Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, Erster Band (von 2)

Part 48

Chapter 483,396 wordsPublic domain

Ein eifriger Verehrer des Grafen Arnulf von Flandern war der Priester =Witger=, welcher zwischen 951 und 959 Arnulfs Herkunft mit der Genealogie der Karolinger verband, und seine Verdienste um Kirchen, namentlich die zu Compiègne, pries[41].

[41] _Witgeri Genealogia Arnulfi comitis_ ed. Bethmann, MG. SS. IX, 302 bis 304.

Ein Schüler Notkers von Lüttich war =Adalbold=, der nach dem vortrefflichen Ansfrid 1010 Bischof von Utrecht wurde, wo er am 27. Nov. 1026 gestorben ist[42]. Seine große Gelehrsamkeit bezeugen theils mathematische Schriften, theils ein Commentar zu derselben Stelle des Boethius, welche einst Bovo von Corvey erläutert hatte[43]. Mit Heriger, Gerbert, Berno war er befreundet und in wissenschaftlichem Verkehr[44]; er nennt sich _scholasticus_, vielleicht (nach Moll) bei St. Ursmar in Lobach. Ein Mitschüler von ihm, =Egebert=, damals Priester und Schulmeister in Lüttich nach E. Voigt, widmete ihm ein Buch, das er _liber prorae et puppis_ oder _Foecunda ratis_ nennt, Sprichwörter, Geschichten und anderes in recht schlechten Hexametern enthaltend, voll gesuchter und ungeschickter Gelehrsamkeit; es fehlt darin nicht die übliche und immer wiederkehrende Klage über Verfall und Mißachtung der Gelehrsamkeit. Die Franzosen, deren strengere mönchische Askese auch Adalbold begünstigte, kann er nicht leiden, und seine Schüler machen ihm manchen Kummer[45].

[42] S. über ihn Moll, Kerkgeschiedenis van Nederland, II, 50-59; Hirsch, Heinr. II, II, 296-301; Bresslau. Konrad II, I, 204 für 1026 (nicht 1025). Vorher war er Cluniac. Mönch geworden. Monographie von Van der Aa, Groningen 1862.

[43] Oben S. 255. Adalbolds Werk hat Moll entdeckt und mit Einleitung herausgegeben im Kerkhist. Archief v. Kist u. Moll III, 161-213. Sep.-Abdr. 1862.

[44] Die Briefe führt Moll an. Eine „Epistola Adalboldi Ultraj. ep. ad Erchanboldum archiep. Mog.“ im Cod. lat. Mon. 2598 f. 80^b ist nur eine Salutatio.

[45] Den Namen nennt Sigebert de SS. eccl. c. 146. -- Egberts von Lüttich Fecunda ratis ed. E. Voigt, Halle 1889. Ueber die Bedeutung desselben E. Voigt: Das erste Lesebuch des Triviums, Mitth. d. Ges. f. deutsche Erzieh. u. Schulgeschichte I (1891), S. 42-53. -- Klagen über widerstrebende Schüler auch im cod. Col. 188, Catal. p. 79, wo _ludrica_ statt _ludicra_ verdruckt ist.

Einen sonst nicht bekannten =Odbert= hatte Adalbold als Knaben mit nach Utrecht genommen; dieser sah in der alten Salvatorkirche das Grab des 838 erschlagenen =Bischofs Friedrich=; er hörte, daß durch die Dänen mit vielen anderen Büchern auch dessen Lebensbeschreibung verbrannt sei, und beeilte sich, wie er behauptet als zehnjähriger Knabe, aufzuzeichnen, was man von diesem Märtyrer wußte. Man erzählte ihm, wie er angiebt, daß Friedrich, von dem wir sonst nur wissen, daß er mit Hraban in freundschaftlichem und gelehrtem Verkehr stand[46], sich der Ehe Ludwigs des Frommen mit Judith wegen zu naher Verwandtschaft widersetzt habe, und daß ihn deshalb Judith habe ermorden lassen: wohl ohne Zweifel eine spätere Erfindung. In lügenhaftester Weise hat der Vf. die bei Thegan und Regino gefundenen Nachrichten diesem Standpunkt entsprechend ausgeschmückt und verdreht. Die noch erhaltenen _Acta Friderici_[47] scheinen etwas überarbeitet zu sein, aber eine wesentlich übereinstimmende Erzählung kannte schon Wilhelm von Malmesbury. Von einem Priester =Odulf=, der auf Friedrichs Befehl den Friesen predigte, giebt es eine lange nach seinem Tode verfaßte Lebensbeschreibung mit wenig Inhalt[48]; diese hat jener Otbert benutzt.

