Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, Erster Band (von 2)

Part 23

Chapter 233,308 wordsPublic domain

Einhard -- denn so, nicht Eginhard, wird der Name von seinen Zeitgenossen urkundlich geschrieben[3] -- ist um das Jahr 770 in Ostfranken im Maingau von edlen Eltern[4] geboren, und erhielt seine früheste Erziehung im Kloster Fulda[5], zu dem er auch immer in freundschaftlicher Beziehung blieb: noch bewahren sechs von ihm unter Abt Baugulf (779-802) geschriebene Urkunden, wenn gleich nicht im Original erhalten, das Andenken an jene Zeit. Darunter ist eine Schenkung der Ehegatten Einhart und Engilfrit, höchst wahrscheinlich seiner Eltern; zwei vom 19. April 788 und vom 12. September 791 dienen zur Zeitbestimmung[6]. So sehr zeichnete er sich durch seine Fähigkeiten und Fortschritte aus, dass Abt Baugulf ihn an den Hof des Königs schickte, denn dieser, das wußte Baugulf, trachtete eifrigst danach, die fähigsten und gelehrtesten Männer aus dem ganzen Reiche um sich zu versammeln. In der Hofschule also vollendete er seine Ausbildung, und erwarb sich bald die Anerkennung, welcher beim ersten Anblick seine kleine Gestalt hinderlich war. _Homuncio_ nennt ihn deshalb Walahfrid, _nam statura despicabilis videbatur_. Und Theodulf sagt 796 in dem oben erwähnten Gedicht an Karl v. 155 ff. von ihm:

Nardulus huc illuc discurrat perpete gressu: Ut formica tuus pes redit itque frequens, Cujus parva domus habitatur hospite magno, Res magna et parvi pectoris antra colit. Et nunc ille libros operosus[7], nunc ferat et res, Spiculaque ad Scotti nunc paret apta necem.

[3] Er selbst schrieb _Einhart_, Zeitgenossen wechseln, und neben _Bernhard_ erscheint _Einhard_ für uns als die natürlichere Schreibart.

[4] Wegen der falschen Lesart _minus_ statt _munus_ nahm man früher das Gegentheil an.

[5] Irrthümlich sah O. Abel in den Worten Walahfrids _sub pedagogio sancti Bonifacii martiris_ einen Anachronismus; nicht der lebende Bonifaz, sondern der Schutzpatron ist gemeint.

[6] S. Jaffé S. 488, der diese Urkunden aus Dronke's C. D. Fuld. zuerst verwerthet hat.

[7] Jaffé's Conjectur _operosas_ mit vorhergehendem Komma kann ich nicht billigen.

Denn von der Bissigkeit dieses Schottenmönchs (vgl. oben S. 153) hatte er nicht minder als Alcuin und Theodulf selbst zu leiden. Alcuin aber verfaßte folgende scherzhafte Verse als Inschrift auf Einhards Haus:

Parva quidem res est oculorum cerne pupilla, Sed regit imperio vivacis corporis actus. Sic regit ipse domum totam sibi Nardulus istam: Nardule, dic lector pergens, tu parvule salve!

Und für seine Hausthür:

Janua parva quidem et parvus habitator in aede est.

Seine volle Anerkennung für Einhard aber spricht er in diesem hübschen Epigramm aus:

Non spernas Nardum, lector, in corpore parvum, Nam[8] redolet nardus spicato gramine multum: Mel apis egregrium portat tibi corpore parvo.

[8] _Nam_ statt _Jam_, und im folg. Vers _Mel apis_ statt _Me lapis_ sind Verbesserungen von Jaffé. Diese Verse sind als n. 242 bei Frob. II, 231 unpassend mit den vorhergehenden verbunden. Poet. Lat. I, 248.

Als schon in späteren Jahren 829 Walahfrid Kaiser Ludwigs Hof schilderte, schrieb er von Einhard (mit dem Lemma _de Einharto magno_)[9]:

Nec minor est magni reverentia patris habenda Beseleel, fabre[10] primum qui percipit omne Artificum praecautus opus: sic denique summus Ipse legens infirma deus, sic fortia temnit. (I. Cor. 1, 27.) Magnorum quis enim majora receperat umquam, Quam radiare brevi nimium miramur homullo?

[9] Poet. Lat. II, 377.

[10] Diesen Ausdruck (ich vermuthete _fabri_) rechtfertigt Dümmler a. a. O. durch Hinweis auf Exod. 31, 4. 35, 33. 36, 1.

