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Part 2

Chapter 23,645 wordsPublic domain

„Ja, wer +das+ wüsste?“ klang da die schwermütige Antwort. „Ich stehe zehn Jahre in seinem Dienst, und zahlte sicher annähernd 200 Millionen für Kaufsummen, Entschädigungen, Transportspesen und sonstige Dinge aus. Agenten wie ich, leben aber in allen Teilen der Welt. Man kann sich keine, auch nur halbwegs richtige Vorstellung von dem Reichtum Pateras machen.“ Ich stöhnte.

„Mein Herr, ich glaube Ihnen, aber verstehe nichts. Das klingt alles so rätselhaft! Nun erzählen Sie, erzählen Sie! Wie lebt man dort?“

„Ich werde versuchen, Ihnen manches zu erklären, -- alles zu sagen wäre unmöglich, dazu mangelt die Zeit. Ausserdem lebe ich ja nicht ständig im Staate, sondern nur gelegentlich. Bitte über was wollen Sie orientiert werden?“

Ich interessierte mich natürlich für ästhetische Fragen. Gautsch erzählte mir nun das, was er über die Beziehungen zur Kunst im Traumreiche wusste.

„Besondere Museen, Bildergalerien etc. haben wir nicht. Wertvolle Kunstwerke werden nicht aufgestapelt, aber im einzelnen werden Sie gar manches aussergewöhnliche Stück erblicken. Es ist alles verteilt, sozusagen im Gebrauch. Ich erinnere mich übrigens keines Falles, dass ein Gemälde, eine Bronze, oder sonst ein Kunstgegenstand neueren Ursprungs angekauft worden wäre. Die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts bildeten die äusserste Grenze. Bemerken will ich Ihnen beiläufig, dass ich selbst vor einigen Jahren eine Kiste guter Holländer -- darunter auch zwei Rembrandts -- hinuntersandte. Sie müssen also noch dort sein. Patera ist mehr Altertumssammler im allgemeinen als Kunstsammler, das allerdings im grössten Stile. Wie Sie wissen, erwirbt er ja sogar ausgedehnte Baulichkeiten. Aber noch weit mehr! -- Mit einem mir unbegreiflichen Gedächtnis ausgestattet, erinnert er sich fast aller Gegenstände in seinem Reich. In seinem Auftrage werden sie von uns Agenten zusammengekauft. Wir erhalten oft Verzeichnisse der gewünschten Sachen mit genauesten Angaben aller äusseren Details, ausserdem wo und bei wem diese Dinge sich befinden. Die oft mit den höchsten Preisen bezahlten Waren wandern dann sorgfältig verpackt nach Perle. Das gibt viel Arbeit!“, meinte er. „Es ist mir selbst oft unerfindlich, woher unser Herr seine exorbitanten Kenntnisse in diesen Dingen nimmt. Trotzdem ich viele Jahre schon in seinem Dienste stehe und an alles mögliche gewöhnt sein könnte, staune ich immer wieder. Wertvolles und offenbar alter Schund werden da mit derselben Hartnäckigkeit verlangt. Wie manches Mal musste ich in Bürgerfamilien oder bei in der Einsamkeit hausenden Gebirgsbewohnern nach irgendeinem alten Schmarrn Keller und Speicher durchwühlen. Die Leute wussten oft selbst gar nicht, dass sie diese Dinge, einen zerbrochenen Stuhl, ein altes Feuerzeug, ein Pfeifengestell, eine Eieruhr oder irgend so etwas überhaupt besassen. Manches Mal, wenn der Gegenstand gar zu unscheinbar war, schenkte man ihn mir lachend. Öfters hatte ich aber einen schweren Stand, indem die Leute behaupteten, sie hätten das Gesuchte nicht. Hinterher fand sich’s dann. Schlaue Bauern machten dabei meist ihren Schnitt. Ja, ich habe viel zu tun. Erst vorige Woche wurde von mir ein Posten alter Klaviere versandt. Es waren sehr hergenommene darunter.“

„Ach, ich liebe ja den alten Kram so --“, warf ich hier ein.

