Die Bibliothek meines Oheims: Eine Genfer Novelle
Part 13
Indeß ich mich trostlos meinem Schmerze überließ, ging er im Zimmer auf und ab und sprach vor sich hin: Ja, ja!... was ist da zu machen... Lieber Himmel! wenn ich das hätte ahnen können... dergleichen Schwüre... man macht sie in Deinem Alter... das mag hingehen... Man besinnt sich anders, auch gut... der Fehler steckt darin, daß man in meinem Alter alle solche Verwicklungen vergessen hat... Dann trat er näher an mich heran: Muth gefaßt! mein armer Julius!... Muth gefaßt!... Ich gehe morgen... ich erkläre alles, ich thue ihnen zu wissen...
Morgen! sagte ich erschrocken. Heute Abend!... Abend noch, lieber Oheim! in diesem Augenblicke! Sie finden sie Alle beisammen. Morgens da geht er aus.
Aber... meine Güte! diesen Abend... Und dann ist das junge Mädchen dabei!
Was thut das! sie lassen sie hinausgehen, wenn es nothwendig ist. Diesen Abend, ich beschwöre Sie, bester Oheim!
Nun! so sei es drum! ich gehe heute Abend!... Freilich schon zehn Uhr. Rufe die Alte, daß ich mich ein wenig ankleide.
Ich benutzte diese Augenblicke, um meinen Oheim von allem Vorgefallenen zu unterrichten. Bald hatte er die Pantoffeln abgelegt und gegen Schnallenschuhe vertauscht; ich rückte ihm die Perrücke zurecht, nachdem ich dieselbe sorgsam gepudert hatte; Margarethe und ich halfen ihm den schönen kastanienbraunen Rock auf die Schultern, dann gab ich ihm den Rohrstock in die Hand, alles indem ich ihn unterrichtete, was vorgegangen war und was er zu sagen und was zu antworten habe. Schon gut! schon gut! sagte mein Oheim, den mein Geschwätz ganz betäubte. Und er ging.
* * * * *
Ich unterrichtete jetzt die alte Margarethe von Allem. Mit Thränen in den Augen hörte sie mich an und in den Augenblicken lebhafter Spannung war sie ganz Seele mit mir und theilte meine Angst und meine Wünsche, als wären es ihre eigenen. Jeden Augenblick öffneten wir die Thüre, um auf der Treppe nach der Rückkehr des Oheims zu lauschen, oder wir gingen in die Bibliothek und suchten etwas von dem, was über uns vorging, zu erhaschen.
Nach Verlauf einer Viertelstunde öffnete sich die Thüre des Feldmessers; ich erkannte den Gang meines Oheims.
So bald! rief ich aus. So bin ich ausgeschlagen, Margarethe.
Müssen bis morgen warten! sagte mein Oheim hereintretend; sie sind nicht zu Hause.
Diese Antwort verursachte mir eine lebhafte Bekümmerniß.
Sie haben also auf sie gewartet?...
Ja, ich wartete... aber sie kommen erst gegen Mitternacht heim, hat mir die Tochter gesagt.
Sie haben sie also gesehen?...
Ja! meiner Treu! ein reizendes Wesen, oder ich verstehe nichts davon.
Ich konnte meine Freude nicht fassen: doch was hat sie Ihnen gesagt, lieber Oheim? Alles, ich bitte Sie, erzählen Sie mir alles.
Laß mich erst den Rock ablegen... und mich setzen... Ein reizendes, braves Mädchen!... Meine Pantoffeln, Margarethe!...
Was hat sie denn gesagt, bester Oheim?
Sie hat mir gesagt... Da, stell' den Stock 'mal hin... daß sie bei einem Freunde zur Taufe gegangen sind...
Aber sonst, aber sonst? Sie sind doch neunzehn Minuten bei ihr geblieben?
