Die Bibliothek meines Oheims: Eine Genfer Novelle
Part 7
Erhole dich, erhole dich, mein Sohn, sagte der Oheim Tom mit gütigem Tone. Der Fall hat wahrscheinlich deine Gehirnnerven angegriffen, darum ist deine Rede so unzusammenhängend. Er hieß mich sitzen, beeilte sich daneben die beiden Folianten aufzuheben, deren eingedrückte Ecken ihn ohne Zweifel weit mehr ergriffen, als die Unterredung mit der schönen Jüdin. Er legte sie behutsam wieder auf den Tisch und kam dann zu mir zurück: Und du wolltest etwas aufhängen? sprach er und faßte meine Hand in der Weise, daß er seinen Finger verstohlen auf meinen Puls bringen konnte.
Die Frage kam mir sehr ungelegen, denn in Wahrheit gab es in dem ganzen Zimmer auch nicht eine Spur von etwas, was aufzuhängen gewesen wäre. Da ich nun außerdem die nachsichtige Milde meines guten Oheims kannte, so wollte ich ihm alles erzählen bis auf diesen Augenblick, aber ich ließ es sein.
Ich ließ es sein; denn für das, was in meinem Herzen lebte, war Nachsicht schon nicht mehr ausreichend. Ich hätte Theilnahme verlangt und mein Oheim hätte mir keine gewähren können, als für seine abstrakten, wissenschaftlichen Ideen; dies erzeugte ein Widerstreben in mir, ihm mein Herz zu öffnen, ich fürchtete ein Gefühl zu entheiligen, das ich so sehr nach meiner Weise mir zu erhalten strebte.
Ja, ich wollte aufhängen... Ach! mein Gott! schon!
Was gibt's?
Ach! Oheim, es ist vorbei!
Was?
* * * * *
In diesem Augenblicke erlosch das Licht in dem Zimmer des Sterbenden und mit ihm meine ganze Hoffnung.
Meinem Oheim dagegen erschien bei diesem Ausbruche der Fall höchst bedenklich, er veranlaßte mich zu Bette zu gehen und prüfte mich daselbst mit der größten Aufmerksamkeit, indeß ich an das Mädchen dachte, deren Anblick mich entzückt hatte.
Mein Oheim Tom war weit entfernt, die Ursache meines Uebels zu ahnen. Indeß, nachdem er mich anatomisch untersucht und betastet hatte, kam er mit einer Sicherheit, die seiner Wissenschaft Ehre machte, zu der Ueberzeugung, daß meine Knochen im vollständigen Zustande sich befänden. Aller Unruhe über diesen Punkt entledigt, untersuchte er jetzt den Athem, den Umlauf des Blutes und alle Lebensthätigkeiten; darauf ging er zu ganz und gar äußerlichen Anzeichen über und schien endlich seine Wißbegierde befriedigt zu haben, denn er verließ mich mit der Miene eines Menschen, der irgend einen Gedanken zum Ueberlegen im Kopfe trägt.
Es war etwa Mitternacht. Ich blieb allein mit meinen Gedanken, in die ich mich ganz und gar verlor, als das Rollen der Leiter mich aufweckte, und bald darauf schlief ich ein.
Mein Schlaf war sehr unruhig. Tausend Bilder ohne Zusammenhang mit dem Gegenstande meiner Gedanken kreuzten sich, jagten sich vor meinem Blicke; es war weder Schlummer noch Wachen und noch weniger Ruhe. Endlich folgte auf diese Aufregung eine Erschöpfung und meine für einige Augenblicke unterbrochenen Träume kehrten wieder und nahmen eine andere Gestalt an.
Ich träumte, daß ich in einem einsamen Holze ging, leidend aber ruhig, meine Seele von, ich weiß nicht welchem, mich mit unbekanntem Entzücken erfüllenden Gefühle durchdrungen. Anfangs war niemand in meiner Nähe und nichts, was mich an die Wirklichkeit des Lebens hätte erinnern können. Ich war es wol, aber mit Schönheit, Anmuth und allen Vortheilen ausgestattet, die ich im wachen Zustande begehrte.