„Jawohl, Sie würden sich sicher sehr wohl und ruhig dabei fühlen. -- Es ist alles da, was man braucht, gutes Essen, nicht zu vergleichen mit dem schändlichen Zeug, das dem Reisenden sonst im Orient vorgesetzt wird; man wohnt behaglich und anregende Gesellschaft finden Sie überall. Sogar ein hübsches Kaffeehaus steht Ihnen zur Verfügung. Was wollen Sie mehr?“

„Sie haben recht,“ rief ich warm, „es geht nichts über ein geordnetes einfaches Leben. Aber die Leute, das Volk? Wen trifft man drüben?“ Der Agent räusperte sich, seine Augengläser blinkten und er fuhr fort:

„Es ist wahr, ich habe mit Ihnen noch nicht von den Menschen gesprochen. Nun, gerade wie überall, es gibt reizende Personen unter ihnen!“

„Zum Beispiel?“

„Also da wäre erstens ein gebildeter, solider Bürgerstand, dann die zahlreiche Beamtenschaft. -- Auch das Militär ist nett und kommt in Betracht -- -- -- Offiziere sieht man häufig. -- -- Ferner, nicht zu vergessen, eine grosse Anzahl origineller Privatgelehrter, und endlich die ganze Reihe nicht bestimmt definierbarer Existenzen -- Artisten, freie Künstler usw., wie überall .....“

„Und vor allen Dingen mein Freund, der Herr selbst?“ unterbrach ich.

„Den werden Sie wohl nicht so oft treffen. Patera ist zu viel beschäftigt, überladen mit Arbeit. Bedenken Sie, die Verantwortung! -- Es sind natürlich alles Menschen, welche in das Ganze hineinpassen“, sprach er rasch weiter. „+Sie+ wurden, so viel ich weiss, erwählt, weil gewisse Ihrer Zeichnungen einigen Eindruck auf den Meister gemacht haben. Sie sehen, Sie sind dort nicht ganz unbekannt ...... Um die Art, den Stil der Lebensführung möglichst rein zu bewahren, ist der erwähnte strenge Abschluss von der Aussenwelt nötig. Des Meisters feine Politik gipfelt in der Durchführung. Es gelang tatsächlich bisher, das Nichthineingehörige von dem Lande fernzuhalten.“

Begeistert pflichtete ich diesen Ideen bei, innerlich bereits entschlossen, der Einladung zu folgen. Erwartete ich doch schon eine reiche künstlerische Ausbeute des Abenteuers.

Ein so schwächliches, zweifelhaftes Ding ist des Menschen Herz! Hätte ich damals, als der Gedanke dieser Zusage in mir keimte, auch nur ein wenig geahnt, welche Schicksale mir daraus erwachsen würden, so wäre ich der Aufforderung nicht gefolgt und wäre wahrscheinlich heute ein anderer Mensch.

IV.

An dieser Stelle muss ich einflechten, dass ich in jenem Jahre der Erfüllung eines heissen Lebenswunsches sehr nahe stand. Es war eine Reise nach Ägypten und Indien, welche bislang aus materiellen Gründen unterblieben war. Meine Frau hatte nun gerade eine kleine Erbschaft gemacht, das Geld sollte zu dieser Reise verwendet werden. -- Doch es kam, wie immer im Leben, anders, als wir es uns dachten. -- Als ich Gautsch diese Pläne erzählte, sprach er sogleich meinen Gedanken aus:

„Sie vertauschen einfach das Reiseprojekt. Anstatt nach Indien, fahren Sie in das Traumreich.“

„Aber meine Frau? Ohne sie mag ich nicht reisen!“

„Es ist meine Instruktion, auch sie mit einzuladen. Wenn ich das vorhin nicht erwähnt habe, so hole ich es nach.“

Jetzt gab es nur noch einige Bedenken: Der etwas kränklichen Konstitution meiner Frau konnten wirklich ernstliche Reisestrapazen nicht zugemutet werden.

