Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, Erster Band (von 2)

Part 11

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Den Anfang der barbarischen Heimsuchung Spaniens erlebte noch =Orosius=, der Augustins Geschichte des Reiches Gottes auf dessen Wunsch die Schilderung des Elendes dieser Welt zur Seite stellte. Er wollte darin nachweisen, daß nicht das Christenthum, wie die Heiden behaupteten, das Elend über die Welt gebracht habe, sondern daß es zu allen Zeiten viel Trübsal und Leiden gegeben: eine Auffassung, welche in den Zeiten des Unglücks und der Verwirrung überall Anklang fand und großen Einfluß auf die Ansichten der mittelalterlichen Geschichtschreiber geübt hat, ganz besonders auf Otto von Freising, dessen Chronik sich unmittelbar an Augustin und Orosius anschließt. Für uns mindert die unhistorische Auffassung des Orosius, die dadurch bedingte einseitige Benutzung und Entstellung seiner Quellen, und sein ziemlich leichtfertiges Verfahren, den Werth, welchen sein Werk sonst durch die Benutzung jetzt verlorener Schriften, namentlich des Livius, haben würde. Im Anfang legt auch er den Eusebius in der Bearbeitung des Hieronymus und des Rufin zu Grunde, schreibt dann vorzüglich den Justin aus und geht endlich zu einer ganz überwiegenden Darstellung der römischen Geschichte über. Das römische Reich ist ihm nach der erst kurz zuvor, wenn auch nicht zuerst, von Hieronymus aufgestellten Deutung die vierte Weltmonarchie; als die vorhergehenden aber sieht er, abweichend von den späteren Chronisten, das babylonische, macedonische und karthagische Reich an. Am Schlusse seines Werkes giebt Orosius die Geschichte seiner Zeit bis 417, in welchem Jahre er seine Geschichte schrieb, und dieser Abschnitt hat, obschon dürftig und ganz erfüllt von dem engherzigen Geiste der pfäffischen Hofpartei, welcher so eben der Sturz des großen Stilico gelungen war, doch selbständigen Werth, und enthält namentlich gute Nachrichten über Spanien und die Geschichte der Westgothen[1].

[1] Th. de Mörner, De Orosii vita eiusque Historiarum libris VII adversus paganos. Berol. 1844. 8. Vgl. Papencordt, Geschichte der Vand. 337-340. 365. Büdinger in Sybels Zeitschrift VII, 113. Pallmann II, 236-245. (Gegen dessen Vermuthung einer Fortsetzung unter dem Titel _De Placidia et moribus ejus_, Waitz, Gött. Nachr. 1865, S. 113. Zangemeister in der kl. Ausg. v. 1890 Praef. p. XXI.) Ebert S. 337-344. Ausgabe von Zangemeister im Wiener Corpus V, 1882. Rec. von Krusch, HZ. L, 472-476, darin S. 475 über das Jahr 417, nach Orosius Rechnung 419.

