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Part 14

Chapter 143,433 wordsPublic domain

Die Traumstädter siedelten nach und nach auf die freien Grundstücke über. Auf den Tomassevicfeldern, den grossen Bauplätzen beim Friedhof, kampierten die besseren Leute. Hier war ein Zeltlager errichtet, welches sich bis gegen das Flussufer erstreckte. Gewiss, in den stickigen Nebeln und auf dem feuchten Lehmboden war es schlecht zu nächtigen, aber man verlor nicht gleich seine Laune deshalb, und abends bei den Feuern ging es oft recht vergnügt zu. Es wurde getanzt, geplaudert, manche fingen Fische. Diese mussten meist halb roh verschlungen werden, weil sie gleich nach dem Töten einen Fäulnisgeschmack bekamen. In der Stadt blieb des Nachts nur Gesindel, das seine Beute suchte. Der Verkehr am Tage in den Strassen war mit grösster Vorsicht noch möglich, es wurden aber viele Menschen von zusammenbrechenden Mauern verletzt.

In einem verlassenen Park hatte Dr. Lampenbogen eine Ambulanz errichtet, hier traf ich ihn, als er im grauen Kittel „arbeitete“. Er erzählte mir von dem Einsturz zweier Etagen in der „blauen Gans“, 86 Tote, 17 Verwundete. Es hatte gerade eine Versammlung stattgefunden. Der Amerikaner war wunderbarerweise unverletzt geblieben, aber sein Diener -- er deutete auf einen in blutigen Verbänden daliegenden Menschen -- würde wohl schwerlich davonkommen. -- Er habe kein Glück mehr, klagte er, die meisten gingen ihm drauf.

In der Baracke sah es schlimm aus: Unsauberkeit -- Mangel an Leinwand --, verrostete Instrumente. In einem alten Eisschrank, den er jedesmal sorgfältig abschloss, bewahrte sich der Arzt kalte Speisen und die gläsernen Schröpfköpfe auf. -- Ich hielt es für angezeigt, ihm mit ein paar Worten zu kondolieren. Er lächelte abwesend und sagte: „Ja, sehen Sie, ich bin ein Mann, anders als Sie!“ -- Er schien seiner Melitta nicht besonders nachzutrauern.

Das „Amtsblatt“ und der „Traumspiegel“ waren eingegangen, die „Stimme“ gehörte jetzt dem Amerikaner. Sie erschien ausschliesslich in Extranummern und brachte die Tagesereignisse im Telegrammstil. Die Blätter wurden abends von Jaques und seiner Bande ausgebrüllt. Sie fanden viel Absatz, da sie immer aufregendere Neuigkeiten brachten. Pathologische Phänomene machten jetzt am meisten von sich reden. Sich begegnende Traummenschen wurden oft plötzlich von einem überraschenden Zwang ergriffen; sie verfielen alle in die gleichen unwillkürlichen Bewegungen, steif und sinnlos reckten sie die Hände. Nach ein paar Minuten liess das plötzlich wieder nach und es war wie vorher.

Bei einer auf freiem Feld gehaltenen langen Rede wiederholte irgendein zufälliger Hörer dieselbe ganz rasch mehrere Male bald beim Anfang, bald beim Ende beginnend, wie ein rasselndes Grammophon. Sprachstörungen grassierten allgemein. Einzelnen fehlten Worte, Begriffe, Buchstaben, manche verstummten zeitweise.

Viele Leute wurden menschenscheu und zogen sich in die Wildnis zurück.

Mit den Getränken musste man sehr vorsichtig sein, Alkohol wirkte wie Gift, wenngleich es auch Ausnahmen gab und schwächliche Personen, Frauen und Kinder ihn bisweilen literweise vertragen konnten.

In der Langen Gasse sah ich noch einmal den kleinen Giovanni. Er war bei einer schnatternden Affenbande, die sich im Magazin des Tändlers Blumenstich festgesetzt hatte. Ein mottenzerfressenes Reich von Polstermöbeln lag hier offen zutage; da der Dachstuhl nach und nach aller Schindeln entbehrte. Mitten unter Meerkatzen erkannte ich ihn an seinem roten Gürtelchen. Ich rief hinauf, aber er liess sich nicht stören; er pflegte galantes Spiel, er war wieder ganz urwüchsig geworden.