Ja, ja, nur Geduld... es fällt mir schon bei. Zuerst also, sie machte mir die Thüre auf... Wenn ich ein Gespenst gewesen wäre, so hätte sie keinen größern Schrecken haben können, als da sie mein Gesicht erblickte... (Er fing an zu lachen und ahmte Henriettens Geberde nach.) -- Fürchten Sie sich nicht, schönes Kind, sagte ich und nahm ihre Hand... Lassen Sie uns hineintreten.... Da bedeckten sich ihre Wangen mit dunkler Röthe, sie ging voraus, ohne meine Hand loszulassen, weil sie mich in dem Gange führen wollte, siehst Du, wie man's einem Greis thut... Ein artiges gesittetes Kind...
Das Sie liebt, das Sie schätzt, wie alle Welt, bester Oheim.
Ja wohl! sagte Margarethe leise im Dunkel des Vorzimmers.
... So kamen wir in das Wohnzimmer, wo sie beim Nähen saß und über eine Schwester und zwei kleine Brüder wachte, welche zu ihrer Seite schliefen... Bei unserm Eintreten wachte der Eine davon auf: -- Sehen Sie danach, sagte ich da zu ihr, und wenn Sie fertig sind, so gehen Sie und rufen Sie Ihre Eltern: ich habe mit ihnen zu sprechen.
Sie sind nicht zu Hause, mein Herr, entgegnete sie und wiegte das Kind. Ich sage Dir Alles, wie Du siehst... oder soll ich mich kürzer fassen?
O nein, nein! Oheim!... Spotten Sie meiner nicht.
Das ist mir nicht lieb, versetzte ich... oder vielmehr das wird der Person nicht lieb sein, die mich herschickt... das arme Mädchen erröthete hier so, daß sie aufstand und sich abwendete, um auf's neue ihr Brüderchen zu wiegen, obgleich es diesmal sich nicht gerührt hatte. Als sie sich so meinem Anblicke entzogen, versetzte sie:
Sie werden erst gegen Mitternacht zurückkommen, Herr Tom; ich sage Ihnen das, damit Sie nicht zu lange vergeblich warten...
Freilich, es ist schon spät... Ich will also meinen Auftrag bis morgen verschieben... und wenn Sie, mein schönes Kind, erfahren haben, was es ist, so bitte ich um Ihre gütige Fürsprache... vorausgesetzt, daß... daß Sie uns geneigt sind und mir insbesondre... mir, der ich ruhiger stürbe, wenn ich zuvor das Geschick meines Julius mit dem Ihrigen verbunden sähe: sein Glück unter Ihrer Obhut und seine Jugend unter dem Schutz Ihrer verehrten Familie...
Bei diesen Worten erhob ich mich und stürzte mich in die Arme meines Oheims. Ich überhäufte ihn mit Liebkosungen, ohne Worte für die Gefühle, welche mein Herz überströmte, zu finden...
Nun, nun!... mein armer Julius... o, meine Perrücke!... meine Perrücke geht verloren!... laß mich doch ausreden... Du weißt ja noch nichts... da!... setz Dich ruhig hin... so... so...
Das junge Mädchen also erholte sich, sobald ich etwas deutlicher geredet hatte, vollständig: -- Mein Herr, sagte sie zu mir mit fester Stimme, Sie werden keinen Zweifel hegen, daß ich Sie ehre und liebe... Ich bin von Ihren Worten tief ergriffen, aber in großer Verlegenheit, was ich antworten soll... Ich denke eben nicht an die Heirath, denn ich sehe gar mancherlei Hindernisse... (Na, entsetze Dich nur nicht gleich!) Ich gehöre meinen Eltern, ich bin ihnen nothwendig, ich will sie weder verlassen noch ihnen zur Last fallen... (So erschrecke doch nicht!) .... Ich werde mich nur mit einem Manne verbinden, der mich für Seinesgleichen achtet und meine Familie als die seinige annimmt, der mir sein Herz ganz und ungetheilt darbringt, wie ich ihm das meinige schenken werde. -- Ich hätte mich nimmer versehen, daß ich dergleichen Dinge gegen jemand äußern würde; allein Ihr Alter und die Achtung, die ich vor Ihnen hege, ermuthigen mich. Uebrigens steht die Antwort meinen Eltern zu... Ich werde sie, wenn Sie es wünschen, von Ihrem Besuche unterrichten...
