Part 12
Hochberühmt waren in den letzten Jahrhunderten der Kaiserherrschaft die Schulen der Grammatiker und Rhetoren in Gallien, die französischen Schriftsteller gefallen sich darin, das Bild dieser Zeiten auszumalen, und es tritt uns in den Werken von Guizot und Ampère lebendig entgegen. Diese Studien, welche noch in den letzten Jahrzehnten des Reiches so eifrig betrieben wurden, waren aber, wie sich das bei dem Charakter dieser Zeiten nicht anders erwarten läßt, dem wirklichen Leben gänzlich entfremdet, und bewegten sich nur auf dem Boden der Schule. Die Prosa war bis auf einen unerträglichen Grad verkünstelt; die gesuchte, kaum verständliche Schreibart, deren wir schon bei Ennodius und Cassiodor gedachten, ist hier auf die Spitze getrieben. Die Poesie war vorherrschend epigrammatisch und diente fast nur dem Zeitvertreib der vornehmen Welt; durch Gelegenheitsgedichte suchten die Poeten die Gunst hoher Gönner, oder diese griffen auch selbst zur Feder, und bewiesen ihre feine Bildung durch allerhand poetisches Spielwerk, wie =Ausonius= aus Bordeaux, der nach der Verwaltung bedeutender Staatsämter in Muße der Litteratur lebte und bald nach 392 gestorben ist[1]. Weniger glücklich als dieser, sah sich =Apollinaris Sidonius= schon verdammt, unter den Barbaren zu leben, und deshalb sind seine Gedichte und Briefe von um so größerem Werthe für uns: sie zeigen uns nicht nur den damaligen Zustand der Schulen und des Lebens in Gallien, sondern gewähren auch manche Kunde von den Burgunden und Westgothen, denen er mit seiner Kunst dienen mußte. Innigst verabscheut er diese Barbaren, und bei mancher Gelegenheit spricht er das unverhohlen aus, aber bewundern und feiern ließ er sich doch recht gerne von ihnen. Auch das große Hochzeitsfest der Franken, bei welchem diese von Aëtius überfallen wurden, hat Sidonius zum Preise des Siegers geschildert. Zuletzt wandte er sich der Kirche zu, welche allein noch einen sicheren Hafen darbot, wurde 471 Bischof von Clermont in der Auvergne und starb bald nach 484[2].
[1] Neue Ausg. v. C. Schenkl, MG. Auctt. antiquiss. V, 2. 1883; von Peiper 1886, Leipz. Teubner. Mosella mit frz. Uebers. und Anm. von H. de la Ville de Mirmont, Bordeaux 1889. Manitius, Gesch. d. christl. lat. Poesie (1891), S. 105-111.
[2] Teuffel § 460. Fertig, Apollinaris Sidonius und seine Zeit, in 3 Würzburger und Passauer Programmen 1845. 46. 48. Georg Kaufmann, Die Werke des C. Sollius Apollinaris Sidonius, Gött. Diss. 1864. Derselbe, Ueber Leben und Charakter des Sidonius, im Neuen Schweizer Museum, 1865. Von demselben: Rhetorenschulen und Klosterschulen oder heidnische und christliche Cultur in Gallien während des 5. und 6. Jahrhunderts, in Raumers hist. Taschenbuch IV, 10 (1869) S. 1-94. St. Sidoine Apollinaire et son siècle par l'abbé Chaix, 1867; besser als das Buch ist die Recension von G. Kaufmann, GGA. 1868, S. 1001-1021. Ebert I, 419 ff. Manitius a. a. O. S. 218-224. Mommsen, S. A. am westgoth. Hof, Berl. SB. 1885, S. 215-223. Büdinger, A. S. als Politiker, Wiener SB. XCVII, 915-954. Aufsatz von Sandret über ihn als Historiker in d. Revue des questions hist. LXIII, 210 (Juli 1882). Ausg. von Grégoire und Collombet in 3 Bänden, Lyon 1836: v. Baret, Paris 1879: v. Luetjohann MG. Auctt. antt. VIII. Migne LVIII. E. Chatelain über den cod. Vat. 3421, Mélanges Graux, S. 321-327.
