Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, Erster Band (von 2)

Part 16

Chapter 163,388 wordsPublic domain

[29] Vgl. die Abhandlung von Blumberger: Ueber die Frage vom Zeitalter des heiligen Rupert, im Archiv der W. Ak. X, 329-368. Gegen die immer wiederholten Bemühungen, Rupert dem 6. Jahrh. zuzuweisen, habe ich mich in den Heidelb. Jahrbb. 1870 S. 24 ausgesprochen; mir zustimmend Riezler a. a. O. S. 418; auch Zillner, Streifzüge, in den Mitth. d. Ges. f. Salzb. Landeskunde 1878. Vgl. auch Hauck I, 337-342.

[30] Die Nachricht aus irl. Annalen von einem Fergil oder Feirgil, genannt der Geometer, der Abt von Aghaboe gewesen war, und im 30. Jahre seiner Bischofswürde in Deutschland 789 gestorben, ist ungenau. Zimmer, NA. XVII, 211.

Auch ein fränkischer Bischof, =Emmeram= von Poitiers, verließ, vermuthlich im Anfang des achten Jahrhunderts, seine Heimath, um auf diesem Felde zu wirken, und sein Grab wurde der Grundstein der Regensburger Kirche; =Corbinian=, ebenfalls ein Franke, legte den Grund zu der Freisinger Kirche.

Unsere Nachrichten über diese Begebenheiten sind aber leider sehr unzulänglich; für den zuverlässigsten galt der kurze Bericht über S. Rupert, welcher den Eingang der Schrift über die Bekehrung der Baiern bildet, ihm schienen alte Aufzeichnungen zu Grunde zu liegen[31]. Und diese, nämlich die ursprüngliche Form der Vita, glaubte Franz Martin Mayer in einer Grazer Hs. gefunden zu haben, worin freilich von Sprache und Stil des 8. Jahrh. nichts zu spüren ist[32]. Hiergegen aber hat sich J. Friedrich erhoben[33], und aus alten Salzburger liturgischen Büchern nachgewiesen, daß man noch lange im 9. Jahrh. kein Leben Ruperts besaß und daß man den 24. Sept. als seinen Todestag feierte[34]. Nur durch ein Mißverständniß hielt man später den Sonntag, an welchem er gestorben, für den Auferstehungstag. Die Grazer Vita erklärt Friedrich für die aus der Conversio entnommenen Lectionen, beiden aber spricht er allen historischen Werth ab, worin er denn doch wohl etwas zu weit gehen möchte. Denn so frei man auch in der Ausschmückung, ja Erfindung von Legenden verfuhr, man machte doch nicht leicht seinen Heiligen zum Bischof von Worms und setzte seine Ankunft in ein bestimmtes Jahr eines ganz verschollenen Königs, wenn dafür nicht Notizen vorlagen.

[31] MG. SS. XI, 4. 5. Doch konnte ich dem von Büdinger Oest. Gesch. I, 101 geltend gemachten Grunde für die Abfassung des ersten Theils unter Virgil nicht beistimmen. Auch hat Blumberger: Ueber die Frage, ob der heilige Rupert das Apostelamt in Baiern bis an sein Lebensende geführt habe, im Archiv der Wiener Akademie XVI, 225-238, mich nicht von Ruperts Rückkehr nach Worms überzeugt, da es mir unglaublich ist, daß die Translation der Gebeine vergessen oder unerwähnt geblieben sein könnte. Andere Gründe dagegen bei Al. Huber: Das Grab des h. Rupert, Arch. d. W. A. XL, 275-321. -- Unbrauchbar ist das nach der Elevation von 816 geschriebene =Leben Trudperts=, den man wohl nur wegen der Aehnlichkeit des Namens zu einem Bruder Ruperts machte, bei Mone, Quellens. I, 19. Vgl. Stälin I, 167. Rettberg II, 48. Potthast S. 913. Facs. aus den Actis bei Herrgott, Geneal. I, p. XVIII.

