Part 10
Bei Pilastern und Pfeilern läßt sich öfters, obwohl sie nicht häufig vorkommen, ein ganz ähnliches Prinzip der Durchbildung verfolgen, getreu dem Grundsatze der holzmäßigen Bearbeitung. Die Gliederung erfolgt auch hier streng in der vierkantigen Masse der Urform, aus der das stützende Gebilde herausgehauen werden soll. Das Kapitell wird bei den Ostgoten eingekerbt, bei den Westgoten einfach zurück- und eingesetzt. Wird die Vorderfläche des Pilasters oder Pfeilers geschmückt, so wird die gewünschte Figur einfach in sie hinein gegraben. Merida gibt uns in seinen charakteristischen westgotischen Bautrümmern hierfür die klarsten Beispiele. Manchmal sind in die Mitte der Pilasterflächen noch kleinere Halbsäulen vertieft eingesenkt. Diese Formen bieten uns merkwürdigste Analogien mit den Bildungen der deutschen Renaissance im Holzbau (Hildesheim) (Abb. 46). Für uns Deutsche, die damit von Jugend auf vertraut sind, ist die für Spanier und andere so merkwürdige ja unverständliche Gestalt jener Pfeiler in Merida denn gar nichts fremdes. Nur ebenso merkwürdig als erfreulich bleibt für uns, daß germanische bildende Kunst hier tausend Jahre früher in so weit entferntem Lande in anderem Baustoffe zu fast genau den gleichen Neubildungen gelangt war. Einen Schimmer der Ewigkeit, einen winzigen Beweis für die Unvergänglichkeit und Unsterblichkeit des einmal der Rasse innewohnenden künstlerischen Charakters mag ein so auffallendes Beispiel uns wieder einmal empfinden lassen.
Mit der Stütze aufs engste verwachsen, direkt von ihr abhängig, erscheint nun ein neues Prinzip, ein anderes bauliches Glied, ganz unbedingt aus dem Zimmermannsarsenal herüber genommen und zu neuer bedeutsamer Rolle berufen.
Es ist dies das auf der Stütze -- der Säule -- liegende längere Steinstück, welches bestimmt ist, die Dünne der Säule, die eine oft vielfach dickere Mauer zu tragen hat, auszugleichen, die dickere Mauer auf die dünne Säule zu übertragen. Dies vor allem in dem Falle, daß ein Doppelbogen mitten von einer Säule getragen werden soll.
[Sidenote: Kämpferstein]
Diese architektonische Form ist eine früher unbekannte; eine wirkliche Neufindung, die wir dem Eintritt der Germanen in die Baukunst danken. Und das Vorbild des bezeichneten Steinstückes ist das im Zimmermannswesen von uralter Zeit her gebräuchliche Sattelholz, das seinerseits im Holzbau eine völlig gleichartige Aufgabe zu erfüllen hat.
Der abgeschrägte Kämpferwürfel über der Säule, den die byzantinische Baukunst bereits kennt, hat gleiche Bestimmung, ist aber durchaus von quadratischem Grundrisse und wohl dem Steinbau entsprossen, eine Umbildung des Gebälkekropfs über der Säule; jedenfalls fügt er sich seinem Wesen nach völlig in die Steinarchitektur ein. Nicht so der über dem schmalen Kapitell quer zur Mauerrichtung liegende lange Steinbalken, der eine auf dieser oblongen Grundfläche lagernde Last aufzunehmen hat; er trägt durchaus den Stempel seiner Herkunft aus dem Holzbau an sich, was nachdrücklich dadurch bestätigt wird, daß er vor dem Eintritt der holzbauenden Germanen in die Kunst nirgends nachzuweisen ist (Abb. 52).
