Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, Erster Band (von 2)

Part 47

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[4] Ein merkwürdiges Fragment einer an Balderich gerichteten Schrift Rathers über seine Verdrängung NA. IV, 177-180.

[5] Nach den scharfsinnigen Untersuchungen von W. Stubbs. Memorials of St. Dunstan. Lond. 1874; vgl. R. Pauli, Hist. Zeitschr. XXXV, 199; Gött. Nachr. 1879, S. 322-324.

[6] S. über ihn Dümmler, Otto I, S. 302 Anm. 1, 374 Anm. 1, 397 Anm. 2, 545 Anm. 2.

[7] Daß er während der Minderjährigkeit Ottos III Italien als Regent verwaltet habe, bestreitet Kehr, HZ. LXVI, 427, Anm. 2.

[8] c. 29, MG. SS. VII, 205.

[9] Nach G. Kurth, s. NA. XVII, 225.

[10] L. Weiland. HZ. XLVI, 496.

Im Jahre 960 war im Kloster =Laubach= oder =Lobbes=, das bis dahin dem Bischof von Lüttich untergeben war und das durch die Kämpfe der Parteien und die rechtlosen Zustände viel gelitten hatte, das regelmäßige Klosterleben unter einem eigenen Abte wieder hergestellt worden, und bald darauf begann man auch hier, wie an so vielen anderen Orten, =Annalen= zusammen zu stellen, vielleicht aber auch nur eine in Lüttich entstandene und fortgesetzte Compilation mit einheimischen Notizen zu vermehren[11]. An Beda und andere alte Chronisten reihen sich Auszüge aus der S. 202 erwähnten Chronik bis 805, verbunden mit Stellen aus den Lauriss. maj. und Laureshamenses; dann ist Thegan benutzt und von 840 an selbständig fortgearbeitet, doch von 874 bis 900 sind die Ann. Vedastini vollständig aufgenommen. Diese ziemlich dürftigen Annalen wurden nicht über das Jahr 982 fortgesetzt; sie dienten aber in Verbindung mit anderen Aufzeichnungen in =Lüttich= im Jahr 1000 zur Abfassung von Annalen, die von nun an fortgesetzt wurden. Sie sind verloren, aber wie Waitz nachgewiesen hat[12], bis 1086 in den Amiales S. Jacobi und Fossenses, bis 1056 auch in den Annales Laubienses kenntlich. Auf diese werden wir später zurückkommen.

[11] Würdtwein, Nova Subsidia dipl. XIII, 151-214, cf. MG. SS. II, 192; p. 209-211 die hieraus genommenen _Annales Lobienses_ von 900-982. Neue Ausgabe von Waitz aus der Bamberger Handschrift saec. X, SS. XIIL, 224-235. Die Sammlung von J. Alexandre: Chronica Lobbiensia etc. enthält nur die Texte und Vorreden der Mon. Germaniae.

[12] Gött. Nachrichten 1870, 302-309.

