Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, Erster Band (von 2)

Part 15

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Eine der geschichtlich wichtigsten, die _Vita Vedasti_ († 540) ist schon oben S. 97 erwähnt; das Leben von Chlodwigs Gemahlin =Chrothildis=[2] († 548) ist aus den Gestis Francorum geschöpft, kaum vor dem zehnten Jahrhundert geschrieben und geschichtlich unbrauchbar. Von =Chlodovald= (Saint Cloud, † c. 550), einem Sohne Chlodomirs, den seine Großmutter vor dem Schicksal seiner gemordeten Brüder bewahrte und der dann ein frommer Priester wurde, giebt es eine ganz aus Gregor geschöpfte Lebensbeschreibung; eine zweite, im zehnten Jahrhundert in St. Cloud verfaßte[3] ist werthlos. Nicht so inhaltlos, wenn auch hauptsächlich Wundergeschichten berichtend, ist das von =Fortunat= beschriebene Leben des Bischofs =Germanus= von Paris[4] († 576). Des Lebens der h. =Radegunde= († 587) wurde schon oben S. 92 gedacht. Von der Passio des Bischofs =Desiderius von Vienne= († 608) ist erst kürzlich die älteste Fassung aus dem siebenten Jahrhundert bekannt geworden[5]. Durch ziemlich gleichzeitige Entstehung und noch unverfälschte Ueberlieferung ausgezeichnet ist die erst kürzlich wieder aufgefundene älteste Lebensbeschreibung des Bischofs =Gaugerich= von Cambrai († zw. 623 u. 629), welche manche culturgeschichtlich wichtige Züge und auch geschichtlich brauchbare Nachrichten bietet[6]. =Arnulf= und =Gertrud= werden weiter unten noch zu erwähnen sein. Zu den geschichtlich wichtigsten gehört wegen der Gleichzeitigkeit und der hervorragenden Bedeutung des Mannes das Leben des Bischofs =Desiderius= von Cahors († 654)[7].

[2] SS. Meroving. II, 341-348.

[3] ib. 349-357.

[4] Auctt. antt. IV, 2, 11-27.

[5] Anal. Bolland. IX. fasc. 3.

[6] Analecta Bolland. VII, 387, vgl. Krusch, NA. XVI, 225-234.

[7] Labbe, Bibl. nova I, 699 u. App. vgl. Krusch, Forsch. XXII, 466.

Von ausgezeichnetem Werth sind die Lebensbeschreibungen von drei Männern, welche in der zweiten Hälfte des siebenten Jahrhunderts auch politisch bedeutend hervortreten, =Eligius= (St. Eloy, † zw. 659 und 665), zuletzt Bischof von =Noyon=, besonders hervorragend als kunstreicher Goldschmidt, und deshalb auch Schutzpatron dieser Künstler[8], =Audoenus= (St. Ouen, † 683), Bischof von =Rouen=, sein Freund und Biograph[9], =Leodegar= (St. Léger, † 678), Bischof von =Autun=[10], nur ist der kritische Zustand dieser Werke bis jetzt noch ein wenig befriedigender. Zu diesen nicht gering zu schätzenden Leistungen des siebenten Jahrhunderts gehört auch noch das Leben der =Balthildis=, der Gemahlin Chlodwigs II[11] († c. 680), der Stifterin von Corbie an der Somme und von Chelles, wo wahrscheinlich diese Schrift zur Feier ihres Andenkens verfaßt ist. Wie elend dagegen das in viel späterer Zeit im Kloster Sathonay geschriebene Leben =Dagoberts= III[12] († 716), den aber der Verfasser für den Zweiten hält, ausgefallen ist, das möge man in dem Vorwort von Krusch nachlesen. Es hat nur dadurch eine relative Bedeutung, dass es von Theofrid von Echternach und von Alberich als Quelle benutzt worden ist. In Betreff des Lebens der h. =Odilia= († c. 720) ist nur zu warnen vor den als Fragmente eines angeblich ältesten Lebens veröffentlichten Fragmenten, welche eine Fälschung Vigniers sind, während die echte Vita doch auch nicht älter als das zehnte Jahrhundert ist und geringen Werth hat[13]. Von den Lütticher Heiligen Hubert und Lambert wird weiter unten die Rede sein.