Unter der westgothischen Herrschaft entstanden ferner mehrere jener wortkargen annalistischen Aufzeichnungen, welche sich an die Chronik des Hieronymus anschlossen, und in den späteren Weltchroniken regelmäßig den Uebergang vom Hieronymus zum Beda bilden, weshalb eine Zeit lang westgothische, später angelsächsische Namen vorherrschen. Die wichtigste dieser Chroniken, für viele Begebenheiten unsere einzige Quelle, ist das Werk des Aquitaniers =Tiro Prosper=, wie er an einigen Stellen genannt wird, oder kurzweg =Prosper=, wie er gewöhnlich heißt[2]. Um 400 geboren, hat Prosper sich eine für jene Zeit hervorragende Bildung erworben, und zwar haben ihn, obgleich er Laie war und blieb[3], ganz vorzüglich theologische Studien beschäftigt. Als eifriger Verehrer und Bewunderer Augustins kämpfte er wacker gegen Pelagianer und andere Ketzer, und erwarb sich als Schriftsteller einen angesehenen Namen. Im Jahre 440 scheint er den Pabst Leo nach Rom begleitet zu haben; er wird als Verfasser von Briefen genannt, welche Leo's Namen tragen, und blieb fortan, vermuthlich als Notar, am römischen Hofe, wo er die Angst vor Attila und den Schrecken der vandalischen Eroberung erlebte. Hier, wie es scheint, hat er sein _Chronicon_ geschrieben, oder doch vollendet, welches in erster Redaction bis 445 reicht[4], in zweiter bis 455 fortgeführt ist[5]. Er beginnt mit der Erschaffung der Welt, beschränkt sich aber im ersten Theile ganz auf einen grundschlechten Auszug aus Hieronymus, welcher dessen eigenthümlichen Vorzug, die chronologische Bestimmtheit und Uebersichtlichkeit, ganz zerstört. Von Christi Tod an beginnt bei ihm das Verzeichniß der Consuln, welches er einem Exemplare der Ravennatischen Fasten entlehnte. Auch finden sich Zusätze, welche sich vorzüglich auf die verschiedenen Ketzereien beziehen und aus Augustins Schriften entlehnt sind. Weiterhin sind auch andere Quellen benutzt, darunter die Geschichte des ihm geistesverwandten Orosius. Spätestens von 425 an berichtet er als Zeitgenosse, und zwar über einen Zeitraum, aus welchem andere Quellen fast ganz mangeln. Flüchtig und nachlässig, in dürftiger Kürze berichtet er auch hier, aber werthvoll ist in hohem Grade, was er mittheilt. Dem Interesse des römischen Stuhles zeigt er sich überall eifrig ergeben, und verändert sogar Nachrichten des Hieronymus in solcher Tendenz.

[2] S. über ihn die Abhandlung von Holder-Egger im NA. I, 13-90, welche ich hier zu Grunde lege.

[3] Holder-Egger S. 55, bes. auf Gennadius gestützt. Mommsen freilich nimmt geistlichen Stand an, weil er in dem Schreiben an Augustin einen Diaconus seinen _frater_ nennt. Das ist jedoch schon von den alten geistlichen Herausgebern als irrelevant zurückgewiesen.

[4] _Chronicon vulgatum_ genannt, weil es zuerst, als Fortsetzung des Hieronymus, bekannt wurde, in allen Drucken mit Interpolationen. Ueber die älteste Ausgabe s. oben S. 9 Anm. 5. Erste und beste kritische von Pontacus: Chronica trium illustrium auctorum. Burdigalae 1604. Mommsen nimmt wegen der abschliessenden Berechnung eine erste Ausgabe bis 433 an, eine zweite bis 443, an welche Victor Tonnenensis (so schreibt M.) sich anschloss.

[5] _Chronicum integrum_ ed. Labbe, Bibl. nova Manuscriptorum, Paris 1657, I, 16-55. Jetzt allein brauchbar die Ausgabe von Mommsen u. d. T. _Epitoma chronicon_. Auctt. antt. I, 341-485, woran sich verschiedene Additamente schliessen. (So weit konnte ich diesen Band benutzen.)

Verständiger Weise hat man schon früh den ersten Theil bis 378 als werthlos fortgelassen, und nur den zweiten als Fortsetzung mit der Chronik des Hieronymus verbunden. In dieser Gestalt wurde die Chronik als bequemstes Handbuch der Weltgeschichte schon sehr früh allgemein benutzt, und noch im 16. Jahrhundert häufig gedruckt, jedoch mit Zusätzen, welche den ursprünglichen Text verdunkeln. Man verband damit die Fortsetzung des Matthaeus Palmerius bis 1449, die weitere des Matthias Palmerius bis 1482, und fügte noch eine Fortführung bis zum Druckjahre hinzu, weil man den praktischen Gebrauch im Auge hatte.

