Die Ausgrabungen der Universität von Pennsylvania im Bêl-Tempel zu Nippur
Part 2
Ausser den oben erwähnten 23000 literarischen Keilschrifttexten der Bibliothek und Priesterschule sammelte die Expedition nahezu 28000 meist gut erhaltene geschäftliche Urkunden (Abb. 6) aus dem dritten, zweiten und ersten Jahrtausend hauptsächlich im westlichen Stadtteile und etwa 2000 vorsargonische Keilschrifttafeln aus dem fünften und vierten vorchristlichen Jahrtausend meist in den unteren Schichten des Bêl-Tempels. Zu diesem Gesamtresultate von 53000, vielfach fragmentarischen Keilschrifttafeln, an Grösse zwischen 2 cm und nahezu ½ m schwankend, zu deren Auffindung eine Gesamtarbeitszeit von etwa 2½ Jahren unsererseits nötig war, gesellen sich ca. 800 oft sehr kleine Vasenfragmente aus stalagmitischem Kalkstein, welche sich als besonders wertvolle Quellen für die Rekonstruktion der ältesten Geschichte Babyloniens erwiesen. Dazu kommen einige unveröffentlichte Grenzsteine aus der Zeit der Könige der Pasche-Dynastie (ca. 1100 v. Chr.); etwa 20 beschriebene Türsteine von den Tagen der uralten Könige Lugal-kigub-nidudu und Sargon I. bis herab zum Kassitenherrscher Kurigalzu; eine ganze Anzahl königlicher Votiv-Inschriften auf Türkis, Achat, Lapislazuli, Magnesit, Feldspat u. s. w. aus dem zweiten Jahrtausend; 60-80 schön geformte Backstein-Stempel Sargons I. und Narâm-Sins, nicht mit Unrecht bezeichnet als die ersten historischen Handdruckpressen zweier Könige, welche vor den Nuffar-Ausgrabungen allgemein als halbmythische Personen betrachtet wurden. Ferner erwähne ich etliche sumerische Steintafeln, die Bau-Urkunden mehrerer Könige von Ur (drittes Jahrtausend), die Toncylinder Samsu-ilunas, Sargons II., des Zerstörers Samarias, und Aschurbânapals, des letzten grossen Herrschers von Assyrien. In Kürze mag wenigstens angedeutet werden, dass 3-400 Siegelcylinder aus den Geschäftshäusern und den parthischen Gräbern und ebenso viele hebräische, mandäische, syrische und arabische Tonschalen gesammelt wurden. Die letzteren wurden meist umgestülpt am Erdboden gefunden (Abb. 8). Hie und da lag ein kleiner beschriebener Schädel (offenbar von einem Tiere herrührend) oder ein beschriebenes Hühnerei als Opfer für die zu besänftigenden bösen Geister darunter. In anderen Fällen waren zwei Schalen mit der Innenseite durch Erdpech zusammengekittet, um das Entweichen der offenbar darin gebannt gedachten Dämonen zu verhindern.
Alle diese Sachen gehören im wesentlichen dem unter dem Einflusse babylonischer Dämonologie degenerierten Judentume und anderen verwandten Sekten der 5-8 nachchristlichen Jahrhunderte an. Sie lehren uns in ihrer Weise, welcher Art der religiöse Einfluss gewesen sein mag, welcher von Babylon auf das vom heimatlichen Boden und dem Weckruf seiner Propheten losgelöste Judah ausging.
Die meist den Gräbern und Totenurnen entnommenen kostbaren Geräte und Schmucksachen (Abb. 9) aus verschiedenen Steinen, Kupfer, Bronze, Silber und Gold betragen mehr denn ½ Centner, wobei die zahlreichen Silbermünzen der älteren griechischen und parthischen Periode und sogar aus noch späterer Zeit völlig unberücksichtigt geblieben sind. Mehrere hundert Silbermünzen aus der Zeit der ‘Omajjaden- und ‘Abassiden-Kalife, von denen Hârûn er-Raschîd der bekannteste ist, wurden in den Abhängen der Hügel in zwei grossen Nestern gefunden. Von den massenhaft vorkommenden nachbabylonischen Ton-Särgen, welche meist ohne jegliche Ordnung über- und nebeneinander (vgl. S. 37) angetroffen werden, haben wir ca. 2500 näher untersucht. Noch wichtiger waren die Totenurnen ans der ältesten vorhistorischen Zeit, die in Verbindung mit Tausenden von Tonvasen aus allen Jahrhunderten babylonischer Geschichte unsere Kenntnis von der allmählichen Entwicklung der Keramik im Zweistromlande ein gut Teil fördern werden.
