etwas zu äußern, und nur um etwas zu sagen, warf er lässig hin: „In früheren Zeiten hatte der Mensch von Kultur die Möglichkeit, sich in den herrschenden Kunststil einzufühlen, heutzutage aber veraltet ein Kunststil innerhalb von drei Jahren.“ Schellenberg hörte nur mit halbem Ohr zu, und Katschinsky schämte sich, etwas so Banales gesagt zu haben.
„Ich vermag die einzelnen Stile nicht zu unterscheiden,“ sagte Jenny. „Ich fühle nur, das ist schön, oder das gefällt mir nicht. Haben Sie viel gekauft, Herr Schellenberg?“
Diese Frage fand Katschinsky wiederum taktlos. Seine Augen blendeten vorwurfsvoll. Was ging es sie an, ob Schellenberg kaufte oder nicht? Er ahnte nicht, daß Jenny nur aus Verlegenheit diese Frage stellte.
„Einiges, einige Möbel und einige Porzellane,“ erwiderte Wenzel. „Ich kaufe weniger, weil ich mir ein besonderes Verständnis für Antiquitäten zuspreche, weniger aus ästhetischen Gesichtspunkten, ich kaufe vielmehr, weil ich in guten Antiquitäten eine bessere Kapitalsanlage sehe als in zweifelhaften Effekten.“
Jenny starrte ihn verständnislos an, so sehr hatte sie seine Offenheit verblüfft.
„In welchem Theater spielen Sie zur Zeit?“ fragte Wenzel.
Sie errötete einige Male nacheinander und legte den Kopf ganz schief. „Ich spiele zur Zeit gar nicht,“ sagte sie hastig. „Die hiesigen Direktoren wollen mich nicht haben.“
„Fräulein Florian beendet ihre Studien,“ kam ihr Katschinsky zu Hilfe.
„Meine Frage war nicht Neugierde, Fräulein Florian,“ fuhr Wenzel fort, „sie war höchst eigennützig. Würden Sie sich für den Film interessieren?“
Sofort war Jenny Feuer und Flamme. „Aber natürlich!“ rief sie.
„Nun,“ erwiderte Wenzel, indem er sich verabschiedete, „vielleicht darf ich mir erlauben, einmal auf unser Gespräch zurückzukommen. Ich unterhandle zur Zeit mit einigen großen Gesellschaften, aber die Dinge sind noch völlig in der Schwebe.“
Die Auktion ging weiter.
„Sehen Sie zu, daß uns die Meißner Uhr nicht entgeht,“ raunte Wenzel Stolpe ins Ohr.
„Ich werde nicht verfehlen,“ antwortete Stolpe mit einer knappen, unterwürfigen Verbeugung.
Um die Meißner Uhr entbrannte wiederum ein äußerst heftiger Kampf. Wiederum war es der frühere Herrenreiter, der ein Duell auf Leben und Tod mit dem Agenten Wenzels ausfocht.
Die Uhr war ein herrliches Stück von großer Kostbarkeit, im Empirestil. Das Besondere an ihr war ein wundervolles Schlagwerk, und während das Duell zwischen den beiden am heftigsten tobte, begann dieses Schlagwerk plötzlich zu spielen. Es war ein Glockenspiel. Schon bei den ersten Tönen setzte das Duell zwischen den beiden aus, und es wurde vollkommen still im Saal. Hell, rein, in unirdischen Tönen erklang aus der Uhr der Choral: „Ein’ feste Burg ist unser Gott –“
Als die letzten Töne verklangen, hörte man eine Frauenstimme schluchzen. Alle Blicke wandten sich einer weißhaarigen Dame zu, die mitten im Saal saß und das Taschentuch vors Gesicht preßte.
Schon aber setzte der Auktionator die Versteigerung fort. Man hörte wiederum die beiden Stimmen der Kämpfer, und die quäkende, trockene Stimme des Maklers siegte abermals.
Gleich nachdem der Agent den Sieg davongetragen hatte, erhob sich die alte Dame und verließ, den Schleier über das Gesicht gezogen, in verschämter Haltung den Saal.
