Die andere Seite

Part 15

Chapter 153,456 wordsPublic domain

Jaques wechselte mit den andern tückische Blicke, dann trat er, ein Messer verbergend, auf Bell zu, der jede Bewegung scharf beobachtete und mit einem Hieb seines Totschlägers den Meuchler niederstreckte. Kaltblütig stellte sich Herkules Bell gegen die Wand des Gartengebäudes. In jeder Hand hielt er eine Browningpistole und frug mit schallender Stimme: „Welche von euch wollen die ersten sechzehn sein?“

Die Bande hatte es sich leichter gedacht, sie duckte sich und drängte zurück, wurde aber von den rückwärts Brüllenden wieder nach vorne geschoben. Scharf, hell und rasch hintereinander knallten die Schüsse; um den Amerikaner war ein Wall von Leichen, weit mehr als sechzehn, denn die Projektile drangen durch mehrere Körper zugleich. Barhäuptig stand er im Frack, breit und aufrecht, die kurze Pfeife zwischen den Zähnen. Seine wuchtig in zwei Höckern sich wölbende Stirn gab dem Gesicht etwas Teuflisches, sein starrer Blick wirkte herrisch bändigend auf die Entfesselten. Keiner wagte, ihn anzugreifen oder zu schiessen. Aber immer noch wurde von hinten geschoben. Dem Drucke nachgebend, stürzten die vorderen Reihen über die Erschossenen. Der Menschenknäuel raubte Bell die Freiheit seiner Bewegung. In Brusthöhe, zwei Spannen von seinem Gesicht sah er diese blassen Larven, Parodien auf das Menschenantlitz. Seine Lungen arbeiteten gewaltig, sein Atem keuchte wie eine Dampfmaschine. „Nieder, nieder mit ihm!“ -- drangen unheilverkündende Rufe an seine Ohren, -- da war ihm ein unvorhergesehener Zufall günstig. Derbe Flüche näherten sich und wurden immer lauter.

„Wer ist es?“ wurde gerufen. „Wer?“

„Gotthelf Flattich, der starke Gotthelf! -- Achtung! Obacht!“

Eine kolossale, halbnackte Gestalt bahnte sich einen Weg durch das Gedränge. Die Leute machten murrend Platz für den sich durchdrückenden Neger, der sie um gut anderthalb Kopf überragte. Er war durch das Geschrei angelockt worden und hatte mit einem Blick die Gefahr erfasst, in welcher der Amerikaner schwebte.

„Rührt ihn nicht an!“ brüllte er weithin schallend und schwang drohend mit seinen Riesenarmen eine eiserne Brechstange. Zornig rollten die Augäpfel in seinem schwarzen Gesicht. Die Zunächststehenden riss er zu Boden und rettete so seinem ehemaligen Wohltäter das Leben.

XII.

Man war vor dem Archiv versammelt. Da öffneten sich beide Flügel des Haupttores und heraus trat Seine Exzellenz, gefolgt von einer kleinen Suite. Der hohe Herr war in goldstrotzender Gala mit allen Orden und trug einen federbesetzten Sturmhut. Von weitem bot er den Anblick eines Paradiesvogels. Diese prachtvolle Uniform sah man eine kleine, rasch errichtete Kanzel besteigen. Ringsum verstummte das Traumvolk.

„Meine Herren, es wird Ihnen vielleicht aufgefallen sein, dass wir in ungewöhnlichen Zeiten leben. Das muss ein Ende haben und Ordnung wird wieder einkehren. An höchster Stelle wünscht man, die Untertanen glücklich zu sehen. Unser allerhöchster Herr hat sich entschlossen, eine Amnestie auf alle Verbrechen und Vergehen zu erlassen. Ich habe den Befehl erteilt, unser Staatsgefängnis, die Wasserburg, heute noch öffnen zu lassen!“ --

„Schon längst geschehen,“ wurde jetzt höhnisch gerufen, „wir haben sie selber befreit!“ brüllte der Pöbel lachend.

Das Gefängnis befand sich etwa eine kleine Tagereise stromabwärts auf einem Felsenriffe mitten im Negro, unweit des Städtchens Bellamonte.

