Die Ausgrabungen der Universität von Pennsylvania im Bêl-Tempel zu Nippur
Part 1
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DIE AUSGRABUNGEN DER UNIVERSITÄT VON PENNSYLVANIA IM BÊL-TEMPEL ZU NIPPUR
EIN VORTRAG VON H. V. HILPRECHT
WISSENSCHAFTLICHEM DIREKTOR UND VERANTWORTLICHEM HERAUSGEBER DER RESULTATE DER EXPEDITION
MIT 56 ABBILDUNGEN UND EINER KARTE
LEIPZIG J. C. HINRICHS’SCHE BUCHHANDLUNG 1903
Das Recht der Übersetzung wird vorbehalten.
Das Land, in das ich Sie bitten möchte, mich heute abend kurz zu begleiten, ist Ihnen allen von Jugend auf aus dem Alten Testamente wohl bekannt. Es ist die kleine Alluvialebene südlich von Baghdâd, von den Stromläufen des Euphrat und Tigris begrenzt, der Sitz uralter Staatenbildungen. Von den einheimischen Keilschriftquellen wird es am gewöhnlichsten mit dem Doppelnamen _Sumer und Akkad_ bezeichnet, doch uns allen geläufiger ist der klassische Name _Babylonien_. In der modernen Geographie heisst es +‘Irâq el-‘Arabî+, während die arabische Bevölkerung es in ihrer eigenen graphischen Weise oft nur kurz als +El-Ğezira+, d. h. „die Insel‟, bezeichnet.
Es ist so recht eine Toteninsel, ein Land der Gräber und des Schweigens. Der ausgestreckte Arm Gottes lastet seit 2000 Jahren schwer auf dem unglücklichen Lande. Das Wort Jesaias: „Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern! Wie bist du zur Erde gefället, der du die Heiden schwächtest!‟ (Jesaia 14) klingt wie eine Totenklage durch Babylons zerbröckelnde Mauern, hallt wie das spottende Echo des prophetischen Fluches von den hingesunkenen Türmen und Tempeln Nuffar’s und Warkâ’s.
Durch die schönen methodischen Ausgrabungen der Deutschen Orient-Gesellschaft unter der vorzüglichen Leitung Dr. Koldeweys, durch die geplante Eisenbahn nach Baghdâd, und vor allem durch eine Reihe populärer Vorträge und Flugschriften ist das dem weiteren Publikum bislang ziemlich entrückt gewesene Babylonien plötzlich in das Zentrum öffentlichen Interesses auch in Deutschland getreten. „Babel und Bibel‟ und „Bibel und Babel‟ tritt dem Beschauer in jeder Buchhandlung entgegen; und es gilt fast für unwissenschaftlich und teilnahmslos, wenn man als Assyriologe von Fach nicht auch seinen Beitrag zu dem, was alle Gemüter bewegt, gibt. Man hat, wie so oft in der Geschichte, zwei vollständig getrennte Gebiete, Wissenschaft und Offenbarungsreligion, miteinander verquickt -- man wird die Konsequenzen davon tragen müssen.
Es kann trotz einer beständig anschwellenden Literatur über diesen Gegenstand nicht meine Aufgabe sein, in die allgemeine Diskussion an dieser Stelle einzugreifen, obwohl vielleicht meine eigenen letzten Ausgrabungen in den älteren Schichten der Ruinen des Bêl-Tempels zu Nuffar etwas frisches Gewürz in den brodelnden Kessel zu werfen im stande sein dürften. Das _eine_ aber kann ich mir des allgemeinen Interesses halber schon hier nicht versagen, Ihnen einige nackte Tatsachen des heutigen Babel mit den ausdrucksvollen Worten der alten Bibel vor Augen zu führen. Halten Sie mir also freundlichst zu gute, wenn ich den gegenwärtigen Zustand des tief heruntergekommenen Landes meiner Liebe und meiner Studien Ihnen nicht besser zu schildern verstehe als in der Sprache eines Jesaia und Jeremia, doppelt bedeutsam, wenn wir berücksichtigen, dass die citierten Worte aus einer Zeit herrühren, da Babylonien noch ein weitgestrecktes Prachtgefilde und ein blühender Garten war.
