Die Bibliothek meines Oheims: Eine Genfer Novelle
Part 2
Beim Nachdenken über diese Warze ist mir die Ansicht gekommen, daß alle reizbaren Leute irgend eine physische oder moralische Schwäche haben, eine sichtbare oder unsichtbare Warze, welche sie auf die Meinung bringt, daß man über sie spotte. Vor solchen Leuten lache man nicht: das hieße über sie lachen; man rede niemals von Lupe und Warze: das sind Anspielungen; nimmer von Cicero und Scipio Nasica, sonst hat man es mit ihnen zu thun.
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Es war die Zeit der Maikäfer; sie hatten mir bis dahin ungemein viel Vergnügen gemacht, aber ich verlor den Spaß daran. Wie man doch altert!
Indeß, wenn ich allein in meiner Kammer saß und unter tödtlich langer Weile meine Aufgaben arbeitete, so verschmähte ich die Gesellschaft von einem oder einem Paar solcher Thiere nicht. Ich muß übrigens bemerken, daß sie nicht mehr an einen Faden gebunden, um sie fliegen zu lassen, oder an einen kleinen Wagen gespannt wurden, zu dergleichen kindischen Spielereien war ich schon zu alt geworden. Wenn man aber meint, daß sich weiter nichts mit einem Maikäfer anfangen ließe, so irrt man gewaltig. Zwischen den Kinderspielen und den ernsten Studien des Naturforschers liegen noch viele Stufen.
Ich hatte einen unter einem umgekehrten Glase sitzen; das Thier quälte sich ab, die Wände desselben hinanzuklettern, um im Augenblick wieder herunterzufallen, und das ging endlos so weiter; zuweilen fiel es auf den Rücken, das ist bekanntlich für einen Maikäfer ein großes Unglück; ehe ich ihm zu Hilfe kam, bewunderte ich seine Langmüthigkeit, mit der er seine sechs Arme in der leeren Luft herumstreckte, in der immer fehlschlagenden Hoffnung, an irgend einen Körper anzuhaken, obgleich keiner da war. -- Die Maikäfer sind doch dumme Thiere, sprach ich bei mir.
In der Regel half ich ihm dadurch aus der Noth, daß ich ihm die Spitze meiner Feder hinhielt; dies führte mich zu der größten, glücklichsten Entdeckung. Ich kann in diesem Betracht mit Berquin sagen, daß eine gute Handlung niemals unbelohnt bleibt. Mein Maikäfer hatte sich an den Bart der Feder angeklammert, und während er sich erholte, schrieb ich eine Zeile, wobei ich mehr auf ihn und seine Thaten achtete, als auf die des Julius Cäsar, den ich eben übersetzte. Wird er davonfliegen oder die Feder herunterklettern? Von welchen Zufällen hängen doch alle Dinge ab! Hätte er sich zu dem ersten entschlossen, so wäre es um meine Entdeckung geschehen gewesen, ich hätte sie nicht einmal geahnt; glücklicherweise kletterte er bergab. Als er sich der Dinte näherte, empfand ich eine Vorahnung; ich fühlte, daß große Dinge geschehen würden. So ahnte Columbus, ohne die Küste zu sehen, sein Amerika. Wirklich netzt mein Maikäfer, als er an dem Ende des Schnabels angekommen ist, seine Schwanzspitze mit Dinte. Schnell ein weißes Blatt...... ein Augenblick der höchsten Spannung.
Die Schwanzspitze kommt auf's Papier, die Dinte hinterläßt Spuren und wunderbare Zeichnungen entstehen. Zuweilen hob der Maikäfer, ob aus Verstand oder weil der Vitriol seine Nerven angriff, im vollen Gange den Schwanz in die Höhe und ließ ihn erst später wieder nieder. Daraus entsteht eine Reihe von Punkten, eine Arbeit von wunderbarer Zartheit. Dann wieder änderte er seine Richtung und bog ab; jetzt ändert er den Plan noch einmal und kommt wieder zurück: es ist ein =S=!... Bei dieser Entdeckung durchzuckte mich ein Lichtstrahl.