[32] Die Vita S. Hrodberti in älterer Gestalt. Arch. d. W. Ak. LXIII, 595 bis 608. Hauck II, 380 für Veranlassung dieser Vita durch Virgil.

[33] Münch. SB. 1883. S. 509-547.

[34] So auch in dem aus Regensburg stammenden Veroneser Sacramentar (Saltisburgo). Delisle, Sacram. p. 194.

Die Legenden von Emmeram[35] und Corbinian[36] sind zuerst vom Bischof =Aribo von Freising=[37] (764-783), letztere auf Ansuchen des Bischofs Virgil von Salzburg, nach der mündlichen Ueberlieferung verfaßt und von sehr geringem Werthe. Ein anstößiger Umstand darin ist die Reise der beiden Missionare nach Rom; denn erst die Angelsachsen hielten es für nothwendig, sich von dort die Vollmacht zur Missionsthätigkeit zu holen, während vorher den Franken wie den Iren ein solcher Gedanke ganz fern lag, ja selbst Bonifaz noch zu seiner ersten Mission unter den Friesen eine solche Vollmacht nicht eingeholt hat. Später aber galt diese Erlaubniß für so unerläßlich, daß die Legendenschreiber sie auch für die ältere Zeit ganz unbedenklich als selbstverständlich annahmen. Sie erzählen daher eine solche Reise als Thatsache, und nennen den Pabst, der nach ihrer Berechnung der Zeitverhältnisse damals regiert hatte. Die neueren Gelehrten haben dann wieder umgekehrt nach dem Namen des Pabstes die Zeit des Heiligen bestimmt und dadurch die Verwirrung vollständig gemacht; ein Fehler, von dem auch Rettberg nicht frei ist. Daß die Sache sich aber wirklich so verhielt, zeigt sich deutlich an den Legenden, die in ihrer älteren noch erhaltenen Form nichts von einer solchen Reise nach Rom wissen, während sie in den späteren Bearbeitungen eingeschoben ist. Das ist der Fall bei dem heiligen Patricius, bei S. Rupert; auch Gregor von Tours läßt sein späterer Biograph nach Rom reisen.

[35] Acta SS. Sept. VI, 474. Vgl. Rettberg II, 189. Hauck I, 342. Nach Hugo Graf Walderdorff, Regensburg (3. Aufl.) S. 137, ist die ursprüngliche Form _Heimraban_, in einem Kalend. saec. VIII. _Emhram_. Vgl. Riezler, Forsch. XVIII, 528, über den Ort seines Todes. Neue Ausg. v. B. Sepp, Anal. Bolland. VIII, 211-240 u. Sep. Ausg. 1890. Nach Riezler muss es eine Ueberarbeitung sein.

[36] Meichelbeck Hist. Fris. I, 2 p. 3. Acta SS. Sept. III, 281. Vgl. Rettberg II, 213, Hauck I, 345, und über beide M. Büdinger, Zur Kritik altbaier. Geschichte, Wiener SB. XXIII. Darin wird auch die früher herrschende Ansicht von der Anwesenheit des Eustasius und Agilus in Baiern bekämpft, welche jetzt G. Waitz, Gött. Nachr. 1869 S. 136, Friedrich, Münch. SB. 1874, I, 358, Riezler, Forsch. XVI, 417, wieder in Schutz nehmen. Büd. Oest. Gesch. I, 85, 94, und über Aribo S. 141. Aelteste Form der V. Corbiniani im Cod. Mus. Brit. 11880, her. von Riezler, Abh. d. Münch. Akad. III. Cl. XVIII, 1 (1888). Die Bearbeitung ist nach ihm wahrscheinlich von =Hrotrohc=, einem Mönch von Tegernsee, dem eine V. Corb. zugeschrieben wird, saec. IX. X. Vgl. auch Dr. David Schönherr: Ueber die Lage der angeblich verschütteten Römerstadt Maja, Innsbr. 1873. Corpus Inscr. Lat. III, 707. V, 543.

