Die älteste Kunst, insbesondere die Baukunst der Germanen von der Völkerwanderung bis zu Karl dem Grossen

Part 9

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Die angelsächsische Halle Heorot, im uralten Heldensang von Beowulf gefeiert, die Hirsch- oder Hornhalle (Hornsele), errichtete, wie das Gedicht erzählt, König Hrodgar am Abhange seines Burgberges, weit über Land und Meer schauend. Dem Eingang gegenüber des Königs Hochsitz, ringsum Bänke, inmitten die Hochsäule (Kaiserstiel?), eine in angelsächsischen Bauwerken verbreitete mittelste Holzstütze, die wohl beweist, daß die hierbei notwendige Form des steilen Daches nach allen Seiten abgewalmt gewesen sein muß und eine mittlere Spitze oder gar turmartigen Aufbau (nach Art der nordischen Holzkirchen) besaß.

Daß der hier geschilderte oder zum Vorbild genommene Bau der reinste Holzbau war, geht auch aus der Bezeichnung hervor, daß er von innen und außen mit Eisenbändern kunstvoll umschmiedet war, also offenbar eiserne Verbindungsteile seiner horizontalen Hauptschwellen besaß; sollte man sich ihn nach Art der ältesten englischen Holzkirche (Greenstead) aus aufrechtstehenden Balken in Blockbau gefügt zu denken haben, so war diese Horizontalverbindung nicht minder unentbehrlich, wie die ältesten Bilder (Mark-Aurel-Säule) solche durch Geflecht hergestellt andeuten.

[Sidenote: Baulicher Wortschatz des Vulfilas]

Zuletzt finden wir den vollgültigen Beweis dafür, daß auch die südlichsten germanischen Stämme reine Holzbaukunst pflegten, in dem Wortschatze des Vulfilas (318-87), bei dem das Volk in gezimmerten Holzhäusern lebt, aus Balken und Brettern mit Giebeln hergestellt; daß es sich um ausgebildete Bauweise von höheren Ansprüchen handelt, geht aus dem Vorhandensein von Dorf und Stadt, von Garten und Hof, Haus, Scheune, Vorratshaus und Schatzkammer, sogar Halle und Turm hervor. -- Zimmer und Kammer, Säulen, Tür, Fenster, Vorhänge, auch Bett, Lager mit Kissen, Stuhl und Tisch, selbst Öfen sind wohlbekannt, -- nur nicht das Mauern. Alles Werk wird vom Zimmermann mit der Axt aus Bauholz gezimmert, selbst der biblische Eckstein.

Für seine Langobarden spricht König Rothari in seinem Edictus ebenfalls von den Häusern als von Holzbauten in Fachwerk und mit Schindeln gedeckt.

[Sidenote: Ältestes Bild eines Hauses]

[Sidenote: Älteste Reste von Zimmermannsarbeiten]

Vielleicht das älteste originale und wirkliche Bild einer deutschen Behausung solcher Art finden wir auf dem silbergetriebenen Reifen eines Eimers, den man zu Hemmoor im Hannoverschen fand. Ich habe versucht, die Zeichnung dieses wie es scheint auf einer Warft von Feldsteinen stehenden Blockhauses mit seiner Laube und seinem Schilfdache hier etwas verständlicher zu machen (Abb. 42). Auf ähnliche Vorfahren mag das westpreußische Haus zu Koslinka bei Tuchel hindeuten. Einige Reste von Zimmermannsarbeiten sehr hohen Alters lassen sich in Spanien noch nachweisen. So ist der Dachstuhl mehrerer asturischer Kirchen um 820 noch ursprünglich, der von Santullano in Oviedo, S. Adriano de Tuñon. Da sind starke Dachbalken mit Rundbogenfriesen und Rosetten in Linien geschmückt, Dachgesimse als gewundene Schwellen auf Balkenköpfen liegend u. dgl. noch vorhanden; alles von absolut trefflicher Technik und klarer Formbehandlung. Von uralten Zimmermannsgepflogenheiten sprechen die eichenen Kaminüberdeckungen der karolingischen Salzburg bei Kissingen, die spätestens dem 11. Jahrhundert entstammen, wohl das älteste noch vorhandene deutsche Zimmerwerk. Die kluge und geschickte Holzkonstruktion mit ihren Überblattungen (Abb. 43) beweist, daß man auch damals immer noch in etwas schwierigen Fällen zum Balkenholz und der vertrauten und bewährten Axt griff, um die Aufgabe sicher zu lösen. Der gewaltige sandsteinerne Mantel der Feuerstätte ruht noch heute nach vielleicht 900 Jahren sicher auf den eichenen Schwellen. Heute wunderts einen wohl, Holz über dem Feuer zu finden, und man bedenkt nicht, daß noch bis gestern in der niedersächsischen Heide jede Feuerstatt mit einem Mantel aus gekreuzten Hölzern abgedeckt war, daß auch von jeher das heilige Herdfeuer der Germanen mitten im Holzhause frei unterm Dache brannte.

