Part 11
Aber die Bäuerin, die aus dem Dorfe gekommen war und Mutter Karsten beistand, seht an! Sie war eine Frau von ungefähr vierzig Jahren, derb, aber noch gut aussehend. Mit ihren vorstehenden glänzenden Augen folgte sie jeder Bewegung des Schlächters, und Moritz begann, ihr Augen zu machen. Schon stieß man sich an und machte Scherze.
An den Sonntagen sah man ihn häufig in der Küche sitzen, wo er die Kessel fegte. Die besten Bissen wurden ihm zugesteckt.
Ein kleiner, bleicher Geselle mit wachsgelbem Gesicht war vor kurzem in die Baracke gekommen. Er war von Beruf Schneider und spielte vorzüglich die Mundharmonika. Er spielte, und Henry Graf, der Kellner, begann seinen Niggertanz zu tanzen. Alle Wetter! Bravo! Er rückte einen kleinen steifen Hut aufs Ohr, schwang eine Gerte als Stöckchen, und wie schnell gingen seine Füße, man konnte sie kaum verfolgen. Dann begann er zu stampfen, die Absätze zu schleudern, und nun sang er in einer Sprache, die niemand kannte. Manchmal sah es aus, als falle er seitlich um, aber er tänzelte graziös dahin, das Hütchen kokett schwingend. Diese Nummer war stets ein großer Erfolg. Der größte Erfolg aber in den letzten vierzehn Tagen war der Boxkampf, den Moritz mit einem neuangekommenen hageren, düsteren jungen Mann auskämpfte. Dieser Hagere behauptete ein Boxer zu sein. Er renommierte und prahlte, daß er schon da und dort öffentlich im Ring erschienen sei. Niemand glaubte es, auch Moritz nicht. Ohne jeden Zweifel war Moritz der stärkste Mann im Lager, und er empfand es als einen Angriff auf seine Stellung, wenn der Hagere so unverschämt renommierte.
„Ein Boxer willst du sein? Du siehst nicht aus, als ob du weit kämest.“
„Nun gut, versuche es. Ich boxe auch mit dir.“
„Ah, ein Boxkampf!“
Alle versammelten sich im Kreise. Eine solche Sensation war noch nie dagewesen. Der Hagere zog den Rock aus, und Moritz schlüpfte aus seiner gestrickten Wollweste. Und da alles seine Ordnung haben mußte, wurde Georg zum Schiedsrichter erwählt.
„Über wieviel Runden soll der Kampf gehen?“
Der Hagere wackelte mit dem Knie. „Über zwanzig Runden, je drei Minuten.“ Alle Teufel!
Moritz aber übertraf ihn. Er wölbte die Brust und warf nach allen Seiten Blicke. „Wir boxen, bis einer ausgezählt wird,“ sagte er.
„Bravo, Moritz!“ Das war mehr, als man erwarten konnte. Ungeheure Erregung.
Es muß gesagt werden, daß Moritz nach fünf Runden, elend zusammengeschlagen, aufgeben mußte. Die Bäuerin aus dem Dorfe aber war dunkelrot und warf dem Hageren wütende Blicke zu.
Häufig prallten die Meinungen so heftig aufeinander, daß die Baracke in Wahrheit zu toben begann. Politische Gespräche waren in der Baracke verfemt. Lehmann entließ zwei junge Burschen, die offenbar nur in der Absicht in die Baracke gekommen waren, um Agitation zu treiben.
„Die Gesellschaft Neu-Deutschland kennt keine Parteien und keine Konfessionen, und wer in dieser Beziehung nicht pariert, fliegt augenblicklich hinaus. Ich habe strengsten Befehl und verstehe in dieser Beziehung keinen Spaß!“
An jedem zweiten Sonntag aber kam das Filmauto, immer mit großem Jubel empfangen. Drei Stunden lang wurden Filme vorgeführt, und die Männer, die einsam im Walde hausten, konnten sich nicht sattsehen. Lustspiele, Trauerspiele, alles durcheinander. Die Filme flimmerten schon stark und waren etwas zerschlissen, aber das war den Zuschauern einerlei. Den Schluß bildeten immer Filme, die die Stätten der Arbeit zeigten: Bergwerke mit sausenden Rädern und riesigen Fördermaschinen, Werften, wo die Arbeiter in den Eisengerüsten kletterten, Maschinenhallen, Gießereien, und am Schluß erschienen stets Filme der Gesellschaft Neu-Deutschland. Siedlungen, kaum begonnen, Siedlungen, in denen die Häuser emporwuchsen, Gärten, Siedlungen wimmelnd von Menschen, neue Werkstätten, kleine, völlig neue Städte ...