[8] D'Achery Spicil. V, 156. Hall. Diss. v. O. Reich, 1872. Uebers. im Auszug Geschichtschr. XI (VII, 2) S. 160-173.

[9] Acta SS. Aug. IV, 805, vgl. NA. XII, 603. Verse zu einem Lobe von seinem Nachfolger Ansibert NA. XIV, 171.

[10] Ueber das Bruchstück einer gleichzeitigen Vita, die Fälschungen des Ursinus, die Compilation des Anonymus aus beiden, Krusch, NA. XVI, 563-596. Die Vita metrica (nicht von Walahfrid) Poet. Lat. III, 1-37. Uebers. des Anon. Geschichtschr. XI (VII, 2) S. 141-156.

[11] SS. Meroving. II, 475-508. Auszug Geschichtschr. XI (VII, 2) S. 157-159.

[12] ib. S. 509-524.

[13] Vgl. NA. XVII, 223.

Zunächst aber wollen wir uns hier noch einer Betrachtung derjenigen Legenden zuwenden, welche eine nähere Beziehung auf Deutschland haben und die erneute Pflanzung des Christenthums auf deutschem Boden berühren.

Die Franken haben sich damit nicht viel befaßt; es kümmerte sie wenig, daß so viele ihrer Landsleute noch Heiden waren; im alten Frankenlande an der Schelde fand noch im siebenten Jahrhundert =Amandus= viel Heidenthum auszurotten[14]. War doch bei den christlichen Franken selbst nicht viel mehr als die äußere Form der Rechtgläubigkeit übrig geblieben; fromme Männer fanden zu Hause Spielraum genug für ihre Thätigkeit. Die Mission finden wir daher in diesen Jahrhunderten fast ausschließlich in den Händen =Schottischer=, d. h. nach dem Sprachgebrauch des früheren Mittelalters =Irländischer= Mönche, welche damals alle Länder durchzogen. In dieser Insel, welche allein ihre keltische Bevölkerung ungemischt bewahrt hatte, die allen fremden Welthändeln ferne lag, war das Christenthum mit dem hingebendsten Eifer aufgenommen worden, und hier war bald nicht nur die strengste, mönchische Frömmigkeit, sondern auch eine ernstliche wissenschaftliche Thätigkeit zu Hause; während im ganzen Abendland die gelehrte Bildung unterzugehen und zu verschwinden drohte, fand sie hier sorgsame Pflege[15] freilich nur im Dienste der Kirche. Man schrieb die heiligen Schriften ab, man lernte, um sie zu verstehen, lateinisch und griechisch, man beobachtete die Sterne, um die kirchlichen Feste berechnen zu können, man übte die Musik für den Gottesdienst, baute Kirchen und Glockenthürme, man schmückte die Bücher der Kirchen mit kunstreicher Malerei und ihre Altäre mit köstlichen Gefäßen. Doch auch die profanen Schriftsteller erschienen hier nicht, wie in Italien, gefährlich; freilich sind die Columban zugeschriebenen Gedichte, worin die alten Dichter viel benutzt und angeführt werden, von zweifelhafter Echtheit. Vorzugsweise aber äußerte sich die Frömmigkeit dieser Mönche in weiten Pilgerfahrten, in dem Verlassen der Heimath, um in entlegener Fremde als Einsiedler zu leben oder Klöster zu gründen, um unter Christen und Heiden das Evangelium zu predigen[16]. Das Frankenreich war erfüllt von ihnen: was gäben wir darum, wenn sie aufgeschrieben hätten, was sie sahen; wenn sie uns über ihre Thätigkeit und ihre Schicksale zuverlässige Berichte hinterlassen hätten! Allein das lag ihnen ferne; sie, die Meister im Schreiben, hatten für geschichtliche Aufzeichnungen keinen Sinn, und nur wo sie so bedeutend wirkten, daß dauernde Gründungen ihr Gedächtniß bewahrten, hat ihr Andenken sich erhalten. Aber in völlig nebelhaften Umrissen würde ihr Bild uns verschwimmen, wenn nicht glücklicher Weise einer von ihnen, und wohl von allen der hervorragendste, in Italien einen Biographen gefunden hätte. Das ist =S. Columban=, der Stifter von Bobio[17].