Dieser lange Kämpferstein vermittelt also den Übergang vom Kapitell zu dem darauf lastenden viel breiteren Bogen und erscheint bei den Langobarden am frühesten, verbreitet sich aber rasch. Die Nachbildung der ursprünglichen Holzform, ganz nach dem Muster des einfach rechteckigen Sattelholzes (Abb. 59), finden wir in S. Miguel de Lino bei Oviedo in Spanien als Bogenträger über einer Halbsäule (Abb. 126). Selbst in verhältnismäßig später Zeit (etwa 810) ist das Vorbild noch immer so deutlich, daß wir unbedingt annehmen müssen, der Holzbau habe dort neben dem Steinbau damals noch in hoher Blüte gestanden und sei in diesem Falle wie überhaupt in dem Formentum dieser ganzen Kirche nur einfach im Stein nachgeahmt worden. Aber schon viel frühere Beispiele seiner Anwendung zeigen uns den Übergang zur richtigen tektonisch gestalteten Steinarchitektur, indem der rechteckige hohe Klotz durch Abschrägung der überflüssigen unteren Ecken in die Trapezform übergeführt und damit ein neues architektonisches Element geschaffen ist, welches später in der romanischen Zeit die größte Verbreitung gewann, z. B. in den Kreuzgängen geradezu ein charakteristisches Moment für diese Baukunst geworden ist.
Jenes aus dem Holzbau in den Steinbau übertragene Sattelholz, der Kämpferstein, gewinnt im Laufe der fortschreitenden Formenbildung mannigfache und reiche Gestaltung; aber alle die hier wirksamen Grundformen sind bereits zu langobardischer Zeit gegeben. So die Trapezform, die Segmentform und andere, bis zur Auskehlung der zwei Winkel, die auch im „romanischen“ Stil eine verbreitete immer deutsche gut nationale Form bleibt.
Die tragende kurze Säule bedarf hier eigentlich keines Kapitells, wie ihre frühesten dem Holzstil noch ganz nahestehenden Beispiele zeigen. Erst der Schematismus des entwickelten romanischen Stiles reißt die so eng zusammen gehörigen Teile: Stütze und Kämpfer wieder auseinander. Vorher bildet der Kämpferstein das eigentliche Kapitell der Säule.
Von den Urbildungen des obengenannten Baugliedes sind die langobardischen und die angelsächsischen von besonderem Interesse. Der zertrümmerte Kreuzgang von St. Giorgio in Valpolicella bei Verona (8./9. Jahrhundert) bietet uns davon eine ganze Musterkarte; einiges auch S. Apollinare in Classe bei Ravenna in den +nicht+ byzantinischen Bauteilen, wie Ravenna selbst an seinen zahlreichen echt germanischen runden Backsteintürmen, die dem 7. bis 8. Jahrhundert angehören. -- Überhaupt sind die dicken Mauern der Türme, deren Ausbildung gewiß dem Norden zuzuschreiben ist, das eigentliche Feld für die Säulchen mit langen Kämpfersteinen, in den Kirchen die niedrigen Triforiengallerien und Emporenöffnungen der starken Mittelschiffwände. So finden wir ganz frühe Muster in Trier an den Frankentürmen (8./9. Jahrhundert), im Inneren von Kirchen wohl am ersten bei uns in der Gernroder Stiftskirche, wenn nicht schon früher in St. Michael in Fulda.
Selbst in Spanien mangelt es an Beispielen nicht, die sich übrigens immer noch völlig an den reinen Holzstil, wie er in S. Miguel de Lino sich zeigt, anlehnen. So in S. Pedro bei Zamora, wo Kämpfer und Säule völlig in Eins zusammenwachsen, jener also an die Stelle des Kapitells tritt (Abb. 141). Besonders charakteristisch ist dies dort mit der Überleitung zum Hufeisenbogen verbunden. -- Eine Eigentümlichkeit, die besonders dem beginnenden 9. Jahrhundert angehört; ganz ähnlich auch in Germigny-des-Prés bei Orleans (806), wo allerdings die tragenden Säulchen frei unter dem Querbalken stehen.
