Die Bibliothek meines Oheims: Eine Genfer Novelle

Part 3

Chapter 33,551 wordsPublic domain

Der besagte Name war Heloise. Sie war eine Frau und schrieb Latein, sie war eine Aebtissin und hatte einen Liebhaber! Meine Gedanken verwirrten sich bei diesen sonderbaren Widersprüchen. Eine Frau und auf lateinisch lieben! Eine Aebtissin und einen Geliebten haben! Ich sah es ein, daß ich's mit einem abscheulich schlechten Buche zu thun hatte, und der Gedanke, daß ein Lexicon sich mit dergleichen Geschichten befassen könne, verringerte meine bisherige Achtung für diese Gattung gemeinlich so ehrsamer Bücher. Es war etwa, als wenn Herr Ratin, mein Lehrer, als wenn Mentor auf einmal anhübe den Wein und die Liebe, die Liebe und den Wein zu singen.

Indeß legte ich keineswegs das Buch bei Seite, wie ich hätte thun sollen, sondern im Gegentheil, von diesen ersten Angaben angezogen, las ich den Artikel, und immer mehr angezogen, las ich die Noten, las ich das Latein. Es gab wunderliche Dinge darin und mancherlei Rührendes, mancherlei Geheimnißvolles; aber ein Theil der Geschichte fehlte. Jetzt war ich nicht mehr für die Ratte, und es schien mir, daß die Sache der Katze in mancherlei Hinsicht weit eher Beistand verdiente.

In so verstümmelten Bänden ist just immer das Fehlende, was einem am wissenswürdigsten scheint. Die Lücken reizen die Neugierde weit mehr, als ganze Seiten sie zu stillen vermögen. Ich komme selten in die Versuchung einen Band zu lesen, aber ich mache die Düten immer auseinander, um sie zu lesen, und finde so, daß es weit weniger jammervoll für ein Buch ist, beim Krämer zu enden, als bei dem Buchhändler zu verkommen.

* * * * *

Heloise lebte im Mittelalter. Das ist eine Zeit, die ich mir voll Klöster, Zellen und Glocken denke, mit hübschen Nonnen und bärtigen Mönchen, waldigen Gegenden mit der Aussicht über Seen und Thäler, ein Bild, etwa wie von Pommiers und seiner Abtei am Fuße des Berges Salève. Ich kann mir einmal das Mittelalter nicht anders vorstellen.

Jenes Mädchen war die Nichte eines Canonicus, ein hübsches frommes Kind, in meinen Augen nicht minder reizend durch ihre angeborene Anmuth als durch das geistliche Gewand, in dem ich sie mir vorstellte. Ich hatte zu Chambéry die Schwestern vom Herzen Jesu gesehen und malte mir nach diesem Muster alle Nonnen, alle frommen Schwestern und wenn es Noth that, auch die Päpstin Johanna.

Zur Zeit da Heloise in der Stille tiefer Einsamkeit mit der züchtigen Anmuth, mit unbewußten Reizen aufblühete, sprach man allenthalben von nichts als von einem berühmten Gelehrten, Namens Abälard. Er war jung und weise, von unermeßlichem Wissen und durchdringendem Verstande. Sein Antlitz gewann eben so sehr als seine Worte, seine Schönheit kam seinem Ruhme gleich und vor seinem Namen erbleichten alle anderen. Abälard hielt in der Schule Streitreden über Fragen, die damals im Schwunge waren, und in diesen Wettkämpfen hatte er alle seine Gegner niedergeschmettert, vor den Augen der Menge, vor den Augen der Frauen, die sich auf die Bühne drängten, um die Reize des schönen Kämpfers zu schauen.