Und sehen wir unsern heimischen Holzbau näher an, wie er erst seit dem dreißigjährigen Kriege langsam erstarb, so finden wir in ihm eine Fülle uralter aber unsterblicher Motive, die bis dahin immer und unaufhörlich das formale Rüstzeug des deutschen Zimmermanns gebildet hatten (Abb. 44). Der gewundene Taustab, den wir als Randverzierung oder Leiste seit den ältesten Zeiten des Germanentums in seinem Ornamentenschatz angewandt finden, verschwindet erst im 17. Jahrhundert; nicht minder die halben und ganzen Räder oder Fächerformen des Holzbaus der deutschen Renaissance, denen wir bereits in der Zeit der Völkerwanderung in Mengen begegnen. Balkenköpfe, wie sie uns mit ebensolchen Rosetten geziert auf Schritt und Tritt in unseren Harzstädten auffallen, treffen wir in Stein schon bei den Westgoten, offenbar doch nur eine reine Nachbildung von hölzernen.

Flechtwerke aller Art, besonders zopfartige Friese, wie sie den Langobarden so geläufig waren, haben sich -- immer nur im Holzbau -- bis ins 17. Jahrhundert an der Weser und am Harz gehalten, verbunden mit jener eigentümlich charakteristischen Schmucktechnik, die wir von alters her kennen, in vertieften Linien, Hohlkehlen, Stäbchen oder einfach gekerbt. Ein Balken, wie der aus Rinteln, könnte uns in Stein ganz gut tausend Jahre früher bei den Franken begegnet sein; fränkische Steinkonsolen in Kerbschnitt, wie sie uns das Clunymuseum bietet, kann man sich ebensoviel später vom deutschen Zimmermann zu jenem Balken passend angefertigt denken.

Dazu zeigt sich uns eine Fülle der gewundenen Stabmotive in der deutschen Zimmermannskunst als ein nie verschwindendes stets lebendiges Erbteil der alten germanischen Holzkunst. Auf diesem so bescheidenen Gebiet offenbart der Zimmermann immer aufs neue eine erstaunliche Vielfältigkeit seiner Erfindungskraft und Gedanken. Merkwürdig ist es dabei, daß gerade die ehrwürdigsten deutschen Städte, in denen noch Holzbauten in nennenswerter Zahl erhalten sind, sich auf diesem Gebiete als die reichsten erweisen; Gandersheim, Quedlinburg, Halberstadt und andere uralte Sitze der Holzbaukunst sind dafür bezeichnende Beispiele. -- Offenbar ist hier die Überlieferung der ältesten Formen am mächtigsten geblieben.

[Sidenote: Profilierung und Einzelbildung im Holzstile]

Nicht minder entscheidend aber für unsere Erkenntnis der frühesten deutschen Baukunst ist die Behandlung von Gesimsen und Profilen. Ihre Gestaltung in der Antike ist bekannt genug. Man erinnere sich nur daran, daß diese vorwiegend aus dünnen Platten bestehenden Gliederungen weit vorspringen und meist gleichzeitig zum Wasserabtropfen bestimmt, also unterhöhlt, in scharfen Linien die Fläche durchschneiden, tiefe Schatten werfend, trennend und begrenzend.

Die älteste germanische Baukunst verzichtet dagegen im allgemeinen durchaus auf solche Gesimse, kennt vielmehr fast nur eingegrabene Linien, Kehlen, Stäbe u. dgl. zur Gliederung der Vorderflächen liegender Steinbalken (Abb. 45). Ganz genau dasselbe finden wir in unserem alten Holzbau (Abb. 44). Insbesondere die Horizontalbalken werden durch längslaufende Kehlung geschmückt und gegliedert; wo sie in der Fläche liegen, nur auf der Vorderseite; vorspringende manchmal auch um die Kante.