Daß aber auch Einhard zu den Dichtern des Hofes gehörte, erfahren wir erst aus jenem Gedicht des Naso, wo es zugleich mit hoher Anerkennung seiner hervorragenden Stellung von ihm heißt:

Aonias avide solitus recitare Camenas Nardus ovans summo praesenti pollet honore.

Durch seine Klugheit und Gelehrsamkeit, sowie durch seine Rechtlichkeit und Treue erwarb sich Einhard das vollste Vertrauen Karls, der fast keinem seiner Räthe so rücksichtslos seine geheimsten Gedanken mittheilte; den jüngeren Mann liebte er wie einen Sohn, und Einhard erwiderte diese Zuneigung mit der hingebendsten Verehrung[11]. Ganz besonders zeichnete sich Einhard auch durch seine Kunstfertigkeit aus, durch seine Kunde der Baukunst, welche er durch eifriges Studium des Vitruv und der alten Denkmäler auszubilden suchte, und durch Geschicklichkeit in mancherlei Arbeit. Er erhielt deshalb unter den Hofgelehrten den Beinamen =Beseleel=, nach dem kunstreichen Werkmeister der Stiftshütte, und wurde vom Kaiser zum Aufseher seiner großartigen Bauten ernannt[12]. Auch in anderen wichtigen Angelegenheiten bewies ihm der Kaiser sein Vertrauen; er sandte ihn im Jahre 806 an den Pabst, um dessen Zustimmung zu seiner Anordnung über die Reichstheilung zu erlangen, und 813 war es Einhard, dessen Rath und Bitte Karl bestimmt haben soll, seinen Sohn Ludwig zum Kaiser zu ernennen. Da ist es denn nicht zu verwundern, daß er auch bei diesem sehr in Gunst stand; die großen Bauten hörten auf, aber nun wurde dem kunstreichen und gelehrten Manne eine ganze Reihe der ansehnlichsten Abteien übertragen. Allein mehr als diese zog ihn der abgelegene und einsame Fleck Landes zu Michelstadt im Odenwald an, den er 815 für sich und seine Gemahlin Imma vom Kaiser zum Geschenk erbat. Mehr und mehr zog er sich hierin zurück, und nachdem er sich im Jahre 827 den nach den Begriffen der Zeit unschätzbaren Besitz der Gebeine der heiligen Märtyrer Marcellinus und Petrus verschafft hatte, gedachte er hier ein Kloster zu gründen; doch veranlaßte eine Vision ihn, die Reliquien nach Mühlheim am Main zu führen, wo er ihnen eine stattliche Kirche erbaute, und die Abtei stiftete, welche den Namen des Ortes allmählich in Seligenstadt verwandelte.

[11] Dass er auch als Geheimschreiber thätig gewesen sei, was nicht unwahrscheinlich ist, sucht E. Bacha nachzuweisen.

[12] Nach einer von Pertz in d. 3. Sep. Ausg. d. V. Caroli, von Jaffé, Bibl. IV, 536 mitgetheilten Notiz war Meister Odo der Architekt des Aachener Münsters; Einhard scheint die oberste Leitung aller Bauten gehabt zu haben. Wenigstens heißt es in der Chronik von St. Wandrille vom Abt Ansegis: „exactor operum regalium in Aquisgrani palatio regio sub Heinhardo abbate, viro undecunque doctissimo, a domno rege constitutus est.“ Und Hraban sagt in der Grabschrift: Quem Carolus princeps propria nutrivit in aula, Per quem et confecit multa satis opera. Waitz fügt dazu die Stelle des Odilo in der Transl. S. Tiburtii, wo E. „palatii regalis domesticus“ genannt wird. Verfassungsgesch. III (2. Aufl.) S. 528 Anm. 1.