Im Laufe der Ausgrabungen stellte es sich heraus, dass auch auf diesem Gebiete mancherlei Berührungspunkte zwischen dem modernen und alt-babylonischen Töpfergewerbe bestehen. Als besonders in die Augen springend hebe ich hervor, dass tönerne Dreifüsse, ähnlich denen, welche in den heutigen Porzellanfabriken (Abb. 10) dazu verwendet werden, die übereinander getürmten einzelnen Teller und Schalen während des Brennungsprozesses voneinander möglichst getrennt zu halten, bereits in der Nähe einer babylonischen Töpferei aus dem dritten Jahrtausend entdeckt wurden (Abb. 11). Spuren der drei Berührungspunkte jener Dreifüsse liessen sich namentlich auf vielen emaillierten Schalen der Partherperiode ohne Schwierigkeit nachweisen. Die Töpferei selbst lehnte sich an die NO.-Mauer des Tempelkomplexes und wurde von unseren Arabern gegen Ende der vierten Kampagne sofort als solche erkannt, da derartige primitive Öfen -- als eine Kombination von Töpferei und Garküche -- bis auf den heutigen Tag in Baghdâd, Hilla und Basra sich erhalten haben. Obwohl in sehr ruinenhaftem Zustande, liessen sich die ursprünglichen neun Bögen und Luftschächte noch nachweisen, so dass der Expeditionsarchitekt Fisher die ursprüngliche Anlage restaurieren und veranschaulichen konnte, in welcher Weise der Bau geheizt und ventiliert wurde.
Doch lassen Sie mich nicht länger bei Einzelheiten verweilen, die, aus dem Zusammenhange gerissen, doch nur eine höchst lückenhafte Vorstellung von dem tatsächlichen Inhalte der Ruinen von Nippur zu geben imstande sein dürften. Unser wesentliches Interesse haftet an dem grossen Tempelkomplexe des Bêl, dem uralten Zentralheiligtum Babyloniens, das bereits auf eine mehr denn 2000jährige Geschichte zurückblicken konnte, ehe Babylon unter Hammurabi (gegen Ende des dritten Jahrtausends) zur politisch-religiösen Metropole des geeinten Reiches erhoben wurde.
Es war eine unserer Expedition als selbstverständlich zufallende Aufgabe, in erster Linie den grossen Etagenturm aus der Masse darum- und darüberliegender späterer Gebäude herauszuschälen und von ihm aus, als der natürlich gegebenen Basis, das angrenzende Plateau in den Kreis unserer Untersuchungen hineinzuziehen, um so nach und nach ein einheitliches Bild von der ganzen Tempelanlage und ihrer langen Geschichte zu gewinnen und zugleich das genauere Verhältnis eines babylonischen Turmes zu dem daranstossenden besonderen Heiligtum festzustellen. Ausserordentliche Schwierigkeiten stellten sich unserem Vorhaben entgegen.
Ich denke dabei nicht an die ungesunden klimatischen Verhältnisse, die heissen Sandstürme und die uns zeitweilig auf allen Seiten umgebenden Sümpfe mit ihren giftigen Miasmen, von denen wir alle im Anfang mehr oder minder zu leiden hatten, auch nicht an die geradezu entsetzliche Plage der Moskitos, Sandfliegen und anderer kleiner Insekten, welche regelmässig Mitte April ihren Anfang nahm. Ich habe auch nicht im Auge jene zwei tollkühnen kurdischen Räuber, welche Pilger, Händler, Reisende und sogar militärische Schutzkolonnen mit Erfolg attackierten, plünderten und mordeten und zum Entsetzen Haynes 18 Monate lang unweit Nuffars in den +‘Afeč+-Sümpfen ihr Hauptquartier aufschlugen. Noch möchte ich besonderes Gewicht darauf legen, dass unsere Araber von regelmässiger Arbeit keine Ahnung hatten, dass sie unzählige Male ihre primitiven Körbe und Geräte plötzlich niederwarfen, zu den Waffen griffen, eine _hausa_ aufführten (Abb. 13) und zu ihren in der Nähe sich befehdenden Stammesgenossen schreiend und gestikulierend enteilten. Es genüge, darauf hinzuweisen, dass im Jahre 1894 binnen 8 Monaten 13 Araberschlachten nicht weit von den Ruinen stattfanden, in deren einer nicht weniger denn 70 Tote auf dem Platze blieben, und dass wir selbst zu Beginn unserer Ausgrabungen zu Nuffar der Regel nach mit dem Gewehre in der Hand gruben, entzifferten und schliefen, und dass wir schliesslich durch Erschiessen eines Saïd-Beduinen dem Gesetze arabischer Blutrache anheimfielen, von dem ganzen Stamme umzingelt und belagert wurden und trotz militärischen Entsatzes nach Vernichtung unseres ganzen Lagers, dem Verluste einer beträchtlichen Geldsumme und der meisten Pferde über die Sümpfe mit unseren geretteten Antiquitäten uns zurückziehen mussten.