Wenzel winkte Stolpe zu sich heran. „Sehen Sie zu,“ sagte er zu seinem Adjutanten, „finden Sie heraus, wer diese alte Dame ist! Es interessiert mich zu wissen, ob sie in irgendeiner Beziehung zu dieser Meißner Uhr steht.“
„Sehr wohl,“ erwiderte Stolpe und klappte mit den Hacken. Für derartige Aufträge war er glänzend zu gebrauchen. Wenzel war kaum in sein Bureau zurückgekehrt, als Stolpe ihm Bericht erstattete.
„Diese alte Dame“, sagte er, „ist eine Freifrau von Griesbach, Witwe eines Landrats. Die Uhr stammt aus ihrem Besitz. Sie lebt im alten Westen am Matthäikirchplatz. Ihre Verhältnisse sind noch leidlich geordnet, aber sie scheint Geld zu brauchen.“
„Nun, dann will ich Ihnen was sagen, Stolpe. Sie werden Frau von Griesbach persönlich die Uhr überbringen. Sie werden ihr sagen, daß wir uns erlauben, ihr die Uhr zurückzugeben. Frau von Griesbach könne uns das Vorkaufsrecht einräumen für den Fall, daß sie sich später doch noch von der Uhr trennen will. Ganz unter uns gesagt,“ fügte Schellenberg hinzu, „so schön die Uhr ist, dieser sentimentale Choral würde mich krank machen. Ich würde das Spielwerk doch abstellen. Das aber brauchen Sie Frau von Griesbach nicht zu sagen.“
Stolpe entledigte sich seines Auftrages noch am gleichen Tage. Bei Schellenberg mußte alles rasch gehen, und Stolpe war schon einige Male, da er zur Nachlässigkeit neigte, Gefahr gelaufen, von Wenzel hinausgeworfen zu werden. Obwohl er nur eine Art Kammerdiener war, so fand er doch, daß er die angenehmste Beschäftigung habe, die man in diesem Berlin finden konnte. Keine Bureauarbeit, keine anstrengende Tätigkeit, keine besondere Verantwortung, fast den ganzen Tag im Auto unterwegs, in den Straßen voller Menschen. Und Schellenberg gab ihm ein hohes Gehalt. Wenzel war überhaupt ein Mann nach Stolpes Geschmack.
Dieses ganze Glück verdankte er dem Waldverkauf, den er vor etwa drei Jahren vermittelt hatte. Allerdings – Stolpe war nicht so einfältig, dies zu übersehen – hatte Wenzel Schellenberg mit diesem Wald ein Vermögen verdient! Wegen irgendeiner Klausel des Vertrags hatte er mit der Forstverwaltung prozessiert. Der Prozeß dauerte zwei Jahre, und als Wenzel schließlich bezahlen mußte – die Mark war damals noch nicht stabil –, zeigte es sich, daß er den ungeheuren Komplex für ein Butterbrot erhalten hatte.
Stolpe gab seine Karte bei Frau von Griesbach ab. Ein ältliches Mädchen, schüchtern, verblüht, empfing ihn. Sonderbar, so unsicher sich Stolpe Wenzel und seinen Geschäftsfreunden gegenüber benahm, so sicher wurde er, sobald er sich in seinen eigenen Kreisen bewegte. Er klappte mit den Hacken, dienerte, schnarrte, zog die Hose an den Fingerspitzen übers Knie, sprach ohne jede Stockung. Ein sonderbarer Auftrag! Das ältliche Mädchen errötete, stand auf und verließ das Zimmer.
Die großen Zimmer waren kalt und hell. Schon zeigte sich eine auffallende Kahlheit. An einigen dunklen Vierecken an der verblaßten Tapete erkannte man, daß Bilder von der Wand entfernt worden waren. Offenbar hatte man die Teppiche fortgenommen. Dort hatte eine Vitrine gestanden. Die Tapete zeigte ganz deutlich das Gespenst des Schrankes.
Frau von Griesbach erschien selbst, schwarzgekleidet, in ein Schultertuch eingehüllt, fröstelnd, mit spitzer Nase und kalkigem Gesicht. Sie war außerordentlich erregt. Wenzels Anerbieten schien sie tief verletzt zu haben.