Ich versehe dem staunenden Thiere die Schwanzspitze wohl mit Dinte und setze es auf die erste Seite meines Heftes. Dann nehme ich einen Strohhalm, um seine Arbeit zu leiten, um seine Pfade zu lenken, und zwinge den Maikäfer sich so zu bewegen, daß er meinen Namen schreibt. Es bedurfte zweier Stunden; aber welch' Meisterwerk!
»Die edelste Eroberung, welche der Mensch je gemacht hat, sagt Buffon, ist.... sicherlich der Maikäfer!«
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Um die Arbeit zu leiten, hatte ich mich dem Fenster genähert, eben wurde der letzte Buchstabe fertig, da rief eine Stimme leise: Freundchen! Ich sah schnell auf die Straße. Da war niemand. -- Hier! rief dieselbe Stimme. -- Wo? fragte ich. -- Im Gefängnisse.
Jetzt merkte ich, daß die Worte aus dem Kerkerfenster gekommen und von dem Verbrecher, dessen abscheuliches Lächeln mich so heftig erschreckt hatte, an mich gerichtet waren. Ich fuhr bis an die andere Wand meines Zimmers zurück.
-- Fürchten Sie nichts, fuhr die Stimme fort; ein braver Mensch spricht mit Ihnen... -- Schurke! rief ich, wenn Sie mich noch länger anreden, so rufe ich die Wache!
Er schwieg einen Augenblick. -- Als man mich neulich durch die Straße brachte, hub er darauf wieder an, sah ich Ihr Gesicht und schloß daraus, daß Sie ein mitleidiges Herz hätten und ein unglückliches Opfer der Ungerechtigkeit beklagen könnten.... -- Schweigt! rief ich aufs Neue, Bösewicht! Ihr habt einen Greis und ein Kind ermordet!....
-- Ach! ich sehe wol, Sie sind verblendet wie Alle. Noch so jung und doch schon das Schlimmste glauben! Er schwieg, denn er hörte jemand die Straße kommen. Es war ein schwarzgekleideter Mann, ein Leichenträger, wie ich nachher erfuhr.
Als der Mann vorüber war, fuhr er fort: -- Ach! der ehrwürdige Gefängnißprediger ist ganz anders. Der weiß, Gottlob! daß mein Herz rein und meine Seele ohne Flecken ist! Er schwieg wiederum. Diesmal ging ein Gendarm vorüber. Ich trug Bedenken, ihn anzurufen und ihm die Reden des Gefangenen mitzutheilen; allein diese Worte selbst hatten schon zu sehr auf meine Leichtgläubigkeit eingewirkt, als daß ich diese Regung wieder unterdrücken konnte. Außerdem schien es mir ein Verrath zu sein, da doch der Gefangene der Ehrlichkeit meines Gesichts vertraut hatte. Meine Eigenliebe fühlte sich zu sehr geschmeichelt, als daß ich ein solches Lob Lügen strafen konnte. Ich habe ja eben gesagt, daß diese Leidenschaft sich von Allem nährt, es ist keine Hand so schmutzig, daß sie sich nicht gern davon streichen ließe.
Nach der Unterhaltung, die mich zum Fenster gelockt hatte, blieb der Gefangene ruhig und ich kehrte zu meinem Maikäfer zurück.
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Welches Entsetzen! das Unheil war groß, unverbesserlich! schnell ergriff ich den Urheber und warf ihn zum Fenster hinaus, dann betrachtete ich mit Schrecken die verzweifelte Geschichte.
Ein langer schwarzer Streifen lief vom vierten Kapitel =de bello gallico= gerade durch zum linken Rande; da war dem Thiere der Schnitt zu steil gewesen, um hinabzuklettern, und es hatte sich wiederum nach dem rechten Rande umgedreht. Jetzt war es nördlich gewandelt und hatte beschlossen, mittelst des Dintenfasses das Buch zu verlassen, war aber dabei den sanften, glatten Abhang hinuntergeglitten in den Abgrund, in die Gehenna, in die Dinte, zu seinem Verderben und meinem.