Die Spannungen waren unerträglich; nächtlicherweile zuckten bleichsilbrige Erscheinungen in Serpentinen über den Himmel, lange, zarte Spitzenbänder wie Nordlichter. Eremiten, Derwische, Fakire kamen aus den Sandwüsten und von den Bergen und verkündeten auf offenem Markte, dass der letzte Tag herannahe. Sie forderten zur Busse auf, aber ihre Ahnungen wurden ausgepfiffen.

Vor dem Ende ereignete sich noch eine Farce: der „schwarze Fisch!“ -- -- So nannten die Extrablätter eine grosse Gestalt, welche eine gute Stunde stromabwärts im Bett des Negro sichtbar ward. -- Wie ein riesenhaftes, fest verankertes Kriegsschiff, lag hier ein ungeheurer, bewegungsloser Körper. Man machte sich auf den Überfall eines neuen, unbekannten Tieres gefasst. Der zunächst gefährdete Teil des Lagers auf der Tomassevicwiese wurde abgebrochen. Furcht verbreitete sich und man richtete die Ziegelei als Beobachtungsposten ein. Alles lief zusammen und schaute nach der Richtung, in der der Koloss lag. O, man wollte sein Leben teuer verkaufen! -- Auch ich befand mich unter der erregten Menge, und blickte durch ein altes Pappdeckelfernrohr; leider zeigten die blinden Linsen in der dämmerigen Luft nicht allzuviel.

„Es ist ein gronländischer Wal,“ belehrte mich der neben mir stehende alte Professor, „bisher nur in der arktischen Welt beobachtet.“

Das merkwürdige Tier rührte sich nicht, die Stadt war ratlos der drohenden Gefahr preisgegeben. Einige schlugen vor, es aus der Ferne zu bombardieren, aber konnte man wissen, wie es diesen Angriff aufnehmen würde? Gereizt, spie es vielleicht Gift, und zertrümmerte das Wenige, was uns noch geblieben war. Lieber abwarten -- möglicherweise zog es sich wieder zurück!

In der allgemeinen Verwirrung entwickelten da auf einmal einige Wagehälse einen schönen, anerkennenswerten Mut. Es war dies die letzte Aufwallung des gesunden Menscheninstinktes, die ich konstatieren konnte, später ging alles drunter und drüber. Zwei Bauernburschen, ein Soldat und ein Jäger, lauter junge Leute, wollten sich für das Wohl der Allgemeinheit opfern. Ihr Plan ging dahin, sich in einem Boote flussabwärts treiben zu lassen, das Tier zu beschleichen und es mit Handgranaten aus der Nähe zu vertreiben. Vielleicht konnte man es sogar töten. Das war ein Wagnis, tollkühn und brav.

Das edle Opfer wurde angenommen, alles lief und wollte die jugendlichen Retter sehen. Ein Geistlicher im Ornat sprach über die vier seinen Segen, jeder empfing das letzte Sakrament. Voll Rührung und Begeisterung staute sich das Volk von der Mühle bis zum Friedhof.

Die Vier begaben sich zur Schleuse. Nachdem man den letzten halbverfaulten Kahn flott gemacht, schwamm man mit der Strömung langsam hinunter. -- Zwei Mann mussten fortwährend das eindringende Wasser ausschöpfen. Für die Zurückbleibenden wurde das Schiffchen immer kleiner -- nun sah man es schon an der Flussbiegung. Jetzt mussten sie das Ungeheuer bald erreichen. Aller Hälse reckten sich, alle hielten den Atem an. Die Masse verhielt sich, bis auf ein leises Kratzen, lautlos. Die kleine Expedition schien unversehrt in unmittelbarer Nähe der Gefahr zu halten. Es passierte zu aller Verwunderung eine Zeitlang gar nichts -- da plötzlich sah man in der Ferne etwas blitzen -- und langsam ging das Riesentier unter.