[37] Er nennt sich auch =Cyrinus= nach der Deutung des Namen _Cyrus_ als _haeres_ bei Hieronymus de nominibus Hebraeorum.

Denselben Umstand finden wir auch im Leben des heiligen =Kilian=[38], des ersten bekannten Missionars unter den Ostfranken. Auch er war gegen das Ende des siebenten Jahrhunderts mit mehreren Begleitern aus Irland gekommen, und seine Wirksamkeit ist bezeugt durch die hohe Verehrung seines Namens; wie an S. Gallus Grabe, so scheinen sich auch in Würzburg seine Landsleute zahlreich eingefunden zu haben, und noch jetzt finden wir ihre Spuren in den irischen Schriftzügen der dortigen Handschriften. Die Lebensbeschreibung aber ist erst im zehnten Jahrhundert verfaßt und fast ganz werthlos.

[38] Canis III, 1, 180. Mab. II, 991. Acta SS. Jul. II, 612. Vgl. Stälin I, 167. Rettberg II, 303. Das älteste Zeugniß für Kilians Martyrium ist im Necrolog. Wirzib. s. IX. bei Eckhardt, Comm. de or. Francia I, 831. Dümmler, Forsch. VI, 116. 118. Piper, Karls d. Gr. Kalend. S. 26. Ueber die in Kilians Grab gefundene Bibel in Uncialschrift Eckhardt Franc. Or. I, 451, Schepss, Die ältesten Evangelienhss. der Univ.-Bibl. (1887) S. 6. Facsim. bei Zangemeister u. Wattenbach, Exempla tab. LVIII. Irische Handschriften in Würzburg: Archiv VII, 106; Catalogue of Manuscripts in the British Museum, New Series I. 1843 fol. Tab. 1, 3; Zeuß, Grammatica Celtica, p. XX.

Diese irischen und fränkischen Missionare bereiteten den Boden vor für die Angelsachsen, mit deren Auftreten ihr Stern erlischt. Ihre Pflanzungen waren zu vereinzelt, um sich erhalten zu können, es fehlte ihnen die feste Organisation, durch welche jene so stark waren, und die vereinzelten Mönche konnten sich von Entartung und Verwilderung nicht freihalten. Ihre Eigenthümlichkeiten in Lehre und Gebräuchen brachten sie bald in Streit mit den Angelsachsen, und es ist ferner nicht mehr die Rede von ihnen. Nur als Pilger erscheinen sie noch, geschätzt wegen ihrer strengen Entsagung, wegen ihrer Fertigkeit im Schreiben, und häufig auch noch wegen ihrer Gelehrsamkeit; aber als Missionare finden wir sie nur zur Zeit der Merowinger genannt.

Geschichtliche Nachrichten aus dieser Zeit haben sie selbst uns durchaus nicht überliefert; man sollte meinen, daß ihnen der Sinn für historische Aufzeichnung der Begebenheiten gänzlich fehlte. In der Heimath aber verfaßten sie doch Jahrbücher, deren Anfänge sehr alten Zeiten zugeschrieben werden, und sie mögen wohl nicht ganz ohne Einfluss auf die Entstehung der jetzt im Frankenreiche aufkommenden Klosterannalen gewesen sein, da wir an der Spitze derselben hin und wieder irische Namen finden, doch ist eine irgend erhebliche Betheiligung von Schottenmönchen an den weiteren Aufzeichnungen nicht nachweisbar. Andere Annalen gehen auf Lindisfarne zurück, eine britische Stiftung in England; aber diese sind nicht unmittelbar, sondern über Canterbury ins Frankenreich gekommen, wie denn überhaupt diese Annalen von den Angelsachsen, nicht von den Irländern ihren Anfang nehmen.

Die Schotten stehen in der genauesten Beziehung zu der alten fränkischen Kirche, und gehören mit dieser wesentlich der merowingischen Periode an; sie haben manche Keime gelegt und anregend gewirkt, aber eine neue frische Entwickelung war im merowingischen Reiche und auf dem alten Boden nicht mehr möglich; schon in den letzten Zeiten der Merowinger knüpft sich alles wirklich lebensfähige an das neue Geschlecht der Arnulfinger, und wir beginnen deshalb mit seinem Auftreten einen neuen Zeitraum.

