Deutschland. Ein Wintermärchen
Part 3
Minden ist eine feste Burg, Hat gute Wehr und Waffen! Mit preußischen Festungen hab ich jedoch Nicht gerne was zu schaffen.
Wir kamen dort an zur Abendzeit. Die Planken der Zugbrück' stöhnten So schaurig, als wir hinübergerollt; Die dunklen Gräben gähnten.
Die hohen Bastionen schauten mich an, So drohend und verdrossen; Das große Tor ging rasselnd auf, Ward rasselnd wieder geschlossen.
Ach! meine Seele ward betrübt, Wie des Odysseus Seele, Als er gehört, daß Polyphem Den Felsblock schob vor die Höhle.
Es trat an den Wagen ein Korporal Und frug uns: wie wir hießen? »Ich heiße Niemand, bin Augenarzt Und steche den Star den Riesen.«
Im Wirtshaus ward mir noch schlimmer zumut, Das Essen wollt mir nicht schmecken. Ging schlafen sogleich, doch schlief ich nicht, Mich drückten so schwer die Decken.
Es war ein breites Federbett, Gardinen von rotem Damaste, Der Himmel von verblichenem Gold, Mit einem schmutzigen Quaste.
Verfluchter Quast! der die ganze Nacht Die liebe Ruhe mir raubte! Er hing mir, wie des Damokles Schwert, So drohend über dem Haupte!
Schien manchmal ein Schlangenkopf zu sein, Und ich hörte ihn heimlich zischen: »Du bist und bleibst in der Festung jetzt, Du kannst nicht mehr entwischen!«
»Oh, daß ich wäre« - seufzte ich - »Daß ich zu Hause wäre, Bei meiner lieben Frau in Paris, Im Faubourg Poissonnière!«
Ich fühlte, wie über die Stirne mir Auch manchmal etwas gestrichen, Gleich einer kalten Zensorhand, Und meine Gedanken wichen -
Gendarmen in Leichenlaken gehüllt, Ein weißes Spukgewirre, Umringte mein Bett, ich hörte auch Unheimliches Kettengeklirre.
Ach! die Gespenster schleppten mich fort, Und ich hab mich endlich befunden An einer steilen Felsenwand; Dort war ich festgebunden.
Der böse schmutzige Betthimmelquast! Ich fand ihn gleichfalls wieder, Doch sah er jetzt wie ein Geier aus, Mit Krallen und schwarzem Gefieder.
Er glich dem preußischen Adler jetzt, Und hielt meinen Leib umklammert; Er fraß mir die Leber aus der Brust, Ich habe gestöhnt und gejammert.
Ich jammerte lange - da krähte der Hahn, Und der Fiebertraum erblaßte. Ich lag zu Minden im schwitzenden Bett, Der Adler ward wieder zum Quaste.
Ich reiste fort mit Extrapost, Und schöpfte freien Odem Erst draußen in der freien Natur, Auf bückeburg'schem Boden.
CAPUT XIX
Oh, Danton, du hast dich sehr geirrt Und mußtest den Irrtum büßen! Mitnehmen kann man das Vaterland An den Sohlen, an den Füßen.
Das halbe Fürstentum Bückeburg Blieb mir an den Stiefeln kleben; So lehmichte Wege habe ich wohl Noch nie gesehen im Leben.
Zu Bückeburg stieg ich ab in der Stadt, Um dort zu betrachten die Stammburg, Wo mein Großvater geboren ward; Die Großmutter war aus Hamburg.
Ich kam nach Hannover um Mittagzeit, Und ließ mir die Stiefel putzen. Ich ging sogleich, die Stadt zu besehn, Ich reise gern mit Nutzen.
Mein Gott! da sieht es sauber aus! Der Kot liegt nicht auf den Gassen. Viel Prachtgebäude sah ich dort, Sehr imponierende Massen.
Besonders gefiel mir ein großer Platz, Umgeben von stattlichen Häusern; Dort wohnt der König, dort steht sein Palast, Er ist von schönem Äußern
(Nämlich der Palast). Vor dem Portal Zu jeder Seite ein Schildhaus. Rotröcke mit Flinten halten dort Wacht, Sie sehen drohend und wild aus.
