Die Bibliothek meines Oheims: Eine Genfer Novelle

Part 11

Chapter 113,615 wordsPublic domain

Aus demselben Grunde war auch mein Hang zur Nachahmung nicht mehr so lebendig; es bedarf zu einer solchen Neigung einer Ruhe, die ich nicht mehr besaß. Oft aufgeregt, verwirrt von den unbestimmten Regungen einer Sehnsucht ohne Gegenstand vermochte ich nicht mehr auf mein Modell zu sehen, ich betrachtete meine undankbare Nachbildung mit Widerwillen, warf den Pinsel bei Seite und überließ mich meiner Träumerei ganze Stunden lang.

Dies innere Leben hat seine Wonne und seine Bitterkeit. Wenn diese Träume süß sind, so ist das Erwachen düster, niederschlagend; die Seele tritt wieder in die Wirklichkeit, nachdem sie ihre Kraft erschlafft oder verloren hat. Drum war ich denn nach solchen Stunden zur Wiederaufnahme meiner Arbeit unfähig und nicht weniger unfähig, die Träume wieder herbeizuführen; ich verließ dann das Haus, um meinen Unmuth draußen spazieren zu tragen.

* * * * *

Auf einem solchen Spaziergange geschah es, daß eine zufällige Begegnung mich aus diesem Zustande der Sehnsucht und halben Müßiggangs riß.

Eines Tages wollte ich in meine Wohnung durch die Thür, die auf der Kirchenseite unter den dicken Linden sich befindet, zurückkehren. Ein prächtiger Wagen hielt davor; kaum war ich an demselben vorüber, als eine Stimme, die ich augenblicklich wiedererkannte, mich voll Ueberraschung zurückkehren ließ.... »Herr Julius!« rief diese Stimme mit großer Bewegung.

In meiner Verwirrung zögerte ich näher zu treten, als ich zu bemerken glaubte, daß man mir winke. Ich wendete wieder um; in rascher Hast öffnete sich der Schlag und ich befand mich Angesichts der liebenswürdigen Lucy! Sie war in Trauerkleidern, ihre Augen naß von Thränen... Bei diesem Anblick brachen auch mir die Thränen hervor.

Ich erinnerte mich alsbald an ihr weißes Gewand, ihre kindlichen Befürchtungen, an die Worte des Greises, an seine Güte gegen mich. O! wie sehr verdiente er noch zu leben, sprach ich nach einer Weile, der Verlust ist schmerzlich, mein Fräulein!... Erlauben Sie mir, daß ich diese Zähren dem Gedächtniß seiner herzlichen Güte, das in mir lebt, zolle. Lucy hinderten ihre Gefühle zu antworten, sie drückte mir die Hand mit einer Bewegung, deren dankbare Huld durch eine anmuthige Zurückhaltung in Schranken gehalten wurde.

Ich hoffe, sagte sie endlich, daß Sie glücklicher sind, als ich, und Ihren Herrn Oheim noch besitzen... -- Er lebt, versetzte ich, aber das Alter kommt immer mehr und beugt ihn zur Erde. Wie oft, mein Fräulein, habe ich an Ihren Vater gedacht!... und jeden Tag begriff ich Ihre Betrübniß mehr.

Lucy wendete sich jetzt zu einem Herrn, der neben ihr saß, und erklärte ihm in wenigen Worten auf Englisch den Zufall, dem sie vor fünf Jahren meine Bekanntschaft und die meines Oheims verdankte, und wie mein Wiedersehen, das ihr so lebhaft einen Tag vorgeführt habe, da ihr Vater so glücklich und liebevoll war, ihr diese schmerzliche Bewegung verursachte. Sie fügte noch eine Lobeserhebung über mich und meinen Oheim hinzu, und als sie davon sprach, daß ich Waise sei, bemerkte ich in ihren Mienen und in ihren Worten dasselbe Mitleid, welches mich früher so sehr ergriffen hatte. Als sie mit ihrer Erzählung fertig war, reichte mir der Herr, welcher nicht Französisch zu sprechen schien, die Hand mit dem Ausdrucke wohlwollender Achtung.