Alle diese und andere Schwierigkeiten der ersten Jahre kann ich jetzt um so mehr übergehen, als dieselben seither durch unsere freundschaftlichen Beziehungen zu den einflussreichsten Stämmen, vor allen Dingen zu +Ḥağği Ṭarfâ+, dem Hauptscheich der +‘Afeč+, und +‘Abud el-Ḥamîd+, dem Führer der sechs +Ḥamza+-Stämme, zum grössten Teil gehoben oder doch gemildert sind, und dank der energischen Bemühungen der ottomanischen Regierung, welche den Sitz ihres Subgouverneurs (_Muteṣṣarif_) von Hilla nach Dîwânîje verlegt und das dortige Militär sogar durch Artillerie bedeutend verstärkt hat, eine wesentliche Besserung in den früheren heillosen Zuständen des +‘Afeč+-Landes eingetreten ist.
Die Schwierigkeiten, welche ich gegenwärtig im Auge habe, beziehen sich auf die Trümmerhügel selbst und auf die mannigfachen Hindernisse, welche sich meiner näheren Bestimmung des Alters unbeschriebener oder undatierter Antiquitäten und der Bedeutung der nach allen Richtungen hin scheinbar gesetzlos laufenden Mauerreste anfänglich entgegenstellten. Nach jahrelangem Studium ist es mir endlich gelungen, eine gewisse Ordnung in die oft so verworrene Trümmermasse zu bringen. _Einundzwanzig_ verschiedene Strata lassen sich in den Ruinen Nuffars mit Sicherheit nachweisen. Jedoch ist dabei zu berücksichtigen, dass diese Einzelphasen in der Geschichte jener uralten Stadt, deren Gründung die babylonische Schöpfungslegende unmittelbar an den Anfang menschlicher Geschichte verlegt, keineswegs in jedem Teile der Ruinen festgestellt werden können. An manchen Stellen lagern die Reste des zweiten Jahrtausends direkt auf denen der vorsargonischen Periode, an anderen sind dieselben durch 10-15 Fuss Schutt voneinander geschieden, noch anderswo treten die Reste der ältesten Zivilisation, wie in Fâra, fast unmittelbar an die Oberfläche. Es scheint demnach von vornherein klar, dass manche Quartiere Nippurs oft Jahrhunderte hindurch und noch länger unbesiedelt geblieben sein müssen, während andere wiederum fast ununterbrochen mit Häusern besetzt waren. Jedoch hat dieser Satz nur sehr allgemeine Geltung. Denn es bleibt notwendigerweise die Aufgabe bestehen, in jedem besonderen Falle erst nachzuweisen, inwieweit spätere Generationen hier zerstörend eingegriffen haben, sei es auch nur, um sich billigeres und besseres _Baumaterial_ zu verschaffen. Gilt doch noch heute allenthalben in Babylonien als feststehende Tatsache, dass früher bearbeiteter Ton ein vorzüglicheres, weil zäheres Material zur Bereitung von Luftziegeln bietet, als frisch aus der Grube gewonnene Erde; und haben doch gerade die parthischen Baumeister fast ausschliesslich aus den altbabylonischen Bauresten die Festungen und Paläste errichtet. Nur im Tempelhügel selbst, wo in älterer Zeit eine gewisse Scheu vor dem Eigentume der Götter und in nachbabylonischer Zeit militärische Rücksichten zur besseren Erhaltung der Hauptgebäude trieben, lassen sich jene 21 Schichten an der Hand wertvoller Plattformen, welche den Trümmerhügel gewissermassen in Grade abteilen, einzelner Mauerreste, beschriebener Antiquitäten, charakteristischer Tonscherben, eigentümlich gestalteter Backsteine und sonstiger Hilfsmittel der Archäologie mit grösserer Bestimmtheit aufdecken.
