Die Bibliothek meines Oheims: Eine Genfer Novelle
Part 4
Dieser Maler nun hatte alle vornehmen Gesichter zu konterfeien und es verging kein Tag, daß nicht stattliche Wagen kamen, ihre Herrschaft brachten und sie vor dem Hause erwarteten. Es war für mich ein herrlicher Zeitvertreib, die schönen Pferde zu betrachten, sie die Fliegen verscheuchen zu sehen, die Kutscher pfeifen oder mit der Peitsche klatschen zu hören. Außerdem war ich sicher, daß ich von denselben Personen, welche aus dem Wagen stiegen und deren Gesicht ich von meinem Fenster aus nicht sehen konnte, nach Verlauf von zwei oder drei Tagen mit aller Muße, so viel ich nur Lust hatte, die Züge betrachten konnte.
Der Maler hatte nämlich die Gewohnheit, zwischen den Sitzungen seine Gemälde draußen vor das Fenster an ein Paar dazu angebrachte Eisenstangen zu hängen, um sie der Sonne auszusetzen. Hingen sie einmal da, so brauchte ich nur die Augen aufzuschlagen und ich befand mich sogleich inmitten der allerschönsten Gesellschaft: Mylords und Barone, Herzoginnen und Marquisen, alle diese Leute hingen am Nagel und sahen sich an, und ich sah sie an, und wir sahen uns einander an.
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Letzten Montag also war ich auf das Geräusch eines Wagens an meinen Posten geeilt. Es war eine glänzende Carosse, vier Pferde, ein prächtiges Geschirr, Diener in Livree. Der Wagen hielt und heraustrat ein schwacher Greis, dem zwei Diener ehrfurchtsvoll beisprangen. Ich merkte mir seinen kahlen Scheitel und sein Silberhaar, um ihn recht wieder zu erkennen, wenn er in die Galerie käme.
Als der Greis den Fuß auf die Erde gesetzt hatte, stieg eine junge Dame aus dem Wagen. Die beiden Diener zogen sich zurück, der Greis stützte sich auf den Arm des Mädchens und sie traten langsam in die Hausthür. Ein großer Wachtelhund folgte ihnen spielend.
Bei diesem Anblicke fühlte ich mich bewegt, nicht so sehr über den wahrhaft rührenden Anblick, ein junges schönes Mädchen als Stütze eines Greises zu sehen, sondern vornehmlich, weil die liebenswürdige Nymphe, die mit allem geschmückt war, was Anmuth und Schönheit noch zu erhöhen vermochte, mir, der ich so oft von zärtlichen Gedanken überkommen wurde, die Sterbliche zeigte, welche ich in unklaren Bildern träumte und die die unbestimmten Gefühle, die heißen Gluthen, die seit einiger Zeit mein Herz durchwogten, an sich fesselte.
Ein besonderer Umstand bei dieser jungen Person hatte mich mit unerwartetem Zauber gefesselt. Es war die große Einfachheit ihrer Kleidung. Bei so vielen Anzeichen von Reichthum sah ich an ihr nur einen einfachen Strohhut, ein weißes Gewand und dennoch so viel Herrlichkeit und Anmuth, daß es mir schien, ich würde, wenn ich sie allein in einsamen Gegenden und von aller Zuthat des Reichthums entblößt sähe, an ihrer Haltung, an ihrem Gange, an ihrem ganzen Wesen ihren Rang, ihren Reichthum und selbst die edle Hingebung erkennen müssen, womit sie sich den Huldigungen der jungen Männer zu entziehen suchte, um die Schritte eines Greises zu unterstützen.
Und dann, soll ich es nur sagen, ich war durch die Gesellschaft, die ich vor meinem Fenster sah, schon verwöhnt: Rang, Reichthum, Anmuth und guter Geschmack in Haltung und Tracht, alle diese Dinge hatten für mich einen unwiderstehlichen Reiz bekommen. Durch das Anschauen dieser Personen hatte ich alle Empfänglichkeit für das Gemeine, das Gewöhnliche, für meinen Stand und meines Gleichen verloren, und wenn schon ein junges Mädchen, in welchem Gewande sie auch erschienen wäre, mich lebhaft bewegt hätte, so mußte eine solche Erscheinung mich entflammen und zu maßloser Leidenschaft entzünden.