Noch konnte Einhard sich nicht ganz den Staatsgeschäften entziehen, deren unruhiges und kriegerisches Getreibe allen denen, welche sich zu litterarischer Beschäftigung hingezogen fühlten, unerträglich war[13]. Im Jahr 817 gab ihn Ludwig dem jungen Kaiser Lothar als Rathgeber, und 830 finden wir ihn eifrig bemüht, den Ausbruch der Empörung zu verhindern, die Aussöhnung zwischen Vater und Sohn zu bewirken; Walahfrid rühmt ganz vorzüglich die Klugheit, mit welcher Einhard weder vorzeitig den alten Kaiser verlassen, noch auch sich ohne Nutzen ins Verderben gestürzt habe. Als aber die inneren Zustände des Reichs immer unheilbarer wurden, auch niemand mehr auf seinen weisen Rath achtete, da zog er sich ganz in seine Waldeinsamkeit zurück. Noch war ein harter Schlag des Schicksals ihm vorbehalten, der Tod seiner innig geliebten Gemahlin Imma, die nach Jaffé's scharfsinniger Vermuthung eine Schwester des Bischofs Bernhar von Worms war[14]. Sie starb im Jahre 836; der alte Kaiser hat ihn damals in seiner Zurückgezogenheit aufgesucht, um ihm seine Theilnahme zu bezeugen, und Lupus, der sich gerade seiner Studien wegen in Fulda aufhielt, wo er eben mit lebhafter Bewunderung die _Vita Caroli_ gelesen hatte, schrieb ihm in herzlichem Mitgefühl einen Trostbrief[15]. Nicht lange darnach, am 14. März 840, starb er selbst[16]; eine schöne Grabschrift von Hrabans Hand zierte seine Ruhestätte[17]. In der Abtswürde folgte ihm sein Schüler =Ratleik=, einst sein Schreiber, jetzt Ludwigs des Deutschen Kanzler[18].

[13] In einer, wie es scheint, an Ludw. d. Fr. gerichteten theol. Abhandlung heißt es: „Einharde, si haec legas, non mireris, si forte invenias errantem.“ Forsch. VI, 122.

[14] Das bezweifelt B. Simson, Ludw. d. Fr. II, 160 Anm. 2, und es ist zuzugeben, daß die Vermuthung unsicher ist.

[15] Lupi epp. 1 u. 4 ed. Baluze. Diese Briefe sind wiederholt bei Ideler, Leben Karls d. Gr. II, 138 ff. Einhard widmete ihm eine Schrift _de adoranda cruce_, welche E. Dümmler, NA. XI, 231-238 herausgegeben hat.

[16] Das Jahr 840 hat Jaffé den Fulder Todtenannalen (Dronke Traditt. p. 168, jetzt SS. XIII, 174) entnommen, und da er darin billig vorkommen muß, dürfen wir den ohne jede nähere Bezeichnung gesetzten Namen wohl auf ihn beziehen. Die Ann. S. Bavonis (MG. II, 187), welche 844 (Chron. S. Bavonis bei De Smet, Corp. I, 483 auch d. 25. Juli) geben, sind eine ganz unzuverlässige späte Compilation. Den 14. März geben die Necrologien von Lorsch u. Fulda (Leibn. SS. III, 762; bei Schannat u. Boehmer fehlt Einhards Name) u. eine Aufzeichnung saec. IX im Cod. Vat. Pal. 1448 bei Dümmler, Zeitschr. f. D. Alt. XXI, 76; den 21. März das Würzburger bei Eckhardt, Comm. II, 320, u. Dümmler, Forsch. VI, 116.

[17] Poet. Lat. II, 237. Einige Bücher aus seinem Besitz, wie es scheint, Vergil, Persius, Arator, Boethius, befanden sich im 11. Jahrh. in St. Evre zu Toul, Becker, Catal. S. 152, worauf mich Manitius aufmerksam machte.

[18] S. über ihn Dümmler Ostfr. II, 432.

Eine reiche Quelle für die Geschichte des letzten Jahrzehnts von Ludwigs des Frommen Regierung, leider nicht für die frühere Zeit, bieten uns die =Briefe= Einhards und anderer an ihn, oder die auf irgend eine Weise in seinen Besitz gekommen waren[19], welche in seinem Genter Kloster als Muster gesammelt wurden; die Eigennamen wurden als überflüssig meistens beseitigt. Die Handschrift kam mit den vor den Normannen flüchtenden Mönchen nach Laon, wo sie in stark beschädigtem Zustande geblieben ist, bis Pertz sie 1827 dort entdeckte, worauf sie wenig später nach Paris gebracht wurde. Nachdem zuerst Teulet die Handschrift wieder benutzt hatte, liegt nun von Jaffé eine zu bequemem Gebrauche kritisch bearbeitete Ausgabe vor[20].

[19] Der Brief an den Kaiser über den Kometen von 837 (Bibl. IV, 459) ist einzeln vollständiger erhalten, NA. I, 585, vgl. II, 450.

[20] Bibl. IV, 437-486; vgl. Dümmler im Lit. Centralbl. 1867 Sp. 1268. Es fehlen ein Brief der Gemeinde von Sens an E. s. Simson I, 302 Anm. 2, und ein nicht unwichtiger, doch nicht von E. kommender Brief an Lothars Gemahlin Hermengard, Teulet II, 146 (Du Chesne II, 710. Mab. Ann. I. 28 n. 48).