[46] Dümmler, Poet. Lat. II, 181.

[47] Mit Einleitung von Gu. Cuper Acta SS. Jul. IV, 452-471: p. 457 der metrische Prolog von Oetbert. Ausg. von Holder-Egger als _Passio Frid._ MG. SS. XV, 342-356.

[48] _Vita Odulfi presb. Traj._ Acta SS. Jun. II, 592-595. Auszug MG. SS. XV, 356-358, vgl. 574^b.

Zu =Tiel= an der Waal verwandelte Adalbold ein verfallenes Kloster an der Kirche der h. Walburga in ein Chorherrenstift, und der Custos dieses Stifts widmete ihm eine Schilderung der dort vorgekommenen Wunder, welche geschichtliche Beachtung verdienen. Adalbold preist er als Erbauer der neuen Martinskirche, und als thätig auch _in castris imperialibus_. Eine Abschrift, der ein neues Wunder beigefügt ist, schickt er an den oben S. 375 erwähnten Wormser Diaconen Immo[49].

[49] _Miracula S. Waldburgae Tielensia_ ed. Holder-Egger SS. XV, 2, 764-766, vollst. von G. Henschen, Acta SS. Feb. III, 546-548. Von einem tobsüchtigen Engländer heißt es: „in corium bovis, quod lingua Britanniorum hudifac (hudisac?) vocatur illigaverunt“.

Alpert erwähnt, daß Bischof Adalbold über die Thaten Heinrichs II bis zur Einnahme von Metz (1012) ein so vortreffliches Werk verfaßt habe, daß er, Alpert, deshalb von diesen Dingen nicht reden wolle[50]. Dieses Werk ist leider verloren; erhalten hat sich der Anfang eines =Lebens Kaiser Heinrichs= II, welches nur bis 1004 reicht, und Adalbold zugeschrieben wird[51]. Es ist gänzlich auf Thietmars Chronik begründet und nur mit rhetorischem Schmuck überladen, ein Verfahren, welches von der Utrechter Schule und Adalbolds gelehrter Bildung nicht befremden darf, während dessen eigene Erfahrung erst im weiteren Verlaufe einwirken konnte. Doch fehlen auch hier schon nicht einige Zusätze, besonders über italische Verhältnisse. Ich sehe deshalb keinen genügenden Grund, das Werk mit Moll Adalbold abzusprechen, noch auch anzunehmen, daß es niemals weiter gereicht habe, als wir es besitzen, wenn auch der sächsische Annalist, bei dem allein eine Spur desselben sich findet, nach mehr als einem Jahrhundert auch schon nicht mehr als dieses Fragment gehabt haben mag. Daß auch bedeutende Werke geringe Verbreitung fanden und frühzeitig verloren wurden, ist leider keine vereinzelte Erscheinung.

[50] De div. temporum I, 5: „quia domnus Adelboldus Traiectensis episcopus haec omnia pleniter in uno volumine luculento sermone comprehendit“. Giesebrecht II, 560 und Hirsch, Heinrich II, I, 297 nehmen es als Praesens, mir scheint es jedoch kaum möglich anzunehmen, daß nicht Alpert von einem ihm schon vorliegenden Buche rede.

[51] _Vita Heinrici II auct. Adalboldo_ ed. G. Waitz, MG. SS. IV, 679-695. Hs. in Halle, NA. VIII, 382.