Einst hatte Constantin die fränkischen Gefangenen den wilden Thieren vorwerfen lassen, weil sie ihm zu wild und treulos erschienen, um sich wie andere Barbaren zum Anbau des Landes, zum Kriegsdienst oder als Sclaven verwenden zu lassen: nur der Schrecken, meinte er, vermöge sie zu bändigen. Aber die vielfache, wenn auch feindliche Berührung mit den Römern milderte allmählich ihre Wildheit; bald finden wir Franken in ansehnlichen Aemtern bei den Römern, und schon am Ende des vierten Jahrhunderts war der Franke Arbogast Befehlshaber der Heeresmacht im westlichen Reiche. In der Mitte des fünften Jahrhunderts sind die salischen Franken von den Römern abhängig, sie führen ihre Kriege und schlagen ihre Schlachten. Mit den Römern verbündet, durchzieht der König Childerich ganz Gallien nach allen Seiten; er besiegt mit ihnen die ketzerischen Westgothen, die britischen und sächsischen Seeräuber, die plündernden Alamannen. Obgleich noch Heide, ist Childerich mit seinen Franken doch bereits dem ganzen Lande wohlbekannt, aber nicht mehr als der wildeste aller Feinde, sondern als Retter und Beschützer. Man freute sich des alten Hünen, wo man ihn sah, hoch zu Roß, in reicher und prächtiger Rüstung: der Königsmantel, in welchem seine Getreuen ihn zu Tournay bestattet haben, bestand aus purpurner golddurchwirkter Seide, wahrscheinlich besetzt mit den goldenen Bienen, die man in so großer Zahl in seinem Grabe fand und die Napoleon von ihm entlehnt hat. Natürlich war das alles von römischer Arbeit, auch sein Siegelring führte die lateinische Inschrift: CHILDIRICI REGIS[3].
[3] J. J. Chifflet, Anastasis Childerici I illustrata, Antv. 1655, 4. L'abbé Cochet, Le Tombeau de Childéric I. Paris 1859.
Da ist es denn nicht zu verwundern, daß auch daheim im Salierlande schon Römer wohnen konnten, als Gäste und Hausgenossen des Königs, ja daß auch die Salier selbst ihr eigenes Volksrecht in lateinischer Sprache aufzeichneten -- denn noch wagte oder verstand man es nicht, die fränkische zur Schriftsprache zu machen, und erst an eben dieses Rechtsbuch lehnten die ersten noch unbeholfenen Versuche sich an[4] -- und andererseits erklärt es sich auch, wie bald darauf die Vermischung der Franken mit den schon halb barbarisch gewordenen Provinzialen so leicht und rasch von Statten gehen konnte; war man doch beiderseitig schon längst daran gewöhnt, mit einander zu leben und zu verkehren.
[4] Ungeachtet anderer entgegengesetzter Ansichten scheint mir diese Auffassung dem ganzen Bildungsgang der Franken nicht nur, sondern auch anderer Völker in gleicher Lage besser zu entsprechen.
In lateinischer Sprache ist auch das älteste uns erhaltene Denkmal einheimischer Poesie der Franken verfaßt, der =Prolog zum Volksrecht der Salier=, wo das Volk der Franken hoch gepriesen wird, das schöne, kluge, tapfere und treue, das jetzt auch den katholischen Glauben empfangen habe und von jeder Ketzerei rein sei. Die frühere Abhängigkeit von den Römern erschien ihnen in der Erinnerung als die härteste Knechtschaft, deren Joch sie mit ihrer gewaltigen Kraft abgeworfen hätten, und voll Stolzes rühmen sie sich der reichen Gaben an die Kirchen der heiligen Märtyrer, gegen welche die Römer einst mit Feuer und Schwert gewüthet hätten.