Ein tausendfacher Jubelschrei belohnte die Helden!

Die Überraschung war gross, als es sich herausstellte, dass es ein verunglückter, von den Weiden am Flussufer festgehaltener Luftballon war, der sich über dem Traumreich gesenkt hatte.

VIII.

Nirgends spiegelte sich der unerhörte Zerfall des Traumreiches deutlicher als in den Sitten, deren Schauplatz Mᵐᵉ Adriennes beliebtes Institut im französischen Viertel war; bisher hatte es in diskreter Stille geblüht, unterstützt durch gelegentliche Ratschläge erfahrener Greise. Jetzt erschien zu dem interessanten, sehr strengen Aufnahmeexamen die obere Gesellschaftsschicht in grosser Toilette. Castringius’ Einfall, gezeichnete Doktordiplome zu verteilen, wurde indessen zurückgewiesen. Es handle sich um keine wissenschaftliche Fakultät, sondern um einen Kult -- wurde ihm bedeutet.

Das Zerfallen der Gewebe bot den ersten Anlass zum Erfinden der berühmten geschlitzten Kleider. Selbst anständige Frauen, ja sie besonders, gingen darin bis zum Äussersten; von ihnen soll die Idee der sogenannten „Menüs“ stammen; was das heissen sollte, will ich nur andeuten und hoffe dabei auf eine bescheidene Phantasie meiner Leser.

Wenn ich kurz sagen würde: sie scherzten und hatten sich sehr lieb! so würde das das Bild nicht genau genug wiedergeben. Die Menüs waren gedruckte Einladungskarten zu intimen Festlichkeiten. Die scheinbar unverfängliche Speisenfolge wie: Sandwiches, Rehbraten, Charlotte-russe bezeichnete technische Details in der Liebe, welche näher zu kennen keinen Leser gelüsten wird.

Auch mein altes Café sah geheimnisvolle Orgien: wenigstens bemerkte ich einmal, dass Stösse obszöner Bilder, Spiegel, Badewannen, Matratzen hineingeschafft wurden. Ich frug den Wirt, was das zu bedeuten habe.

„Ach nichts! ein kleines Arrangement!“ erwiderte er mit süsslichem Lächeln. Als ich abends nochmals vorüber ging, waren die Läden geschlossen. Das war sonst nie der Fall gewesen. Ein Zettel, quer über die Türe geklebt, trug die Aufschrift: „Heute privat!“ Tumult, einzelne Worte und ein fürchterliches Lachen drangen heraus. Ein paar in die Stadt geflohene Pfaffen plauderten Mysterien vom Tempel aus. Wie der Pöbel sie auffasste, lässt sich denken. Die Organe der Fruchtbarkeit galten ihm nicht als Symbole geheimnisvoller Wonnen und Kräfte, sondern wurden plump als die Götter verehrt, von denen man jetzt alle Hilfe erwartete. Auch das grösste aller Mysterien, das Geheimnis des Blutes, war verraten worden, und +darauf+ steht der Wahnsinn. Es mag die Ursache mancher zerstörerischer Entfesselung der Triebe gewesen sein. Den vielen gefährlichen Tieren gegenüber war es selbstverständlich, dass man sich zum gegenseitigen Schutze zusammentat. Unter diesem Vorwande schlief man in den Zelten gruppenweise unter einer Decke. Der schöne Name für diesen Schutzbrauch war „Gesellschaftsschlaf“.

Die Luft war wie in einem Backofen, in den Tümpeln und Buchten am Flussufer zeigten sich schwache, blaue Flämmchen. Im Traumreich herrschte ewige Dämmerung.

Ich schritt durch das Lager; es war auffallend, wie still es heute war. Die Traummenschen lagen da und sahen sich gegenseitig unter gesenkten Lidern hervor an. Alles schien gedrückt und beklommen, diese Leute erwarteten etwas. Plötzlich vernahm man ein anschwellendes Summen und verhaltenes Lachen über die ganze Ebene hin. Ein Schrecken ergriff mich! Das war wie der jähe Ausbruch einer geistigen Krankheit. -- Und wie wenn mit einem Male ein Sturm heranbraust, fielen die Geschlechter über einander her.