„Wir sind allerdings verarmt,“ rief sie mit einer dünnen, unangenehmen Stimme aus. „Wir sind gezwungen, ein Stück um das andere zu verkaufen, um das Leben zu fristen. Aber das ist doch kein Grund, daß uns jeder reichgewordene Börsenspekulant, jeder Jude –“
„Mamachen!“ unterbrach sie das ältliche Mädchen mit zärtlicher Stimme.
Wer war dieser Herr Schellenberg, der da glaubte –? Nein, sie wolle um keinen Preis eine Gefälligkeit von einem völlig Unbekannten annehmen.
Hier aber erhob sich Stolpe, beteuerte, erklärte. Sein Chef, Herr Wenzel Schellenberg, bekleide den Rang eines Hauptmanns, sie verkenne ihn völlig. Es sei ihm einfach unmöglich, jemand eine geliebte Sache zu rauben. Frau von Griesbach war plötzlich völlig umgestimmt, gerührt über so viel Großherzigkeit. Sie willigte ein, die Uhr wenigstens noch einige Zeit bei sich zu haben. Ihr Herz hänge an der Uhr, besonders an dem Glockenspiel, das sie durch glücklichere Jahrzehnte begleitet habe. Die Uhr sei ein Erbstück ihrer Familie. Ihr Vater habe sie persönlich vom König von Sachsen bekommen. Sie vergoß sogar Tränen über Schellenbergs Großmut.
„Nur leihweise, Sie verstehen mich, Herr von Stolpe. Herr Schellenberg kann die Uhr jederzeit wieder abholen lassen.“
Sie ließ Wenzel eine silberne Tabakdose übersenden, um ihren Dank auszudrücken. Anders tat sie es nicht.
Als Stolpe Schellenberg die Tabakdose aushändigte, brach er in lautes Gelächter aus.
Am andern Tage überbrachte Stolpe die Uhr. Dazu ein großes Blumenarrangement, das Wenzel zum Dank für die Dose sandte.
3
Wenzel Schellenberg hatte sich in dem Bureauhaus in der Wilhelmstraße im Laufe der Jahre über alle Etagen ausgebreitet. Er hatte das Haus gekauft und die Mieter langsam, einen um den andern, hinausgedrängt. Nun war er dabei, zwei Etagen aufzustocken und der Fassade das rechte Gesicht zu geben.
Wenzel Schellenberg kam wie eine Lawine daher.
Er besaß einen ganzen Park von Automobilen und ein halbes Dutzend der edelsten Reitpferde. Er hatte die Dampfjacht einer Herzogin gekauft. Von dem ersten Architekten Berlins, Kaufherr, hatte er sich eine Villa in Dahlem bauen lassen. Die Villa war indessen noch nicht im Rohbau fertig, da zeigte es sich, daß sie viel zu klein für ihn war. Er erwarb einen Bauplatz im Grunewald, wunderbar an einem kleinen See gelegen. Hier baute Kaufherr zur Zeit das Schellenbergsche Palais, ein Schloß sozusagen, wie es seit Jahrzehnten in Berlin nicht mehr errichtet worden war.
Wenzel hatte in den ersten Jahren gekauft und verkauft, alles, was ihm gut schien, wo er einen Gewinn witterte. Es war nicht sein Verdienst, daß er immer gewann. Es war der Sturz der Mark, der ihm die Reichtümer in den Schoß warf. Er hatte Raucheisens Wort nicht vergessen, daß keine Macht der Welt imstande sei, die Mark aufzuhalten, bevor sie nicht in Atome zersplittert sei. Er kaufte Wälder, Schiffe, Terrain, Güter, Bergwerke, Fabriken. Als die Ziegeleien ausgeschlachtet wurden, kaufte er alle Ziegeleien, die er auftreiben konnte. Als die Gärtnereibetriebe in den Glashäusern unrentabel wurden und ganze Städte aus Glas ausgeschlachtet wurden, ließ Wenzel aufkaufen, was nur erreichbar war. Ganze Straßenzüge in den Provinzstädten gehörten ihm. Diese Narren, die verärgert waren durch die Schikanen der Mietgesetze und die geringen Zinserträge, ließen sich von den Zahlen verwirren. Um die Häuser, die Schellenberg gehörten, kümmerte er sich nicht. Es war eine besondere Abteilung, und zwei Anwälte fochten die Legion von Prozessen aus, die die Mieter gegen Wenzel führten.