Dieser letzte Satz, welcher erst lange nach der Bekehrung geschrieben sein kann, hat aber nicht mehr die rhythmische Form, welche für den Anfang dieses Prologs zuerst von Bethmann-Hollweg nachgewiesen hat[5], und dieser erste Theil, in welchem die neulich geschehene Bekehrung des Volkes erwähnt wird, scheint älterer Zeit anzugehören. Doch ist das sehr unsicher und die genauere Zeitbestimmung des Prologs viel umstritten.
[5] Schmidts Zeitschrift für Geschichte IX, 49. Vgl. Waitz, Das alte Recht der salischen Franken, S. 36 ff. und jetzt ausführlicher in d. 3. Aufl. d. Verfassungsgesch. II, 1, 122 ff. Der Schluss des Prol. aus d. Pariser Hs. Lat. 2294 bei L. Delisle, Sacramentaires p. 187.
So wie die Franken das Christenthum sogleich mit dem orthodoxen Eifer ergriffen, welcher sich in jenen Worten ausspricht, so waren sie auch der übrigen römischen Bildung durchaus nicht feind; ja Chlodovechs Enkel Chilperich, der auch für byzantinischen Hofstaat und römische Staatseinrichtung große Vorliebe zeigte, versuchte sogar das lateinische Alphabet durch Erfindung neuer Buchstaben zu verbessern, und machte selbst lateinische Verse nach dem Vorbilde des Sedulius, aber wie Gregor von Tours berichtet, wollte es ihm mit der Metrik nicht recht gelingen[6].
[6] S. darüber Gregor von Tours V, 45, und die Uebersetzung Giesebrechts I, 287. Das ihm zugeschriebene Epitaphium S. Germani bei Aimoin III, 16 scheint nicht wirklich von ihm zu sein.
Höchst charakteristisch für diese erste Zeit der Vermischung des Alten und Neuen ist die Persönlichkeit des =Venantius Fortunatus=[7]. Noch in den alten Rhetorenschulen gebildet, ist er einer der letzten Repräsentanten jener verkünstelten Schulgelehrsamkeit. Er stammte aus Italien und kam um das Jahr 565 nach Gallien, an König Sigiberts Hof, wo man viel Gefallen an dieser Poesie fand. Ueberall bei den fränkischen wie bei den römischen vornehmen Herren und Bischöfen war er ein gern gesehener Gast und auf ein Lobgedicht von ihm legte man den größten Werth. Aber mehr als alles dieses fesselte ihn die Freundschaft der heiligen Radegunde, die ihn zuletzt bewog, in den geistlichen Stand einzutreten und sich ganz nach Poitiers zurückzuziehen. Hierhin hatte Radegunde, aller Herrlichkeit der Welt entsagend, sich begeben, um ihr Leben in dem von ihr gestifteten Kloster bei den Werken der Frömmigkeit und Demuth zu beschließen, sie, einst die Gemahlin Chlothars, den sie aber nach der Ermordung ihres Bruders, des letzten Sprossen der thüringischen Königsfamilie, verlassen hatte. Nur ein Vetter von ihr war noch übrig, der in Constantinopel lebte, und an diesen schrieb nun Fortunat in ihrem Namen eine wahrhaft schöne poetische Epistel, in welcher er den Untergang des thüringischen Reiches in ergreifender Weise schildert. Ebenso schön ist ein zweites langes Gedicht über das traurige Geschick der Galswintha, Tochter des Westgothenkönigs Athanagild, der Schwester der Königin Brunhilde, die mit König Chilperich vermählt, aber bald nach der Hochzeit auf Anstiften der Fredegunde ermordet wurde[8].