Nicht ein Wort von der Rede wurde in dem Lärm mehr verstanden -- der hohe Redner machte in einem fort den Mund auf und zu. Endlich überzeugte er sich von der Fruchtlosigkeit seiner Beruhigungsversuche, machte eine kleine Verbeugung und wollte die Kanzel wieder verlassen; als er sich umwandte, vernahm er ein schallendes Spottgelächter; Seiner Exzellenz Hose mit den goldenen Streifen hatte den Boden verloren. „Seltsam, -- wie das Volk sich freut“, dachte er.

Eine plötzliche Detonation erscholl -- Staub -- Dampf. -- Viele Leute wurden ohnmächtig oder zerquetscht. -- Eine Bombe war geschleudert worden -- woher, wusste niemand.

Tote und Schwerverwundete mussten auf Bahren fortgeschafft werden; schaudernd sahen die Träumer auf die blutigen Lasten, die in langen Reihen an ihnen vorbeigetragen wurden.

Seiner Exzellenz waren beide Füsse abgerissen worden, ein Stahlsplitter im Leib hatte ihren Tod verursacht.

XIII.

Ich hatte von alldem nichts erfahren, denn meine Schritte richteten sich gegen den Friedhof. Beunruhigt durch die Grabschändungen, wollte ich nach der Ruhestätte meiner Frau sehen. Der Hügel war unverletzt, das kleine eiserne Kreuz hatte der Rost gänzlich zerfressen.

Von ferne sah ich die frischen Massengräber -- hastig wurden jetzt die Toten verscharrt, vier Schuh Erde mussten genügen. Natürlich zogen die ausströmenden Miasmen Wölfe, Hunde und Schakale an, die in der frisch aufgeworfenen Erde wühlten, und während ihrer Mahlzeiten öfters erlegt werden konnten. Ich müsste mich sehr getäuscht haben, wenn ein dunkles, hochrückiges Geschöpf, das ich hinter den Marmorblöcken der erbrochenen Blumenstichschen Familiengruft sah und das ein wieherndes Lachen ausstiess, keine Hyäne war. Ein bleierner Himmel zog sich über den Gottesacker. Zertretene Immortellen, Zweige und vermoderte Kränze steigerten die gewaltige Melancholie dieses Ortes.

Mich fröstelte, da ich schon lange in keinem Bett mehr gelegen war.

Da fiel mir ein, dass ich vor einiger Zeit eine Ankündigung gelesen hatte, wonach auf den Polizeistationen für Unterkunftslose Decken verteilt wurden. Eine solche Station war an die Leichenhalle angebaut und stand mit dieser in Verbindung. Traurig und mit hängendem Kopf suchte ich sie. Eine weiche Anwandlung durchzog mich, ich hatte das Empfinden, auf nachgiebige Massen, Moos -- Heu -- Werg -- zu treten. Die Zypressen schienen mir auszuweichen; zwischen den hellschimmernden Grabsteinen hindurch sah ich ein niedriges Gebäude aus rohen Ziegelmauern. Ohne viel hinzusehen, las ich das Wort: „Polizeistation“ über der geöffneten Glastüre.

Der Raum, den ich betrat, war sehr notdürftig eingerichtet. Grosse, quadratische Fenster waren in Kopfhöhe angebracht; durch ihre Milchglasscheiben drang spärliches Licht.

An den schadhaften Mauern hingen in schmalen schwarzen Rahmen einzelne Verordnungen, an der Hinterwand über einer geschlossenen Tür sah ich das Bildnis König Ludwigs des Zweiten von Bayern. An der hohen, weissgetünchten Decke waren primitive, rechtwinkelige Gasarme befestigt. Ausserdem befand sich ein langer, schmutziger Tisch in dem Gemach, und darauf lag etwas Grauenerregendes: ein aufgeblähter, kurzer Körper in einer goldüberladenen blutbesudelten Uniform. Er war ganz steif und nur die Beine leicht gekrümmt. Die Füsse fehlten, die Hosen waren unter den Knien zugebunden.