Eine Ueberarbeitung der Chronik des Prosper bis 445, mit einer römischen Fortsetzung bis 451, die noch Verwandtschaft mit dem Text des Prosper zeigt, ist in Afrika, wahrscheinlich in Karthago, verfaßt und bis 457 fortgeführt, mit Benutzung der Consularfasten. Hinzugefügt ist eine Uebersicht der Geschichte des vandalischen Reiches von der Einnahme von Karthago bis zum Untergang des Reichs 533[6].

[6] Das sog. _Chronicon Canisianum_, auch _Ulricianum_ und _Augustanum_ nach dem Fundort der HS. in St. Ulrich u. Afra. Diese und die zweite Pariser HS. stammen aus der Sammlung des Reichenauer Reginbert. Ausg. Canis. I, 148 u. 306 ed. II. Bibl. Max. Patr. Col. V pars III. Lugd. VIII. Ronc. I, 677-704. S. Holder-Egger im NA. I, 24. 37-47. 278 u. S. 280 bis 291 über den vat. Auszug mit Forts. bis 466 u. _Auctarium Prosperi_ e cod. Vat. Christ. 2077.

Irrthümlich Prosper zugeschrieben ist das _Chronicon imperiale_ oder _Pithoeanum_ (379-455), welches am Anfang und am Ende mit Prosper übereinstimmt, übrigens aber in Form und Inhalt ganz verschieden ist. Als Zeitrechnung dienen hier die Regierungsjahre der Kaiser. Verfaßt ist es, wahrscheinlich vom Autor selbst, als Fortsetzung des Hieronymus; wenigstens findet es sich nur mit diesem verbunden. Geschrieben ist es auf Grundlage der Consularfasten mit Benutzung des Rufinus und anderer unbekannter Quellen im südlichen Gallien, vielleicht in Marseille, mit besonderer Verehrung des Klosters Lerins. In scharfem Gegensatz zu Prosper erscheint der Verfasser zwar auch von lebhaftem kirchlichen Interesse erfüllt, aber Augustin abgeneigt und semipelagianistisch gesinnt. Holder-Egger vermuthet, daß die Chronik vielleicht unvollendet blieb und von anderer Hand aus Prosper ergänzt wurde, um den Uebergang zum Marius zu bilden. Benutzt ist es nur von dem sog. Severus Sulpicius und später von Sigebert, durch den es allgemein bekannt und verbreitet wurde. Es ist voll von chronologischen Irrthümern, aber enthält wichtige Nachrichten über die Geschicke der germanischen Völker in Gallien[7].

[7] Holder-Egger im NA. I, 91-120. Ausg. von Pithou 1588 etc. Roncall. I, 739-760.

Von erheblichem Werthe und namentlich durch gute Nachrichten über die Sueven und Westgothen sehr schätzbar ist die Chronik des galizischen Bischofs =Idatius= oder =Hydatius= (gebürtig aus Lamego, daher =Lemicensis=), welcher den Hieronymus fortsetzte, und nach seiner eigenen Angabe bis 427, in welchem Jahre er Bischof wurde, aus Büchern und den Berichten der Zeitgenossen schöpfte, von da an bis 467 aus eigener Erfahrung von den Begebenheiten berichtete, in welchen er als angesehener Bischof eine nicht unbedeutende Rolle spielte[8].

[8] Ronc. II, 1-54. Sirmondi opera varia II. Ausg. von De Ram, Brux. 1845. Migne LI. Vgl. Baehr S. 208-212. Papencordt, Gesch. d. Vandalen S. 352-355. Ebert S. 443. Krusch, NA. VII, 475-478. Ueber sein Verhältniß zu den Consularfasten. Mommsen, Auctt. antt. IX, 201 (oben S. 58).

