Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, Erster Band (von 2)

Part 6

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Denn mit den römischen Legionen und Handelsleuten war auch in diese Gegenden schon frühzeitig das Christenthum eingedrungen, und als das alte Reich endlich den stets wiederholten Angriffen erlag, hatte die christliche Kirche bereits in allen Provinzen die unbestrittene Herrschaft errungen. Ueber diese frühesten Zeiten der Kirche in Deutschland, über ihre Glaubensboten und Blutzeugen, wußte das Mittelalter gar vieles zu erzählen; unmittelbar von den Aposteln und ihren ersten Schülern sollte die Predigt und die Stiftung der Bisthümer ausgegangen sein[6]. Es ist darüber eine so reiche Litteratur vorhanden, und diese Erzählungen nehmen in den Chroniken des Mittelalters eine so bedeutende Stelle ein, daß wir sie hier nicht ganz übergehen dürfen, wenngleich diese kirchliche Sage in noch weit höherem Grade als die weltliche, jedes festen Bodens entbehrt. Die Phantasie der Geistlichkeit, der Heldensage abgewandt, ergriff mit um so größerem Eifer die kirchliche, und aus den unscheinbarsten Anfängen erwuchsen da die wunderbarsten Gebilde: weit verzweigte, mit allen Einzelheiten ausgeführte Geschichten, welche sich immer üppiger entwickelten und auf die ganze Denkweise der Menschen den größten Einfluß gewannen. Den reichsten Baum der Dichtung trieb die Legende von der thebäischen Legion, von deren Führern Gereon in Cöln mit der heiligen Ursula und ihren 11,000 Jungfrauen zusammentrifft. Cöln wird nun vorzugsweise die heilige Stadt durch die Menge der Heiligenleiber, welche sie bewahrt, aber fast jeder Ort im Rheinthale hat seinen Antheil an dieser Geschichte und erhält dadurch eine geheimnißvolle Weihe. In anderen Gegenden sind mehr vereinzelte Legenden dieser Art, doch fehlen sie auf dem einst römischen Boden nirgends.

[6] Die Kritik der gleichen Nachrichten in Frankreich und Nachweis des allmählichen Auswachsens der Legenden, in: Origines de l'Église de Tours, par M. l'abbé C. Chevalier (T. XXI des Mémoires de la Société archéologique de Touraine) Tours 1871. Vgl. die Anzeige von Monod, Revue crit. 1872. Tome II, p. 84-88. Ferner die Kritik von Aubé über das Buch von Dom Chamard: Les églises du monde Romain. Revue hist. VII, 152-164, u. jetzt vorzüglich: Mémoire sur l'origine des diocèses épiscopaux dans l'ancienne Gaule, par M. l'abbé Duchesne, Paris 1890. (Mém. de la Soc. nat. des Antiquaires de France, Tome L).

Der leider zu früh verstorbene =F. W. Rettberg= hat das große Verdienst, zum ersten Male alle diese Erzählungen einer zusammenhängenden, systematischen, strengen Kritik unterzogen zu haben[7]. Den einzig richtigen Weg einschlagend, hat er das ganze ungeheuere Material kritisch untersucht, der Herkunft und Entstehung jeder einzelnen Nachricht nachgeforscht. Wohl hatte man schon früher einzelnes als unhaltbar aufgegeben, aber immer suchte man doch wieder historisches Material aus dem Wuste der Fabeln zu gewinnen; man konnte sich nicht entschließen auf dasjenige, dessen späte betrügliche Entstehung einmal nachgewiesen war, nun auch gänzlich zu verzichten, und auch jetzt noch ist für viele dieser Entschluß zu schwer: man will doch nicht alle scheinbare Ausbeute aufgeben für Zeiten und Gegenstände, von denen man sonst gar nichts weiß. So ist es nur zu gewöhnlich, daß man das gänzlich unhaltbare fortwirft, aber dasjenige, was nicht in sich unmöglich ist, behält -- ein durchaus unhistorisches Verfahren[8].

