Part 3
Das Poltern unseres aussteigenden Nachbarn zeigte mir an, dass wir in Bochara hielten. Die Frühdämmerung eines klaren Tages. Turbane und Lammfellmützen waren vom Polster aus sichtbar. Von jetzt ab ging es, wie mir schien, bedeutend rascher. Wagen waren wohl abgekoppelt, oder eine neue Maschine vorgespannt. Nachmittags noch sollten wir in Samarkand eintreffen.
Munter erhob ich mich. -- Draussen war es prachtvoll; aus der Wüste -- die ich ja nun genügend kennen gelernt hatte -- war reiche grüne Weide geworden. Wenngleich November, war es kaum kühl. Kamel- und Pferdeherden mit drolligen Jungen belebten die Gegend. Der Gedanke, der Wiege der Menschheit nahe zu sein, liess mich nicht los. Man sah faktisch Typen von vielleicht fünfzig Völkerschaften, wenngleich in mehr oder minder wertvollen Exemplaren. Hier liefen die alten grossen Handelsstrassen der Welt durch. Schon Alexander der Grosse ....... fertig, ich will keine Reisebeschreibung. -- -- -- --
Die Erwartung trieb mir das Blut in die Wangen, neugierig beugte ich mich bald auf der einen, bald auf der andern Seite zum Wagenfenster hinaus. Und da -- da sah man wirklich in der Ferne etwas auftauchen. Eine langgestreckte Häusermasse, Minarets, Kirchen -- -- Samarkand! Samarkand -- --! Buntglitzernd spiegelte sich die Sonne in den blau- und grünglasierten Ziegeln und beim Näherkommen nahm die Farbigkeit immer noch zu. Ein uneingestandener Glücksrausch bemächtigte sich meiner nun doch, wenngleich durchzogen von Fragen: Wo werden die Enttäuschungen liegen? -- Es war ja doch etwas ganz Unbekanntes, was uns erwartete.
Beim Einfahren des Zuges in Samarkand wurde ich nüchterner. Als wir dem Waggon entstiegen waren und uns umsahen, trat ein Mann hinzu. Kreuzung zwischen Armenier und Ostpreusse taxierte ich.
„Die Herrschaften wurden durch Herrn Gautsch avisiert!“ -- Verbeugung -- fliessendes Deutsch.
„Wohin sollen wir gehen?“ frug ich, mittelmässig warm.
Mit neuer Verbeugung, auch gegen meine Reisegefährtin, stellte er sich vor:
„Kuno Eberhard Teretatian, Agent. -- Haben Sie mir etwas zu zeigen?“
Meinem Rasseinstinkt zollte ich im geheimen ein Lorbeerblatt, dem Mischling reichte ich das Etui mit dem Bild; seit einer halben Stunde hielt ich es schon umklammert.
„Danke, das genügt. Die Herrschaften haben drei Stunden Zeit. Es ist jetzt zwei, um 5 Uhr setzt sich die Kolonne in Bewegung. Ich mache Ihnen den Vorschlag, in meinen Räumen auszuruhen und sich zu stärken.“
Ein paar Träger, stark wie Bären, hatten inzwischen auf einen Wink das Gepäck auf einen Karren geladen und sich damit entfernt. Wir schritten also neben Herrn Teretatian her. Ein Fuhrwerk, welches uns aufgedrängt werden sollte schlugen wir aus.
„Jetzt lieber zu Fuss! Wie weit ist’s in Ihre Wohnung?“
„Eine gute halbe Stunde, Herr.“
„Also vorwärts, in Gottes Namen!“ --
III.
Wie orientalische Städte aussehen, setze ich als bekannt voraus. Es ist genau so wie bei uns, nur orientalisch. Kreuz und quer wanderten wir durch Strassen und über Plätze, uns dabei fortwährend durch Tausendundeinenacht-Szenen schiebend. Nach Verlauf einer halben Stunde wurde es stiller, wir schienen an den Rand der Stadt zu gelangen. Vor einem Hause blieb unser Führer stehen und sagte:
„Da sind wir!“
Wir sollten in ein ebenerdiges Zimmer eintreten. Das Gepäck war schon da, ich sah es im Hofe. Ein vorzüglicher Imbiss in dem freundlichen Gemach auf teppichbedecktem Boden, nahm mich etwas mehr für unsern Wirt ein. Dieser zweite Agent Pateras war noch weit höflicher als der erste, beinahe unterwürfig.