Eine grundschlechte, doch durch ihren Inhalt wichtige Chronik schrieb =Victor=, Bischof der unbekannten Stadt =Tunnuna= in der afrikanischen Proconsularprovinz. Er scheint von der Schöpfung begonnen zu haben, aber erhalten ist sein Werk nur als Fortsetzung des Prosper (444-566)[9]. An dasselbe schließt sich die Fortsetzung eines Gothen, =Johannes von Biclaro=, der aber in Constantinopel seine Bildung erhalten hatte, bis zum Jahre 590. Er stiftete 586 das Kloster Biclaro am Fuße der Pyrenäen, wo er auch seine Chronik geschrieben hat; 591 ist er Bischof von Gerona geworden[10].

[9] Ronc. II, 337. Migne LXVIII. Vgl. Baehr S. 217. Papencordt S. 359-365. Ebert S. 586. Holder-Egger im NA. I, 298-300. Scaliger benutzte dieselbe Abschrift Schotts, s. darüber C. Frick, Rhein. Mus. f. Philol. N. F. XLIV, 369-373.

[10] Ausg. von Canisius mit Victor Tunnunensis 1600 etc. Baehr S. 218. Ebert S. 587. Zu warnen ist vor den von Papencordt benutzten und durch ihn weiter gelangten, gefälschten Fragmenten des angeblichen =Victor Cartenensis=.

Eine Fortsetzung des Prosper bis 581 schrieb in Burgund der Bischof =Marius von Avenches=, auf welchen wir noch zurückkommen. Eine eigenthümliche Umgestaltung des Textes mit werthvollen Zusätzen und Fortsetzung bis 641 bietet uns der =Continuator Prosperi Havniensis=, so genannt, weil die Handschrift 1836 von G. Waitz in Kopenhagen entdeckt wurde. Lange nur durch spärliche Mittheilungen bekannt, wurde sie endlich von G. Hille abgeschrieben und 1866 in einer Berliner Dissertation herausgegeben. Der Verfasser schrieb im Langobardenreich, vielleicht in Mailand, gehörte aber der romanischen Bevölkerung an. Er versah schon Hieronymus und Prosper mit Zusätzen aus Isidor, einem Pabstkatalog und den Consularfasten; auch hat er gallische Annalen benutzt. Der Fortsetzung fehlen die Jahre 458-474. Beim Jahre 523 hört die Rechnung nach Consuln auf, und die Regierungen der Kaiser treten an die Stelle, wie bei Isidor, welcher von nun an dem Verfasser als Leitfaden dient[11].

[11] Bethmann im Arch. X. 380. Waitz, Nachr. 1865 N. 4. Holder-Egger im NA. I, 259-268. Theilweise Auctt. antt. IX in den Consularia Ital. herausgegeben.

Näher auf diese Werke einzugehen, deren Werth nur in ihrem materiellen Inhalt besteht, würde hier nicht am Orte sein; sie durften nicht ganz übergangen werden, weil sie den Uebergang zu den späteren Chronisten bildeten, denen vorzüglich Prosper und Idatius ganz allgemein als Grundlage für diese Zeiten dienten: die weiteren Quellen der westgothischen Geschichte aber dürfen wir hier wohl unbedenklich bei Seite lassen[12]. Dagegen haben wir noch eines Mannes zu gedenken, der, wie jene Vertreter der alten grammatischen Bildung am Hofe von Ravenna, alles was von der überlieferten Schulbildung noch übrig war, in sich aufgenommen hatte, und durch seine Schriften einer der einflußreichsten Lehrer des Mittelalters geworden ist, nämlich =Isidor von Sevilla=[13].

[12] Hervorzuheben ist noch des =B. Julian von Toledo= _Historia Wambae regis_ über den Aufstand des Herzogs Paulus von Narbonne und den Sieg des Königs 674. Duchesne I, 821 etc. Migne XCVI. Ebert S. 604. Ein gefeierter Schriftsteller, Apostel der Sueven in Gallicien, war der Pannonier =Martin=, gest. 580 als Bischof von =Bracara= (Braga). Seine culturhistorisch wichtige Schrift _De correctione rusticorum_ hat 1883 Caspari mit gründlicher Einleitung über sein Leben herausgegeben. Vgl. Krusch, HZ. LII, 128-130. Ueber die neue Ausg. und die Hss. der Chronik des =Isidorus Pacensis= aus dem 8. Jahrh. s. P. Ewald, NA. X, 604.