Später übernahm man in dem von Heinrich gestifteten Bisthum Bamberg die Bewahrung seines Andenkens, und machte hier aus dem tüchtigen und umsichtigen Kaiser, dem wackern Kriegsmanne, der nur selten aus den Waffen kam, einen gewöhnlichen Legendenheiligen; es bildete sich hier ein völlig entstelltes Bild aus, welches auf die richtige Erkenntniß und Darstellung der Geschichte einen sehr nachtheiligen Einfluß geübt hat[52]. Denn was die geistlichen Schriftsteller des Mittelalters gelobt hatten, tadelten die neueren Historiker; die thatsächliche Grundlage aber wurde nirgends genügend untersucht, bis in neuester Zeit W. v. Giesebrecht mit umfassender und eindringlicher Benutzung der echten gleichzeitigen Quellen eine besser begründete Schilderung jenes Kaisers in die Geschichte einführte.

[52] S. darüber unten V § 14. -- Eine von Giesebrecht entdeckte, von Jaffé herausgegebene Nachricht über _Dedicatio ecclesiae S. Petri Babenbergensis_ (1012) MG. SS. XVII, 635. Bibl. V, 479.

Notkers Nachfolger in =Lüttich=, =Balderich= II (1008-1018), früher Vitzthum der Regensburger Kirche, wird als ein trefflicher Mann gerühmt; er stiftete das Kloster St. Jacob und fand hier auch einen Biographen, der jedoch erst um die Mitte des Jahrhunderts schrieb und den Bischof nicht mehr persönlich gekannt hatte[53].

[53] _Vita Balderici ep. Leod._ ed. Pertz, MG. SS. IV, 724-738.

Ein ausgezeichneter Zögling der Schule zu =Lobbes= wurde von Otto III im Jahre 1000 (-1025) zum Bischof von =Worms= berufen, =Burchard=, der als der gelehrteste Canonist seiner Zeit bekannt und berühmt ist, und der sein gänzlich verfallenes Bisthum zu neuer Blüthe erhob. Freilich wird von dem gelehrten Pabste Gregor V (996-999) gerühmt, daß er in Worms gebildet sei[54], doch fand Burchard nach seines Biographen Schilderung die Stadt noch in Ruinen nach der Verwüstung durch die Ungern, und die Fehden des Adels hinderten jeden Fortschritt zu besseren Zuständen. Durch die Schilderung dieser Verhältnisse und der Art, wie es Burchard gelang den Uebelständen abzuhelfen, ist dessen Biographie sehr lehrreich, so wie andererseits Burchards einflußreiche und angesehene Stellung bei Otto III und Heinrich II ihr auch für die Reichsgeschichte Bedeutung verleiht[55]. Sie ist von einem Zeitgenossen verfaßt und gehört zu den besseren Werken dieser Art; doch hat Manitius nachgewiesen, daß in übermäßiger Weise darin Alpert ausgebeutet, und sogar dessen Lobpreisung Ansfrids auf Burchard angewandt ist, so daß nicht viel Eigenes übrig bleibt[56]. Noch am Anfang des folgenden Jahrhunderts feierte der Cleriker Hermann in seinem Cartular der Wormser Kirche Burchard durch eine kurze, aber inhaltreiche Charakteristik voll warmer Dankbarkeit[57].

[54] „Lingua Teutonicus, Wangia doctus in urbe.“ Epit. bei Baronius ad a. 999 § 1. Die Form Wangia auch in einem Hymnusfragment saec. XII. Geschichtsbl. d. mittelrhein. Bisth. S. 23.

[55] _Vita Burchardi Wormat._ ed. Waitz, MG. SS. IV, 829-846, nach der alten Ausgabe von 1548. Cod. Pal. 851, Arch. XII, 344. Vgl. W. Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeit I, 787. H. Grosch, B. v. W. Jena 1890. M. Conrat (Cohn), Gesch. d. Quellen d. Rom. Rechts im MA. I, 261.

[56] NA. XIII, 197-202.

[57] MG. SS. IV, 829. Ueber die Wormser Schule vgl. Kehr, Die Urkk. Ott. III (1890).

§ 8. Alamannien.

Stälins Wirtembergische Geschichte I, 605 ff.