II. Die Karolinger.

Vom Anfang des achten bis zum Anfang des zehnten Jahrhunderts.

§ 1. Neue Anfänge der Geschichtschreibung. Fredegars Fortsetzer.

Ausgaben mit Fredegars Chronik. Uebersetzung von O. Abel ebend. und von 735 an bei Einhards Annalen; vereinigt u. nach der neuen Ausg. v. Krusch berichtigt 1888. -- Cauer, De Carolo Martello, Berl. 1846. Breysig, De continuato Fredegarii scholastici chronico, Berl. 1849. Oelsner, De Pippino rege, Vratisl. 1853. p. 24-34 De Chronico Fredegarii continuato. Breysig, Karl Martell S. 112. Hahn, Einige Bemerkungen über Fredegar, Arch. XI, 805-840. G. Monod, Revue crit. 1873, I, 153. Br. Krusch, NA. VIII, 495-515.

Das Haus der Karolinger bewies von Anfang an seine Berechtigung zur Herrschaft dadurch, daß es allein im Stande war, das Reich herzustellen, dem weit vorgeschrittenen Verfall Einhalt zu thun und auf neuen Grundlagen ein neues Zeitalter zu begründen. Auch das Wiedererwachen der Geschichtschreibung knüpft sich an sein Auftreten: mit dem Jahre 687, mit dem entscheidenden Siege Pippins, beginnen die Annalen von St. Amand.

Fredegars Chronik war in Burgund, das Buch von den Thaten der Franken in Neustrien geschrieben, in Austrasien fanden beide ihre letzte Bearbeitung und Fortsetzung. Viel ist über die Beschaffenheit dieser, über die Arbeit der verschiedenen dabei thätigen Personen geschrieben worden; ich halte mich jetzt an die Resultate von Br. Krusch, welcher genauer, als zuvor geschehen war, namentlich auch in Bezug auf die Sprache, die Prüfung durchgeführt hat.

Als unter Pippin das Frankenreich in seiner neuen Gestaltung glänzend befestigt war, unternahm es sein Oheim =Childebrand=, auch für das dauernde Andenken dieser merkwürdigen Begebenheiten zu sorgen. Er ließ ein Exemplar der alten Chronik des Fredegar sorgfältig abschreiben, aber er oder der von ihm Beauftragte begnügte sich nicht mit einfacher Abschrift: er ließ den Liber generationis weg, und setzte an dessen Stelle den Hilarianus de cursu temporum ein, welchen er in seiner Vorlage an anderm Orte fand, und erweiterte die Stammsage im Hieronymus durch ein Excerpt aus Dares Phrygius. An den Fredegar knüpfte er einen Auszug von cap. 43 bis 52 der Gesta Francorum nebst ihrer 736 geschriebenen Fortsetzung; recht mangelhaft gearbeitet und voll chronologischer Verwirrung, aber bereichert mit Zusätzen, welche das Haus der Arnulfinger hervorheben, während er manches wegließ, was das Haus der Merowinger betraf, das ihn nicht mehr kümmerte; anfangs dürftig, dann von erheblichem Werthe. Das ist die sog. erste Fortsetzung (cap. 1-17) bis zur Mitte von cap. 109, an welche bis cap. 117 incl. die zweite (cap. 18-33) sich reiht, innerhalb welcher stilistische Gründe einen Wechsel des Schreibers (nach cap. 109) annehmen lassen. So weit, bis 752, war unter Childebrands Leitung das Werk geführt, da übernahm dessen Sohn Nibelung[1] die weitere Fortsetzung (cap. 34-54), welche uns in noch schlechterem Latein einen schon ausführlicheren, nach Jahren genau geordneten und wohl theilweise gleichzeitig aufgezeichneten Bericht über die königliche Herrschaft Pippins darbietet.