Die Öde und grenzenlose Zerstörung, welche das heutige Babylonien charakterisieren, sind so allgemein und ergreifend, dass, obwohl ich während der letzten 14 Jahre das Land des öfteren durchforscht habe, sie noch immer ihren erschütternden Eindruck auf mich nicht verfehlen. Von ‘Aqarqûf im Norden bis gen Qorna im Süden, wo die beiden Ströme sich einigen, sieht es aus, als ob „Gott Sodom und Gomorra umgekehrt‟ hätte (Jes. 13, 19; Jer. 50, 40). Die zahllosen grossen und kleinen Kanäle, welche gleich Nahrung spendenden Adern die fruchtbare Ebene nach allen Richtungen hin durchströmten und fröhliches Leben und Gedeihen nach jeglichem Dorfe und Felde brachten, sind seit langem mit Schutt und Erde verstopft. Von fleissigen Händen nicht mehr gesäubert und vom Euphrat und Tigris nicht länger gespeist, sind sie nach und nach völlig versandet. -- Fürwahr, es ist Trockenheit gekommen über Babels Wasser, dass sie versiegten (Jer. 50, 38). Nur ihre hohen Uferdämme, die infolge der Luftspiegelung oft zu imposanten Gebirgszügen anwachsen und wie ein weitmaschiges Netz verlassener Strassen in langen Fäden das Land durchziehen, bis sie in nebliger Ferne allmählich sich verlieren, trotzen noch immer dem Zahne der Zeit.
Die sprichwörtliche Fruchtbarkeit und Wohlfahrt Babyloniens sind zwar nicht vorüber, wohl aber schlafen gegangen. Es gilt auch von ihm (3. Mose 26, 34. 35): „Das Land feiert und lässt sich seine Sabbathe gefallen‟. Seine „Stätte ist zur Wüste und zu einem dürren öden Lande worden, zum Lande da niemand innen wohnt‟ (Jer. 51, 43). Der Boden ist versengt, mit Scherben und Salpeter bedeckt und an vielen Stellen unter drei bis vier Fuss tiefem Flugsande begraben. Nur hie und da wuchern +‘arid+ und +ṣerîm+, +qubbâr+ (+caparis spinosa+, der Caperstrauch) und +ṭarfâ+ (die Tamariske) und anderes niedriges Gestrüpp der Wüste.
So düster das soeben entworfene Bild uns erscheint, es berücksichtigt erst die _eine_, und nicht einmal die ergreifendste Seite von Babyloniens gegenwärtiger trostloser Lage. „Wie ist Babel so zum Wunder worden unter den Heiden! Es ist ein Meer über Babel gegangen, und sie ist mit seiner Wellen Menge bedeckt‟ (Jer. 51, 41. 42). Im Herbste und Winter gleicht Babylonien einer _Sandwüste_, aber im Frühling und Sommer ist es zum grossen Teile ein unwirtlicher Sumpf, eine wahrhaftige _Wasser-_ oder _Meereswüste_[1] (Jes. 21, 1). Selbst Baghdâd ist oft wochenlang fast vollständig von einem grossen See umschlossen, der 10 bis 20 englische Meilen nach mehreren Richtungen hin sich erstreckt. Seine Dattelhaine stehen unter Wasser (Abb. 1), Brücken und Häuser werden fortgerissen, und Araber mit ihren Herden kommen elendiglich um in den Fluten.