Bedeutender als jene Annalen von =Lobbes= ist die Klostergeschichte des Abtes =Folcwin=[13], die bis zum Jahre 980 reicht. Ebrachar hatte ihn 965 zum Abte erhoben, und 25 Jahre lang verwaltete er sein Amt in großem Ansehen bei den trefflichen Männern, welche um diese Zeit die verschiedenen Bischofsitze zierten. Daß er nicht, wie Mabillon und Guérard meinten, von dem Folcwin von St. Bertin zu unterscheiden sei, hat Holder-Egger vollkommen überzeugend nachgewiesen (NA. VI, 415-438), und wir wissen daher, daß er aus Lothringen gebürtig, vornehmer Abkunft, selbst den Karolingern verwandt war, stolz auf den Bischof Folcwin von Thérouanne (817-855), dessen feierliche Erhebung sein Vater und Oheim bewerkstelligt haben, und dessen Leben er beschrieben[14] und dem Abt Walter von St. Bertin (c. 970-984) gewidmet hat, als er schon Abt von Lobbes war; damals, als er die darin stark benutzte Vita Brunonis schon kannte, hat er den Entwurf ausgearbeitet, welchen er schon viel früher gemacht hatte, in St. Bertin, wo er 948 als Knabe eingekleidet wurde. Hier hat er auch bereits im Jahre 961 die Urkunden des Stiftes gesammelt und mit Lebensnachrichten der Aebte versehen, auch nicht unwichtige, geschichtliche Nachrichten allgemeinerer Art eingeflochten[15], sehr mangelhaft in der Form und sogar mit groben grammatischen Fehlern. Die Quellen, welche darin benutzt sind, hat Holder-Egger genau untersucht; am wichtigsten darunter sind die Spuren verlorener Annalen von St. Bertin, welche auch in den Ann. Blandin. zu erkennen sind. In ähnlicher Weise, aber grammatisch jetzt besser ausgebildet, machte er sich als Abt auch an die Geschichte von Lobbes, und legte ihr die Urkunden seines Klosters nebst den ihm zugänglichen Werken Einhards, Flodoards, Ruotgers und anderer zu Grunde. Ist ihm nun auch die Verarbeitung dieses Stoffes wenig gelungen, so ist doch schon das Streben nach einer urkundlichen Geschichtschreibung bemerkenswerth, und für die spätere Zeit, wo er die eigenen Erlebnisse zu schildern hat, empfiehlt er sich durch Wahrheitsliebe und Einfachheit, wenn auch die Kürze der Erzählung unbefriedigt läßt.

[13] _Folcuini Gesta abbatum Lobiensium_ ed. Pertz, MG. SS. IV, 52-74.

[14] _Vita S. Folquini ep. Morinorum_, bei Mab. Act. IV, 1, 624. Vgl. Holder-Egger a. a. O. S. 422, und MG. SS. XV, 423-430. Ein _Catal. epp. Morin._ SS. XIII, 389. 751; _abbatum S. Bertini_ p. 389; _praepositorum S. Audomari_ p. 389, u. _epp. Ambian._ p. 752, von Lambert von St. Omer.

[15] Cartulaire de l'Abbaye de St. Bertin, herausgegeben von Guérard 1840 in der Collection des Cartulaires de France, III, mit den zum Theil reichhaltigen Fortsetzungen bis 1187. Berichtigungen nach Auffindung einer alten Handschrift in: Appendice au Cartulaire etc. publié par M. François Morand (Documents inédits) 1867. Vollständig (ohne die Urkunden) als _Gesta abbatum S. Bertini Sithiensiun_ von Holder-Egger, MG. SS. XIII, 600 bis 673. Verse aus St. Bertin zu einer Krönungsfeier s. X. hat Dümmler herausgegeben, NA. X, 341. Ueber ein besonders schönes, unter Abt Odbert (989-1008) von Heriveus geschriebenes Psalterium, s. Palaeogr. Soc. 97. Woltmann, Gesch. d. Malerei I, 270.

Folcwins Nachfolger in Lobbes war =Heriger= (990-1007), ein vertrauter Freund des Bischofs =Notker=, den er im Jahre 989 nach Italien begleitete und für den er mit seiner Feder thätig war, während Notkers Name den Schriften größere Autorität verlieh. So namentlich 980 dem von dem Bavokloster zu Gent erbetenen Werk über den h. Landoald, auf welches wir zurückkommen, und ähnlich auch der wohl schon früher verfaßten älteren Geschichte des Lütticher Bisthums[16]. Er gelangte damit aber nicht weiter als bis zum Jahre 667, so daß das Buch als Geschichtsquelle kaum in Betracht kommt, und litterarisch kann man es leider nur als ein ganz verfehltes Werk betrachten wegen der unverständigen Anwendung der Gelehrsamkeit, welche dem Verfasser allerdings in reichem Maße zu Gebote stand. Aber kaum kann man einen übleren Gebrauch davon machen, als wenn man lange Reden aus Stellen der Classiker zusammensetzt und diese dann alten Heiligen der merowingischen Zeit in den Mund legt.

