Die Bibliothek meines Oheims: Eine Genfer Novelle
Part 9
Das Ueble also ist ein Uebel und daher das Gute zu erwählen und zu verfolgen. Die Gerechtigkeit ist heilig, die Humanität segensvoll; der Schwache hat seine Rechte und der Starke beschränkende Pflichten. Mächtig oder elend, niemand ist enterbt außer durch seine Schuld... Vergnügen, Lust, Reichthümer, ihr habt eure Gebrechen und eure Pflichten. Armuth, Schmerzen, Herzeleid, ihr habt eure Tröstungen und eure Berechtigungen.... Tod! ich will dir weder Hohn sprechen noch dich fürchten; einzig und allein will ich mich bereiten, die glücklichen Reiche zu sehen, deren Eingang du aufschließest.
Alter Mann! wie weise, reich und tröstlich erscheinst du mir. Du gleichst in meinen Augen alten Ruinen, die am entlegenen Plätzchen Schätze verbergen.
* * * * *
So ändern sich die Dinge mit der Anschauungsweise. In diesem Sinne ist der Augenblick so bedeutsam, wo der Gedanke an den Tod die Seele des Menschen erfaßt und zwei Wege sich vor ihm öffnen.
Wäre der Mensch ein bloßes Vernunftwesen, so würde man ihn je nach dem Standpunkte seiner Ansichten durch eine gebieterische, schicksalsschwere Nothwendigkeit, von Schluß zu Schluß folgend, in dem einen oder dem andern dieser beiden Wege wandeln sehen. Glücklicherweise kennt und liebt der Mensch, unabhängig von aller Schulweisheit, die Ordnung, die Gerechtigkeit, das Gute; wenn er die Tugend gekostet, so zieht sie ihn an und er hält fest an ihr. Zudem, von Leidenschaften gepeinigt, von der Nothwendigkeit ganz und gar in Anspruch genommen, hat der armselige Vernunftmensch, der wankelmüthige Geist, das schwache Geschöpf weder Zeit noch Kraft, grausam oder erhaben zu sein... Doch man folge der Menge, man beobachte die Einzelnen, welche sich davon absonderten, um segenbringend oder verderblich zu wirken, und man wird unter denen, die nach bestimmten Grundsätzen handeln, auch die Entschlossensten antreffen und sie ohne Stolz zur Tugend schreiten sehen, und zum Verbrechen ohne Gewissensbisse.
* * * * *
Doch, armes Liedlein! darum hadre ich nicht mit dir; du dachtest an nichts Uebles. Trinken und Singen ist ein herrlich Ding: die Freude erweitert das Herz. Unter der Weinlaube beim Klange der Becher ziehe der Ernste, der Freudenfeind sich zurück, dann erscheinst du, auf den Flügeln der Lust und Freude heranschwebend.
Ist es deine Schuld, wenn einzelne Verse dem Laubdache entschlüpfen und an das Ohr eines Knaben schlagen, der mit seinem Oheim den Hügel hinanstieg?
Wir kehrten zurück. Mein Oheim Tom trinkt selber freilich keinen Wein, aber er sah es gern, wenn andere Leute um eine Flasche herum die Sorgen und Mühen der Woche vergaßen. Es war seine Gewohnheit nicht, an solchen Gelagen Theil zu nehmen, allein es machte ihm Vergnügen, ihnen zuzusehen, die Fröhlichkeit pflanzte sich auf ihn fort und seine Züge belebten sich mit freundlichem Lächeln. So ging ich auch Sonntag Abends mit ihm spazieren, nicht etwa an öffentliche Orte oder an einsame Stellen, sondern zwischen den Weingeländen herum, die vor der Stadt die Familien der geringen Leute versammelten.
* * * * *
Noch jetzt gehe ich dahin. Zuweilen bin ich mitten darunter, ich weiß nicht ob etwa, weil ich selbst ein geringer Mann geblieben bin, oder ob meine Kunst mich dahin leitete.