Ich fühlte mich ermüdet und setzte mich an einem einsamen Plätzchen nieder. Es kam eine Gestalt auf mich zu, die ich nicht kannte, deren Züge aber von dem Ausdruck schwermüthiger Güte belebt waren; ganz unmerklich nahm dieselbe ein mir bekannteres Aussehen an... und endlich war es meine geliebte Jüdin. Auch sie war ganz so begabt, als ich wünschte, und schien ein Gefallen daran zu finden, mich zu betrachten, und obgleich sie nichts sprach, hatte ihr Blick doch eine Sprache, die mich tief im Herzen auf's angenehmste berührte. Ich sah ihr schönes Haupt sich auf meine Stirn neigen, ich fühlte ihren süßen Odem und endlich fand ich ihre Hand in der meinigen. Eine steigende Bewegung durchzuckte mich, mein Traum verlor mehr und mehr seine Ruhe, die Bilder verschwammen durcheinander und wurden ungewiß, und von Antlitz zu Antlitz sah ich zuletzt nichts mehr, als das meines Oheims Tom, der meine Hand gefaßt hatte, um den Puls zu fühlen, und dessen Antlitz auf das meinige herabgebeugt war und mich durch seine Brille betrachtete.
* * * * *
Ja! das Angesicht meines Oheims Tom kam mir in diesem Augenblicke sehr widerwärtig vor! Ich liebe ihn, ich liebe ihn von ganzem Herzen, meinen Oheim Tom; aber von dem süßesten Gegenstande auf's Gesicht seines Onkels gerathen, von den reizendsten Träumen des Herzens zur kalten Wirklichkeit! So viel ist nicht einmal nothwendig, um Leben und Oheim verhaßt zu machen.
Beruhige dich, Julius, sprach er, ich bin deinem Uebel auf der Spur. Und damit fuhr er fort mich zu beobachten und blätterte dabei in einem alten Quartanten, wie um dem Ausspruche des Verfassers gemäß das Mittel nach den Anzeichen einzurichten.
O! ich befinde mich nicht schlecht! Sie täuschen sich, Oheim! Das einzige Uebel ist nur, daß ich aufgeweckt bin. Ach! ich war so glücklich!
Du befandest dich wohl, du befandest Dich ruhig, glücklich?
Ach! ich befand mich im Himmel, warum haben Sie mich aufgeweckt?
Hier belebte eine sichtbare Freude, von einem Schimmer von Stolz und gelehrter Genugthuung untermischt, das Antlitz meines Oheims Tom und ich glaubte ihn sagen zu hören: Schön! das Mittel wirkt.
Was haben Sie denn mit mir angefangen? fragte ich.
Du sollst es erfahren. Sieh, hier habe ich Deinen Fall im Hippokrates, Seite 64 der haager Ausgabe. Jetzt für den Augenblick bedarf es vor allem der Ruhe.
Aber, Onkel...
Was?
Ich wußte nicht, wie ich's anfangen sollte, um meinen Oheim darauf zu bringen, daß er mir von der jungen Jüdin erzähle, ohne ihm meine Gefühle für dieselbe merken zu lassen. Und doch hätte ich ihn so gern darauf gebracht.
Nicht wahr, morgen, sagten Sie?... Und ich schwieg.
Morgen?
Sie kommt zu uns.
Wer?
Ich fürchtete schon zu viel gesagt zu haben.
Das Fieber...
Das Fieber?...
* * * * *
So waren denn meine Fragen und Antworten für ihn im höchsten Grade unzusammenhängend und ich vernahm, daß er das Wort: Fieberphantasien flüsterte. Hierauf ging er fort. Gleich darauf rollte die Leiter; ich zitterte. Aber das war alles, was mir in der Lage, aus welcher ich gekommen, wieder vortheilhaft sein konnte. Ich machte unglaubliche Anstrengungen, um meinen Schlummer und den Traum wieder zu gewinnen. Umsonst. Ich konnte nicht einmal die Wirklichkeit, welche mich früher befriedigt hatte, wieder erhaschen: der Traum hatte sie verwischt, ohne daß ich sie wieder herstellen konnte; alles war leer und wüst. Nur erst als meine Gedanken sich auf den nächsten Morgen richteten, konnte ich das Bildniß meiner Jüdin, wie sie vor meinen Träumen war, wiederfinden. Ich stellte mir ihre Ankunft bei meinem Oheim in tausenderlei Weise vor und bildete die unsinnigsten Pläne, wie ich sie sehen, mit ihr reden, mich mit ihr bekannt machen könne.