Wenzel kaufte in Papiermark. Wenn er aber verkaufte, so forderte er wenigstens einen Teil der Kaufsumme in Devisen. Das war gegen das Gesetz, aber das kümmerte ihn nicht. Niemand, der nicht ein völliger Narr war, kümmerte sich um Gesetze, die einen jeden ruinieren mußten, der sie befolgte. Seine Verträge aber waren so entworfen, daß es auch nicht die kleinste Masche gab, durch die man entschlüpfen konnte.
Dann kaufte er Patente und Erfindungen, die ihm aussichtsreich schienen. In irgendeiner zweifelhaften Gesellschaft hatte er einen Patentanwalt kennengelernt, der dem Alkohol völlig verfallen war, aber eine ausgezeichnete Witterung für gewinnversprechende Erfindungen hatte. Er engagierte ihn, und es war ihm völlig gleichgültig, daß der Patentanwalt nur einen Tag in der Woche wirklich brauchbar war. Er opferte für diese Patente viel Geld, aber eine einzige glückliche Erfindung warf ihm die zehnfache Summe in den Schoß. Er gründete eine Fabrik in Holland, die ungeahnte Gewinne abwarf. Von dieser Fabrik wußte überhaupt nur sein erster Direktor, Goldbaum, sonst niemand. Sie erschien nicht in seinen Büchern.
Wenzel schnitt niemandem die Kehle durch, um die Wahrheit zu sagen. Wenn er erfuhr, daß ein Vertrag allzu große Nachteile für den Kontrahenten hatte, so machte er großzügige Konzessionen. Bei Raucheisen hatte es das nicht gegeben. Ein Vertrag war ein Vertrag, und wenn er den Kontrahenten zermalmte.
Allmählich kam in seine Geschäfte System und Gedanke. Eine Zeitlang warf er sich auf die Papierfabrikation. Er brachte eine große Anzahl von Papier- und Zellulosefabriken in seine Hand. Diese Fabriken besaß er noch heute, aber sie waren längst nicht mehr die Hauptobjekte des Konzerns. Mit dem größten Teil seines Vermögens hatte er sich auf die chemische Produktion geworfen, deren Hauptabsatzgebiet im Auslande lag. In dieser Zeit hatte er häufig lange Besprechungen mit Michael, der ihm manchen gewinnbringenden Rat gab. Er hatte die Absicht, Michael für seine Firma zu gewinnen. Aber Michael wies auch die phantastischsten Angebote zurück.
Die Arbeit war keineswegs einfach. Sie erforderte große Energie und eine unverwüstliche Gesundheit. Wenzel gönnte sich keine Ruhe. Er arbeitete sechzehn Stunden und mehr am Tage. Er schlief mit dem Telephonhörer am Ohre ein, und wenn es sein mußte, saß er nach dreistündigem Schlaf, bevor es noch recht Tag war, schon wieder im Auto. In all den drei Jahren hatte er noch nicht drei Wochen Ferien im ganzen gemacht. Je bewegter der Tag war, je fiebernder, desto wohler fühlte sich Wenzel. Es war ganz genau so, als ob er am Spieltisch saß und pointierte, er spielte nun den ganzen Tag. Es war nichts anderes für ihn als ein fortwährendes Hasardieren. Wenzel hatte sogar schon seine Grabschrift in diesem Sinne entworfen. Auf seinem Grabstein sollte einmal stehen: „Hier ruht Wenzel Schellenberg, der Spieler.“
Er liebte diese Tätigkeit mehr als alles. Ja, nun gehörte er zu jenen, die „auf den Knopf drückten“. Die Türen sprangen auf, die Direktoren und Beamten stürzten mit Mappen und Akten über die Korridore ...