„Na, was gibts Neues im Traumstaat, Herr Teretatian“, rief ich gut gelaunt zwischen Feigen und Weintrauben.
„Nichts Neues, nicht viel Neues! Höchstens das Theater. Davon hat der Herr wohl schon gehört?“
„Aber keine Ahnung hab ich!“ rief ich da, erpicht auf alles, was mit dem Traumreich zusammenhing.
„Ein neuer Einfall des Meisters! -- Das Gebäude steht schon seit einem Monat. Einige Wagen voller Kulissen, Hintergründe, alter Perücken, verursachten mir erst vorige Woche viel Kopfzerbrechen beim Durchexpedieren. -- Das werden Sie hier lassen müssen, gnädige Frau“, sprach er weiter und deutete auf eine blinkende Kochmaschine, welche meine Gattin gerade von draussen hereinbrachte. Sie überhörte diese Worte, denn sie blickte verzückt einem kleinen Kinde nach, das im Hofe spielte.
„Was sagen Sie da?“ rief ich, und stiess meine Frau an.
„Ja, leider lässt sich das nicht ändern!“ antwortete er mir bedauernd. -- „Erst kürzlich -- eine Opernsängerin -- sie wurde ganz rabiat, als ich ihre Garderobe ausmusterte. Folgen Sie lieber meinem Rat, Sie ersparen sich viel Scherereien.“
Sprachlos, mit aufgerissenen Augen, hörte ich diesem Menschen zu.
„Aber ich brauche doch meine Sachen“, rief ich ärgerlich.
„Der Herr weiss, dass seine Sorge grundlos ist, Sie sollen um nichts gebracht werden, nichts vermissen. Der Herr kann sich beruhigen.“
„Wir können die Sachen vielleicht hier deponieren?“ wandte sich jetzt meine Frau an mich, „ein paar Tage kommen wir auch mit dem Notwendigsten aus. Dann lässt uns dein Freund die Koffer nachkommen.“
Der Agent nützte diese Bundesgenossenschaft und versuchte, mich zu bereden:
„Auch die Opernsängerin ist jetzt zufrieden. Der Herr reist ja in keine Wildnis, und nach zwei Tagen findet er in Perle alles, was er braucht.“
„Wie höre ich? Ich verstehe zwei Tage? Nach der Karte rechnete ich mindestens auf eine Woche!“ -- Ich war überaus erstaunt.
„Dann ist sich der Herr nicht ganz klar über den Weg“, sagt diskret lächelnd unser Halbarmenier. „Mehr als höchstens drei Tage würden selbst bei öfterem Rasten nicht daraus.“
„Was darf denn eigentlich mitgenommen werden?“ liess sich jetzt meine Frau vernehmen.
„Unser Agent für Bayern dürfte das wohl schon erwähnt haben, Madame. Es ist die Regel, dass nur gebrauchte Sachen das Tor passieren.“
„Plunder habe ich nicht mitgebracht!“ Mir schwand die Geduld. --
„Ich sagte ‚gebraucht‘ -- nicht ‚ruiniert‘.“
„Lass ihn doch! Der Herr wird so liebenswürdig sein, unser Gepäck ein wenig zu sichten.“
Wir gingen hinaus und unterwarfen unsere Koffer einer Inspektion. Das Tabakluftkissen nahm ich zur Sicherheit sofort an mich. Stück für Stück wurde geöffnet, eine merkwürdige Musterung.
Ein photographischer Apparat samt Zubehör wurde sogleich fortgestellt, dann folgte ein Binocle, ein ausgezeichnetes Glas; beim Rasierapparat sagte der Kerl: „Um Gottes willen!“ Das Necessaire meiner Frau wurde genau durchstöbert. Bei unsern Kleidern schien er zu zweifeln. Als mein schöner Reiseüberzieher nach letzter Mode daran kam -- ein Stück, worauf ich stolz war -- meinte er: „Den wird sich der Herr gewiss ändern lassen! Man will doch nicht auffallen!“ Als aber die Wäsche meiner Gefährtin an der Reihe war, und der Dummkopf auch da nachsehen wollte, fuhr ich dazwischen:
„Das bleibt, da wird nichts fortgenommen!“ Auch die Bücher wurden scharf revidiert, doch liess man mir meine hübschen alten Sachen.