[13] Isidori Hispalensis Opera ed. Arevalo, 1790-1803. 7 Bände in quarto. Vol. VII enthält die historischen Schriften. Migne LXXXI bis LXXXIV. Baehr, S. 221. Ebert S. 588-602.

Isidor war der Sohn des Severian, eines Provinzialen aus dem District von Karthagena. Er folgte seinem Bruder Leander auf dem bischöflichen Stuhle von Sevilla, und starb 636. Außer vielen anderen Werken, brachte er die Summe aller Kenntnisse, welche er sich vermittelst der damals noch vorhandenen Hülfsmittel erworben hatte, in ein Compendium, die 20 Bücher _Originum sive Etymologiarum_, welche eine außerordentliche Verbreitung erlangten und allgemein gelesen und benutzt wurden[14]. Heut zu Tage ist man geneigt diese Bestrebungen gering zu schätzen, ja ihnen zu zürnen, weil dadurch die älteren und besseren Werke verdrängt wurden. Allein es war damals schwer sich eine Bibliothek zu sammeln; nur wenige von denen, welche sich mit Wissenschaften überhaupt beschäftigten, konnten sich die umfangreichen Handschriften der alten Classiker verschaffen, und deshalb gewannen die leicht zugänglichen Auszüge eine so rasche Verbreitung. Es ist sehr fraglich, ob sich die reineren Quellen besser erhalten haben würden, wenn auch niemand Auszüge daraus verfaßt hätte; diese dagegen setzten auch unbemittelte Schüler in den Stand, wenigstens etwas zu lernen.

[14] Ausg. von Arevalo, Vol. III. IV, von Otto in Lindemanns Corpus Grammatt. Vol. III. 1833. Migne LXXXII. Ueber die Quellen eine Gött. Diss. von Dressel, 1875. Die Benutzung der Prata Suetons (Suetonii Reliquiae ed. Reifferscheid 1860) ist stark überschätzt. Vgl. L. Traube, Commentationes Wölfflin. p. 198 ff.

In jenem umfassenden Werke, welches freilich auch die mäßigsten Ansprüche unbefriedigt läßt, ist nun auch eine kurze Chronik oder chronologische Uebersicht, _liber de discretione temporum_, enthalten, ein Auszug aus der zwölf Jahre früher verfaßten =Chronik=, welche in gedrängtester Kürze eine Uebersicht der Begebenheiten von der Erschaffung der Welt bis zum fünften Jahre des Heraklius, dem vierten des Sisebut (615) giebt[15]. Eigenthümlich ist Isidor die Eintheilung nach den =sechs Weltaltern=, entsprechend den sechs Schöpfungstagen; das letzte beginnt mit Christi Geburt und Augusti Kaiserthum. Es ist das ein bei Augustin wiederholt vorkommender Gedanke[16], welcher hier zuerst chronistisch verwerthet wurde und später durch Beda allgemeine Verbreitung fand.

[15] Bis era 654. Den Ursprung dieser spanischen, 38 a. C. beginnenden Zeitrechnung findet Joh. Heller in dem Anfangsjahr der Ostercyclen, Hist. Zeitschr. XXXI, 13-32. -- Kurze Fortsetzung bis 877 MG. SS. XIII, 725.

[16] Gegen Büdinger, welcher Isidor für den Urheber derselben hielt, nachgewiesen von Ebert S. 233 u. 599, u. von H. Hertzberg in seiner Abh. über die Chroniken des Isidor, Forsch. XV, 289-360, wo auch die Quellen derselben nachgewiesen sind.

