Die Bibliothek meines Oheims: Eine Genfer Novelle

Part 5

Chapter 53,682 wordsPublic domain

Zum Henker, Herr! Mein Arbeitszimmer ist durcheinander gewühlt, meine Gemälde sind verdorben, die Staffelei umgeworfen... und Ihr Zögling muß das alles gehört haben.

* * * * *

Wollen Sie einen armen Gefangenen anhören? sagte jetzt eine Stimme, die aus dem Fenster des Gefängnisses kam; ich habe alles gesehen, ich will Ihnen alles erzählen.

Redet, sprecht...

So wissen Sie, mein Herr, daß es gestern Abend große Gesellschaft auf dem Dache gab, just vor der Oeffnung Ihres Fensters. Es waren fünf Katzen, Sie wissen, wenn die Herren Kater Süßigkeiten sagen...

Kurz gefaßt! sagte Herr Ratin.

.... so werden sie ein wenig laut dabei. Das Kätzlein war spröde.

Kurz gefaßt! sage ich, wiederholte Herr Ratin; das gehört nicht zur Sache.

Verzeihen Sie, mein Herr, denn ohne die Sprödigkeit dieses Fräuleins und die Eifersucht der vier Liebhaber...

Julius! geh' einen Augenblick vor die Thür.

Ich ließ mich nicht bitten.

* * * * *

.... Alles wäre gut abgegangen, fuhr der Gefangene fort; sie miauten also auf die zärtlichste Weise, allein Mamsellchen hörte auf keinen und putzte sich das Gesicht mit ihren weichen Sammtpfoten; Sie hätten sie für Penelope unter ihren Freiern gehalten.

Nur weiter! sagte der Maler. Etwas schneller...

Ja weiter. Auf einmal nahm sich der eine Kater die Freiheit, seine Krallen über das Maul eines der Bewerber zu streichen; dieser nimmt das Ding schief, die andern mengen sich hinein, ple! pla! schallt das Signal: Krieg auf Leben und Tod! Und man sieht nichts mehr als einen wild durcheinanderfahrenden Tanz, Krallengriffe, Zähnefletschen, ein wahres Höllenkonzert. Während sie sich balgen, springt Penelope auf die Treppe, der ganze Tanz hinter her.... Ich habe nichts weiter gesehen. Allein nach dem jetzt entstehenden Gepolter zu urtheilen, mußten sie etwas umgeworfen haben, und dies auf etwas Andres gestürzt sein. Das war etwa um acht Uhr.

* * * * *

Ich fühlte mich durch den Dienst, den mir der Gefangene in diesem Augenblicke erwies, sehr gedehmüthigt, und dies um so mehr, als die dreiste Lüge nach so großer Frömmigkeit, dieser ausgelassene Ton nach so heftigen Schmerzen plötzlich die ganze Theilnahme, welche mir der Mann eingeflößt hatte, verscheuchten. Ich bin fest überzeugt, daß ich ohne die Anwesenheit des Herrn Ratin mich stark genug gefühlt hätte, ihn auf der Stelle Lügen zu strafen und dem Maler alles zu bekennen; aber es kam Liebe in meinem Verbrechen vor, und die große Schamhaftigkeit des Herrn Ratin erschien mir als ein unglücklicher Felsen, an dem ich unrettbar, bei dem geringsten Verdachte seinerseits, zerschellen mußte.

Mittlerweile fuhr eben der Wagen an dem Hause vor und die junge Miß und der Vater stiegen die Treppe hinan. Meine Sitzung! rief der Maler voll Verzweiflung. Gefangener, Ihr habt uns eine alberne Geschichte aufgebunden; da ist ein Bild, das hatte ich an die Wand gelehnt, und finde es jetzt auswärts gekehrt... oder drehen etwa die Katzen meine Bilder um?... Man ist eingebrochen; man ist durch's Fenster gebrochen.... Julius! was haben Sie gesehen?...

Julius! jag' den Hund hinaus, rief mir in demselben Augenblicke Herr Ratin zu.