[7] Kirchengeschichte Deutschlands, 2 Bde. 8. 1848, bis zum Tode Karls des Großen. Vgl. jetzt auch Hauck, Kirchengesch. Deutschlands bis Bonifaz. Leipz. 1887.

[8] Vgl. die Worte von Waitz in den Gött. G. A. 1855, S. 274: Es ist hier geschehen, was manchmal geschieht und die Leute beruhigt: man hat zeitig die besonders groben und anstößigen Behauptungen entfernt, und dann gemeint, daß das, was allenfalls wahr sein könnte, nun auch Anspruch habe, wirklich dafür zu gelten, während die wahre Kritik anerkennt, daß ein solches Abhandeln bei Sage und Erdichtung meist gerade am allerwenigsten zur historischen Gewißheit führt.

Wenn es z. B. feststeht, daß man von S. Dysibod im zwölften Jahrhundert noch nichts als den Namen wußte, daß dann die Nonne Hildegard nach angeblichen Visionen seine Geschichte schrieb, die von chronologischen Widersprüchen strotzt, so sollte man doch denken, daß niemand dieses Märchen ferner als Geschichtsquelle benutzen werde. Und dennoch machte Remling in seiner Geschichte der Bischöfe von Speier davon Gebrauch, obgleich ihm Rettbergs Werk nicht unbekannt war. Jedem besonnenen und gewissenhaften Forscher aber gewährt die „Kirchengeschichte Deutschlands“ eine feste Grundlage für die Beurtheilung dieser Zeiten. Das Verfahren Rettbergs besteht darin, daß er die Entstehung der Legenden genau untersucht und nachweist, wie sie allmählich gewachsen sind, wie anfangs nur die Namen der Heiligen vorkommen, von denen einige wenige auf wirklich alter localer Verehrung beruhen; wie dann zuerst einzelne Umstände, dann allmählich mehr hinzugesetzt wird, bis die ganze Geschichte fertig ist. Die Legenden selbst sind großentheils ohne Zeitangaben über ihre Abfassung; einen ganz bestimmten Anhalt aber gewähren die Martyrologien[9], deren Verfasser bekannt sind, und die uns daher das allmähliche Anwachsen der Legenden auf das deutlichste und bestimmteste erkennen lassen. Daß aber solche spätere Zusätze nicht etwa auf wirklicher, durch mündliche Ueberlieferung bewahrter Kenntniß beruhen, das zeigt uns, außer den inneren Widersprüchen, besonders die Vergleichung mit den späteren echten Legenden, mit den Lebensbeschreibungen der Heiligen aus geschichtlich bekannter Zeit, welche in den Legendarien ebenfalls fortwährend sich verändern und mit allerlei fabelhaften Zuthaten vermehrt werden.

[9] S. über diese § 3.

Man hat freilich Rettbergs Verfahren als zu negativ angegriffen und es wird zuzugeben sein, daß er in einzelnen Fällen zu weit gegangen ist. Auch ist hin und wieder etwas aufgefunden, wodurch auf einzelne Fragen neues Licht fällt. Es war deshalb ganz gerechtfertigt und angemessen, daß Prof. J. =Friedrich= den Versuch machte, jenem Werke eine „Kirchengeschichte Deutschlands“ (I. Die Römerzeit 1867, II. Die Merovinger 1869) von mehr conservativer Richtung entgegen zu setzen. Allein es fehlt darin leider an jener strengen wissenschaftlichen Methode, durch welche Rettberg sich so sehr auszeichnet, und in Folge der übermäßigen Weitschweifigkeit ist von der Zeit der Merovinger nur der Anfang berührt. Eine weitere Fortsetzung ist nicht erschienen.