27
Es ist nur natürlich, daß sich alle möglichen Personen für das Lager interessierten.
Eines Tages kamen zwei merkwürdig aussehende Männer in einem alten Auto an. Sie gingen zu Lehmann ins Bureau und kamen nach einer Weile wieder heraus, um die ganze Arbeitsstätte eingehend zu besichtigen. Sie gingen in die Tischlerwerkstätte und erschienen wieder. Sie besuchten die Kolonne, die die Bohrlöcher bohrte, und schienen sich für alles zu interessieren, auch für jeden einzelnen Mann, denn sie sahen jedem mit raschem Blick ins Gesicht. Ganz plötzlich standen sie neben Henry Graf, dem Kellner.
Einer der Männer sagte: „Herr Bollmann.“
Sofort drehte sich Henry Graf herum. Ah, seht an, er hieß gar nicht Henry Graf. Und weshalb wurde der Kellner so bleich?
„Da sind Sie ja wieder, Bollmann,“ sagte der zweite der Männer. „Kommen Sie mit uns!“
Henry Graf machte eine verzweifelte Gebärde. Er war weiß geworden wie der Schnee im Walde. „Nun wollte ich ja arbeiten!“ schrie er. „Seht an!“
Der eine der Herren aber sagte: „Noch zwei Jahre, dann sind Sie frei.“
Es war also alles klar, man wollte den Kellner mitnehmen. Die Kameraden strömten herbei und umringten die Kommissare und den Verhafteten.
Moritz legte die Hand auf die Schulter des einen Kommissars. „Lassen Sie ihn doch hier, Herr Kommissar, er ist doch ein wirklich guter Kamerad.“
Auch die übrigen Männer verlegten sich aufs Betteln. Der Schlosser aber nahm ein paar Zigaretten aus der Tasche und wollte sie einem der Herren zustecken.
„Machen Sie keine Geschichten,“ flüsterte er dem Kommissar zu. „Drücken Sie ein Auge zu, Herr Kommissar. Ist denn wirklich nichts zu machen?“
Nein, es war wirklich nichts zu machen. Ein Trupp gab dem Kellner bis zum Auto das Geleit.
„Nun sieh zu, daß du bald wiederkommst! Beiß die Zähne zusammen. Es ist ja nicht so schlimm!“
„Ja, ich komme bestimmt wieder!“ Und sie sahen dem Auto nach, bis es verschwand.
Was mochte Henry Graf ausgefressen haben? Und noch zwei Jahre, sagte der Kommissar? War er ausgerückt? Welch ein Pech, daß sie ihn gefunden hatten!
An diesem Abend war es verhältnismäßig ruhig in der Baracke. Immer wieder sprach man von den Kommissaren und dem Auto und Henry Graf, der eigentlich Bollmann hieß.
„Und wie töricht, hast du gesehen, er drehte sich gleich um, als sie Bollmann zu ihm sagten. Er hätte einfach davonlaufen sollen.“
„Konnte er denn ahnen, daß es Polizisten waren? Jeder Mensch hielt sie für Bauleute. Natürlich konnte Henry das nicht ahnen. Nein, solch ein Pech!“
Und alle sprachen davon, wie Henry tanzte, mit dem Stöckchen und dem kleinen steifen Hut, wie man glaubte, daß er umfalle, wie er dicht am Boden kauerte und das Hütchen über dem Kopfe schwang und einmal den linken und einmal den rechten Absatz herausschleuderte und dazu in einer fremden Sprache sang. Nein, nein, war das möglich? Und nun also saß er im Kittchen.
Der Schneider wollte ein Konzert auf seiner Mundharmonika geben. Er kam aber nicht weit. „Hör’ auf, hör’ auf!“ klang es von allen Seiten.