Wollen die Güte haben, theures Kind: morgen um zehn Uhr... Wie freut es mich, so viel Verstand und Tugend bei so jungen Jahren zu finden... und ich wünsche um so lebhafter, daß mein Neffe unter solchen Bedingungen, die ihm nicht schwer erscheinen werden, Ihnen gefallen möge... Eine große Ehre, mein liebes Kind... eine sehr große Ehre, in eine Familie einzutreten, wo so viele Tugenden zu Hause sind... und bereits in so zartem Alter... sein ganzes, ganzes Herz... (da hätte ich ihr können die Geschichte von der Jüdin erzählen) und zwar ein recht ehrliches Herz, dafür bürge ich Ihnen, mein Kind... das wohl begreift, welches Kleinod ihm anvertraut wird, unter welchen Bedingungen es das Glück empfängt, und wie daraus nur gegenseitige Liebe, gegenseitige Treue, gegenseitiger Eifer für alle Pflichten, die der Ehestand mit sich bringt, hervorgehen können... Hier ahmte mein guter Oheim mit aller Heiterkeit die Eheformel aus der Liturgie nach: Nicht wahr, Julius, das versprichst Du!!
Ja, ja, rief ich aus, und das vor Gott! vor Dir! mein vielgeliebter Oheim... vor Dir! Und ich überhäufte ihn auf's neue mit Liebkosungen, indeß die Alte sich die Augen trocknete. Er allein, der glücklich in dem Glücke war, das er stiftete, aber heiter wie stets, behauptete seine Ruhe und mischte in meine Freudenthränen einige liebevolle Scherzworte.
* * * * *
So wärest Du also vermählt, fuhr mein Oheim fort.
Wollte es der Himmel, guter Oheim! Und haben Sie sonst nichts mit ihr gesprochen?
Nichts Erhebliches mehr, ich stand danach auf und wollte die Püppchen sehen, die da lagen und schliefen... Sie schickte sich lächelnd an, sie mir zu zeigen. Was ich am meisten bewunderte, war die Sauberkeit, die Sorgfalt, die Ordnung, die inmitten der größten Einfachheit von einer gewissen Zierlichkeit begleitet war. -- Sie machen da den Kleinen Kleider, sprach ich... -- Meine Mutter, werther Herr; allein während ihrer Abwesenheit arbeitete ich etwas daran. Nun nahm ich ihre Hand zum Kusse und sie faßte die meinige wie vorhin, um mir das Geleit zu geben. In der Thür hab ich ihr ganz leise den Rath gegeben, nicht weiter mitzugehen, wenn sie sich nicht der Gefahr aussetzen wolle, Dir zu begegnen. Eiligst flüchtete sie wieder zurück, das ist alles. Aber da ist's schon eilf Uhr; laß uns nun schlafen gehen.
Die Alte lächelte. Hast Recht, Margarethe. Nicht alle Welt wird diese Nacht schlafen können; aber wir Beide, meine Alte, wir werden für alle Welt schlafen.
* * * * *
Gegen Mitternacht kamen die Eltern zurück. Ich horchte, ich konnte bemerken, daß ein ernsthaftes, lebendiges Gespräch unter den Mitgliedern der Familie stattfand. Gegen zwei Uhr standen sie von ihren Sitzen auf, gingen auseinander und ich hörte die beiden Gatten noch lange in ihrer Kammer sich unterhalten, bis endlich allgemeine Stille eintrat. Ich legte mich nicht zu Bette; einer heftigen Aufregung zur Beute, erwartete ich voll Ungeduld den Tag.
Sobald mein Oheim Tom erwacht war und während er sich ankleidete, ließ ich mir alle Umstände seines gestrigen Besuchs noch einmal erzählen. Um mir gefällig zu sein, erzählte der gute Greis sie einen nach dem andern von neuem, mit dem Tone süßer Zuversicht, die meine Einbildung belebte, meine Hoffnung neu erweckte und mein Entzücken wieder anfachte. Indessen fand ich doch ein wenig zu viel Zurückhaltung in den Worten Henriettens, und wenn ich an die schrecklichen Vorstellungen dachte, welche mein Benehmen und die Aeußerungen meines Oheims in den reizbaren Geist des Feldmessers geschleudert haben mußten, so verlor ich alle Hoffnung, die mir eben aufgegangen war, auf's neue.