Da rede ich von zwei neuen Dingen zu dir, Leser! Das Erstere wird einen unangenehmen Eindruck auf dich machen, das Letztere überrascht dich, wenn du aus dem, was du bisher von meiner Geschichte gelesen, nicht errathen hast, daß Ostade und Teniers mich weit stärker anzogen, als Grotius und Pufendorf. Doch ich will diese beiden Dinge trennen, um von jedem besonders zu sprechen.
* * * * *
Hast du jenes Knötchen vergessen, welches dein Haupt so gut als das meinige hat? Ich erlaube mir, dich daran zu erinnern. Vernimm also, daß niemand von sich sagt, er gehöre zu dem gewöhnlichen Volke, noch darauf stolz ist, vom Volke zu sein, oder seine Freunde darunter zu haben. Oder wäre ich nicht ein wenig dein Freund? Was du auch sein magst, das Volk ist in deinem Munde das Volk auf niedrerer Stufe, als der, wo du in der Stufenleiter der bürgerlichen Gesellschaft stehst. Du, du gehörst nicht dazu und in jedem Falle, wo deine Eitelkeit (wiederum das Knötchen) ihre Rechnung nicht dabei findet, wirst du keinen Ruhm darin suchen, zum Volke zu gehören, und wärest du wirklich aus ihm. Merk dir's.
In der That, wenn bewußtes Knötchen durch die Aufgeblasenheit eines Großen sich verletzt fühlt und es gern auswetzen möchte, könnte es sich weigern unter solchen Umständen, daß du eine Ehre darein setztest, zum Volke zu gehören, und wäre es auch wirklich nicht einmal der Fall. Aber das ist nur für den Augenblick und blos deshalb, weil das Volk weit mehr Lebensart, bessere Sitten, einen weit vorzüglicheren Ton hat, als jener Große, und weil er's als unendlich tief unter ihm stehend betrachtet.
Eben so wenn besagtes Knötchen möchte, daß du einem Club vorstehst, die Seele einer Bewegung seist, das Haupt einer Partei, der Herausgeber eines Volksblatts, so würdest du wieder nur in ein Ding deinen Stolz setzen, nämlich darein, daß du zum Volke gehörst, daß du aus dem Schoose des Volks entsprossen, daß du im Schoose des Volks und, wenn möglich, für dasselbe sterben wollest. Aber deine weißen Handschuh, dein feines Kleid, deine saubere Wäsche, das Spazierstöckchen, mit dem du spielend umherfichst, die Augengläser, welche dir ein Bedürfniß geworden, zeugen wider deine Behauptung. Du nennst dich Einen vom Volk! und würdest dich beleidigt fühlen, hielte man dich beim Worte.
Du siehst, die Ausnahme bewahrheitet die Regel.
* * * * *
Ja, es ist wirklich so, ich bin beim Volk geblieben. Ich suche daraus weder Ruhm noch Schimpf zu ziehen, obwol ich fühle, wie ungemein schwer das ist.
Ich schreite zu dem zweiten Punkte.
Mein Oheim Tom hegte große Vorurtheile wider den Stand eines Künstlers. Er fand denselben eines denkenden Wesens nicht sehr würdig und höchst ungeeignet, ein essendes, trinkendes und besonders ein heirathendes Wesen zu ernähren. Sonderbar ist dabei, daß er, während er die Künstler geringschätzte, die Kunst ganz besonders verehrte, insoweit nämlich die Kunst in's Bereich der Gelehrsamkeit fällt, als sie ein Gegenstand zu Untersuchungen, zu Denkschriften ist. Mein Oheim hatte zwei dicke Bände über die griechische Glyptik geschrieben.