So war es also nichts mit dem Konzert. Man spielte verdrießlich Karten, um die paar Abendstunden totzuschlagen, und wickelte sich frühzeitig in die Decken.
Es passierten noch andere Dinge im Lager Glückshorst. Da war zum Beispiel dieser kleine alte Maurer. Man erinnert sich, er trug einen Hut, einen großen Schlapphut mit den Resten einer Pleureuse daran. Er war alt und lief den andern nur in den Weg und störte bei der Arbeit, und wenn er ging, so wackelte sein hängender Hosenboden. Dieser alte Maurer, der eines Abends von seinem Gärtchen erzählt hatte und zum Ergötzen der Kameraden den Versuch machte, die Stimme einer Nachtigall nachzuahmen, er war eines Abends verschwunden. Man bemerkte es nicht. Erst am andern Morgen fiel es seinem Nachbar auf, daß das alte Männchen fehlte. Nun gab es im Lager natürlich dann und wann Durchbrenner, die sich mit der Einsamkeit im Walde und mit den Arbeitsbedingungen der Gesellschaft nicht aussöhnen konnten. Aber er, der Alte, ganz unmöglich! Viele Wochen war er schon da.
Man suchte also, und man sah Fußstapfen, Schritte, die in den Wald hineinführten, immer tiefer. Und dort also, an jenem Baum, da hing er. Der Alte hatte sich erhängt.
Am Baum war ein Zettel befestigt, worauf stand: „Alles, was ich erarbeitet und erspart hatte, habe ich verloren. Ich bin zu alt, um von vorn anzufangen. Betet für meine Seele!“
Es gab eine richtige Beerdigung im Walde. Zuerst wollte man ihn im Friedhof des Dorfes begraben. Aber nach einer längeren Debatte am Abend mehrten sich die Stimmen, die für eine Bestattung im Walde waren.
„Er wird lieber bei uns sein wollen als bei den dummen Bauern im Friedhofe. Hier außen hat er seine Ruhe, und vielleicht kommt eine Nachtigall zu ihm.“
„Wie soll eine Nachtigall hierherkommen?“ fragte der Schlosser.
„Du hast noch immer nicht verstanden!“ schrie ihn der Schlächter-Moritz an. „Weshalb sollen keine Nachtigallen hierherkommen, wenn es doch sogar in Berlin Nachtigallen gibt.“
„Gewiß hat er recht. Auch hierher werden Nachtigallen kommen,“ erklärte Georg.
So kam also die Stunde der Beerdigung heran. Punkt zwölf Uhr kommandierte Lehmann: „Sammeln zum Leichenbegängnis!“
Dann trotteten sie in den Wald hinein. Lehmann hielt sogar eine richtige Rede, wobei er heftig den einen Arm schwang. Alle fanden diese Rede sehr schön. Er sprach davon, daß der tote Kamerad einer der vielen Tausende sei, die ihrem Leben ein Ende gemacht hätten, weil sie es einfach nicht mehr ertrugen. Während die Betrüger und Spekulanten in die Höhe kamen, hatte man ehrwürdige Leute wie unsern toten Kameraden einfach in den Dreck hinabsinken lassen, ohne auch nur eine Hand zu rühren. Erst die Gesellschaft „Neu-Deutschland“ schaffe Wandlung. Sie sei spät gekommen, aber doch nicht zu spät. „Unser toter Kamerad“, schloß Lehmann, „ist ebensogut ein Opfer des Krieges und der Revolution wie irgendein General oder Minister. Über seinem Grabe werden glücklichere Menschen wandeln, als er einer war.“
Dann trat er vom Grabe weg, zündete sich die Pfeife an, und die Feierlichkeit war beendet.
Die Rede hatte gut gefallen und wurde am Abend lebhaft diskutiert. Besonders die Stelle mit dem Minister und General fand Anklang, war der Alte doch nur ein armer Maurer gewesen. Sie fanden, daß Lehmann, obwohl er früher Offizier war, ein umgänglicher Mann sei, mit dem sich auskommen ließ.