Die hier angewandten Profile sind denn ausschließlich Hohlkehlen und Stäbe nebeneinander mit scharfen oder schrägen Kanten dazwischen; der Schlüssel zu der Sonderart der Profilierung, deren sich die alten germanischen Bauleute, auch im Stein, überall bedienten.

Für die aufrechten Balken verzichtet der Zimmermann von jeher meist auf Gliederung, sofern es sich nicht gerade um Ecken handelt. In diese aber setzt er rechtwinkelig eingreifend gerne besondere Stäbe, gewundene oder gekerbte, oder auch kleine Säulchen ein. Die sogenannte Falzsäule (vgl. Abb. 44).

Ist es dann erstaunlich, wenn wir im Süden schon bei ganz frühen germanischen Zierwerken in Stein an den Ecken die Falzsäule anstatt des römischen Pilasters wiederfinden? -- So an westgotischen Sarkophagen in Toulouse (Abb. 46). -- Und ist es dann merkwürdig, wenn uns von dem Auftreten der Germanen an im Süden Europas auch sonst so häufig als Brechung der Ecke die Falzsäule begegnet, die dann im romanischen Stile geradezu herrschend auftritt? Überall findet man in der Folge dann kleine Säulen in Winkel und Ecken gestellt, diese ausfüllend, als neues Motiv in der Baukunst, wo bis dahin die große und kleine Säule nur freistehend oder angelehnt angewandt wurde.

Welche Ausbreitung auch dies in der romanischen Zeit gewonnen hat, ist bekannt. --

Gliederung und Schmuck, die dem aufrechtstehenden Balken ausnahmsweise zuteil werden, hat unsere Holzbaukunst ebenfalls in seine Vorderfläche hineingraben müssen und so ganz eigentümliche Gestaltungen hervorgebracht, die in überraschendster Weise mit mancherlei Steinarbeiten der Westgoten die allernächste Verwandtschaft zeigen (Abb. 46). In Merida besonders finden sich hierzu die merkwürdigsten Analogien.

Die Kopfbänder, das unentbehrliche Rüstzeug der alten und späteren Zimmermannskunst, sind in vielfältigen Anklängen in der alten Steinkunst vorhanden. Auch mancherlei verwandte Formen sind nicht anders zu deuten; vor allem aber die beim Holzbau so nötigen Sattelhölzer, querliegende kurze Balken über den Stützen (vgl. Abb. 126). Gerade von diesen geht die Neubildung bisher unbekannter wichtiger Strukturteile aus.

Bleiben wir auf diesem Wege der Betrachtung, so werden uns die besonderen Eigentümlichkeiten der alten Bauwerke der Langobarden, Westgoten, Franken und anderer Stämme, durch die sie sich von den ihnen vorhergehenden der Römer und der Byzantiner unterscheiden, rasch klar und verständlich. -- Daß die Germanen überall, wo sie den Steinbau aufnehmen mußten, sich zunächst nach dem Vorbilde der vorhandenen Bauwerke richteten, war ja selbstverständlich genug. Ganz offenbar gingen sie auch gewissermaßen zaghaft oder äußerst vorsichtig an solche Aufgaben heran, vor allem, wenn es sich um Bögen und Wölbungen handelte, deren technische Grundsätze ihnen neu sein mußten. So konnten die selbständigen Einfügungen und Umwandlungen, die sie vorzunehmen hatten, zunächst nur bescheidene und wenig bemerkbare sein, ehe sie zu einer eingreifenden Umgestaltung des Gegebenen gelangten. Überall aber darf getrost dieser Prozeß, der in der Baukunst doch zuletzt so beträchtliche Folgerungen ergab, als der der Herstellung von Steinbauwerken durch gewesene Zimmerleute aufgefaßt und müssen seine meisten Eigentümlichkeiten so erklärt werden.

Einzelformen in der Baukunst.

Von besonderem Interesse ist hier naturgemäß die Gestaltung der Stützen: der Pfeiler und Säulen, wie sie in der germanischen Steinbaukunst auftreten.

[Sidenote: Nachahmung der Antike]

Es ist nur selbstverständlich, daß das erste auf diesem Gebiete die einfache Nachahmung der in der Antike üblichen Stützformen sein mußte, da es sich überall, in Italien wie in Spanien oder sonst, um Bauwerke in eroberten römischen Provinzen handelt.

