Part 7
Severins Ansehen beugten sich auch die Fürsten der Barbaren, selbst jene böse Königin Giso, welche rechtgläubige Katholiken umtaufen wollte; halb aus Wohlwollen, halb aus Furcht erfüllten sie seine Bitten, achteten sie auf seine Ermahnungen; seinen Rathschlägen dankte der Rugierkönig Flaccitheus seine friedliche Regierung. Schützte Severin die Römer manchmal durch Ermuthigung zu kräftigem Widerstand und durch Vorhersagen feindlicher Angriffe, so wandte er doch häufiger durch seine Fürbitten Gefahren ab und erlangte die Freigebung der Gefangenen. An vielen Orten hatte er Klöster errichtet, die nach der Weise des Morgenlandes aus einer Vereinigung einzelner Hütten bestanden, das größte, in welchem er sich am häufigsten aufhielt, bei Faviana, einem jetzt spurlos verschwundenen Orte. Hier traten einst einige Barbaren zu ihm, die nach Italien zogen und ihn um seinen Segen baten; unter ihnen Odovacar, damals noch ein gemeiner Krieger und mit schlechten Thierfellen nothdürftig bekleidet, aber so hoch gewachsen, daß er sich bücken mußte, um nicht die Decke der Zelle zu berühren. Geh, sagte Severin zu ihm, geh nach Italien; jetzt deckt dich noch ein geringes Gewand, aber bald wirst du vielem Volke große Gaben auszutheilen haben. Als König gedachte Odovacar dieser Weissagung, und forderte Severin auf, sich eine Gnade auszubitten, worauf dieser für einen Verbannten Verzeihung erlangte.
Severin konnte es doch nicht hindern, daß Stadt auf Stadt in die Hände der Feinde fiel. Die Rugier bemächtigten sich der Stadt Faviana und der benachbarten Orte; ihre Herrschaft gewährte wenigstens Schutz gegen die wilderen Feinde, welche alle weiter aufwärts gelegenen Burgen und Städte zerstörten. Die geflüchteten Einwohner führte König Feva aus Lorch, wo sie sich gesammelt hatten, in die ihm unterthänigen Städte. Joviacum dagegen wurde von den Herulern gänzlich verheert, während Tiburnia in Oberkärnten, an dessen Namen noch Debern im Lurnfeld erinnert, eine Belagerung der Gothen glücklich überstand. Noch im sechsten Jahrhundert waren hier christliche Bischöfe; dann aber unterlag auch diese uralte Stiftung, sowie die alte Bischofstadt Pettau, den Slaven und Avaren.
Am 8. Januar 482 starb Severin. Feva's Bruder Friedrich plünderte gleich darauf sein Kloster; innere Kriege unter den Rugiern und Odovacars Feldzug gegen sie mehrten die Bedrängniß der Römer, bis endlich sechs Jahre nach Severins Tod Odovacar die ganze römische Bevölkerung aus Noricum abrief und ihr in Italien Land anwies. Dadurch erklärt es sich, daß gerade hier von den alten und einst so bedeutenden Römerstädten fast jede Spur verschwand, und nur schwache Reste einer unterwürfigen romanischen Bevölkerung in den Gebirgen zurückblieben. Damals scheint auch der heilige =Antonius= Noricum verlassen zu haben; er war aus Pannonien zu Severin noch kurz vor dessen Tode gekommen, wie Ennodius in der Lebensbeschreibung des Antonius berichtet[2].
[2] _Vita S. Antonii Lirinensis_, in den verschiedenen Ausgaben der Werke des Ennodius, v. Fr. Vogel Auctt. ant. VII, 185-190.
Severins Mönche folgten mit Freuden dem Rufe, welcher sie aus der Knechtschaft erlöste; der Anordnung ihres Meisters gemäß führten sie dessen Leiche mit sich bis nach Neapel, wo sie endlich Ruhe fanden. Hier richtete ihnen eine vornehme Frau, Namens Barbaria, ein Kloster ein im Castellum Lucullanum, dessen Name noch das Andenken der üppigen Gärten Luculls bewahrte; ebenda war kurz zuvor auch dem letzten römischen Kaiser sein Aufenthalt angewiesen worden[3].
[3] Nach Caravita, I codici e le arti a Monte Cassino I, 14 auf dem Pizzofalcone bei, jetzt in Neapel.