Während der Zeit der alljährlichen Überschwemmung schiesst allenthalben in den stagnierenden Gewässern eine üppige Vegetation empor. Grosse Scharen von Vögeln mit glänzendem Gefieder bevölkern die Moräste, die, mit weissen Ranunkeln wie mit einem wundersamen Teppich bekleidet, im Frühling einen reizvollen Anblick gewähren. Schildkröten und Schlangen gleiten behend durch die von alten Kanälen gebildeten offenen Fahrstrassen in den Lagunen, und unzählige kleine grüne Frösche hocken auf dem leise im Morgenwind rauschenden Schilfe. Hässliche Büffel waten und plantschen zwischen Binsen und scharfkantigen Gräsern. Wilde Tiere, Eber und Wölfe, Hyänen und Schakale, Wildkatzen und die in den letzten Jahren allmählich seltener gewordenen Löwen hausen in den Dschungeln oder Ruinen. Hier und da ragt ein grösseres Stück Land, beschützt von einem Erdkastell (+meftûl+) (Abb. 2), eine niedere Insel, oder ein vereinzelter Trümmerhaufen, als stummer Zeuge einer untergegangenen Herrlichkeit, aus den giftgeschwängerten Sümpfen.
Unschöne, blau tätowierte Frauen mit grossen Nasenringen, halbnackte hagere Männer mit strähnenweis herabhängendem Haar, und schlechtgenährte, dickbäuchige Kinder, von der Sonne fast schwarz gebrannt, bewohnen diese unwirtlichen Gegenden. Von Schmutz und Ungeziefer starrende Hütten, sogenannte +ṣerîfas+ (Abb. 3), gewähren ihnen dürftigen Schutz während der Nacht. Bei Tage durchkreuzen sie die Wasser in langen, schmalen Booten (+ṭurrâdas+) mit Hilfe der langen Bambusstange (+merdî+) und fangen Fische mit dem fünfzackigen Speere. Oder sie weiden an den Rändern des überschwemmten Gebietes ihre dürftigen Herden und lauern, mit Keule und Feuersteingewehr bewaffnet, im Hinterhalt auf Beute.
Obwohl für gewöhnlich gutmütig und in den Tag hineinlebend wie unerzogene Kinder, sind diese Ma‘dân-Stämme, d. h. wörtlich „Ignoranten‟, doch nicht frei von einer gewissen Heimtücke, dazu leicht erregbar und bei der geringsten Provokation bereit zum Kampfe. Ohne besondere körperliche Vorzüge und scheinbar arm an den sprichwörtlichen arabischen Tugenden werden sie von den städtischen Händlern gefürchtet, aber von den oft tief in ihr Gebiet eindringenden Schammar, Montefic, Dhafir und anderen Beduinenstämmen verspottet und verachtet.
Rastlos umherschweifende Nomaden im Norden und Süden, und stumpfsinnige Sumpfbewohner im Zentrum des Landes sind die Erben des zertrümmerten Reiches Nebukadnezars. Welch ein Kontrast zwischen alter Zivilisation und heutiger Degeneration! Einst, so weit das Auge reichte, üppige Palmenhaine (Abb. 4), wogende Ährenfelder, bewässert mit den oft in den Inschriften erwähnten Schöpfanlagen (jetzt genannt +čereds+), blühende Städte und Gehöfte, das Land, das wir so gern als die Wiege der Menschheit bezeichnen, wo Wissenschaft und Kunst geboren, und jetzt -- ein offenes Land Nod (1. Mose 4, 16), wohin Deserteure und Verbrecher sich flüchten, eine Stätte der Verwüstung und Unwissenheit, das Eldorado von Räubern und Mördern.