So schnell, wie der Schnee gekommen war, so schnell verschwand er. Ein warmer Wind kam vom Süden, und es tropfte und rieselte von den Bäumen. In ein paar Tagen war vom Schnee nichts mehr zu sehen. Die Sonne schien, und zum ersten Male zog der Schlächter-Moritz seine braune Strickjacke aus, er schwitzte.
Die Sonne und der warme Wind hatten rasch den Frost aus dem Boden vertrieben, und die Erde trank das Schneewasser gierig in sich.
Kaum war der Boden einigermaßen trocken, so begann es draußen auf der Heide zu knattern und zu prasseln, als ob Flugmaschinen über die Erde surrten. Eine Kolonne von Traktoren hatte die Arbeit aufgenommen. Tag für Tag sah man sie quer über die Heidefläche ziehen. Erst schleppten sie mächtige Pflüge, dann schleppten sie mächtige Bodenfräsen, die die Erde zertrümmerten und zerschnitten, dann schleppten sie Düngerstreumaschinen, dann Eggen und Walzen. Wochenlang dauerte es. Immer sah man diese Kolonnen wie merkwürdige Raupen über die Heide kriechen.
„Immer vorwärts!“ schrie Lehmann. „Es wird gar nicht so lange dauern, dann haben wir sie hier!“
Noch ein anderes Ereignis fiel in diese Zeit, das in den Baracken eifrig besprochen wurde.
Eines Tages kam in schneller Fahrt von Glücksbrücke herüber ein Auto, das in einem ganz auffallenden Tempo dahinflog und mit einem Ruck stehenblieb. Bisher hatte man so ein Auto im Lager noch nicht gesehen, denn die Wagen der Gesellschaft, die gelegentlich kamen, waren ausrangierte alte Kasten.
Aus dem Auto stiegen vier Herren, darunter ein hochgewachsener, breitschultriger Mann in einem alten Regenmantel und ein etwas schiefgewachsener blaubleicher Herr in einem langen Pelz.
Kaum hatte Lehmann die Herren erblickt, als er in großer Eile auf sie zuging. Er nahm die Pfeife aus dem Munde und verbeugte sich! Das war bisher noch nicht beobachtet worden, daß Lehmann so große Höflichkeit zeigte. Er verbeugte sich zuerst vor dem hochgewachsenen Herrn, dann vor dem kleinen Schiefgewachsenen mit dem blaubleichen Gesicht. Man drückte sich gegenseitig die Hand, und schon kam die Gruppe über das Arbeitsfeld geschritten. Lehmann erklärte dem hochgewachsenen Herrn mit weitausholenden Armbewegungen dies und jenes – er schien wirklich aufgeregt zu sein. Die Herren besuchten die Baracken, die Küche, die Tischlerei besahen sie, alles. Sie sprachen auch mit dem und jenem, der gerade in der Nähe war, und blieben hierauf noch eine halbe Stunde in Lehmanns Bureau. Dann stiegen sie wieder in den Wagen, und mit einem Ruck fuhr das Auto an und jagte die Landstraße hinunter.
„Ei der Tausend, das waren gewiß ganz besondere Leute! Waren es Direktoren der Gesellschaft? Und dieser verwachsene, bleiche, alte Mann, sah er nicht aus, als sei er eben aus dem Sarge gestiegen? Und dieser Große mit dem braunen Gesicht!“
„Wer sind die Herren gewesen?“
„Das war der Chef,“ erwiderte Lehmann, der noch ganz erregt war und eifrig die Pfeife paffte.
„Wer war der große Herr?“ fragte Georg, den das ruhige und klare Gesicht interessiert hatte.