Meinen Oheim entfernen... selber sie empfangen... mit Ihr sprechen... Aber was sollte ich ihr sagen? Zu wissen, was ich ihr sagen solle, war die erste Bedingung, um meinen Plan möglich zu machen; ich war darüber in großer Verlegenheit, denn zum erstenmale sollte ich von Liebe sprechen. Ich hatte als Vorbilder nichts als ein Paar Romane, welche ich gelesen hatte und in denen man mir so vortrefflich zu reden schien, daß ich daran verzweifelte, zu solcher Vollkommenheit zu gelangen.
O! wenn ich ihr nur den Zustand meines Herzens schildern könnte! rief ich aus. Ich glaube, jedes Mädchen würde die Gefühle, die ich für sie hege, entgegennehmen. Und ich sprang aus dem Bett, um zu versuchen, was ich ihr wol zu sagen vermöchte.
* * * * *
Das Licht wurde angezündet und mir gegenüber stellte ich einen Stuhl, und wandte mich an denselben. Ich sammelte mich einen Augenblick und hub dann folgendermaßen an:
Mein Fräulein!
Mein Fräulein? Das Wort gefiel mir nicht; ein andres? Ich konnte keins finden. Ihr Name? ich kannte ihn nicht. Ich dachte, wenn ich suchte... Ich suchte viel und lange. Nichts fiel mir ein, als »mein Fräulein.« Also gleich beim Anfange blieb ich stecken.
Aber ist sie denn ein Fräulein? Ist sie für mich ein Fräulein, wie die erste beste? Mein Fräulein! Unmöglich! Da müßte ich ja gleich hinterher den Hut ziehen und sagen: ich habe die Ehre u. s. w. Ich setzte mich höchst unzufrieden nieder.
Wol zehnmal begann ich, ohne etwas andres zu finden. Endlich beschloß ich dieser Schwierigkeit zu trotzen und dies Wort auszulassen, ich hob also mit leidenschaftlichem Tone an:
Sie sehen den vor sich, der nur für Sie leben, nur Sie lieben will.... Und von dieser Stunde.... schwöre ich Ihnen mit Herz und....
Ach! mein Himmel, das wird ja ein Vers! Ich bemerkte, daß ich auf einen schlechten Reim losrannte. Voll Verzweiflung setzte ich mich wieder.
Wie schwer ist es doch, seine Gefühle auszudrücken! dachte ich voll Bitterkeit. Was wird mir geschehen? Sie wird lachen... oder gar über meine Tölpelei mitleidig die Achseln zucken und ich bin verloren! Dieser Gedanke war mir entsetzlich und ich verzichtete bereits auf meinen Plan.
Indeß schwellten tausend Gefühle mein Herz, als suchten sie einen Ausweg, und ohne daß ich es wollte, kreuzten in meinem Kopfe eine Masse von Redensarten, Betheuerungen, leidenschaftlichen Anreden, unter deren erdrückender Last ich erlag.