„Aber ich bitte Sie,“ beruhigte mich momentan der Agent, „der allgemeine Gesundheitszustand bei uns ist ein ausgezeichneter ...... Perle liegt auf dem gleichen Breitegrad wie München, aber das Klima ist derartig mild, dass sich selbst die nervösesten Menschen in kurzer Zeit ausserordentlich wohl fühlen. Gehörte doch ein grosser Teil der Traumleute früher zu den ständigen Gästen der Sanatorien und Heilanstalten.“

„Das ist etwas anderes, dann schlage ich ein“, und freudig schüttelte ich Gautsch die Hand.

„Und was die Reisekosten betrifft“ -- er warf einen raschen Blick durch das Zimmer und bemerkte zuvorkommend --: „ein kleiner Zuschuss wäre Ihnen vielleicht nicht unangenehm?“

Scherzhaft lachend sagte ich:

„Nun, wenn Sie mir tausend Mark dazu geben wollen, warum nicht?“

Da zuckte der Agent nur die Achseln, zog sein Scheckbuch heraus, schrieb hastig ein paar Worte, und überreichte mir das Blatt:

Es war ein Scheck der Reichsbank über 100000 Mark.

V.

Hört man von einer Sache erzählen, welche wunderbar ist und vom Alltäglichen weit abliegt, so bleibt immer ein ungelöster Zweifel in uns. Und das ist recht gut. Wäre man doch sonst ein Belustigungsobjekt für jeden guten Erzähler oder den nächstbesten Betrüger. So aber wirkt eine Tatsache weit stärker als eine Mitteilung. Das war hier der Fall. Gautsch hatte ja gewissermassen schon mein Vertrauen. Aber als ich diese grosse Summe -- für mich ein schönes Vermögen -- sah und in der Hand hielt, war mir doch seltsam zumute. Ein Zittern durchlief mich, und mit Tränen in den Augen sagte ich:

„Verehrter Herr, entschuldigen Sie, aber es kommt mir schwer an, die richtigen Worte für meinen Dank zu finden. Nicht für dieses viele Geld da! -- Ach, nein! -- Aber sehen Sie, wenn man das Märchen sein ganzes Leben lang erstrebt und es kommt dann plötzlich zu einem, so ist dieser Augenblick gross und schön. Das habe ich heute durch Ihre Güte erlebt, haben Sie Dank dafür!“

So oder ähnlich drückte ich mich damals in hoher Erregung aus. Gautsch -- wie mir schien ebenfalls sehr ernst geworden -- entgegnete zartfühlend:

„Mein Herr, ich tue nur meine Pflicht. Wenn ich Ihnen damit Freude mache, dann ist es mir sehr angenehm. Dank schulden Sie mir darum nicht, es ist ein Höherer, für den ich handle. Ich kann Ihnen nur noch raten, über die Dinge, welche Sie heute erfahren haben, +zu schweigen. Sprechen Sie mit niemand darüber+, Ihre Frau selbstverständlich ausgenommen. Ich kann allerdings nicht wissen, was die Folge einer Verletzung der bei uns eingeführten Regel sein würde. Aber Pateras Macht ist gross, und er will, dass das Traumreich ein Geheimnis bleibe.“

„Da war es aber vielleicht recht unvorsichtig von Ihnen, mir so viel von der Sache zu erzählen? Sie konnten doch unmöglich wissen, wie ich mich dazu stellen würde“, bemerkte ich überschlau.

„Ganz so war es doch nicht, mein Herr, +ich wusste, dass Sie kommen würden+!“

Damit drückte er mir die Hand, und wandte sich zur Tür:

„Es ist schon spät geworden. Ich komme morgen wieder um diese Zeit, um Ihnen alle Angaben bezüglich der Reise zu machen. Also reden Sie mit Ihrer Gattin und empfehlen Sie mich ihr. Gute Nacht!“

Er war gegangen.

Die zehn Minuten, bis meine Frau von ihren Besorgungen heimkam, erschienen mir endlos. -- Ich musste mich aussprechen -- über das Unerhörte reden können -- brauchte einen Menschen --

....... Jetzt war sie da .......