[14] Ueber ihn und seine Biographen Baudemund und Milo s. Rettberg I, 554. Brosien S. 49.

[15] Eine seltsam sagenhafte Aufzeichnung in einem Leidener Cod. s. XII läßt die röm. Lehrer vor den Hunnen und andern Barbaren nach Irland flüchten, mitgeth. v. Luc. Müller, Neue Jahrbb. f. Philol. XCIII, 389.

[16] Vgl. F. Keller, Bilder und Schriftzüge in den irischen Manuscripten der schweizerischen Bibliotheken (Mittheilungen der Antiquarischen Gesellsch. in Zürich VII, 3) 1851. Wattenbach, die Congregation der Schottenklöster in Deutschland, in der Archäologischen Zeitschrift von Otte und von Quast, Heft 1 und 2. Hauréau. Écoles d'Irlande, Singularités hist. (1861) p. 1 bis 36. Arbois de Jubainville, Introduction à l'étude de la litt. Celtique. Die seltsamen Ansichten Ebrards über die Culdeer in der Zeitschr. f. hist. Theol. XXXII u. XXXIII (Die Irische Missionskirche 1873. Bonifatius, der Zerstörer des Columbanischen Kirchenthums auf dem Festlande, 1882) kann ich nur erwähnen, um davor zu warnen. Hier ist Friedrichs Polemik durchaus zutreffend. Auch O. Reich bekämpft sie. Jetzt kann verwiesen werden auf Loofs, Antiquae Britonum Scotorumque ecclesiae quales fuerint mores etc. Lips. 1882. Keledei, verheirathete Anachoreten, kommen erst im 8. Jahrh. auf, nach R. Pauli's Anz. von Skene, Celtic Scotland II, GGA. 1878. S. 1015 ff.

[17] Vgl. Rettberg II, 35. G. Hertel, Ueber des h. Columba (so schrieb er selbst seinen Namen) Leben u. Schriften, bes. über seine Klosterregel. Zeitschr. f. hist. Theol. 1875. III, 396-454. Hauck I, 240-276. _Vita S. Columbani auct. Jona abb. Bobiensi_, Mab. Actt. II, 5. Im Ausz. übers. von Abel, hinter Fredegar. Daran schließt sich als zweites Buch die _V. Attalae abb. Bob._ (Mab. II, 123) und _Eustasii_ (S. 116); die _Vita Burgundofarae_ oder _Gesta in coenobio Ebroicensi_ (S. 439) und _V. Bertulti abb. Bob._ (S. 160). Ueber die aus der Vita Eustasii schöpfenden Biographen des Agilus und der Salaberga s. Büdinger, SB. der Wiener Akad. XXIII, 372-383. Brosien S. 51. Columbans Schüler, der Ire Deicolus, stiftete Lutra (Lure oder Saint-Diey), welches nach gänzlichem Verfall mit Otto's I Hülfe hergestellt wurde durch Baltram, dem sein Neffe Werdolf folgte (Dümmler Otto I S. 309). Dieser veranlaßte die Aufzeichnung der _Vita S. Deicoli_, Acta SS. Jan. II, 199 bis 210. Mab. II, 102-116. Weil Lutra an Waldrada gekommen war, finden sich darin sagenhafte Nachrichten über Lothar II. -- _Versus de Bobuleno abbate_, einen alphabetischen Rhythmus auf Bertulfs Nachfolger in Bobio, nicht gleichzeitig u. ohne viel Inhalt, hat Dümmler herausgegeben, NA. X, 334.