„Den Herrschaften soll nichts abgehen!..... nichts abgehen!“ wiederholte in einem fort geschäftsmässig Herr Teretatian. Dabei entging nicht die geringste Kleinigkeit seinen Blicken.
„Jetzt ist alles in Ordnung.“ Er verbeugte sich tief. -- Mittlerweile war es aber auch vier Uhr geworden.
In der letzten Stunde kaufte ich mir in Samarkand noch verschiedene Dinge für die sozusagen konfiszierten. Ich erwarb einen prächtigen alten Samovar, nicht so praktisch, aber schöner als unsere Maschine. Als ich zurückkam, standen zwei geräumige Karren mit riesigen Rädern bereit. Vor jeden war ein Kamel gespannt. Ich blickte zweifelnd auf dies traurige Gefährt.
„Die Herrschaften werden gut fahren, wir haben Decken hineingebreitet. Der Führer ist ein verlässiger Mensch und hat die Weisung, Ihren Wünschen nachzukommen.“
Beim Einsteigen ein paar reichgefüllte Proviantkörbe erblickend, war ich wieder ganz sanft. Ich dankte und schüttelte unserem Wirt die Hand. -- An der Spitze des Zuges ritt auf einem mähnigen Pferde der Führer, ein kleiner Kirgise. Bei jedem Karren ein Mann, zum Schluss zwei Diener mit gelben Mützen und dunklen Kaftanen. -- So fuhren wir dahin.
-- Ich hatte jetzt mein Abenteuer.
IV.
Als die Stadt schon längst entschwunden war, sah man noch immer das Grabmal des grossen Timor emporragen. Es hob sich violett von einem lebhaft gefärbten Sonnenuntergangshimmel.
Meine Reisegefährtin neben mir glich einem Paket, aus welchem an einer Seite ein Kopf herausschaute. Sie kämpfte mit dem Schlaf und antwortete nur noch undeutlich. Ich gab es daher bald auf, mit ihr zu sprechen. In unserem, mit einem Schutzdach versehenen Karren herrschte Dunkelheit. Die Landschaft wurde kahler, steiniger; ringsumher war alles in ein kaltes Grün getaucht. Eine neuerliche Anwandlung von Reue über unser Wagnis kam gegen die immer stärker werdende Müdigkeit bei mir nicht mehr auf. Wir waren beide sehr erschöpft.
In eintöniger grüner Dämmerung schwammen draussen ab und zu entlaubte Bäume, Kakteen und Salzpflanzen vorbei. Der Karren schaukelte gleichmässig, rhythmisch. Von der Spitze des Zuges drang eine langgezogene, klagende Melodie. „Das lässt sich nur mit einem kleinen Instrument hervorbringen“, dachte ich, und schlief dabei wohl ein. -- -- --
Wanderer sind wir alle, ohne Ausnahme, alle. -- So lange es Menschen gab, war es so, und es wird immer so bleiben. Vom ältesten Nomadenvolk bis zum heutigen Vergnügungsreisenden, vom Raubzug bis zu den jüngsten Entdeckungsfahrten -- so verschieden die Motive, das Wandern bleibt. Fuss, Huf, Rad, Dampf, Elektrizität, Benzin und was alles noch kommen mag, das Mittel ist gleichgültig, das Wandern bleibt. Ob ich ins Gasthaus gehe oder den Erdball umkreise; ich wandere. Und mit mir wandern alle Tiere, einmal dahin und einmal dorthin. Unsere alte Erde geht mit grossem Beispiel voran. Ein Trieb, ein Naturgesetz! Du kannst noch so müde sein, du musst mit, immer weiter. ..... Wirkliche Ruhe gibt es erst, wenn man ausgewandert hat. Und darauf freuen sich alle heimlich -- man gesteht sich das nur nicht ein. Viele wissen es nicht einmal. Manche gibt es, die schon weit herumgekommen sind und nicht mehr wandern mögen, oder krank im Bette liegen, oder sonst nicht wandern können, die reisen bei sich selbst im Gehirn, in der Einbildung, auch diese kommen oft weit, weit .... aber still stehen, nein, das gibt es nicht!