Dies blieb denn auch nicht aus und zwar in solchem Grade, daß ich plötzlich die heftigste Liebe zu dieser jungen Antigone fühlte. Uebrigens war meine Leidenschaft so rein und erhaben, daß ich nicht einmal daran dachte, mich zu fragen, ob sie nicht etwa eine jener Kalypsen sei, von denen Herr Ratin mir so viel geredet.
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Diejenigen, welche glauben, daß eine Schülerliebe nicht lebhaft und hingebend genug sei, um hoffnungslos und ohne Ziel zu sein, täuschen sich sehr.
Solche Leute müssen niemals Schüler gewesen sein, oder sie waren Schüler, die sich vortrefflich auf Partikeln und bezügliche Fürwörter verstanden, Schüler von bewundernswerthem Gedächtniß, klugem Verstande, zahmem Herzen, regelrechtem Geiste, von gezügelter Einbildung und alle Jahre dreimal mit Prämien geschmückt.
Musterschüler, Muster nach Herrn Ratins Geschmacke, hoffnungsvolle Ratins der Zukunft. Sie sind heutzutage Minister, Advokaten, Krämer, Poeten, Lehrer, Tabakshändler und, wo sie sein mögen, mit Tabak beschäftigt oder auf der Kanzel, in ihrem Comptoir oder auf dem Parnassus, sie sind stets Musterminister, Musterkrämer, Musterpoeten, Muster, durch und durch Muster und nichts als Muster, weder mehr noch minder, und das ist doch schon ganz hübsch.
Meine Liebe sollte nicht so lebendig und hingebend gewesen sein, weil ich mir davon nichts als tolles Entzücken versprechen konnte; ich hätte für sie nicht Alles geopfert, selbst wenn ich nichts von ihr erwarten durfte? Ach! wie verrechnet man sich da! Für einen einzigen Blick des liebenswürdigen Mädchens hätte ich Herrn Ratin gegeben; für ein Lächeln hätte ich die vier Elzevire des Vatican in's Feuer geworfen.
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Sie stiegen die Treppe herauf. Als sie vor meinem Zimmer vorüber waren, öffnete ich leise die Thür ein wenig; der Wachtelhund stürzte freudig, lustig, schmeichelnd herein in mein Zimmer.
Es war ein herrliches Thier! Außer der Schönheit und vorzüglichen Reinlichkeit seines wohlgeordneten Haares hatten Benehmen, Wesen und alle Geberden bei ihm etwas Elegantes und Liebenswürdiges, so daß ich den Unterschied unserer Naturen vergaß und ihn mit einem gewissen Neide anblickte, als einen Hund vornehmen Standes, als einen Hund, der mit hochstehenden Personen zu vertraut sei, um auf meine Achtungsbezeigungen nur etwas zu geben, vor allem als den Lieblingshund jenes schönen Fräuleins, für das ich -- nichts war. An dem Namen, der auf das Halsband gegraben war, fand ich meine Vermuthung bestätigt, daß sie Engländerin sei.
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Als der Hund fort war, hatte ich nichts besseres zu thun, als an das zu denken, was über mir vorging. Um etwas von dem Gespräche zu erlauschen, näherte ich mich leise dem Fenster. Der Maler und der Greis sprachen miteinander, aber das Mädchen blieb still.
Sie bekommen da ein trauriges Gesicht zu malen, mein Herr! sagte der Greis, und da die Copie bestimmt ist, sehr bald das Original zu überleben, so wäre es recht gut, wenn Sie so wenig als möglich Trauriges hineinlegten, denn ich möchte meinen Enkeln nicht gern zum Schreckbilde dienen. Gewiß, fuhr er mit sanftem Lächeln fort, es ist keine Eitelkeit, daß ich mich in dem Alter und Zustande, worin ich mich befinde, malen lasse, und ich glaube, daß viele Ihrer Kunden einen geeigneteren Zeitpunkt wählen.