Da wandte sich Lucy an mich: der Herr ist mein Gemahl; er ist der Beschützer und Freund, den mein Vater selbst für mich erwählt hat. Nach jenem Tage, wo Sie ihn sahen, Herr Julius, sollte ich ihn nicht mehr lange behalten... Achtzehn Monate später rief ihn Gott zu sich ab... Mehr als einmal erinnerte er sich lächelnd Ihrer Geschichte... Wenn, fügte sie hinzu, auch Sie ein dem meinigen ähnliches Leid erfahren werden, so bitte ich Sie, mich davon zu unterrichten; ich will Ihren Oheim begrüßen... wie alt ist er?

Er tritt in sein fünfundachtzigstes Jahr.

Meine Antwort machte großen Eindruck auf sie; erst nach einigem Schweigen versetzte sie: Ich bin gekommen, um mit dem Maler zu sprechen, der das Bild meines Vaters gefertigt hat... Glauben Sie, Herr Julius, daß ich ihn allein treffen kann?

Ohne Zweifel, gnädige Frau, ertheilen Sie mir Ihre Befehle, ich werde sie meinem Kunstgenossen überbringen.

Sie unterbrach mich.

O! so haben Sie Ihrer Neigung folgen können!... Schön, ich nehme Ihr Anerbieten an; ich werde die Zeit bestimmen. Allein zuvor möchten wir, mein Gemahl und ich, gern etwas von Ihren Leistungen sehen. Wohnen Sie hier im Hause?

Ja, gnädige Frau.... Obgleich es mich etwas in Verlegenheit setzt, daß ich Ihnen nichts, als einige schlechte Versuche zu zeigen vermag, so schlage ich doch aus Eigenliebe die Ehre, die Sie mir erweisen wollen, nicht aus.

Wir sprachen noch einige Worte. Ich trat zurück und der Wagen entfernte sich.

* * * * *

Diese unerwartete Begegnung gab alten süßen Regungen das Leben wieder und riß mich aus einem Zustande der Erschlaffung, worin ich mich seit einigen Monaten befand.

Doch darf ich's sagen? Wenn schon ich stets meine Jüdin geliebt und ihr Gedächtniß bewahrt hatte, so verlor doch nichts desto weniger mein Schmerz von diesem Tage an seine Bitterkeit, meine Seele wurde gleichsam von der Vergangenheit losgebunden und begann eine freie Erhebung nach der Zukunft, süß beladen mit einer Erinnerung, die ihr nicht mehr so schmerzlich war, ohne daß sie aufhörte, theuer und lieb zu sein.

Gleichwol war diese Begegnung nicht frei von jeglicher Wolke gewesen. Obgleich ich Lucy vergessen hatte, obgleich ich niemals, selbst nicht in den überschwänglichsten Träumen, im entferntesten den Gedanken hegen konnte, ihr etwas zu sein, so war mir doch vom ersten Augenblicke an der Anblick jenes neben ihr sitzenden Herrn beklemmend gewesen, und als ich aus Lucy's Munde vernahm, daß sie vermählt war, zuckte Verwirrung und Eifersucht durch mein Herz.

* * * * *

Doch war das ein Uebergang; noch ehe ich den Wagen verließ, hatte mein Herz sich mit dem Herrn ausgesöhnt und ich sah in Lucy nichts mehr als seine liebenswürdige Gemahlin, die er mir gestattete lieb zu haben.

Die nächsten Tage lebte ich in dieser Erinnerung und der Hoffnung, Lucy bald wiederzusehen; ich hatte einige Kopien verfertigt, unter anderen eine von der Madonna, zwei oder drei Portraits, so wie einige Compositionen, alles meistentheils mehr als mittelmäßig ausgeführt, jedoch nicht ohne gewisse Anzeichen von Talent. Nun, man kann denken, wie das Knötchen mir beistand, mit der größten Sorgfalt die Bilder in's vortheilhafteste Licht zu stellen, und alles war zum Empfange Lucy's bereitet, als sie in der That erschien. Ihr Gemahl begleitete sie.