Jetzt hatte der Maikäfer leider zu spät bemerkt, daß er nicht auf der rechten Straße sei, und den Weg zurückzugewinnen versucht: von Kopf bis zu den Füßen in Schwarz gehüllt, war er wieder aus der Dinte gekrochen und zum vierten Kapitel =de bello gallico= zurückgekehrt, wo ich ihn, der keinen Begriff davon hatte, fand.
Das waren entsetzliche Flecken; Seen, Flüsse, eine ganze Kette von Kreuz- und Querstrichen, ohne Geschmack, ohne Genie.... ein schwarzes, abscheuliches Bild!!
Ach! das Buch, das Buch war eine Elzevir-Ausgabe meines Lehrers, ein Elzevir in Quarto, ein seltener, kostbarer, unersetzlicher Elzevir, der mir aufs eindringlichste auf die Seele gebunden war. Ich war unrettbar verloren.
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Ich fing die Dinte mit Löschpapier auf, ich trocknete das Blatt und dann begann ich meine Lage zu überdenken.
Ich empfand mehr Angst als Gewissensbisse; am meisten fürchtete ich mich, daß ich den Maikäfer bekennen mußte. Wie schlimm mußte nicht mein Lehrer diesen schändlichen Zeitvertreib ansehen, für einen Knaben von meinen Jahren, wie er zu sagen pflegte, diesen so kindischen und wahrscheinlich höchst unmoralischen Zeitvertreib. Das machte mich zittern.
Satan, dessen ich mich in dem Augenblicke nicht versah, trat heran und bot mir Auswege dar. Satan fehlt niemals zur Stunde der Versuchung; er gab mir eine ganz kleine Lüge an die Hand. Während meiner Abwesenheit wäre die verwünschte Katze des Nachbars ins Zimmer gekommen und hätte das Dintenfaß auf das vierte Kapitel =de bello gallico= geworfen. Da ich nun aber während der Arbeitsstunden nicht ausgehen durfte, so wollte ich meine Abwesenheit dadurch rechtfertigen, daß ich eine Feder hatte kaufen müssen. Da aber in einem Schranke noch genug Federn zu meiner Verfügung lagen, so hatte ich gestern beim Baden den Schlüssel verloren. Und da ich nun gestern keine Erlaubniß gehabt hatte, baden zu gehen und wirklich auch nicht dort gewesen war, so setzte ich voraus, daß ich ohne Erlaubniß dort gewesen und durch das Geständniß dieses Fehlers meiner kunstreichen Erfindung ungemein viel Wahrscheinlichkeit verlieh, wie sich auch zu gleicher Zeit meine Gewissensangst verminderte, da ich mich ja offenherzig eines Fehlers anklagte, was mich in meinen Augen fast....
Schon war der sinnreiche Plan ganz fertig, als ich Herrn Ratins Schritte auf der Treppe vernahm.
In meiner Verwirrung schlug ich das Buch zu, öffnete es wieder, schlug es nochmals zu und öffnete es rasch aufs neue, damit der Flecken selber spräche, und mir wenigstens die Unannehmlichkeit des ersten Geständnisses ersparte....
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Herr Ratin kam, um mir Stunde zu geben; er legte den Hut ab, rückte den Stuhl an, setzte sich und schnaubte sich, ohne das Buch zu sehen. Um Fassung zu bekommen, schnaubte ich mich ebenfalls. Auf diese Bewegung hin sah Herr Ratin mich groß an; es war ja die Nase dabei im Spiel.
Anfangs merkte ich nicht, daß Herr Ratin eine Absicht darin vermuthete, daß ich zu gleicher Zeit mit ihm das Schnupftuch zog. Ich bildete mir also ein, er habe den Flecken gesehen und schlug die Augen nieder. Sein forschendes Schweigen brachte mich weit mehr außer Fassung, als seine Fragen, auf welche ich Antworten bereit hatte, vermocht hätten. Endlich sprach er mit feierlichem Tone: Julius! ich lese auf Deinem Gesichte... -- Nein, Herr... -- Ich lese, sage ich Dir... -- Nein, Herr, es ist die Katze... unterbrach ich ihn.