„Das war Schellenberg,“ antwortete Lehmann. „Und der kleine Alte war der Geheimrat Augsburger, ein früherer Bankier, der der Gesellschaft sein ganzes Vermögen vermacht hat. Er leitet jetzt den finanziellen Teil.“
„Wie stehst du da?“ schrie der Schlächter-Moritz den krummbeinigen Schlosser an. „Stundenlang hast du damit geprahlt, daß du bei Schellenberg gearbeitet hast, ein halbes Jahr lang! Und nun war dieser Schellenberg hier, und du hast ihn nicht erkannt.“
Der Schlosser schwankte auf seinen krummen Beinen, schob die Mütze ins Gesicht und kratzte sich hinter dem Ohr. „Es war nicht der Schellenberg, bei dem ich arbeitete,“ stotterte er, denn, wie gesagt, er hatte sich aufs tiefste blamiert und stand als ein elender Renommist da. „Er kam mir bekannt vor. Es war Schellenberg, und es war doch nicht Schellenberg.“
„Unterstehe dich nicht, wieder mit deinen Geschichten zu prahlen,“ drohte Moritz mit seiner großen Faust. „Hörst du? Es ist eine Schande, und was hat er uns alles vorgeschwindelt!“
Zweites Buch
1
Im Auktionssaal von Duval & Co. in der Potsdamer Straße wurde die berühmte Sammlung des Barons Flottwell versteigert. Diese Versteigerung war ein gesellschaftliches Ereignis für Berlin. Baron Flottwell, früherer Königlicher Zeremonienmeister, einst sagenhaft reich, hatte in den letzten Jahren sein Vermögen bis auf den letzten Pfennig verloren, so daß sein ganzer Besitz schließlich unter den Hammer kam. Zugleich mit den Herrlichkeiten Flottwells wurden Antiquitäten, Möbel, Bronzen, Porzellane, Schmuckgegenstände aus dem Besitz verschiedener Persönlichkeiten, die zumeist der verarmten Aristokratie angehörten, ausgeboten.
Der Saal war überfüllt von Menschen. Die wohlbekannten Profile einiger Museumsdirektoren, die bekannten Gesichter von Kunsthändlern, Maklern, ganz wie vor dem Kriege. Das Publikum aber hatte sich vollkommen verändert. Viele Fettwänste drängten sich in den Reihen, mit mächtigen Glatzen, breiten Rücken und gepolsterten Hüften, völlig neue Gesichter, die niemand kannte. Viele Damen in kostbaren Pelzen, deren Urteil aber nur wenig Verständnis zeigte. Drei fabelhafte Nerzpelze waren anwesend, darunter ein Pelz, der früher einer Prinzessin gehörte.
Die Herrlichkeiten, die den Raum füllten und in den Vitrinen glitzerten, verwirrten die Sinne. Die Summen und Unsummen, die durch den Saal schwirrten, steigerten die Erregung zum Fieber.
In der ersten Seitenreihe saß ein ältlicher vertrockneter Agent, der alle Dinge von Wert und erlesener Schönheit an sich riß. Er trug eine graugrüne schäbige Perücke über den gierigen Raubvogelaugen und kämpfte, das Gesicht bleich und naß vor Erregung, mit knarrender, trockener Stimme gegen alle diese phantastischen Summen. Als ein Manet, ein herrliches kleines Stück des Meisters, ausgeboten wurde, entstand zwischen ihm und einem bekannten Museumsdirektor ein erbittertes Duell. Andere Liebhaber und Sammler waren längst zurückgeblieben, nur die beiden kämpften noch. Der kleine Makler mit der Perücke trug den Sieg davon, und der Museumsdirektor verließ bleich und tödlich gekränkt den Saal. Mit der gleichen Heftigkeit kämpfte der Makler mit der Perücke um das alte Familiensilber des Barons Flottwell. Er schlug sich hier mit einigen Händlern und einer Schar von Specknacken wie ein Rasender – seine Stimme aber blieb gleichmäßig quäkend, trocken und unangenehm. Auch hier blieb er Sieger. Dieser Kampf war viel erregter als der Kampf um das Gemälde, denn das Tafelsilber Flottwells stand wie der Silberschatz eines Domes auf dem Auktionstisch aufgebaut. Die Damen in den Pelzen erhoben sich erregt von den Sitzen, ihre Augen funkelten, nie hatten sie so herrliches Silber gesehen. Der Kampf um das Silber wurde dramatisch. Mit Genugtuung sah man, daß ein Specknacken nach dem andern niedergekämpft wurde. Die Frauen gönnten niemandem diesen herrlichen Schatz. Ein Aristokrat, ein früherer bekannter Herrenreiter, kämpfte noch eine Weile um den Flottwellschen Schatz. Ihm hätte man ihn vielleicht gegönnt, aber auch ihm nicht. Weshalb denn? Schließlich war man sogar befriedigt, als der frühere Herrenreiter sich geschlagen geben mußte.