[1] Cap. 117 (34): „Usque nunc inluster vir Childebrandus comes, avunculus praedicto rege Pippino, hanc historiam vel gesta Francorum diligentissime scribere procuravit. Abhinc ab inlustre viro Nibelungo, filium ipsius Childebrando itemque comite, succedat auctoritas.“

Als vereinzelte sehr schätzbare Notiz reiht sich an diese Fortsetzer des Fredegar eine Aufzeichnung aus Saint-Denis über die Königsweihe Pippins und seiner Söhne (754) durch Pabst Stephan II[2], welche sich am Schluß einer Handschrift von Werken Gregors von Tours befindet, von anderer Hand mit blasserer Dinte geschrieben und offenbar aus einer älteren Handschrift herübergenommen, und _Clausula de Pippino_ genannt wird[3].

[2] Auf dessen Reise „Roma salvanda“ starb m. Dec. ind. VII (753) der primicerius notariorum Ambrosius in Saint-Maurice; er wurde nach 6 Jahren in St. Peter bestattet mit einem rühmenden rhythmischen Epitaph. Rossi, L'inscription du tombeau d'Hadr. I (Mél. d'Archéol. et d'hist. VIII) p. 20.

[3] Mab. Dipl. p. 384. SS. Meroving. I, 465 mit Schriftprobe. MG. SS. XV, 1 (vgl. p. 574a) als _De unctione Pippini regis nota_. Diese Nachricht wurde später mit der fabelhaften _Revelatio facta S. Stephano papae_ verbunden, mit welcher sie von Regino abgeschrieben, und bei Sur. V. p. 658 (740 ed. II) zuerst gedruckt ist. Hierdurch habe ich mich früher verleiten lassen, die Clausula als unglaubwürdig zu bezeichnen. Vgl. Oelsner, K. Pippin S. 155. Das Schreiben Stephans II, welches B. Simson, Forsch. XIX, 180, als die Quelle betrachtet, ist in der neuen Ausg. von Jaffé's Reg. Pont. n. 2316 von P. Ewald mit Recht als unecht bezeichnet. Ebenso in der Ausgabe jenes, von Hilduin seinen Acta Dionysii angehängten Stückes von Waitz, SS. XV, 2. -- Benutzt ist die Clausula in einem (unechten?) Breve Clemens II für Romainmôtier, NA. XI, 590.

So wie das ganze Reich von den Merowingern an die Karolinger überging, so wurde auch die einzige Chronik der Franken zu einer Familienchronik des karolingischen Hauses. Sie gewinnt dadurch gewissermaßen einen officiellen Charakter und damit eine gewisse Glaubwürdigkeit; andererseits leidet sie aber auch an den Mängeln solcher amtlicher Aufzeichnungen. Je näher die Verfasser den Karolingern standen, je besser sie unterrichtet waren, um so mehr hüteten sie sich auch etwas aufzunehmen, was den Machthabern unangenehm war. Es genügt in dieser Beziehung den einen Umstand hervorzuheben, daß die bedeutenden und gefährlichen Unruhen, welche Grifo, Karl Martels Sohn von der Swanhilde, nach des Vaters Tod erregte, und welche dem Verfasser doch unmöglich unbekannt geblieben sein konnten, hier mit gänzlichem Stillschweigen übergangen werden. Ebensowenig ist andererseits von der ganzen Wirksamkeit des Bonifatius und überhaupt von den kirchlichen Angelegenheiten die Rede. Eine vollständige und unparteiische Uebersicht der Begebenheiten darf man daher bei diesen Fortsetzern des Fredegar nicht suchen[4].