„Das ist der König von Bayern“, schoss es mir durch den Kopf, und da war ich auch schon fest überzeugt davon. Sein schwärzliches, durchsichtiges Kinnbärtchen stand in die Höhe, ich wagte aber das fette Gesicht nicht näher anzusehen, denn ich wusste, dass seine tückischen Augen lebten und mich verfolgten -- und von derartigen Blicken hatte ich für immer genug.

Durch eine Glastüre zu meiner Rechten fiel ein schräger Lichtstreif.

„Vielleicht sind hier die Beamten?“ dachte ich und sah durch das Türfenster. Entsetzt fuhr ich zurück; ich hatte in ein langes, schmales Gemach geblickt, in welchem +Hunderte+ von Leichnamen aufgestapelt waren. Sie steckten in grauen Getreidesäcken, die man am Hals zugebunden hatte, so dass nur die Köpfe herausschauten, meistens grünliche Gesichter, die lachten und die Zähne bleckten; -- viele wie getrocknet mit staubigen, zerdrückten Augäpfeln -- andere waren ganz eingepackt und mit aufgeklebten Adressen versehen. Die vorstehenden Knie und Ellbogen, sowie die Schädelrundungen, liessen die verrenkten Stellungen ahnen. An der Rückwand dieses Leichenmagazins hing eine Tafel, auf der mit grossen Lettern geschrieben stand:

„Halle für plötzlich Verstorbene.“

In weitem Bogen um Ludwig den Zweiten herumgehend, wollte ich das Freie gewinnen; da wurde es mir plötzlich klar, dass der Kurze, Goldstrotzende auf dem Tische gar nicht der König von Bayern, sondern unser Regierungspräsident war. --

„Ich weiss ein Geheimnis,“ sprach ich zu mir, „das will ich für mich behalten. Vielleicht ist es doch der König von Bayern.“ -- --

XIV.

Melancholisches Rabengekrächze fesselte meine Aufmerksamkeit; die schwarzen Vögel sassen in langen Reihen dichtgedrängt auf der Ziegelei. Manchmal erhoben sich ganze Züge und führten in der Luft die exaktesten Schwenkungen aus. Gegen den Fluss zu war der Himmel noch immer von der brennenden Mühle gerötet.

Da wurde ich beinahe überrannt von einem nackten Kerl, der über die Ebene dahinschoss. Hinter ihm eine Hundemeute! Pfeilgerade stürzte er auf mich zu, machte aber im letzten Moment eine scharfe Wendung und kletterte auf einen Baum, der wie ein kahler Besen dastand. Die Gestalt war nur mit Lackschuhen bekleidet und trug einen Turban aus Zeitungspapier. Mit wunderbarer Kraft und Gewandtheit, die man in dem entfleischten Körper nicht vermutet hätte, schwang er sich in die Äste der Linde und klomm trotz eines Gegenstandes, den er beharrlich hinter sich herzerrte, wie ein geschickter Affe immer höher. Das Ding, das er mit sich trug, verwickelte sich beständig in den kleinen Zweigen, und mit komisch wichtiger Gebärde versuchte er, es immer wieder zu lösen. Die Hunde, welche ihn gejagt hatten, standen aufgeregt herum und kläfften zu dem Manne hinauf, als wäre er eine Katze.

Da näherte sich vom Friedhofe her eine Abteilung behelmter Schutzleute.

Dem Mann auf dem Baume entfiel sein Schatz; mit einem Aufschrei sprang das seltsame Individuum herab, haschte nach seinem Eigentum und stürzte davon, -- hinterdrein die Hunde; -- ein grosser, schwarzer Neufundländer war ihm scharf auf den Fersen.