Nach der Gewohnheit dieser Schottenmönche zog Columban, gebürtig aus Leinster, gegen das Ende des sechsten Jahrhunderts[18] mit zwölf Gefährten aus von dem Kloster Benchuir oder Bangor; staunend und tief ergriffen lauschte das Volk im Frankenreiche ihrer feurigen Beredsamkeit, die entartete Geistlichkeit aber scheute die strengen Bußprediger und fürchtete ihren Einfluß auf die Menge. Die Könige dagegen nahmen sie willig auf, ihr Eifern gegen die ganz verfallene Kirchenzucht war ihnen willkommen und auf Childeberts Wunsch ließ Columban sich mit seinen Begleitern in den Vogesen nieder; zahlreiche Schüler strömten ihnen zu, und bald erhoben sich Klöster in der Wildniß, vor allem =Luxeuil=. Es waren dies nicht großartige Gebäude, wie in der späteren Zeit, sondern wie einst S. Severins Ansiedelungen Haufen unscheinbarer Hütten, in deren Mitte eine kleine Kirche sich erhob; neben ihr der runde Thurm, der die Glocken trug, und im unteren Geschoß, von der Erde nur auf Leitern zugänglich, eine Zuflucht in Zeiten der Gefahr darbot.

[18] Im J. 590 nach G. Hertel, Anm. z. Gesch. Columba's, Zeitschr. f. Kirchengesch. III, 145-150. -- Ueber C. Briefe s. Krusch, NA. X, 84-88; Gundlach ib. XV, 497-526; Seebass ib. XVII, 243-259 u. Entgegnung v. Gundlach S. 425-429. -- E. Dümmler, NA. X, 190, wo er das Ruderlied _En silvis caesa_ herausgiebt, vermuthet einen jüngeren irischen Dichter Columban, spätestens aus der ersten karoling. Zeit, der mit Horaz und Vergil vertraut war. Manitius, Gesch. d. christl. lat. Poesie, S. 390 für unsern Columban.

Aber Columbans Feuereifer schonte auch der Könige nicht; keine menschliche Rücksicht konnte ihn bestimmen, zu dem sittenlosen Treiben des burgundischen Hofes zu schweigen, und furchtlos trat er den Ausschweifungen Theuderichs entgegen. Den Bischöfen war er längst zuwider; schon die bloße Anwesenheit dieser Mönche im Lande veranlaßte zu Vergleichungen ihres ascetisch strengen Lebens mit dem lockeren Wandel der merowingischen Prälaten. Die Abweichung der irischen Kirchengewohnheiten von den gallischen und die Unabhängigkeit der Klöster von bischöflicher Aufsicht, welche nach irischer Weise in Anspruch genommen wurde, boten eine Waffe dar; man erklärte sie für ketzerisch, und so vertrieb denn endlich um 610 Brunhilde, deren Zorn er verachtet hatte, den Columban sammt seinen Genossen. Ueber Nantes sollten sie nach Irland geschafft werden, aber ein Sturm warf sie wieder an die Küste; Chlotar II und Theudebert nahmen sie ehrfurchtsvoll auf; hier wählte er zu seinem Aufenthalt Bregenz in Alamannien, wo ungeachtet der Frankenherrschaft und der Bestimmungen des Volksrechts doch das Heidenthum noch stark war. Drei Jahre lang blieb Columban zur Bekämpfung desselben in Bregenz. Dann aber verließ er das Frankenreich gänzlich und wanderte in das Langobardenreich, wo Theudelinde, die Freundin Gregors des Großen, ihn mit Freuden aufnahm. Hier stiftete er nun das Kloster Bobio zur Vertilgung der Reste arianischer Ketzerei, und noch jetzt zeigen die zerstreuten Handschriften dieses Klosters die alten irischen Schriftzüge und Erinnerungen an die Heimath wie die _Versiculi familiae Benchuir_[19]. Mit vollem Eifer überließen sie sich hier ihrer Lieblingsneigung zum Schreiben, die unverständlich gewordenen Ueberbleibsel der gothischen Litteratur und Fragmente von alten Prachthandschriften der Klassiker benutzten sie, um auf das reingewaschene Pergament die Werke der rechtgläubigen Kirchenväter zu schreiben[20]. Sie retteten jene Pergamentblätter dadurch vom Untergang, und es war auch nicht etwa ein fanatischer Haß gegen die heidnischen Schriftsteller, welcher sie zur Vertilgung derselben antrieb. An Handschriften derselben war damals noch kein Mangel, und sie selber benutzten dergleichen zur Erlernung der Sprache; finden wir doch unter den Schulbüchern zu Bobio auch den Ovid.