Einmal wachte ich einen Augenblick auf. Draussen war glänzendes Mondlicht. Man hielt gerade bei einer Zisterne, und ich hörte, wie die Tiere getränkt wurden. Meine Frau, hatte festgeschlossene Augen und einen ganz ernsten Ausdruck.
„Es ist gut, dass du schläfst,“ dachte ich, „so wirst du morgen frisch sein.“
Es schien mir, als wären wir in den Bergen. Als der Karren wieder rumpelte, schlief ich von neuem ein, dem Traumreich entgegen. Ich hatte noch lange nicht ausgeschlafen!...................
Auf einmal war mir, als ginge irgend etwas vor. Die Räder rollten nicht mehr.
„Wir sind angelangt, Sie haben lange geschlafen.“ Jemand klopfte mir auf die Beine.
Ich wollte von nichts wissen, war noch ganz verschlafen und verhielt mich still.
Meine Frau schon ganz munter, liess ihre Verführungskünste spielen:
„Steh auf, wir sind da, im Traumreich!“ rief sie mit Sirenenstimme.
Ich sagte hilflos:
„Ja, ja, ich komme schon!“, blieb aber liegen dabei. So bin ich nun einmal.
Neben dem Karren sprach man halbamtlich; auch mir war es jetzt zu dumm. Ich schüttelte den Schlaf ab und kletterte aus dem Gefährt.
Das Auge musste sich erst gewöhnen; was man sehen konnte, war ein grauer Nebel. Nur ein paar Lichter im Dunst teilten ihn. Beim ersten Schritt wäre ich fast an den Wagen gerannt, riesenhaft stand er da. Vor ihm bewegte sich ein Monstrum mit unsicheren Formen: das Kamel! Ich sah schon besser.
„Bitte näher zu treten!“ liess sich eine kräftige Stimme vernehmen. „Ihr Gepäck ist in Ordnung; haben Sie Ihre Legitimation?“
Der Sprecher war ein grosser bärtiger Mann in einer dunkeln Uniform und Dienstmütze. Wir standen bei einem niederen Blockhaus, das durch ein paar Laternen matt erleuchtet war. Der Beamte gab mir mein Bild zurück und forderte uns auf, das Tor rasch zu durchschreiten, damit wir den Zug noch erreichten.
„Welches Tor, welchen Zug?“ dachte ich, und tappte mich weiter. „Du, da ist etwas“, hörte ich meinen Reisekameraden. Und da erst entdeckte ich im Dunstschleier eine ungeheure, grenzenlose Mauer. Ganz plötzlich und unerwartet tauchte sie vor mir auf. Irgend jemand schritt uns mit einem Licht voran auf ein gewaltiges, schwarzes Loch zu: +Das war das Tor des Traumreiches.+ -- Beim Näherkommen bemerkte ich erst seine kolossalen Dimensionen. Wir traten in einen Tunnel und hielten uns möglichst nahe an den Führer. Da ereignete sich aber etwas Eigentümliches: Als ich schon eine Weile in diesem Gewölbe gegangen war, überkam mich wie auf einen Schlag ein ganz unbekanntes, grässliches Gefühl. Es ging vom Hinterkopfe aus und fuhr das Rückgrat entlang, mein Atem stockte und der Herzschlag setzte aus. Hilfslos sah ich mich nach meiner Frau um, aber die war selbst leichenblass, Todesangst spiegelte sich auf ihrem Antlitz und mit zitternder Stimme flüsterte sie:
„Nie mehr komme ich da heraus.“
Mich jedoch hatte schon wieder eine frische Welle von Kraft gestärkt, wortlos reichte ich ihr den Arm.