Einhards berühmtestes und vollendetstes Werk ist:

$Das Leben Karls.$

Ausgabe von Pertz MG. SS. II, 426-463. Besonderer Abdruck, 3. Ausgabe 1863, mit einem Anhang von Gedichten. Ueber später gefundene Handschriften NA. VI, 195. Cod. Monac. 17134 aus Scheftlarn mit Interpolationen aus den Annalen über Tassilo, s. Graf Hundt in d. S. 154 angef. Abh. S. 191. Cod. Paris 4937 ist mit dem Fonds Barrois wieder erworben. Eine Hds. im Catalog von 1412 des Kl. Amelungsborn, Dürre im Progr. d. Gymn. zu Holzminden 1876 S. 22. Ideler: Leben und Wandel Karls des Großen von Einhard (Text mit Commentar und Beilagen), 2 Bde. 1839. Ausg. von Jaffé, Bibl. IV, 487-581, und bes. Abdruck, 1867; 1876 cur. W. Wattenbach. Ed. Waitz. 1880; A. Holder 1881. Uebers. v. O. Abel, Geschichtschr. 16 (IX, 1) 1850, 1880. Verbesserungen von Fröhner, Krit. Analecten, Philologus, Suppl. Bd. V, S. 93. Fr. Schmidt De Einhardo Suet. imitatore, Progr. 1880. Manitius, Anklänge an Vergil, NA. IX, 617, an Sulpicius Severus, Vellejus u. Curtius ib. XII, 205. 206; an Justin XIII, 213. E. Bernheim, Waitz-Aufsätze S. 73-96, über das Verhältniß zu Sueton und zu den Ann. Einhardi, die er benutzt habe, vgl. NA. XII, 427.

„Einhard“, sagt Ranke zur Kritik fränkisch-deutscher Reichsannalisten S. 416[21], „hatte das unschätzbare Glück, in seinem großen Zeitgenossen den würdigsten Gegenstand historischer Arbeit zu finden; indem er ihm, und zwar aus persönlicher Dankbarkeit für die geistige Pflege, die er in seiner Jugend von ihm genossen, ein Denkmal stiftete, machte er sich selbst für alle Jahrhunderte unvergeßlich.“

[21] Ges. Werke LI. LII, S. 96. S. 121-124 sind hier weitere Bemerkungen hinzugefügt über die Ungenauigkeit im ersten Theil, während für die zweite Hälfte werthvolle Nachrichten gegeben werden.

„Vielleicht in keinem neueren Werke tritt nun aber die Nachahmung der Antike stärker hervor, als in Einhards Lebensbeschreibung Karls des Großen. Sie ist nicht allein in einzelnen Ausdrücken und der Phraseologie, sondern in der Anordnung des Stoffes, der Reihenfolge der Capitel, eine Nachahmung Suetons. Wie auffallend, daß ein Schriftsteller, der eine der größten und seltensten Gestalten aller Jahrhunderte darzustellen hat, sich dennoch nach Worten umsieht, wie sie schon einmal von einem oder dem anderen Imperator gebraucht worden sind. Einhard gefällt sich darin, die individuellsten Eigenheiten der Persönlichkeit seines Helden mit den Redensarten zu schildern, die Sueton von Augustus, oder Vespasian, oder Titus, oder auch hie und da von Tiberius gebrauchte. Er hat gleichsam die Maße und Verhältnisse nach dem Muster der Antike eingerichtet, wie in seinen Bauwerken: aber damit noch nicht zufrieden, wendet er wie in diesen, auch sogar antike Werkstücke an. Wenn wir auch überzeugt sind, daß hiebei die Wahrheit nicht verletzt wurde, so konnte doch die ganze Originalität der Erscheinung auf diese Art nicht wiedergegeben werden. Ueberhaupt suchen wir in der Geschichte nicht allein Schönheit und Form, sondern die exacte Wahrheit, deren Ausdruck die freieste Bewegung fordert und dadurch eher erschwert wird, daß man sich ein bestimmtes Muster vor Augen stellt.“

„Ohne Zweifel war die Absicht Einhards mehr auf eine angenehm zusammenfassende Darstellung, als auf strenge Genauigkeit in den Thatsachen gerichtet. Das kleine Buch ist voll von historischen Fehlern.“