Nicht immer, mein Herr, versetzte der Maler, ein so ehrwürdiges Antlitz als das Ihrige trifft man vielleicht weit seltener, als die Frische und Jugend selber.
Eine Schmeichelei, mein Herr, die ich annehme. Ich hab' nicht mehr viel Zeit, deren zu hören.... Lucy, ich mache dich traurig; aber, liebes Kind, kannst Du der Zukunft nicht eben so ruhig entgegensehen, wie Dein Vater; ich bitte Dich, wer wird, wenn wir uns trennen, am meisten verlieren? Ich rufe den Herrn hier als Richter auf....
Verzeihen Sie, mein Herr, es scheint mir, wie dem Fräulein, daß eine Trennung für beide Theile zu betrübend ist, als daß es nicht besser wäre, den Blick davon abzuwenden.
Das ist's ja eben, was ich Schwäche nenne, und davon wollte ich meine Tochter heilen. Ich entschuldige diese Schwäche, wenn es sich um Schläge handelt, welche erlaubte Hoffnungen vernichten, die Jugend in ihrer Blüthe treffen und ihr die schönen Jahre, die sie zu erreichen glaubte, entreißen. Aber wenn der Tod uns am vorausgesehenen Ziele unsers Lebens erreicht.... wenn er dem Schlafe gleicht, der den Mühen eines arbeitsvollen Tages folgt.... wenn ein Vater bis zum letzten Augenblicke in der Liebe einer theuern Tochter glücklich war und nichts mehr begehrt, als in ihren Armen zu entschlummern.... ist denn dies Bild so traurig, daß man die Augen abwenden muß, daß man solche Kraft bedarf, um den Anblick zu ertragen?.... Lucy, warum diese Thränen? komm, komm, mein Kind, sei wie ich.... und unsere Tage werden heiter sein und wir ihrer Lust bis zum letzten Augenblicke uns erfreuen... und jenes Unglück, das lange nicht so groß erscheint, wenn man ihm in's Angesicht schauen kann, wird nicht durch alles das vergrößert werden, was die Einbildung, blinde Furcht, vergebliches Widerstreben Unseliges und Schreckliches hinzuthun.... Verzeihung, mein Herr, setzte er hinzu, das ist mein ewiger Streit mit meiner Lucy und wenn das Portrait mich nicht auf diese Gedanken gebracht hätte, so würde ich mir die Freiheit nicht genommen haben, die Feindseligkeiten hier zu erneuern.
Voll Entzücken hörte ich diese Worte, die mich von den gesammten Verhältnissen unterrichteten und mir das Mädchen mit einem Zuge von Schwermuth und kindlicher Liebe verschönten. Wie, dachte ich, diese stolzen Rosse, diese stattlichen Diener, solch' prächtige Carosse, all' dieser Reichthum, all' diese Gegenstände der Lust oder Eitelkeit -- und die Königin von all' den Dingen, die Augen voll Thränen und bekümmert, daß sie sich nicht für immer ihrem alten Vater weihen kann!
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Denselben Tag noch kam das Bildnis in die Galerie. Es war ein einfacher Entwurf, in dem ich ohne Mühe den edeln Greis erkannte. Er nahm die linke Seite des Gemäldes ein; zur Rechten war ein großer Raum leer gelassen, der, meiner Meinung nach, einen schlechten Eindruck hervorbrachte.
Als aber bei der zweiten Sitzung das Gemälde aus der Galerie zurückgeholt wurde, obgleich diesmal die junge Miß allein gekommen war, wurde ich in dem Glauben bestärkt, daß der leere Raum für sie bestimmt sei und ich endlich ihre Züge würde betrachten können.
Sie haben mir versprochen, mein Fräulein, sagte der Maler, mir seine Zeichnung des Theils Ihres Parks mitzubringen, in welchen Ihr Herr Vater sich versetzt zu sehen wünscht.
Ich habe daran gedacht, mein Herr, versetzte sie; die Zeichnung ist im Wagen. Sie trat an's Fenster: =John, bring me my album if you please....= Aber da sehe ich, daß John nicht mehr da ist, fügte sie lächelnd hinzu.