Der Spass einer Überraschung fiel natürlich ins Wasser, denn meine Frau las mir die Aufregung vom Gesicht. Bei meinen erstaunlichen Mitteilungen horchte sie wohl auf, konnte sich aber doch nicht der spöttischen Frage enthalten:

„Bist du bei Trost?“

„Sehr wohl, meine Liebe. Auch ich hielt Gautsch, ehe ich mich von seiner Anständigkeit und Noblesse überzeugte, für einen Schwindler oder Verrückten.“

Sieghaft spielte ich nun meinen Trumpf aus, den Scheck. Auch in diesem Falle wirkte das gründlicher als die Erzählung. Indem sie mir riet, mich gleich morgen zu erkundigen, ob er auch echt sei, überdachten wir die Reise und alles Drum und Dran.

„Aber richtig, das Bild, zeige es mir doch!“

Es war ein überraschender Eindruck .......

Nachdem sie es lange angesehen, lehnte sie sich zurück und flüsterte in ergebenem Ton: „Glaubst du wirklich dorthin zu müssen? Dieser Mensch gefällt mir nicht. Ich weiss nicht, was es ist, aber er sieht furchtbar aus!“

Sie war nahe am Weinen.

„Aber Kind, was für Geschichten!“ Ich umarmte sie lachend. „Das ist mein alter Freund Patera, ein lieber, netter Mensch! Wenn er sein Geld auf eine künstlerische Art verbraucht, so schätze ich ihn darum nur desto höher.“

„Willst du nicht doch lieber vorher noch anderweitige Erkundigungen einziehen?“

„Ich weiss nicht, was du willst, für meinen Freund bürge ich. Dass der Scheck Wert hat, wird sich morgen erweisen, und das Traumreich scheint mir eine grandiose Idee zu sein. -- Wir wollten ja doch nach Indien gehen! Aber du willst nie meine Freude ganz!“

Die letzten Worte klangen schon fast vorwurfsvoll. Ich suchte sie zu beruhigen und sie gab mir schliesslich auch recht, nannte ihre Aufwallung selbst übertrieben.

„Du sollst es sicher schön haben dort. Dann denke doch nur an die prachtvollen Anregungen, die ich bekommen werde .... Und das Geld, das ist grossartig, wie?“

Sie war nun wieder heiter, getröstet, und beschäftigte sich gleich mit den praktischen Fragen der Übersiedelung. Ich hingegen fühlte mich schon ganz als Traummensch, und fabulierte darauf los .... Immer wieder sah ich das Bild und den Scheck an, und verliebte mich in beide ein wenig ....

....Der Morgen graute, als wir endlich einschliefen .....

VI.

Eine Stunde vor Eröffnung der Kassen war ich auf der Bank. Für mein Papier erhielt ich ein dickes Paket dreimal durchgezählter Scheine. Und als ich meinen Schatz in Händen hielt, konnte ich nicht schnell genug eine Droschke besteigen, um ihn in Sicherheit zu bringen.

Zu Hause erwartete mich ein Brief von Gautsch: er könne nicht mehr kommen, es tue ihm sehr leid, aber neue Befehle hinderten ihn daran. Er riet uns dringend, wegen der in Aussicht stehenden Winterstürme auf den beiden zu durchschiffenden Meeren, möglichst bald abzufahren. Der Brief schloss mit einem Glückwunsch für die Zukunft. Beigelegt war die Route: München -- Constanza -- Batum -- Baku-- Krasnowodsk -- Samarkand. Dort würden wir an der Bahn erwartet, wir seien signalisiert, ich hätte nur das Bild Pateras als Legitimation zu benützen.

Die Auflösung unseres Haushaltes war ohnehin beschlossene Sache. Alle Vorbereitungen für die grosse Reise erledigten sich unter der wackern Mitwirkung meiner Frau glatt und einfach. Meine gehobene Stimmung dauerte bis zum Schluss. Am letzten Tag, den wir in unserer alten Wohnung zubrachten, überschlich mich doch ein Wehmutsgefühl. Ich weiss nicht, ob es andern auch so geht, mich schmerzt der Abschied von mir lieb gewordenen Räumen. Hier wich wieder ein Stück Leben von mir, das fortan nur eine Erinnerung sein würde. Ich trat ans Fenster, draussen war es dunkel, alles herbstlich kahl. Gedämpft drang der Lärm der grossen Stadt an mein Ohr. Es wurde mir wirklich weh ums Herz und ich starrte in den nächtlichen Himmel. Er war übersät mit winzigen Sternen.