[4] Zu vergleichen ist für diese Zeit noch der _Libellus de Majoribus domus_, Bouq. II, 699 aus Du Chesne SS. II, 1, der nicht vor dem neunten Jahrhundert geschrieben ist, wie B. Simson bemerkt, nahe verwandt dem Chron. Adonis, vielleicht ein Auszug. Ferner das von Wilthem excerpirte _Fragmentum historicum ex libro aureo Epternacensi_ über die Jahre 714 u. 715, aus unbekannter Quelle, herausgegeben von Reiffenberg im Bulletin de l'Académie de Bruxelles (1843) X, 2. 264, und Monuments de Namur etc. VII, 209; jetzt MG. SS. XXIII, 59. Rätselhaft ist der _Dionysius_, welchen Gobelinus Persona als Chronisten von Prosper bis Einhard (455-741) anführt, vgl. Hagemann: Ueber die Quellen des G. P. (Diss. Hal. 1874) S. 32. Er ist aber nicht zusammenzubringen mit der Erwähnung der Cyclen des Dionysius Exiguus bei Regino z. J. 741, wo er nur von der Incongruenz der verschiedenen Berechnungen spricht; allerdings scheint er in seinem Exemplar eine annalistische Bemerkung zu 741 gehabt zu haben.

Ebenso wenig unparteiisch, zur Verherrlichung der Arnulfinger geschrieben und namentlich in den ältesten Theilen irreführend, übrigens aber aus guten Quellen geschöpft, reichhaltig auch über Grifo, ist die Geschichte von 687 bis 692, welche den Anfang der _Annales Mettenses_ bildet[5], wo bis 768 eine Compilation aus Fredegar u. a. Annalen sich anschließt. Früher gering geschätzt, ist sie von L. Ranke nachdrücklich in Schutz genommen und ihr Werth ins Licht gestellt[6]. Es kommt hinzu, daß das _Fragmentum de Pippino duce_[7], welches Bonnell für ein schlechtes Excerpt aus den Mettenser Annalen erklärt hatte, in dem Cod. Arundel. 375 saec. XI. des Brit. Museum aufgefunden ist[8] und, da es nun als Quelle anerkannt ist, ein höheres Alter dieser Darstellung verbürgt.

[5] MG. SS. I, 316-321.

[6] Weltgesch. V, 2, S. 294 ff.

[7] Freher, Corpus SS. Franc. p. 168-170; am Schluss unvollständig.

[8] Arch. VIII, 759.

Natürlich ist es, daß man bei fortschreitender litterarischer Bildung bald sowohl an der rohen Form des Fredegar und seiner Fortsetzer, als auch an dem dürftigen Inhalt dieser Aufzeichnungen Anstoß nahm. Zu Karls d. Gr. Zeit entstand eine Compilation, in welcher die Chronik des Beda verbunden ist mit Zusätzen aus Hieronymus, Orosius, Fredegar und seinen Fortsetzern, den Gestis Francorum und Jahrbüchern, die mit den Lorscher große Aehnlichkeit haben, bis 741. Wir werden auf dieses sowie auf andere ähnliche Arbeiten später zurückzukommen haben.

Mit dem kriegerischen Ruhme vereinigte das karolingische Haus, wie es zu einer hervorragenden Stellung damals fast unerläßlich war, auch den kirchlichen. Klosterstiftungen und klösterlich frommer Lebenswandel schmücken ihren Stammbaum mit Heiligen, wie Gertrud und Begga, und auch dem Ahnherrn, Bischof =Arnulf von Metz=, wurde mit gutem Recht die dankbare Verehrung der Nachkommen zu Theil. Sein Leben ist auch von einem Zeitgenossen beschrieben worden, und was hier über ihn berichtet wird, ist werthvoll, aber dem Verfasser[9], einem der Mönche, welche den h. Romarich nach Metz begleiteten, als er den weltmüden Bischof 629 nach seiner Einsiedelei in Remiremont abholte, hatte begreiflicher Weise wesentlich den Zweck und Gesichtspunkt, seine kirchlichen Tugenden zu preisen[10].

[9] Ueber die 4 von ihm verfaßten Vitae s. die Diss. von Dony in den von G. Kurth 1888 herausg. Dissertations académiques.