Das Ergebniß von Rettbergs Kritik aller jener Legenden über die Zeit der ersten Einführung des Christenthums in das römische Deutschland ist, daß sie alle späteren Ursprungs sind, daß für die wirkliche Geschichte jener Zeit nichts daraus zu lernen ist. Auch was Friedrich nachträglich zu retten versucht, ist nur sehr wenig, und es trägt für diesen Gegenstand wenig aus, ob in der Geschichte von dem Märtyrertode der Thebäer in Agaunum ein historischer Kern sich nachweisen läßt[10], ob das Martyrium einiger christlicher Jungfrauen zu Cöln glaubhaft bezeugt ist[11]. Etwas erheblicher ist die wohl nicht unbegründete Vertheidigung der Legende von dem Martyrium der h. =Afra= zu Augsburg[12]. Rettberg fällt ein günstigeres Urtheil nur über die Leidensgeschichte des heiligen =Florian=[13]. Dieser, ein entlassener Veteran, soll in Folge der Verfolgungsedicte von Diocletian und Maximian (304) auf Befehl des Aquilinus, Präses von Ufernoricum, zu Lorch in die Ens gestürzt sein. Ungeachtet eines schweren Steins, der an seinen Hals gebunden ist, trägt ihn der Fluß auf einen hervorragenden Fels, von wo eine fromme christliche Frau ihn in Folge einer Vision zur Bestattung abholt. Diese Erzählung aber ist eine so deutliche Nachahmung dessen, was Hieronymus in seiner Chronik vom Bischof Quirin von Sissek erzählt, daß sich die absichtliche Erdichtung darin kaum verkennen läßt. Denn es ist eben eine Eigenthümlichkeit dieser späteren Legendenfabrikation, daß sich in benachbarten Gegenden immer dieselben Todesarten und Wunder wiederholen; die Phantasie des Mittelalters erscheint darin arm und dürftig. Auch finden sich diese Angaben über Sanct Florians Ende erst in Martyrologien des neunten Jahrhunderts, die Handschriften der Legende reichen nicht höher hinauf[14], und nichts weist darauf hin, daß sie etwa, wie das Leben Severins, in Italien aufbewahrt, und von dort zurückgebracht wäre.

[10] S. darüber Franz Stolle, Das Martyrium der thebaischen Legion, Breslau 1891; vgl. NA. XVII, 223.

[11] Ist der Einfall O. Schade's (Die Sage von der heiligen Ursula, 1854), für die Ursulalegende eine mythologische Begründung nachzuweisen, ohne Zweifel verfehlt, so ist dagegen der Versuch Joh. Hubert Kessels (S. Ursula und ihre Gesellschaft, Cöln 1863), durch rationalistische Deutung, mit Verwerfung der abgeschmackten Visionen, die ältere Legende zu retten, nicht minder abzuweisen. Sein Verfahren widerspricht jeder gesunden historischen Kritik, er benutzt allerlei späte Legenden in unzulässiger Weise als Quelle für die Hunnenzeit; seine Hauptstütze aber ist die Predigt _In natali_, welche er ins achte Jahrhundert setzt. Diese ist v. Klinkenberg aus einer Hs. saec. XII. herausg. u. in Karol. Zeit gesetzt (Kl. u. Düntzer in d. Jahrbb. d. V. v. Alt. im Rheinland, Heft 88. 89). Friedrich giebt die Legende auf. Vgl. auch Annalen des Niederrheins 1874, Heft 26 u. 27, S. 116 bis 176, G. Stein: Ursula, S. 177 bis 196, Floß: Die Clematianische Inschrift. Facs. ders. bei F. X. Kraus: Die christl. Inss. d. Rheinlande (1890) S. 143. In den Anal. Bolland. III, 1-20, ist die Legende _Fuit tempore pervetusto_ herausgegeben mit einer früher unbekannten Widmung an Erzb. Gero, wie es scheint die älteste Form, die hiernach durch einen Grafen Hoolf vom Erzb. Dunstan v. Canterbury stammte. An die Thatsache des Martyriums einiger Christinnen und deren Cult hat phantastische Sage sich angeschlossen, welche schon Wandalbert von Prüm bekannt war, in jener alten Legende noch in einfacherer Form erscheint, später auch absichtlich erweitert ist.

[12] _Passio S. Afrae_, wieder abgedruckt von Friedrich I, 427-430.