Ich muß nämlich bemerken, daß der niedliche Wachtelhund in diesem Augenblicke den neuen Regenschirm des Herrn Ratin höchst neugierig anroch. Gleich war ich bereit, den Hund auf die Flur zu jagen und noch ein Stück weiter zu verfolgen, um dem Maler Zeit zu lassen, seine unselige Frage zu vergessen.

* * * * *

Als ich zurückkam, war er in der That mit dem Empfange seiner Gäste beschäftigt; er bat sie um Entschuldigung, daß er sie in einer so entsetzlichen Unordnung empfinge. Wenn Sie nicht morgen reisen wollten, bemerkte er, so würde ich Sie bitten, diese letzte Sitzung auf einen andern Tag zu verschieben. -- Es ist leider unmöglich unsre Abreise zu verschieben, versetzte der Greis; aber ich bitte Sie, lassen Sie sich durch unsere Anwesenheit nicht abhalten, die augenblicklichen Nachstellungen, welche zur Entdeckung des Schuldigen unerläßlich sind, zu machen. Der Maler stieg also selbst auf das Dach, um die Wege zu untersuchen.

Glücklicherweise war Herr Ratin meilenweit von dem Verdacht entfernt, daß ich den geringsten Antheil an diesem Vorfalle haben könnte. Nachdem er seinen Schirm sorgfältig in das Futteral gesteckt hatte, trat er zu dem Tische, blätterte in meinen Büchern und bemerkte die Stellen, welche den Gegenstand meiner Arbeit bilden sollten. In Betracht der Arbeit, welche Du mir vorgelegt hast, hub er an, und in Betracht der bessern Sinnesart, worin ich Dich finde... hier trat der Maler ein und ganz und gar mit seiner Angelegenheit beschäftigt, rief er:

Haben Sie hier nicht eine Kammer.... ach! ja wohl, da! hätten Sie vielleicht die Güte, sie mir zu öffnen? Man hat nur von dort auf das Dach kommen können und wir werden entdecken, von wannen man in meine Kammer gedrungen ist. -- Sehr gern, mein Herr, sagte Herr Ratin. Bei diesen Worten nahm er aus seiner Lade den Schlüssel und steckte ihn in das Schloß, das ich möglichst wieder in Ordnung gebracht hatte, indeß ich bleich vor Schrecken mit ungemeinem Eifer zu arbeiten schien.

* * * * *

Während die beiden Herren ihre Untersuchung anstellten, vernahm ich Lärm in dem Gefängniß. Leute redeten heftig, einige unheimliche Worte drangen zu meinem Ohre, die Schildwache stand auf der Lauer und ein paar Vorübergehende waren stehen geblieben, um den Ausgang dieses Vorfalls zu erwarten.

Da ist die Schnur! rief eine Stimme.

Die Feile! die Feile! rief eine andere Stimme; hier, schauet, unter diesem Steine.

Das ist wahrlich sein Taschentuch! sagte in demselben Augenblicke Herr Ratin. Wäre es möglich!.... Julius!

* * * * *

Die Thür stand offen. Vor Schrecken wankend, eilte ich hinaus, ohne eine andere Absicht, als mich für den Augenblick den schrecklichen Foltern der Furcht und der Scham zu entziehen. Kaum aber hatte ich hundert Schritte auf der Straße gethan, als ich mich umwandte und den ehrsamen Lumpenhändler bemerkte, welcher in unser Haus ging, um einem Beamten den Weg zu meiner Wohnung zu zeigen. Ich verdoppelte meine Schritte und sobald ich den Fuß um die Ecke der nächsten Straße gesetzt hatte, lief ich aus Leibeskräften bis zum Stadtthore und hier hinaus, nicht ohne die größte Furcht beim Anblick der friedlichen Gendarmen, welche hier Wacht hielten, zu empfinden.

Indem ich so hinlief, hatte ich Muße, über meine Lage nachzudenken, die mir höchst verzweifelt erschien. Wieder zurückkehren, das hieß jetzt nicht blos wieder in Herrn Ratins Hände fallen, sondern eben so gewiß mich den Gendarmen überliefern, und dieser Gedanke verursachte mir den entsetzlichsten Schrecken. Also von solchen Betrachtungen gejagt und von der Furcht aufs äußerste angespornt, lief ich in einem Zuge bis an eine Wiese bei Coppet, wo ich mich endlich auf fremdem Gebiet niedersetzte.