* * * * *
Um mir Erleichterung zu verschaffen, erhob ich mich und ging im Zimmer umher. Mir entschlüpften einzelne Worte, abgebrochene Redensarten:
.... Sie wissen nicht, wer ich bin, und doch erhält mich bereits nichts mehr am Leben als Sie oder Ihr Bild... Weswegen bin ich hier? Ich habe Sie sehen wollen... Ich habe auf die Gefahr hin, Ihnen zu misfallen, Sie wollen erkennen lassen, daß es einen Jüngling gibt, dessen einziger Gedanke Sie sind... Weshalb bin ich hier? Um meine Liebe, mein Geschick, mein Leben zu Ihren Füßen zu legen. Jüdin? Was thut's! Jüdin, ich werde Sie anbeten; Jüdin, ich werde Ihnen allenthalben hin folgen! O meine theure Jüdin, werden Sie irgendwo sonst jemand finden, der Sie liebt, wie ich?... Werden Sie die Zärtlichkeit, die Ergebenheit, das Glück finden, welches mein Herz für Sie bewahrt? Ach! könnten Sie nur die Hälfte von dem, was ich empfinde, theilen, Sie würden den Tag segnen, wo Sie mich zu Ihren Füßen sahen, und noch heute würden Sie mir die Hoffnung lassen, daß ich nicht umsonst zu Ihnen geredet habe...
Erleichtert hielt ich ein; ich hatte in diese Worte einen Theil der Gefühle gehaucht, welche meine Seele durchflutheten, und in dem Feuer, womit ich meine Rede begleitete, glaubte ich das Mädchen zu sehen, wie sie erröthete, von Rührung ergriffen wurde, und wie meine Worte ihr zu Herzen drangen. Ich legte die Hand auf das meinige und fuhr fort: Ach! nein, aus Mitleid gegen einen Unglücklichen verstoßen Sie mich nicht, Sie würden mich in einen Abgrund stürzen! für mich ist Leben, wo Sie sind!... Ha!... Hol ihn der Geier! O mein Onkel! mein Onkel!
* * * * *
Alles war verloren, ohne Rettung verloren und ich war im Begriff, bittere Thränen zu vergießen. Die Leidenschaft hatte mir in meinen eigenen Augen höhern Adel verliehen, auf einige Augenblicke war das Mistrauen in mich selber, jener Widerwille, jene Furcht, welche mir stets die Hoffnung vergifteten, verschwunden. Ich fühlte mich als ein Ebenbürtiger vor meiner Gottheit, und indem ich die Worte aussprach, führte ich meine Hand zum Herzen, welches ich bis auf die Haut brennen fühlte, da... Nein! Ich hätte keinen größern Ekel empfinden können, wenn ich die Hand auf eine kalte Natter, auf eine feuchte Kröte gelegt hätte, ein Zugpflaster lag auf meiner Brust -- ich riß das Scheusal weg und schleuderte es von mir.
* * * * *
In diesem Augenblicke trat mein Oheim Tom in's Zimmer, ruhig wie eine Windstille, eine Phiole in der Hand und sein Buch unter dem Arme. Verwünscht sei Ihr Hippokrates! rief ich ihm heftig entgegen, verwünscht Ihre alten Scharteken und alle die... Was haben Sie gemacht? Sagen Sie, Oheim, was haben Sie gemacht?... Zweimal die süßesten Augenblicke meines Lebens vergiftet und was haben Sie da noch? Wollen Sie mich vergiften?
Ueber diese Anrede hatte sich mein Oheim Tom keineswegs entrüstet, vielmehr setzte er die Kette seiner Folgerungen da fort, wo er stehen geblieben war, und in der Meinung bekräftigt, daß der Paroxismus fortwähre, hatte er die Haltung eines scharfen, aufmerksamen Beobachters angenommen; ohne sich im geringsten um den Sinn meiner Worte zu kümmern, forschte er scharfsinnig an meinen Geberden, an der Heftigkeit meiner Stimme, an dem Feuer meines Blicks nach der Beschaffenheit und dem Fortgang meines Uebels, und merkte sich genau alle Anzeichen bis auf die allerkleinsten, um ihnen sogleich zu begegnen.
Er hat das Zugpflaster abgerissen, sagte er ganz leise. Julius!
Was?
Leg' dich hin, mein Lieber; leg' dich, Julius, thue mir den Gefallen. Ich überlegte mir die Sache und hielt es für das Gerathenste, mich hinzulegen, da ich meinen Oheim unmöglich von dem Gedanken abbringen konnte, ich sei närrisch, vorausgesetzt, daß ich ihm mein Geheimniß nicht offenbarte, was in diesem Augenblicke alle meine Pläne vernichtet hätte, ohne daß ihm damit mein gesunder Verstand bewiesen wäre.