Noch heute kann ich an diese junge Dame nicht denken, ohne daß mir bei der Erinnerung das Herz schwillt. Daß ich diese so wahre Güte, deren Reiz durch ihren Stand, ihren Schmuck, ihren Reichthum noch erhöht wurde, nicht schön genug malen kann; diese Einfachheit der Gefühle, welche die Manieren und Vorurtheile der großen Welt weder zu verfälschen noch zurückzudrängen vermochten! Obgleich ein schwermüthiger Zug ihr eigen war, so durchdrang doch der Hauch eines wohlwollenden Lächelns jedes ihrer Worte, und schon der freundliche Ausdruck ihres Blicks verlieh selbst ihrem Schweigen einen unwiderstehlichen Zauber. Kaum war sie in mein bescheidenes Dachstübchen eingetreten, so waren ihre ersten Worte ermuthigende Glückwünsche. Sie betrachtete meine Werke mit besonderer Theilnahme und in allem, was sie ihrem Gemahl auf Englisch sagte, athmete ein entzückendes Wohlwollen. Nur einen Augenblick redeten Beide flüsternd zu einander; allein mit einem Tone und einem Ausdruck, der nur zu geeignet war, mich in jene süße Verlegenheit zu setzen, welche die Begleiterin einer freudigen Erwartung ist.

Während ich alle meine Bilder auf Lucy's Ansuchen hervorholte, um sie ihren Blicken vorzuführen, vernahm ich den Schritt meines Oheims auf dem Vorsaal. Ich lief hin, um die Thür zu öffnen.

Lucy mußte etwas ahnen; sie stand auf. Beim Anblick meines alten Oheims ging sie ihm entgegen; dann dachte sie an sich selbst und konnte ihre Bewegung nicht verbergen. Mein Oheim, heiter wie immer und seiner alten, höflichen Sitte getreu, erfaßte die Hand der jungen Dame, neigte sich und brachte dieselbe an die Lippen. Erlauben Sie, schöne Dame, sprach er, daß ich Ihnen den Besuch erwidern darf, womit Sie mich vor fünf Jahren beehrten, als Sie den Taugenichts da mir zurückbrachten... Ich weiß, fuhr er fort, als er Lucy's Thränen rinnen sah, ich weiß, Sie sind betrübt... jener edle Greis war Ihr Vater! ich weiß auch, daß dieser Herr Ihr Gemahl ist... und würdig ist, es zu sein, da Er ihn für Sie erwählt hat.

Der Herr ergriff in diesem Augenblicke die Hand meines Oheims und lud ihn ein, sich auf einen Stuhl zu setzen, den er selber herangerückt hatte, während ich in gespanntester Aufmerksamkeit auf diese Scene hinschauete.

Verzeihen Sie meine Bewegung, sagte jetzt Lucy... als ich Sie zu Lausanne sah, Sie und meinen Vater, beide beinahe in gleichem Alter, in einem Zimmer bei einander, beide für das Glück zweier Personen so nothwendig... damals empfand ich Ahnungen, welche Ihre Gegenwart mir in diesem Augenblicke allzulebendig zurückruft... Ich danke Gott dafür, daß er Sie erhalten hat. Wenn mir nicht der Zufall Herrn Julius in den Weg führte, so war meine Absicht, Genf nicht zu verlassen, ohne Erkundigungen über Sie einzuziehen... Aber es freut mich ungemein dem Anscheine nach Sie so wohlauf zu sehen, und ich empfinde eben so viel Dank als Verlegenheit darüber, daß Sie sich so hoch heraufbemüheten, mir dieses Vergnügen zu bereiten.

Beste Dame, versetzte mein Oheim, Sie sind ein liebenswürdiges Wesen! und es ist eine Lust, Sie anzuhören... Zu Lausanne stieg er auch hoch, Ihr Vater... und er wurde dafür nicht mit einem solchen Empfange gelohnt, wie man ihn nicht ohne Ihre Stimme, ohne Ihr Wesen, ohne Ihr Herz gewähren kann.... Theuerste Dame, seien Sie glücklich... Bald, ja bald steige ich noch höher!... wenn mein armer Julius dort nichts dagegen hat.