Unter dieser Menge befand sich die Nichte des Canonicus. Das Mädchen mit dem ausgezeichneten Geiste, mit dem glühenden Herzen horchte voll lebhafter Bewegung. Die Augen auf den Jüngling geheftet, verschlang sie seine Worte, begleitete sie seine Geberden, stritt sie mit ihm, siegte sie mit ihm und berauschte sich in seinen Triumphen, und ohne es zu wissen, sog sie in langen Zügen eine glühende, unverlöschbare Liebe ein. Sie glaubte, die Wissenschaft sei es, was sie liebe, und ihr Oheim, der nicht minder brannte ihre glücklichen Anlagen auszubilden, rief Abälard an ihre Seite, um sie zu leiten und zu unterweisen.... Glückliche Liebende! thörichter Canonicus!....

Hier begann die Arbeit der Ratte.

* * * * *

Ich schlug das Blatt um, ach, wie war alles so verändert!

Heloise hatte den Schleier genommen... Es ergriff mich tief, denn ich liebte sie, ich theilte ihren glücklichen Wahn, und schön, wie ich sie mir bereits gemalt, erschien sie mir jetzt in der Traurigkeit noch weit schöner, unter den alten Gewölben des Klosters Argenteuil weit jünger, in dem Schmerze, dem sie selbst am Fuße des Altars unterlag, weit rührender.... Das Buch erzählte das Alles in gothischem Style; von den alten Seiten wehete ein lebendiger Odem der entschwundenen Zeit und zu dem Reize lebhafter Eindrücke der Vergangenheit gesellte sich die jugendliche Frische meiner Empfindung.

Dort ins Kloster versteckt, strebte Heloise in Strömen frommer Zähren die noch helllodernde Flamme zu löschen: allein die Religion vermochte nicht dieses kranke Herz zu heilen, sie vermehrte nur die Qualen noch. Traurigkeit, bittre Reue, Gewissensbisse, eine unüberwindliche Liebe marterten die Tage der bleichen Klausnerin; die Augen netzten sich mit Thränen, sie beweinte den fernen Abälard, die Tage seines Ruhmes und ihres Glücks. Ein schuldiges, aber immer noch rührendes Weib! Eine schöne, liebevolle Sünderin, deren Leid diese ganze ferne Zeit mit poetischem Schimmer umstrahlt!....

»Abälard, übersetzte ich gerührt aus einem Briefe, in dem Heloise von dem Geliebten Kraft erfleht; Abälard, welche Kämpfe, um ein so verlornes Herz, wie das meine, zurückzubringen! Wie vielmal bereuen, um immer wieder zurückzufallen! überwinden, um sogleich wieder überwunden zu werden; abschwören, um wieder zu beginnen, mit neuem Rausche wieder zu ergreifen!«

»Glückselige Zeiten! Liebliche Erinnerungen, an ihnen scheitert meine Kraft, zerschellt mein Muth!.... Gar oft vergieße ich mit Wonnegefühl die Thränen der Reue, werfe mich vor dem Throne Gottes nieder und die siegbringende Gnade will herniedersteigen in mein Herz.... dann.... dein Bildniß erscheint mir, Abälard.... Ich will es verscheuchen, es verfolgt mich; es entreißt mich der Ruhe, zu der ich eben eingehen wollte; es stürzt mich auf's neue in jene Pein, die ich vergöttere, indem ich sie verabscheue.... Unbesieglicher Zauber! endloser Kampf ohne Sieg! Mag ich über den Gräbern weinen, oder in meiner Zelle beten, oder mag ich in der Nacht dieser Schattengänge umherirren, es ist da, immer da, dies Bild, das allein meinen Augen gefällt, das sie mit Thränen badet, das Angst und Gewissensbisse in meine Seele wirft!... Wenn ich heilige Hymnen singen höre und der Weihrauch in die Tempelwölbung steigt, wenn die Orgel mit ihren Tönen die heilige Stätte durchbraust, oder Schweigen darin herrscht.... ist es wieder da und nimmer fort, und unterbricht dies Schweigen, vernichtet die Pracht, es ruft mich, es reißt mich fort aus den Hallen! So bleibt deine Heloise inmitten der friedlichen Jungfrauen, die Gott in seiner Ruhe aufgenommen, allein eine Schuldige, von Stürmen umhergeschleudert, in einem Meer von glühenden, irdischen Leidenschaften untergehend.....«