Ich hingegen ließ die griechische Steinschneiderei sein wie sie wollte; jung wie ich war, hatte das Grün der Wälder, das Blau der Berge, der Adel der menschlichen Gestalt, die Anmuth der Frauen, der weiße Bart des Greises für mich einen geheimen Zauber, der noch weit lebendiger und gewaltiger wurde, wenn ich auf Leinwand oder Papier eine Nachahmung dieser mir so reizenden Dinge sah. Tausend linkische Versuche auf meinen Heften und Büchern thaten die wundersame Lust kund, die ich in der Nachahmung meiner selbst fand, und ich erinnere mich, daß ich lange Arbeitstunden hindurch mit Wollust die reizenden Bilder niederkritzelte, welche einige, gar häufig falsch oder nothdürftig begriffene Verse Virgils in meiner Einbildung erweckten. Ich malte Dido. Ich malte Jarbas. Ich malte Venus selber:
=Virginis os habitumque gerens, et virginis arma Spartanae: vel qualis equos Threissa fatigat Harpalyce, volucremque fuga praevertitur Hebrum. Namque humeris de more habilem suspenderat arcum Venatrix, dederatque comam diffundere ventis, Nuda genu, nodoque sinus collecta fluentes.=
* * * * *
Anfänglich hatte mein Oheim Tom zu meinen Kritzeleien gelächelt; später aber hörte er auf, eine Neigung zu ermuntern, die mich von meinen Studien abzog. Nichts desto weniger nährte er, wenn er Sonntag Abends mich mit in die Weinberge spazieren nahm, ohne es zu ahnen, diesen Hang, dem er entgegenarbeiten wollte. Unter den Laubgewinden fand ich die reizendsten Spiele von Licht und Schatten, lebendige, malerische Gruppen und jene menschlichen Antlitze, auf denen sich in tausend Zügen Freude, Trunkenheit, Friede, bange Sorgen, kindliche Freude oder verschämte Schüchternheit malten. Ich liebte eben so sehr als er diese Spaziergänge, nur daß wir auf denselben verschiedenen Gelüsten nachgingen. Als indeß in meinen Heften auf die Jarbas und Dido nach und nach gewöhnlichere, aber wahrere Figuren folgten, hörten diese Spaziergänge auf.
Nun führte mich mein guter Oheim wider seine Neigung und trotz seines hohen Alters weit von der Stadt nach entlegenen Fluren spazieren, zuweilen sogar bis zu den Orten, wo unter den Felsen des Berges Salève die Arve sich durch ein grünendes Thal schlängelt, einsame Inseln mit ihren Fluthen umschließend und in ihren Wellen den sanften Glanz der Abendsonne spiegelnd. Von dem Platze, wo wir uns niederließen, sah man eine alte Barke vorüberziehende Landleute an's andere Ufer setzen, oder auch in der Ferne eine lange Reihe von Kühen durch eine Furth von den Inseln zum festen Lande ziehen. Der Hirt folgte auf einem alten Rößlein, vor sich im Sattel ein Paar Buben; das Gebrüll ward ferner und ferner und schlug in leisem Verhallen kaum an unser Ohr, bis der lange Zug sich in den dunkelblauen Schatten der Dämmerung verlor.
Diese Schauspiele entzückten mich. Mit bewegtem Herzen, die Seele voll süßer Empfindungen, ging ich von dannen und ein geheimes Verlangen zur Nachbildung, zur Wiedergabe einiger Züge von diesen Wundern drängte mich bereits. Nach der Rückkehr verwendete ich den ganzen Abend darauf. In entzückender, stets bereitwillig aufblühender Träumerei schmückte ich meine unförmigen Gebilde mit der höchsten Farbenpracht, die in meiner Phantasie lebte, und zitterte im Gefühl der unschuldigsten, jedoch lebhaftesten Freude.
* * * * *
Obgleich mein Oheim über die Steinbildnerei schrieb und die Werke des Phidias sammt den drei Manieren Raphael's auswendig wußte, so verstand sich mein guter Oheim doch blutwenig auf Zeichnen- und Malerkunst. Er rühmte die schönen Zeiten der Renaissance[3], allein seine Liebhaberei richtete sich auf die Medaillons von Le Prince und die Hirtengemälde von Boucher, womit er seine Bibliothek geschmückt hatte.