Im Innern dieses nichts weniger denn paradiesischen Landes, wo die Temperatur im Schatten während des Sommers bis zu 39°, ja 41° Réaumur steigt, etwa 50 englische Meilen südöstlich von Hilla hingestreckt am nordöstlichen Rande der zu allen Jahreszeiten bestehenden +‘Afeč+-Sümpfe (so benannt nach den sie bevölkernden +‘Afeč+-Stämmen), liegen die imposanten Ruinen von Nuffar. Mit Babylon und Warkâ die ausgedehntesten Trümmerhügel der ganzen Tiefebene, bilden sie mit grösseren und kleineren Unterbrechungen seit 1889 den Gegenstand methodischer Ausgrabungen der Nordamerikanischen Expedition der Universität von Pennsylvania in Philadelphia.[2]
Sie bedecken in ihrer Hauptmasse eine Bodenfläche von nahezu 75 Hektaren Landes. Ein grosser, jetzt trockener Kanal, früher an vielen Stellen 6 m tief und 50-60 m breit, teilt die Ruinen in annähernd gleiche Hälften. Die Araber nennen ihn Shaṭṭ en-Nîl (Nilstrom), das uralte sumerische Kulturvolk, das ihn gegraben -- wenn nicht, wie mancherlei Erwägungen nahe legen, er den alten Lauf des Euphrat repräsentiert -- bezeichnete ihn in seiner Schrift als „den Euphrat von Nippur‟; und die semitischen Bewohner Babyloniens hiessen ihn _Kabaru_ oder „den grossen Kanal‟, dessen Wasserfülle die beispiellose Fruchtbarkeit des ganzen inneren Landes bedingte. Wie ich vor kurzem nachgewiesen, ist er identisch mit dem biblischen „Chebar, im Lande der Chaldäer‟ (Ez. 1, 1 und 3; 3, 15), an dessen (östlichen) Ufern die Exulanten Judas nach der Zerstörung Jerusalems angesiedelt wurden. Es war demnach hier im Schatten des Bêl-Tempels von Nippur, der zentralen Kultusstätte des ältesten Babyloniens, wo Ezechiel seine erhabene Vision von den Cherubim schaute, und wo sich einer der bedeutsamsten Akte im weltgeschichtlichen Drama Israels abspielte. Darum „Zeuch deine Schuhe aus von deinen Füssen; denn der Ort, darauf du stehest, ist ein heilig Land‟ (2. Mose 3, 5).
Die Ruinen von Nuffar repräsentieren das alte Nippur (so zuerst Oppert), nach einer offenbar wohlbegründeten talmudischen Tradition identisch mit dem biblischen „Chalne im Lande Sinear‟ (1. Mose 10, 10), einer der vier Hauptstädte im Reiche des Nimrod. Sie sind im Durchschnitt 10-18 m hoch, erreichen aber an mehreren Punkten die respektable Höhe von 25 und selbst 30 m über dem Niveau der gegenwärtigen Ebene. Infolge von Sonnenglut und Winterregen wurden die ursprünglich mehr gleichmässigen Erhebungen allmählich in zahlreiche Hügel und Täler geklüftet, so dass aus der Ferne der unvermittelt aus dem flachen Tafellande aufsteigende Trümmerhaufen dem zerrissenen Höhenzuge des Hamrîn am oberen Tigris täuschend ähnlich sieht. Die dadurch bedingte beklagenswerte Vernichtung so vieler Häuser der nachchristlichen Stadt kann uns nicht wunder nehmen, da, wie im alten Babylonien, so auch im späteren Reich, abgesehen von Tempeln, Palästen, Brunnen, Wasserleitungen und vereinzelten Gräbern, fast nur lufttrockene Ziegel als Baumaterial Verwendung fanden.