So sehr nun auch Isidor von der kirchlichen Auffassung der Geschichte erfüllt war, so hatte er doch auch ein lebhaftes Gefühl für sein Land und für das Volk der Westgothen, von deren Milde und Menschenfreundlichkeit er ein schönes Zeugniß ablegt. Denn nachdem er die Einnahme Roms durch Alarich und die dabei geübte Schonung beschrieben hat, fügt er hinzu: „Deshalb lieben auch bis auf den heutigen Tag die Römer, welche im Reiche der Gothen leben, die Herrschaft derselben so sehr, daß sie es für besser halten, mit den Gothen in Armuth zu leben, als unter den Römern mächtig zu sein und die schwere Last der Abgaben zu tragen.“ Das steht in der _Volksgeschichte der Westgothen_, welche er verfaßt hat, kurz zwar und dürftig für uns, die wir nach eingehenderer Darstellung verlangen, aber doch nicht ohne Geschick zusammengefaßt und mit Wärme erzählt. Kurze Geschichten der Vandalen und der Sueven schließen sich daran. Vorangeschickt aber ist ein überschwengliches Lob Spaniens, das jetzt von dem blühenden Volke der Gothen in Reichthum und glücklicher Sicherheit beherrscht werde. Dieses Stück fehlt jedoch in den meisten Handschriften und ist nicht von Isidor[17].

[17] Auch nicht die Recapitulatio, nach Hugo Hertzberg: Die Historien des Is. (Gött. Diss. 1874) mit genauer Analyse der Quellen, zu welchen vorzüglich auch die verlorene Geschichte des Bisch. =Maximus von Zaragoza= bis c. 620 gehört, aus welcher auch die Randglossen zum Victor Tunnunensis stammen (S. 65-72). Vgl. NA. IX, 244. Uebers. d. Volksgeschichten von D. Coste 1887, Geschichtschr. 10 (VII, I).

Außerdem aber haben wir endlich noch ein Werk des Isidor zu erwähnen, welches ebenfalls große Verbreitung gefunden und manchen zur Nachahmung gereizt hat. Das ist sein litterarhistorisches Buch _De scriptoribus ecclesiasticis_. Er selbst folgte darin dem Vorgange des Hieronymus und des Gennadius, eines Marseiller Priesters im fünften Jahrhundert. Ihm schloß sich dann zunächst =Ildefons von Toledo= an und darauf nach langem Zwischenraume im zwölften Jahrhundert =Sigebert=, =Honorius=, =Petrus Diaconus= und der ungenannte Mönch, welcher nach dem Fundort der Handschrift von =Melk= (Anonymus Mellicensis) genannt wird[18], aber dem Inhalt nach vielmehr nach =Regensburg= gehört, alle dürftig und mager, aber schätzbar durch einige nur von ihnen aufbewahrte Nachrichten. Im dreizehnten Jahrhundert folgte ihnen =Heinrich von Gent=[19] und endlich am Schlusse des Mittelalters der vielbelesene, aber unzuverlässige =Johann von Trittenheim=[20]. Denselben Gegenstand behandelte im 12. Jahrhundert =Conrad von Hirschau= in seinem _Dialogus super auctores_[21], und im Jahre 1380 =Hugo von Trimberg=, Lehrer zu St. Gangolf in Bamberg, in Versen, in seinem _Registrum multorum auctorum_, dessen nicht eben reicher Ertrag von M. Haupt geprüft ist, in den Sitzungsberichten der Berliner Akademie 1854, S. 142 ff.; vollständig herausgegeben von Joh. Huemer[22].

[18] Ueber die viel bessere gleichzeitige Handschrift in Admunt s. NA. II, 421.

[19] Der Name beruht nur auf der Ausgabe von Suffridus Petri 1580. Sicher ist er verschieden von dem bekannten Philosophen des Namens, s. Hauréau, Mém. de l'Acad. des Inscriptions XXX, II, 349-357.