„Nicht selten sind die Regierungsjahre falsch angegeben, z. B. bei Karlmann, der nur zwei Jahre regiert haben soll, während er doch über drei Jahre als König neben Karl dem Großen lebte; über die Theilung des Reiches zwischen den beiden Brüdern wird eben das Gegentheil von dem behauptet, was wirklich stattgefunden hat: Schlachten, die ohne besondere Wirkung vorübergingen wie die an der Berre, werden als entscheidend bezeichnet; Namen der Päbste werden verwechselt, die Gemahlinnen sowohl, wie die Kinder Karls des Großen nicht richtig aufgeführt; es sind so viele Verstöße zu bemerken, daß man oft an der Aechtheit des Buches gezweifelt hat, obwohl sie über allen Zweifel erhaben ist.“

So weit Ranke, zu dessen scharfer Charakteristik ich nur wenig hinzuzufügen habe. Gerade in diesem Werke tritt die Eigenthümlichkeit der karolingischen Bildung am deutlichsten hervor; unmöglich kann der fränkische Volkskönig in diesen suetonischen Ausdrücken zur vollen Erscheinung kommen. Nur darf man auch nicht vergessen, dass Einhard eben den Volkskönig kaum noch kannte, sondern hauptsächlich nur den alternden Kaiser, der selber nach der Wiederbelebung des antiken Wesens trachtete, dessen Streben in vieler Hinsicht auf die Herstellung des alten Imperatorenreiches gerichtet war, und der, wenn ihm auch die Einführung der staatlichen Formen jener Zeit fern lag, doch durch seine große persönliche Ueberlegenheit so ehrfurchtgebietend dastand, und so sehr die Seele der ganzen Herrschaft war, daß es nicht so ganz unpassend war, ihn dem Augustus zu vergleichen und die Farben des Bildes von dem Biographen der Imperatoren zu borgen. Auch dankt er, und wir mit ihm, dem Sueton mehr als nur die Ausdrücke. Keine Biographie des Mittelalters stellt uns ihren Helden so vollständig und plastisch nach allen Seiten seines Wesens dar. Das ist die Frucht der Kategorien, welche Einhard bei seinem Vorbilde fand. Indem er diesen gewissenhaft folgte, wurde er, wie Jaffé (S. 501) richtig bemerkt, veranlaßt viele Umstände zu erwähnen, welche er sonst wahrscheinlich übersehen haben würde.

Daß Einhard sich bei diesem Werke nicht eine eigentliche geschichtliche Darstellung zur Aufgabe gewählt hatte, bemerkt auch Ranke; er wollte ein Lebensbild entwerfen, eben nach der Weise des Sueton, und diesen Zweck hat er vollständig erreicht. Er verfaßte dieses Werk unmittelbar nach des Kaisers Tod; schon 821 finden wir es im Reichenauer Bibliothekskatalog genannt[22], um 830 von einem Zeitgenossen erwähnt und benutzt. Noch stand das Bild seines väterlichen Freundes in voller Frische vor seinem Geiste, und die etwas kalte Eleganz der Form wird durchwärmt von der kindlichen Verehrung und Anhänglichkeit, von welcher der Verfasser ganz erfüllt ist, und die sich überall ausspricht, ohne daß doch das Lebensbild in eine Lobrede ausartete. Vielmehr tritt die ruhige Mäßigung, welche Einhards Charakter eigen ist, auch hierin deutlich hervor, und seine reine Wahrheitsliebe ist unverkennbar, wenn er auch die Schwächen seines Helden mit leichter Hand berührt.

[22] Neugart, Ep. Constant. I, 1, 540.

Ein Werk, welches diesem an Vollendung der Form, wie an ansprechendem Inhalte zu vergleichen wäre, hatten die germanischen Nationen noch nicht hervorgebracht, und so ist es denn auch nicht zu verwundern, daß es rasch die größte Verbreitung fand und Jahrhunderte lang zu den beliebtesten und gelesensten Büchern gehörte; bald nach seiner Vollendung wird es von dem jungen Lupus, der es in Fulda gelesen hatte, mit warmer Begeisterung gepriesen (oben S. 183); Walahfrid theilte es in Capitel und schrieb dazu jenen so werthvollen Prolog, dem wir die wichtigsten Lebensnachrichten über Einhard verdanken. Noch jetzt sind mehr als 80 Handschriften davon uns bekannt, und seit den Biographen Ludwigs des Frommen sind die Chronisten nicht müde geworden, es auszuschreiben.