[Sidenote: Gedrehte Baluster]
Bedeutsam ist die in angelsächsischen Bauten häufige unverkennbare Bildung der Säule als einer gedrehten balusterähnlichen Holzsäule, die uns zeigt, daß wir in diesen Galerien eine uralte Einzelausbildung des Holzbaus vor uns haben. Belege hierfür gibt es die zahlreichsten, nicht nur in England.
[Sidenote: Galerien]
Die Galerieform tritt hierbei sofort hervor, sobald das Doppelfenster zum dreifachen mit zwei Mittelsäulen wird; mit der Vermehrung der Bögen wird dies immer deutlicher. So bei Kreuzgängen und dergleichen. Das in der Renaissance so häufige Nebeneinanderreihen zahlreicher gedrehter Baluster zu Brüstungen ist uns aus dem klassischen Altertum nicht bekannt; wir dürfen vielleicht annehmen, daß die Holzkünstler der Germanen dies Motiv zuerst anwandten und vielseitigsten Gebrauch davon machten, mit und ohne Bögen.
In den Holzgalerien mit Bögen haben wir denn wohl auch den Ursprung der Zwerggalerien zu suchen. Jeder europäische Holzstil zeigt uns solche im kleinen von jeher im Gebrauche, schon im romanischen Stil, im Altnordischen, selbst bei den Russen, bei uns und in den Niederlanden bis in die späte Renaissancezeit hinein. Die Möbel, die Herrad von Landsberg zeichnet, bestehen vorwiegend aus gedrehten Holzsäulen, die oft zu solchen Galerien verbunden sind; aber nicht minder die Bauernmöbel, besonders Stühle bis zum heutigen Tage. Hier ist von jeher das Feld der Tätigkeit des Drechslers. Es kann natürlich nicht fehlen, daß man uns da wieder an die späten Römer, so an die vorgesetzten Säulchenreihen mit Bögen am Palast in Spalato erinnert. Doch vermögen wir auf noch frühere Verbreitung des Bogengaleriemotivs bei den Germanen zu verweisen, bei denen wir es als Ziermotiv schon an uraltem Bronzebeschlag der Gürtel und des Lederzeugs antreffen (Abb. 8); selbst an den Rücken der ältesten Beinkämme findet es sich von jeher und bleibt hier bis ins frühe Mittelalter hinein üblich.
[Sidenote: Bogenfries]
Ganz besonders häufig tritt an dieser Stelle von jeher das ebenso altertümliche Gebilde des Bogenfrieses auf, der Bogengalerie ohne Säulchen; einfach, dann verdoppelt sich durchdringend, eines der unsterblichen altgermanischen verzierenden Friesmotive[13], das in Italien Ostgoten und Langobarden in die Baukunst herübernahmen. Als steinerner Bogenfries hat es dann den ganzen romanischen Baustil beherrscht und lebt heute noch (Abb. 53).
Aus der Langobardenzeit wie der frühen Angelsachsenzeit sind zahlreiche Beispiele von Galerien mit Säulchen oder Pfeilern erhalten, die als einfache Wandgliederungen oder Wandschmuck innen und außen angewandt sind. Die Nachahmung des Holzstils ist hier ungemein deutlich. Spätere gleichartige Nachahmungen in Dänemark. Karolingische Kämpfer in Germigny-des-Prés zeigen uns das Motiv in kleinstem Maßstab (Abb. 54). Nicht minder durchbrochene Fensterplatten in S. Miguel de Lino bei Oviedo in Spanien, die aussehen, als ob sie nur mißverständlich in Stein ausgeführt seien, statt durch den Drechsler und Tischler in Holz.
In geradezu überraschender Deutlichkeit sehen wir die gedrehten Säulchen an dem so urgermanischen Portal des Turmes der Kirche zu Monkwearmouth (s. Abb. 183). Kurze und fast faßartige vielgeringelte Schäfte tragen ohne jedes Kapitell den holzmäßig gestalteten Kämpfer unterm Bogen.