[3]: Das Zeitalter aufblühender Kunst von 1453, der Einnahme Konstantinopels, bis 1610, Beginn der Regierung Ludwig's XIII., dessen Ausbildungspunkt unter Franz I. von Frankreich fällt.
Jedoch hing neben dem Bette in wurmstichigem Rahmen noch ein Bild, welches wir, mein Oheim und ich, vor allen anderen liebten, obgleich aus verschiedenen Beweggründen: er, weil dies Gemälde, das aus der Zeit vor Raphael herstammte, viel Licht auf die Erfindung der Oelmalerei warf; ich, weil es mir vor allen die geheimnißvolle Macht des Schönen offenbarte.
Es war eine Madonna mit dem Jesuskindlein auf dem Arme. Ein goldener Heiligenschein umzog die keusche Stirn der Marie, ihr Haar fiel auf die Schultern herab und ein blaues Gewand mit weiten Aermeln ließ in ihrer Haltung unschuldsvolle Anmuth und die zärtliche Besorgtheit einer jungen Mutter erblicken. Auf mich übte dies Gemälde, das ohne alle kunstreiche Erfindung war und den ausgeprägten Charakter eines Jahrhunderts des Glaubens, der Jugend und aufblühender Kunst trug, einen unwiderstehlichen Reiz. Die junge Madonna besaß meine Bewunderung, meine Liebe, meine Verehrung, und wenn ich hinauf zu meinem Oheim ging, so haftete mein erster und letzter Blick auf ihr.
Meinem Oheim aber schien das Alles mit dem Rechtsstudium gar nicht zusammenzupassen, er nahm das Gemälde herab und ließ es verschwinden.
* * * * *
Das Recht ging jedoch darum nicht besser; ich fand keinen Geschmack daran und als ich meine Jüdin verloren hatte, ließ ich von jeglicher Arbeit ab. Keinen Ehrgeiz fühlte ich mehr, keinen Hang zu irgend etwas, keine Zeichnungen, keine Bücher, ein einziges ausgenommen, das fast nimmer aus meinen Händen kam. Wochen, Monate verflossen so und mein armer Oheim bekümmerte sich sehr, allein er machte mir nicht den geringsten Vorwurf.
Eines Tages war ich zu ihm gegangen und setzte mich wie gewöhnlich neben seinen Schreibtisch. Er saß über seinen Büchern und beschäftigte sich, eine Belegstelle abzuschreiben. Ich bemerkte das Zittern seiner Hand, welches heute auffällig stark war; die schwankenden Buchstaben verriethen eine ungewöhnliche Unsicherheit. Diese zunehmenden Anzeichen des unmerklich sich steigernden Alters erweckten in mir eine Traurigkeit, welche meinem Gemüthe eigenthümlich zu werden begann und in Ermangelung andern Gegenstandes sich auf diese Wahrnehmungen richtete.
Und das hatte seinen Grund, denn der Oheim, welcher vor mir dasaß, war meine Vorsehung auf Erden, und so weit meine Erinnerung reichte, hatte ich keine andere Stütze als die seinige gehabt, keine väterliche Liebe als von ihm erfahren. Man hat dies bereits aus den bisherigen Erzählungen abnehmen können; wenn man aber bedenken will, daß ich diesem guten Oheime noch keine Seite widmete, um den Leser mit ihm bekannt zu machen, so wird man es entschuldigen, wenn ich mit freudiger Bereitwilligkeit jetzt von ihm rede.
Mein Oheim Tom ist unter den Gelehrten bekannt, allen denen zum Beispiel, die sich mit der griechischen Steinbildnerei oder der Bulle _Unigenitus_ beschäftigen. Sein Name ist in den Verzeichnissen der öffentlichen Bibliotheken zu lesen, seine Werke findet man in besondern Fächern aufgestellt. Unsere Familie ist deutschen Ursprungs und ließ sich im verwichenen Jahrhunderte in Genf nieder. Gegen 1720 erblickte mein Oheim das Licht der Welt in dem alten Hause, welches am St. Petersbrunnen steht, einem alten Kloster, dessen einer Eckthurm noch zu sehen ist. Dies ist alles was ich von den Vorfahren meines Oheims und seinen ersten Lebensjahren weiß. Ich darf annehmen, daß er seine Schule durchmachte, die akademischen Grade erwarb und sich dem ehelosen Stande und den Wissenschaften widmete. Er ließ sich bald darauf in dem erwähnten Hause der französischen Stiftung nieder, gleichfalls ein altes Kloster, wo er die ganze Zeit seines langen Lebens verbrachte.