[19] In dem Antiphonarium monasterii Benchorensis, ed. Muratori, Anecdota Bibl. Ambros. IV, 121-159 (Verbesserungen von A. Peyron, Ciceronis Orationum Fragmenta, 1824, Anhang S. 224-226). Vgl. Manitius S. 482. Bei demselben Antt. III, 817 der wichtige Catalog der Bob. Bibliothek saec. X. Sacramentarium Gallicanum aus Bobio in Halbuncialschrift saec. VII, ed. Mabillon, Mus. Ital. I, 2, 273-397. Von Luxeuil aus ist c. 657 =Corbie= durch die Königin =Balthilde= gestiftet, daher Notizen von dort im Calend. Corbeiense, gedr. NA. X, 91.

[20] Möglich, daß Columban selbst noch die arianischen Schriften sammelte, um sie zu widerlegen, wie Krafft, De fontibus Ulfilae Arianismi p. 18-20 annimmt, weil alle gothischen Reste von da stammen. Ob man sie aber damals noch verstand? Nicht lange nachher begann man sicher zu rescribiren. Ebrard in der Zeitschr. f. hist. Theol. XXXII, 403 giebt die merkwürdige Inschrift des Cod. Erlang. von Hieron. de viris ill. (mit dem üblichen Lesefehler _quum_ st. _quoniam_), wonach es scheint, als sei unser Text durch Columban aus einer beschädigten Handschrift auszugsweise hergestellt.

Am 21. November, wahrscheinlich im J. 615, ist Columban gestorben. Drei Jahre nach seinem Tode kam =Jonas= aus Susa in das Kloster Bobio. Dieser beschrieb zuerst, noch auf Veranlassung des Abtes Bertulf, das Leben des Columban, welchem er das Leben seiner Schüler =Eustasius= und =Attala=, die ebenfalls als Missionare von Luxeuil ausgingen, folgen ließ; dann des =Bertulf=, Abtes von Bobio, und der =Burgundofara=, welche Columban zur Nonne geweiht hatte. Jonas verräth seine italische Herkunft und den Unterricht der Grammatiker durch seine unerträglich schwülstige Schreibart, aber er hat uns außerordentlich schätzbare Nachrichten aufbewahrt. Auf den Wunsch der Königin Balthilde ist er, der inzwischen irgendwo Abt geworden war, auch nach Chalon-sur-Saone gekommen, und hat im Nov. 659 im Reomaenser Kloster auf Verlangen des Abts das Leben des 540 gestorbenen Gründers des Klosters =Johannes= beschrieben[21].

[21] _Vita S. Johannis Reomensis._ Nach Fr. Stöber, Wiener SB. CIX, 319-398 ist es die unvollständig erhaltene des cod. Fossatensis, die anderen Versionen jüngere Bearbeitungen. Das. S. 330 (gegen A. Jahn) der Nachweis, dass die _V. Romani abb. Jur._ keine Fälschung, sondern echt und alt ist.