Die Schulen von =St. Gallen= und =Reichenau= bewahrten auch in dieser Zeit ihren alten Ruhm und erhoben sich zu hoher Blüthe; es wurde manches hier geschrieben, aber wie Schwaben damals der Reichsgeschichte ferner stand, wie den Alamannen der sächsische Kaiserhof weit fremder war als der karolingische, so nahm auch das ganze Leben einen provinziellen Charakter an, und während wir in Sachsen und in Lothringen Geschichtswerke von allgemeinerem Gesichtspunkte entstehen sahen, beschränkt sich hier die Litteratur auf Schriften von engerem Gesichtskreise. =Annalen= freilich sind auch hier geschrieben und darin auch, wie überall, von Kaiser und Reich berichtet; ihre Notizen sind als gleichzeitige Aufzeichnungen wichtig, aber sie zeigen kein Streben nach zusammenhängender Darstellung, wie die größeren sächsischen Jahrbücher und der Fortsetzer des Regino. So wurden in St. Gallen die alten Alamannischen Annalen bis 926 fortgesetzt[1]; um die Mitte des Jahrhunderts entstanden dann die größeren =Annalen von St. Gallen=, bis 955 von einer Hand geschrieben und von verschiedenen Schreibern bis 1044 fortgeführt[2], die Sanct Galler Gelehrsamkeit durch Anwendung von Stellen alter Schriftsteller bekundend[3]. Bis 918 sind sie ein Auszug der Alamannici mit einigen Zusätzen, von 919 an selbständig und von erheblichem Werth. Gleichzeitig wurde in derselben Handschrift, welche verschiedene Mönchsregeln u. a. enthält, auch das Necrologium angelegt[4]. Dagegen ließ man in =Reichenau=, wo längere Zeit hindurch die alten Murbacher Annalen fortgesetzt waren, schon mit dem Jahre 939 von dieser Thätigkeit ab; ein Exemplar dieser Annalen, welches für den Erzbischof Friedrich von Mainz bald nach 939 abgeschrieben war, ist merkwürdig durch die von Otto's des Großen Sohn Wilhelm eigenhändig am Schlusse zugesetzte Nachricht von seiner Erhebung zum Erzbischof von Mainz (954) und dem gleichzeitig zwischen dem Kaiser und seinem Sohne Ludolf geschlossenen Frieden[5]. Es hat aber auch noch eine weitere Fortsetzung Alamannischer Annalen gegeben, deren Spuren Giesebrecht bis 985 in den Altahenses findet[6] und die vielleicht auch in den Cölner Annalen noch kenntlich ist.

[1] Neue Ausg. nach dem Original in Zürich in d. Mitth. z. vaterl. Gesch. XIX, 224-265, von C. Henking. Nach der ausführl. Erörterung S. 347 bis 358 ist das Stück 800-876 von einer Hand geschrieben und Reichenauer Ursprungs; 877-881 zweifelhaft, 882-926 in St. Gallen geschrieben.

[2] _Ann. S. Galli majores_, früher _Hepidanni_ genannt, ed. Pertz, MG. SS. I, 73-85; Henking a. a. O. S. 265-323, vgl. S. 358 ff. (Nach S. 291 sind die J. 965 u. 966 von Ekkeh. IV geschrieben u. also ohne Autorität.) Ueber die Reichsannalen, welche dem Stück von 1025-1040 zu Grunde liegen, werden wir in der folgenden Periode zu reden haben. Ueber Zusätze von Ekkehards IV Hand s. Meyer von Knonau S. 338.

[3] Strehlke, De Heinrici III bellis Ungaricis p. 35.

[4] S. die Ausgabe von Dümmler u. Wartmann in den St. Galler Mittheilungen XI nebst den _Historiae de fratribus conscriptis_ (885 bis 982) S. 13-24. Letztere als _Confraternitatum syngraphae_ MG. Libri Confrat. ed. Piper p. 136-143.

[5] _Annales Augienses_ MG. I, 62. 67-69. Vgl. II, 238. Berichtigte Ausgabe von Jaffé, Bibl. III, 700-706. Vgl. oben S. 287.

[6] MG. SS. XX, 776.