Den Fortschritt gegenüber dieser bloßen Nachahmung brachte erst die allmähliche „Barbarisierung“ der alten Formenwelt, in dem Laufe der Entwicklung zuletzt zu einer selbständigen und wertvollen Umbildung und Differenzierung führend, die uns hier ja hauptsächlich beschäftigt.

[Sidenote: Umbildung im Sinne des Zimmermanns]

Für die Bildung der Säulen und Stützen im allgemeinen tritt aber sofort ein neuer Grundsatz in Kraft, der im Holzstil begründet diese Umbildung beschleunigen mußte.

Die Technik des Zimmermanns besteht darin, daß das Holz in bestimmten durch gerade Flächen rechtwinklig begrenzten Formen (Balken) für seine Verwendung hergerichtet wird. Soll eine künstlerische Durchbildung nachfolgen, so muß diese Ausgestaltung natürlich innerhalb der Grenzen des vorhandenen Körpers vor sich gehen; das Ergebnis darf und kann also nirgends die Begrenzungsflächen des Balkens überragen, da sonst ein Aufleimen oder Zufügen von mehr Holz an solchen Stellen erforderlich wäre. -- Diese Forderung bringt sofort einen starken Zwang, zugleich eine Art Stilisierung mit sich (Abb. 46).

Während früher Schaft, Kapitell und Fuß der Säule aus verschiedenen Stücken, oft verschiedenem Material, hergestellt wurden, und ein jeder Teil in den dafür passenden Abmessungen gestaltet werden konnte, mußten sich jetzt alle drei Teile sozusagen in einen Kasten schmiegen, wurden sie aus einem einzigen rechteckigen Klotz gefertigt. Dabei büßten Kapitell und Basis ihre starken Ausladungen und Vorsprünge ein. Ja selbst verkümmerten in vielen späteren Fällen diese Teile bis zu vollständigem Verschwinden.

Bei viereckigen Stützen geschah ganz dasselbe: die vorhandene rechteckige Masse mußte alles hergeben, was an Vorsprüngen erforderlich war.

So wird auch für die Basis ohne weiteres die oben bei den Zimmermannsarbeiten erwähnte einfache Profilfolge von Hohlkehlen und Stäben herrschend, die schließlich sich in eine einfache Ringelung ohne Ausladung, aus flachen Wülsten und Hohlkehlen bestehend, zusammenzieht.

Dem Kapitell geschieht teilweise ganz gleiches. Es wird ebenso aus der Masse des vorhandenen Körpers herausgeholt, also ungemein flach in jeder Ausladung, nur ein oberer geschmückter Teil des Schaftes. Ja es wird sogar so weit hinter den Schaft zurückgesetzt, daß die gewünschte und beabsichtigte Ausbildung aus der Masse wieder herauskam. In Spanien haben die Westgoten besonders in dieser Richtung merkwürdige Muster und Formen geschaffen; sei es aus dem runden, sei es auch aus dem viereckigen Körper, wohl auch mit abgerundeten Ecken.

Wo die Verhältnisse es mit sich bringen und die antike Tradition ganz erloschen ist, also im Laufe späterer Entwicklung, ist es, wie bemerkt, nicht einmal selten, daß Fuß und Kapitell überhaupt ganz verschwinden, so daß nach Art reiner Zimmermannskonstruktion nur eine einfache Fuß- und Deckplatte auftreten; besonders bezeichnend sieht man das wohl bei Doppelsäulen, so in Spanien an den Bauwerken der letzten Westgotenzeit (Sta. Cristina de Lena), auch in Italien bei den Langobarden ist ähnliches zu finden (Ascoli).

[Sidenote: Kapitell]

Da aber das Kapitell in der Antike bis dahin eine der künstlerisch bedeutungsvollsten Rollen gespielt hatte, jedenfalls in der Reihe der architektonischen Einzelheiten kaum entbehrlich schien, so wurde es zunächst natürlich meistens in alter Weise beibehalten, nur langsam umgebildet. Der Prozeß ist hier wie stets der gleiche: anfänglich scheinbar getreues oder möglichst angenähertes Nachbilden der antiken Form -- ein Bestreben, das immer von neuem wieder auftaucht noch bis im 10. und 11. Jahrhundert, ja gelegentlich noch später -- in der Folge erst vorsichtige dann gründliche Umformung im herrschenden Sinne, das heißt im Holzstil (Abb. 47).