Unter seinen Mitarbeitern und Agenten befand sich eine größere Anzahl ehemaliger Offiziere, sogar ein General war unter ihnen. Alle drängten sich an ihn heran, der Erfolg war wie ein Magnet, das Geld zog an. In allen Augen entdeckte er die Gier nach dem Besitz und die Begierde, das Geheimnis seiner Erfolge zu ergründen. Alle demütigten sich um dieses elenden Geldes willen.
Wenzel Schellenberg war eine Macht geworden. Er hatte ein ungeheures Vermögen zusammengerafft, eine Masse von Geld, die anschwoll, abebbte und wieder anschwoll. Als man daranging, die Mark zu stabilisieren, traf Wenzel seine Vorbereitungen. Ohne jeden Zweifel mußte eine völlige Änderung der ganzen Wirtschaft eintreten. Um seine Unternehmungen flüssig zu halten, würde er für den Übergang riesige Summen benötigen. Man erinnert sich noch an jene Börsentage, da die Effekten sich von einer Börse zur andern verdoppelten. Es waren schwere Tage für Wenzel. Mit dem starren Gesicht des leidenschaftlichen Spielers, der alles wagt, saß er da und wartete. Zwei, drei Börsentage wartete er ab, dann aber entschloß er sich. Als alle Welt noch glaubte, daß dieses Spiel sich endlos fortsetzen würde, verkaufte er seinen gesamten Aktienbesitz.
Es war eine Donnerstagbörse. Diesen Tag würde er nie vergessen. Er hatte die Order gegeben. Seine Finanzdirektoren, gewiegte und gerissene Burschen, hatten ihn beschworen, zu warten, besonders der dicke Goldbaum, der sein ganzes Leben auf der Börse verbracht hatte. Gegen alle diese Stimmen hatte er den Auftrag zum Verkauf gegeben.
Goldbaum fuhr blaß wie eine Leiche zur Börse. Noch heute mußte Wenzel lachen, wenn er an diese Szene dachte. Und es ist wahr: Er lachte auch damals! Denn es war ihm schließlich gleichgültig, ob er morgen das Doppelte oder nur den zehnten Teil besaß. An diesem Börsentage hatten die Kurse der meisten Papiere sich verdoppelt, an der nächsten Börse aber krachte das ganze Gebäude zusammen. Innerhalb von zwei Tagen hatte Schellenberg sein Vermögen verdoppelt und verdreifacht. Er war flüssig, er hatte Millionen zur Verfügung. Und selbst Raucheisen, dieser riesige Konzern, schwankte in diesen Tagen. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn der alte Raucheisen ihn nicht kaltgestellt hätte, weil er zehn Minuten zu spät kam, wie?
Schellenberg trat als Geldgeber auf und diktierte die Zinssätze. Während Tausende von Unternehmungen in dem Höllenstrudel versanken, stand Schellenberg wie ein Leuchtturm in der Brandung.
4
Wenzel besaß zwei große Fabriken für Rohfilme. Sie lagen im Rheinland. Schon vor längerer Zeit hatte er ein Patent erworben, das die Herstellung farbiger Filme in großer Vollendung gewährleistete. Es waren nicht jene Filme mit grellen Farben. Die Farben waren weich getont, wie Pastell. Auf dieses neue Verfahren setzte Wenzel große Hoffnungen.
Häufig hatten große Filmkonzerne eine Geschäftsverbindung mit ihm gesucht. Aber Wenzel war bis heute nicht dazu zu bewegen gewesen, sich an der Filmproduktion auch nur mit einem Pfennig zu beteiligen. Die Rentabilität war nicht sicher und die Filmleute so gerissene Geschäftsleute, daß er ihnen nur mit der größten Vorsicht begegnet war. Die Filmindustrie war in den letzten Monaten völlig niedergebrochen. Man wandte sich immer dringender um Kredite an Wenzel, und in den letzten Monaten hatte ihm ein bekannter Filmkonzern verlockende Angebote gemacht. Sein Finanzberater, der dicke Goldbaum, hatte stundenlang auf ihn eingeredet. Aber Wenzel zögerte. Vielleicht bekam Goldbaum Prozente, wenn er das Geschäft vermittelte? Vielleicht? Sicher bekam er sie. Goldbaum hatte sich Reichtümer erworben, deren Quellen nicht bekannt waren. Nun gut, weshalb nicht? Er machte Geschäfte wie jeder andere, wie alle seine Mitarbeiter.