Diese 21 übereinander lagernden Strata, von denen nur die hauptsächlichsten in dem hier wiedergegebenen Diagramme angedeutet sind (Abb. 15), lassen sich in natürlicher Weise in _drei_ reinlich voneinander geschiedenen grossen successiven Perioden behandeln. Wir unterscheiden demgemäss, an der Oberfläche des Hügels beginnend:
1. Die _nachbabylonische Periode_ von etwa 300 v. Chr. bis ca. 1000 n. Chr., gekennzeichnet durch 6-24 m hohe Schuttanhäufungen in 6 verschiedenen Schichten. Der Unterschied in der Zahlenangabe der Meter ist bedingt durch das Höhenverhältnis zwischen den Resten des Etagenturmes, der im ersten Abschnitt dieser Periode militärischen Zwecken dienstbar gemacht wurde, und dem daran grenzenden Plateau.
2. _Die semitisch-babylonische Periode_ von rund 4000 bis 300 v. Chr., repräsentiert durch 4½-6 m hohe Trümmer und Plattformen im Tempelhofe: 9 verschiedene Strata.
3. Die älteste oder _prähistorisch-sumerische_ Periode, von unbekannten Anfängen bis gegen 4000 v. Chr., repräsentiert durch 6-9 m tiefe Ruinen: 6 verschiedene Strata.
Der tiefste Laufgraben, den wir demgemäss bis jetzt in den Tempelhügel von Nuffar getrieben haben, misst 128 Fuss oder etwa 39 m von der Oberfläche bis zum Grundwasser. Die beifolgende Illustration (Abb. 16), in welcher rechts und links und an der Hand der (oberhalb allerdings schon beträchtlich abgebröckelten) Prüfungssäule die Höhe der ursprünglichen Schuttablagerungen noch deutlich zu sehen ist, wird einigermassen veranschaulichen, welche gewaltige Massen von Débris seitens der Expedition zu untersuchen und abzutragen waren, bevor die gigantischen Reste des Tempels aus ihrer Hülle hervortraten. Selbst im Zustande äusserster Vernichtung legen diese bröckelnden Mauern noch beredtes Zeugnis ab für den aufstrebenden Geist eines untergegangenen Kulturvolkes, auf dessen Schultern wir noch heute stehen, und noch immer scheinen sie wiederzuhallen von den Klängen jener altsumerischen Hymne, welche zu Ehren des Enlil oder Bêl im Schatten seines Heiligtums vor Tausenden von Jahren ertönte:
Hochragender Berg des Enlil, _Imcharsag_, Gen Himmel anstrebend mit kühnem Haupt, Die Wurzeln schlagend im klaren Abyssos, Im Lande sich lagernd wie ein mächtiger Stier, Dessen Hörner erglühen gleich dem flammenden Lichte, Wie die Sterne am Himmel erglänzen in Pracht!
Unterziehen wir zunächst die 6 nachbabylonischen Strata mit ihrem seltsamen Gemisch von 12-1300jähriger Geschichte einer kurzen Prüfung, so ergibt sich als hauptsächlichstes Resultat die charakteristische Tatsache, dass bald nach der Rückkehr Alexanders des Grossen aus Indien und seinem vorzeitigen Tode im Palaste Nebukadnezars am Euphrat, also etwa um 300 v. Chr., der Tempel des Bêl als Heiligtum aufhört zu existieren. Hellenistischer Einfluss lässt sich allenthalben spüren, an den Mustern von Friesen, an dem Medusenhaupte auf einer schönen braunemaillierten Lampe (Abb. 17), an den gefälligen Formen von dünnwandigen Terrakotta-Vasen, an eigentümlichen langstieligen Vasen, Fläschchen, Schalen usw. aus Glas, an rhodischen Krügen mit griechisch gestempelten Henkeln, an den häufiger werdenden _hohlen_ Terrakotten mit einem Überzug aus weisser Paste, den faltigen Gewändern der Frauen, den erotischen Darstellungen, selbst an dem Spielzeug der Kinder und den Klappereiern (Hühner, Trommeln, Puppen u. s. w.) der Säuglinge.