[20] Alle zusammen gedruckt in J. A. Fabricius Bibliotheca ecclesiastica. Vgl. Baehr S. 228-245. Die gänzlich unzuverlässigen, zum Theil geradezu erfundenen Angaben des Trithemius sind lange Zeit ohne Prüfung angenommen und werden noch jetzt häufig unvorsichtig nachgeschrieben. Adolf Helmsdörffer in seinen Forschungen zur Geschichte Wilhelms v. Hirschau (Gött. 1874) S. 35 ff. weist sehr gut nach, wie Trithemius in seinen eigenen Schriften sich nicht gleich bleibt, die erfundenen Schriftsteller seiner Annales Hirsaug. in den älteren Verzeichnissen selbst nicht kennt. (Vgl. auch Silbernagel, Trith. 1885, über die Zusätze der Würzb. Hs. zu seinem Catalogus illustrium virorum.) Er verweist auf ein ungedrucktes Werk des Abts =Andreas von Michelsberg= _Opus canonisatum de Ordine S. Benedicti_, welches in Verbindung mit ihm steht (s. Arch. XI, 421-424). =Nicolaus de Siegen= in Erfurt in seinem _Chronicon ecclesiasticum_ (ed. Wegele, Thür. Geschichtsquellen II, 1855) scheint ihn schon benutzt zu haben. Ein _Congestus virorum illustrium Ordinis S. Benedicti_ von =Petrus Gallus Wagner= 1487 in St. Ulrich und Afra verfaßt, ist noch ungedruckt und scheint unabhängig zu sein. Das (werthlose) von =Radulfus de Diceto= seiner Chronik vorausgeschickte Verzeichniß seiner Gewährsmänner s. in der Ausg. von W. Stubbs, Lond. 1876, NA. III, 208.

[21] Entdeckt und herausgegeben von G. Schepss im Progr. des alten Gymn. in Würzburg 1889.

[22] Wiener SB. CXVI, 145-190. Ueber eine zweite von A. Ebner gefundene Hs. NA. XVI, 203.

§ 7. Die Franken.

Histoire Littéraire de la France, 1733 ff. Guizot, Histoire de la Civilisation en France depuis la chute de l'Empire Romain, zuerst 1830 erschienen. Ampère, Histoire Littéraire de la France avant le douzième siècle. 3 Vol. 1839, 1840. Aug. Thierry, Récits des temps Mérovingiens, 1840. Löbell, Gregor von Tours und seine Zeit, 1839. Zweite Ausg. 1869. Ozanam, Études Germaniques, 1845-1849; 3. Ausg. 1861. Junghans, Die Gesch. d. Fränk. Könige Childerich u. Chlodevech, 1857. Diss. traduite par M. Gabriel Monod, augmentée d'une introduction et de notes nouvelles, 1879. G. Monod, Bibliographie de l'histoire de France, 1888.

Die Gothen waren ohne Zweifel ein wohlbegabter, bildungsfähiger Stamm und ihre Anfänge vielversprechend; aber die Westgothen zeigen nach Isidor keine fortschreitende Entwickelung in der Litteratur, und der Ostgothen Reich war in vollster Auflösung begriffen, als es den Feldherren Justinians erlag. Keines der deutschen Reiche, welche auf römischem Boden errichtet wurden, vermochte die innere Festigkeit und Ordnung zu gewinnen, welche allein die Grundlage einer dauernden und fortschreitenden Geistesbildung und litterarischen Entwickelung darbieten kann. Einen ganz ähnlichen Verlauf der Dinge sehen wir auch bei den Franken: auch sie finden einige Reste der alten Bildung vor, welche sich eine Zeit lang kümmerlich erhalten; in der Kirche regt sich dann einige litterarische Thätigkeit, aber zuletzt droht doch alles in der allgemeinen Auflösung und Verwirrung rettungslos unterzugehen, und es bedarf einer Neubelebung der fast ganz erstorbenen Keime, um ein besseres Zeitalter herbeizuführen auf der Grundlage festerer staatlicher Bildungen.