* * * * *

Nachdem ich in dem mächtigen Reize dieser schwermüthigen Zeilen ausgeschwelgt hatte, wandte ich mich zu Abälard. Wo werde ich ihn wiederfinden? Ach! das Ungewitter hatte über seinem Haupte getobt; ihn, der vor kurzem so hell erglänzte, fand ich jetzt gefallen, verbannt, von Stätte zu Stätte fliehend und seine jammervollen Tage vor der Wuth des Neides und der Verfolgung flüchtend: die Frommen verriethen ihn, die Mönche gaben ihm Gift, die Concilien verbrannten seine Schriften.... Von Bitterkeit übermannt, verbarg er sich in eine Wildniß.

»In meinen glücklichen Tagen, schreibt er selbst, hatte ich einmal eine Einöde betreten, die den Sterblichen unbekannt war, der Wohnsitz wilder Thiere, wo keine Stimme ertönte, als das kreischende Geschrei der Raubvögel. Hierher flüchtete ich mich. Aus Schilfrohr bauete ich mir eine Klause und deckte sie mit Stroh, da suchte ich Heloise zu vergessen und trachtete Ruhe im Schooße Gottes zu finden...«

Hier, in der Einöde, die Abälard's Brief mir vor die Augen malte, machte ich eine Pause. Ich bewunderte die Seltsamkeit dieser alten Abenteuer, die leidenschaftliche Bewegung in Beider Leben, die poetische Vermengung von Liebe und Frömmigkeit, von Ruhm und Elend. Und, wie es zu geschehen pflegt, wenn das Herz hingerissen, die Einbildungskraft erhitzt ist -- ich vergaß die Leiden der beiden Unglücklichen und dachte nur an ihre glühende, wechselseitige Liebe, um die ich sie beneidete.

* * * * *

Abälard betete in seiner wilden Freistätte. In der Welt vermißte man die Gewalt seiner Stimme, man beklagte sein Unglück, und das Gerücht seiner plötzlichen Flucht machte die allgemeine Aufmerksamkeit rege. Eifer und Freundschaft entdeckten endlich seine Spur, einige Pilgrimme, ehemalige Schüler, drangen bis zu ihm, und bald strömte die Menge, mit reichen Opfergaben beladen, den Pfad zur Einsiedelei entlang. Von diesen Geschenken hatte Abälard die stattliche Abtei Paraklet erbauet, auf derselben Stelle, wo eben noch die Strohklause sich erhob, als er erfuhr, daß die Mönche von St. Denis sich des Klosters Argenteuil bemächtigt und die Nonnen daraus vertrieben hatten. Da begab er sich seiner Zufluchtsstätte und rief seine theure Heloise hierher.

Die junge Aebtissin kam mit ihren Gefährtinnen. Abälard aber hatte sich bereits zurückgezogen und die Abtei St. Gildas de Ruys in dem Kirchsprengel von Vannes verbarg sein trauriges Dasein.

Diese Abtei erhebt sich auf einem Felsen, den die Wogen des Meeres unablässig peitschen. Kein Wald, keine Wiese ringsum; nichts als eine unendliche Ebene, wo aus unfruchtbarem Erdreich Steine umhergestreuet liegen. Die steilen Ufer mit nackten, zerrissenen Felsen bilden eine hellgraue Linie, die allein in den düstern Anblick der ganzen Gegend Abwechslung bringt. Von seiner Zelle aus sah der Einsiedler diese lange Linie in den Buchten verschwinden, an den Vorsprüngen wieder auftauchen, die fernen Gestade gürten und in den unermeßlichen Horizont sich verlieren.