Hier wechselte Herr Ratin die Farbe. Meine Antwort schien ihm im höchsten Grade alle denkbaren Grenzen der Ehrerbietigkeit zu übersteigen, und er begann bereits sich zu ereifern: da fielen seine Blicke auf den entsetzlichen Flecken. Dieser Anblick übte einen gewaltigen Schlag auf ihn, der in Wechselwirkung auf mich überging.
Jetzt war es Zeit, den Sturm zu beschwören. -- Herr, als ich ausgegangen war... die Katze... um eine Feder zu kaufen... die Katze... weil ich den Schlüssel verloren... gestern beim Baden... die Katze... Je weiter ich sprach, desto heftiger wurde Herrn Ratins Blick, so daß ich ihn zuletzt nicht mehr ertragen konnte, ich wurde verwirrt und bekannte gleich von vornherein mein Vergehen. -- Ich lüge... Herr Ratin... ich selbst habe das Unheil angerichtet!
Und nun entstand eine große Stille.
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Wundere Dich nicht, sagte Herr Ratin endlich mit feierlicher Stimme, wenn das Uebermaß meines Unwillens die Gewalt desselben zusammenpreßt und seinen Ausbruch verzögert. Ja, es fehlen mir sogar die Worte, um auszusprechen... hier kam eine Fliege... ein Kitzel von Lachen durchzuckte mein Gesicht.
Es entstand aufs Neue ein tiefes Schweigen.
Endlich stand Herr Ratin auf. -- Du wirst zwei Tage das Zimmer hüten, um über Deine Aufführung nachzudenken, unterdeß werde ich überlegen, welche Maßregeln ich in einem so ungewöhnlichen Falle zu treffen habe...
Damit ging Herr Ratin, schloß das Zimmer zu und nahm den Schlüssel mit.
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Das offene Bekenntniß meiner Schuld hatte mich erleichtert, die Entfernung des Herrn Ratin ersparte mir die Scham; so schienen mir die ersten Augenblicke meiner Gefangenschaft eine wonnige Freiheit zu sein; ohne die Verbindlichkeit, zwei Tage lang an meinen Fehltritt zu denken, würde ich mich sehr gefreut haben, wie man es nach einem entscheidenden Augenblicke zu thun pflegt.
Ich ging also ans Bedenken, aber die Gedanken wollten mir nicht recht kommen. Als ich meinen Fehler so recht gründlich erkennen wollte, fand ich daran nichts übles als die Lüge, und die hatte ich ja augenblicklich durch mein Geständniß wieder gut gemacht; noch obendrein hatte ich dies aus freien Stücken gethan. Indessen der guten Ordnung willen bestrebte ich mich Reue zu empfinden, und als ich merkte, wie viel Mühe es mir machte wirklich dazu zu gelangen, begann ich zu fürchten, daß mein Herz wirklich schon sehr schlecht und verdorben sei, wie Herr Ratin behauptete, und ich faßte ganz zerknirscht den Entschluß, in Zukunft nicht mehr zu lachen.
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Wie ich eben im besten Zuge war, kommt just der Pastetenmann über die Straße; es war dies seine Stunde. Natürlicherweise trat der Gedanke, Pasteten zu essen, sogleich vor meine Seele; ich machte mir jedoch ein Gewissen daraus, in einem Augenblicke, wo ich mich mit meiner Seele beschäftigen sollte, einem fleischlichen Gelüste nachzugeben. Also ließ ich den Burschen harren und schreien und blieb ruhig in meinem Stübchen sitzen.
Man muß aber so einen Pastetenmann kennen, um zu wissen, wie hartnäckig er seine Kunden verfolgt. Der meinige sah mich durchaus nicht, ließ sich aber dadurch nicht irre machen, sondern fuhr mit unverwüstlichem Vertrauen auf meine Leckerei fort zu rufen. Blos ein einziges Wörtchen setzte er seinen Pasteten noch hinzu, die dringende Mahnung: _ganz frisch_; aber dieser Zusatz brachte eine gewaltige Verwirrung in meine Moralität. Glücklicherweise ertappte ich mich noch und brachte alles wieder in Ordnung.