Nichts wurde verschont, weder Familienbande, noch Krankheit und Jugend. Kein menschliches Wesen konnte sich dem elementaren Trieb entziehen, man suchte gierig vorgequollenen Auges einen Körper, um sich an ihn anzuklammern.

Ich stürzte zur Ziegelei und versteckte mich. Durch ein kleines Loch in der Mauer sah ich etwas Schreckliches.

Stöhnen und Ächzen war rings umher, dazwischen schnitten schrille Schreie und vereinzelte tiefe Seufzer; ein Meer von nacktem Fleisch wallte und zitterte. Kühl und unbeteiligt empfand ich das sinnlos Mechanische des krassen Vorgangs. Ich konnte nicht umhin, etwas insektenhaft Groteskes in dem konvulsivischen Schauspiel zu finden. Ein Blutdunst durchdrang die ganze Gegend; der Schein der Lagerfeuer zuckte über den Fleischtaumel hin, einzelne Gruppen besonders hervorhebend. Ich erinnere mich lebhaft eines bärtigen älteren Mannes, der auf der Erde kauerte und in den Schoss einer Schwangeren starrte. Langsam, blöde murmelte er vor sich hin -- es war wie ein irres Gebet.

Plötzlich vernahm ich in der Nähe lautes Kreischen, wie Frohlocken und Schmerz. -- Zu meinem Entsetzen gewahrte ich, dass eine gelbhaarige Dirne einen Betrunkenen mit den Zähnen entmannt hatte. Ich sah seine glasigen Augen, er wälzte sich in seinem Blute; beinahe gleichzeitig sauste ein Beil herab, der Verstümmelte hatte einen Rächer gefunden. Selbstbeflecker zogen sich in die Schatten der Zelte zurück, weiter droben schallte ein Bravorufen, dort paarten sich unsre Haustiere, vom Taumel ergriffen.

Aber den stärksten Eindruck machte mir der halbwache, etwas blöde Ausdruck dieser erhitzten oder blassen Gesichter, der ahnen liess, dass diese Armen nicht in freier Willensbestimmung handelten. Es waren Automaten, Maschinen, die, in Gang gesetzt, sich selbst überlassen worden waren, -- der Geist musste wo anders hausen!...

De Nemi erschien in Uniform mit einigen Mitgliedern von Jaques’ Bande, das wirkte wie Öl auf die Flamme. Ein Klavier wurde herangeschleppt, de Nemi hämmerte, unausgesetzt von vorne anfangend, den gleichen Gassenhauer herunter. Unter tierisch klingenden Kommandorufen versuchten die Trunkenen, sich kolonnenweise zu paaren. Kinder wurden aufeinandergehetzt. Bis in die vom Flusse aufsteigenden rötlichen Nebel konnte ich das geisterhafte Inferno verfolgen. Der Blutdurst erwachte! Ein riesenhafter, unflätiger Bursche sprang auf, brüllte wie ein Stier und fuhr mit einem langen Messer auf einen andern los. Ein Mord! dann ein zweiter! Der Mann war tobsüchtig geworden; alles Spiel verstummte. Mehrere Weiber wälzten sich kreidebleich in hysterischen Krämpfen auf dem Boden.

Von überall ertönte nun das Heulen der in Mordlust Verfallenen. +So können Tiere nicht brüllen!+ Man erschlug die Wutschäumenden. Es kam zu erbitterten Kämpfen. Die Tore zu den nahegelegenen Kellereien wurden eingeschlagen und grosse Fässer ins Lager gerollt. Alle betranken sich! Eine lärmende Gesellschaft zog sich in die Badeanstalt zurück, hinter ihnen sperrte ein Spassvogel ab. Stundenlang ertönte ein schauriges Hilferufen, aber das berauschte Lager kümmerte sich nicht darum; dann wurde es stiller. -- -- Vollgefressen glitt ein Rudel Krokodile ins Wasser. -- --

Einige schändeten frische Gräber in dem nahen Kirchhofe, ein räudiger Hund warf sich, angelockt von dem Blutdunste, auf eine überfahrene Katze.