Aber für Abälard war diese entsetzliche Oede nicht zu düster; seine Seele war weit mehr umdüstert. Jede Freude war hier erblichen, der Weihrauch des Ruhmes war verflogen und selbst Heloisens Bildniß haftete nur noch darin, um ein bitteres Leid, eine finstere Reue zu nähren. Doch in der Einsamkeit, welche kein Geräusch der Welt störte, wandte sich der gefeierte Büßer ohne Unterlaß zu sich selber und überschauete die Verirrungen seines Lebens; er erwog mit Muße die Eitelkeit des Ruhms, die Nichtigkeit irdischer Freuden, er überredete sich mehr und mehr von der Nichtigkeit der irdischen Dinge. Dann wendete er sich zu Heloisen, deren Unbußfertigkeit aus ihren glühenden Briefen redete, er fand den frommen Eifer wieder, ein heiliges Entsetzen erweckte seinen Muth, belebte seine erloschene Kraft aufs neue. Hier sehen wir diesen so großen als unglücklichen Mann die schwere Arbeit unternehmen, seine Seele zu läutern, die Bande zu brechen, die ihn noch an die Erde ketten, zu den himmlischen Höhen aufzustreben und seine Geliebte mit sich emporzureißen. Hier war es, wo er jenen berühmten Brief schrieb, in dem er, endlich Sieger in dem hartnäckigen Kampfe, seiner Heloise die hilfreiche Hand reicht, ihr Kraft einflößt, ihre Schritte unterstützt und durch den Staub des Grabes ihre Blicke das lebendige, tröstende Licht des Himmels schauen läßt.

»Heloise, schreibt er am Schlusse, ich werde dich auf Erden nicht wiedersehen, aber wenn der Ewige, in dessen Hand unsere Tage stehen, den Faden dieses unglückvollen Lebens zerschnitten, was allen Anzeichen nach vor dem Ende deiner Lebensbahn geschehen wird.... so bitte ich dich, wo ich auch verscheiden mag, nimm meinen Leichnam zu dir, laß ihn nach Paraklet bringen, damit ich neben dir beigesetzt werde. So, Heloise, werden wir nach so vielen Widerwärtigkeiten auf immer vereint sein, ohne Gefahr und ohne Frevel. Denn dann werden Furcht, Hoffnung, Erinnerung, Gewissenspein gleich dem verwehenden Staube schwinden, gleich dem Rauche, der in der Luft verdampft, und es wird keine Spur unserer früheren Verirrungen bleiben. Du selbst, Heloise, wirst durch das Anschauen meines Leichnams veranlaßt werden, in dich zu gehen und zu erkennen, wie thöricht es ist, in regelloser Leidenschaft ein wenig Staub, einen vergänglichen Körper, die schnöde Speise der Würmer, dem allmächtigen, unwandelbaren Gott vorzuziehen, der allein unsere Wünsche zu erfüllen und uns die ewige Glückseligkeit zu verleihen vermag!«

* * * * *

Lange hatte ich diese Geschichte geendet, ohne daß mein Geist sich ganz davon loszureißen vermochte. Das Buch auf den Knien, die Blicke auf die Landschaft gewendet, welche von den Gluthen der Abendsonne vergoldet wurde, befanden sich meine Gedanken in Paraklet, ich streifte um seine Mauern herum, ich sah in den düstern Laubgängen die trauernde Heloise, und ganz Gefühl für Abälard, betete ich mit ihm die unglücklich Liebende an. Diese Bilder verschmolzen alsbald mit den Gegenständen, die sich meinem Blicke darboten, so daß ich, ohne den alterthümlichen Sessel zu verlassen, mich in eine Glanz strahlende Welt versetzt fühlte, die von poetischen, reichen Gefühlen lebte und webte.