Einer der Schutzleute zielte auf den ersten Verfolger. -- Der Hund wurde niedergemacht, aber auch der Gehetzte wurde getroffen und stürzte. Jetzt sah ich, dass es Brendel war. Wir standen bei ihm, er versuchte immer wieder, auf die Beine zu kommen. Der Geifer floss dem Irrsinnigen aus dem Munde, er wimmerte. Die kleine Wunde unter dem rechten Schulterblatt gab fast kein Blut von sich. -- Nach und nach wurde er still und kalt -- dann durchfuhr ihn noch einmal ein Zittern und er war tot. -- -- --

Neugierig hoben die Polizisten den Erschossenen auf, um zu sehen, was er denn mit seinem Körper so sorgsam verdeckte: einen verwesten Kopf, an dem dickes, langes, kastanienbraunes Haar hing. Er schien zu leben. Es regte sich in den Augenhöhlen und um die wie angeklebten Lippen -- -- ein Gewimmel von Maden.

XV.

In der Stadt tobte der Aufruhr. Vom Schlossgarten her nahte Militär, mehrere Eskadronen Kürassiere nahmen vor dem Palast Aufstellung, lauter ausgesucht schöne Leute, denen man das Elend der letzten Wochen nicht allzusehr anmerken konnte. Die Brustpanzer und die Helme zeigten wohl Rostspuren, waren sonst aber gut im Stand.

Hinter eilig aufgeworfenen Barrikaden lagen die Empörer in geschützter Stellung; unter der Führung de Nemis, des einzigen fahnenflüchtigen Offiziers Pateras, hatten sie vor einigen Stunden ein Arsenal erbrochen und besassen nun Waffen, so viel sie brauchten.

Die Revolutionäre waren in zehnfacher Überzahl und darauf gründete sich ihr Mut. Gegenüber stampften die Rosse ungeduldig den Boden. Dass die Kanaille Flinten hatte, erfüllte den alten Oberst, den wackern Duschnitzky, mit schwerer Sorge. Übrigens gefielen ihm auch seine Pferde nicht mehr, sie waren nervös, schlecht gefüttert, verwahrlost. Er hatte vorgehabt, mit dem Angriff auf die angesagten Verstärkungen zu warten, aber es war nicht zu säumen; bis die kamen, konnten die Aufrührer schon das Archiv eingenommen haben, und dann hätte sich mit Kavallerie nichts mehr ausrichten lassen. Ausserdem vergrösserten sich die Pflasterwälle von Minute zu Minute.

Einige Leutnants lachten und steckten sich Zigaretten an. Sie wollten die Kerle tüchtig zusammenfegen, sie freuten sich auf die Strassenreinigung, für junge Offiziere ist so etwas immer ein Spass. Gerade aufgerichtet, mit ein wenig stupiden Mienen, harrte die Mannschaft.

Da fiel ein Schuss, ein Reiter stürzte vom Pferde. -- Der Oberst winkte und ritt vor die Front. Sein echtes, verbissenes Soldatengesicht mit der bronzefarbenen gegerbten Haut schien in diesem Augenblick wahrhaft schön. Er salutierte zum schweigenden Palast hinauf -- wie ein „Ave Caesar“ war es -- dann klangen ein paar Hornsignale, und mit einem lauten Hurra warf sich die geschlossene Reitermasse gegen die Barrikaden. Die Pallasche weit vorgestreckt, den gespenstischen Rosshaarbusch nachwehen lassend, hingen die Reiter über den Hälsen ihrer dahinjagenden Pferde. Das scharfe Geknatter einer Salve empfing sie. Vielleicht fünf Kürassiere glitten aus dem Sattel. Aber -- die Pferde versagten -- das war weit schlimmer. Sie stiegen auf, bäumten sich kerzengerade und warfen ihre Herren ab. Unter durchdringendem Wiehern rasten sie in weitem Bogen um den grossen Platz, stürzten sich, die Barrikaden überspringend, mit entsetzlicher Wucht auf Aufrührer und Soldaten, dabei alles niederschlagend, was sich ihnen in den Weg stellte; eine Pferdepanik war ausgebrochen! Die Tiere, welche übernatürliche Kräfte zu haben schienen, waren wie Besessene.

In diesem Moment traf die erwartete Verstärkung ein, die das Unglück noch vergrösserte. Die angekommenen Gäule witterten die gewaltige Bewegung, und wurden sofort mit hineingerissen. Morsche Geschirre und Sattelgurte platzten, und die Reiter, die keinen Halt mehr fühlten, überkollerten sich und wälzten sich am Boden, bevor sie noch recht wussten, wo der Feind war. Aller Lasten ledig, stob die wilde Herde gegen die Kaserne, dass die Funken sprühten.