[7] Baehr S. 145-161. Teuffel § 483. Ebert I, 518 ff. Manitius S. 438-470. Vgl. über ihn besonders die Werke von Guizot und Ampère. Opera poetica ed. Fr. Leo, MG. Auctt. antiquiss. IV, 1. 1881; Op. pedestria ed. Krusch ib. 2. 1886. Vgl. auch Böcking: Moselgedichte des Ausonius u. Ven. Fortunatus, Bonn 1845 (Jahrbuch der Alterthumsfreunde im Rheinland, Band VII). Fr. Leo, V. F. der letzte röm. Dichter, Deutsche Rundschau XXXII, 414-426. Sehr häufige Benutzung im MA. hat Manitius nachgewiesen.
[8] Beide Gedichte schreibt Ch. Nisard der Radegunde, Ven. nur Retouche zu, hat aber nur Widerspruch gefunden, s. NA. XIV 437. W. Lippert, Zts. f. Thür. Gesch. N. F. VII, 16-38.
Wo Fortunat in solcher Weise einen bedeutenden Gegenstand aus dem wirklichen Leben zu behandeln unternimmt, zeigt er wahres Gefühl und ungewöhnliches Talent. Aber bei weitem die Mehrzahl seiner Gedichte bewegt sich ganz in der spielenden Weise seiner Zeit; er bedichtet jede gute Mahlzeit, die Radegunde ihm zukommen läßt, und widmet jedem kleinen Vorfall ein Epigramm. Vollends unerträglich ist seine Prosa, schwülstig, geziert, kaum verständlich; nur in den von ihm verfaßten Heiligenleben redet er einfach und natürlich. Das findet sich überhaupt fast durchgehends, nur wenige derselben sind in dem gesuchten Stil der Schule geschrieben, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil sie zur Erbauung, zum Vorlesen bestimmt waren, und deshalb allgemein verständlich sein mußten.
In den Heiligenleben, die Fortunat verfaßte, herrscht übrigens der moralisch-theologische Zweck und Standpunkt zu sehr vor, als daß sie einen bedeutenden historischen Werth haben könnten; am anziehendsten und am lehrreichsten ist das =Leben der Radegunde= († 13. Aug. 587), worin das Klosterleben der damaligen Zeit anschaulich geschildert wird, doch waren auch hier so bedeutende und für das Kloster wichtige geschichtliche Vorgänge ganz übergangen, daß schon von der damaligen Aebtissin Dedimia der Nonne =Baudonivia= die Abfassung einer zweiten Biographie aufgetragen wurde, was sie gewissenhaft, wenn auch in ungeschickter Weise, bald nach 600 ausgeführt hat[9].
[9] De vita S. Radegundis libri II, ed. Krusch, SS. Meroving. II, 358-395. Vgl. Dümmler: Radegunde von Thüringen (Im neuen Reich 1871, S. 641 bis 656). Die Kehrseite zeigen die höchst ärgerlichen und anstößigen Zustände im Kloster gleich nach Radegundens Tod, Greg. Tur. IX, 39-43. X, 15-17.
Wie nun die Legenden sich schon durch ihre einfache Sprache als dem Leben näherstehend bewähren, so zeigt es sich überhaupt bald, daß die kirchliche Litteratur die einzige wahrhaft lebensfähige war. In die Kirche flüchteten sich alle, welche noch Sinn und Neigung für litterarische Bildung hatten, die in dem wilden Getümmel des weltlichen Lebens keine Stätte mehr fand. Das sahen wir an Ennodius, der auch im südlichen Gallien geboren und in den dortigen Rhetorenschulen gebildet war, an Cassiodor, Jordanis, Apollinaris Sidonius, und auch Fortunat wurde in seinem hohen Alter noch Bischof von Poitiers, wo er zu Anfang des siebenten Jahrhunderts gestorben ist.