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Um indeß den ehrenwerthen Handelsmann draußen nicht länger im Irrthum zu lassen und um seine kostbare Zeit zu bringen, trat ich an's Fenster, um ihm zu sagen, daß ich heute keinen Kuchen nehmen würde.
-- Geschwind! rief er, ich hab's eilig... Ich hab' ja schon gesagt, daß er mehr Glauben an mich hatte als ich selber.
Nein, versetzte ich, ich habe kein Geld.
's thut nichts.
Und dann habe ich auch keinen Hunger!
Nicht wahr!
Und bin auch sehr beschäftigt.
D'rum schnell!
Ja, ich bin auch eingeschlossen.
Ach, Sie haben mich zum Besten, sprach er und nahm den Korb, als wolle er gehen.
Diese Bewegung übte einen wunderbaren Eindruck auf mich. -- Halt, rief ich ihm zu.
Einige Augenblicke darauf wandelten zwei Pasteten.... ganz frische!... in einer Mütze, die kunstreich an einem Bindfaden befestigt war, in die Höhe.
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Dummes Thier von Maikäfer, dachte ich und verzehrte meinen Kuchen, -- hat vier Flügel zum Fliegen und fällt in ein Dintenfaß! Ohne diese unbegreifliche Dummheit hätte ich meine Aufgaben ruhig gemacht, wäre artig gewesen, Herr Ratin zufrieden und ich auch; keine Lüge, keine Einsperrung... Dummkopf von Maikäfer.
Ha! kein übler Gedanke das! Ich hatte den Sündenbock gefunden, dem ich einen nach dem andern alle meine Fehltritte auflud, und mein Gewissen nahm wieder eine glückliche Ruhe an. Nicht wenig, bilde ich mir ein, trug dazu bei, daß die Entrüstung des Herrn Ratin so stark gewesen war, um ganz und gar zu vergessen, mir Arbeiten aufzugeben. Ach! zwei Tage und keine Arbeiten!... Das war vielleicht unter allen Strafen mir die willkommenste!
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Einmal mit meinem Gewissen abgefunden und zwei Festtage vor mir, wollte ich einige Veränderungen vornehmen, die mir zur Verschönerung meines Zimmers vorzüglich schienen. Die erste war, daß ich den Elzevir, das Wörterbuch und alle Bücher und Arbeitshefte aus dem Gesichte räumte. Als dies geschehen, empfand ich ein so herrliches als neues Gefühl, und es war, als hätte man mich von Banden befreit. In meiner Gefangenschaft also sollte ich zum ersten Male den ganzen Reiz der Freiheit kennen lernen.
Welch' herrliches Gefühl! Mit vollem Rechte schlafen, nichtsthun, träumen zu können... und dies in einem Alter, wo uns unsere eigene Gesellschaft so süß, unser Herz so reich an entzückenden Unterhaltungen, unser Geist in seinen Genüssen so leicht befriedigt ist; wo Luft, Himmel, Land, Mauern, Alles etwas hat, das zu uns spricht, uns bewegt; wo eine Akazie eine Welt, ein Maikäfer ein Kleinod ist! Ach! daß ich diese glücklichen Stunden nicht wieder zurückrufen, diese bezaubernde Lust nicht wiederfinden kann! Wie bleich ist heut' zu Tage die Sonne! Wie langweilig sind die Stunden, wie undankbar die Mußezeit!
Ich begegne meiner Feder alle Augenblicke über diesen Gedanken. Jedes Mal, wenn ich schreibe, drängt es mich, denselben auszusprechen; ich hab' es tausendmal gethan und werde es ferner thun. Umsonst hat das Glück mich geleitet, umsonst haben die Jahre mir jegliches seinen Zoll an Gütern gebracht, umsonst gehen die Tage rein und klar auf: diese Erinnerungen von einst verwischt nichts aus meinem Herzen. Je älter ich werde, desto jugendfrischer erscheinen sie mir und desto mehr find' ich eine Ursache schwermüthiger Betrübniß darin. Ich besitze mehr, als ich je begehrte, allein das Alter, wo man begehrt, sehne ich zurück: die wirklichen Güter erscheinen mir bei weitem nicht so genußreich, als die leere aber funkelnde Wolke, welche mich damals umhüllte und mich in stetem Freudenrausche erhielt.