In diesem Kloster nun war =Eugippius=[4] Abt, ein Schüler Severins, der nach Cassiodors Zeugniß von weltlicher Gelehrsamkeit nicht gar viel wußte, aber in den heiligen Schriften wohl belesen war[5], der Verfasser eines Auszuges aus den Schriften des heiligen Augustin[6]. Mit bedeutenden Kirchenschriftstellern der Zeit stand er im Briefwechsel. Diesen Eugippius nun forderte ein ungenannter Laie auf, ihm Materialien zu einer Lebensbeschreibung Severins zu geben; er zeichnete darauf auch wirklich seine Erinnerungen auf, sandte dieselben aber (511) nicht an jenen Laien, denn das erschien ihm unpassend, sondern an den gelehrten Diaconus =Paschasius=, mit der Bitte, sie zu einer förmlichen Lebensbeschreibung zu verarbeiten. Zugleich sandte er ihm in dem Boten einen Mann, der als Augenzeuge über die Wunder berichten sollte, welche auf dem Zuge durch Italien an Severins Sarg geschehen waren. Paschasius aber lehnte jede Aenderung an Eugipps Aufzeichnungen ab, und in der That ist es auch sehr zweifelhaft, ob jene Bitte ernsthaft gemeint war, da uns ähnliche Aufforderungen, die nichts als Phrase sind, so häufig begegnen. Eugipps Aufzeichnungen sind durchaus nicht unfertig, nicht nachlässig und formlos, und gerade aus jenen italischen Wundern hebt er einige als die wichtigsten und statt aller genügend, sorgsam hervor. Auch giebt er als den wesentlichsten Grund, weshalb er den Wunsch jenes Laien, von dem eine andere Biographie ihm bekannt war, nicht erfüllt, die Besorgniß an, er möchte durch die Anwendung der rhetorischen Kunst den Gegenstand verhüllen und für den einfachen und ungebildeten Gläubigen geradezu unverständlich machen. Er war also kein Freund von den kunstgerechten Büchern jener Zeit, welche wie z. B. die Schriften des Ennodius und manche von Cassiodor, durch eine Ueberfülle gesuchter Antithesen und wortreichen Phrasenschwall so unerträglich schwülstig und geziert sind, daß man oft nur mit Mühe den Sinn der Worte enträthselt. Das galt in den Rhetorenschulen als schöner Stil.
[4] Andere Formen, mit guter handschriftl. Beglaubigung sind Eugipius und Eugepius.
[5] Divin. Lectionum c. 23: quem nos quoque vidimus, virum quidem non usque adeo saecularibus literis eruditum, sed scripturarum divinarum lectione plenissimum. Ein dogmatisches Sendschreiben an ihn von Ferrandus aus d. J. 533 bei A. Mai, Nova Coll. III, 2, 168-184; ein anderes mit Uebersendung einer Glocke für das Kloster, bei Reifferscheid in Ind. lectt. Vrat. 1871-72 S. 6. Vgl. Büdinger, Eugipius, Wiener SB. XCI, 793-814.
[6] Sehr gerühmt von Notker, bei Dümmler, Formelbuch Salomons III, S. 65. Ausg. v. Knöll im Wiener Corpus VIII, 1.
Eugipps Aufzeichnungen dagegen sind ganz einfach und schmucklos, ohne strenge Reihenfolge und Ordnung, aber um so mehr der treue Ausdruck dessen, was ihm in seiner Erinnerung als das bemerkenswertheste erschienen war. Gerade darin liegt der Hauptvorzug dieser Lebensbeschreibung vor den zahlreichen Legenden, aus deren salbungsvollem Wortreichthum die wenigen geschichtlichen Nachrichten mühsam hervorgesucht werden müssen. Er selbst hatte Severin und den Schauplatz seiner Wirksamkeit gekannt; in den letzten Abschnitten bezeichnet er sich ausdrücklich als Augenzeugen, aber auch nur in diesen, während er sich übrigens auf die häufig gehörten Erzählungen, zuweilen auf bestimmte Gewährsmänner beruft.