Einer von jenen ursprünglichen zwölf Gefährten, die mit Columban von Bangor auszogen, war =Gallus=, in älterer Form Callo, Gallunus, der in Alamannien zurückblieb, als sein Meister über die Alpen zog, und zuerst die Bekämpfung des Heidenthums am Bodensee fortsetzte, später aber als Einsiedler in das wildeste Gebirge sich zurückzog, wo er um die Mitte des siebenten Jahrhunderts gestorben ist. Als dann nach seinem Tode das Grab des Heiligen immer häufiger von irischen Pilgern aufgesucht wurde und immer mehrere von ihnen, sowie auch von den Alamannen, sich hier niederließen, erwuchs aus dem unscheinbarsten Anfang das Kloster St. Gallen, und so wie die kleine Zelle des Gottesmannes der Kern und Anfang dieser reichen Stiftung ist, so schloß sich in gleicher Weise an die Lebensbeschreibung des Stifters[22] die später so bedeutende Litteratur von St. Gallen. In ihrer ursprünglichen Form ist uns diese aber nicht erhalten; sie war nach einer alten Aufzeichnung _a Scotis semilatinis corruptius scripta_, und enthielt nach Walahfrids Zeugniß häufig die Form _Altimannia_, welche in der uns erhaltenen ältesten nicht vorkommt[23]. Der Verfasser dieser Biographie war ein Alamanne, welcher die alte barbarisch geschriebene überarbeitet hat; sein Name ist uns aber erst jetzt bekannt geworden[24], indem Fr. Bücheler in dem unglaublich barbarischen metrischen Prolog das Acrostichon erkannte: _Cozberto patri Wettinus verba salutis_. =Wetti= also ist es, der 824 nach seiner bekannten Vision gestorben ist, und dem Abt Gozbert (816-837) sein Werk widmete. Es ist daher noch bedeutend jünger als man früher annahm, wenn man auch schon erkannt hatte, daß es erst nach 771 geschrieben war. Mancher merkwürdige, namentlich culturgeschichtlich bedeutende Zug ist darin aufbewahrt, aber erst fast zwei Jahrhunderte nach dem Tode ihres Helden geschrieben, darf diese Biographie, wenn auch eine alte Grundlage vorhanden war, doch nur mit Vorsicht benutzt werden. Vorzüglich auf die Wunder, überhaupt aber auf Verherrlichung des Stifters ist das Bestreben des Verfassers gerichtet; im Anfang benutzt er das Leben Columbans, später nur die Tradition nicht ohne erhebliche chronologische Verstöße. Seine Sprache zeigt gegen die frühere Zeit einen erheblichen Fortschritt, doch ist sie für karolingische Zeit recht roh und fehlerhaft; hin und wieder fällt rhythmischer Klang mit Reimen auf.

[22] MG. SS. II, 1-21 von Ild. v. Arx nach der von ihm wieder aufgefundenen Handschrift zuerst herausgegeben. Daraus Acta SS. Oct. VII, 860. Vgl. Stälins Wirt. Gesch. II, 167, Rettberg II, 40. Uebersetzung von Potthast, Geschichtschr. 12 (VIII, 1) 1888. Neue Ausg. von G. Meyer v. Knonau, in den Mitth. z. vaterl. Gesch. (S. Gallen 1870) XII, 1-61. Nach einem älteren Irrthum von Arx ist S. 16 die Feldflasche _ascopa_ mit der Reliquiencapsel verwechselt. Der metr. Prolog bei Dümmler, Poet. Carol. II, 476, cf. 701.

[23] S. Weidmann, Gesch. d. Stiftsbibl. S. 485. Gust. Scherer, Verzeichniß der Handschriften S. 172-175.

[24] Schon Jodocus Metzler vermuthete ihn, doch ohne einen Beweis dafür zu geben; vgl. auch Mab. Anal. IV, 640.

Von Columbans Stiftung Luxeuil ging auch das Kloster =Granval= im Baseler Sprengel aus, und das Leben des ersten Abtes =Germanus=[25], der um die Mitte des siebenten Jahrhunderts erschlagen ist, wurde bald nachher von =Bobolen= beschrieben.

[25] Mabillon, Acta SS. II, 511 aus Acta SS. Feb. III, 263.

Noch andere Klöster Alamanniens und des Elsasses führten ihren Ursprung auf irische Mönche zurück und haben es auch nicht an Lebensbeschreibungen ihrer Stifter fehlen lassen, die aber erst später entstanden und völlig unbrauchbar sind. Merkwürdig ist, daß man in späterer Zeit in diesen Gegenden so gewohnt war, die Begründer der Klöster aus der merowingischen Zeit als Schotten zu betrachten, daß man sie in den Legenden unbedenklich dafür ausgab, wenn auch gar kein Grund dazu vorhanden war; auch Franken, wie =Arbogast=[26], =Trudpert= und =Landelin=[27], erscheinen da als Schotten, und sogar S. =Rupert=, der Apostel der Baiern, wird ihnen zugezählt.