[Sidenote: Bogenkämpfer]
Bei dem genannten Portal fällt uns ferner auch das seitlich glatt abgeschnittene Profil des Kämpfers auf. Auch das gehört zum germanischen Rüstzeug in der Architektur. Der Kämpfer ist eben nichts als das vorgeschobene einseitige Sattelholz, aus einem glatten Balken hergestellt, folglich an den Seiten glatt. Am Portal der Kirche S. Pablo zu Barcelona ist diese Qualität des Kämpfers bei den Germanen noch in ganz unverhüllter Weise ausgesprochen (vgl. Abb. 52). Was ist er da anderes, als ein ganz klar ausgebildeter Balkenkopf? -- Solche Balkenköpfe in Stein haben sich in Spanien in mancherlei Mustern erhalten. Besonders charakteristisch dürfte ein Beispiel im Museum zu Sevilla sein, bei dem auch das Dübelloch für die unterstützende Säule noch vorhanden ist.
Auch die Bildung des Kämpferprofils entsprach dieser Entstehung: die einfache Abfasung, die Schmiege, ist noch karolingisch, erhält sich dauernd in der gerade folgenden Zeit (so Tracy-le-Val, 11. Jahrhundert). Zahlreiche andere Profilierungen, besonders reiche in England geben die mannigfaltigsten Variationen der Grundmelodie, andererseits die klarste Übertragung der Holzprofile in den Stein (Abb. 45).
[Sidenote: Säulenfüße]
Einen Blick noch werfen wir auf die Füße der Stützen. Natürlich kommen hier die der säulenartig gebildeten am meisten in Betracht, da diese einer Basis im Gegensatz zum Kapitell bedürfen.
Auch hier mangelt es nicht an Belegen dafür, daß ihre Fußbildungen aus dem reinen Holzstil erwuchsen, wenn auch wohl von der antiken Säulenbasis als Vorbild beeinflußt, doch sofort zur einfachen Ringelung um das untere Schaftende umgestaltet. Jedenfalls immer sehr hoch und ohne viel Ausladung, wie das das Drehen der Säulen in Holz und auch in Stein aus vierkantigen Balken mit sich brachte.
Wie aber die dünne Holzsäule frei auf dem weichen Boden stehend durch den Druck in diesen hineingepreßt würde, folglich einer bedeutenden Verbreiterung ihrer Grundfläche bedarf, um den Druck zu verteilen, diesen daher von alters her durch Unterlagshölzer in oft mehreren Lagen überträgt, so finden wir bei freistehenden Steinsäulen in der noch eigentlich germanischen Baukunst öfters eine starke Verbreiterung nach einer oder mehreren Richtungen. So in S. Pedro (Prov. Zamora), S. Miguel de Lino (Abb. 55, Tafel XIV), jünger, doch in gleichem Sinne, in Fjenneslevlille Kirke in Dänemark. (Wie man ja den hohen Norden hier in allen solchen Dingen oft fast um zwei Jahrhunderte hinter den sonstigen Zeitläuften herhinken sieht. Es sind daher manche Formen der skandinavischen Baukunst des 11./12. Jahrhunderts als noch denen der karolingischen Zeit des Südens nahestehend zu bewerten.)
Was sich nun aber über die Vertikalstützen lagerte zum weiteren Aufbau, das waren natürlich nach dem einfachsten Zimmermannssystem wagerechte Balken. Die hölzernen haben sich freilich längst in Moder gelöst, von den steinernen ist manches geblieben.
Im Steinbau trat ja rasch genug das Gewölbe, also zunächst der Bogen, an die Stelle des Balkens. Aber ganz offenbar ist hier folgendes im Anfange maßgebend gewesen und lange Zeit geblieben:
[Sidenote: Bogen]
Der nordischen Zimmermannskunst war das im südlichen eroberten Lande auffallendste und bedenklichste in der Baukunst offenbar der Bogen mit dem zentralen Steinschnitt, wie das in der Natur der Sache lag.