Ach, nimmermehr, bester Oheim, rief ich aus und war tief ergriffen von der eben so traurigen, als schlagenden Aehnlichkeit, welche meine gegenwärtige Lage mit derjenigen hatte, worin sich damals Lucy befand. Und in den Mienen der jungen Dame las ich, daß ihr Gedanke in diesem Augenblicke mit dem meinigen zusammentraf.

Doch, ich will Sie nicht stören, bemerkte mein Oheim nach einigen Wechselworten. Sie besehen die Versuche meines armen Julius... ich will Sie allein lassen... Ich bitte Sie, sagen Sie dem Herrn, daß ich heute bedauere, nicht lieber Englisch zu verstehen als Hebräisch, da würde ich das Vergnügen haben, ihn unterhalten zu können.

Dann faßte er die Hand Lucy's und sprach: Leben Sie wohl, mein Kind... seien Sie glücklich... Es ist ein Recht, das dem Greise zusteht, daß er eine so junge Dame mit seinen Segenswünschen begleite... Also thue ich... Leben Sie wohl, werthester Herr, Sie sind mit einander verbunden, ich werde Sie auch in meiner Erinnerung nicht von einander scheiden. Nach diesen Worten verbeugte sich mein Oheim Tom abermals, küßte Lucy's Hand und zog sich zurück. Wir begleiteten ihn alle drei, sämmtlich von dem lebhaften Gefühle der Ehrfurcht und Zuneigung erfüllt, welches in Verbindung mit einem schwermüthigen Gedanken das liebenswürdige Greisenalter einflößt.

Als mein Oheim sich entfernt hatte, setzten wir uns. Lucy sprach von ihm, sie wollte in seinen Zügen Aehnlichkeit mit ihrem Vater finden, besonders in dieser heitern Freudigkeit, in dieser so wahren Höflichkeit unter etwas alten oder vertraulichen Formen. Und oft nach diesen Bemerkungen hielt sie inne, als würde sie von dem Gedanken an den Verlust, den eine nahe Zukunft mir drohete, trübe gestimmt. Hierauf ging sie zu einem andern Gegenstande über: Herr Julius, sagte sie und eine leichte Röthe überflog dabei ihre Wangen, wir haben das Ihnen bekannte Portrait meines Vaters mitgebracht, unser Wunsch wäre, zwei Kopien davon zu besitzen. Ich hoffe, Sie werden mir die Gefälligkeit erweisen, diese Arbeit über sich zu nehmen. Ihr Talent ist uns Bürge, daß Sie unseren Erwartungen entsprechen werden, wenn schon das Andenken, welches Sie meinem vielgeliebten Vater bewahrt haben, ein Grund ist, der mich weit mehr bestimmt.

* * * * *

Man denke sich meine Freude; ich mußte dieselbe zurückhalten; allein Lucy und ihr Gemahl konnten durch meine Verwirrung und Verlegenheit hindurch die ganze Lebhaftigkeit derselben ermessen. Dieselbe wurde durch die Zuversicht, welche ich hegte, daß eine solche Arbeit meine Kräfte nicht überstieg, noch vermehrt. Denselben Tag noch holte ich das Portrait ab und ging an's Werk, ich sah mich diesmal ganz entschieden in die Bahn der schönen Künste hineingeworfen.

Unter andern Umständen hätte dies Portrait mir einige Traurigkeit einflößen können, denn es lenkte meine Einbildung lebhaft auf die Vergangenheit zurück, wo ich jene beiden Wesen, die einander so theuer waren und die jetzt der Tod schied, im vollen Leben erblickte; die Jungfrau, geschmückt mit dem lachenden Glanze der Pracht und Jugend, welche ihre Thränen noch nicht getrübt hatten, und Lucy jetzt in Trauer und Klagegewänder gehüllt... Allein ich war zu sehr von der Freude und Dankbarkeit erfüllt, als daß der Eindruck dieses Gegensatzes in mir hätte vorherrschend bleiben können.