Nachdem die Vita Caroli schon 1521 (oben S. 5) und dann sehr häufig gedruckt war, hat Pertz 1829 mit übergroßer Fülle von Varianten eine Ausgabe gegeben, deren Text nicht überall den Vorzug vor den älteren Ausgaben verdient[23]. Jaffé hat in seiner neuen Ausgabe 1867 eine früher übersehene Pariser Handschrift zu Grunde gelegt, und endlich Walahfrids Prolog damit verbunden, welchen Pertz mit der ihm eigenen Starrheit auch noch in der neuesten Ausgabe unberücksichtigt gelassen hatte[24]. Doch hat auch diese Grundlage sich nicht zu bewähren vermocht. Waitz hat die Ueberschätzung der nicht mustergültigen Pariser Hs. nachgewiesen, und endlich mit Benutzung neuer Hülfsmittel, und Unterscheidung verschiedener Recensionen, die vielleicht an Einhard selbst hinanreichen, einen neuen besser gesicherten Text hergestellt.

[23] S. Jaffé in der Bibl. IV, 504.

[24] Beigegeben ist dagegen hier eine schlecht gezeichnete Abbildung des Commoduskopfes, mit welchem Karl siegelte, die Pertz irrig für Karls Porträt hielt.

* * * * *

Häufig finden sich in Handschriften das Leben Karls und die Reichsannalen als erstes und zweites Buch mit einander verbunden; als drittes tritt dann die Schrift des =Mönches von St. Gallen=[25] hinzu, in welchem man jetzt =Notker= den Stammeler erkannt hat[26], der im Jahre 883, veranlaßt durch Kaiser Karl III, den reichen Schatz von Erzählungen und Sagen aufzeichnete, welche sich im Munde des Volkes an Karl, an seinen Sohn und den Enkel, Ludwig den Deutschen, knüpften. Da ist nun nichts mehr von Einhards klassischer Form zu finden, die Sprache ist roh und unbehülflich und der Inhalt keine Geschichte; nur selten und mit großer Vorsicht ist ein Vorfall, der hier erzählt wird, als wirkliche Thatsache hinzunehmen.

[25] _Monachus Sangallensis_ ed. Pertz, MG. SS. II, 726-763. Neue Ausg. von Jaffé, Bibl. IV, 619-700 mit Benutzung der abweichenden Zwiefalter (Stuttg.) und Wiblinger (St. Flor.) Handschriften, welche jedoch, wie Gerold Meyer von Knonau zu Ratperti Casus S. Galli S. 255 nachgewiesen hat, durch spätere Ueberarbeitung und Interpolation verändert sind, weshalb der Text nicht nach ihnen hätte gestaltet werden sollen. Auch Zeumers entgegengesetzter Ansicht kann ich mich nicht anschließen. Eine aus Tegernsee stammende unvollst. Hs. ist für die Pariser Bibl. erworben, Nouv. acq. lat. 310. Uebersetzung von W. Wattenbach, Berlin 1850, 1877, 1890 (Geschichtschr. 26. IX, 11). Zu dem Spielmannsreim auf Udalrich I, 13, vgl. Steinmeyer, Zeitschr. f. D. Alt XX. Anz. S. 147. Ueber benutzte Schriften Simson, Karl d. Gr. II, S. 612-615.

[26] Zeumer in den Waitz-Aufsätzen, S. 97-118. Zu demselben Resultat kam Graf Zeppelin: Wer ist d. Mon. Sangallensis? Schriften d. Vereins f. Gesch. d. Bodensees XIX, S. 33 ff.

Aber um keinen Preis möchten wir doch diese Sammlung entbehren. Sie zeigt uns das Bild des großen Kaisers, wie es im Volke lebte und bis dahin sich gestaltet hatte, und mancher höchst charakteristische Zug hat sich nur hier erhalten. Der gute alte Mönch, der uns so lebendig mitten unter das Volk und seine Erzählungen führt, hat deshalb den größten Anspruch auf unsere Dankbarkeit, und wir müssen sehr bedauern, daß er sein Werk, wie es scheint, nicht vollendet hat.

Der Uebersetzer dieser Schrift hat sich bemüht, die Anfänge karolingischer Sage weiter zu verfolgen, und die Spuren davon zu sammeln; ihm war dabei in der ersten Ausgabe eine merkwürdige Stelle entgangen, die Angabe in dem Leben der Königin Mahthild, daß der Krieg zwischen Karl und Widukind durch einen Zweikampf beider entschieden sei: nach langem Widerstand besiegt, habe Widukind sich taufen lassen[27].