Mein Cicerone sprach: »Hier wohnt Der Ernst Augustus, ein alter, Hochtoryscher Lord, ein Edelmann, Sehr rüstig für sein Alter.
Idyllisch sicher haust er hier, Denn besser als alle Trabanten Beschützet ihn der mangelnde Mut Von unseren lieben Bekannten.
Ich seh ihn zuweilen, er klagt alsdann, Wie gar langweilig das Amt sei, Das Königsamt, wozu er jetzt Hier in Hannover verdammt sei.
An großbritannisches Leben gewöhnt, Sei es ihm hier zu enge, Ihn plage der Spleen, er fürchte schier, Daß er sich mal erhänge.
Vorgestern fand ich ihn traurig gebückt Am Kamin, in der Morgenstunde; Er kochte höchstselbst ein Lavement Für seine kranken Hunde.«
CAPUT XX
Von Harburg fuhr ich in einer Stund' Nach Hamburg. Es war schon Abend. Die Sterne am Himmel grüßten mich, Die Luft war lind und labend.
Und als ich zu meiner Frau Mutter kam, Erschrak sie fast vor Freude; Sie rief: »Mein liebes Kind!« und schlug Zusammen die Hände beide.
»Mein liebes Kind, wohl dreizehn Jahr' Verflossen unterdessen! Du wirst gewiß sehr hungrig sein - Sag an, was willst du essen?
Ich habe Fisch und Gänsefleisch Und schöne Apfelsinen.« »So gib mir Fisch und Gänsefleisch Und schöne Apfelsinen.«
Und als ich aß mit großem App'tit, Die Mutter ward glücklich und munter, Sie frug wohl dies, sie frug wohl das, Verfängliche Fragen mitunter.
»Mein liebes Kind! und wirst du auch Recht sorgsam gepflegt in der Fremde? Versteht deine Frau die Haushaltung, Und flickt sie dir Strümpfe und Hemde?«
»Der Fisch ist gut, lieb Mütterlein, Doch muß man ihn schweigend verzehren; Man kriegt so leicht eine Grät' in den Hals, Du darfst mich jetzt nicht stören.«
Und als ich den braven Fisch verzehrt, Die Gans ward aufgetragen. Die Mutter frug wieder wohl dies, wohl das, Mitunter verfängliche Fragen.
»Mein liebes Kind! in welchem Land Läßt sich am besten leben? Hier oder in Frankreich? und welchem Volk Wirst du den Vorzug geben?«
»Die deutsche Gans, lieb Mütterlein, Ist gut, jedoch die Franzosen, Sie stopfen die Gänse besser als wir, Auch haben sie bessere Saucen.« -
Und als die Gans sich wieder empfahl, Da machten ihre Aufwartung Die Apfelsinen, sie schmeckten so süß, Ganz über alle Erwartung.
Die Mutter aber fing wieder an Zu fragen sehr vergnüglich, Nach tausend Dingen, mitunter sogar Nach Dingen, die sehr anzüglich.
»Mein liebes Kind! Wie denkst du jetzt? Treibst du noch immer aus Neigung Die Politik? Zu welcher Partei Gehörst du mit Überzeugung?«
»Die Apfelsinen, lieb Mütterlein, Sind gut, und mit wahrem Vergnügen Verschlucke ich den süßen Saft, Und ich lasse die Schalen liegen.«
CAPUT XXI
Die Stadt, zur Hälfte abgebrannt, Wird aufgebaut allmählich; Wie 'n Pudel, der halb geschoren ist, Sieht Hamburg aus, trübselig.
Gar manche Gassen fehlen mir, Die ich nur ungern vermisse - Wo ist das Haus, wo ich geküßt Der Liebe erste Küsse?
Wo ist die Druckerei, wo ich Die »Reisebilder« druckte? Wo ist der Austerkeller, wo ich Die ersten Austern schluckte?