Jene innerlich leblose gekünstelte Litteratur der Grammatiker starb mit ihren letzten, von den Franken noch vorgefundenen Repräsentanten ab, und nur die Kirche bewahrte von nun an die Keime des geistigen Lebens, welche sie naturgemäß für ihren Dienst verwandte. Freilich konnte auch sie dem Druck dieser Zeiten nicht unversehrt widerstehen; die früher in Gallien sehr bedeutende speculativ-theologische Thätigkeit hörte gänzlich auf, da man zu gewaltsam vom Drange des praktischen Lebens ergriffen wurde; aber in diesem bewahrte die Kirche eine bedeutende Stellung. Politisch war die Macht der Bischöfe im fränkischen Reiche bald größer, als sie je gewesen war, und wenn sie auch von der immer mehr überhand nehmenden Verwilderung stark ergriffen wurden, so ging der tiefere sittliche Gehalt in der Kirche doch niemals völlig verloren, und mitten in dem allgemeinen Verderben erschienen immer aufs neue einzelne Männer, welche durch Reinheit der Gesinnung und durch rückhaltlose Hingabe ihrer eigenen Person für die Gebote des Evangeliums die Verehrung ihrer Zeitgenossen und die Bewunderung der Nachwelt erzwangen. Zu keiner Zeit nach den ersten Jahrhunderten der christlichen Kirche finden wir eine größere Zahl von Heiligen als gerade damals, Männer und Frauen, großentheils von hervorragender äußerer Stellung, die durch Entsagungen aller Art, durch aufopfernde Wohlthätigkeit, durch unerschrockenes Auftreten gegen die Verbrechen der Großen und Mächtigen, sich die dankbare Verehrung des Volkes erwarben. Das äußere Leben nahm gebieterisch alle ihre Kräfte in Anspruch; für wissenschaftliche Bestrebungen war kein Raum in dieser Zeit, und die geringe litterarische Thätigkeit, welche noch Statt findet, beschränkt sich auf Predigten, moralische Schriften und Legenden, die ebenfalls als Vorbilder zum Zweck der unmittelbaren Einwirkung auf die Zeitgenossen verfaßt wurden.
Auf diesem Felde schloß sich an Sulpicius Severus eine reiche Litteratur an, und auch der Mann, mit dem wir uns zunächst zu beschäftigen haben, der bedeutendste Schriftsteller der merowingischen Zeit, Gregor von Tours, wandte der Legende seine Thätigkeit hauptsächlich zu.
§ 8. Gregor von Tours.
Opera ed. Ruinart, Paris 1699, fol. Migne LXXI. SS. Meroving. I. 1885 (Hist. Fr. ed. W. Arndt, de miraculis S. Andreae ed. M. Bonnet, die übr. Schriften v. Br. Krusch). Rec. v. Bonnet, Revue crit. 1885 N. 9 (vgl. NA. X, 603), 1886 N. 8 (vgl. NA. XI, 632). Differenzen zw. Krusch u. Bonnet NA. XII, 309-314. XVI, 432. XVII, 199-203. Krusch: Chlod. Sieg über die Alamannen, gegen Vogel, NA. XII, 289-302; zu Greg. de cursu stell. NA. XII, 303-314.
In Not. et Doc. publ. p. la Soc. de l'hist. de France (1884) giebt H. Omont S. 1-18 Nachricht von einem durch L. Delisle in Kopenhagen entdeckten Fragment e. Hs. d. Hist. in Uncialen u. einer zweiten saec. IX. Auch sind die Leid. u. Vat. Fragmente (A2 bei Arndt) abgedruckt. -- L. I-VI e cod. Corb. mit den Zusätzen d. 2. Ausg. v. H. Omont 1886. Album pal. pl. 12 codd. Belvac. Corb. pl. 13 Camerac. mit von Bethmann übersehenen Correcturen.