Aber außer dem Gelesenen, außer dem glühenden Abendnebel und dem glänzenden Schauspiele, welches das Dachfenster mir öffnete, mengten sich andere Eindrücke in meine Träumereien. Mitten in dem verworrenen Geräusch, welches in einer Stadt das Leben der Straßen bekundet, der Arbeit der Gewerke, dem Treiben am Hafen, trugen die Lüfte die fernen Töne einer Drehorgel sanft meinem Ohre zu. Durch den Reiz dieser fernen Melodie nahmen alle Gefühle ein stärkeres Leben, die Bilder einen mächtigern Eindruck, der Abend höhere Reinheit an. Eine unbekannte Frische durchwehete die ganze Schöpfung und meine Einbildung schwelgte in den azurnen Räumen und erquickte sich an dem Dufte von tausend Blumen, ohne bei einer zu verweilen.

Unmerklich hatte ich mich von Heloise entfernt, ich hatte ihren Schatten unter den alten Buchen, unter den gothischen Bogen verlassen, ich hatte über den Zeiten geschifft, und bald verlor ich die dunkelblauen Gipfel der Vergangenheit aus dem Gesichte und näherte mich bekannteren Ufern, verwandteren Tagen, näheren Wesen. Das Verstummen der Orgeltöne führte auch mich wieder in die Wirklichkeit, das dicke Buch, welches auf meinen Knien ruhte, war mir wieder gleichgültig geworden und ich stand, ohne etwas dabei zu denken, auf und trug es in sein Fach zurück...

* * * * *

Wie ist doch die Stunde, die den Erregungen folgt, so eintönig. Wie bitter ist die Rückkehr von den glänzenden Gebieten der Einbildung zu den undankbaren Gestaden der Wirklichkeit! Der Abend erschien mir düster, mein Gefängniß verhaßt, meine Muße eine Last.

Armes Kind, das du in diesem poetischen Hauche zu fühlen, zu lieben, zu leben hoffst und, unter deiner eigenen Anstrengung erliegend, zurücksinkst, wie bemitleide ich dich! viel Täuschungen erwarten dich, gar manchmal noch wird deine Seele, wie von süßem Rausche gehoben, sich von der Erde loszureißen suchen, um zu den Wolken zu schweben, aber allemal wird eine schwere Kette ihren Flug hemmen, bis sie endlich gebändigt, an's Joch gewöhnt, erlernt hat sich auf der Heerstraße des Lebens hinzuschleppen.

Glücklicherweise war ich in dieser Lage nicht; ohne die Wirklichkeit des Lebens zu verlassen, begegnete ich einem Wesen, auf welches mein Herz alle seine Empfindungen bezog und so ihren Reiz und ihre Dauer nach Gefallen verlängerte. Aus diesem Wesen verfehlte ich nicht, sogleich meine Heloise zu machen, aber nicht die unglückliche, sondern die zärtlich liebende, nicht die Sünderin, sondern eine reine, schöne, und ich richtete an sie, als wäre sie gegenwärtig gewesen, die lebhaftesten, leidenschaftlichsten Anreden...

* * * * *

Man sieht, ich war verliebt, ich war's seit acht Tagen, und seit sechs Tagen hatte ich den Gegenstand meiner Liebe nicht gesehen.

Wie es nun unglücklich Liebende machen: die ersten Tage wiegte ich mich in Hoffnungen, dann hatte ich Zerstreuungen gesucht, die mir aber, wie man gesehen hat, nicht zum besten gelungen waren. Hinterher war meine Gefangenschaft gekommen, und vom ersten Augenblicke dieses müßigen Lebens an war ich nicht im Stande gewesen, meine Liebe zu vergessen. Diesen Abend nun hatte die romantische Geschichte, die ich gelesen, meine Leidenschaft auf's Aeußerste angeregt, ich verzehrte mich in Sehnen, und meine Gedanken ergingen sich auf allerlei verzweifelten Wegen.

Man muß nämlich wissen, daß ich, wenn ich in die Dachkammer gelangte, die oberhalb der meinigen lag, meine Heißgeliebte sehen konnte!..... Sie befand sich allein zu dieser Stunde..... Das Dachfenster öffnete mir einen Weg, über die Dächer dahin zu gelangen.