Das Leben Severins finden wir schon bald nach seiner Entstehung bei dem sogenannten Anonymus Valesianus[7], im Anfange des siebenten Jahrhunderts von Isidor erwähnt, im achten von Paulus Diaconus benutzt; um dieselbe Zeit verfaßte man zu Neapel einen Hymnus, dem dasselbe zu Grunde liegt[8]. Bald wurde es dann auch an dem Schauplatz seiner Wirksamkeit bekannt, denn schon im Jahre 903 erwarb die Passauer Kirche eine Handschrift desselben von dem Landbischof Madalwin[9]. Eigenthümlich sind die Wirkungen, welche hier von diesem Werk ausgingen. Man las darin von der großen alten Stadt Faviana, die man nirgends fand, und da man nun bei Wien alte Römersteine aufgrub, so zweifelte man nicht daran, daß hier einst Faviana gelegen habe; Otto von Freising und Herzog Heinrich von Oesterreich nahmen diese Meinung an, und sie hat sich bis auf die neusten Zeiten behauptet, bis endlich Blumberger sie siegreich widerlegte[10].
[7] Nachgewiesen von Glück, Die Bisthümer Noricums, Wiener SB. XVII, 77.
[8] Neapolis gaude redimita festis, Plaude caelestem retinens patronum etc. Ozanam, Documents inédits, p. 241.
[9] Mon. Boica XXVIII, 2, 201.
[10] Archiv der W. A. III, 355 (1849, vor der Ausgabe von Böckings Commentar). Vgl. Böcking, Notitia Dign. Occ. p. 747-750. Glück, die Bisthümer Noricums S. 76. Aschbach: Ueber die römischen Militärstationen im Ufer-Noricum zwischen Lauriacum und Vindobona, nebst einer Untersuchung über die Lage der norischen Stadt Faviana, SB. XXXV, 3-32 für Traismauer, Tauschinski SB. XXXVIII, 31-46 wieder für die Identität mit Wien, ohne erhebliche Gründe. Kenner in d. Blättern d. Vereins f. Landesk. v. N. Oesterr. N. F. XVI (1882) S. 3-53, für Mautern. In Severins Zeit brauchte man den Abl. Favianis, in der Notitia Dign. Occ. p. 100 (ed. Seeck p. 198) steht Fafianae (Genetiv). S. Corpus ISS. Latt. III, 2, 687 und passim zur Erklärung der Ortsnamen.
Viel schlimmere Folgen hatte es, daß man in Passau nun erfuhr, Lorch habe einst Bischöfe gehabt, lange bevor Salzburg den Krummstab führte. Es lag nahe, sich als Erben der benachbarten Stadt zu betrachten, welche jetzt zum Passauer Sprengel gehörte; aber der einmal angefachte Ehrgeiz strebte immer weiter; um dem Vorrang des jüngeren Salzburg nachdrücklicher entgegentreten zu können, wurde ein Erzbisthum Lorch erdacht und bald zu fabelhafter Größe ausgedehnt; neu angefertigte Legenden von St. Quirin und Maximilian mußten die Beweise dazu hergeben, untergeschobene Urkunden das Vorgeben unterstützen, und mit Hülfe dieser Waffen setzte Passau wirklich bei dem in geschichtlicher Kritik wenig erfahrenen Stuhle Petri seine Ansprüche durch, und wußte sich seit dem Ende des siebzehnten Jahrhunderts der rechtmäßigen Salzburger Metropolitangewalt zu entziehen. Viel größer aber, oder doch für uns bedeutender, ist das Unheil, welches diese Fälschungen in der Geschichtsforschung angerichtet haben; noch Rettbergs Werk trägt bedeutende Spuren davon, und es wird noch eine gute Weile dauern, bis es gelingt, diesen häßlichen Spuk gänzlich aus der Geschichte zu verbannen. Aufgedeckt aber ist die ganze Sache jetzt, und mit ebenso unermüdlichem Fleiße wie besonnenem Scharfsinn nachgewiesen in E. Dümmlers Werk über Piligrim von Passau und das Erzbisthum Lorch[11]. Nachdem dann die Fälschung wohl zugegeben, aber verschiedene Versuche gemacht waren, Piligrim von dem auf ihm lastenden Verdachte zu befreien, hat neuerdings Karl Uhlirz alle betreffenden Urkunden einer genauen Kritik unterzogen und ist zu dem Ergebniß gelangt, daß als Fälscher sich ein Beamter aus der Kanzlei Ottos II nachweisen läßt, welcher von Piligrim gewonnen sein muß.
[11] Leipzig 1854. Ueber die weitere Litteratur K. Uhlirz: Die Urkundenfälschung zu Passau im 10. Jahrh. Mitth. d. Wiener Inst. III, 177-228.