Und hier bringe ich ein Tränklein für dich, trink', mein Söhnchen, trink.
Ich nahm die Phiole und indem ich that, als tränke ich, ließ ich den Inhalt zwischen Bett und Mauer niederfließen. Mein Oheim umband mir den Kopf mit einem Tuche, deckte mich bis über die Ohren zu, schloß die Vorhänge und Fensterläden und zog seine Uhr hervor. Es ist drei Uhr, sprach er, er muß bis zehn Uhr schlafen, um zehn Uhr weniger zwanzig Minuten wird es Zeit sein, wieder herabzukommen. Und er verließ mich.
* * * * *
Von Müdigkeit erschöpft, schlief ich einige Augenblicke, allein bald trieb mich meine Aufregung wieder aus dem Bette und ich beschäftigte mich mit Vorbereitungen zu meinem Plane. Ich machte eine Puppe, die mir so ähnlich als möglich sah, band ihr das Tuch meines Onkels um den Kopf und bedeckte sie über und über. Dann schloß ich die Vorhänge, fest überzeugt, daß mein Onkel sie auf das Ansehen des Hippokrates hin nicht vor zehn Uhr öffnen werde, und stellte mich an's Fenster.
Schon gingen einzelne Milchmädchen vorüber; man machte die Fenster auf und die Schwalben waren in voller Thätigkeit. Der Anbruch des Lichts, die Frische des Morgens, der Anblick der gewohnten Gegenstände gaben mir wieder größere Ruhe und zeigten mir mein Unternehmen in einem weit ungünstigeren Lichte; ich schwankte fast. Allein als die Eindrücke meines Traumes mir wieder in's Gedächtniß kamen, da schien es mir, daß auf diesen Plan verzichten, auf alles unwiderbringlich verzichten hieße, was es Herrlichstes in der Welt gebe. Und ich fand meinen ganzen Muth wieder.
Indeß verstrich die Zeit. Ich hatte eben meine Uhr angesehen, als die Stuhlrollen sich hören ließen. Es war neun und drei viertel Uhr. Ich ging rasch davon und ließ meinen Onkel zu dem Puppenmännchen gehen, indeß ich mich leise in die öde Bibliothek begab.
* * * * *
Mit großer Behutsamkeit trat ich hinein und eilte zum Fenster. Als ich so aufrecht hinter den Scheiben stand, die Augen auf die Ecke der Straße gerichtet, von woher sie kommen mußte, fing ich an vor Erwartung und Beklommenheit zu zittern. Um das Unglück voll zu machen, bemerkte ich, daß meine wohlgesetzte Anrede mir aus dem Sinne entschwand und indem ich die einzelnen Stellen daraus festhalten wollte, verfiel ich in so sonderbare Aufregung, daß ich vor Bewegung fast erstickte. Ich sah mich verloren und meine Furcht wurde so heftig, daß ich zu pfeifen anfing, um mich selbst zu übertäuben. In diesem Augenblick schlug die Uhr zehn; ich hegte die Hoffnung, daß, wenn es einmal zehn geschlagen habe, sie heute nicht kommen würde, und zählte die Stundenschläge, deren jeder eine Ewigkeit auf sich warten ließ. Endlich ertönte der zehnte Schlag und ich empfand eine große Erleichterung.
Schon fing ich an, mich zu erholen, als ein blaues Gewand sichtbar wurde. Sie war es!.... Mein Herz pochte, meine Anrede flog davon. Ich hatte keine andere Empfindung, als den allersehnlichsten Wunsch, sie möchte in irgend einer andern Absicht ausgegangen sein, und erwartete mit unaussprechlicher Angst, ob sie vor unserm Hause vorbeigehen oder hineintreten würde. Indem ich so die leichtesten Schwenkungen ihres Ganges beobachtete, zog ich daraus allerlei Folgerungen, die mich abwechselnd mit Freude und Furcht erfüllten, und das Einzige, was mich etwas beruhigte, war, daß sie auf der andern Seite des Baches ging.