Endlich schlug es zehn Uhr. Mit steigender Beklemmung wiederholte ich meinem Onkel alles, was er sagen sollte, und wir verabredeten, daß, sobald er seinen Antrag vorgebracht, er geradesweges nach meinem Arbeitszimmer gehen solle, wo ich ihn erwarten wollte.
* * * * *
Wenige Minuten war ich oben, als jemand in Henriettens Zimmer trat. Ich unterschied den Schritt zweier Personen und aus verschiedenen Anzeichen erkannte ich bald, daß sie und ihre Mutter es waren.
Durch diese Gewißheit fand ich mich so sehr in meinen Erwartungen getäuscht, daß ich alles für verloren hielt. Seit der Unterredung, welche ich erwähnt habe, bildete ich mir beständig ein, daß die gute Frau als Vertraute der geheimsten Gedanken Henriettens geneigt wäre, mich in Gunst aufzunehmen, und daß sie bei ihrem Wunsche, vor allen Dingen ihre Tochter einem jungen ehrenhaften Manne zu vertrauen, bei dem Feldmesser mein bester Anwalt gewesen wäre, wenigstens der einzige, auf den ich zählen konnte. Als ich nun sie und ihre Tochter in einem so entscheidenden Augenblicke das Feld räumen und meinen Oheim mit dem Feldmesser allein gelassen sah, welcher ganz und gar von Vorurtheilen beherrscht wurde, welche sie sicher nicht in einem gleichen Grade theilen konnten, erachtete ich meinen Antrag von vorn herein für abgelehnt. In dieser verzweifelten Lage beschloß ich den Augenblick zu benutzen, um mir eine letzte Zuflucht zu eröffnen. Ich wollte mich nämlich zu den beiden Frauen begeben und mich überwinden, ihnen alle Gluth und Aufrichtigkeit meiner Gefühle zu zeigen, um sie zu meinen Gunsten zu gewinnen. Ich klopfte an ihre Thüre; Henriette öffnete mir.
* * * * *
Nur die eigne Bestürzung des jungen Mädchens, die sich so lebhaft auf ihrem Gesicht malte, stand mir bei, daß ich die meinige überwand.
Darf ich, sprach ich mit bewegter Stimme, einige Augenblicke zu Ihnen kommen?... -- Treten Sie ein, Herr Julius, sagte die Mutter hierauf. Nach diesen Worten schwieg sie und betrachtete mich schweigend, Thränen begannen aus ihren Augen zu rollen... Was haben Sie uns zu sagen? hub sie auf's neue mit trauriger, vom Weinen bewegter Stimme an.
Ich wollte, ehe Ihre Familie über mein Schicksal entscheidet, Sie einmal sehen... Sie einmal sprechen... und fühle mich zu verlegen dazu... Ich wollte Fräulein Henriette sagen, daß seit langer Zeit es mein einziges Glück ist, sie zu lieben, sie zu bewundern, die Ehre, mein Geschick an das ihrige zu ketten, höher als alles in der Welt zu schätzen... und Ihnen, daß ich Sie lieben werde wie meine Mutter, die ich nicht mehr habe, daß Sie mir Ihre Tochter vertrauen würden, ohne sie zu verlieren... ach, was weiß ich? Theuerste Frau! Ihr Anblick erfüllt mich mit Rührung und Ehrfurcht, ich verstehe die Sprache dieser Thränen, die Sie vergießen... ich glaube, daß ich Ihnen versichern kann...