Welch' herrliche Beschäftigung! Mein Stift hatte dies theure Gesicht nachzuzeichnen, er hatte die Umrisse ihrer Gestalt, die weiche Anmuth ihrer Haltung wiederzugeben; oft blieb ich bezaubert vor meinem Modell stehen und war für einige Augenblicke zu aufgeregt, um fortarbeiten zu können.

* * * * *

Ein vortreffliches Weib! sagte mein Oheim, als er diese großen Ereignisse von mir erfuhr; ich bedaure, nicht lieber Englisch statt Hebräisch zu verstehen,... nun bist Du recht zufrieden, mein armer Julius!... nun sei es. Aber daß die Arbeit Dir Ehre mache! setzte er hinzu, daß man die Gesetze des Lichts und Schattens beobachtet sehe, und die beiden Perspectiven, sowol die Linear- als Luftperspective... und dann, das Kunstgefühl... und... Vortreffliche Frau! In Wahrheit eben so liebenswürdig als schön!...

* * * * *

Die Kalesche Lucy's hatte während ihres letzten Besuchs auf der Seite des Hauses gehalten, die dem Hospital gegenüberliegt, während die Wagen, welche die Modelle zu meinem Kunstgenossen brachten, stets an der Kirchenseite angehalten hatten.

Dieser Umstand erregte die Aufmerksamkeit der Miethsleute. Als diese endlich nach tausenderlei Muthmaßungen, in denen sie am allerwenigsten auf mich gerathen hatten, bemerkten, daß die Kalesche mit den Wappenschildern meinetwegen da anhielt, stieg der Ruf meines Ruhmes, eines funkelnagelneuen und deshalb um so glänzenderen Ruhmes von Stock zu Stock, und der alte Schulmeister that sich etwas darauf zu gute, daß er in Bezug auf seine Vorhersagungen sprach:

-- =Non ego perfidum Dixi sacramentum.=

Was für eine schlechte Redensart führst Du da? unterbrach ihn seine Frau.

-- =Odi profanum vulgus Et arceo.=

Acht auf Deine Töpfe!

Ich dächte, daß funfzig Jahre Schulmeisterei Dir diese verwünschte Sucht lateinischer Floskeln, die Dich unerträglich machen, verleidet hätten. Kannst Du diese Dummheiten nicht sein lassen und wie alle Welt Französisch sprechen?

Du weichst sehr von Horaz ab, meine Liebe, denn der sagt:

=Nocturna versate manu, versate diurna;=

und wenn ich Dich Nachts damit verschone, kannst Du mich wol Tags über anhören.

Horaz und alle diese Leute sind große Dummköpfe, wenn sie Dir so etwas eingebildet haben. Nachts schnarchst Du, daß ich nicht schlafen kann, und am Tage machst Du mich taub mit Deinem Kauderwelsch.

Du schimpfst da auf Schönheiten, die Du nicht verstehst. Nimm doch Vernunft an, liebe Frau; wenn ich Deine Gerichte esse und sie gut finde, kannst Du doch auch meine Verse loben und ihren Duft empfinden...

=Vellem in amicitia sic erraremus.=

Meine Gerichte sind gut, aber Dein Gebräu abscheulich!

-- =Melius nil caelibe vita!=

Und ich bleibe dabei, was ich von dem jungen Manne sagte:

-- =Non ego perfidum Dixi sacramentum.=

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Andrerseits hatte der Baßspieler und seine ganze Sippschaft (ich habe schon anderswo einmal bemerklich gemacht, daß Studenten ihr Leben am Fenster verbringen) nicht ermangelt, die glänzende Kalesche zu bemerken. Wenigstens funfzehn Köpfe zeigten sich auf einmal an den Fenstern, die auf die Straße gingen, sahen neugierig die Diener herabspringen, den Schlag öffnen und die junge Dame, auf den Arm ihres Gemahls gestützt, in die Hausflur treten. Sogleich begannen die Muthmaßungen: Zu wem geht sie?... -- Wär's vielleicht, dachte der Musiker, ein Dilettant, den die Vorsehung... und alle Köpfe hatten sich an die Fenster, Dachluken und Gucklöcher begeben, welche auf den Hof gingen...