Mein Oheim lebte zwischen seinen Büchern, und da er keine Verbindungen in der Stadt unterhielt, so war sein Name wol manchem lebenden Gelehrten, besonders in Deutschland, bekannt, allein in seinem eigenen Stadtviertel fast gar nicht. Kein Geräusch in seiner Behausung, kein Wechsel in seinen Gewohnheiten, keine Aenderung in seiner alterthümlichen Tracht. Daher kam es, daß man, wie alles Eintönige und unwandelbar Gleichmäßige, als Häuser, Markzeichen, so auch ihn sah, ohne ihn zu bemerken. Zwei- oder dreimal wol redeten mich Vorübergehende an, und fragten, wer der Greis wäre; allein dies waren Fremde, welchen seine Haltung oder Tracht, die von der Anderer so wesentlich abstach, auffiel. »Es ist mein Oheim!« antwortete ich voll Stolz über ihre Neugierde.
Aus dieser Lebensweise, diesem Geschmacke entstanden auch gewisse geistige Gewohnheiten. Fremd wie mein Oheim, als Mann der Wissenschaft, der Welt war, schöpfte er in vollem Vertrauen auf seine Wissenschaft, seine Lehrsätze und Meinungen aus Büchern, wobei ihn nicht die verdächtige Unparteilichkeit eines Philosophen leitete, sondern ein ruhiger Geist, der den Leidenschaften und Triebfedern der Welt fremd war und weder Eile zum Beschließen noch Gründe zur Anhänglichkeit an eine Richtung hatte. Daher war er mit den gewagtesten Aufstellungen der Philosophie vertraut und hatte mit nicht minderer Genauigkeit in den spitzfindigsten Fragen der Theologie herumgearbeitet, ohne daß man so leicht herausbringen konnte, was denn eigentlich seine Ansicht war. Die Moral hatte er mit demselben wissenschaftlichen Geiste studirt, doch mehr um sie zu kennen als um einen Vergleich zur Anwendung darin zu ziehen. Darum war es eben so schwierig, die Grundsätze seiner Handlungsweise herauszufinden. In Betreff des Glaubens wie im Gebiete der Grundsätze erregte nichts sein Erstaunen, nichts seinen Eifer, und wenn seine Ueberzeugungen schwach waren, so war seine Duldsamkeit eine vollständige.
Dies Gemälde, das ich von meinem Oheim entwarf, wird ihm vielleicht die Liebe vieler Leser, wenn nicht gar ihre Achtung rauben. Es thut mir leid und dies um so mehr, als ich dieserhalb sich meine Freundschaft für sie verringern fühle. Ja, wenn es sich darum handelte, ob jene Art Skepticismus, die ich meinem Oheim beilege, an und für sich oder ihrer Richtung willen gut oder schlecht sei, so glaube ich, meine Ansicht würde mit jenem Theile der Leser zusammenpassen, allein ich sage mich von ihnen los, wenn sie sich um der Beschaffenheit einer Lehre willen für berechtigt halten, ihre Liebe und Achtung dem Manne, welcher ihr anhängt, zu entziehen, sobald dieser Mann gut und ehrenhaft ist.