Während ich so redete, betrachtete mich die minder aufgeregte Henriette, während sie meine Worte aufmerksam anhörte. --
Henriette, sprach die Mutter, rede Du mit dem jungen Herrn, Dich verlieren, mein Kind! nein, ich kann den Gedanken nicht fassen... Du bist mein Leben. -- Nimmer, sagte Henriette mit einer Entschlossenheit, welche durch einen Ausdruck von Bescheidenheit gemäßigt wurde; nimmer, Mutter, werde ich einem Andern angehören, als dem, der ganz Euer Sohn wird!... Mein Herr, ich bin noch verlegener um ein Wort, als Sie... Ich kenne Sie wenig... Ich kenne Ihren Antrag, aber ich kenne Ihren Charakter nicht... Ich habe viele Männer gefunden, die für preiswürdige Gatten gelten und denen ich keine Achtung zollen kann... Und dann, meine Eltern verlassen!... Hier stockte Henriettens Stimme und ihre Thränen flossen. Nein! ohne sie zu verlassen, ohne sie jemals zu verlassen, mein Fräulein, wenn sie mich der Aufnahme würdigen...
Ich gehöre ihnen an, Herr Julius, fuhr Henriette mit mehr Ruhe fort. Ich habe keine Erfahrung, sie aber haben dieselbe. Ich weise Sie durchaus nicht ab, sie mögen entscheiden, ich werde thun, wie sie beschließen...
* * * * *
In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür.
Hier suchte ich Sie nicht! sprach der Feldmesser, zu mir gewendet. Uebrigens, bleiben Sie; ich wollte Sie eben rufen lassen.
Guten Tag, mein liebes Kind, sagte mein Oheim Tom und nahm Henriettens Hand zum Küssen. Dann wendete er sich gegen die Mutter: Und Sie, theure Frau, fassen Sie Muth... Wenn Sie den Burschen da, wie ich, seit einundzwanzig Jahren kennten, so hätten Sie Zutrauen... wie ich Zutrauen und Freude darin finde, da ich ihn um dieses liebenswürdige Wesen werben sehe, das ein wahres Kleinod ist... doch lassen wir den sprechen, dem sie angehört.
Mein Oheim setzte sich. Ich blieb neben Henriette stehen und wir hörten auf den Feldmesser.
Um zehn Uhr, sprach dieser, empfing ich den Besuch des Herrn Tom. Herr Julius, der Aufrichtigkeit Ihrer Gesinnungen und der Redlichkeit Ihrer Absichten lasse ich Gerechtigkeit wiederfahren; allein Sie haben ein schwaches, schwankendes Gemüth, wo Sie offen sein sollten; das ist ein Fehler, der den redlichen Absichten die Offenheit nimmt, welche man bei ihnen sucht. Ich weiß, daß Sie nichts besitzen als die Summe Geldes, welche ich gestern gesehen habe. Ihre Hilfsquellen laufen also auf Hoffnungen hinaus, und in dieser Hinsicht entbehren Ihre Verhältnisse der Sicherheit, die meine Pflicht zu fordern heischt. Ich wollte mit Euch Frauen darüber reden; allein, da alle Betheiligte hier beisammen sind, so will ich meine Meinung frei heraussagen.
Meine Herren, ich habe niemals auf einen reichen Schwiegersohn gerechnet, ja ich habe ihn nicht einmal gewünscht. In dieser Hinsicht wären die Umstände des Herrn Julius, wie mir dieselben mitgetheilt sind, kein Hinderniß, ihm meine Einwilligung zu dieser Verbindung zu geben, im Falle die Frauen auch ihre Zustimmung ertheilen... Aber, fuhr er mit gehobener Stimme fort, eins geht mir über alles, dies ist das Glück meiner Tochter! und dies setze ich in treue Liebe, in gegenseitiges Vertrauen, in Arbeit, gutes Benehmen, in ein rechtschaffenes tadelloses Leben.... und in nichts anders. Ich weiß, meine Herren, wie viel mein Kind werth ist! und derjenige, welcher ihr nicht alle die genannten Güter mitbringt, wäre unwürdig sie als Gattin zu besitzen, so wie er für mich ein Gegenstand des Hasses und der Verachtung sein würde...