[13] I, 157. _Passio S. Floriani_, aus einer St. Emmerammer Handschrift saec. X, bei Pez SS. I, 36. Vgl. dazu Glück, die Bisthümer Noricums, besonders das Lorchische, zur Zeit der römischen Herrschaft, Wiener SB. XVII, 60. Ueber den Grabstein der Valeria, die ihn begrub, Kenner im Archiv d. W. A. XXXVIII, 174. In das CIL. ist er nicht aufgenommen, Th. Mommsen glaubt nicht, ihn als römischer Zeit entstammend anerkennen zu können.

[14] Eine Handschrift in Lambach (nicht Linz) wird ins 9. Jahrh. gesetzt, aber der Wiener Cod. 650, in welchem sich die zweite Bearbeitung findet, ist nicht, wie Tabb. I, 112 gesagt ist, saec. IX, sondern saec. XII. Der St. Florianer Chorherr E. Mühlbacher, welchem ich diese Nachricht verdanke, ist geneigt, jene erste Bearbeitung schon dem 7. Jahrh. zuzuschreiben, das bereits Schenkungen zum Grabe des Märtyrers aufweist, und bezieht sich auf einen Aufsatz in der Linzer theol. prakt. Quartalschrift 1868 S. 437 ff.

Um so wahrscheinlicher ist es, daß wirklich eine ununterbrochene örtliche Ueberlieferung das Andenken dieses Märtyrers bewahrt habe. Denn wo sich jetzt mächtig und gebietend das schöne Chorherrnstift St. Florian erhebt, da galt schon vor mehr als tausend Jahren der Boden für heilig, weil hier „der kostbare Märtyrer Sanct Florianus“ ruhe, lange bevor die Verfasser der Martyrologien den Ort seines Leidens kannten. Also selbst im Flachlande, vielleicht in den Resten der einst bischöflichen Stadt Lorch, haben Christen durch alle Stürme der Völkerwanderung das Andenken Sanct Florians bewahrt, und vielleicht die Kunde von seinem Stande und der Zeit seines Todes, während weiter oben im Gebirge von =Maximilian= nur der Name und der Ort seines Begräbnisses im Gedächtniß blieb, =Severin= aber gänzlich vergessen zu sein scheint, bis aus Italien Handschriften seiner Lebensbeschreibung nach Deutschland kamen und sein Andenken erneuten. Denn am festesten haftete immer die Erinnerung am Grabe der Heiligen.

Diesem Umstande verdanken wir auch die Erhaltung einer anderen Legende, der =Leidensgeschichte der heiligen Vier Gekrönten=, welche Rettberg unbekannt geblieben ist[15]. Sie berichtet uns von vier christlichen Arbeitern in den Steinbrüchen Pannoniens, welche noch einen ihrer Genossen bekehren; ihn tauft der in Ketten dorthin verbannte Bischof Cyrill von Antiochien. Das ist ein merkwürdiger Fingerzeig für die Ausbreitung des Christenthums. Rettberg, der nicht nur das spätere Fabelwerk mit schonungsloser Kritik zerstört, sondern auch den wirklichen Verlauf der Bekehrung dieser Lande mit größter Sorgfalt aus den einzelnen Anhaltpunkten nachgewiesen hat, ist zu dem Resultat gekommen, daß für dieselbe nicht sowohl eigentliche Missionare thätig waren, als vielmehr die christlichen Soldaten[16], Handelsleute und Arbeiter, welche hierher kamen, während die späteren Legenden durchgehends die Gründung der Kirchen durch die Apostel und ihre ersten Schüler behaupten. Die Verbannung gefangener Christen in die Steinbrüche Pannoniens, und wohl auch anderer Lande, wird das ihrige dazu beigetragen haben. Es erklärt sich aber aus dieser unmerklichen und unscheinbaren Verbreitung auch zur Genüge, warum keine Schriftsteller das Andenken derselben aufbewahrt haben. Jene Arbeiter nun fielen dem Neide ihrer Gesellen durch Diocletians Spruch zum Opfer, so gerne dieser auch anfangs seine geschicktesten Arbeiter sich erhalten wollte (307?). Die Reliquien der fünf Arbeiter finden sich später zu Rom in der Kirche der heiligen Vier Gekrönten[17], mit denen sie nur hierdurch in zufällige Verbindung gebracht sind, und dies hat auch eine Verschmelzung ihrer Legenden zur Folge gehabt. Vielleicht erst hierdurch sind auch chronologische Widersprüche hineingekommen, aber alt ist die Legende sicher; sie muß geschrieben sein, bevor Pannonien von den Barbaren überschwemmt war, und das Treiben in den Steinbrüchen ist mit solcher Anschaulichkeit und auch mit so durchgängiger Beibehaltung der technischen Ausdrücke geschildert, daß der Verfasser selbst noch persönliche Kunde davon gehabt zu haben scheint. Als solchen nennt die alte Pariser Handschrift den Schatzungsbeamten =Porphyrius=, welchen De Rossi auch aus anderen Erwähnungen nachgewiesen hat[18]. Aber nur die ursprüngliche pannonische Legende können wir ihm zuschreiben.