Severins Leben ist der letzte Sonnenblick vor einer Zeit der äußersten Finsterniß, wie der Abendstrahl durch die Grotte des Posilipp. Erst viel später, und von der andern Seite, von Gallien aus werden wir Deutschland wieder erreichen können. Von dort wurde ihm aufs neue die litterarische Cultur gebracht, vermittelt durch diejenigen Stämme des deutschen Volkes, welche auf römischem Boden sich niedergelassen hatten, und hier die Schüler ihrer Feinde geworden waren. Die Geschichtschreibung, welche sich im römischen Reiche während der letzten Jahrhunderte entwickelte, bildet die Grundlage der mittelalterlichen, welche mit ihr im unmittelbaren Zusammenhange steht, und es ist deshalb nothwendig, daß wir sie auch hier etwas ausführlicher ins Auge fassen, da sonst die Entwickelung der deutschen Historiographie nicht verständlich sein würde.
§ 3. Die Anfänge und Gattungen der christlichen Geschichtschreibung.
Baehr, Geschichte der römischen Litteratur. Supplementband. Die christlich-römische Litteratur. I. Abtheilung. Die christlichen Dichter und Geschichtschreiber. 1836. In der zweiten Ausgabe 1872 als vierter Band bezeichnet. Teuffel, Gesch. d. röm Litt. 5. Aufl. 1890. Adolf Ebert, Allg. Gesch. d. Litt. des M. A. im Abendlande. I. Gesch. d. christl. lat. Litt. von ihren Anfängen bis zum Zeitalter Karls d. Großen. 2. A. 1890.
Das Mittelalter ist durch keine bestimmte Grenzlinie vom Alterthum geschieden; lange Zeit laufen beide gewissermaßen parallel nebeneinander her. Das unterscheidende Element ist das Christenthum, welches das antike Wesen zersetzt, und theils vernichtet, theils umformt; dann das Eintreten ganz neuer Völker in die Geschichte, welche nach und nach den Schwerpunkt ihrer Entwickelung zu sich hinüberziehen. Die classisch-heidnische Litteratur gehört einem anderen Gebiete an, und liegt unserer Aufgabe fern; allmählich erstarb in ihr das Leben, und auch die Geschichtschreibung beschränkte sich immer mehr auf Auszüge aus den älteren Werken. Hieran konnte sich natürlich keine weitere Entwickelung anknüpfen. Den vorhandenen Stoff, wie ihn besonders Eutropius zubereitet hatte, faßte zuletzt noch einmal =Paulus Diaconus= in seiner römischen Geschichte zusammen, und machte ihn durch Verschmelzung mit der Kirchengeschichte für seine Zeit brauchbarer. So ging er in das Mittelalter hinüber, und bildete hier die Grundlage aller Kenntniß der römischen Welt. Aber ungeachtet der christlichen Zusätze und Fortsetzungen blieb doch dieses Werk nur eine todte Masse; die lebendige neue Entwickelung schloß sich an die christliche Geschichtschreibung, welche sich für die veränderte Auffassung und andere Bedürfnisse auch neue Formen erschuf.
Die römische Weltgeschichte konnte den Christen unmöglich genügen, die eigene Geschichte der römischen Republik sie nur wenig anziehen. Ihnen war das Wesentliche in der Weltgeschichte die Geschichte des Reiches Gottes, der Mittelpunkt lag ihnen in der jüdischen Geschichte, und davon meldeten die Werke der Römer nichts. Daher fand auch des Königs Desiderius Tochter Adelperga den Eutrop, welchen Paulus Diaconus ihr zu lesen gegeben, so ungenügend, und einige Zusätze konnten hier nichts helfen; es mußte eine ganz neue Weltgeschichte aufgestellt werden, die mit dem veränderten Standpunkte im Einklang war, die namentlich auch das hohe Alter der jüdischen Cultur, die spätere Entstehung der heidnischen Staaten nachwies. Um dieses möglich zu machen, kam es vor allem darauf an, das chronologische Verhältniß der heiligen und profanen Geschichte zu bestimmen, um dann eine Verschmelzung der beiderseitigen Nachrichten vornehmen zu können. Diese Aufgabe löste, nach dem Vorgange des Sextus Julius Africanus, welcher zuerst den Versuch machte, chronologisch das gesammte Alterthum mit der Bibel zu vereinigen[1], =Eusebius= (264-340); seine zwei Bücher _Allgemeiner Geschichte_ enthielten zuerst in darstellender Form die Chronographie, dann tabellarisch den synchronistischen Kanon bis 325. Auf diesem großen Werke beruhen alle späteren Weltchroniken, der Byzantiner sowohl wie des Abendlandes, während zugleich aus seiner Kirchengeschichte das Mittelalter alle seine Kenntniß von den Anfängen der christlichen Kirche schöpfte. Dieses letztere Werk hatte für die Lateiner =Rufinus= bearbeitet und fortgesetzt, die Chronik aber =Hieronymus=, welcher sie zugleich bis 378 fortsetzte[2].