Neue Götter mit ihren fremdländischen Kulten verdrängen die alten Sitten und Gebräuche. Seleucia am Tigris tritt an die Stelle von Babylon, und auf den Trümmern uralter Tempel erheben sich drohende Festungen und Paläste. Die Seleucidenherrschaft geht schnell zu Ende. Parthische Reiterscharen durchschwärmen die Ebene von Sumer und Akkad. Mehr denn 400 Jahre lang werden die Arsacidenfürsten die Erben des grossen Macedoniers. Noch einmal macht sich ein gewisser Wohlstand im Lande geltend. Die alten Ruinen werden nach Schätzen fleissig durchwühlt. Ausgedehnte Ansiedelungen und imposante Bauten bedecken sämtliche Trümmerhügel des alten Nippur. Eine kurzlebige Kunst und Zivilisation erblühen, zusammengeschweisst aus griechisch-römischen und orientalischen Elementen, -- das letzte Aufflackern eines abgebrannten Lichtes vor seinem schliesslichen Erlöschen.
Der Etagenturm des Bêl ist durch vier gewaltige Seitenflügel erweitert und in eine fast uneinnehmbare Citadelle verwandelt. Ein 21 m tiefer Brunnen, durch die kompakte Masse gegraben, versorgt die Besatzung mit Wasser. Aus drei Jahrtausenden zusammengewürfelte Backsteine der Könige Ur-Gur (ca. 2700 v. Chr.), Kadaschman-Turgu (ca. 1300 v. Chr.) und Aschurbânapal (668-626 v. Chr.) bilden seine Umrahmung. Und rings um dieses weit in die Lande schauende Bollwerk gruppiert sich ein verhältnismässig wohlerhaltener Palast. 18 m hoch und (je nach der Höhe) 9 bis 12 m dick stehen die äusseren Mauern noch da. Über dem alten Eingang des Tempels erhebt sich ein massiver Turm zum Schutze der Bewohner. Die steil in die Ebene abfallende westliche Ecke ist von den winterlichen Regen zum grössten Teil hinweggeschwemmt und vernichtet.
Gleich dem darunter liegenden babylonischen Heiligtume bestand dieser umfassende parthische Bau (Abb. 18) aus zwei aneinander grenzenden Höfen. Der südliche ist auf dem Plane unten nur eben angedeutet. Die äussere Befestigungsmauer des nördlichen Hofes, etwa 168 m lang, war auf drei Seiten mit Baracken für die Soldaten, mit Gefängnissen und Kornspeichern dicht besetzt. Durch einen Korridor von der ersten Mauer getrennt, erhob sich eine zweite von ungleicher Stärke. Unmittelbar dahinter befinden sich (mit C angedeutet) die Wirtschaftsräume und die Zimmer der Dienerschaft, welche durch eine parallel mit der Front des alten Etagenturmes laufende, gut kanalisierte Strasse (2) im NO. von den grossen Empfangszimmern des Kommandanten (B), im NW. dagegen vom Harem oder den Familiengemächern (A) getrennt waren. Etwa zwei Drittel vom ganzen Komplexe sind untersucht worden. Der Haupteingang war zweifellos nahe der noch nicht genügend durchforschten nördlichen Ecke. Reste einer in etwas anderem Winkel zum Etagenturm gerichteten älteren (Seleuciden?) Festung -- im Plane durch I gekennzeichnet -- liegen 1½ bis 2 m unterhalb dieses parthischen Palastes. Dreimal wurden die Türen und Wände der Zimmer und Korridore des jüngeren Baues wegen der ständig wachsenden Schmutzablagerungen beträchtlich erhöht, wie dies aus den erhaltenen oberen Resten der Prüfungssäule noch einigermassen hervorgeht, so dass vier Perioden in genannter Festungsanlage mit Sicherheit nachgewiesen werden können. Die für diese ganze Zeit von 4-500 Jahren charakteristischen Formen von Terrakotta-Vasen werden durch die beifolgende Illustration im grossen und ganzen veranschaulicht (Abb. 19).