[15] _Passio Sanctorum Quatuor Coronatorum_, herausgegeben von Wattenbach, mit einem Nachwort von Karajan, in den Wiener SB. X, 115-137. Sie findet sich auch schon in dem Sanctuarium des Mombritius I, fol. 160. Neue Ausgabe in Büdingers Untersuchungen zur Röm. Kaisergesch. III, 321-338. Vgl. dazu S. 1-11 Untersuchung von O. Hunziker, S. 339 bis 356 Archäologische Bemerkungen von O. Benndorf, S. 357-379 Chronolog. Bem. von M. Büdinger. Vgl. den Bericht von A. Ilg in d. Mittheilungen der Centralcommission XVII p. XLVII-LI. A. Duncker im Rhein. Mus. f. Philol. XXXI, 440-445. Edm. Meyer, Forsch. XVIII (1878) 577 bis 603. Giov. Batt. de Rossi: I santi Quattro Coronati e la loro chiesa sul Celio, im Bull. di Archeol. crist. 1879, mit Benutzung der ältesten Hs. in Paris, vgl. NA. V, 227. Petschenig, SB. d. Wiener Akad. XCVII, 761 bis 779, vgl. NA. VII, 226. C. Erbes in d. Zeitschr. f. Kirchengesch. V, 466-487. Ed. Meyer im Progr. d. Kgl. Louisengymn. in Berlin 1886, vgl. NA. XII, 426. 602. -- J. Jung a. a. O. hat die Legende benutzt, und verweist auch S. 132. 159 auf die Geschichte der =Nonsberger Märtyrer= Sisinnius, Martyrius und Alexander († 397) Acta SS. Mai. VII, 38-44. Gar wenig Inhalt hat die chronologisch ganz unbestimmte =Vita S. Florini=, aus dem Vintschgau, Anal. Boll. III, App. p. 122-127.

[16] Vgl. die Verschleppung des Dolichenoscult durch römische Soldaten; G. Seidl in den Wiener Sitzungsberichten XII, 4-90. XIII, 233-260.

[17] O. Hirschfeld (Archäolog. u. epigr. Mitth. aus Oesterr. IX, 21) erinnert anläßlich einer Inschrift, worin von capitella columnarum die Rede ist, welche bei Sirmium für die Thermae Licinianae verfertigt worden, an unsere Passio, u. weist dabei den Gebrauch des Ausdrucks _coronati_ für höhere Beamte nächst dem Cornicularius nach.

[18] _Censualis a gleba actuarius nomine Porfyreus hanc gestam scripsit._

Während nun also diese Legende noch die ungestörte Römerherrschaft in diesen Gegenden voraussetzt, führt uns eine andere so recht mitten hinein in die Stürme der Völkerwanderung, und wir können es uns daher nicht versagen, bei dieser etwas länger zu verweilen.