Frische Maimorgen, blauer Himmel, lieblicher See, ich sehe euch noch, aber.... wo ist euer Glanz geblieben, was ist aus eurer Klarheit geworden, wo ist jener unbeschreibliche Zauber von Freude, Geheimniß, Hoffnung geblieben! Ihr gefallt meinen Augen, aber ihr füllet meine Seele nicht mehr; ich bleibe kalt bei eurem lachenden Entgegenkommen; um euch noch ferner zu lieben, bedarf's, daß ich in die Jahre zurücksteige, daß ich in eine Vergangenheit zurückfliehe, die nimmer wiederkehren wird! O Traurigkeit, o bitteres Gefühl!
Dies Gefühl findet man im Grunde aller Poesie, wenn es nicht die Hauptquelle derselben ist. Kein Poet lebt von der Gegenwart, alle sehnen sich zurück: ja mehr noch: durch die Täuschungen des Lebens zu jenen Erinnerungen hingezogen, werden sie darin verliebt; sie umkleiden dieselben mit einem Reize, den die Wirklichkeit nicht hatte, sie verwandeln ihr Sehnen in Schönheit, womit sie dieselben schmücken, und indem sie sich nach Herzensgelüst ein herrliches Traumbild schaffen, weinen sie, daß sie verloren, was sie nimmer besaßen.
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In diesem Sinne ist die Jugend das Alter der Poesie, die Zeit, wo dieselbe ihre Schätze sammelt, nicht aber, wie Einige glauben, die, wo sie davon Gebrauch machen kann. Sie weiß nichts mit dem lautern Golde anzufangen, welches um sie herum gehäuft ist. Aber laßt die Zeit kommen und ihr Stück um Stück entreißen, dann fängt sie eben, indem sie derselben die Beute streitig macht, an zu begreifen, was sie besaß; aus dem Verluste erkennt sie ihren Reichthum, aus dem Schmerze die entschwundenen Freuden. Dann schwillt das Herz, die Einbildungskraft entflammt sich, der Gedanke reißt sich los und schwingt sich zu den Wolken... dann singt Virgil!
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Doch was soll man zu jenen unbärtigen Poeten sagen, die in jenem Alter singen, wo, wenn sie wahrhaft Poeten waren, ihr ganzes Sein nicht zureichte, um zu empfinden, sich in der Stille an jenen Düften zu berauschen, die sie einzig und allein später in ihre Verse ausströmen können.
Es gibt frühreife Mathematiker, wie Pascal beweist; aber Poeten, nein. Ein sechzigjähriger Homer ist weit denkbarer als ein Lafontaine als Kind. Vor zwanzig Jahren können wol einzelne Schimmer durchbrechen, allein vor diesem Alter und noch drüber hinaus hat kein poetischer Genius seine Reife erreicht. Viele freilich strecken ihre Flügel weit eher aus: schwacher Aufflug, rascher Fall; dafür, daß sie zu zeitig den Flug unternahmen, liegen sie bald auf dem Boden. Zeitungen, Coterien, das ist euer Werk, hebt sie nun auch wieder auf!
Lafontaine verkannte sich sehr spät noch, vielleicht gar sein ganzes Leben; doch ist das nicht eben sein Geheimniß? Leset, ich bitte euch, seine Vorreden. Kann er's glauben, daß er ein besserer ist, als alle Welt? Und das ist keine Bescheidenheit; er hatte einzig und allein nicht Eitelkeit genug, um bescheiden zu sein; es ist einfache, ungekünstelte Natur, reine Gutmüthigkeit. Er singt, weil's ihm Vergnügen macht, nicht weil er sich den Beruf beilegt, nicht weil er's sich zur Aufgabe gemacht hat; er singt und von seinen Lippen fließt der Strom der Poesie.