Um aber gerecht zu sein, meine Leser sind zu entschuldigen. Ihre Ansicht entspringt aus achtbarer Quelle. In der That, der größte Theil der Menschen, ich meine diejenigen, welche ihrem Geschlechte Ehre machen, ist gewiß mehr als einmal in den Fall gekommen, an sich selbst zu erkennen, daß edle Triebe nicht ausreichen, um zum Guten zu führen, und wie oft sie unterliegen, wenn sie mit anderen minder edeln Trieben zu kämpfen haben. Deshalb sind in ihren Augen Grundsätze und Glaubensgesetze nothwendig als mächtige Hilfsleiter und allein vermögend, dem Guten den Sieg zu sichern, und deshalb sind sie gegen diejenigen mistrauisch, bei denen sie diese Bürgschaften nicht zu bemerken glauben.
Eben in dieser Meinung, die ich durchaus theile, finde ich die Erklärung und gewissermaßen den Schlüssel des Charakters meines Oheims und der scheinbaren Widersprüche, welche auf den ersten Blick zwischen seinen Ansichten und seinem Leben obwalteten. Dieser Mann war von einer so guten, ehrenhaften, wohlwollenden Gemüthsart, daß er vielleicht niemals gleich den Lesern, von denen ich redete, in die Lage gekommen ist, das Bedürfniß von Hilfsmitteln, die ihn zum Guten ermunterten, und noch weniger die ihn vom Schlechten abhielten, zu empfinden. Ein natürliches richtiges Gefühl bewahrte ihn vor allen Ausschweifungen, eine angeborne Schüchternheit und sein zurückgezogenes Leben hatten ihn in altväterlicher Einfachheit erhalten, während sein eher menschlich als empfindsam, eher edelmüthig als warm zu nennendes Herz, welches wenig von Enttäuschung und Mistrauen heimgesucht war, eine gewisse jugendliche Frische behalten hatte, die sich in allen seinen Gefühlen und Handlungen äußerte. Und dabei, was einzutreten pflegt, wenn die Tugenden keine Anstrengung kosteten, weder Stolz noch Härte, sondern echte Bescheidenheit, reine Güte und ein gewisser Zauber von Unschuld erhöheten alle liebenswürdigen Eigenschaften dieses vortrefflichen Greises.
Also trotz der mehr oder weniger sonderbaren und widersprechenden Ansichten, welche im Gemüthe meines Oheims wogen und neben einander bestehen oder unter sich im Kampfe begriffen sein mochten, trotz der moralischen oder Verhaltungs-Grundsätze, die folgerecht aus diesen Ansichten hervorgehen konnten, trugen alle seine Handlungen den Charakter der strengsten Ehrenhaftigkeit und wahrsten Güte. Wenn die Woche in den fleißigen Forschungen, die ihn ganz und gar beschäftigten, vergangen war, widmete er den Sonntag einer ehrbaren stillen Ruhe: Morgens besorgte ein alter Barbier, der einer Zeit mit ihm entsprossen, seinen Bart und ordnete seine Perrücke, dann that er einen kastanienbraunen Rock, neu, aber von altem Schnitt, an und begab sich in die Kirche seines Sprengels, auf den Rohrstab mit goldenem Knopfe gestützt und unter dem Arme einen Psalter, der sauber in genarbtes Leder gebunden und mit silbernem Schloß versehen war. Er setzte sich an seinen bestimmten Platz und hörte die Predigt mit gewissenhafter Aufmerksamkeit an, und sicherlich brachte keiner eine größere Bereitwilligkeit mit, die Ermahnungen auf sich anzuwenden. Seine unsichere Stimme ertönte beim Gesange und nachdem er seine reichliche, doch stets gleiche Gabe in den Opferstock gethan, kehrte er nach Hause zurück; wir aßen zusammen und der Abend ward den gemüthlichen Spaziergängen, wovon ich oben sprach, gewidmet.