Aus derselben Zeit stammt ein aus ähnlichem ungebranntem Material erbauter, nur etwa 40 Räume und Hallen umfassender kleinerer Palast. Er bedeckt eine Grundfläche von 51 m im Quadrat und liegt auf der westlichen Seite des Chebar. Der absolut unbabylonische Charakter dieses von Peters seltsamerweise für kassitisch erklärten Gebäudes springt beim ersten Blick auf seinen Grundriss von selbst in die Augen (Abb. 20). Die klare und regelmässige Einteilung des ganzen Komplexes -- rechts der Säulenhof, Altar und die grosse Empfangshalle für die Männer, links die nach demselben Prinzip angelegte Abteilung für die Frauen und Dienerschaft -- die methodische Gruppierung der einzelnen Zimmer um zwei Lichthöfe, die reichliche Verwendung der nach oben zu sich verjüngenden Backsteinsäule als wesentlichen dekorativen Elementes, ein ausgesprochener Geschmack und Schönheitssinn in Bezug auf Grössenverhältnisse, das offenbare Streben nach Einheit trotz aller gewahrten Rücksicht auf Bequemlichkeit sind weit mehr charakteristische Züge etwa der griechischen Häuser auf Delos als der meist von ganz anderen Gesichtspunkten aus zu beurteilenden Lehmbauten des alten Babylonien. Der Grundstein dieses hellenistischen Palastes lag denn auch etwas über 12,5 m über dem Niveau der heutigen Ebene.
Nur halb so hoch und halben Weges zwischen dem Shaṭṭ en-Nîl und dem Etagenturme gelegen, befand sich ein ebenfalls der Partherperiode angehöriger kleiner Tempel. Er war ursprünglich ein Kuppelbau nach Art der bekannten Turben und Heiligengräber der islamischen Länder. Seine mit Stuck bedeckten vier Wände waren in der Mitte durchbrochen, und seine Ecken in altbabylonischer Weise nach den vier Himmelsgegenden gerichtet. Der Altar erhob sich wie ein kleiner Etagenturm in vier Stufen aus einer niedrigen Aschenschicht auf der südöstlichen Seite, jedenfalls damit die Strahlen der Sonne ihn zu einer bestimmten Tages- und Jahreszeit in Verbindung mit dem Kultus voll trafen.
Aber verlassen wir die an Interessantem und Lehrreichem nicht minder als an Rätselhaftem noch so reiche Partherzeit. Die Ruhestätten der Toten begegnen uns bereits neben den Wohnungen der Lebendigen, bald in den Abhängen der Hügel, bald unter den Häusern der Bevölkerung, und zwar sind es meistens aus älteren Backsteinen hergestellte Gewölbebauten, welche oft eine ganze Anzahl Leichen bergen. Eines dieser Gräber (unterhalb des Bodens von Zimmer Nr. 3 auf dem Plane der obigen Partherfestung, S. 31) war glücklicherweise der Plünderung in alter Zeit entgangen. Es enthielt reichen Goldschmuck, nämlich zwei ursprünglich die Gesichter der Verstorbenen bedeckende Goldplatten von je ca. 15 cm im Geviert, zwei ca. 30 cm lange Stirnbänder, zwölf Rosetten, vier glockenförmige Ornamente, 48 kleine Goldknöpfe, einen goldenen Ohrring, zwei mit Rubinen und Türkisen besetzte Sandalenschnallen (Abb. 21), Löwenköpfe im Relief darstellend, sowie eine Goldmünze des römischen Kaisers Tiberius, wodurch das Alter des Grabes mit grösserer Sicherheit als gewöhnlich bestimmt werden konnte.
So sinkt denn Bêls Stadt allmählich wieder zu dem herab, was sie zu Anfang ihrer vieltausendjährigen Geschichte gewesen -- _ein weitgestreckter Friedhof_. Mit dem Emporkommen der Sassaniden-Dynastie (226-643) ist die Bedeutung des Ortes vorüber. Die parthischen Paläste verfallen und werden zu Leichenhäusern. Keine ansehnlichen neuen Gebäude entstehen mehr auf den Trümmern der alten. Nur elende Lehmhütten bedecken auch jetzt noch die bedeutenderen Punkte. Wohin der Spaten trifft, sind die oberen 5-30 Fuss Trümmer gefüllt mit sassanidischen Gräbern, bisweilen begleitet von schlechtgravierten Siegelsteinen, geschmückt mit leidlichen Porträtköpfen, schwer zu erratenden Tiergestalten und allerhand phantastischen Pflanzen.