Der siegreiche Makler rückte sich die Perücke auf dem Kopfe zurecht und wischte sich mit einem nicht ganz sauberen Taschentuch den Schweiß vom Gesicht.
Welche Macht war hier auf dem Kampfplatz, die alles an sich riß? Zuweilen trieb der Makler mit der Perücke ein Objekt bis zu fabelhafter Höhe empor, um plötzlich abzuspringen. Aber das Silber? Welch eine phantastische Summe! Wer soll es haben? Ein Unbekannter?
Ein fetter Rücken flüsterte in das knorplige Ohr seines Nachbarn: „Es ist Schellenberg, was sagte ich Ihnen! Sehen Sie, dort steht er, jener große Herr, der sich Notizen in den Katalog macht.“
„Unmöglich!“
„Weshalb unmöglich? Ich sagte Ihnen ja –“
Wenzel Schellenberg folgte der Auktion mit aufmerksamer, gesammelter Miene und einem leisen gutgelaunten Lächeln. Nur zuweilen weiteten sich seine Augen, wie die eines Spielers, der einen hohen Einsatz wagt.
Einige Reihen vor ihm stand gegen die Wand gelehnt Herr von Stolpe, jener kleine Leutnant mit den rosigen Kinderwangen, der vor etwa drei Jahren den Waldverkauf vermittelt hatte. Er war anscheinend eifrig in den Katalog vertieft, und nur, wenn die Zahlen gespenstisch in die Höhe kletterten, streifte er mit einem unauffälligen Blick Wenzels Gesicht. Rollte Schellenberg den Katalog zusammen, so strich sich Stolpe unauffällig übers Haar, und in dem gleichen Augenblick sprang der Makler mit der grauen Perücke ab und überließ den andern das Schlachtfeld.
Nun ging es um die Louis-XVI.-Garnitur. Wiederum begannen die Zahlen wie Raketen in die Höhe zu schießen. Wiederum schien ein rasender Kampf zwischen dem Agenten mit der Perücke und einer Schar von Händlern bevorzustehen. Die Zahlen schossen derartig in die Höhe, daß der Saal unruhig wurde und die Frauen sich wiederum von den Sitzen erhoben. Stolpe wurde nervös. Er blickte auf Schellenberg. Aber Wenzel schien der Auktion gar nicht zu folgen. Er stand da und blickte zwischen den Köpfen hindurch, auf irgend jemand. Plötzlich wandte er zerstreut den Kopf, blickte in den Katalog, hörte die quäkende, trockene Stimme des Maklers und rollte den Katalog zusammen. Aber es war zu spät.
An den nächsten drei Objekten war Schellenberg nicht interessiert. Er blickte wieder zwischen den Kopfreihen hindurch: Es war hier auf der Auktion der Sammlung Flottwells, wo Schellenberg Jenny Florian wiedersah! Vor etwa drei Wochen hatte sie ihm Stolpe flüchtig vorgestellt. Er erkannte sie sofort wieder, an ihrem aschblonden Haar, das sie weich und schlicht in einem bescheidenen lockeren Knoten im Nacken trug. Ihr Profil, das er nun ruhig prüfen konnte, war klassisch schön. Eine gewölbte ruhige Stirne, darunter ein strahlendes, forschendes, klares Auge, das wie Perlmutter schimmerte. Das Gesicht, fein, träumerisch, in der Tat, Jenny Florian galt nicht umsonst als eine der schönsten Frauen Berlins. Nun fühlte sie den Blick und wurde unruhig.
„Wer war diese blonde Dame?“, hatte Wenzel damals Stolpe gefragt.
„Jenny Florian! Sie ist Schauspielerin, sie ist Tänzerin, man sagt, daß sie sehr gut modelliert und zeichnet. Sie singt auch.“
„Sie hat viele Talente. Alle Wetter!“ Wenzel lachte.