Und kaum hier an diesem entlegenen Orte glaubte ich mich vor den Nachstellungen der Gerechtigkeit gesichert. Ohne Unterlaß richtete ich meine Blicke nach der Heerstraße zu, und allemal wenn Kühe, ein Esel, ein Wagen den Staub etwas aufwirbelte, bildete ich mir ein, die gesammte Gendarmerie nach allen Richtungen zu meiner Verfolgung ausgesendet zu sehen. Mehr und mehr von dieser Angst gefoltert, faßte ich einen entscheidenden Entschluß: nämlich meinen Weg bis nach Lausanne fortzusetzen, wo sich mein Onkel aufhielt. Ich machte mich also wieder auf den Marsch.

* * * * *

In jedem Alter ist die Verbannung eine gar traurige Sache; wie erst für ein Kind, das vom Mutterherde noch nicht fortgekommen. Kaum drei Stunden trennten mich von meiner Vaterstadt, und es schien mir, als sei ich im endlosen All verlassen und hätte jegliche Stütze, jegliche Freistätte verloren. So ging ich mit schwerem Herzen an dem Ufer des Sees hin, der mir vordem von meinem Fenster aus so lachend erschien. Je weiter ich mich entfernte, desto schwächer wurde die Furcht, aber jene Gefühle bemächtigten sich meiner mit immer größerer Gewalt. Zwei oder drei Male setzte ich mich am Rand der Straße nieder, denn meine Traurigkeit war so groß geworden, daß ich mich versucht fühlte, wieder umzuwenden und meinen Lehrer um Verzeihung zu bitten.

Es war zu spät. Außerdem befand ich mich nach meinem Marsche fast eben so nahe bei Lausanne als bei Genf, bei meinem Onkel als bei Herrn Ratin. Dieser Umstand belebte meinen Muth. Die Ruhe kehrte in meine Brust zurück und schon dachte ich wieder an die junge Miß und knüpfte von neuem den Faden der süßesten Träumereien, die mich gestern um dieselbe Stunde so sehr entzückt hatten, an. Inmitten dieser bezaubernden Natur erschien mir ihr Bild unendlich süßer; die Klarheit des Himmels, der Duft, welcher die Berge färbte, die Frische der schönen Ufer gesellte sich hinzu und die Traurigkeit der Verbannung entschwand.

Was für Kraft und Drang ist in der Jugend! Bin ich wol derselbe, den ich eben schilderte? Bin ich jener Jüngling, der leichten Fußes am Ufer hineilt, voll Liebe die azurnen Fluthen betrachtet, die grünen Berge Savoyens, das alte Schloß Hermance und die Luft und die Räume mit den lebendigen Empfindungen, die ihn beseelen, erfüllt?

* * * * *

Bei der Abenddämmerung wendete ich mich von der Straße seitwärts, um bei Bauersleuten ein Obdach zu begehren, welche dafür das einzige Geldstück, das ich besaß, annahmen. Ich theilte ihre Suppe und ihr ländliches Lager und am folgenden Morgen mit Tagesanbruch verließ ich sie, um meine Reise fortzusetzen.

Ich war ohne Mütze fortgelaufen; die Strahlen der Morgensonne verbrannten mein Gesicht. Deshalb blieb ich unter den Thorwegen der Meiereien stehen, um etwas Kühlung zu genießen, bis die Blicke der Meier oder der Vorübergehenden mich aus meiner Zufluchtsstätte fortscheuchten; denn ich fürchtete immer, daß der Verdacht der Verbrechen, welche ich begangen hatte, der Grund ihrer Neugierde wäre, obgleich dieselbe einzig und allein aus meiner Jugend und meiner auffallenden Tracht hervorging.