[16] _Gesta episcoporum Leodiensium_ ed. Köpke, MG. SS. VII, 134. Die daraus auch abgesondert herausgegebene _Vita Remacli_ kommt als Notkers Werk mit Widmung an Abt Werinfrid von Stablo vor, ist aber nach Köpke S. 140 von Heriger. Die ältere ist nach der oben S. 264 angef. Untersuchung von Kurth ein Plagiat aus V. Lamberti u. V. Trudonis, mit Nachrichten über die Stiftung von Stablo u. Malmédy. Zugeschrieben wird Heriger auch das Leben der heiligen Berlindis, die man in Meerbecke in Brabant verehrte. Ueber die irrig von M. Haupt vermuthete Benutzung von Tac. Germania bei Heriger s. Waitz, Forsch. X, 602. Die von ihm benutzte _V. Servatii_ hat Kurth herausgegeben: Deux biographies inédites de Saint Servais, Liège 1881, vgl. NA. VII, 409. Er bestreitet eine ältere Quelle als Greg. Tur. u. ebenso W. Arndt. Dagegen Anal. Boll. I, 85 ff. In den Nouvelles recherches sur St. Servais, Liège 1884, vertheidigt Kurth gegen P. De Smedt seine Ansicht, daß auch die älteste V. Servatii nur aus Gregor v. Tours geschöpft sei, dieser keine schriftliche Vita gehabt habe, und weist aus metrischen Resten die Benutzung eines Epitaphs nach, welches er der feierlichen Erhebung durch B. Monulph im 6. Jh. zuweist; Vf. könne dann nur Venantius Fortunatus sein, und von ihm werde Gregor seine Nachrichten erhalten haben. -- Vgl. auch Prost, St. Servais. Examen d'une correction introduite à son sujet dans les dernières éditions de Gr. de Tours (Nogent-le-Rotrou 1891), welches ich nicht gesehen habe.

Mancherlei geschichtlicher Stoff findet sich noch in den Legenden und Wundergeschichten dieser Gegenden; vorzüglich lernen wir daraus die Grafen von Flandern als eifrige Heiligenverehrer kennen. So wurde der Leib des heiligen =Winnoch= vor den Normannen von Wormhout nach St. Bertin geflüchtet und 900 durch Balduin den Kahlen (879-918) nach dem von ihm gestifteten Kloster =Bergh-St.-Vinoc= oder =Winnoxbergen= gebracht, wo ein älteres Leben des Heiligen gegen die Mitte des elften Jahrhunderts überarbeitet und die Stiftungsgeschichte hinzugefügt wurde[17].

[17] _Vita S. Winnoci_, Mab. III, 1, 302-314. Auszug MG. SS. XV, 2, 775-778. Nach der Translation von 1058 fügte ein Mönch Drogo neue Wunder hinzu, ib. p. 778-782. Derselbe beschrieb in sehr anmuthiger, romanhafter Weise die _Transl. S. Lewinnae_, welche 1058 aus England gestohlen war, Auszug ib. p. 782-789. Balduinus Barbatus setzte 1022 Mönche von St. Bertin an die Stelle der Canoniker.

Höchst eigenthümlich haben sich die Nachrichten aus den beiden =Genter= Klöstern =Saint-Bavon= und =Blandigny=, auf einem Hügel außerhalb der Stadt, dadurch gestaltet, daß jedes von ihnen höheres Alter in Anspruch nahm, und ein durch Jahrhunderte hindurch mit immer wachsender Erbitterung geführter Krieg sich daraus entspann. Ihre Waffen waren echte und falsche Reliquien und Legenden, Urkundenfälschungen und Verfälschung der handschriftlichen Ueberlieferung, wie das O. Holder-Egger in ebenso ergötzlicher wie belehrender Weise dargestellt hat[18]. Beide Klöster waren vom Grafen Arnulf I im J. 941 nach tiefem Verfall hergestellt und durch den Abt Gerhard von Brogne mit Mönchen neu besetzt. Das veranlaßte in Blandigny schon bald nachher eine Schrift über die ältere Geschichte des Klosters bis auf den berühmten Abt Einhard[19], worin schon gefälschte Urkunden benutzt sind und die Gründung durch den h. Amandus 610, mit keckem Plagiat aus der Vita Wandregisili. Im J. 944 brachte Graf Arnulf hierher auch aus Boulogne, wohin sie aus St. Wandrille geflüchtet waren, die hh. Wandregisil, Ansbert und Wulfram, dessen Besitz aber die Mönche von St. Wandrille ihnen abstritten, und darüber gab es eine Schrift, von der wir aber nur durch eine Predigt Kunde haben, die nicht vor dem zwölften Jahrhundert verfaßt zu sein scheint, und von Feindseligkeit gegen die Bavonianer erfüllt ist[20]. Außer vielen anderen Reliquien erhielten sie auch um 945 aus Haerlebeke, der Heimath der Grafen von Flandern, den h. Bertulf von Renty bei Saint-Omer, wo er in merowingischer Zeit ein Kloster gegründet hatte. Sein Leib wurde 1073 durch den Abt Folcard feierlich erhoben, und nun nach einer älteren, jetzt verlorenen Vita das wenige berichtet, was man von ihm wußte, mehr über die Translationen und über die Grafen von Flandern, nicht ohne Fabeln[21]. Und dazu wollen wir gleich noch hinzufügen, daß, da beide Klöster sich den ersten Abt Florbert zueigneten, beide sein Grab und seinen Grabstein zeigten, im J. 1079 eine gegen die Mönche von Saint-Bavon gerichtete Schrift darüber verfaßt wurde[22].