Uebersetzung der Gesch. mit vortrefflicher Einleitung von W. Giesebrecht. Berlin 1851, 2. Aufl. 1878 (Geschichtschr. 8. 9. VI, 4. 5). Kries, De Greg. Tur. vita et scriptis, Vratisl. 1838. Löbell, Gregor von Tours und seine Zeit, Leipzig 1839, 1869. Haeusser S. 8-17. R. Koepke in der Allg. Monatsschrift, 1852 Sept. S. 775-800. Kl. Schr. S. 289 ff. Waitz in den Gött. Gel. Anz. 1839, S. 781-793, in Schmidts Zeitschrift für Geschichte II, 44. Dazu jetzt die vortreffl. Monographie von G. Monod: Études critiques sur les sources de l'hist. Mérovingienne (Bibl. de l'Écol. des hautes études, 8 Fasc. 1872) p. 21-146 (vgl. seine oben S. 39 angeführte Recension), rec. v. Dümmler, Lit. Centr. 1872, 819; v. Waitz, GGA. 1872, 903-909; v. W. Arndt, Hist. Zeitschr. 23, 415-422. Ebert S. 566-579. Alfred Jacobs, Géographie de Grégoire de Tours et de Frédégaire, Paris 1861, u. bei der Ausg. von Guizots Uebersetzung. Longnon, Géographie de la Gaule à l'époque de Gr. de T. 1878. Le Mire, Études archéolog. sur Gr. de T. Lons-le Saulnier 1879. Bonnet, Le Latin de G. de T. Paris 1890.
Gregor von Tours stammte aus einer sehr vornehmen römischen Familie, der fast alle Bischöfe von Tours und viele Heilige angehörten. Um das Jahr 540 in Clermont-Ferrand (Arverni) geboren, erhielt er nach seinem Vater und seinem Großvater die Namen Georgius Florentius; Gregor hat er sich erst später genannt, nach seinem mütterlichen Ahnherrn, dem heiligen Gregorius, Bischof von Langres. Seinen Vater scheint er früh verloren zu haben; erzogen wurde er an seinem Geburtsort von seinem Oheim, dem heiligen Bischof Gallus, und nach dessen Tode von dem Priester Avitus, der im Jahre 571 ebenfalls Bischof von Clermont wurde. Er selbst nennt nur diesen, der ihn nicht in weltlicher, sondern in kirchlicher Wissenschaft unterwiesen habe. Doch hat er natürlich in der Schule einige Kenntniß des Vergil und Sallust bekommen, weiß auch von Marcianus Capella, aber seine Citate beschränken sich auf das erste Buch der Aeneide und den Prolog des Catilina, wie G. Kurth nachgewiesen hat, welcher daraus den Schluß zieht, daß eine Chrestomathie dieser Art damals im Schulgebrauch gewesen sei[10].
[10] Godefroy Kurth: Saint Grégoire de Tours et les études classiques au VI. siècle. Revue des questions historiques, Oct. 1878.
Im Jahr 573 erhielt Gregor von König Sigebert das Bisthum Tours, und Fortunat versäumte nicht, sein Gedicht dazu zu machen; Gregor, der ihm nahe befreundet war, hat ihn später sogar mit einem Landgütchen beschenkt.
Der Bischof von Tours, der Nachfolger des heiligen Martin, war eine der ansehnlichsten Personen im fränkischen Reiche, ein Kirchenfürst von bedeutender Macht, und mehr noch wegen der ungemeinen Verehrung des heiligen Martin ein Mann, auf den die Blicke vieler Menschen gerichtet waren und dessen Stimme bei allen Staatshändeln von Gewicht war. Bei den inneren Kriegen unter den Merowingern konnte es daher nicht fehlen, daß Gregor sehr bald in schwierige Verwickelungen hineingezogen wurde, und gleich anfangs sah er sich in sehr gefährdeter Lage, als Chilperich die Stadt Tours seiner Herrschaft unterwarf. Er benahm sich aber stets mit Klugheit und Festigkeit, und wußte sich selbst gegen erbitterte und mächtige Feinde zu behaupten. Nach Chilperichs Tode (584) stieg sein Ansehen, und von nun an war er einer der einflußreichsten Männer im Reiche. Allgemein geachtet starb er am 17. Nov. 594, und hinterließ ein dankbares Andenken in seinem Sprengel, für den er in jeder Beziehung mit unermüdlichem Eifer thätig gewesen war; man verehrte ihn sogar als einen Heiligen. Seine im zehnten Jahrhundert in Tours verfaßte Biographie hebt nur diese Seite hervor, und gewährt fast keine neue Belehrung über ihn[11].