Hatte man bisher alle konstruktiven Schwierigkeiten, gewiß auch nicht ohne Kühnheit, aus der Natur des Holzbaus heraus zu bewältigen gehabt und gewußt, hatten Holzständer, Riegel, Langbalken, Schwellen und schräg gestellte Sparren das Rüstzeug des Zimmermanns ausgemacht, verbunden mit den dazu gehörigen Einzelheiten: Zapfen, Versatzungen, Überblattungen u. dgl., mit Hilfsmitteln wie den früher genannten Sattelhölzern, so war man plötzlich vor eine Aufgabe des reinen Steinbaus gestellt, der in ganz fremdartiger Weise aus keilförmig geschnittenen Steinstücken weite Bögen herstellte, mächtige Spannweiten überbrückte. Man sah sich vor ganz entgegengesetzten Konstruktionsprinzipien. Hatte man früher weite Räume zu bedecken, so legte man starke Balkenhölzer darüber; genügten diese nicht, so verzahnte und verband der Zimmermann zwei oder mehrere übereinander, gewohnt, mit der schlanken und starken Langfaser des Holzes zu rechnen und durch sie alles zu besiegen.
Und jetzt: ganz neue Anforderung, die durch das herrschende Steinmaterial und den im Süden offenbar schon vorhandenen Holzmangel, die Landessitte und die gewaltigen bereits bestehenden Denkmäler in solcher Bauweise gestellt wurde! -- Die größte Umwälzung, die denkbar war. Und eine Anforderung, das seit uralter Zeit Gewohnte, ja die eigene Natur aufzugeben zugunsten zunächst höchst schwierig erscheinender, jedenfalls mit Mißtrauen betrachteter neuer baulicher Grundsätze.
[Sidenote: Türen und Portale]
Was sich da ergab, war folgerichtig. Bildete man häufig die Überdeckung noch ganz zimmermannsmäßig, so blieb man auch in Fällen reicherer Ausbildung gerne bei der horizontalen Steinbalkenüberdeckung, wo das möglich war, so im kleinen bei Türen und Portalen. Hohe wagerechte Stürze wurden über die senkrechten Stützen quer gelegt, wie wir solche von den Westgoten noch zahlreich übrig finden. Aber auch sonst, z. B. in Engelstadt (Rheinhessen), in völlig übereinstimmender Weise. Gerade hier belehren uns die Bildungen der Türstürze auf das eingehendste; einige spätere dänische sind besonders instruktiv, auch in ihrer Dekoration, die z. B. durch flach eingegrabene Bögen erfolgt (Bogenfries), ganz wie es an Holzschwellen bis ins späte Mittelalter üblich war (Abb. 56).
Von Interesse ist hierbei die echt holzmäßige Überblattung oder Ausklinkung des Sturzes der horizontal geschlossenen Türen, so in Cividale, an S. Clemente in Rom, auch in Escomb in England.
Frühzeitig mußte man jedoch hier die Unentbehrlichkeit des Entlastungsbogens über dem flachen Sturz erkennen, den bereits die Römer gerne angewandt hatten, wenn man nicht, wie es öfters vorkommt, den Sturz inmitten höher machte, ihm dachförmige Gestalt gab. Türstürze dieser Form finden wir in Trümmern zahlreich aus der Langobardenzeit, so in Brescia, Cividale, auch im Museum zu Köln ist ein solcher Rest vorhanden, und von der uralten Kapelle zu Ronnenberg bei Hannover (schon 524 erwähnt) dort noch die ganze Tür eingemauert (Abb. 57). Bei den Langobarden ist diese Form besonders verbreitet; manchmal doch mit Bogen darüber. In der Folge wird bei ihnen der entlastete Sturz zur Regel: S. Anastasia zu Lucca; und zwar mittels Halbkreisbogen[14]. Damit ist das halbrunde Tympanon des Mittelalters geschaffen, einer der allerfruchtbarsten künstlerischen Gedanken in der Architektur.
War aber wirklich ein Bogen über Fenster oder Tür beabsichtigt, so schnitt man diesen Bogen bis in die romanische Zeit hinein mit Vorliebe aus einem hohen Steinbalken heraus, also wieder rein dekorativ, eine formale Konzession, ohne in der Sache die Zimmermannsmäßigkeit aufzugeben.