[18] Waitz-Aufsätze S. 622-665. Daselbst S. 633, Anm. 3, wird die _Translatio S. Amalbergae_ im J. 870 (Acta SS. Jul. III, 103) für ein spätes, unglaubwürdiges Machwerk erklärt. Ueber Graf Arnulf Sackur, Clun. S. 127 ff.

[19] _Fundatio mon. Blandiniensis_ ed. O. Holder-Egger, MG. SS. XV, 2, 621-624. Ich beschränke mich auf Anführung dieser Ausgaben von Holder-Egger.

[20] _Ex Sermone de adventu SS. Wandregisili, Ansberti et Vulfranni_ ed. Holder-Egger, SS. XV, 2, 624-631.

[21] _Ex Vita Bertulji Renticensis_, ib. p. 631-641.

[22] _Lantberti liber de loco sepulturae Florberti abb._, ib. p. 641-644, aber nach S. 1317 ist der Autorname Lantbert irrig. S. 644 folgt ein _Catalogus abb. Blandin._ saec. XII.

Nach =Saint-Bavon= war 940 der h. Bavo aus Laon, wohin er geflüchtet war, zurückgebracht und 946 feierlich bestattet. Gegen das Ende des zehnten Jahrhunderts schrieb ein Mönch, schon im Gegensatz gegen das vom Grafen Arnulf bevorzugte Kloster Blandigny, und gegen die Zweifler, welche ihnen sogar den Besitz des h. Bavo bestritten, in drei Büchern eine Geschichte des Klosters nach schriftlichen Quellen, wozu er vorzüglich auch die Annalen von St. Bertin und St. Vaast benutzte, die er _Chronica post Bedam_ nannte; er scheint auch Aufzeichnungen aus seinem Kloster benutzt zu haben[23]. Vielleicht von demselben Verfasser ist auch das _Carmen de S. Bavone_[24]. Der Concurrenz der Blandinienser besser begegnen zu können, holten sie 980 aus dem kürzlich erworbenen Wintershoven den h. =Landoald= mit seinen ebenso unbekannten Genossen, legten dem Bischof Notker von Lüttich den Bericht über die Translation und die obligaten Wunder vor, und zugleich was der Ortspfarrer Sarabert von diesen Heiligen zu berichten wußte. Der gelehrte =Heriger= erfuhr zu seinem Erstaunen von dem ihm bis dahin unbekannten Bischof Landoald von Lüttich, buchte aber alles getreulich, und zwar der größeren Autorität wegen unter dem Namen seines Bischofs. So gewannen diese frechen Lügen geschichtlichen Anstrich, und haben viel Verwirrung angerichtet[25]. Die Gegner behaupteten zwar, es seien „malorum defunctorum ossa“, aber die Bavonianer veranstalteten 982 eine neue feierliche Erhebung, und es gelang ihnen, die Autorität des Erzbischofs von Reims dafür zu gewinnen[26]. Der Abt Odwin oder Otwin (982-998), der hier seine Energie bewiesen hatte, erlangte auch aus Rom durch Vermittelung der frommen Engländerin Teta Reliquien des h. Pancratius, welche 985 nach Gent kamen[27]. Bald darauf stellte er nachdrücklich den Abt Adalwin von Blandigny zur Rede, weil er fortfahre, gegen die getroffene Uebereinkunft sein Kloster als „in castro Gandavo“ gelegen zu bezeichnen[28]. Ein neuer Triumph war dann 1007 die Uebertragung der hh. Livin und Brictius aus Holthem nach Gent, worauf 1010 unter Erlembold der h. Bavo noch einmal feierlich erhoben wurde; der Verfasser