Sie schritt über denselben! Und weil die Fensterscheiben mich hinderten den Kopf vorzubeugen, so verlor ich sie aus dem Gesichte. Alsbald sah ich sie auch in meiner Vorstellung in die Bibliothek treten und alle Geistesgegenwart wich von mir. Ich eilte gegen die Thür, um zu entfliehen; allein indem ich durch das Vorzimmer kam, mahnte mich der Schall von ihren Schritten, welche in dem stillen Hofe widerhallten, daß ich ihr hier begegnen mußte. Ich blieb stehen. Sie war da... Beim Schall der Glocke wurden meine Augen trübe, ich schwankte, ich setzte mich hin und war fest entschlossen nicht zu öffnen.
In diesem Augenblicke kam die Katze meines Onkels von einer Dachluke herab auf die Fensterbank gesprungen. Bei diesem Geräusche durchschauerte mich kalter Schrecken, als ginge die Thür mit einem Schlage auf. Das Thier hatte mich erkannt, ich bemerkte mit entsetzlicher Angst, daß es miauen wollte: es miaute!.... da glaubte ich ganz sicher, daß meine Anwesenheit verrathen sei, und ich fühlte, wie Röthe mir über's Gesicht flog. Ein zweiter Glockenzug vollendete meine Vernichtung.
Ich stand auf, ich setzte mich wieder und stand wieder auf, die Augen stets auf die Glocke geheftet, welche ich noch einmal anschlagen zu sehen fürchtete. Ich horchte aufmerksam, in der Hoffnung, daß sie sich wieder entfernen würde; da traf ein anderes Geräusch mein Ohr: es war der Schritt meines Oheims Tom, der in mein Zimmer ging. Jetzt überfiel mich die noch größere Furcht, von ihm mit dem Mädchen zusammen getroffen zu werden, und in der Verwirrung beschloß ich, lieber der Gefahr entgegenzugehen, als sie zu erwarten. Ich zog mich also leise wieder zurück, damit es scheine, als käme ich aus der Bibliothek, hustete, und ging mit einem Schritte, dem die Furcht Festigkeit verlieh, hin und öffnete.... Ihre liebliche Gestalt zeichnete sich im Schattenriß auf dem Halbdunkel der Treppe: Ist Herr Tom zu Hause? fragte sie.
* * * * *
Dies waren die ersten Worte, welche ich von den Lippen der schönen Jüdin vernahm. Sie hallen noch in meinen Ohren wider, so viel Reiz hatte der Ton ihrer Stimme für mich. Obgleich die Frage überaus einfach war, so antwortete ich doch für den Augenblick nicht, jedoch weniger aus Absicht als aus Verwirrung, und schritt höchst linkisch gegen die Bibliothek zu, sie folgte mir nach.
Ohne mich umzusehen, ging ich bis an den Tisch meines Oheims. Ich wünschte, die Tafel möchte recht weit entfernt sein, so sehr fürchtete ich den Augenblick, wo ihr Blick dem meinigen begegnete. Endlich sah ich sie an, sie erkannte mich und erröthete.
Wo war meine Anrede geblieben! Ueber alle Berge. Ich schwieg und war weit röther als sie; weil wir aber so nicht länger gegenüber bleiben konnten, hub' ich folgendermaßen an:
Mein Fräulein... Und da blieb ich stecken.
Herr Tom... versetzte sie und suchte ihrer Verlegenheit Herr zu werden: Ich werde wiederkommen, da er nicht zu Hause ist. Sie verneigte sich leicht, ging davon und ließ mich in einer so übermäßigen Verwirrung stehen, daß ich nicht eher daran dachte, sie zu geleiten, bis sie bereits die Thüre der Bibliothek hinter sich hatte. Jetzt erst eilte ich ihr nach. Sie war verwirrt, ich auch; und als wir in der Dunkelheit der Hausflur beide die Thür öffnen wollten, begegneten sich unsere Hände -- ein Wonneschauer durchzuckte meinen ganzen Körper. Sie ging; ich blieb allein, allein in der weiten Welt.