Als Wenzel Jenny Florian im Auktionssaal von Duval & Co. erblickte, forschte er augenblicklich nach einer Möglichkeit, mit der schönen Schauspielerin in Verbindung treten zu können. Während er mit ihr auf der Treppe sprach und ihre helle Stimme und der Reiz ihres scheuen Benehmens ihn entzückten, hatte sich dieser Wunsch in ihm verstärkt. Mit welcher Inbrunst hatte sie, als er sie fragte, ob sie diese schönen Dinge liebe, geantwortet: „Ich liebe sie leidenschaftlich!“ Kindliche Begierde und Sehnsucht strahlten aus ihren Augen, während sie diese Worte sprach. In diesem Augenblicke empfand Wenzel das Verlangen, daß diese Frau ihm näherkommen möchte, und da fielen ihm plötzlich die Verhandlungen mit dem Filmkonzern ein. Nur aus diesem Grunde hatte er sie gefragt, bei welchem Theater sie zur Zeit spiele. Es traf sich günstig, daß sie ohne Engagement war.
Schon am Tage nach der Versteigerung rief er Mackentin und Goldbaum zu sich, um mit ihnen die Frage des Kredits an den Filmkonzern erneut zu beraten. Goldbaum war hocherfreut, daß er auf diesen Gegenstand zurückkam. Sein fettes, mit hellroten Bartstoppeln bedecktes Gesicht strahlte, seine kleinen Augen blitzten listig hinter dem schiefen Kneifer. Mackentin aber verzog mißmutig das Gesicht mit der schiefen Nase.
„Versuchen Sie die äußersten Bedingungen zu erzielen und ziehen Sie die Daumenschrauben tüchtig an.“ ‚Die Daumenschrauben‘, das war ein stehender Begriff im Schellenbergschen Sprachschatz geworden. „Sehen Sie zu, daß wir im Laufe des morgigen Vormittags eine Besprechung mit den Herren haben können.“
„Sie wollen also wirklich diese hohe Summe daran setzen?“ fragte Mackentin düster, zu Wenzel emporschielend.
„Ich habe meine Gründe.“
Mackentin sah Wenzel an und machte eine kleine Verbeugung. „Schön, schön,“ erwiderte er. „Die Konferenz wird im Laufe des morgigen Vormittags stattfinden.“
Einige Tage später erhielt Jenny Florian von der Odysseus-Film-Gesellschaft einen äußerst höflichen Brief mit der Aufforderung, sich sobald wie möglich im Bureau der Gesellschaft vorzustellen. „Herr Wenzel Schellenberg hatte die große Liebenswürdigkeit, uns auf Ihre Begabung aufmerksam zu machen.“
„Herr Wenzel Schellenberg!“
Jenny errötete. Sie las den Brief einigemal und fühlte, wie ihre Hand eine leichte Lähmung überkam. Dann aber geriet sie in einen wahren Freudentaumel. Sie kleidete sich hastig an und stürzte augenblicklich zu Katschinsky.
„Sieh diesen Brief!“ rief sie aus. „Es ist die Odysseus-Gesellschaft!“
Aber Katschinsky schien über diese frohe Botschaft gar nicht so sehr erfreut zu sein. Er nahm den Brief mit zwei Fingerspitzen auf und kniff die Lippen zusammen. „Ah, Schellenberg,“ sagte er, leise und spöttisch lachend, und kräuselte die Stirne bedeutungsvoll.
„Vielleicht ist es möglich, daß du ebenfalls bei der Gesellschaft ankommst?“ Jennys Stimme schmeichelte, sie sah, daß er blaß geworden war.
Katschinsky setzte ein verletztes Lächeln auf. „Ich brauche keine Protektion,“ sagte er gekränkt.