der Beschreibung[29] scheint derselbe zu sein, welcher auch im J. 1014 über den h. =Macharius= berichtet hat[30], einen griechischen Mönch, der 1011 in St. Bavon Aufnahme fand und nach vielen Kasteiungen schon 1012 starb. Man wußte weiter nichts von ihm, verehrte ihn aber als heilig und wußte von Wundern zu berichten, die man ihm zuschrieb. Doch half das alles nur wenig, und als der Abt Othelbold um 1020 der Gräfin Othgive, Gemahlin Balduins des Bärtigen von Flandern, auf ihren Wunsch über die Reliquien des Klosters schrieb[31], hatte er zugleich bitter zu klagen über den einstigen Reichthum und die bedrängte Lage, seitdem Graf Arnulf zahlreiche Besitzungen des Klosters an seine Dienstmannen vergabt hatte. Es bedurfte stärkerer Heilmittel, und zunächst fand sich =Stepelin=, ein aus St. Trond entlaufener Mönch, bereit, im J. 1049 nicht nur einen angeblich alten Grabstein für den Abt Florbert anzufertigen, sondern auch, nach Holder-Eggers Vermuthung, jene Verse zu machen, in welchen der h. Livin selbst an Florbert ein Epitaph des h. Bavo schickt[32]. Weiter folgte 1058 eine neue Erhebung des h. Bavo, 1067 auch des h. Macharius, und mit kühnerem Fluge wurde nun, während man früher aufrichtig bekannt hatte, über sein Vorleben nichts zu wissen, die vollste Schale abgeschmackter Verherrlichung über ihn ergossen[33]; zur Schilderung seiner Tugenden diente, was im Leben des Erzbischofs Bruno von Köln für diesen Zweck brauchbar erschien. Nach der Vermuthung von Holder-Egger war es derselbe Verfasser, welcher schon um 1050 mit nicht minder frecher Lüge das Leben des bis dahin ganz unbekannten =Livin= beschrieb (oben S. 132); besonders wichtig aber ist der Nachweis, daß fast zweifellos dieser Livin in Wirklichkeit kein anderer ist, als der wohlbekannte, in Deventer bestattete Liafwin oder Lebuin; sein Genosse Brictius scheint nur der Nachbarschaft im Kalender seinen Namen zu verdanken, obgleich hier der Bischof von Tours, Nachfolger des h. Martin, gemeint ist. Nach solcher Verherrlichung aber war es nun Zeit, auch diese Heiligen feierlich zu erheben, was 1083 geschah; aber erst um 1200 wurde über diese Vorgänge eine Schrift verfaßt[34].

[23] _Ex Miraculis et Translationibus S. Bavonis_, SS. XV, 2, 590-597; dazu S. 598 ein kurzer Auszug von Wundern, die gegen Ende des 11. Jahrh. beschrieben sind. Wie der erste Vf. berichtet, sagten über den Ursprung von Gent Einige, daß Agrippa es gegründet, „alii Hermenricum regem in eo arcem imperii sibi tradunt instituisse“. Aehnlich auch im Carmen.

[24] NA. X, 371 von Holder-Egger herausgegeben.

[25] _Translatio S. Landoaldi et sociorum ejus_, SS. XV, 2, 601-607.

[26] _Adventus et Elevatio S. Landoaldi et sociorum ejus_, ib. p. 607-611.

[27] S. den Brief des Abtes Andreas von St. Pancraz, NA. VIII, 376.

[28] Brief im NA. X, 374.

[29] _Elevatio S. Bavonis_, SS. XV, 2, 597.