Auch die =Weingarter= Annalen, nur nach dem Fundort benannt, sind bis 918 nichts als ein Auszug der Alamannici, bis 936 fortgeführt[7]. In =Einsiedeln= aber wurden um das Jahr 966 Annalen zusammengestellt, und bis 1057, in einer anderen Handschrift bis 1268 gleichzeitig fortgeführt[8]. Im nahen Elsaß wurde in =Weißenburg= ein Exemplar der Hersfelder Annalen in einen Auszug gebracht und von 985-1075 fortgesetzt[9].

[7] _Annales Weingartenses_, MG. SS. I, 65-67. Vgl. Henking in den Mitth. z. vaterl. Gesch. XIX, S. 345. Die Sangall. breves (ib. S. 220-227) sind nichts anderes als eine schlechtere Copie desselben Auszuges.

[8] _Ann. S. Meginradi_, _Heremi_ und _Einsidlenses_ ed. Pertz, MG. SS. III, 137-149. Von den Ann. Heremi vermuthet H. Bresslau im NA. V, 449, daß sie nur ein Auszug d. Schwäbischen Reichsannalen sind. -- G. v. Wyß: „Ueber die Antiquitates monasterii Einsidlensis u. d. Liber Heremi des Aegidius Tschudi“ (Jahrb. f. Schweiz. Gesch. X) behandelt sehr eingehend diese Mss. u. erweist ihren Charakter als Arbeiten von Tschudi. Ihr geschichtl. Werth besteht in der Benutzung einer beim Klosterbrand 1577 verlorenen Annalenhs. u. des alten Liber vitae, im ersten Theil des Liber Heremi, eines Namens, der eigentlich nur dem von Tschudi benutzten Liber vitae zukommt. Daraus werden als Beilagen abgedr. S. 87 kurze Annalen 863-996 als _Annales S. Meginradi II_, S. 88-110 _Ex libro Vitae Einsidl._ a. 883-1298, Verz. d. Wohlthäter mit Angabe ihrer Schenkungen, Necrolog ohne Tage, u. noch einige Notizen aus d. 14. Jahrhundert.

[9] _Annales Weißenburgenses_ ed. Pertz, MG. SS. III, 33-65. 70-72. Vgl. oben S. 340.

Bei weitem das bedeutendste Werk für die Geschichte dieser Zeit ist die Fortsetzung der Klosterchronik von St. Gallen, deren wir schon oben (S. 268) gedachten, und die uns das anschaulichste und lebendigste Bild gewährt von einem schön und reich entwickelten Klosterleben, dessen Mittelpunkt die Schule ist. =Hartmann=, der gelehrte Nachfolger (922-924) des Abtbischofs Salomon, hat über die Geschichte seiner Zeit ein Buch hinterlassen, welches uns leider verloren ist[10]. Ein Jahrhundert lang scheint darauf diese Aufgabe unbeachtet geblieben zu sein, bis =Ekkehard= (IV) die Arbeit unternahm, ein Schüler Notkers des Deutschen, des bedeutendsten Sanctgaller Lehrers, an dessen Sterbebett er am 29. Juni 1022 stand; dann ging er, wohl von Aribo berufen, nach Mainz, wo er der Schule vorstand. Auch Trier scheint er aus eigener Anschauung gekannt zu haben[11]. Nach Aribo's Tod (6. April 1031) scheint er heimgekehrt zu sein, und unter den Glossen, mit welchen er viele Handschriften des Klosters versah, findet sich noch der Tod des Pabstes Victor (28. Juli 1057) erwähnt, den nach seiner Meinung ein Abt vergiftet hatte. Für seinen Lehrer Notker[12] hat Ekkehard eine große Menge metrischer Uebungen (dictamina) verfertigt, die, verkünstelt und geschmacklos, wie sie meistens sind, doch von diesem der Aufbewahrung werth erachtet wurden; andere fügte er später aus eigenem Antrieb hinzu, die zum Theil an seinen Bruder Immo, Abt von Münster im Gregorienthal, gerichtet sind. Die im Cod. 393 noch jetzt erhaltene Sammlung unter dem Titel _liber benedictionum_ stellte er zusammen auf Anregung des Staveloter Mönchs Johannes, Neffen des Abtes Poppo, der in St. Maximin Abt wurde und am 11. Juli 1035 gestorben ist[13]. Auf den Wunsch des Abtes Purchard II (1001-1022), der ein eifriger Beförderer der lateinischen Dichtkunst war[14], machte er Verse zu den Bildern aus dem Leben des h. Gallus, welche Abt Immo (975-984) im Kloster hatte malen lassen. Ebenso dichtete er in Mainz auf Aribo's Wunsch Unterschriften zu den Gemälden des Doms[15], und überarbeitete den _Waltharius_ des älteren Ekkehard (I † 973), den dieser für seinen Lehrer Gerald in Verse gebracht, Gerald dem Bischof Erchambold von Straßburg gewidmet hatte[16].