In der That, ihre Leute hatten einen armen Teufel bei den Pferden gelassen und sich in irgend ein benachbartes Kaffeehaus begeben. Ich werde hinabeilen, sagte der Maler.... Allein ich war ihm schon zuvorgekommen und stieg bereits die Treppe wieder hinauf, wobei ich meine Lippen auf das Album der jungen Miß drückte. Ich hoffte bis an die Thür des Arbeitszimmers zu dringen und dort ihr Angesicht zu erspähen; allein unterwegs begegnete mir der Maler. Schönen Dank! Sie sind wahrlich der wackerste Knabe, den ich gesehen. Und er nahm mir das Buch aus der Hand.
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Ich kehrte ruhiger auf meinen Posten zurück als ich ihn verlassen hatte, und dazu hatte ich keinen Grund, denn es waren mir Worte entgangen, deren jedes von unsäglichem Werthe war.
.... Das artige Kind! Er versteht also Englisch. -- Sehr gut. Er dient mir gewöhnlich als Dolmetscher bei Ihren Landsleuten.... Ein liebenswürdiger junger Mensch! Es ist schade, daß er nicht Künstler werden soll, wozu seine Neigung und seine Talente ihn ziehen...
Der Maler hielt inne und stand auf: Ich will Ihnen etwas zeigen... Hier! eine Skizze, die er einmal hier am Fenster machte.... der See, ein Theil des Gefängnisses.... der schlechte Hut, der auf die Straße herabhängt, um Almosen zu sammeln, deutet auf die Anwesenheit eines armen Gefangenen, für den diese herrliche Natur unsichtbar ist.
Ein reizendes Bild! sagte sie, und voll Gefühl..... Aber warum einer Neigung widerstreben, die sich so entschieden äußert?
Es sind die Vormünder, die wollen, daß er Rechtsgelehrter werde.
Seine Vormünder... Ist er denn verwaiset?
Schon lange. Er hat nur noch einen alten Oheim, der sich um seine Erziehung kümmert.
Armes Kind! sagte die junge Engländerin mit einem Ausdruck voller Mitleid.
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Diese Worte berauschten mich. Sie hatte mich bedauert; Grund genug, daß ich stolz war, eine Waise zu sein, daß mein größtes Unglück sich mir in Glück verwandelte.
O! wie gern hätte ich ihre Gedanken auf meiner Person weilen sehen! Doch statt dieses höchsten Glücks nahm das Gespräch eine andere Wendung und ich erfuhr aus einigen Worten, daß sie in acht Tagen nach England zurückkehren würde. Was soll dann aus mir, Herrn Ratin gegenüber, werden! Ich war trostlos.
England! reizendes Land, zu dem die Schiffe ziehen; frische Ufer, schattige Parke, wo die jungen Miß mit ihrer Schwermuth sich ergehen. Hier ist alles ohne Reiz; hier ist nichts liebenswerth. Und ich sah gleichgültig auf den See.
Wenn sie sich entfernen wird, wenn andere Gegenden sie ziehen sehen!.... wenn zur Mittagsstunde sie auf staubigen Straßen reist und den Blick auf das Grün der Bäume, der Wiesen schweifen läßt!.... daß ich doch auf diesen Wiesen, unter diesen Bäumen wäre!... Junge Miß, Du fliehst?..... daß ich nicht vor den Rossen bin, in Gefahr von ihnen zertreten zu werden. Ich würde sie in Furcht sehen, sie würde Mitleid mit mir haben! Und ich bildete mir ein, daß ohne ihr Mitleid es sich nicht der Mühe lohne zu leben.