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Die Versuchung war unwiderstehlich und dies um so mehr, als ich mich seit einem Augenblicke bereits auf dem Dache befand. Ich setzte mich nieder, um Muth zu fassen und mich mit meinem Unternehmen vertraut zu machen, denn schon dieser Anfang seiner Ausführung versetzte mich in so große Aufregung, daß ich im Begriff war umzukehren. Für den Augenblick hatte ich nichts eiliger zu thun, als mich durchaus unsichtbar zu machen, indem ich mich auf das Dach legte.... Ich bemerkte Herrn Ratin unten in der Straße.

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Sobald ich mich von diesem Donnerschlage etwas erholt, wagte ich es, den Kopf ein wenig in die Höhe zu heben, so daß ich über den Dachrand hinwegsehen konnte.... Keine Spur mehr von Herrn Ratin! Gewiß stieg er die Treppe herauf und ehe eine Minute verging, überraschte er mich auf meiner Reise in's Blaue. Ach! wie war ich zerknirscht, welche Gewissensbisse empfand ich. Wie leicht wurde mir die Reue, wie sehr erkannte ich die ungeheure Schuld meines Fehlers!.... Da sah ich Herrn Ratin wieder zum Vorschein kommen, weg waren Gewissensbisse und Angst, er schritt über die Straße fort, sich entfernend weiter.

Bald verlor ich ihn aus dem Gesichte; allein es wurde mir klar, daß ich auf dieser Stelle nicht bleiben konnte, ohne Gefahr zu laufen, daß man mich aus dem Fensterloche des Gefängnisses bemerke, in dessen Tiefe ich von meiner Höhe erschreckt hinabblickte. Ich machte mich also auf den Weg, um mir den Rest des Tages zu nutze zu machen, und mit wenigen Schritten war das von mir gesuchte Fenster erreicht. Es war offen....

Mein Herz pochte heftig, denn trotz der Gewißheit, die ich hatte, konnte ich mich nicht fest genug überreden, daß meine Heißgeliebte an diesem Orte allein wäre. Ich zauderte noch, da hörte ich plötzlich eine Stimme mir zurufen: Nur herein! fürchten Sie nicht, daß ich Sie verrathe, lieber junger Herr.

Es war die Stimme des Gefangenen. Beim ersten Worte verlor ich alle Geistesgegenwart, ich sprang mit raschem Satze in die Kammer, wo ich mich auf den Schultern einer schönen reichgekleideten Dame wiederfand, die mit mir zur Erde stürzte.

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Ich kann nicht beschreiben, was im nächsten Augenblicke nach dem Sturze geschah, denn ich hatte alle Besinnung verloren. Das Erste was mir auffiel, als ich wieder zu mir kam, war, daß die Dame mit dem Gesicht gegen den Boden lag und weder Geschrei noch Vorwürfe hören ließ. Ich näherte mich halb kriechend und sagte zu ihr mit leiser, zaghafter Stimme: Madame!.... Keine Antwort... Madame!!!... Alles stumm.

Da befand ich mich nun in einer unseligen Geschichte. Eine achtbare Dame getödtet!... ein Schüler der Mörder! Mein Kritiker wird hier sagen, daß ich absichtlich übertreibe, um dem falschen, modernen Geschmacke zu huldigen. -- Nur nicht so rasch geurtheilt, Kritikus. Die Dame war eine Gliederpuppe, ich befand mich in dem Arbeitszimmer eines Malers. Nun, klingt es anders, Kritikus?

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Ich erhob mich zuerst selber und fing dann an die Dame aufzuheben. Ein einfältiges Lächeln umschwebte ihr zinnoberfarbiges Antlitz, obgleich die Nase sehr gelitten hatte. Ich besserte einigen Schaden aus, allein dies war ein zu kleiner Theil des Uebels, als daß ich mich lange dabei verweilt hätte.

Denn die Dame hatte mit der Nase an den Oelkrug gestoßen, dieser hatte das Gleichgewicht verloren, war umgefallen und hatte Pinsel, Farbenblasen, Palette herabgeworfen und Oel im Zimmer umhergeschüttet. Ich wollte dies ein wenig wieder in Ordnung bringen, allein wiederum war dieser Theil des Unglücks zu klein, als daß ich mich lange dabei aufgehalten hätte.