Das macht sich freilich infolge des Mangels der notwendigen Technik schon gleich von Anfang an insoweit geltend, als die Mittel zu genauem Nachbilden überhaupt nicht ausreichten. Zuerst in einer sehr merkwürdigen Weise an den Nachahmungen der Blätterkapitelle. Die Blätter werden nur umrandet, die Rippen eingraviert, die Stiele gerippt; der Linien-Parallelismus tritt als Dekoration an die Stelle natürlicher Bildung; kurz, der Holzschnitzer findet sich bei Nachahmung der klassisch vollendeten Blätter und Ranken mit seiner ihm geläufigen oft ungefügen Manier ab, die dabei ihrerseits des Reizes nicht entbehrt. Es gibt an der Moschee zu Cordoba westgotische Kapitelle, die solchen aus der deutschen Renaissancezeit zum Verwechseln ähnlich sehen. Man sieht: die gleiche Aufgabe führt bei Stammesgenossen noch nach einem Jahrtausend zu gleichen Lösungen.

Bei Kapitellen aus römischer Zeit war öfters der Umriß des Blattes bloß im Rohen vorgearbeitet geblieben, die feine Durchführung und Ausarbeitung verschoben und unterlassen worden. Dies machte sich der Holzkünstler zunutze, indem er das nur angedeutete Blatt mit seinem Überfall der Blattspitze einfach zum Vorbild nahm. Der Blattüberfall erschien dann als ein scharfer eckiger Haken. Solche nur einfach vorgearbeitete Flächen zeigende Kapitelle mit Hakenblättern wurden dann geradezu herrschender Geschmack und scheinen sich bis ins 10. Jahrhundert in unveränderter Anwendung gehalten zu haben, sind aber sicher schon im sechsten nachweisbar. Sie sind derb mit dem Schnitzmesser angelegte Zimmermannskapitelle geworden, die freilich noch ungefähr die Massenverteilung der korinthischen zeigen, trotzdem den bewußtesten Holzstil aussprechen. Das Gebiet solcher Kapitelle ist sehr groß, von Sachsen über Spanien und Italien, selbst bis nach Afrika hinüber ins Vandalenland, wo sich schon frühzeitig ganz bestimmte Repräsentanten reinsten Holzstiles vorfinden, bei denen sogar auch die Drehbank auf die Formen eingewirkt zu haben scheint.

In Toledo zeigen uns die in Sta. Cruz vermauerten Kapitelle der westgotischen Basilika von Sta. Leocadia merkwürdig ausgearbeitete Hakenformen.

Der weitere Fortschritt der Kapitellentwicklung zeitigt nun eine vielgestaltige Menge von Grundformen (Abb. 48). Langsames Abweichen von der zuerst erstrebten antiken Gestalt, wobei sich auch wunderlichste Umbildungen des so charakteristischen jonischen Kapitells hervortun, bis zur Erfindung des rein tektonischen Würfelkapitells, das in seiner eigentlichsten Ausbildung freilich erst dem deutschen frühromanischen Stil vorbehalten geblieben sein wird. Aber die Vorstufen dazu, die nicht minder der Drehbank ihren Anfang zu verdanken scheinen, sind schon uralt.

Jedenfalls ist das eigentlich neue und fruchtbringende in diesen Arbeiten in der Richtung zu finden, die schon das byzantinische Trapezkapitell eingeschlagen hatte: in der Vermittelung des viereckigen Kapitellklotzes oder seines Oberrandes zu dem runden Schafte durch irgendwelche Übergänge. Als einfachste Form erscheinen hierbei zunächst die durch zuerst langsames dann stärkeres Abrunden der oberen scharfen Ecken hervorgebrachten Überführungen, die oft in primitivster Roheit, oft in fein motivierter Durchbildung auftreten. Manchmal wird der Übergang durch Ornament verdeckt.

Auch das langobardische in die nordisch-germanische Backsteinkunst übergegangene Trapezkapitell von S. Lorenzo in Verona gehört hierher.

Nicht minder aber die zahllosen echt germanischen Versuche, den Übergang durch einfaches Auskehlen der Ecke, zuerst ins Achteck, dann ins Rund zu erzielen; eine Form, die als dem Würfelkapitell ebenbürtig zu bezeichnen und erstaunlich fruchtbar gewesen ist.