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Die Sitzung war zu Ende. Ganz in meinen Gedanken versunken, erwartete ich mit ungeduldiger Begierde, daß das Bild in die Galerie käme; aber es wurde Abend und es erschien nicht, und die nächsten Tage vergingen in der nämlichen unbefriedigten Erwartung. Da geschah es, daß ich einmal, bis an das Dachfenster gekommen, nun der Versuchung nicht widerstehen konnte, bis in das Malerzimmer selbst zu dringen, um die Züge derjenigen zu betrachten, die in meinem Herzen thronte. Der Leser weiß, welches Misgeschick daraus entstand und wie ich stehen geblieben war in meinen Träumen inmitten der allerschönsten Unordnung. Ich will nun weiter erzählen.
Diesmal hatte ich die allerklarste Empfindung meiner vollständigsten Vernichtung. Schon die böse Lüge und das Elzevir-Verbrechen, dann noch eine Thür eingerannt, verbotene Bücher gelesen, aus meinem Gefängniß entschlüpft, über die Dächer geschlichen, Verwirrung und Verwüstung in eine Werkstätte gebracht, eine Gliederpuppe umgeworfen, ein Gemälde durchlöchert!.... Entsetzliche Kette von Verbrechen, deren erstes Glied, nämlich das tolle Lachen, Herr Ratin in Händen hatte.
Was thun? Wieder ordnen, den Schaden gut machen, alles in Ordnung bringen? Unmöglich; des Uebels war zu viel. Eine Geschichte ersinnen? Diesen Augenblick hatte ich bei Gelegenheit des Maikäfers gefunden, daß es nicht so leicht sei. Bekennen? um alles in der Welt nicht! denn da hätte ich gestehen müssen, daß ich verliebt war, und bei dem bloßen Verdacht einer solchen Unsittlichkeit sah ich Herrn Ratins Gesicht sich über und über röthen und einen einzigen Blick von ihm mich vernichten.
Ich beschloß in mein Zimmer zurückzukehren, die Thür hinter mir zu schließen und mich mit mehr Eifer als je an die Arbeit zu machen, theils um meinen Geist von der beunruhigenden Furcht zu befreien, theils um Herrn Ratin für mich zu gewinnen, der ganz sicher mit meinem guten Benehmen zufrieden sein würde, wenn ich ihm einen tüchtigen Vorrath Arbeiten, sauber geschrieben, sorgsam gearbeitet, von dem vollkommensten Fleiße zeugend, vorlegte. Nur weil der Tag stark zu Ende ging, glaubte ich meine Rückkehr um einige Minuten verschieben zu müssen, damit mich die Dunkelheit vor den Blicken des Gefangenen verberge, wenn ich über das Dach zurückkehrte.
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Ich benutzte diese Minuten, um meine Neugierde zu stillen. Nach kurzem Suchen fand ich das Bild an die Wand gelehnt und näherte es dem Fenster.
Es war beinahe vollendet. Die junge Miß saß in anmuthiger Haltung neben ihrem Vater und ihre zarte Hand ruhte nachlässig auf dem Halse des schönen Wachtelhundes. Alte Buchen umschatteten die Gruppe und durch eine Lichtung gewahrte man ein schönes Schloß auf einem Rasenplatze, von dem man über das Meer hinaussah.
Beim Anblick dieser ganz Anmuth athmenden, von einem rührenden Ausdruck von Milde und Schwermuth belebten Züge beseelten mich die zärtlichsten Gefühle, aber nur um augenblicklich wieder in den bittern Schmerz zu versinken, daß ich ihr nichts war, daß ich sie bald scheiden sehen würde. Aufs Seligste im Zauber ihres Blickes schwelgend, sagte ich bei mir: Warum, o warum bist du nicht meine Schwester! Was für einen guten, lieben Bruder solltest du an mir finden! Wie glücklich würde ich mit dir diesen Greis machen! Wie doch das Grün, wo ihr weilt, so schön ist.... wie reizend würden mir die Wüsten mit dir sein!.... Lucy!.... meine Lucy!.... meine Heißgeliebte!
Die Nacht war gekommen. Traurig riß ich mich von dem Bilde los und befand mich im Nu in meinem Zimmer, eben da man mir Licht und Abendessen brachte.
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In dem aufgeregten Zustande, worin ich mich befand, hatte ich weder Hunger noch Schlaf; ich dachte nur daran, mich schnell an's Werk zu machen, um Herrn Ratin sichtbare Beweise meiner Arbeit und meiner gänzlichen Umwandlung in jedem Augenblick, wo er kommen möchte, vorlegen zu können.