Da gewahrte ich neben mir ein zusammengekrümmtes Wesen: -- Brendel, der mich verständnislos anlachte. „Brendel, was gibt’s?“ versuchte ich ihn leise aufzurütteln.

„Melitta“, sagte er langsam und lachte wieder still vor sich hin. -- Ich wusste genug. Der Arme hatte über das Ende seiner Geliebten den Verstand verloren.

Die meisten Feuer erloschen, es wurde stiller. Ich vergewisserte mich, ob ich mich aus meinem Versteck wagen könne. Man hörte nur das Schnarchen der Betrunkenen. Ein grosses Feuer leuchtete noch, es wurde durch das Klavier genährt. In seinem Scheine sah ich jetzt eine breite Gestalt: den Amerikaner.

Er war im Frack, wie bei einem Fest, und rauchte seine unvermeidliche kurze Pfeife. Durch die schlafenden Gestalten bahnte er sich seinen Weg, halbaufgerichtet wollte ihn ein nacktes Weib daran hindern. Aber ratsch! erhielt sie einen Peitschenhieb, worauf auf dem weissen Rücken ein brennend roter Striemen erschien. Dann tauchte er wieder in die Dunkelheit und entfernte sich in der Richtung auf die Stadt zu, von welcher jetzt ein Gedröhne erscholl.

-- Die Stunde des Amerikaners war gekommen!

IX.

In der Stadt wurden Extrablätter verteilt, die von einem neuen Unglück berichteten: der grosse Tempel war in dem See verschwunden, Mönche hatten die Botschaft gebracht. Man vermutete, dass die Grundfesten längst unterwaschen waren und der weiche Sandboden nun nachgegeben hatte. Einige Priester waren beim Singen ihrer Hymnen ertrunken. Sie müssen vom Tode völlig überrascht worden sein, denn ihre Posaunen ertönten noch, als der Bau schon zur Hälfte im Wasser lag. Es war alles sehr schnell vor sich gegangen, die schweren Marmorwände versanken, ohne einzustürzen. Die mit dem Leben davongekommenen heiligen Brüder waren erst durch das Gurgeln des die bunten Scheiben eindrückenden Wassers auf die Gefahr aufmerksam geworden. Infolge ihres Fettes leicht, konnten sie sich durch Schwimmen retten. Das noch immer brennende Licht erleuchtete tief unter Wasser die Tempelfenster, so dass sie glühten, wie Augen von sagenhaften Seeungeheuern. Langsam erlosch dann eines nach dem andern; nur noch die silbernen und goldenen Kuppeln schimmerten und strahlten, bis endlich auch sie von den eindringenden Wogen verschlungen wurden. Die Leiche des ehrwürdigen Oberpriesters spülten die Wellen ans Land, alles übrige fand im Traumsee sein Grab.

Allgemein betrauerte man die märchenhaften Schätze, die hier untergegangen waren, -- und ich besonders, da ich nie Gelegenheit gehabt hatte, diese Pracht mit eigenen Augen zu sehen.

Die grossen Tiere waren nun alle verschwunden. Das brachte einen Nachteil mit sich, den man nicht berechnet hatte. Womit sollte man jetzt seinen Hunger stillen?! Die Herden und Insektenschwärme hatten Felder und Gärten verwüstet. Alle Vorräte wurden schlecht, Eier, gesalzenes und geräuchertes Fleisch verdarben; es stand eine Hungersnot bevor. Da rückten zwei norddeutsche Schwestern mit einem praktischen Vorschlag heraus. Eine von ihnen hatte Chemie studiert und scharfsinnige Versuche angestellt, die ihrer Ansicht nach gelungen waren. Das Paar wollte die vom Negro in Haufen an das Ufer geworfenen Fischleichen durch eine geheime Prozedur entgiften und in essbare Speisen verwandeln. Trotz ihres guten Willens ernteten die zwei Fräuleins schwarzen Undank: sie wurden vom empörten Pöbel gelyncht. --

X.