[30] _Vita S. Macharii prior_, ib. p. 615.

[31] Gedr. NA. VIII, 370 ff.

[32] S. oben S. 132.

[33] _Elevatio S. Macharii_, SS. XV. 2, 616-621. Einzelnes darin, wie die Nachrichten von der Pest des J. 1012, ist historisch brauchbar.

[34] _Ex translatione SS. Livini et Brictii_, ib. p. 611-614. -- Der _Catal. abh. Gandav._ MG. SS. XXV, 570, ist nur Auszug der Ann. Gand. u. werthlos, berichtigt Waitz-Aufsätze S. 661.

Diese ganze Litteratur würde nicht verdienen, so viel Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen, wenn sie nicht theils für die Zeit charakteristisch wäre, theils durch die Chronisten des 14. Jahrhunderts, Johann von Thielrode und die Genter Annalen, viele hieraus geschöpfte Fabeln in die Geschichte eingedrungen wären, welche noch nicht vollständig beseitigt sind.

Eine besonders hervorragende Stellung als Reformator vieler Klöster nahm der oben erwähnte Abt =Gerhard= ein, der Stifter des Klosters =Brogne= im Lütticher Sprengel zwischen Maas und Sambre. Er gehörte zur Sippschaft des Hagano (Austrasiorum ducis), jenes bekannten Günstlings Karls des Einfältigen; seine Mutter Plictrudis war eine Schwester des Bischofs Stephan von Lüttich. Im Lommatschgau, wo er heimisch war, setzte er auf seinem Erbgut Brogne zuerst Canoniker ein; als aber Graf Berengar von Namur, dessen vielvermögender Rath er war, ihn zum Grafen Robert nach Paris sandte, machte ein Besuch im Kloster St. Denis solchen Eindruck auf ihn, daß er seine Entlassung erbat und zur großen Verwunderung der Mönche von St. Denis bei ihnen Unterricht nahm und Mönch wurde (919 oder 920 nach Sackur). Es war ihnen ganz erstaunlich, daß ein bärtiger Mann noch die Buchstaben lernen wollte, wie ein fünfjähriger Knabe[35] -- eine Stelle, die uns einmal recht deutlich zeigt, wie unberührt von aller litterarischen Bildung die Laien waren, und wie irrig die weitverbreitete Meinung ist, als ob die _scholae exteriores_ für sie bestimmt gewesen wären. Im Jahre 926 zum Priester geweiht, kehrte Gerhard zurück, und übergab nun die Kirche zu Brogne 12 Mönchen aus St. Denis. Die Leitung des Klosters war seinem auf stille Beschaulichkeit gerichteten Sinn zuwider, er lebte abgesondert als Klausner, aber Herzog Giselbert und Bischof Fulbert von Cambrai ließen ihm keine Ruhe. In St. Ghislain lebten nämlich damals Cleriker von gar schlechtem Wandel, welche sich mit ihrem Heiligen singend und bettelnd herumtrieben, bis endlich dieser des Treibens müde zuließ, daß sein Leib gestohlen wurde. Da wurde das Kloster Gerhard zur Reform übergeben; er fand das Heiligthum in Maubeuge, der Herzog gab die Güter zurück, und trotz des Widerstandes der losen Brüder, stellte Gerhard dieses und andere Klöster her[36]. Auch Arnulf von Flandern, angeblich von einem Steinleiden wunderbar geheilt[37], entäußerte sich seiner Abteien Blandigny (941)[38] und St. Bertin (944), wo die regelmäßige Zucht hergestellt wurde, und übergab Gerhard alle Klöster seines Gebietes; er soll deren 18 geleitet haben, darunter auch Saint-Remi. Durch einen Krieg über die gefährdete Lage seines eigenen Klosters belehrt, kaufte Gerhard Brogne los von der Abhängigkeit von St. Denis und übergab es dem Bischof Farabert von Lüttich (947-953); endlich starb er in hohen Ehren am 3. Oct. 959. Sein Leben ist nicht lange nach seinem Tode ausführlich beschrieben, aber wir besitzen nur eine Ueberarbeitung aus dem Anfange des elften Jahrhunderts, für den Abt Gonter geschrieben, geschmacklos mit Versen gemischt. Daß Raginer von Hennegau noch in der Verbannung lebe, Lietald, Gerhards Nachfolger als Vorstand des Klosters zu Mouson († 997), die Wahrheit der Erzählung bestätigen könne, schrieb er gedankenlos nach, so wenig es auch zu seiner Zeit noch paßte[39]. Daß die alte Biographie sich darin noch erkennen lasse, wie W. Schultze annahm, leugnet L. v. Heinemann; die geltend gemachten Stellen sind entnommen aus der darin benutzten und angeführten gleichzeitigen Schrift über die Wunder des h. Eugenius in Brogne, wohin er von St. Deuis gebracht war, die an den Abt Gerhard gerichtet ist und erst kürzlich von den Bollandisten herausgegeben wurde; unter den Wundern bezieht sich eines auf den Einfall der Ungern in Lothringen[40].