ZWEITER TEIL
PERLE
ERSTES KAPITEL
DIE ANKUNFT
Jenseits des Tores war es tief dunkel. Der Nebel drückte nicht mehr auf die Brust, laue Luft wehte. In der Nähe hörten wir pfeifen und stossweises Rasseln. Jetzt sah man auch ein paar rote und grüne Signallichter. Wir liefen auf ein niedriges Gebäude zu. Der Mann mit der Laterne erklärte: „Das ist die Bahnstation, es ist höchste Zeit!“ Am Schalter erhielten wir Fahrkarten zweiter Klasse nach Perle. Das erstemal sei die Fahrt frei, hiess es. -- Nun traten wir auf einen menschenleeren Perron. Der Zugführer pfiff bereits zur Abfahrt, und man drängte uns in den Zug. „Wir fahren dritter!“ rief ich; da hoffte ich mehr zu sehen, denn die zweite Klasse war ganz leer. Als wir einstiegen fühlte ich, wie mir jemand etwas Schweres in die Hand drückte:
„Es ist Geld, jeder Neuangekommene bekommt das!“ tönte es schon aus der Ferne. -- Ich schob es ein --.
Nach mehreren fruchtlosen Anstrengungen brachte die Maschine den Zug endlich in Bewegung. Die Geschwindigkeit war sehr mässig, noch mässiger die qualmende Ölbeleuchtung in den Wagen. Zurückblickend gewahrte ich gerade noch die hohe Mauer, sie ragte schwarz in den Nachthimmel. „Wie ein Festungswall“, dachte ich und sah interessiert hinaus. Sie verschwand immer mehr in der Finsternis.
Von dem Lande, durch das wir fuhren, sah ich nicht allzuviel. Unser Zug warf einen matten Schein auf Bäume, Sträucher, Wächterhäuschen. -- Es war im allgemeinen so, wie eine Nachtfahrt zu sein pflegt.
Der Schaffner stieg von der Aussenseite des Zuges zu uns.
„Ihre Lampen riechen aber miserabel, da kann einem ja schlecht werden“, sagte ich zu dem Beamten.
„Es war noch nie eine Klage!“
„Wie lange ist’s noch nach Perle?“
„In zwei Stunden -- um Mitternacht, -- sind wir dort.“
„Können Sie mir ein Hotel empfehlen?“
„Nur die blaue Gans kommt in Betracht. Die kleineren Gasthäuser, die noch da sind, dürften Ihnen nicht zusagen.“
Er sprach das sehr gefällig und verschwand wieder im Dunkel.
Bei einigen Stationen bemerkte ich lange Schuppen und Berge von Kisten und Kolli. Einmal kaufte meine Frau ein Körbchen mit kaltem Abendessen und eine Flasche Wein. Ich zahlte mechanisch von dem Geld, das man mir zugeschoben hatte. Wir bemerkten da erst zu unserm Erstaunen, dass ich Kreuzer und Gulden in der Tasche hatte -- auch ein Röllchen Gold war dabei.
Meine Frau war in Gedanken versunken. Sie hatte wohl den Chok vom Tor noch im Kopfe. Ach ja, die überreizten Nerven! Es ist hohe Zeit, dass man wieder in seine Ruhe kommt.
Zwei Arbeiter waren eingestiegen und unterhielten sich gleichgültig. Als sie sich beim nächsten Halten wieder entfernten, grüsste der eine und warf mir einen Blick zu, als kenne er mich schon. Auch mir kam er bekannt vor. Man findet eben immer wieder dieselben Gesichter auf der Welt. Eigentlich beneidete ich ihn. Er durfte schon heraus, und ich musste noch im Öldunst ausharren. Zum Glück würde es nicht mehr lange dauern! -- Eine melancholische Fahrt!
Kurz vor Perle durchkreuzte der Zug eine wasserreiche Wildnis. Dann fuhr er immer langsamer und blieb schliesslich stehen. Ich blickte hinaus -- wir waren da --!
Auch hier wieder nur geringes Leben. Hinter dem Bahnhof träumte eine vereinzelte Droschke. Wir weckten den Kutscher und liessen uns zur blauen Gans fahren. Neugierig schaute ich auf die Strassen, durch die das schlechte Gefährt klapperte.
„Das soll Perle, die Hauptstadt des Traumreiches sein?“ -- Meine Entrüstung war nur schlecht zu verhehlen. „So sieht es ja bei uns in jedem Drecknest aus!“ sagte ich voll Unlust und Enttäuschung und deutete auf ein langweiliges Gebäude.