[26] Mit Arbogast, Theodat und Hildulf soll =Florentius= zu Dagoberts Zeit aus Irland gekommen und Bischof von Straßburg geworden sein, das Kloster Haslach gegründet haben. Die Namen sind nichts weniger als irisch, die Legende, deren Wunder von anderen bekannten copirt sind, sehr jung und völlig unbrauchbar. Neue Ausgabe der Vita Florentii bei Ch. Schmidt, Histoire du Chapitre de Saint-Thomas de Strasbourg (1860), p. 283. Vgl. Rettberg II, 65. -- Ueber das ganz unbrauchbare Leben Trudperts s. Anm. 2 auf S. 122.

[27] Ich rechnete hierhin früher auch =Fridolin=, glaube aber jetzt, daß dies ein fränkisch umgemodelter Schottenname ist, da es von Columban Verse an einen =Fedolius= giebt, und auch Petrus Damiani Opp. II, 9 den =Fredelinus= in Poitiers als Schotten bezeichnet. Die Legende (Mone, Quellens. I, 1-16, alte Uebers. 99-111) aber gewinnt dadurch wenig, sie soll von =Balther=, einem Seckinger Mönch in einem unfindbaren Kloster Helera ad Musellam, auch einer Stiftung Fridolins zu Ehren des h. Hilarius, entdeckt und wegen Mangels an Pergament und Dinte auswendig gelernt, dann in Seckingen aufgeschrieben und mit einem zweiten Theil aus localer Tradition versehen sein. Ich kann darin nur eine Erfindung sehen, wie sie ähnlich auch sonst zur Einführung erdichteter Legenden vorkommen, und halte auch Balthers Namen und die Widmung an einen Notker für Fiction. Vgl. Rettberg II, 29. Stälin I, 166. -- Von den Versuchen, die Legende ganz oder theilweise zu retten, erwähne ich Lütolf: Die Glaubensboten der Schweiz vor Gallus (Luc. 1871), S. 267 ff. Die Erwähnung einer =Vita Fredelini= in Poitiers bei Petrus Dam. Opp. II, 9, worauf hier Gewicht gelegt wird, ist merkwürdig; aber was von diesem gesagt wird, stimmt wenig zu unserer Legende. Seine Existenz und Herkunft sind allerdings jetzt besser festgestellt. Gegen G. Heer, der einen hist. Kern retten will (NA. XIV, 627), G. Meyer v. Knonau im Anz. f. Schw. Gesch. 1889, S. 377.

Freilich sind in =Baiern= ebenfalls Schotten thätig gewesen, obwohl hier die namhaftesten Missionare Franken waren. Die Kirchengründungen aber entstanden nach irischer Weise in der Form von Klöstern, deren Aebte auch zugleich das bischöfliche Amt verwalteten. So war es in Salzburg, Regensburg und Freising, und die Rivalität zwischen den Bischöfen und den Klöstern von St. Emmeram und St. Peter zieht sich fort bis in die neueste Zeit.

Es ist kaum glaublich, daß nicht im Laufe des siebenten Jahrhunderts einzelne Missionare, Franken und Iren, in Baiern sollten thätig gewesen sein; das Christenthum war äußerlich durch die Frankenkönige eingeführt, aber wenig ins Volk eingedrungen und nach der Lockerung des staatlichen Bandes völlig verfallen, die Herzogsfamilie selbst, heißt es, ungetauft[28]. Da berief der Herzog Theodo i. J. 696 den Bischof =Rupert= von Worms zu sich, um das kirchliche Wesen einzurichten[29]. Er wurde der Begründer des nun fest und bleibend gepflanzten Christenthums in Baiern, der Stifter von St. Peter in Salzburg, von wo sein Nachfolger =Virgil= (743 als Abt, als Bischof 767 bis 784), ein Irländer, das Evangelium auch zu den karantanischen Slaven trug[30].

[28] Vgl. S. Riezler: Ueber die Entstehungszeit der Lex Bajuwariorum, Forsch. XVI, 409-446.