Ferner ist höchst anziehend die jüngste dieser Gestaltungen, die Becherform als Kapitell auf dem Halse der Säule, bei der die überstehenden Ecken der Vierecksdeckplatte durch irgendwelche Eckauswüchse, Knöpfe, Schnecken, auch gar Menschenköpfe getragen werden. Eine im Charakter urnordische Erfindung von oft wildphantastischer Wirkung.

Man könnte ungeheure Musterkarten solcher Erfindungen jener kurzen Jahrhunderte zusammenstellen von einem gegenüber den immerhin begrenzten antiken Kapitellformen erstaunlichen Ideenreichtum, der dadurch sich vervielfältigt, daß die verschiedensten jener Grundgedanken miteinander kombiniert werden.

Ferner fügen sich zu diesen Grundformen die merkwürdigsten Ausgestaltungen. So anstatt des Akanthusblattes, wenn es sich einmal darum handelte, die für solche Blätter vorgesehene Fläche (Hakenblätter) wirklich auszuarbeiten, eine Durchbildung zu oft höchst malerisch angeordneten Einzelblättern. Dafür bezeichnend sind die beiden prächtigen aus der Pfalz zu Ingelheim stammenden Kapitelle in Mainz (Abb. 49), von ganz außerordentlich interessanter Wirkung und Behandlung, die auch einem völlig modernen Künstler wohl Freude machen können. Diese Eigenart hält sich bis ins 10. Jahrhundert (Quedlinburg).

Hier (Ingelheim) tritt aber auch noch der obere Rand der Blätter stark wulstig als eine Art Arkade, Bogenfries auf, und bezeichnet wieder einen neuen Gedanken, der öfters zur Durchbildung gelangt (Aquileja) (Abb. 50).

Es führte zu weit, allen diesen Bildungen nachzugehen. Aber es ist wenigstens noch darauf hinzuweisen, daß die Einzeldurcharbeitung dieses wichtigen Schmuck- und Baugliedes denn auch im echt germanischen Sinne erfolgt, d. h. in der oft einfachsten natürlichen Kerbtechnik, im bescheidensten Aufundab der Oberflächenbewegung, unter Anwendung einfacher oder vielfältiger Konturierung, Rippung des Flechtwerks, der Schleifen und Knoten, des Netzwerks, der Tierornamentik, der stärksten Phantastik, schließlich wirklicher figürlicher Reliefs, die Jagd, Kampf und Zeremonie darstellen.

Gewisse Gestaltungen der letzten Art werden da typisch, so das bei den Langobarden früh und spät übliche Adlerkapitell, das seine letzten Sendlinge selbst nach Deutschland schickte, wo Barbarossa es wie so manche andere langobardische Form (Flechtwerke) z. B. in Gelnhausen nochmals aufleben läßt.

Einer ganz besonders eigenartigen Gestalt der germanischen Säule darf hier nicht vergessen werden, die so absolut deutlich den Stempel ihrer Entstehung aus dem Holzbau an sich trägt: der Säule mit dem „Pilzkapitell“. Diese Form ist ganz unverkennbar direkt von der Drehbank und aus dem Holzbau einfach übernommen und findet sich wohl zuerst bei dem ältesten völlig original-deutschen gewölbten Steinbau der alten Kapelle der Königspfalz der Ludolfinger in Quedlinburg (wie man glaubt) jetzt Wipertikrypta genannt (Abb. 51). Von da mag sie nach Werden und Essen in Westfalen, wie an den Rhein gewandert sein; auch in England bei den Angelsachsen tritt sie auf.

[Sidenote: Säulenschaft]

Die Schäfte der Säulen verlieren im allgemeinen wenig vom antiken Schmucke. Sie werden anfänglich gerne noch kanelliert, häufiger aber gewunden, nicht nach der römischen feineren Manier, sondern in der gewohnten Tauform grob und derb, manchmal gar doppelt in entgegengesetzter Richtung, also zopfartig. Der Schaft ist meist zylindrisch, die Verjüngung fehlt zuerst, tritt aber in der Spätzeit seit den Karolingern um so kräftiger auf. Seit dem 9. Jahrhundert pflegen die meist kurzen glatten Säulen sich fast kegelförmig nach oben zu verdünnen; diese Erbschaft übernimmt dann der romanische Stil.

[Sidenote: Pfeiler und Pilaster]