-- Da legte sich ein freundlicher Arm um meinen Hals --.

Der nächste Tag, ein Freitag -- mit dem Abendzug wollten wir fahren -- wurde grösstenteils in einem Hotel am Bahnhofe verbracht. Zwei Billette der Orientlinie nach Constanza hatte ich schon bei mir. Von Bekannten, denen ich zufällig begegnete, verabschiedete ich mich, wobei ich fallen liess, dass wir nach Indien gingen. Um neun Uhr abends sassen wir im Zuge.

ZWEITES KAPITEL

DIE REISE

I.

Ich werde mich jetzt etwas beeilen; Reiseschilderungen finden meine Leser überall und zwar weit schönere, als ich sie zu schreiben imstande wäre.

Dass eine Bahnfahrt meist ein Gedränge ist, weiss jeder Mensch. Ab Budapest machte sich bereits ein leichter asiatischer Einschlag bemerkbar. Wodurch? Im Interesse dieses Buches will ich Ungarn nicht beleidigen.

Gott sei Dank war ich wenigstens in Belgrad schon so weit, nicht alle zehn Minuten an die Brust zu greifen, ob mein Schatz noch da sei. Es braucht doch nicht jeder zu wissen, wo man sein Geld aufbewahrt hat, auch in Serbien nicht.

Ich bin gewöhnlich im Kupee leicht gereizt. Diesesmal war es bedeutend besser. Wir fuhren aber auch mit allem erdenklichen Komfort. Ich gab mich heiteren Träumereien hin und freute mich, dass ich noch alle Genüsse vor mir hatte. Wenn nur meine Frau fröhlicher gewesen wäre. Leider lag sie da, war nachdenklich und klagte über Kopfschmerzen.

Als Bukarest hinter uns lag, hatte ich aber auch genug. Zwei Nächte in der Eisenbahn, wenn auch noch so bequem, sind schliesslich doch keine Kleinigkeit. Die letzten Stunden verbrachten wir fast wie die wilden Tiere in einem Käfig.

Als dann am frühen Morgen das Schwarze Meer in Sicht kam, standen wir schon längst aussteigebereit im Gang. Mit den ersten Sonnenstrahlen kamen wir in Constanza an. -- Grosse Gepäcksbalgerei --.

Der Dampfer, der uns nach Batum bringen sollte, gehörte dem österreichischen Lloyd. Er war sauber und bequem. Dies war für meine Frau besonders günstig. Nach einem Bade hatte sie sich von der Bahnfahrt recht gut erholt. Sie war glücklich über den schönen Tag und das Meer. Ich stand am Hinterdeck und blickte dem entschwindenden Festland nach ..... Europa ......! Bald war die Küste nur noch als ein schmaler Streifen sichtbar. Auch dieser verschwand. Angestrengt schaute ich nach der Richtung, ich bildete mir noch lange ein, ihn zu sehen.

Auf Wunsch meiner Frau verhielt ich mich den Mitreisenden gegenüber sehr reserviert. Und ich musste ihr recht geben. Ist man, wie ich auf dieser Reise, ganz durchdrungen von einer Idee, wie leicht kann man da sein Ziel verraten! Und was dann geschehen würde, konnte womöglich recht unangenehm werden.

Als mir Gautsch das Gelöbnis des Schweigens abnahm, sah er durchaus nicht spasshaft aus. Am Ende durfte der Verräter gar nicht ins Traumreich, und musste das Reisegeld zurückzahlen. Dafür würde ich mich schönstens bedanken! -- Ich war also sehr wortkarg, was mir ziemlich leicht fiel. Es war nämlich kein Deutscher an Bord und ich bin keiner anderen Sprache mächtig. So dachte ich um so mehr an das Traumreich und bildete mir die phantastischsten Dinge darüber ein.