„Aber nun höre zu!“ rief Jenny und warf sich aufgeregt in einen Sessel. „Sie schreiben, ich möchte ihnen eine kleine Szene vorspielen, damit sie wissen, wie sie mich am günstigsten herausstellen können. Was für eine Szene soll ich spielen? Rate mir!“
Katschinsky ging nachdenklich auf und ab. „Was für eine Szene? Nun, wir wollen darüber nachdenken. Strindberg? Willst du eine Szene aus Strindbergs ‚Christine‘ spielen?“
„Ich weiß es nicht. Ich glaube, nicht Strindberg.“ Sie berieten hin und her. Endlich sprang Jenny ungeduldig auf. „Wir wollen zu Stobwasser gehen, vielleicht fällt ihm etwas ein.“
Stobwasser saß still, das Antlitz voller Sammlung, in seinem Atelier, umgeben von seinen Papageien, Kakadus, Staren und seiner Katze, und modellierte an einer kleinen Tierplastik. Er begriff nicht sofort, was die beiden wollten, die ihn überfallen hatten. Dann aber glühte in seinen dunklen Augen die Wärme auf. „Das ist ja eine herrliche Sache, Jenny!“ rief er aus. „Ich beglückwünsche Sie herzlich!“
„Das Auge eines Finanzgewaltigen ist auf Jennys blonden Scheitel gefallen,“ sagte Katschinsky sarkastisch.
Jennys Gesicht wurde hellrot, wie im Fieber. „Es wird dir nicht gelingen, mir die Freude zu verderben!“ rief sie aus. Sie lachte dabei, aber sie schämte sich für Katschinsky, der selbst vor Stobwasser seine Eifersucht nicht verbergen konnte.
Stobwasser aber schob die Arbeit zur Seite und begann nachzudenken. Ja, was sollte Jenny spielen? Es war natürlich von der größten Wichtigkeit, daß das Debüt erfolgreich verlief. Schließlich hob er die Hände zur Decke empor. „Himmel, eine Inspiration!“ rief er aus. „Laß uns nachdenken, Katschinsky. Von diesen zehn Minuten kann Jennys ganze Zukunft abhängen. Wir wollen ins Café gehen und beraten.“
Im Kaffeehaus wurde beschlossen, daß Jenny weder Strindberg noch sonst einen Dichter spielen sollte. Sie sollte eine kleine Szene vorspielen, die ihr schauspielerisches Talent und alle die Vorzüge ihrer Erscheinung ins rechte Licht setzen sollte. Ja, aber was für eine Szene?
Plötzlich hatte Jenny eine Inspiration. „Ich werde folgende Szene spielen!“ rief sie aus. „Seid still! Ich spiele einen Mannequin in einem Modesalon. Das heißt, nicht einen Mannequin, sondern eine Wachspuppe. Ein schöner Herr geht vorüber, die Wachspuppe erwacht langsam zum Leben. Der Herr fühlt es, dreht sich um, nun wird sie ganz lebendig. Sie plaudert mit dem Herrn. Da aber kommt der Abteilungschef, sie erstarrt wieder zu einer Wachspuppe. Aber sie ist nicht an der richtigen Stelle erstarrt. Nun muß sie sich ganz langsam zu ihrem Postament zurückbegeben. Endlich steht sie wieder auf dem alten Platz. Wie gefällt euch dies?“
Katschinsky schüttelte den Kopf. Er war nicht zufrieden.
Stobwasser aber sprang begeistert auf. „Was für eine wunderbare Szene!“ rief er aus. „Sie werden Augen machen. Wenn sie Sie dann nicht engagieren, ist ihnen nicht zu helfen!“
„Sie werden sie engagieren,“ sagte Katschinsky mit großer Bestimmtheit.
„Wieso weißt du das?“ fragte Jenny, verletzt durch seinen Ton.
Katschinsky lenkte ein. „Ich wollte sagen, wenn du die Szene gut durcharbeitest, so bin ich überzeugt, daß du Erfolg haben wirst.“
Jenny aber hatte seine Gedanken wohl erraten. Sie erhob sich. „Ich werde nun gehen, um gleich mit der Arbeit zu beginnen,“ sagte sie.
Katschinsky hob seinen Blick flehend zu ihr. Sie schien ihn nicht zu bemerken.