[10] Ekkehard S. 102: „de quo quoniam proprium ejus sui temporis libellum habemus, plura scribere supersedemus“. Vgl. über ihn Dümmler, St. Gall. Denkmale S. 256, NA. IV, 556; Meyers von Knonau Ausg. S. 165 bis 168.

[11] Dümmler, NA. XI, 405, wo er weitere Glossen von ihm zu Adonis Martyrologium mittheilt.

[12] Dessen merkwürdiger Brief über seine Uebersetzungen an Bischof Hugo von Sitten bei J. Grimm, Kl. Schr. V. 190.

[13] S. vorzüglich E. Dümmler, Ekkehart IV, in Haupts Zeitschrift XIV, 1-73, u. G. Meyer von Knonau in der Einleitung zu seiner Ausgabe. _Rythmi de S. Othmaro_, mit Glossen, worin er dieselben St. Galler Lehrer feiert wie in der Chronik, MG. II, 55-58. Verbesserungen von Dümmler l. c. p. 13. Neue Ausg. im Ekk. ed. M. v. Knonau p. LXXXV-LXXXIX. _Benedictiones ad mensas_ ed. F. Keller, Mitth. d. Antiqu. Ges. in Zürich, III, 97-121.

[14] An diesen Abt ist, als er sich am Hofe befand, ein merkwürdiges Schreiben über einen Kirchendiebstahl und dessen Entdeckung von seinen Mönchen gerichtet, gedr. in Wartmanns Urkundenbuch III, 34. -- Ein im Anschluß an Marcianus Capella gedichtetes Lehrgedicht über die 7 freien Künste, s. XI. aus St. Gallen, NA. V, 627.

[15] Fehlerhaft gedr. bei Fr. Schneider, der h. Bardo, Mainz 1871: besser von Jos. Kiefer im Progr. des Großh. Gymn. in Mainz 1881; vgl. NA. VII, 419.

[16] Ekkehardi I Waltharius ed. Rud. Peiper, Berol. 1873. Waltharius nach der handschriftl. Ueberlieferung berichtigt mit deutscher Uebertragung und Erläuterungen von J. v. Scheffel u. A. Holder, Stuttg. 1874. W. Meyer, Philolog. Bemerkungen, Münch. SB. 1873 S. 361. Ueber die versch. Hypothesen und Controversen s. M. v. Knonau zu Ekk. S. 284-287.

In St. Gallen war inzwischen eine große Veränderung eingetreten. Von Stablo kam als Abt Norbert (1034-1072), um die strengere französische Zucht des Abtes Poppo einzuführen, unter lebhaftem Widerstreben der alten Mönche. Ekkehard war, trotz seiner Freundschaft mit Johannes, ebenso heftig gegen diese Neuerer erbittert, wie jener Priester Egebert (oben S. 389), und die Störung der Verhältnisse, die Vernichtung der alten Harmonie und wohl auch der alten mehr profanen Studien, welche von nun an in St. Gallen verschwinden, mögen ihn vorzüglich veranlaßt haben, die Klosterchronik fortzusetzen und das Andenken der guten alten Zeit zu retten. Mit der anziehendsten Ausführlichkeit erzählt er von dieser, mit einer reichen Fülle von einzelnen Zügen, die uns ganz in das Innerste des Klosters einführen; er schildert die Schicksale desselben, die Thätigkeit der verschiedenen Lehrer und ihr Leben mit einander; aber freilich hatte er dafür keine andere Quelle als das Gedächtniß an eine schon sehr fern liegende Vergangenheit, an Erzählungen, die er in seiner Kindheit gehört hatte. Es ist daher nicht zu verwundern, daß sich ihm in den Einzelheiten vielfache Irrthümer nachweisen lassen; die kulturgeschichtliche Bedeutung der Schilderung wird aber dadurch wenig gemindert, Ton und Färbung des Bildes werden wir als wahrhaft anerkennen können, wenn auch die Umrisse einzelner Gestalten täuschen, die gute alte Zeit zu sehr verherrlicht ist. Leider hat Ekkehard sein Werk nur bis zum Jahre 971 geführt, und weit über ein Jahrhundert verging nach ihm, bevor man wieder an die weitere Fortsetzung dachte.