Denn der Oelkrug hatte im Fallen den Fuß einer erzdummen Staffelei erreicht, dieselbe hatte zu schwanken begonnen, war endlich umgefallen und hatte einen stattlichen Herrn, der an einem Nagel hing und unserm Treiben zusah, mitten auf der Brust gestreift. Der Nagel war seinem Herrn gefolgt, dieser der Staffelei und alle zusammen hatten sich über die Lampe gestürzt, die den Spiegel über dem Kamine zerschlug, indem sie ein Geschirr umwarf.

Die Verwüstung war erschrecklich, die Ueberschwemmung allgemein und die Dame lächelte immerfort.

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In dem Drange dieser Ereignisse hatte meine Liebe ein wenig durch diese so heftigen, unerwarteten Unglücksfälle gelitten. Während ich so dastehe und über meine Lage nachdenke, will ich den Augenblick benutzen und erzählen, in wen ich verliebt war und wie ich es geworden.

Oberhalb meines Zimmers befand sich die Wohnung eines geschickten Portraitmalers. Dieser Maler besaß das große Talent, die Leute zu gleicher Zeit sprechend ähnlich und schön zu malen. Oh! welch' herrlicher Stand, wenn man's also versteht! Welch' wunderbarer Köder, woran sich Karpfen, Hechte, Kärpflein und sogar Ottern und Meerkälber fingen, und das aus freien Stücken und ohne sich über die Angel zu beklagen und dem Fischer noch obendrein dankbar!

Denkt an das Eitelkeits-Knötchen. Sobald man einmal wohlhäbig, reich geworden ist, ist es nicht einer der ersten Rathschläge, die man euch ertheilt, euer anziehendes, ganz eigenes und, um es mit einem Worte zu sagen, so liebenswürdiges Antlitz auf die Leinwand übertragen zu lassen; heißt es nicht, daß man diese Ueberraschung der Mutter, der Gemahlin, dem Oheim, der Tante schuldig sei? Und wenn die alle gestorben sind, heißt es dann nicht, man muß die Kunst ermuntern und einen armen Teufel verdienen lassen. Und wenn der arme Teufel reich ist, gibt es nicht tausend andere Vorwände?... eine Wand ausschmücken, ein passendes Gegenstück bekommen... Denn was will am Ende das Knötchen? Es will, daß ihr euch auf der Leinwand als hübsch, zierlich, geputzt, in feiner Wäsche, mit Glacéehandschuhen bewundert, es will vor allen Dingen, daß man euch so sehe, euch so bewundere, daß man daraus eure Züge, euern Reichthum, euern Adel, euer Talent, euer Zartgefühl, euern Geist, eure Feinheit, eure Wohlthätigkeit, eure gewählte Lektüre, euern edeln Geschmack und so viel andere vorzügliche Dinge bewundere, die aus euch ein ganz absonderliches Wesen machen, das mit tausend und einer vortrefflichen Eigenschaft begabt ist, die Fehler gar nicht einmal zu zählen, welche gleichfalls eben so viele Vortrefflichkeiten abgeben. Das alles will das Knötchen, und ist es da nicht zu verwundern, daß es euch im Namen des Vaters, der Mutter, der Gemahlin, der Kinder quält, euch malen und wieder malen und nochmals malen zu lassen? Ich würde mich übers Gegentheil weit eher wundern.

Die Kunst des Portraitirens ist also auf's genaueste mit der Lehre vom Knötchen verwandt und viele Maler sind, weil sie diese Grundsätze verkannten, im Hospital gestorben. Sie stellten den Hecht als Hecht, das Meerschweinchen eben als Meerschweinchen dar. Große Maler, schlechte Portraitisten. Die Leute sind nicht mehr zu ihnen gekommen und der Hunger hat sie aufgerieben.

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