Ich stand in der Langen Gasse, als ich ein herannahendes Donnern vernahm -- instinktiv stieg ich auf eine kleine Mauer an der Seitenwand des Kaffeehauses -- da prasselten schon die Hufe auf dem Pflaster -- ich blickte in verstörte, gequollene Augen, -- sah aufgetriebene Nüstern und verzerrte Mäuler -- roch ein paar Augenblicke den scharfen Schweiss -- dann war alles im aufgewirbelten Staub verschwunden, in der Richtung gegen die Felder.

Fett und träge sassen die grossen Geier auf ihren Piedestalen, den Stümpfen der Alleebäume, und sahen gleichgültig auf die Vorbeiziehenden. Nur einem nachhinkenden braunen Gaul, der sich beständig im Kreise drehte, schenkten sie etwas mehr Aufmerksamkeit.

Die aufgeregte Jagd umkreiste die ganze Stadt. Einzelne Versprengte fegten wie blind durch die krummen Gassen, bis sie sich an einer Mauerecke die Schädel einrannten. Die Hauptmasse verkeilte und staute sich mehrmals in engen Passagen und Sackgassen, bis sie auf der Schutthalde anlangte. Da gab’s keinen Ausweg mehr! -- Die Schwachen wurden von den Stärkeren niedergetrampelt, es fielen Hufschläge, dass die Gedärme spritzten und übler Dampf sich verbreitete. Der alte Oberst wäre wohl erfreut gewesen, wenn er den schönen Erfolg seiner Attacke hätte ansehen können; denn unzählige Aufrührer fanden dabei durch Zertrampeln ihren Tod. Doch eine Faust in weissem Stulphandschuh war alles, was von ihm erkenntlich blieb -- der Rest war in dem Wust von Gliedern, Kürassen, Knochensplittern, Helmen, Sätteln und Zaumzeug vollständig aufgegangen.

XVI.

Das Kaffeehaus war, ehe es gänzlich in sich zusammenfiel, schon derart in seinem Innern baufällig gewesen, dass keine Gäste mehr kommen wollten. Das machte der Wirt seinem Oberkellner zum Vorwurf:

„Sie sehen aus wie ein Schwein!“ sprach er ruhig und begütigend zu ihm. Bei dieser milden Form konnte es also nur der Inhalt des Satzes sein, der in dem falschen Kellner einen gemeinen Wunsch wachrief. Eines Nachts stiess er hinterlistig seinen arglosen Chef in die Kelleröffnung und warf die Falltüre zu. Der Wirt brach sich zwar einen Arm, fiel aber sonst weich wie ein Gummiball infolge des Wirtsspeckes. Obwohl über Anton entrüstet, ahnte er doch nicht die Grösse der Gefahr, in der er schwebte. Der Kellner hatte für sein Verbrechen auf Verbündete gezählt und sich als geübter Zahlkellner nicht verrechnet. Diese furchtbaren Verbündeten waren die Millionen von Ratten, welche die unterirdischen Gewölbe und Katakomben von Perle bevölkerten. Der Wirt, vorläufig im Dunkel nach der falschen Richtung tappend, geriet in den Gang, in dem auch ich seinerzeit so viel ausgestanden hatte.

Vergeblich sucht er einen Ausgang, der gebrochene Arm schwillt an und beginnt heftig zu schmerzen. Er ermattet, ein leises Quietschen wird vernehmlich -- ein Huschen und Hüpfen; erst vereinzelt, -- dann immer stärker, -- hundert-, -- tausendfach. -- -- -- Nun merkt er, in was für eine Falle man ihn gestossen hat, er versucht zu laufen, um sich zu schlagen, immer wieder spürt er die tastenden Händchen -- schwere Klumpen hängen sich an ihn. Der Arm, der sie abstreift, erhält kleine scharfe Bisse. Er versucht, die Feinde herunterzuschütteln. Vier- -- fünf- -- sechsmal gelingt es, dann wirft er sich auf den Boden, um die hungrigen Quäler los zu werden! Es werden vielleicht hundert Ratten zerquetscht und zertreten -- Tausende erstehen dafür und preisen das Glück, das der Schöpfer über das Rattenvolk hat kommen lassen! -- -- --