Schätzbar durch Nachrichten über den verheerenden Einfall der Ungern im Jahre 926 ist die sonst nicht bedeutende Lebensbeschreibung der Klausnerin =Wiborada=, von dem Sanctgaller Mönche =Hartmann= erst gegen das Ende des Jahrhunderts verfaßt[17].

[17] _V. S. Wiboradae_ ed. Waitz, MG. SS. IV, 446. 452-457. Vgl. Stälin I, 424. M. v. Knonau zu Ekk. S. 203.

Das Kloster =Reichenau= erhält eine besondere Bedeutung dadurch, daß es an der Hauptstraße nach Italien lag. Bischöfe von Verona haben hier Kirchen gestiftet; griechische und italienische Pilger und Reisende werden erwähnt, und auch Irländer und Isländer lassen sich hier nachweisen. Durch Nachrichten dieser Art verdienen die =Wunder des h. Marcus= Berücksichtigung, dessen Reliquien angeblich 830 von Venedig nach Reichenau gebracht sein sollten. Die schon damals vielfach lautgewordenen Zweifel an der Echtheit der Reliquien veranlaßten natürlich eine um so viel größere Zahl von Wundern, und auch die Abfassung eines apologetischen Berichtes darüber, welcher noch unter Heinrich I oder gleich nach seinem Tode geschrieben ist[18]. Eine andere Reliquie, die als eine besondere Kostbarkeit betrachtet wurde, war ein Kreuz mit dem =Blute Christi=, das durch einen Araber Hassan an Karl gebracht sein sollte und 925 nach Reichenau geschenkt wurde. Neben vielem fabelhaften, das aber für die Sagengeschichte nicht unwichtig ist, enthält die darüber verfaßte Schrift doch auch einige geschichtliche Nachrichten[19]. Aehnlicher Art sind auch die im Anfange des elften Jahrhunderts in =Zurzach= beschriebenen =Wunder der h. Verena=[20]. Den Abt Liutharius, sonst Liuthard genannt (926-934), feiern einige Verse wegen runder Fenster, durch welche er Licht in ein dunkles Gemach gebracht hatte[21]. Ihm schreibt Stephan Beissel das dem Augustus Otto dargebrachte schön geschmückte Evangeliar zu, welches später dem Dom zu Aachen gewidmet ist[22].

[18] S. oben S. 285.

[19] _Historia Sanguinis Domini_, gedr. im Auszuge von Waitz, MG. SS. IV, 445. 446-449; vollständig bei Mone, Quellens. I, 671-676. Später wiederholt überarbeitet, auch in deutschen Reimen, von Albert, herausgegeben von Schmeller, München 1844. Vgl. dazu Aronius in d. Zts. f. Gesch. d. Juden in Deutschland II, 76-81 (NA. XIII, 400).

[20] _Miracula S. Verenae_ ed. Waitz, MG. SS. IV, 457-460; Varianten v. Baumann, Anz. f. Schweiz. Gesch. 1877, S. 288. Stälin I, 423. Ihre verschiedenen Vitae sind nur Erweiterungen aus Notkers Martyrologium. Eine in fließenden Hexametern im Cod. lat. Mon. 18628 f. 13 aus Tegernsee.

[21] Dümmler, NA. V, 433.

[22] Die Bilder der Hs. des Kaisers Otto im Münster zu Aachen (1886) S. 60.