Diese Stimmung dominierte recht eigentlich. Nur beim Umsteigen in die Eisenbahn wurde ich zu meinem Widerwillen herausgerissen. Meine Frau hingegen war wieder sehr erfreut über die Geräumigkeit der russischen Eisenbahnwagen. Ja Russland! Das war so ein Land nach meinem Geschmack: gross, üppig, unkultiviert, aber doch mit dem Komfort herausrückend, sobald nur Geld klimpert. Geldmenschen wie wir kommen heutzutage überall durch. Ich liess den Zaren leben und freute mich der paar Tropfen Slavenblutes, die auch in mir kreisen. Diese ganze günstige Ansicht vom russischen Reiche war hauptsächlich durch die zufällig rasche Pass- und Zollabfertigung beeinflusst.

Eine Woche nach unsrer Abfahrt von München waren wir in Krasnowodsk. Die kaspische See hatten wir schon hinter uns. Sie wurde auf einem russischen Schiff in einigen Stunden durchquert. Einem derart schmierigen Kasten bin ich noch nie begegnet. Meine Meinung über den Zaren war sehr scharf. Doch eines musste ich ihm zugeben: Der Kaukasus, das heisst das, was man von ihm sehen konnte, war allerdings schön.

Ich war des Reisens nun doch etwas müde. Es war hart, immer in einem Pferch zu hocken, wenn man auch ohne Anstrengung die halbe Welt dabei sah. Zum Teufel, ich will mich rühren dürfen!

Was von jetzt ab mit immer konfiszierteren Gesichtern an unsern Zug trat, schien nur mehr Gesindel. Wir fuhren durch ein Wüstenland, direkt auf Merw los. Oasen links und rechts. Neuartige Speisen boten Gelegenheit, sich den Magen zu verderben. Aber das war kaum nötig, denn mein übertriebenes Rauchen bewirkte dasselbe. Schade, dass ich die verpafften Zigaretten von München bis Merw nicht gezählt habe. Nun zog das Gespenst der Tabakfrage heran. -- Ja, mein Tabak! -- Ihn zwischen Bücherseiten zu verstauen, war eine gute Idee, doch praktisch wertlos. In die Enge getrieben, ersuchte ich meine Gefährtin, mir ihre Frisur zwecks Schmuggels zu überlassen. Ich dachte an eine Art himmelhohen Chignons, wurde aber abgewiesen. -- Zum Schluss, wie meistens, kam dann das Beste. Ein Reiseluftkissen wurde mit zäher Ausdauer vollgestopft. Das hatte es gut! Es wurde umschmeichelt, nicht aus den Augen gelassen! Ich +musste+ meinen Tabak haben, denn Russen sind mir zu scharf, ich bin darin individuell. Dass ich mir mit ein paar Rubel die ganze Mühe hätte ersparen können, fiel mir, -- da ich gewohnt war, als armer Schlucker zu reisen, -- natürlich nicht ein. Aber bald würde das Luftkissen erschöpft sein, was dann? Dumpf bebrütete ich Rettungsmöglichkeiten. Hoffen wir auf das Traumland, Gautsch sah zu anständig aus! Und wieder wickelte ich mich förmlich in Zukunftsgedanken ein.

Meine Frau fühlte sich übrigens wohl. Je länger die Reise dauerte, desto frischer wurde sie. Sie gewöhne sich, behauptete sie. Das verstand ich nicht. Aber im geheimen hegte ich mit etwas Neid tingierte Bewunderung. In Merw hatten wir kurzen Aufenthalt. Auf einem Seitengeleise stand ein Lastenzug, in welchen einige Waggons mit altem Eisen und Gerümpel eingeteilt waren. Vielleicht schon Güter für Perle? dachte ich, und starrte sie an. -- Traumgüter! --

Meine Frau fing an, sich um mich zu sorgen. Das Schwelgen im Künftigen gefiel ihr nicht.

„Du bringst dich um die ganze Freude der Reise. All das Fremdartige, die phantastischen Trachten, kurz alles, scheint gar nicht für dich da zu sein. Sonst, selbst bei kleinen Ausflügen hattest du immer dein Skizzenbuch bei der Hand, und jetzt siehst du kaum hinaus!“

Sie seufzte und gewiss, sie hatte recht. -- Aber ich sagte nichts. -- Seufzende Frauen, die mag ich schon gar nicht. Dann streichelte sie mir die Hand.