2
Während einer Pause sah er Jenny Florian mit Stolpe und noch einem jungen Herrn, den er schon irgendwo flüchtig kennengelernt hatte, auf der Treppe plaudern. Er trat näher und machte eine kurze, knappe, etwas trockene Verbeugung. „Darf ich Ihnen guten Tag sagen, Fräulein Florian?“
Jenny errötete. Ihr klarer Blick wurde dunkler, und sie ließ den Kopf, wie sie es stets tat, wenn sie verlegen wurde, etwas auf die linke zarte Schulter sinken. „Herr Schellenberg!“ sagte sie. Ihre Stimme war zart, aber sehr hell.
Schellenberg wandte sich an ihren Begleiter mit einer noch kürzeren, noch trockeneren Verbeugung. Diese Verbeugung hatte sich Wenzel in den letzten Jahren angewöhnt, sie war fast geschäftsmäßig und schien auszudrücken, daß er auf Bekanntschaften eigentlich nicht mehr den geringsten Wert lege. „Ich bitte um Entschuldigung,“ sagte er. „Ich habe leider Ihren Namen nicht behalten.“
„Es ist der Maler Katschinsky, Herr Schellenberg,“ warf Stolpe ein.
Katschinsky verzog etwas den schönen Mund, schob die Schultern in die Höhe und reichte Wenzel mit hochmütiger Lässigkeit die Hand. Er war nicht gekränkt, daß Schellenberg seinen Namen vergessen hatte, das konnte vorkommen. Die geschäftsmäßige Kühle aber, mit der Schellenberg ihn ansprach, verletzte seine Eitelkeit. Die Selbstverständlichkeit, die Sicherheit, wenn man nicht mehr sagen wollte, mit der Wenzel ohne weitere Umstände an Jenny herantrat, fand er im höchsten Grade unpassend. Wenn irgendein Mann von einigen Qualitäten mit Jenny plauderte, so fühlte er sich, so töricht es auch war, augenblicklich im Innersten erregt und bereit zu feindlicher Abwehr. Es war nicht Eifersucht, denn über derartige Gefühle war Katschinsky längst erhaben, es war die fortwährende dauernde Angst, daß Jenny an irgendeinem Manne Eigenschaften bewundern könne, die er nicht besaß. Wenzel war groß und stattlich, und der Glanz eines jungen, rasch und kühn erworbenen Reichtums umstrahlte ihn.
Wenzel beobachtete recht gut das hochmütige Zucken um Katschinskys Lippen, aber er ignorierte es. „Ich bitte um Verzeihung, Herr Katschinsky,“ sagte er um vieles freundlicher. „Ich erinnere mich nun genau, wir trafen uns bei der Gräfin Poppow.“ Glücklicherweise war ihm dies in der letzten Sekunde eingefallen, und während er sich wieder an Fräulein Florian wandte, erinnerte er sich eines unbehaglichen Gefühls, das er zuletzt im Salon der Gräfin Poppow empfunden hatte. Diese Gräfin Poppow lebte davon, daß sie jeden Sonntag ihren Salon einer Spielergesellschaft öffnete. Stolpe hatte Wenzel bei der Gräfin eingeführt. Er hatte dort einige Male gespielt, ohne jede Leidenschaft, ohne Genuß, und sich vorgenommen, den Salon der Gräfin Poppow zu meiden, ohne daß er einen bestimmten Grund angeben konnte. Die Atmosphäre sagte ihm nicht zu.
Unter den Spielern im Salon der Gräfin befand sich ein Russe, ein sehr eleganter junger Mann mit einem großen Brillanten am Finger. Diesen Brillanten hielt Wenzel für falsch, und es schien ihm gefährlich, mit Leuten zu spielen, die falsche Steine trugen. Er erinnerte sich, daß Katschinsky neben dem Russen saß und einmal ein Lächeln mit ihm austauschte. Dieses Lächeln hatte ihm mißfallen, er wußte nicht warum.
An all das dachte er, während er sich an Jenny Florian wandte: „Haben Sie etwas gesteigert, Fräulein Florian?“
Jenny errötete unter seinem Blick. „Oh, ich habe kein Geld!“ rief sie aus, und nachdem sie das gesagt hatte, errötete sie ein zweites Mal.