-- -- Von verschiedenen Leuten wurde mir über merkwürdige Rufe berichtet, über schauerliche Flüche, jammervolle Gebete, dumpfes Gebrüll, das sie aus den verschiedenen Gossen und Kanälen gehört haben wollten. Die angegebenen Orte lagen allerdings ziemlich weit auseinander, aber die Akustik im Traumreich war eine ungewöhnliche.

Der Herr Anton führte nach dem spurlosen Verschwinden seines Brotgebers das Café noch ein paar Stunden fort, sperrte dann und verliess das Lokal. Einnahmen hatte er doch nicht mehr zu erwarten. -- Die Schachspieler blieben. -- Durch ein Spiel des Zufalls kam er mit Castringius zusammen und verbündete sich mit dem ehemaligen Zeichner. Nik hatte seinen Beruf gewechselt. Er bestritt seinen Lebensunterhalt jetzt aus den Ersparnissen anderer Leute -- mit anderen Worten: er stahl, was ihm unter die Finger kam. Seine letzte Arbeit: „Der aussätzige Albino tötet das Urhirn“, hatte er dem Amerikaner gewidmet, dem er zu verstehen gab, dass das Blatt ein „allegorisches Symbol“ sei und einen Wert von hunderttausend Mark repräsentiere. Er könne es für die Lumperei von 5000 haben. Bell lachte und liess den Künstler zur Tür hinauswerfen. In neuester Zeit konnte einem das leicht bei ihm passieren. Castringius ging rachebrütend zu Patera über und schädigte seitdem die Anhänger „dieses verdammten Yankee“ nach seiner Weise. Als er wiederum einmal eine gute Beute getan und sich gerade aus dem Staube machen wollte, spürte er eine fremde Hand in seiner hintern Rocktasche. Zupackend gewahrte er, dass an dieser Hand der Kellner Anton hing! Entschuldigungen, -- Aufklärungen. -- Das Ende war, dass die zwei schönen Seelen von nun an gemeinsame Sache machten. Ihre Spezialität war: Einbruch in verlassene Landhäuser. Im Schlossgarten besassen sie ein Versteck, wo sie die zusammengerafften Reichtümer aufstapelten und vergruben. Eines Tages hatten sie einen besonders vielversprechenden Fischzug vor. Die Villa des früheren Traumspiegelredakteurs, der dem Biss einer Giftschlange erlegen war, stand leer. Die beiden schlichen vorsichtig und möglichst im Dunkeln bleibend ins Gartenviertel. Schweigend gingen sie nebeneinander her, jeder hing eigenen Gedanken nach. Anton hoffte immer auf eine Gelegenheit, sich seines Freundes entledigen zu können. -- Er, nur er allein wäre dann der Erbe gewesen. Castringius hingegen überzählte im Geiste den schon gewonnenen Besitz. Er war befriedigt. -- Noch ein paar glückliche Griffe und er hatte genug, um irgendwo in Europa ein ehrliches, sorgenfreies Künstlerleben zu beginnen.

-- Man sah sehr schlecht. „Dauert es noch lange?“ frug mürrisch der Kellner.

„Du bist doch sonst dein ganzes Leben gerannt! Dort, das letzte Haus, da sind wir daheim.“ --

Von Bäumen halb verdeckt, unterschied man jetzt einen First. An dem Gartenzaun sicherte Castringius nach allen Seiten.

„Alles soweit in Ordnung, also steige hinüber!“ forderte er seinen Genossen auf.