Nach meinem ersten Ritt über das weitgestreckte Ruinenfeld kam ich im Februar 1889, noch ehe wir die Ausgrabungen begannen, betreffs des wahrscheinlichen Inhalts dieser Hügel zu einer Reihe von logischen Schlussfolgerungen. Als wissenschaftliche Grundlage und Stütze für meine Theorie dienten die wenigen damals bekannten älteren Keilschrifttexte, in denen Nippur erwähnt ist, ein Vergleich der verschiedenen Höhenlagen der Trümmer, etliche aufgelesene Antiquitäten, und vor allen Dingen die oft übersehene Tatsache, dass die Abwesenheit von Glasscherben und grün und blau emaillierten Vasenfragmenten, welche beide für Ruinen der hellenistischen und späteren Perioden des Landes charakteristisch sind, ein fast untrügliches Kennzeichen rein babylonischer Ansiedlungen bildet. Ich fasse meine ersten Folgerungen in Kürze dahin zusammen:
Der etwa in der Mitte der östlichen Hälfte kegelförmig ansteigende höchste Punkt (Abb. 5), von den Arabern Bint el-Amîr oder „Prinzessin‟ genannt, repräsentiert den keilschriftlich belegten Etagenturm des alten Nippur, _Imcharsag_, und die im NW., NO. und SO. davon sich hinziehenden schmalen Hügelrücken die Reste der gleichfalls in der Keilschrift erwähnten Aussenmauer der Stadt, _Nîmitti-Marduk_. Wo aber ein Etagenturm ist, muss notwendigerweise ein dazu gehöriger Tempel in unmittelbarer Nähe existiert haben. _Ekur_, das berühmte uralte Heiligtum des Bêl, dessen wichtigsten Teil der Turm bildete, konnte daher nur unter dem südöstlich von _Bint el-Amîr_ sich hinstreckenden gewaltigen Plateau begraben liegen.
Daraus ergab sich als weitere Schlussfolgerung, dass der grosse offene Platz im N. des Tempels nicht als _vor_ dem letzteren, sondern als _hinter_ demselben gelegen verstanden werden muss, dass demgemäss der Haupteingang zum Heiligtum im SO. zu suchen ist, während der weite Platz mit dem westlich daran grenzenden grösseren Hügelrücken sekundären Zwecken, Stallungen für Herden, Lagerplätzen für Pilger, Wirtschaftsräumen, Wohnungen der untersten Beamten u. s. w. gedient zu haben schien.
Nur zwei Haupthügel auf der östlichen und südlichen Seite des Tempelfeldes harrten noch ihrer Bestimmung. Was war ihr wahrscheinlicher Inhalt? Der nachhaltige Einfluss, den selbst nach unseren damaligen spärlichen Quellen Nippur als Kultusstätte des „Vaters‟ und „Königs der Götter‟ auf die religiöse und politische Entwicklung Gesamtbabyloniens ausgeübt haben musste, liess _a priori_ erwarten, dass nach Analogie der durch die französischen Ausgrabungen in Tellô zuerst näher bekannt gewordenen +patesis+ oder Priesterfürsten von Lagash eine ähnliche Institution in dem viel bedeutungsvolleren Nippur existiert hatte. Der Palast eines solchen Priesterfürsten von Nippur, offenbar der imposanteste Bau nach dem Tempel, konnte dann nur unter der selbständigen hohen Trümmermasse im Osten des Heiligtums begraben liegen, wo er augenscheinlich, nach der Weise des von Botta entdeckten Sargon-Palastes von Chorsabâd, ein wichtiges Bollwerk in der Fortifikationslinie des Tempels einst bildete.
Waren meine bisher aufgestellten Thesen auch nur annähernd richtig, so durfte die Bestimmung des Inhaltes des allein noch übrigen dreieckigen südlichen Ruinenhügels, der durch einen versandeten Seitenkanal des Chebar oder einen breiten Festungsgraben vom Tempelkomplex getrennt ist, keine besonderen Schwierigkeiten bereiten. Er musste notwendigerweise die aus der Tontafelsammlung König Aschurbânapals bekannt gewordene Tempelbibliothek mit dazugehöriger Priesterschule bedecken.
Dreierlei ergab sich als unmittelbare Folge dieser ganzen Hypothese: 1. Der Tempelkomplex von Nippur mit den Wohnungen der zahlreichen Beamten umschloss die ganze östliche Stadthälfte von fast 40 Hektaren Bodenfläche. 2. Die sogenannten Innen- und Aussenmauern von Nippur können sich nicht, wie den Inschriften gemäss zunächst zu erwarten war, auf die ganze Stadt beziehen, sondern müssen in Übereinstimmung mit den topographischen Befunden ausschliesslich auf den Tempel des Bêl (sogar mit Ausscheidung der Tempelbibliothek) beschränkt werden. 3. Die auf der Westseite des Kanals gelegenen Trümmerhügel enthalten entweder nur einen ungeheuren Friedhof (wie ich in den ersten Wochen annahm), oder die Geschäftshäuser, Bazare und Privatwohnungen der kleinen Leute samt dem Friedhofe. Es stellte sich später heraus, dass diese westliche Hälfte in der allerältesten (sumerischen) und in der nachchristlichen Periode im wesentlichen Beerdigungsstätte gewesen, dagegen in der semitisch-babylonischen Zeit die eigentliche Geschäftsstadt repräsentierte.