Hinter dem stillen Dorfe Allaman erblickt man rechts von der Straße prachtvolle Eichbäume, die den Saum eines großen Gehölzes bilden. Von ihrem Schatten aus streift der Blick über die ganze Fläche des Sees nach Wallis bis zu den majestätischen Gipfeln der Alpen. Oder nach Genf zu gewendet, ergeht er sich mild über eine Kette von sanften, ferngezogenen Hügeln, deren letzte sich in die Himmelsräume verlieren. Ich konnte dem Reize dieses schattigen Aufenthalts nicht widerstehen, ging hin und setzte mich nieder, um daselbst das Stück Schwarzbrod zu verzehren, womit die Bauern mich versorgt hatten.

Ich dachte an die Wonne, mich bald in die Arme meines Onkels werfen zu können; das Verlangen danach war so heftig, so ungestüm, daß mich bei dem bloßen Gedanken, dasselbe könne getäuscht werden, unbegrenzte Niedergeschlagenheit überfiel. Mein Oheim! mein theurer Oheim! rief ich aus tief ergriffenem Herzen; wenn ich dich nur sehe, mit dir spreche... mit dir beisammen bin...

* * * * *

In diesem Augenblicke fuhr ein Reisewagen auf der Heerstraße hin; sechs Postpferde zogen ihn, in ihrem Laufe lange Staubwolken aufwirbelnd. Der Postillon ließ seine Peitsche knallen, indeß die Dienerschaft nachlässig auf ihren Sitzen schlief. Dieser Wagen war etwa bereits zweihundert Schritte an dem Orte, wo ich saß, vorüber, als er anhielt, ein Diener niederstieg und auf mich zukam.

Ich wollte davonlaufen, da glaubte ich John, den Diener der jungen Miß, zu erkennen. Sind Sie, rief er mich an, der junge Mann, der gestern aus dem Hause an der Peterskirche verschwunden ist?

Ja, antwortete ich ihm.

So folgen Sie mir.

Wohin?

Zu dem Wagen. Ihr Lehrer ist in schöner Besorgniß!

Wo ist denn mein Lehrer?

Er sucht Sie auf allen Kreuzwegen... kleiner Spaßvogel!

Diese Worte erweckten in mir einigen Verdacht, daß Herr Ratin sich bei den Reisenden befinden könne, so daß ich John nicht folgen wollte, als ich von weitem eine weiße Gestalt aus dem Wagen steigen sah. Schnell erhob ich mich und lief auf die junge Miß zu, damit sie nicht so weit auf der staubigen Straße zu gehen habe; doch als ich mich näherte, hemmten Scham und Aufregung meine Schritte und ich blieb in einiger Entfernung von ihr stehen.

Sie sind Herr Julius, nicht wahr? redete sie mich mit freundlicher Stimme an.

Ja, mein Fräulein.

Ach! Wie die Sonne Sie verbrannt hat. Steigen Sie mit in den Wagen. Ihr Lehrer befindet sich in großer Angst, und es macht mir viel Freude, daß wir Ihnen begegnet sind...

Kommen Sie, Freundchen, sagte der Greis, der den Kopf aus dem Schlage gesteckt hatte, kommen Sie herein, wir wollen ein wenig von Ihrer Geschichte sprechen.... Sie müssen recht müde sein?

Ich stieg ein und der Wagen fuhr weiter.

* * * * *

Ich befand mich in einem so aufgeregten Zustande, daß mir die Worte fehlten. Glückseligkeit, Verwirrung und Scham trieben mein Herz in heftigen Schlägen und durchglüheten mein gebräuntes Antlitz mit brennendem Feuer. Ich hielt den Rest meines Stückes Schwarzbrod noch in der Hand.

Sie haben keine gute Mahlzeit bekommen, wie es mir scheint, sagte der Greis. Sagen Sie mir doch, in welchem Gasthofe sind Sie gewesen?

Bei Landleuten, mein Herr, die mich diese Nacht beherbergten.

Und wohin dachten Sie heute Abend zu gehen?

Nach Lausanne.

Wie, so weit? fiel die junge Miß ein, und im bloßen Kopfe, wie Sie sind.

Vielleicht noch weiter! Allenthalben hin, Fräulein, bis ich meinen Onkel gefunden habe! Und Thränen traten mir in die Augen.