[1] Dr. Conr. Trieber, Die Chronologie des Julius Africanus, 1879; vgl. Gött. Nachr. 1880, Nr. 1. H. Gelzer, S. Jul. Afr. u. die Byzant. Chronologie, Leipz. 1880.
[2] Opera S. Hier. ed. Vallars, Tom. VIII. Baehr S. 189-197. Vgl. Bernays, Scaliger S. 92, 217. Neue kritische Ausgabe von Alfred Schoene in: Eusebi chronicorum canonum quae supersunt. Vol. II. Berl. 1866. Nachträge in Vol. I. (1875) Eusebi chronicorum libri duo. Vgl. Mommsen, Die älteste Hs. der Chronik des Hieronymus, Hermes XXIV. Facs. ders. Palaeogr. Soc. II, 129. 130.
Diese Chronik des Hieronymus finden wir vollständig oder im Auszug an der Spitze aller umfassenden Chroniken des Mittelalters; sie war ihre Grundlage und ihr Vorbild, und dadurch war die knappe Form der annalistischen Aufzeichnung gegeben. Darstellende Werke aller Art hatten daneben freien Raum, aber um eine übersichtliche Anschauung von dem chronologischen Zusammenhange der Weltbegebenheiten zu erhalten, war diese Form unstreitig die angemessenste, wie man ja auch heut zu Tage der Tabellen zu diesem Zwecke nicht entbehren kann. Sehr dürftig und ungenügend freilich erscheint uns diese Form, wo sie fast allein und ausschließlich zur Ueberlieferung der geschichtlichen Ereignisse verwandt wird, oder doch anderes uns nicht erhalten ist, wie dies in den nächsten Jahrhunderten nach Hieronymus der Fall war. Diese ersten mageren Fortsetzungen seiner Chronik sind für uns ihres Inhalts wegen wichtig; der Geschichtschreiber der auf römischem Boden angesiedelten deutschen Stämme ist großentheils auf diese dürftigen Quellen angewiesen, für die Entwickelung der Historiographie in Deutschland aber haben sie nur insofern Bedeutung, als durch ihre Vermittelung die unmittelbare Anknüpfung der späteren Chronisten an den Hieronymus möglich wurde[3].
[3] Die neue Ausgabe dieser ältesten Annalisten für die MG. ist jetzt von Th. Mommsen, Auctt. antt. IX. zu erwarten.
Bemerkenswerth ist aber bei diesen Chronisten der allen gemeinsame römische Standpunkt, das ängstliche Festhalten am römischen Reich. Uns erscheint gegenwärtig der Gedanke, daß in den neuen Bildungen, den romanischen Staaten, der fruchtbare Keim einer neuen Zukunft enthalten war, als natürlich und naheliegend; damals aber fiel weit mehr die Zerstörung des alten Reiches ins Auge; man sah und beklagte überall nur den Verfall, und wer die Weltgeschichte zu betrachten versuchte, sah fortwährend nur in dem römischen Weltreich den Träger derselben. Boten doch die Jahre seiner Kaiser und seine Consulate die einzige vorhandene Zeitrechnung, denn weder die von Eusebius eingeführte Rechnung nach Jahren Abrahams noch auch die Jahre von Erbauung der Stadt Rom erscheinen im Westreich je im praktischen Gebrauch, und Justinians Siege stellten noch einmal die Fortdauer aller der neu entstandenen Reiche in Frage. Mochte aber auch das abendländische Römerreich in Trümmer fallen, das morgenländische keinen Schatten von Macht über den Westen besitzen, für die Chronisten ist und bleibt es das Weltreich, der Faden, der sie leitet. Die in das Reich eindringenden deutschen Stämme sind und bleiben Barbaren, wenn auch der Schreibende, welcher jedoch immer der Kirche angehört, selber ihr Landsmann ist. Diese Auffassung beschränkt sich nicht auf diese Zeit, sie bleibt herrschend durch das ganze Mittelalter, denn sie war bedingt durch die seit Hieronymus allgemein angenommene Erklärung von dem Traume des Nebukadnezar, bei dem Propheten Daniel, nach welchem das römische Reich, das eiserne, welches die früheren zermalmt, bleiben soll bis zum Eintritt des himmlischen Reiches[4]. Die Fortdauer desselben war daher außer aller Frage. Demgemäß behandeln auch die späteren Weltchroniken die deutsche Geschichte niemals als etwas neues, selbständiges, sondern nur als eine Fortführung des römischen Reiches: sie führen nach dem Untergange des westlichen Reiches die byzantinischen Kaiser fort bis auf Karl den Großen und bewahren so seine scheinbare Continuität, wenn sie auch dazwischen die Volksgeschichten episodisch in ihr großes Fachwerk einschalten, wie Ekkehard.