[35] „Quod vir jamdudum barbatus applicari vellet ulterius studiis litterarum puerilibus..... litteratim percurrit prima elementa ceu quinquennis puerulus.“ V. Gerardi c. 9. Die chronologischen Bedenken in diesen Angaben beseitigt Sackur, indem er ihn die Reliquien früher erwerben läßt.

[36] Es wurde 931 hergestellt, verbrannte 938. Nachrichten über die Geschichte des Klosters in der zu Gerhards Zeit aufgezeichneten _Inventio S. Gisleni_, ed. Holder-Egger SS. XV, 2, 576-579, mit von Augenzeugen aufgezeichneten Wundern. Danach stand Gerhard schon vorher mehreren anderen Klöstern vor.

[37] Diese merkwürdige Geschichte hat auch Folcuinus ed. Guérard p. 143 aus der V. Gerardi, c. 19, doch nur in einer späten Ueberarbeitung.

[38] S. oben. Ein Mönch Adelard von Bland. schrieb einen Brief an Erzb. Elphegus von Canterbury (1006-1012) über Dunstan, der in seiner Verbannung bei Graf Arnulf Schutz gefunden hatte, W. Stubbs, Memorials of Saint Dunstan, p. 53 (Hist. Zeitschr. XXXV, 200). Die _Historia Relationis S. Walarici in monasterium Leuconaense_, ed. Holder-Egger, SS. XV, 2, 693-696, im elften Jahrhundert geschrieben, berichtet, wie dieser Heilige 952 durch Arnulf von Flandern nach St. Bertin gebracht war und 981 durch Hugo Capet nach St. Valery-sur-Mer zurückkam. Zugleich kam auch S. Richarius von da nach seinem Kloster zurück; s. oben S. 173.

[39] _Vita S. Gerardi Broniensis_, ed. L. v. Heinemann, SS. XV, 2, 654-673. Capitel 14 sind Stellen aus Liudprands Antapodosis aufgenommen. Aus Italien brachte er ein Saumthier mit _lapidibus porphyreticis_ für den Hauptaltar mit, cap. 21. Die Geschichte seiner Reise nach Rom ist aber wegen der Nennung eines Pabstes Stephan und der Existenz einer zweifellos unechten Bulle von diesem bedenklich. Vgl. über ihn Walther Schultze, Gesch. v. Brogne u. die Klosterreform in Niederlothringen u. Flandern. Forsch. XXV, 221-271. L. v. Heinemann, Die älteren Diplome f. d. Kl. Brogne u. die Abfassungszeit der V.G. NA. XV, 593-596. Sackur, Die Cluniac. S. 121 ff. 365 ff. vgl. NA. XVIII, 350. -- Unbedeutende _Notae Bronienses_ 1102-1175, MG. SS. XXIV, 27. „Cronice abbatis Broniensis“ wurden 1490 an das Kloster Marienstatt geschenkt, Anz. d. Germ. Mus. XXVII, 143.

[40] Analecta Boll. III, 29-57. _Ex Virtutibus S. Eugenii Bronii ostensis_ ed. L. v. Heinemann, SS. XV, 2, 646-652. Dazu S. 653 Wunder, die er schon im 9. Jahrh. in Diogilus (Deuil) verrichtet hatte.