Er hat sonst niemand mehr! sagte sie zu ihrem Vater. Dabei warf sie einen Blick voll Mitleid auf mich, dessen Zauber die kühnsten Träume verwirklichte, welche ich an meinem Fenster gehegt hatte.

* * * * *

Mein Sohn, hub der freundliche Greis wieder an, Sie bleiben bis Lausanne bei uns und wir geben Sie dort in die Hände Ihres Oheims. Sie haben da einen wilden Streich gemacht. Wovor fürchteten Sie sich denn so sehr?

Ach, Herr! ich hatte ja dem Gefangenen die Feile gegeben. Er litt entsetzlich, das können Sie glauben; es war ja nur, um das eine Fußeisen etwas auszufeilen...

Nun, Freundchen, darin sehe ich nichts als das Mitgefühl eines guten Herzens. In Ihrem Alter braucht man noch nicht zu wissen, daß es immer nur zu einem Zwecke ist, wenn ein Gefangener eine Feile leiht. Aber Sie sagen ja nichts von der Werkstatt des Malers; Sie waren es doch, nicht wahr?

Ja, mein Herr. Ich hätte es dem Maler gesagt, meinem Oheim, Ihnen.... aber vor Herrn Ratin hatte ich Furcht.

Ist denn dieser Herr Ratin ein so fürchterlicher Mensch? Aber noch eins, was wollten Sie in dem Zimmer des Malers machen? Hatten Sie das Bild meiner Tochter herumgedreht?

Ich erröthete bis über die Stirne.

Er fing an zu lachen. Ah! ah! das macht die Sache ernst, denn sicher geschah es nicht, um mein Bild zu sehen. Jetzt ist es an dir, Lucy, böse zu werden.

Keinesweges, mein Vater, sagte sie, mit bezaubernder Anmuth lachend. Ich weiß, daß Herr Julius die Künste liebt: er selbst zeichnet mit Talent, also ist es sehr natürlich, daß er die Arbeit eines geschickten Künstlers sehen wollte.

Lucy, fiel der Greis mit sanftem Scherz ein, du brauchst gleichfalls nicht zu wissen, daß, wenn man ein Bild umdreht, worauf sich dein Antlitz befindet, es sehr natürlich aus dem Grunde geschieht, dasselbe zu sehen.... Da er meine Scham bemerkte, setzte er hinzu: Erröthen Sie nicht, mein Sohn, seien Sie überzeugt, daß ich Sie deshalb nicht weniger achte und daß meine Tochter Ihnen verzeiht. Nicht wahr, Lucy?

* * * * *

Eine leichte Verlegenheit folgte diesen Worten, die jedoch nur bei mir allein von längerer Dauer war. Bald hatte ich auf eine Menge von Fragen zu antworten, welche diese liebenswürdigen Personen an mich richteten. Nach dem obigen Gespräche bemerkte ich bei dem Greise eine zunehmende herzliche Fröhlichkeit und zu gleicher Zeit bei der jungen Miß ein wenig mehr Zurückhaltung, doch keinesweges auch geringere Theilnahme und Besorgniß für meine Lage. Ich meinestheils konnte die Augen nicht auf sie richten, ohne mich wie berauscht von ihrem Anblicke und dem süßesten Entzücken durchschauert zu fühlen.

Indeß naheten wir uns der Stadt. Wird Ihr Oheim nicht böse sein? sagte der Greis zu mir.

O nein, mein Herr!.... Und wenn auch, die Freude, ihn wiederzusehen, wird so groß sein, daß mir das wenig Kummer macht.

Liebenswürdiges Kind, sagte Lucy auf Englisch.

Ich will Sie aber doch sogleich in seine Hände abliefern. Eichenstraße, nicht wahr? John! Laß Eichenstraße Nr. 3 halten.

* * * * *

Meine einzige Furcht war, daß wir meinen Onkel nicht zu Hause fänden. Der Wagen hielt an, und ein kleines Kind sagte uns, daß er sich in seinem Zimmer befinde. Ruf' ihn herab, sagte ich zu dem Kinde.

Nein, wir gehen hinauf, sagte der Greis; ist es hoch?