Eine ähnliche Theorie lässt sich für die meisten grossen Ruinen von ‘Irâq el-‘Arabî aufstellen; vor allem lassen sich mit absoluter Sicherheit die Reste der Grundmauer des von Alexander dem Grossen abgetragenen Babylonischen Turmes in den Trümmern der Hauptstadt Nebukadnezars auch ohne Spatenstich nachweisen. Für meine heutigen Zwecke genüge es, ausdrücklich hervorzuheben, dass die im Jahre 1889 zum erstenmale vorgetragene und in meinen Universitätsvorlesungen seitdem öfter wiederholte Hypothese betreffs Nippurs, kühn wie sie damals wohl manchem erscheinen mochte, durch meine letzten Ausgrabungen vom Jahre 1900 in allen ihren Hauptpunkten bestätigt ist.[3] Vor allem haben wir in dem südlichen dreieckigen Hügel die berühmte Tempelbibliothek von Nippur -- und zwar eine ältere, von den Elamiten im dritten Jahrtausend zerstörte und eine jüngere, in neu-babylonischer Zeit ganz allmählich verfallende -- tatsächlich gefunden und bereits 23000 Keilschrifttafeln und Fragmente, grösstenteils der älteren angehörig, geborgen. Doch konnten soweit erst ca. 80 Zimmer oder etwa der 12. Teil des etwa 2½ Hektar bedeckenden Bibliothekskomplexes ausgegraben werden. Aus einer Reihe von Tatsachen und Anzeichen im Boden schliesse ich mit grosser Wahrscheinlichkeit, dass noch eine dritte ältere oder vorsargonische Bibliothek in den untersten, noch unberührten Schichten desselben Hügels verborgen liegt.
Bevor ich auf die Ausgrabungen selbst zu sprechen komme, mögen zur allgemeinen Orientierung über die Geschichte und Resultate der Expedition[4] die folgenden wesentlichen Punkte aus einer erdrückenden Fülle von Material hervorgehoben werden. Die Feldarbeiten des grossen wissenschaftlichen Unternehmens (inkl. Reisen) haben bisher nahezu eine halbe Million Mark gekostet und sind von einer kleinen Anzahl angesehener Bürger Philadelphias bestritten worden. Unter ihnen sind die folgenden fünf Herren wegen ihrer grossen Liberalität und ihres persönlichen Interesses besonders hervorzuheben: Der 1898 verstorbene Professor der inneren Medizin und langjährige Rektor der Universität Dr. William Pepper, der gegenwärtige verdienstvolle Rektor Dr. C. C. Harrison, die beiden Bankiers Gebrüder Eduard W. und Clarence H. Clark, der eine als Vorsitzender des Expeditions-Komitees, der andere als solcher des Publikations-Ausschusses, und der Grossindustrielle W. W. Frazier. In den ersten beiden kurzen Kampagnen war der jetzige Episkopalgeistliche in New York Dr. John P. Peters (früher Professor des Hebräischen an der Universität von Pennsylvanien) Direktor. Auf dessen Veranlassung wurde im Jahre 1893 unser langjähriges treues Faktotum, J. H. Haynes, allein nach Babylonien gesandt und mit den Ausgrabungen betraut. Als sich aber sehr bald die völlige Unzulänglichkeit dieses Planes herausstellte, trat auf Ansuchen des Vorsitzenden, E. W. Clark, im Winter 1894 auf 1895 der Schreiber in die wissenschaftliche Leitung des Unternehmens ein und bildete mit ersterem den inneren Exekutivausschuss des Unternehmens. Unser Streben war seitdem vor allen Dingen darauf gerichtet, eine rein wissenschaftliche Untersuchung der Trümmer herbeizuführen und entsprechende Spezialisten hinauszusenden. Für die wissenschaftliche Oberleitung und den daraus resultierenden wissenschaftlichen Ertrag der vierten und erfolgreichsten Expedition ist der Vortragende verantwortlich. Die Feldarbeiten standen wieder unter der Kontrolle von Haynes mit Ausnahme der letzten 3 Monate, während deren der wissenschaftliche Direktor, unterstützt von 2 Architekten, Fisher und Geere, sich genötigt sah auch die Leitung im Felde zu übernehmen. Fast sämtliche _wissenschaftliche_ Mitglieder der 4 Expeditionen haben ihre Dienste dem Unternehmen unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Dadurch allein ist es möglich geworden, bei den ausserordentlichen Leistungen die Kosten der Ausgrabungen verhältnismässig niedrig zu halten.