Lucy stieg die Treppe hinauf, Lucy durchschritt den letzten Stock; sicher geht die schöne Dame zu dem jungen Maler!! und mein Ruhm stieg bis zu den Sternen.

Nur der Feldmesser und seine Familie hatten für diese großen Ereignisse keine Acht. Der Herr vom Hause befand sich auf den Feldern und maß seine Winkel, die Mutter befaßte sich mit den Haushaltssorgen, während die älteste Tochter, seitwärts von mir in dem Zimmer, an den Blättern ihres Vaters arbeitete. Inmitten ihres thätigen, bedrängten Lebens gab es wenig Zeit auf die Angelegenheiten der Straße zu passen oder auf den Verkehr der Nachbarn.

* * * * *

Indessen schritt meine Arbeit vorwärts. Mit der Morgendämmerung stand ich auf und stieg in meine Werkstatt, um daselbst mit Eifer bis zur Tagesneige zu arbeiten. Diesen anhaltenden Beschäftigungen verdanke ich's, daß ich auch in etwas die Bekanntschaft des Feldmessers machte. Auch er verließ mit der Morgenröthe nebst seiner Tochter seine Wohnung; wir stiegen zusammen die Treppe hinauf, und während er in sein Arbeitszimmer trat, um dem jungen Mädchen Arbeiten für den Tag anzuweisen, ging ich meinerseits in meine Werkstatt, um mich einzurichten. Die Nachbarschaft und diese Gleichförmigkeit der Gewohnheiten brachten uns allmälig etwas näher, so daß, trotz des Werthes, den der Mann auf die Benutzung seiner Zeit legte, es bereits dahin gekommen war, daß er eine oder zwei Minuten zum Plaudern auf der Thürschwelle verwendete, wenn der Gegenstand, den wir beim Hinaufsteigen besprochen hatten, durchaus noch ein Paar kurze Worte mehr heischte. Während wir hinaufstiegen, ging seine Tochter, mit dem Schlüssel des Arbeitszimmers in der Hand, vor uns her. Sie war von anziehendem Wuchs und einem mehr edeln als hübschen Gesichte. Immer in bloßem Kopfe und äußerst einfach angezogen, waren ihre schönen an der Stirne anliegenden Haare bei ihrer Jugend und Frische ihr schönster Schmuck.

Der Einfluß einer strengen Erziehung gibt sich bei denen, welche so glücklich waren, eine solche zu genießen, in jedem Alter kund. Obgleich unterwürfig und schüchtern, trug das junge Mädchen doch auf ihrer Stirn den Ausdruck jenes etwas rauhen Stolzes, welcher sich weit kräftiger in dem Gesichte ihres Vaters aussprach. Unbekannt mit den Sitten der Welt, hatte sie ihre eigenen, edeln, zurückhaltenden, so, daß sie, einfach, wie ihr Stand, durchaus nicht den gemeinen, gewöhnlichen Ausdruck zeigte.

Aber es war doch eine höchst eigenthümliche und anziehende Sache, dieses junge Mädchen in dem Alter der Lust so fleißig zu sehen, ohne Rast und fast ohne Erholung sich Arbeiten widmend, die gewöhnlich ihrem Geschlechte fremd sind, und so jung wie sie war, gemeinschaftlich mit dem Vater für den Unterhalt der Familie sorgend.

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Ich verfehlte nicht, mich Morgens regelmäßig einzustellen, damit ich nicht nöthig hätte, allein in meine Werkstatt steigen zu müssen. Nur geschah es einige Mal, daß der Feldmesser Tags zuvor die Arbeit angewiesen hatte und Henriette allein hinaufstieg. Das waren unglückliche Tage für mich; denn ich fürchtete, daß ich ihr dieselbe Verlegenheit bereiten möchte, die ich selber bereits empfand, und ich wußte nichts Besseres zu thun, als meinen Schritt zu beflügeln, wenn ich mich vor ihr befand, oder langsamer zu gehen, wenn ich sie vor mir hinaufsteigen hörte.