Es war nicht mehr möglich, die Nacht vom Tage zu unterscheiden, in dem gleichmässigen grauen Zwielicht konnte man sich nur notdürftig zurechtfinden. Da alle Uhren eingerostet und stehen geblieben waren, fehlte uns jede Zeitberechnung; daher ist es mir auch unmöglich anzugeben, wie lange sich der Zustand der Auflösung hinauszog. Ab und zu sah man noch ausgemergelte Raubtiere, doch mit eingeklemmtem Schweif und dürren Flanken ergriffen sie bei der Annäherung des Menschen die Flucht. Aus staubigen Winkeln wurden vertrocknete Schlangen gezogen.

Um den Ausbruch einer Seuche zu verhindern erhielten die Traumstädter den Befehl, alle Kadaver in den Fluss zu werfen. Diese Anordnungen waren nur zum geringsten Teile ausführbar, denn in die baufälligen Häuser wagte sich niemand mehr. Es verpestete Kaninchen- und Schlangenbrut in ihren versteckten Gräbern die Stadt. Aus den Torwegen schlug einem Leichengeruch entgegen. -- Von dem Lampenbogenschen Miethause war die obere Hälfte zerfallen, ein langer Steinkamin und eine Rückwand ragten in die Luft. Man sah den Querschnitt der Wohnungen; ein paar Bilder hingen noch auf der geblümten Tapete unseres ehemaligen Schlafzimmers. Durch ein grosses, dreieckiges Loch konnte man den schmutzigen Plafond des Staatsgemaches der Prinzessin erblicken.

Die Molkerei war eine Beute des Mauerschwamms geworden; aus Fenstern und Türen wucherte er und deformierte den ganzen Bau, aus den Dachluken hing er in grossen weisslichen Lappen.

Das Holzhäuschen des Flussaufsehers brach unter der Last seines zu Moos gewordenen Daches.

Das Kaffeehaus starb wie eine Kokette, die sich bemüht, den äusseren Schein bis über das Ende hinaus zu wahren. Aussen war es scheinbar gut erhalten; aber innen wurde es von den Trümmern des oberen Stockwerkes und des Dachbodens angefüllt. Sonderbarerweise war eine Fensterscheibe unversehrt geblieben, durch die man zwei hohe Ameisenhaufen gewahren konnte. Man sah darin ein paar weisse Knöchelchen und zwischen beiden stand ein Schachtisch, worauf ein schönes Matt gestellt war.

Ich ging durch die verödeten Strassen meinen Lieblingsweg dem Flussufer zu: auch hier derselbe trostlose Anblick. Beim Wasenmeister ein unerhörter Gestank, so dass ich den Fetzen, der mir als Taschentuch diente, vor Mund und Nase halten musste. Die Umfassungsmauer des Hofes war nach dem Negro zu eingestürzt; hinter dem Geröll lagen, zu Hügeln getürmt, Tierleichen; im weiten Umkreise war ein Summen hörbar und auf Schritt und Tritt rührten sich Millionen von Schmeissfliegen. Ich ging zum Strom hinunter, um Luft zu schöpfen, denn da war es immer noch am erträglichsten. Von der Badeanstalt sah man fast nichts mehr. Ein paar Planken und Pfähle, dick mit grünem Schlamm und Schnecken bedeckt, standen noch im Wasser. Auf einmal wurde es hell, und als ich mich heftig erschrocken umwandte, sah ich, dass die Mühle brannte. Die Fenster waren erfüllt von blendendem Feuerschein. Das morsche Gebälk knisterte und knackte. Aus dem spitzen Schindeldach drang Rauch, eine grosse Stichflamme schlug gegen den Himmel, und mit einem Krach stürzte die vordere Wand ein. -- Das von innen erleuchtete Mühlwerk war in Bewegung, man sah wie in den geöffneten Leib eines Menschen. Noch schnurrten die Räder, es drehten sich die Mahlsteine, es erzitterten die Trichter, der Mehlstaub verbreitete einen leichten Nebel durch die Glut. Die Flammen ergriffen gierig die morschen Stiegen und Leitern, und langsam, gleichsam widerstrebend, wurde ein Teil nach dem andern bewegungslos -- wie die Organe eines Sterbenden.