Von Verkehr war wenig zu spüren. Nur hie und da huschten Passanten vorüber. Mit der Beleuchtung wurde geknausert, kaum eine Gasflamme an den Strassenecken. Oft hätte ich schwören können: „Dieses Haus habe ich schon gesehen.“ Auch meiner Frau kam manches bekannt vor. „Bei uns daheim wird wenigstens nicht so mit dem Licht gespart!“ entschied ich grimmig. -- Wir hielten.
Das Hotel war nicht ersten Ranges, aber halbwegs sauber und gemütlich. Ich liess Tee aufs Zimmer bringen. Es war geräumig und recht nett eingerichtet. Ein bisschen zusammengekauft sah das Mobiliar allerdings aus. Über dem Ledersofa hing ein grosses Bild Maximilians, des Kaisers von Mexiko, über den Betten hing Benedek, der Unglückliche von Königgrätz. „Wie kommt denn der hierher?“ konnte ich mir nicht versagen, das Stubenmädchen zu fragen.
Wer je zehn Tage kein richtiges Bett gesehen hat, wird begreifen, dass uns das jetzt wertvoller war als alle Traumschätze der Welt.
„Ich bin nur froh über die milde Luft, die hier zu herrschen scheint“, sagte meine Frau und untersuchte und lobte die Betten. Ich lag schon in köstlichen Federn und entgegnete gähnend: „Das scheint aber auch das einzige Erfreuliche hier.“ -- -- --
-- -- -- Der Tag musste schon weit vorgeschritten sein, als ich entdeckte, dass ich bereits eine ganze Weile mit offenen Augen dalag. Ein Raum mit roter Tapete?!.... Jetzt habe ich’s ..... richtig .............. ich bin der Zeichner so und so, -- ich liege in einem Hotelbett der Hauptstadt des Traumreiches, und neben mir schläft meine Frau.
Frisch, total ausgeschlafen erhoben wir uns und machten Toilette. Ich war äusserst gespannt in Erwartung aller Dinge, die ich sehen sollte.
Nach eingenommenem Frühstück gingen wir aus. Es war ein trüber Tag.
ZWEITES KAPITEL
DIE SCHÖPFUNG PATERAS
Hier unterbreche ich den Faden der persönlichen Erlebnisse, um meinen Lesern zunächst einiges über das Land zu erzählen, dem ich fast drei Jahre angehören sollte. Es waren sehr merkwürdige Verhältnisse, die sich mir Tag um Tag entschleierten. Gänzlich enthüllt haben sich mir die letzten Zusammenhänge aber niemals; ich kann nur alles so hinschreiben, wie ich es selbst erlebt und aus den Mitteilungen der anderen Traumleute entnommen habe. Meine Meinungen über diese Zustände finden sich in dem Buche eingestreut, vielleicht weiss einer oder der andere Leser bessere Erklärungen.
Im grossen und ganzen war es hier ähnlich wie in Mitteleuropa und doch wiederum sehr verschieden! Ja, es gab eine Stadt, Dörfer, grosse Ländereien, einen Fluss und einen See, aber der Himmel, der sich darüber spannte, war ewig trübe; +nie+ schien die Sonne, +nie+ waren bei Nacht der Mond oder Sterne sichtbar. Ewig gleichmässig hingen die Wolken bis tief zur Erde herab. Sie ballten sich wohl bei Stürmen, aber das blaue Firmament war uns allen verschlossen. Ein gelehrter Professor, den ich noch einige Male erwähnen werde, brachte diese zähen Dunstbildungen mit den ausgedehnten Sümpfen und Wäldern in Verbindung. Ich habe tatsächlich während dieser Jahre die Sonne nicht ein einziges Mal gesehen. Darunter litt ich zu Anfang sehr, allen Neuangekommenen erging es darin ähnlich. Öfters gab es wohl in der Wolkenbildung eine auffallende Helligkeit, einige Male, besonders in der letzten Zeit meines Aufenthaltes fielen vom Horizont sogar ein paar schräge Lichtstreifen über unsere Stadt, aber zu einem sieghaften Durchbruche kam es nie -- nie.