Saß ich einmal in meiner Werkstatt, so gewährte mir die Anwesenheit meiner unsichtbaren Genossin einen seltsamen Reiz. Ich fand eine angenehme Zerstreuung in dem geringsten Geräusche, das mir ihren Schritt, ihr Verhalten oder ihre verschiedenen Bewegungen vergegenwärtigte. Und wenn dann die Mittagsstunde sie hinabrief, so empfand ich eine Einsamkeit und Langeweile, so daß ich mich nach und nach daran gewöhnte, mich zu derselben Stunde, wie sie, zu entfernen.

Inmitten meiner neuen Zerstreuungen fiel mir oft ein Umstand ein. Die ersten Tage vor meinem regelmäßigen Morgeneintreffen hatte sie zuweilen während der langen Arbeitsstunden ein Liedlein gesungen, dann aber hatte der Gesang plötzlich aufgehört, und just eben, als ich begann, demselben mit größerm Vergnügen zu lauschen. War es Zufall? Geschah es meinetwegen? War ich ihr schon genugsam aufgefallen, daß sie sich diesen Zwang anlegte? Bedeutete dieses Schweigen, daß sie sich mit mir beschäftigte, wie ich mich mit ihr?

Das waren hundert Fragen und eine Menge anderer dazu, die mir unendlich viel zu denken und sinnen gaben. Nach Vollendung meiner Kopien unternahm ich nichts mehr; meine Leinwand blieb leer, meine Pinsel lagen zerstreut umher. Nichts hatte Reiz für mich, neben dem Gefühle, welches meine Tage erfüllte.

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Und es waren nicht mehr wie sonst Träumereien, deren Leere und Hohlheit ich mir selbst gestand. Dieses Mal vielmehr kam der Gedanke an Heirath von vorn herein in meinen Sinn, und als er einmal da war, wollte er nicht wieder fort.

Glückliches Alter, in dem ich mich damals noch befand! letzte schöne Tage, die bald das Alter der Erfahrung und Reife abschließen soll! Ehe ich noch ein Wort mit dem Mädchen gesprochen hatte, nahm ich mir vor, sie zu heirathen. Bevor ich noch über diesen beschwerlichen Stand einmal nachgedacht, den die Dichter uns als das Grab der Liebe malen und die Moralisten als ein heiliges aber fesselschweres Joch, steuerte ich darauf los wie zu einem Gestade voll Blumen und Duft. Bevor ich mich darum kümmerte, wie oder wovon ein Haus besteht, oder eine Familie aufblüht, beschäftigte ich mich bereits und vorzugsweise, gewisse Anordnungen herauszuklügeln, deren leichte Möglichkeit meinen Wünschen allen Reiz naher Wirklichkeit verlieh.

In der That, mein ganzes Streben ging darauf hin, eine Thür in die Breterwand zu brechen; dann wurde Henriettens Dachstübchen unsere Hochzeitskammer, das meinige unser Arbeitszimmer, wo, sie an ihren Schreibereien, ich an meiner Leinwand, uns die Tage in Frieden, Glück und Liebe gesponnen, dahinflossen.

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Eines Morgens dachte ich, in mein Fenster gelehnt, an dergleichen Dinge und schaute gewohnheitsmäßig dem alten Schulmeister zu, welcher die Tulpen seines Gärtleins begoß; da erschien auf einmal Henriette an ihrem Fenster.

Sie suchte mich nicht, wie ich an der lebhaften Röthe, die plötzlich ihre Wangen färbte, erkennen konnte. Indeß, um nicht merken zu lassen, daß meine Anwesenheit einen größern Eindruck auf sie mache, als ihr Stolz zu gestehen erlaubte, so konnte sie nicht sogleich wieder zurückgehen. Sie blieb also; nur um ihre Verlegenheit zu verbergen, blickte sie auf die entgegengesetzte Seite nach den Wolken in der Luft.

Die Gelegenheit war vortrefflich, um endlich mit derjenigen, die ich zu meiner Frau machen wollte, ein Gespräch anzuknüpfen. Ich raffte also meine Kräfte zusammen, um meine lebhafte Unruhe zu überwinden.

Diese Tulpen... sagte ich zum Schulmeister...