Der grosse Mehlkasten stürzte zuletzt in die Flammen. Wo er gestanden, sah ich ein Paar altmodische Stulpstiefel, in denen halbvermoderte Beine steckten -- brennende Balken verbargen den Rest. Hinter mir hörte ich eine hohle Stimme: „+Ich hab’ es getan! Schon zum vierten Male hab’ ich es getan und ich werde es immer wieder tun!+“

Es war der Müller. -- Er nahm eine Prise, zog ein Rasiermesser heraus, probierte die Klinge und schnitt sich die Gurgel durch. Er stürzte nieder, wie aus einem Quell rieselte das Blut über seine Brust. Sein Gesicht war zu einer satanischen Grimasse verzerrt. -- -- --

Diebe schlichen in die Klosterkirche, erbrachen das Tabernakel und stahlen mit frechem Finger die edelsteingeschmückten Reliquien. Die Nonnen konnten den Einbruch nicht verhindern, denn sie befanden sich selbst in übler Lage. Ein Haufen Krüppel und Bresthafter, von seinen Suppengängen her mit allen Winkeln des Klosters vertraut, stürmte das Hospital. Ihre drohenden Forderungen nach Lebensmitteln wurden von den Klosterschwestern, die selbst nichts besassen, abschlägig beschieden. Unter rohem Gelächter verlangten sie andersartige Entschädigungen. Wie bei einem Hexensabbat humpelte und kroch die widerliche Brut immer näher an die Bedrängten. Ein noch ganz junges, schönes Mädchen setzte sich zur Wehr und schlug einem Kerl mit einem Doppelkropf ein Auge aus. Zur Strafe wurde sie auf eine eiserne Bettstelle gebunden. Kreaturen, strotzend vor Ungeziefer, mit abgefressenen Nasen, eiterigen Augen, faustgrossen Geschwüren, Krätzeschorf, beugten sich über die Gefesselte, die während dieser Schändung erst wahnsinnig wurde und dann starb. Die übrigen Nonnen unterwarfen sich gehorsam dem unerforschlichen Schicksale; nur der achtzigjährigen Oberin blieb diese Prüfung erspart, wohl infolge ihrer heissen Gebete.

XI.

Der Amerikaner trat überall als Herr der Stadt auf -- und doch wäre es auch ihm fast übel gegangen. Er erschien mit seinen Trabanten vor der Bank; jetzt sollten sie entlohnt werden, die Getreuen, so hatte er es versprochen. Alles wunderte sich, dass das massive Tor des grossen, jetzt allerdings etwas ruinenhaften Gebäudes weit offen stand. Bei näherer Untersuchung fanden sich im Haupttresor 83 Kreuzer, Depots waren überhaupt nicht vorhanden. Jaques, de Nemi und die anderen Rottenführer schauten zweifelnd auf den Amerikaner. „Hab’ ich mir’s doch gedacht!“ rief dieser erbost. „Vorwärts zu Blumenstich!“ Den Bankier Blumenstich traf man in seinem Gartensalon mitten unter verfaulten Blumen. Er empfing die Herren ruhig mit einem zwetschenblauen Gesicht -- er war tot. -- Er hatte sich vor einem ihn verfolgenden Hornissenschwarm hierher geflüchtet; während er aus Leibeskräften schrie, wurde er von einem der Insekten in die Zunge gestochen, woran er erstickt war. -- Wieder schaute alles auf den Amerikaner, der sagte dieses Mal nur: „Verdammt!“ -- „Du hast uns Geld versprochen, gib uns von deinem Golde!“ schrien ihn die Erbitterten an. „Sucht es euch selber unter den Trümmern des Hotels!“ rief der Amerikaner grollend und enttäuscht.