Jetzt war diesem das Drängen nicht recht, er fürchtete immer eine List des Zeichners. Nach langem Hin und Her stieg Castringius ein -- der andere folgte. Am Stacheldraht blieben die Frackschösse des Kellners hängen. „Ein Opfer des Berufes!“ konstatierte sarkastisch der Genosse. Sie durchstöberten kundig die Wohnung. Weder im Arbeitszimmer des Zeitungsmannes, noch sonstwo fand sich etwas Mitnehmenswertes. Enttäuscht äusserte sich Castringius über den Redakteur.

„Ich begreife mich selbst gar nicht! Wie konnte ich nur einmal vor diesem Menschen Respekt haben? Hier dediziere ich dir dreizehn Jahrgänge des Traumspiegels“, sagte er schadenfroh zu Anton, der missvergnügt die verfallene Möbelpracht ansah, und wies auf eine Bücherreihe.

„Hör mir auf mit deinen blöden Witzen, diesen Mist kannst du dir selbst behalten.“

„Schweig! Lakai! Was verstehst du von Höherem? Diese Bände enthalten fast die ganze Produktion eines Künstlers, der dir ewig fremd bleiben wird. Dein Horizont reicht kaum für die Arbeiten meines geschätzten Kollegen!“ Mit einem Blick voll verächtlichen Mitleids strafte er Anton.

Im Schlafzimmer fahndeten sie nach brauchbarer Garderobe. -- Ein unterdrückter Seufzer! -- „Hast du gehört?“ frug zitternd der abergläubische Kellner und liess vor Angst beinahe das Licht fallen. Auf dem Bette hockte, in eine Decke gewickelt, die zusammengekauerte Gestalt eines kaum entwickelten Mädchens, das die Eindringlinge zu Tod erschrocken mit grossen Augen anstarrte: „Luischen, das Töchterchen meines Redakteurs?! -- Gehört selbstverständlich mir!“ rief fröhlich Castringius und näherte sich unter Verbeugungen dem eingeschüchterten Kinde.

„Bitte, wir teilen! Wie ausgemacht!“ Sofort regte sich bei dem wieder mutig gewordenen die Eifersucht.

Castringius wandte sich um, die Stirne vorgebeugt, wie ein Bulle -- nein, einem betrunkenen Ochsenfrosch glich er; er glotzte den dünnen, durch schlechte Nahrung heruntergekommenen Kellner an. Seine kurzen, stämmigen Beine standen unverrückbar, die langen Arme mit den fürchterlichen Tatzen einige Male schlenkernd, knurrte er dumpf:

„Mein Herr, hier habe ich wohl ältere Rechte. Mit einem Flegel wie du teile ich nicht; wenn du willst, so probiere es.“

Er fletschte die Zähne. -- Er kannte seine Kraft, konnte ihr vertrauen.

Anton, der Geriebenere, war seit dem Bestehen des Kompaniegeschäftes auf eine solche Szene vorbereitet und trug vorsichtshalber ein Gegenmittel im Sack. Unvermutet flog der ersten Kraft des Traumspiegels eine Handvoll gemahlenen Pfeffers ins Gesicht. --

Der so Geblendete griff aufs Geratewohl zu, packte seinen Gegner an der Brust und riss ihn zu sich heran. Die Schiffsschrauben schlossen sich hinter seinem Rücken, Anton knickte ein. Beide, der Lange und der Kurze, wälzten sich auf dem Boden, zuerst rollten sie durchs ganze Gemach, dann durch die offene Tür auf die Altane hinaus. Dass das Geländer zerbrochen war, merkten die sich wütend umschlungen haltenden nicht. Sie flogen vom Balkon auf das Dach der angebauten Waschküche, glitten weiter abwärts und stürzten in die geöffnete Senkgrube.

Es gab einen dumpfen Plumps ..... dann stiegen einige Blasen auf ......

XVII.

„Die Liebe des Fleisches ist nichts als der Wille des Dings an sich, in die Zeitlichkeit einzudringen. Wie könnt ihr so vermessen sein, das Ding an sich zu zwingen? Ihr unterscheidet nicht das Ding an sich von den anderen Dingen. Vom philosophischen Standpunkt aus muss ich eure Handlungen verdammen.“ So sprach der Friseur angesichts der Saturnalien auf den Tomassevicfeldern.