§ 2. Das Leben des heiligen Severin.

Ausgabe von Welser in Augsburg 1595, 4. (Opera p. 635) aus einer HS. des zehnten Jahrh. in St. Emmeram, der ältesten in Deutschland. Den hier fehlenden Brief Eugipps an Paschasius gab Canisius, Antiquae Lect. VI, 53, I, 411. Danach vollständig in der zweiten Ausgabe des Surius und Acta SS. Jan. I, 484 mit Commentar von Bolland. Nach den minder guten, wie es scheint überarbeiteten, östr. Handschriften in H. Pez SS. I, 64, und daraus bei Muchar, Das römische Noricum, II, 152-239, mit Commentar. Ausgabe von Ant. Kerschbaumer, Scaphus. 1862 nach dem angeblich ältesten und besten Lateran. Codex, unkritisch und wegen vieler Druckfehler unzuverlässig; Rec. von Sauppe, Gött. Gel. Anz. 1862 S. 1544-1552. Nach Münchener Handschriften bei Friedrich, I, 431-489. Ausg. von Sauppe, MG. Auctt. antt. I, 2. 1877; vgl. NA. IV, 407, Waitz, GGA. 1879, S. 581. Gegen Sauppe's krit. Grundlage u. für d. Cod. Taurin. P. Knöll, Wiener SB. XCV, 445-498. Ausg. von Knöll im Wiener Corpus SS. eccl. VIII, 2. Uebers. v. C. Ritter, Linz 1853, v. K. Rodenberg, Berlin 1878 (Urzeit Bd. 4), v. S. Brunner, Wien 1879. -- Eugippii opera, Migne 62. -- Rinaudo p. 14-19. Vgl. Rettberg I, 226. Büdinger, Oesterr. Gesch. I, 47 ff. Pallmann II, 393-401. J. Jung, Römer und Romanen S. 132 und an vielen Orten. Hauck I, 328-332.

Die Lebensbeschreibung des heiligen Severin, von seinem Schüler Eugippius verfaßt, ist für uns von ganz unschätzbarem Werthe, indem sie einen hellen Lichtstrahl wirft in Zeiten und Zustände, von denen wir sonst gar nichts wissen würden, wie denn auch vorher und nachher tiefe Finsterniß diese Donauländer bedeckt. Keine andere Quelle giebt uns in so reichhaltiger Weise ein Bild des christlich gewordenen und bereits mit vollständiger kirchlicher Einrichtung versehenen Römerlandes im Süden der Donau; unmittelbar vor der Vernichtung zeigt ein günstiges Geschick uns das Bild dieser Gegenden und ihrer Bevölkerung in scharfen und lebensvollen Umrissen.

Attila war gestorben, und die frei gewordenen Völker wenden nun ihre Waffen gegen einander und gegen die kläglichen Ueberbleibsel des römischen Reiches. Alamannen und Thüringer hatten den Grenzwall durchbrochen und drangen in Rätien immer weiter gegen Süden und Osten vor. In Noricum hielt sich noch die römische Bevölkerung, aber in welchem Zustand! Von allen Seiten wurde sie schwer bedrängt durch die vorrückenden Barbaren -- denn so nannten damals und noch lange nachher nicht nur die Römer, sondern auch die Deutschen selbst alle Nichtrömer. Jenseits der Donau schalteten die Rugier, durch häufige Streifzüge das Land bedrängend und bald auch diesseits festen Fuß fassend. Sie sowohl wie die Gothen in Pannonien waren Arianer, den katholischen Romanen fast noch verhaßter als die Heiden. In Commagena, einer bald darauf völlig verschwundenen Römerstadt unweit Tuln, hatten bereits Barbaren sich festgesetzt; unfähig sie zu vertreiben, schlossen die Römer ein Bündniß mit ihnen, und die Einwohner lebten nun wie Gefangene in ihrer eigenen Stadt. Da tritt plötzlich, ungehindert durch die Wachen, Severinus unter sie: eben war, wie er vorher verkündigt hatte, die benachbarte Stadt Astura gänzlich zerstört worden, und gläubig horchte man nun auf seine Worte, da er Rettung verhieß, fastete und betete, bis plötzlich in der Nacht ein Erdbeben die Barbaren in Schrecken setzt; voll Angst eilen sie aus den Thoren und morden sich gegenseitig in der Finsterniß und Verwirrung. So war die Stadt von ihren Drängern befreit, allein was war damit gewonnen!