[4] Dan. c. 2. Vgl. Otto Fris. II, 13. Büdinger in der Hist. Zeitschrift VII, 113.
Neben der großen Chronik des Hieronymus gab es nun aber auch noch eine andere, sehr dürftige und compendiarische, welche nur einige Anhaltpunkte zur chronologischen Orientirung gewährte. Sie läßt sich zurückführen auf ein älteres griechisches Werk des Hippolyt von Porto, das bis 235 reichte, ein Werk, welches auch dem Liber Generationis des sogenannten Fredegar zu Grunde liegt. Ueberarbeitet und bis 334 fortgesetzt, bildet es einen Theil jenes merkwürdigen =römischen Staatskalenders=, den Th. =Mommsen= in seiner Abhandlung über den Chronographus von 354 ausführlich behandelt hat[5]. Er hat nachgewiesen, daß dieser Kalender mit den nöthigen Veränderungen von Zeit zu Zeit neu herausgegeben wurde; doch war er viel zu kostbar, als daß sich, wer ihn einmal besaß, immer ein neues Exemplar davon angeschafft hätte, und da die ganze Einrichtung des Werkes zur Eintragung geschichtlicher Ereignisse eine sehr passende Gelegenheit darbot, so ist seine Form nicht ohne Einfluß auf die Gestaltung der verschiedenen Gattungen geschichtlicher Aufzeichnungen geblieben. Sein Inhalt bestand nämlich aus folgenden Stücken, welche die noch erhaltene Abschrift eines Exemplars vom Jahre 354 uns kennen lehrt:
1. Der eigentliche =Kalender= mit Bildern, die noch völlig in heidnisch-antiker Weise gezeichnet sind. Der Kalender selbst ist nicht mehr heidnisch, aber doch auch noch nicht christlich. Die öffentlichen Spiele, die Senatstage u. a. sind darin verzeichnet und die Geburtstage der Cäsaren auch noch abgesondert auf einem verzierten Blatt vorangestellt[6].
2. =Consularfasten= bis zum Jahre 354.
3. =Ostertafeln= auf 100 Jahre von 312 an.
4. Ein Verzeichniß der =Stadtpräfecten= von 258 bis 354.
5. Die =Todestage= (Depositiones) =der römischen Bischöfe und der Märtyrer=[7].
6. Ein =Pabstkatalog= bis auf Liberius.
7. Die oben erwähnte =Weltchronik= bis 334, verbunden mit einer =Stadtchronik= von Rom und der =Regionenbeschreibung=[8].
[5] Abhandlungen der Kgl. Sächs. Ges. der Wissenschaften in Leipzig. I. 1850. S. 547-668. Neue Ausg. des Textes Auctt. antt. IX, 13-196. Ein mit jener Arbeit verwandter, von Pallmann zuerst herausgegebener, ganz kurzer Abriß der Weltgeschichte bis 452 Auctt. antt. IX, 149-153. Vgl. auch C. Frick im Rh. Mus. f. Philol. XLVI, 106 ff.
[6] Ausg. v. Mommsen, CIL. I, 332-360.
[7] Nach De Rossi, La Roma sotterranea I, 116 eigentlich ein Festkalender, _feriale_, und deshalb nicht vollständig.
[8] S. darüber und über die im 12. Jahrh. daraus erwachsenen _Mirabilia Romae_, H. Jordan, Topographie der Stadt Rom im Alterthum II, 1871. Dess. Forma urbis Romae regionum XIII. 1875.