„Mag die Zukunft uns noch so Grossartiges bescheren, die Realität soll man doch nicht so ganz ausser acht lassen.“

Jetzt trat ich ans Kupeefenster. -- In der Bahnhofhalle herrschte ein buntes Treiben. Alle möglichen Völker, hochgewachsene Georgier, Griechen, Juden, Russen in Pelzen, Tartaren, schlitzäugige Kalmücken, auch Deutsche waren da. Tausend interessante Dinge gab es zu sehen. Um Felle wurde gefeilscht, gesprochen und geschrien, Türken erschienen mit verschleierten Frauen, ein Armenier wollte mir Obst verkaufen, auch ein Paket Safran sollte ich ihm abnehmen. Wozu? -- -- --

Die Aufregung wuchs. Es war Abfahrtszeit. Rückwärts wurden grosse Ballen Seidenstoffe verladen. Jedesmal beim Heben gab es ein komisches Wort. Ich verstand immer „Quark!“ Ein schöner Mann in einer roten Tscherkessenuniform -- wohl ein Offizier -- verabschiedete sich von seinen Freunden. Er stieg ins Nebenkupee. Alles das und noch mehr war durch drei Bahnhofslampen aus der Dunkelheit herausgehoben. Entschieden ein malerisches Bild.

Unser Zug setzte sich in Bewegung. Im Hintergrund der Halle bemerkte ich gerade noch einen Haufen Fässer. Die kannte ich seit Baku -- sie hatten das Schiff verstänkert.

„Gefällt es dir, Lieber?“ frug eine Stimme.

„Ich konstatiere die Richtigkeit der Reisebeschreibungen“, antwortete ich trocken.

II.

In dieser Nacht ging es mir nicht recht gut. Damals war ich ein Mensch, der das Abenteuer vergötterte. Aber es musste ein richtiges sein, etwas aussergewöhnliches, kein Klischee.

Die nahezu ununterbrochene zehntägige Fahrt hatte meinen Kräften natürlich tüchtig zugesetzt. Ach, meine Stimmung war miserabel! Ich wälzte mich auf dem Bettprovisorium und jammerte. „Der Traumstaat ist ein Aufsitzer, du wirst sehen“, sprach ich zu meiner Frau. „Man wird uns in irgendein beschwerlich zu erreichendes Nest schleppen, dort müssen wir Patera und seinen Mist bewundern, bloss weil er reich ist! Mir ist ein reicher Mensch aber, bloss weil er reich ist, wurst. Mit dem Gelde wird es auch bald vorbei sein, das ahne ich schon. Bei unverschämten Preisen wird man uns alles wieder abknöpfen.“

Ich war unmutig, voll tiefer Hoffnungslosigkeit und Enttäuschung. Wir fuhren da immer weiter nach Osten, und alles war trotz dem orientalischen Gepräge so wie man es sich auch daheim ganz gut denken konnte. „Und was soll dann noch kommen?“ reflektierte ich weiter. „Ein paar Villen und Häuser, eine Fremdenkolonie, ein Park. Um diese Himmelsprächte lasse ich mich also jetzt von der Eisenbahn halbtot rütteln?“

Meine Frau suchte mich soviel sie vermochte zu trösten.

„Wenn es uns nicht gefällt, reisen wir eben wieder heim“, meinte sie. „Bis jetzt ist doch wirklich kein Grund zu so schlechter Laune.“

„Der Agent war ein abgefeimtes Subjekt; diesem Kerl hätte man die Türe weisen sollen. Warum hast du mich nicht gewarnt?“ räsonierte ich.

„Und das Geld?“ frug sie lachend!

„Bitte, erwähne das Geld nicht mehr. Ist man so reich wie Patera, reisst man sich eben eine Million vom Herzen, wenn man schon anständige Menschen bei sich sehen will.“

Gähnend drehte ich meiner Frau den Rücken zu. Frauen verstehen einen nie. Und schon halb im Schlafe hörte ich, wie meine Gefährtin noch bemerkte:

„Überschätzest du unsere Gesellschaft nicht doch etwas?“ Weise verzichtete ich auf Entgegnung.