Er war dumm, wie man weiß. Er überredete sich, daß Phädrus sein Meister wäre; er vergaß Ludwig den Großen zu loben; ohne daran zu denken, beleidigte er die Marquis und blieb deshalb ohne Unterstützungen. In der That, ein großer Tropf im Vergleich mit so vielen geistreichen Poeten!
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Als ich Bücher und Hefte hatte verschwinden lassen, kam ich doch ein wenig in Verlegenheit, was denn nun beginnen? Indem ich darüber nachsann, ließ sich seitwärts im Zimmer ein Geräusch vernehmen. Ich sah durch's Schlüsselloch: es war die Katze aus der Nachbarschaft, welche mit einer ungeheuern Ratte Krieg führte.
Anfangs nahm ich Partei für die Katze, die zu meiner Freundschaft gehörte, und ich erkannte, daß der Beistand meiner Wünsche ihr nicht unnütz sein dürfe, denn schon war sie an der Schnauze verwundet und griff ihren beherzten Gegner nur noch zaghaft an. Als ich indeß einige Minuten lang dem Kampfe zugeschauet hatte, begann der Muth und die Gewandtheit der Schwächern angesichts eines so schrecklichen Feindes meine Theilnahme zu erregen, so daß ich beschloß, durchaus parteilos zu verharren.
Allein bald erfuhr ich, daß es gar schwer ist, parteilos zu bleiben, das heißt, gleichgiltig zwischen Katze und Ratte; zumal als ich bemerkte, daß Ratte und ich in Betreff der Elzevirs eines Sinnes waren. Traun! das Thier hatte sich in dasselbe Loch verschanzt, welches seine Zähne im Schooße eines dicken auf der Erde liegenden Folianten gegraben hatten. Ich beschloß die Ratte zu retten und that einen gewaltigen Fußtritt gegen die Thüre, um den Kater zu erschrecken; dies gelang mir so vortrefflich, daß das Schloß aufsprang und die Thür sich öffnete.
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Es gab nichts mehr drinnen als den Folianten: der Feind verschwunden, von meinem Schützling keine Spur. Ich aber befand mich nichts desto weniger in bedenklicher Lage.
Dies Zimmer enthielt einen Theil der Bibliothek meines zur Zeit abwesenden Oheims; eine stäubige Rumpelkammer, ringsum mit alten Scharteken angefüllt. In der Mitte eine zerfallene Elektrisirmaschine und einige Kasten voll Mineralien, gegen das Fenster zu ein alterthümlicher Lehnstuhl. Der Bücher wegen hielt man dies Zimmer stets verschlossen, nämlich damit ich nicht hineingeriethe. Mußte Herr Ratin davon reden, so geschah's geheimnißvoll und wie von einem verrufenen Orte. Unter solchen Umständen kam der Zufall meiner Neugierde ausgezeichnet zu Hilfe.
Ich wollte Physik treiben, aber die Maschine ging nicht und ich machte mich über die Mineralogie; von hier aus gerieth ich auf den Folianten. Die Ratte hatte großartig darin gearbeitet; vom Titel las man nichts mehr als Dictio... Ein Dictionnaire! dachte ich, nun das Buch ist doch eben nicht gefährlich. Was für ein Wörterbuch?... Ich öffnete den Band. Oben auf der Seite stand der Name eines Frauenzimmers; darunter krauses Zeug mit Latein dazwischen; unten Anmerkungen. D'rin war von Liebe die Rede.
Auf den ersten Blick war ich sehr überrascht. In einem Wörterbuch! wer hätte das gedacht! Von Liebe in einem Wörterbuch! Ich konnte gar nicht davon abkommen. Die Folianten haben aber ihr Gewicht, ich ging also und setzte mich in den Lehnsessel neben das Fenster und kümmerte mich für den Augenblick nicht im mindesten um die prächtige Landschaft, welche der Fensterrahmen einschloß.