Auch diese Beobachtungen beweisen uns die ungemein große Vorsicht, mit der die Germanen an den Bogenbau in Stein herangingen; dem Gewölbe gegenüber verfahren sie in der Folge nicht weniger mißtrauisch und tastend.
[Sidenote: Hakensteine der Bögen]
Ungemein deutlich spricht dies die viel angewandte Technik der Hakensteine in den Bögen aus. Das ganze Theoderichmausoleum zu Ravenna ist dafür ein Musterbeispiel (vgl. Abb. 82, Tafel XXI). Nicht nur die sämtlichen Keilsteine der großen Tragebögen des Unterbaus haben solche Haken, sondern selbst der flache Entlastungsbogen über dem Türsturz der oberen Eingangstür besteht nur aus Hakensteinen. Bei den Römern ist die Anwendung dieser Konstruktion selten, in solcher Konsequenz nirgends nachweisbar, während sie an Westgotenbauten in Spanien ebenfalls oft genug auftritt, besonders bei Schlußsteinen von Bögen. (Sta. Maria de Naranco). Die Araber haben diese Gepflogenheit nachher übernommen, insbesondere für scheitrechte Bögen.
An dem letztgenannten westgotischen Bau, der noch der Mitte des 8. Jahrhunderts angehören muß, zeigt sich die bedächtige Vorsicht, wenn man will, Unsicherheit der germanischen Baumeister auch darin, daß manche selbst durch Archivolten betonte Bögen immer noch als reine Überkragungen konstruiert sind. Von richtiger radialer Druckverteilung gar keine Rede[15]. Ganz verwandt ist die Bogeneinwölbung, wie sie in Werden am Äußeren der Peterskirche auftritt (Abb. 58).
Der Bogen ist den Germanen zuerst eine bloß künstlerische Form, keine folgerichtig durchgeführte Konstruktion. Daher auch die merkwürdige Gepflogenheit, den Bogen, wenn es geht, aus +einem+ einzigen Stein zu hauen; eine Sitte, die sich bis ins Romanische verlängert, freilich auch im Syrischen (und Hellenistischen) hier und da vorkommt. Ein Beispiel aber, wie bei S. Miguel de Lino, wo der Bogen auch an der Außenkante der Peripherie folgt, also einen halben Ring bildet, dürfte einzig dastehen; er ist sogar nachträglich in radialer Richtung gerissen, wie das seine sichelförmige Gestalt erklärlich macht (Abb. 126).
[Sidenote: Hufeisenbogen]
[Sidenote: Ableitung des Hufeisenbogens aus dem Holzbau]
Kaum minder bezeichnend ist die Hufeisenform des Fenstersturzes an einem Befestigungsturm in Caceres (Abb. 60). Unkonstruktiv in herkömmlichem Sinne freilich; doch für unsere Untersuchung um so deutlicher. Es bleibt eben der Bogen eine rein dekorative Bildung, keine konstruktive; und der hier auftretende Hufeisenbogen stammt ja erst recht aus dem Holzstil, wo er von früher Zeit an konstruktiv (Abb. 59) und dekorativ -- letzteres an den Portalen -- auftritt. Da ist er auch notwendig, denn er ist ursprünglich nur eine Verspannung zwischen vertikalen Ständern und bedarf des unteren Hakens anstatt der Spitze zur Konsistenz; eine Form wie A ist technisch unmöglich wegen der scharfen Spitze. Der aus dem Holzbau übernommene Hufeisenbogen ist in der germanischen Frühzeit auch im Steinbau überall verbreitet, vor allem als dekorativ wirksame Form. Am meisten im Spanien der Westgoten, in dem ihn die Araber vorfanden und wie er war übernahmen. Es waren in diesem Lande in einer gewissen Zeit wohl alle die kleinen Basiliken mit hufeisenförmigen Längsbögen versehen. Davon zeugen noch: Venta de Baños, S. Miguel de Escalada, Souso, Lebeña, S. Pedro, in Frankreich bei Orleans Germigny-des-Prés, Nachzügler gibt es in Italien bei den späten Langobarden, und selbst bis ins 12. Jahrhundert hinein im hohen Norden, wo z. B. Ripen (Dänemark) am Domportal das Hufeisen in ausgeprägtester Art aufweist.