[10] Neue Ausg. v. Krusch, SS. Merov. II, 426-446. Die Hs. schrieb Karl Martels neunjähr. Sohn Hieronymus ab. Uebers. Geschichtschr. XI (VII, 2) S. 131-140, nach Fredegar. Der angebl. Name des Vfs. der werthlosen 2. Vita =Umno= ist ein Lesefehler: „Exhortatione plurimorum commonitus Umno Dei gratia praeventus“ statt =immo=.

Als Werk eines Zeitgenossen und Augenzeugen schätzbar ist auch das Leben der =h. Gertrud=, Pippins I Tochter, der Stifterin des Klosters Nivelle, wo sie am 17. März 659 starb. Ganz ohne Grund von Bonnell verdächtigt, ist ihre Lebensbeschreibung von Friedrich in ihrem Werth erkannt, und von Krusch nach einer Handschrift des achten Jahrhunderts herausgegeben[11].

[11] _Vita S. Geretrudis_, SS. Meroving. II, 447-74 mit den noch im 8. Jh. hinzugefügten Wundern.

Einige gute Nachrichten enthält auch das noch zu König Pippins Lebzeiten geschriebene Leben des Stifters des Klosters Laubach oder Lobbes, =Ermino= († 737) vom Abt =Anso=[12]. Die schon für diese Zeit nicht unwichtige Lütticher Litteratur werden wir später noch zu berühren Anlaß haben.

[12] Mab. III, 1, 564.

Ganz unverändert werden uns ausser diesen sehr wenige Legenden erhalten sein; dafür ist ihre Form zu glatt, zu abweichend von den authentischen Denkmälern. Zum Vorlesen bestimmt und gebraucht, mußten sie der zunehmenden Bildung angepaßt werden, und leicht verbanden sich damit Zusätze und Aenderungen, welche auch den Inhalt berührten.

§ 2. Die Angelsachsen.

Die zahlreichen Missionen der irischen Mönche vermochten doch nichts dauerndes zu schaffen, und auch in der Heimath konnte diese alte vereinzelte Kirche sich der römisch-englischen Uebermacht nicht erwehren. Sie unterlag überall, aber nicht etwa der äußern Uebermacht allein; in jeder Weise wurden die Angelsachsen ihrer alten Lehrer Meister. In den großen Weltchroniken des Mittelalters finden wir kaum eine Erwähnung von Irland; die Reiche der Angelsachsen aber treten auffallend in den Vordergrund für lange Zeit. Das ist der Einfluß des =Beda= († 735), dessen Schriften diese Angaben entnommen wurden. Einen Mann wie diesen Beda hat die gesammte irische Kirche nicht hervorgebracht; er war der Lehrer des ganzen Mittelalters. Durch mathematische Kenntnisse haben gerade die Schottenmönche sich ausgezeichnet, auf ihren Unterricht mag ein bedeutender Theil der Gelehrsamkeit Beda's sich, wenn auch nur mittelbar, zurückführen lassen, ihm aber war es vorbehalten, durch die Gediegenheit und Faßlichkeit seiner Lehrbücher für Jahrhunderte in jedem Kloster die Anleitung zu den nöthigen astronomischen Kenntnissen zu geben; wo man es verschmähte, tiefer einzudringen, benutzte man wenigstens seine Ostertafeln als unentbehrliches Hülfsmittel der kirchlichen Zeitrechnung, in welcher durch ihn die für leicht übersichtliche Chronologie so förderliche dionysische Era üblich wurde. Sein Martyrologium ist die Grundlage aller späteren Umarbeitungen; seine kleine Chronik von den sechs Weltaltern (bis 726) war überall bekannt, und die Kirchengeschichte Englands (bis 731) wurde um so eifriger gelesen, weil man hierin den Ursprung der eigenen Kirche erkannte, sowie sie andererseits das Bewußtsein dieser Verbindung wach erhielt[1]. Hatten die irischen Missionare nicht durch Frömmigkeit allein, sondern auch durch mancherlei Kenntnisse und Gelehrsamkeit die Bewunderung der Franken erregt, so überragten doch nun die Angelsachsen noch in weit höherem Maße alles, was man bis dahin gekannt hatte.