* * * * *
Kaum war sie fort, da kam meine Anrede ganz und gar wieder. Ich schalt mich über mein linkisches Wesen, meine Dummheit, meine Verlegenheit. Denn damals wußte ich noch nicht, daß diese Verlegenheit, diese Unbeholfenheit gleichfalls ihre Sprache habe, die bei vielen Frauen sehr großen Eindruck macht und weit schwieriger nachzuahmen ist, als jede andere. Indeß erinnerte ich mich bald an den Ausdruck ihrer Mienen, ihre Verwirrung, ihren Blick, und wurde dadurch weit zufriedener gestellt. Ich eilte wieder an das Fenster, um sie gehen zu sehen, da hörte ich die Thüre hinter mir sich öffnen. Kaum hatte ich Zeit, um auf das Bett meines Oheims zu springen, wo ich mich hinter den alten grünen Vorhängen, die jegliches Licht von demselben abhielten, verbarg.
Aber, mein liebes Kind, was Sie mir sagten...
Ein junger Mensch, ich versichere Sie, Herr Tom.
Ein junger Mensch! der Unverschämte! Und wie benahm er sich?
Er benahm sich gut. Er sah gar nicht unverschämt aus, Herr Tom.
Das bleibt sich gleich... denn sehen Sie, so sich hier als Herr zu benehmen...
Vielleicht ein Bekannter von Ihnen...
Ich oder mein Neffe; sonst niemand.
Ich glaube... der war's, sagte sie mit leiserer Stimme und niedergeschlagenen Augen.
Er! Eben diesen Augenblick habe ich ihn verlassen! in dem Zimmer hier unten!... Und, sagen Sie mir, kennen Sie denn auch meinen Neffen?
Hier trat eine Pause ein, eine ewig lange Pause.
Sie erröthen, hübsches Kind!... Nun, verlassen Sie sich darauf, es gibt deren genug, die nicht so brav... auch nicht so liebenswürdig... Doch sagen Sie, woher kennen Sie ihn?
Mein Herr... Sie sagten, daß er unter Ihrem Zimmer wohne. Hier habe ich zuweilen am Fenster... denselben jungen Mann gesehen, der mich hier empfing.
Unmöglich, sage ich Ihnen. 's ist allerdings mein Neffe, den Sie am Fenster gesehen haben, denn da verbringt er den ganzen lieben Tag; doch daß er hier gewesen sei, nein, daran ist er ganz unschuldig, der arme Julius. Ich will Ihnen auch sagen warum. Gestern Abend gegen neun Uhr war der Wildfang auf ein hohes Gerüst geklettert, ohne daß ich begreifen kann weshalb, es müßte denn sein, daß es wegen einer Narrethei im Hospitalsaale gegenüber gewesen. (Hier wurde die Verwirrung des Mädchens immer größer, sie wendete das Antlitz seitwärts zu mir her, um ihr Erröthen vor dem Oheim zu verbergen.) Und auf einmal krack!... ein gewaltiges Gepolter, ich laufe hinzu und finde ihn an der Erde liegen; es war so arg, daß ich ihn zu Bett brachte, wo er sich noch befindet... Doch ja, sehen Sie, was ich glaube. Einem jungen Mädchen von Ihrem Aeußern wird schon immer von jungen Leuten nachgegangen. Ein solcher nun, so ein Verwegener... verstehen Sie?... ist Ihnen voraufgegangen. Nun, nicht so schamhaft, mein Kind, nicht so schamhaft; es ist keine Sünde, wenn man hübsch ist... Lassen wir's aber, wenn es Sie in Verlegenheit setzt, ein ander Mal schließe ich meine Thüre besser. Sprechen wir von anderen Dingen. Sie bringen mir mein Buch zurück? Hm! was sagen Sie zu dem Text? Halt einmal, legen Sie das Buch da hin und warten Sie einen Augenblick. Ich will... Warten Sie ein wenig. Und er ging in ein Seitengemach, das zur Bibliothek führte. Ich zitterte, denn dies für gewöhnlich verschlossene Gemach war durch eine geheime Treppe mit meinem Zimmer verbunden.
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