Nach dem Cäsar Virgil, nach dem Virgil Bourdon, nach dem Bourdon drei Seiten Aufsatz, nach den drei Seiten.... schlief ich ein.
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Ich war sehr überrascht, als beim Grauen des Tages mich eine Stimme weckte, die aus voller Kehle Psalmen sang. Ich horchte.... es war der Gefangene. Er fuhr in etwas gedämpfterm Tone fort und schwieg endlich ganz. Diese fromme Uebung erweckte mir von dem Menschen beinahe eine günstige Meinung. Nach einigem Schweigen hub er an:
Sie haben diese Nacht tüchtig gearbeitet?....
Singt Ihr alle Morgen so? unterbrach ich ihn.
Von Kindheit auf... Glauben Sie denn, ich könnte ohne die Tröstungen der Religion mein Misgeschick ertragen?
Nein, ich wundere mich nur, daß die Religion Euch nicht von dem Verbrechen abgehalten hat, welches Euch in's Gefängniß brachte.
Das Verbrechen -- ich bin unschuldig. Gott hat zugegeben, daß meine Richter irrten, möge der Wille Gottes geschehen! Ich würde mich d'rein ergeben, setzte er hinzu, wenn ich neben der leiblichen Nahrung nur auch die Speise der Seele hätte.... aber ich besitze keine Bibel.
Wie! fiel ich ein, man versagte Euch die Bibel?
Wen man für verabscheuungswürdig hält, dem versagt man alles.
Ihr müsset eine Bibel haben!.... Ich will, daß Ihr eine habt und sollt' ich Euch meine eigene bringen!!
Edler, junger Mann! sprach er mit dankendem Tone, bis zu mir bringen? Unmöglich! Auch möchte ich es nicht einmal zugeben! Der Anblick dieses entsetzlichen Aufenthalts darf Ihre Blicke nicht betrüben.... soll ich Ihnen sagen, wie es kommt, daß ich mich an Sie wendete? Gestern, als ich die Kuchen an einer Schnur zu Ihnen hinaufziehen sah,... da sagte ich zu mir voll Neid: gibt es nicht eine mitleidige Seele, die auf gleiche Weise das Brod des Lebens zu einem armen Gefangenen gelangen ließe!
Dies war mir ein leuchtender Fingerzeig.
Habt Ihr eine Schnur?
Die Vorsehung hat zugegeben, versetzte er, daß ich eine behalten konnte, die ich zu diesem einzigen Zwecke aufbewahrte.
Ihr sollt eine Bibel haben! Ja, Ihr sollt! rief ich ihn unterbrechend aus.
Und hocherfreut bei dem Gedanken, dem Unglücklichen so wahrhaft zu nützen, suchte ich eilig meine Bibel unter den Büchern, die ich gestern in den Schrank gepackt.
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Während ich so suchte, glaubte ich von der Seite des Gefängnisses her ein ersticktes Seufzen zu vernehmen.... ich horchte. Seid Ihr es? fragte ich den Gefangenen. Er antwortete nicht, aber das Seufzen währte fort und wurde vernehmlicher und klagender. Was gibt es, was fehlt Euch denn? rief ich jetzt mit bewegter, ängstlicher Stimme. -- Ein entsetzliches Leiden, versetzte er, und kein Mittel dagegen! Die eine meiner Ketten war zu eng für mein Bein, sie hat eine Geschwulst verursacht, durch den Druck des Eisens.... O! o! rief er auf einmal aus --
Sagt,... sagt doch nur, armer Mann!
.... mir die grausamsten Schmerzen verursacht! D'rum konnte ich nicht schlafen, und sah Sie diese Nacht arbeiten.
Unglücklicher Mann! Und Ihr verlangt nicht, daß man dem abhilft?
Man besucht mich nur alle fünf Tage. Ach!... noch drei... da werd' ich's sagen.
O! wie dauert Ihr mich! Könnt ich denn nicht...