Zu einer Ende kommenden Sommers ausgehenden 5. Expedition, mit deren Organisation ich soeben beschäftigt bin, wurden mir im Dezember letzten Jahres etwa 200000 Mark aus privaten Mitteln von Freunden der Universität zur Verfügung gestellt, während zu gleicher Zeit die beiden Mäcene, Gebrüder Clark, mit einer weiteren Dotation von nahezu einer halben Million Mark einen ausschliesslich zum Zweck wissenschaftlicher Untersuchungen bestimmten Lehrstuhl der Assyriologie (mit Befreiung seines Inhabers von sämtlichen Vorlesungen, ausser soweit derselbe selbst solche für nötig hält) ins Leben riefen. Zu ebenderselben Zeit wurden von einem anderen Gönner der Wissenschaft, Eckley Coxe jun., mehr denn 80000 Mark zu den kostspieligen Publikationen der Expedition in hochherziger Weise in Aussicht gestellt und zur Hälfte bereits deponiert. Wir dürfen freilich nicht vergessen, dass, um die gesamten Ruinen von Nuffar in methodischer Weise auch nur annähernd erschöpfend zu untersuchen, bei einer durchschnittlichen Arbeitskraft von 400 Arabern wenigstens 50, wahrscheinlich aber 100 weitere Jahre erforderlich sein dürften.
Diese kurzen statistischen Angaben von nackten Zahlen und Tatsachen bezüglich eines einzigen und noch dazu von der gewöhnlichen Landstrasse ziemlich abgelegenen Unternehmens, ausgeführt von einer einzigen amerikanischen Stadt und Universität, dürfte Ihnen in beredterer Weise denn viele Worte meinerseits den erwachenden Heisshunger einer jungen und tatkräftigen Nation, trotz seiner kurzen eigenen Geschichte bereits teilzunehmen an der Lösung grosser wissenschaftlicher Probleme, lebendig vor Augen führen.
In den ersten Jahren unserer Grabungen musste die Aufgabe darin bestehen, durch langgezogene Versuchsschächte eine allgemeine Kenntnis vom Gesamtinhalt des ungeheuren Ruinenfeldes zu gewinnen und durch sorgfältige Abtragung und Bestimmung der oberen Schichten die für uns wertvolleren rein-babylonischen zu erreichen. Im Laufe der Zeit konzentrierte sich unsere Arbeit dann von selbst an den durch Theorie und Spatenstich festgestellten Punkten der alten Stadt. Das keilschriftliche und archäologische Material, welches auf diese Weise allmählich zu Tage gefördert wurde, kann natürlich nicht im einzelnen hier aufgezählt werden. Der folgende sehr allgemeine und unvollständige Überblick wird wenigstens die Behauptung rechtfertigen, dass wir mit ausserordentlichem Erfolge tätig gewesen sind.