[11] Die darin von ihm erzählte Reise nach Rom ist erfunden, s. Monod p. 37. Als Verfasser ist von Ruinart ohne Grund der Abt Odo von Cluny genannt, ib. p. 25.
Vieles hatte Gregor erlebt und gesehen, von seiner Kindheit an, wo die Auvergne der Schauplatz des Kampfes zwischen Chlothar und Childebert war, bis zu dem blutigen Streite der Königinnen Brunhilde und Fredegunde; seitdem er zu den Bischöfen des Reichs gehörte, konnte kein bedeutendes Ereigniß eintreten, ohne ihn unmittelbar zu berühren; von allem erfuhr er, und an vielen wichtigen Staatsgeschäften nahm er persönlich Theil; einen großen Theil des Reiches kannte er aus persönlicher Anschauung. Da erwachte in ihm der Wunsch, die Kunde dieser Dinge auch der Nachwelt zu überliefern, und während er das Leben der Heiligen beschrieb und reiche Sammlungen von Wundergeschichten verzeichnete, arbeitete er zugleich unablässig an dem Geschichtswerke, welchem wir fast allein unsere Kenntniß von dem Reiche der Merowinger verdanken. Noch trägt es die Spuren seiner allmählichen Entstehung, man erkennt spätere Nachträge, und es fehlt ihm die letzte Vollendung. Um so größer ist deshalb die Glaubwürdigkeit der letzten Bücher, in welche er den Ereignissen gleichzeitig die Zeitgeschichte eintrug.
Häufig nennt man dieses Werk die Kirchengeschichte der Franken, und in manchen Handschriften trägt es nach dem Vorbild des Beda diesen Titel (_Historia ecclesiastica Francorum_). Allein so sehr auch dem Charakter der Zeit entsprechend das kirchliche Element vorwiegt, der Inhalt zeigt doch, daß jene Ueberschrift den Grundgedanken des Werkes nicht ausdrückt und also nicht von Gregor herrühren kann. Richtiger nennt man es: _Zehn Bücher fränkischer Geschichten_.
Gregor hatte bereits Vorgänger gehabt; er selbst, und nur er allein, hat uns (II, 8. 9) Namen und Bruchstücke von zwei verlorenen Historikern aufbewahrt, von =Renatus Profuturus Frigeridus=[12], dessen zwölftes Buch der Geschichten er anführt, und =Sulpicius Alexander=. Aber diese scheinen beide noch den Zeiten der letzten Kaiser angehört zu haben, und niemand versuchte mehr das Andenken dieser trüben Zeiten aufzuzeichnen. Mit der Klage darüber beginnt Gregor sein Werk. Jetzt, da die Pflege der schönen Wissenschaften in den Städten Galliens vernachlässigt, ja sogar gänzlich in Verfall gerathen sei[13], so lauten die inhaltsschweren Worte, jetzt finde sich kein Gelehrter, dem die Kunst der Rede zu Gebote stände[14], der in Prosa oder Versen die Begebenheiten der Gegenwart der Nachwelt aufbewahre. Laut klage das Volk: Wehe über unsere Tage, daß die Pflege der Wissenschaften bei uns untergegangen ist und niemand sich findet, der, was zu unsern Zeiten geschehen, berichten könnte! Deshalb also, weil kein anderer auftrete, habe er es auf sich genommen, das Gedächtniß dieser Tage den Nachkommen zu überliefern.
[12] J. Grimm, Ueber Jornandes S. 17, erklärt den letzten Namen für gothisch. Beide Namen kommen bei Ammian XXXI, 7 vor. Schirren, De Jord. p. 7, vermuthet in dem Profuturus ep. Braccarensis, an welchen Pabst Vigilius 538 schreibt, den Autor.
[13] Decedente atque immo potius pereunte ab urbibus Gallicanis liberalium cultura litterarum.
[14] Peritus dialectica in arte grammaticus.