Wie unter solchen Bedingungen die Erde mit ihren Fluren und Wäldern aussah, ist leicht vorstellbar. Saftiges Grün war nirgends zu sehen, in ein stumpfes Oliv, ein grünliches Grau waren unsere Pflanzen, Gräser, Gesträuche und Bäume getaucht. Was in der Heimat in reichen Farben prangte, hier war es gedämpft, matt. Während bei den meisten Landschaften das Blau der Luft mit dem Gelb des Bodens die Stimmung beherrschen, und dazwischen die andern Töne nur eingesprengt erscheinen, waren hier grau und braun vorherrschend. Das Beste, die Buntheit, fehlte. Harmonisch war das Traumland anzusehen, das musste man zugeben.
Der Wetteranzeiger stand immer auf „anhaltend trüb und schlecht“, doch war eine warme, weiche Luft wie bei unsrer Ankunft die Regel. Ähnlich gegensatzlos verhielten sich die Jahreszeiten. Ein fünf Monate langes Frühjahr -- fünf Monate Herbst; dauerndes Zwielicht in der Nacht kennzeichneten den kurzen, heissen Sommer, endlose Dämmerungen und ein paar Schneeflocken den Winter.
Im Norden begrenzte ein mächtiges Gebirge das Reich. Seine Gipfel waren stets in einer Nebelregion verborgen. Es ging jäh und unvermittelt in die Ebene über und war der Ursprung einer mächtigen Wasserader: des Negro. Dieser Fluss stürzte in wilden Kaskaden eine Felsplatte hinab. Am Ausgange eines Engtales entfaltet, floss nun sein Wasser breit und träge dahin in auffallend dunkler, fast tintiger Färbung. Dann beschrieb er einen sanften Bogen. Hier war Perle, die Hauptstadt des Traumreiches, errichtet. Schwermütig düster wuchs sie aus dem kargen Boden in farbloser Einförmigkeit. Viele Jahrhunderte, meinte man, müsse sie schon so dastehen. Tatsächlich stand sie kaum ein Dutzend Jahre. Der Gründer dieser Stadt wollte den Ernst der Gegend nicht stören. Keine schreienden Neubauten waren hier errichtet worden; er gab viel auf Harmonie und liess sich seine alten Häuser aus allen Teilen Europas senden. Es waren nur Gebäude, welche hierher passten; nach +einer+ Idee, mit sicherem Instinkt ausgewählt, fügten sie sich ins Ganze ein. Die Stadt zählte, als ich hinkam, gegen 22000 Einwohner. --
Um eine genaue Orientierung zu ermöglichen, welche ich zum Verständnisse der später folgenden Ereignisse für nötig halte, habe ich dem Buche einen kleinen Plan beigefügt.
Wie man daraus ersehen kann, gliederte sich Perle in vier Hauptteile: Das Bahnhofviertel, an einem Sumpfe gelegen, gänzlich verräuchert, enthielt die öden Verwaltungsbauten, das Archiv, die Post. Es war ein unerfreulicher, langweiliger Bezirk. Die sogenannte Gartenstadt, der Wohnsitz der Reichen, schloss sich an. Dann die Lange Gasse; sie bildete das Geschäftsviertel. Hier wohnte der Mittelstand. Gegen den Fluss zu war ihr Charakter mehr ein dorfartiger. Von der Langen Gasse bis an den Berg gedrückt lag der vierte Distrikt: das französische Viertel. Dieser kleine Stadtteil mit seinen 4000 Einwohnern, Romanen, Slaven und Juden galt als verrufene Gegend. Die bunt zusammengewürfelte Menge hockte da in alten Holzhäusern eng aufeinander. Winkelgässchen und übelriechende Spelunken enthaltend, war dieses Viertel nicht gerade der Stolz von Perle. Über der ganzen Stadt gleichsam hängend und sie beherrschend erhob sich ein monströser Bau in ungeschlachter Grösse. Drohend blickten die hohen Fenster weit über das Land und auf die Menschen da unten. An den porösen, verwitterten Fels sich lehnend, schob er seine Massen bis an das Zentrum der Stadt, den grossen Platz vor. Das war der Palast -- die Residenz Pateras.