Nichts! nichts! Armes Kind... Man müßte... Ach! ach! ich fühle schon, wie Ihr Mitleid mir Linderung gibt... Man müßte... O! o!... Ach! ach!...
Was müßte man...?
Barmherzigkeit, Barmherzigkeit!... das Blut rinnt!... vom Eisen ein wenig abfeilen können...
Eine Feile! rief ich, eine Feile! Halt! in meine Bibel...
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Ich hatte eine Feile. Ich legte sie schnell in das Buch. Doch als ich alles mit einem Bindfaden zusammengebunden hatte, fiel mir der verzweifelte Gedanke ein, daß ich eingeschlossen war. Der Gefangene fuhr indeß fort zu jammern, und jeder Klagelaut, den er von sich gab, zerriß mein Herz. Schon dachte ich das Schloß meiner Thüre zu sprengen, als mich der Anblick eines Lumpensammlers, der die Straße daherkam, mit Entzücken erfüllte:
He! rief ich ihn an; binde dies an die Schnur, die da drüben an der Mauer herabhängt, geschwind, geschwind, es gilt einen armen Mann zu trösten.
Der Lumpensammler band das Bündelchen an und rasch stieg dasselbe in die Höhe. In demselben Augenblicke that sich meine Thür auf.
Es war Herr Ratin! Er fand mich über der Arbeit.
Gestern, sprach er zu mir, hab' ich in der Entrüstung, worein Deine Aufführung mich brachte, vergessen, Dir Arbeiten für die beiden Tage zu geben...
Ich habe gearbeitet, sagte ich zitternd.
Herr Ratin musterte die Arbeiten mit einigem Mistrauen, so neu erschien ihm der Vorfall. Als er sich jedoch überzeugt hatte, daß sie während meiner Gefangenschaft gearbeitet waren, hub er an: Ich lobe Dich, daß Du aus eigenem Antriebe die Gefahren des Müssigganges flohest; ein junger müssiger Mensch gibt nichts als verabscheuungswerthe Dinge an, denn er ist allen schlechten Gedanken preisgegeben, die in einem Alter wie das Deinige seinen unthätigen Geist bestürmen. Denk' an die Gracchen, die nur deshalb ihrer Mutter so viel Freude machten, weil sie schon im frühen Alter gesetzt und fleißig waren.
Ja, Herr Ratin, sagte ich.
Du hast Dir nicht einmal Zeit genommen zu essen, sagte er, als er mein Essen von gestern unberührt sah.
Nein, Herr!
Ich will darin eine Folge des großen Kummers erkennen, den Du über Deine gestrige Aufführung empfinden mußtest.
Ja!
Hast Du darüber ernsthafte Betrachtungen angestellt?
Ja, Herr Ratin!
Hast Du eingesehen, wie Du durch Dein tolles Lachen alle Achtung vergaßest?
Ja. (In diesem Augenblicke stieg Jemand die Treppe hinauf.)
Und dann weiter in Lüge verfielst.
Ja! (Die Thür der Malerwerkstätte öffnete sich.)
Und von der Lüge...
Ja! (Ein Schrei des Entsetzens ließ sich vernehmen.)
Was für ein Lärm ist das...?
Ja, Herr!... (Es gab Ausrufungen, heftiges Geschrei, gewaltige Verzweiflungsrufe; ich war einer Ohnmacht nahe!!!)
* * * * *
Ich versuchte aus allen Kräften die Aufmerksamkeit des Herrn Ratin von dem Lärm oben abzulenken. Als Sie mich gestern verlassen, sprach ich...
Halt... fiel er ein und horchte immer aufmerksamer, was in der Werkstätte vorging.
Allerdings war der Lärm daselbst groß. -- Verloren! Entsetzlich! Alles verloren! schrie der Maler verzweiflungsvoll. Man muß durch's Fenster hereingekommen sein!
Er trat an dasselbe heran: Julius! rief er, sind Sie von gestern Abend an zu Haus gewesen?
Ja, mein Herr, sagte Herr Ratin vortretend, und zwar auf meinen Befehl.