Der Feldmesser schwieg einige Sekunden, doch nicht von Zärtlichkeit übermannt, sondern im tiefsten Herzen erschüttert; dann fuhr er ruhiger wieder fort: Jetzt werden Sie begreifen, liebe Herren, warum ich nicht auf Reichthum sehe... Die Güter, die Bürgschaften, welche ich verlange, welche ich fordere, sind weit schwerer anzutreffen als das Gold. Herr Julius hat einen Stand, ist jung, wird arbeiten, wir werden ihn unterstützen; da ist also kein Hinderniß.... Wenn er wohl aufschaut was er thut, und wozu er sich verpflichtet; wenn er, nur den unschätzbaren Werth einer tugendhaften Gattin erkennt, so gebe ich ihm gern die Hand Henriettens. Also, auf seine Rechtlichkeit vertrauend, daß er seine Versicherungen halte, wage ich ihn unsrer elterlichen Liebe zu versichern, so wie seines eignen Glücks.
Mein Herr, versetzte ich jetzt, so ruhig, als meine aufgeregte Stimmung nur immer gestattete, ich bestätige alle Worte meines Oheims, ich begreife sehr wohl die Ihrigen und mein Herz wird sie nie vergessen... Ich spreche zu Ihnen hier, nicht etwa von der Liebe, die ich zu Fräulein Henriette hege, hingerissen, sondern gekräftigt und bestärkt durch die Achtung, die ich für ihre Tugenden hege, und durch den Anblick des vollen und so zu verehrenden Glückes, zu dem Ihre Grundsätze führen... Möchte Fräulein Henriette und ihre Mutter Ihrer Einwilligung beipflichten, so schwöre ich hier, daß Ihre Familie um einen Sohn bereichert sein soll, der Ihre Erwartungen nicht täuschen wird!
Henriette sagte nichts; aber sie wendete sich gegen mich und reichte mir, innig bewegt, die Hand. Als mein Oheim das sah, verließ er seinen Sessel, eilte vor Alter und Freude schwankend auf uns zu und umarmte uns beide. Die Zähren waren ihm in die Augen getreten und die Liebkosungen Henriettens lockten dieselben in mildem leichten Fluß hervor. Der Feldmesser allein behauptete seine ganze Festigkeit, er näherte sich seiner Frau und hielt deren Fassung durch vorstellende, freundliche Worte aufrecht.
* * * * *
Als mein Oheim wieder nach seinem Lehnstuhl zurückgekehrt war, sprach er: Meine Freunde, ich danke Ihnen Allen... Dieser Tag erfüllt meinen letzten Wunsch. Dies liebenswürdige Kind (jetzt das meinige) wird glücklich sein... das ist ausgemacht... denn Sie werden in meinem Julius ein rechtschaffenes, liebendes Herz finden... bereit, alle seine Pflichten zu erkennen und zu erfüllen... wenn schon seine Laune munter und sein Kopf von den schönen Künsten eingenommen ist.
Ich wiederhole also, daß ich Ihnen Allen danke. Jetzt will ich Ihnen meine Gedanken sagen und wie die Dinge stehen. Dies Bürschlein wird in meine Stelle treten. Mein bischen Gut gehört ihm. Es gehört ihm seit einundzwanzig Jahren, laut meinem Testament... Er hat mich also seit einundzwanzig Jahren unterhalten... hier hielt er lächelnd inne.
In diesem Betracht, fuhr mein Oheim fort, werde ich ihm nicht lange mehr beschwerlich fallen, so daß die Zukunft keineswegs stockfinster ist... Diese kleine Habe ist eine Rente von hundert und siebenundzwanzig Pistolen, deren Kapital auf den besten Weinberg im Kanton Waadt angelegt ist... unter dem Schutz des Bacchus also sehen Sie... Es hat da gut gelegen, so daß seit fast vierundfunfzig Jahren die Rente auch nicht ein einziges Quartal ausgeblieben ist.
Ich sagte also, daß dies Hundert und siebenundzwanzig Pistolen sind... Außerdem funfzig, die mir der Bursch da kostet, sie sind ihm von heute an zugesichert... dieselben sollen in Terminen ausgezahlt werden, doch nicht an ihn... sondern an dies Fräulein, welche mir gestern als eine geschickte, treue Wirthschafterin erschienen ist.