Nur von den Städten aus wurde noch das Feld gebaut, und nur zu häufig fielen Ernte und Schnitter in die Hände der Barbaren; Hunger verwüstete das reiche und fruchtbare Land, wenn die Zufuhr auf dem Inn ausblieb. Die Grenzsoldaten erhielten aus Italien keinen Sold mehr, und in Folge davon lösten ihre Schaaren sich auf; nur die batavische Cohorte in Passau hielt noch zusammen, und einige von ihnen machen sich auf, um den Sold über die Alpen zu holen, werden aber unterwegs erschlagen. Vor der Donaustadt Faviana, zwischen Passau und Wien, erscheinen plötzlich Räuber und führen alles hinweg, was sie außerhalb der Mauern finden, Menschen und Vieh. Der Tribun Mamertinus hat so wenig Mannschaft, daß er keinen Ausfall wagen will, bis Severin ihm den göttlichen Beistand verheißt; da zieht er muthig hinaus und gewinnt den Sieg.

Eine der wunderbarsten Erscheinungen ist dieser Severin. Nie hat er sagen wollen, wer er sei, woher er stamme; nur daß er aus dem fernen Osten komme, nahm man aus seinen Reden ab, doch erkannte man an der Sprache den geborenen Lateiner. Von vornehmer Abkunft, so schien es, hatte er sich in die Einsamkeit zu den heiligen Vätern, vermuthlich in die thebaische Wüste, zurückgezogen; dann aber trieb ihn, wie er selber andeutete, eine göttliche Stimme, den bedrängten Bewohnern des Ufernoricum Trost und Hülfe zu bringen. Seine Enthaltsamkeit erschien übermenschlich; bei der heftigsten Kälte ging er barfuß, und an die strengsten Fasten gewöhnt, schien er Hunger und Entbehrung nur in der Seele der Nothleidenden zu empfinden. So durchzog er das ganze Land, ermahnend, Buße predigend, tröstend, vor allem aber Hülfe bringend, so viel er vermochte. Förmliche Zehnten forderte er ein, um Gefangene loszukaufen, Arme zu unterstützen. Sein Ansehen war bald groß im Lande; unbedingte Herrschaft über die Natur maß man ihm bei, und Gottes Zorn traf jeden, der auf sein Wort nicht achtete.

Den merkwürdigsten Gegensatz bildet dieses Land, welches in seiner Bedrängniß sich willig der Leitung eines frommen gottbegeisterten Mönches hingiebt, zu den sittenlosen Grenzstädten Galliens, über deren Verderbtheit und Leichtsinn Salvian vergeblich eiferte, zu Trier, wo „selbst noch bei dem Sturme der fränkischen Sieger auf die Stadt Jung und Alt der zügellosesten Schlemmerei und Ausschweifung sich ergiebt, mit wahrer Raserei alles dem unausweichbaren Untergang trunken und prassend entgegenstürzt“[1].

[1] Rettberg I, 25. Vgl. W. Zschimmer, Salvian und seine Schriften, Halle 1875. Ebert I, 452-454. Opera ed. C. Halm, MG. Auctt. antt. I, 1. 1877; ed. Fr. Pauly im Wiener Corpus VIII. 1883. Uebers. v. Pet. Caffer, Aachen 1858. -- G. Monod meint freilich (Revue crit. 1879, N. 24) daß wir, wenn aus den Donauländern Bußpredigten erhalten wären, darin ähnliche Anklagen finden würden. Aber Eugippius würde doch auch dergleichen nicht unterlassen haben, wenn er Anlaß dazu gefunden hätte.