Im ersten Stock, versetzte das Kind.

Und wie bei dem Maler faßte die junge Miß den Arm ihres Vaters und trat mit ihm in die Hausflur, während ich ihre Fußtapfen hätte küssen mögen.

* * * * *

Mein Oheim war eben nach Hause gekommen. Kaum erblickte ich ihn, so eilte ich auf ihn zu und warf mich in seine Arme. Du, Julius! sagte er. Ich überhäufte ihn mit Liebkosungen, ohne einer Antwort fähig zu sein.

Du kommst ohne Hut, mein Sohn, indeß in gutem Geleit, wie ich sehe. Mein Fräulein und mein Herr, haben Sie die Güte, sich zu setzen. Ich ließ seine Hand los, um Stühle herbeizuholen.

Wir wollten nur, mein Herr, bemerkte der Greis, dies Kind, das allerdings einer Unbesonnenheit schuldig, dessen Herz aber ganz brav ist, Ihren würdigen Händen übergeben; er mag Ihnen selbst erzählen, welchen Zufällen wir es verdanken, daß wir ihn zum Reisegefährten hatten und uns die Freiheit nahmen, bei Ihnen einzusprechen. Leben Sie wohl, Freundchen, sagte er und reichte mir die Hand; ich lasse Ihnen meinen Namen hier auf dieser Karte, daß Sie wissen, wer ich bin, wenn Sie jemals mir wieder das Vergnügen erweisen wollen, meine Freundschaft in Anspruch zu nehmen.

Leben Sie wohl, Herr Julius...., sagte das liebenswürdige Mädchen und reichte mir ihre Hand.

Nassen Auges sah ich sie scheiden.

* * * * *

Auf diese Weise fand ich meinen guten Onkel Tom wieder. Nach Verlauf etlicher Tage kehrten wir nach Genf zurück. Er erlösete mich von Herrn Ratin und nahm mich mit sich.

Also war der Anfang meiner Jugend; ich werde in der »Bibliothek« erzählen, wie ich drei Jahre später dieselbe beschloß.

II.

Die Bibliothek.

Um meine Ferien nutzreich zu verbringen, hat mein Oheim mir gerathen, den Grotius zu lesen und dann den Pufendorf, um hinterher den Burlamaqui vorzunehmen, der in dem Augenblicke abhanden gekommen war. Also stehe ich morgens früh auf, gehe an meinen Tisch, lasse mich nieder, kreuze die Beine und schlage das Buch auf.... Allein dann geht es mir gar seltsam.

Nach Verlauf einer halben Stunde beginnen Geist und Augen rechts und links abzuschweifen. Anfänglich nur auf den Rand des Quartanten, wo ich einen gelben Punkt auskratze, ein Stäubchen fortblase oder ein Knötchen mit aller möglichen Sorgsamkeit aus dem Papier löse, dann geht es an den Kork meines Dintenfasses, der ganz voll kleiner sonderbarer Merkwürdigkeiten ist, deren jede einzelne mich nach der andern in Anspruch nimmt, bis ich endlich meine Feder in den Ring desselben stecke und ihn in sanftem Schwunge tanzen lasse, was mir unsägliches Vergnügen macht. Hierauf lehne ich mich mit Wohlbehagen rücklings in meinen Sessel, strecke die Beine aus und falte die Hände über dem Kopf. In dieser Lage fällt es mir sehr schwer, nicht irgend eine Arie zu pfeifen, wobei ich mit unwillkürlicher Beharrlichkeit den Bewegungen einer Fliege folge, die durch die Scheiben zu dringen versucht.

Darüber werden mir die Glieder steif und ich erhebe mich, um, mit den Händen in den Taschen, einen kleinen Spaziergang zu machen, der mich in die Tiefe des Zimmers führt. Hier stoße ich auf die finstere Wand und kehre ganz natürlich zu dem Fenster zurück, wo ich mit den Fingerspitzen einen unübertrefflich schönen Wirbel trommele. Doch da fährt ein Wagen vorbei, ein Hund bellt, oder es geschieht gar nichts; ich muß sehen, was es gibt; ich öffne.... Bin ich einmal da, so komme ich sicher nicht sobald wieder weg.