Ein Gemurmel unterbrach meinen Oheim. Ei... so hört mich doch an... ich bitte Euch... es fehlt mir ja ohnehin an Kraft... die funfzig Pistolen sollen zur Einrichtung der kleinen Wirthschaft sein... denn es heißt ja, ohne Topf keine Suppe... nun, mein Neffe ist nicht reich an Töpfen... so muß ich wol für ein Hausgeräth sorgen... also wollen wir und werden unsre Kessel, unsre Speiseschränke, unsre Geräthe haben, und diese junge Dame empfangen, wie es ihrer würdig ist... Nun hört wie:
Ich habe in meinem langen Lebenslaufe viel alte Scharteken zusammengescharrt... ich sehe ein, daß ein Künstler, wie Julius, nicht viel damit anfangen kann... und ich, ich muß nun anfangen, an den Rückzug zu denken... Ich kenne einen Juden, der mir mit Vergnügen dabei hilft, und zwar ohne mich zu betrügen, denn ich kenne den Werth meiner Siebensachen... Ich habe bereits einen Theil der Summe aufgenommen; damit können wir die Kinder einrichten... Keine Umstände, keine Entgegnung: jedes Widerstreben würde mir schmerzlich sein. Zudem die Sache gewährt mir Erholung, der Jude leistet mir Gesellschaft dabei... wir lesen Hebräisch... wir vergleichen die Ausgaben... und ich sage einem nach dem andern meiner alten Bände Lebewohl... bis ich Euch endlich insgesamt Lebewohl sagen werde, meine Freunde.
Ich zerfloß in Thränen. Henriette, ihre Mutter und selbst der Feldmesser hörten ihn mit Erstaunen, das Herz voll Bewunderung und Liebe für den guten Greis. Weit entfernt, einzuwilligen, widersprachen wir auch nicht, sondern eilten Alle auf ihn zu und umringten ihn mit unsrer Liebe und den Bezeigungen der herzlichsten Dankbarkeit.
* * * * *
Also erhielt ich die Hand Henriettens. Die Zukunft hat die Voraussagungen meines Oheims wie die Verheißungen des Feldmessers erfüllt. Ich trat in eine Familie, wo Einigkeit, Innigkeit, Anhänglichkeit für das gemeinschaftliche Wohlergehen Aller herrschte; kein anderer Kreis hätte meinen Charakter besser ausbilden können, denn ich lernte hier kennen, von welcher Beschaffenheit die allerdings einfachen, aber wahrhaften und zuverlässigen Güter sind, von denen uns so oft ein romanhafter Sinn, eine Einbildungskraft entfernt, die sich allzuwillig verführen läßt.
Lucy erfuhr von mir vor ihrer Rückkehr nach England meine bevorstehende Verbindung. Dies diente ihr zur Veranlassung, mir noch einen Auftrag zu ertheilen, durch den meine Wirthschaft für lange Zeit flott gehalten wurde. Der Schutz dieser jungen Dame war also für mich eben so nützlich, als er anhaltend war. Vermöge ihrer Verbindung mit den vornehmsten Familien ihres Landes schickte sie mir oft einige von ihren Landsleuten zu, welche unsere schöne Gegend jährlich heranlockte, und selten war ihre Empfehlung unfruchtbar. Der Besuch dieser Fremden verlieh mir einen Ruf, welcher auch andere Besucher, andere Aufträge herbeiführte, und so hatte ich nach Verlauf weniger Jahre eine Wohlhabenheit erworben, die meinen Ehrgeiz befriedigte und die Erwartungen des Feldmessers beiweitem übertraf. Schwiegervater, sagte ich ihm zuweilen, der Stand ist gut; aber Ihr Sprichwort taugt nichts.
* * * * *
Man erinnert sich vielleicht, daß Lucy mir eines Tages mit Thränen in den Augen sagte: wenn einmal Sie dasselbe Unglück, wie das meinige, betrifft, Herr Julius, so bitte ich Sie, mich davon zu benachrichtigen. Ungefähr zwei Jahre nach meiner Verheirathung traf dies Unglück ein und sobald ich meinem Oheim die letzten Pflichten erwiesen hatte, schrieb ich an die Dame folgenden Brief:
Gnädige Frau!