Diese Züge, welche nur eine Lebensseite meines Oheims darstellen, genügen, um ein Bild von der ehrenhaften Einfachheit zu geben, die in allen Handlungen seines zurückgezogenen Lebens vorwaltete, obgleich sie keinen genügenden Maßstab von der eben so einfachen Güte seines Herzens geben; und ich fühle mich in Verlegenheit, dieselbe zu schildern, ohne ihren Reiz zu verwischen, ohne Gefahr zu laufen, das als Tugend hinzustellen, was bei ihm Natur, gewohnte Weise war. Soll ich erwähnen, daß er durch den Tod meiner ihm mancherlei Verpflichtungen hinterlassenden Eltern mein Beschützer geworden und geblieben war, ohne daß es ihm jemals in den Sinn kam, es nöthige ihn keine natürliche Pflicht, sein mäßiges Vermögen meinetwillen anzugreifen? Soll ich sagen, daß es ihm nie, auch nur einen Augenblick einfiel, daß ich kein Recht auf alle seine Opfer habe, ja daß er nicht einmal danach fragte, ob ich derselben würdig sei, seine Lehren befolge, oder seine Wohlthaten dankbar anerkenne? Doch in den Augen Vieler wird dies als eine sich von selbst verstehende Pflicht erscheinen und seine Güte zeigt sich am besten in seinen minder bedeutenden Handlungen.
Dies ist meine Meinung. Und darum bedauere ich, daß die alte Dienerin, die fünfunddreißig Jahre lang den kleinen Haushalt meines Oheims führte, nicht an meiner Statt die Feder führt. Besser bei Kräften als sie, fand er es weit einfacher, die Schwächen ihrer Wirthschaft selber zu verbessern als ihr eine Nebenbuhlerin zu geben, und statt darum übler Laune zu werden, ließ ihn seine natürliche Lebendigkeit die Alte mit lustigen, liebevollen Scherzworten necken. Allerdings, er zankte zuweilen mit ihr, aber nur weil sie nicht auf seine Vorschriften hörte, und indem er sie mit dem Hippokrates tyrannisirte, vertauschte der wackere Oheim gewissermaßen die Rollen und wurde ihr Diener. In den letzten Lebensmonaten dieser Frau räumte er ihr seinen lieben Lehnstuhl ein und machte jeden Tag eigenhändig das Bett der alten Dienerin, wohin wir sie zusammen hinüberbrachten, um den bleichen Lippen noch ein Lächeln zu entlocken.
Eines Abends fühlte die arme Frau ungewöhnlich heftige Schmerzen; mein Oheim ließ sich auf's genaueste alle Symptome sagen, fragte sein Buch um Rath, ersann einen helfenden Trank und ging selbst um Mitternacht, um denselben unter seinen eigenen Augen von dem Apotheker bereiten zu lassen. Seine Abwesenheit dauerte etwas lange; Margarethe rief mich und theilte mir ihre Besorgniß mit. Schnell zog ich mich an und eilte auf dem nächsten Wege zum Apotheker. Mein Oheim war vor wenigen Augenblicken hier fortgegangen. Durch diese Versicherung beruhigt, nahm ich meinen Rückweg durch dieselbe Straße, die er gegangen sein mußte; es war die Altstädter Straße.
Ich hatte die Mitte der Straße, die sehr abschüssig ist, erreicht, da gewahrte ich in einiger Entfernung einen einzelnen Mann, den ich an seinen Bewegungen nicht sogleich für meinen Onkel erkannte. Er trug unter großer Anstrengung einen schweren Gegenstand, den er zwei Mal niedersetzte, wie um Athem zu holen, und als er am obern Ende der Straße angelangt war, stellte er seine Last in die Ecke eines Häuservorsprungs, wobei er mit dem Stocke versuchte, ob der Gegenstand nicht in die Straße zurückrollen könne.
Jetzt erkannte ich meinen Oheim, der sich sehr wunderte, mich zu erblicken. Ich erklärte ihm die Veranlassung meines Nachgehens. -- Ich, ich wäre schon zurück, antwortete er, wenn ich mich nicht an einen großen Stein tüchtig gestoßen hätte; und damit eilte er hinkend weiter.
Dieser Zug, glaube ich, zeichnet den edeln Mann. Alt, hinkend, trotz seiner Eile hatte er ganz allein den gewaltigen Stein an einen Ort getragen, wo er keinen Schaden mehr thun konnte, und diesen Umstand allein hatte er von seinem Begebnisse bereits vergessen.
* * * * *