Der außerdem im 8. und 9. Jahrhundert häufige Halbkreisbogen mit vorspringenden Stützen gehört hierher; er wird an Germanenbauten in gleicher Weise ohne eigentliche konstruktive Begründung, wohl als Ersatz für den Hufeisenbogen gebraucht. Vielleicht ist auf ihn die oft vorkommende Anordnung zurückzuführen, eine dekorierende Säule in den Bogen unten bis zum Kämpfer frei vorzustellen, was wir sogar an vandalischen Bauwerken in Afrika (Tipasa) wie öfters an westgotisch-spanischen (Tuñon), auch an angelsächsischen finden[16].
Ist es nun nicht zu leugnen, daß auch an einigen byzantinischen Bauwerken und in Anatolien der Hufeisenbogen auftritt, freilich noch seltener, als manche der oben aufgezählten ebenfalls vereinzelt im Späthellenistischen vorkommenden Besonderheiten, so hat es doch keinerlei überzeugende Kraft, wenn man aus der Gegenüberstellung der Tatsache, daß der Hufeisenbogen bei den Germanen hundertfältig, bei den Byzantinern ein halbes dutzendmal vorkommt, unbedingt schließen will, daß gerade die letzteren die wirklichen Erfinder oder Verbreiter der Form sein müßten. Es mag freilich heute ein wenig Gepflogenheit sein, ihnen vor allem für jene Zeit die erste Erfindung jeglichen neuen künstlerischen Gedankens, dessen sie sich gelegentlich bedienen, zuzuschreiben, dagegen die Germanen von jeglicher Autorschaft auf dem Gebiete der bildenden Kunst auszuschließen[17]. Warum ist nicht recht einzusehen. Vielmehr scheint es berechtigt, da, wo eine bestimmte Form massenhaft vertreten ist, eher ihren Ursprung zu vermuten, als da, wo sie vereinzelt nachgewiesen wird.
An dieser Stelle mag die Einfügung angebracht sein, daß der später von den Arabern in Spanien so viel gebrauchte Hufeisenbogen, der früher als ihnen eigen betrachtet wurde, dies durchaus nicht, sondern ein Erbstück war, das sie von den Westgoten übernahmen. Die Behauptung, daß diese Bogenform westgotisch sei, mag heute noch bei manchem ein Lächeln hervorrufen; sie ist darum nicht weniger wahr und in Spanien längst anerkannt, weil überall dort unverkennbar hervortretend.
[Sidenote: Die Araber Erben der Westgoten]
Die Araber brachten aus ihrem Vaterlande -- vielmehr aus dem näher gelegenen Nillande -- nur den hochgestelzten stumpfen Spitzbogen auf dünnen Säulen mit. In Spanien fanden sie den Hufeisenbogen so allgemein verbreitet, daß sie ihn sofort annahmen, wie ja ihre dortige früheste Baukunst eine Sammlung verschiedenartigster fremder, besonders westgotischer Motive zeigt, die erst langsam zu einem Ganzen zusammenschmilzt. Auch dem Hufeisenbogen haben sie später ganz neue Reize abgewonnen; insbesondere durch schrägere Richtung des Fugenschnitts; ihr Bogen zeigt in der Folge die Radialfugen der Steine nicht nach dem Kreismittelpunkt gehend, wie bei den Westgoten, sondern nach einem viel tiefer, mindestens bis auf die Kämpferhöhe hinabgelegten Mittelpunkt gerichtet. Das gibt dann einen erheblichen Unterschied in der Wirkung[18].