Das Fenster! das ist der echte Zeitvertreib eines Studenten; ich meine darunter einen fleißigen Studenten, das will sagen einen solchen, der weder Schenken noch Taugenichtse besucht. O, so ein wackrer junger Mann! Er ist die Hoffnung seiner Eltern, die ihn ehrsam und gesetzt wissen; seiner Lehrer, die ihn weder die Promenaden besuchen, noch durch die Straßen sprengen, oder am Kartentische sitzen sehen, und mit Wohlgefallen sagen, daß der junge Mann es weit bringen werde. In dieser Hoffnung liegt er ruhig in seinem Fenster.

Dieser er... ohne Bescheidenheit gesprochen, bin ich. Hier verbringe ich meine Tage und wenn ich's sagen soll... Nein, weder meine Lehrer, noch Grotius und Pufendorf haben mir den hundertsten Theil der Unterweisung zukommen lassen, welche ich hier schöpfte, indem ich blos auf die Straße hinabschaute.

* * * * *

Wie überall, so schreitet man auch hier stufenweise voran. Anfänglich ist's einfache Erholungsgafferei. Man schaut in die Luft, man faßt einen Strohhalm in's Auge, man bläst eine Feder, man betrachtet ein Spinnengewebe oder speit auf einen bestimmten Pflasterstein. Diese Dinge nehmen in Betracht ihrer Wichtigkeit ganze Stunden weg.

Ich scherze nicht. Man denke sich einen Menschen, der dies nicht getrieben hat, was ist er? was kann er sein? ein dummes Geschöpf, das rein materiell und äußerlich ist, ohne Sinn, ohne Poesie, der die Straße seines Lebens hinabschreitet, ohne jemals anzuhalten oder vom Wege abzuschweifen, die Umgebung zu betrachten oder sich etwas weiter zu verlaufen; es ist eine Gliederpuppe, die von der Wiege zum Grabe wandelt, wie eine Dampfmaschine von Liverpool nach Manchester.

Ja, die Gafferei ist wenigstens einmal im Leben eine Nothwendigkeit, vorzüglich gegen das achtzehnte Jahr, beim Abgange von der Schule. Hier fängt die auf den Bänken vertrocknete Seele wieder an sich zu beleben, sie macht einen Halt, um sich umzuschauen, sie beschließt ein erborgtes Leben, um ein eigenes anzufangen. Ja, ein ganzer Sommer in diesem Zustande verbracht, scheint mir für eine sorgfältige Erziehung nicht zu viel. Es ist sogar wahrscheinlich, daß ein einziger Sommer nicht ausreicht, einen großen Mann zu bilden. Sokrates ging Jahre lang umher gaffen, Rousseau bis zum vierzigsten Jahre, Lafontaine sein ganzes Leben.

Und dennoch habe ich eine solche Vorschrift in keinem Erziehungsbuche angetroffen.

* * * * *

Diese eben angeführten Beschäftigungen sind also die Grundlage aller wahren, tüchtigen Bildung. In Wahrheit, vermöge derselben erhalten die Sinne eine schuldlose Nahrung, der Geist erlangt dabei zuerst Ruhe und dann Hang zu Beobachtungen und endlich folgerecht und unwillkürlich die Gewohnheit, Begriffe zu ordnen, ihre Verwandtschaft mit einander aufzusuchen und zur Allgemeinheit zu erheben. Und so kommt er von selbst auf jenen philosophischen Weg, den Baco anempfiehlt und den Newton befolgte, welcher eines Tages beim Umherschlendern in seinem Garten einen Apfel fallen sah und die Lehre von der Schwerkraft entdeckte.

Der Student an seinem Fenster entdeckt nun zwar die Schwerkraft nicht, allein vermöge eines ganz gleichen Verfahrens kommen ihm mittelst des Schauens auf die Straße eine Menge von Gedanken in's Gehirn, die, ob an sich neu oder alt, für ihn wenigstens neu sind und deutlich beweisen, daß er seine Zeit nützlich angewandt hat.