Und der Dreckwall, wo ist der Dreckwall hin? Ich kann ihn vergeblich suchen! Wo ist der Pavillon, wo ich Gegessen so manchen Kuchen?
Wo ist das Rathaus, worin der Senat Und die Bürgerschaft gethronet? Ein Raub der Flammen! Die Flamme hat Das Heiligste nicht verschonet.
Die Leute seufzten noch vor Angst, Und mit wehmüt'gem Gesichte Erzählten sie mir vom großen Brand Die schreckliche Geschichte:
»Es brannte an allen Ecken zugleich, Man sah nur Rauch und Flammen! Die Kirchentürme loderten auf Und stürzten krachend zusammen.
Die alte Börse ist verbrannt, Wo unsere Väter gewandelt, Und miteinander jahrhundertelang So redlich als möglich gehandelt.
Die Bank, die silberne Seele der Stadt, Und die Bücher, wo eingeschrieben Jedweden Mannes Banko-Wert, Gottlob! sie sind uns geblieben!
Gottlob! man kollektierte für uns Selbst bei den fernsten Nationen - Ein gutes Geschäft - die Kollekte betrug Wohl an die acht Millionen.
Aus allen Ländern floß das Geld In unsre offnen Hände, Auch Viktualien nahmen wir an, Verschmähten keine Spende.
Man schickte uns Kleider und Betten genug, Auch Brot und Fleisch und Suppen! Der König von Preußen wollte sogar Uns schicken seine Truppen.
Der materielle Schaden ward Vergütet, das ließ sich schätzen - Jedoch den Schrecken, unseren Schreck, Den kann uns niemand ersetzen!«
Aufmunternd sprach ich: »Ihr lieben Leut', Ihr müßt nicht jammern und flennen; Troja war eine bessere Stadt Und mußte doch verbrennen.
Baut eure Häuser wieder auf Und trocknet eure Pfützen, Und schafft euch beßre Gesetze an Und beßre Feuerspritzen.
Gießt nicht zuviel Cayenne-Piment In eure Mockturtlesuppen, Auch eure Karpfen sind euch nicht gesund, Ihr kocht sie so fett mit den Schuppen.
Kalkuten schaden euch nicht viel, Doch hütet euch vor der Tücke Des Vogels, der sein Ei gelegt In des Bürgermeisters Perücke. - -
Wer dieser fatale Vogel ist, Ich brauch es euch nicht zu sagen - Denk ich an ihn, so dreht sich herum Das Essen in meinem Magen.«
CAPUT XXII
Noch mehr verändert als die Stadt Sind mir die Menschen erschienen, Sie gehn so betrübt und gebrochen herum, Wie wandelnde Ruinen.
Die Mageren sind noch dünner jetzt, Noch fetter sind die Feisten, Die Kinder sind alt, die Alten sind Kindisch geworden, die meisten.
Gar manche, die ich als Kälber verließ, Fand ich als Ochsen wieder; Gar manches kleine Gänschen ward Zur Gans mit stolzem Gefieder.
Die alte Gudel fand ich geschminkt Und geputzt wie eine Sirene; Hat schwarze Locken sich angeschafft Und blendendweiße Zähne.
Am besten hat sich konserviert Mein Freund, der Papierverkäufer; Sein Haar ward gelb und umwallt sein Haupt, Sieht aus wie Johannes der Täufer.
Den ***, den sah ich nur von fern, Er huschte mir rasch vorüber; Ich höre, sein Geist ist abgebrannt Und war versichert bei Bieber.
Auch meinen alten Zensor sah Ich wieder. Im Nebel, gebücket, Begegnet' er mir auf dem Gänsemarkt, Schien sehr darniedergedrücket.
Wir schüttelten uns die Hände, es schwamm Im Auge des Manns eine Träne. Wie freute er sich, mich wiederzusehn! Es war eine rührende Szene. -
Nicht alle fand ich. Mancher hat Das Zeitliche gesegnet. Ach! meinem Gumpelino sogar Bin ich nicht mehr begegnet.
Der Edle hatte ausgehaucht Die große Seele soeben, Und wird als verklärter Seraph jetzt Am Throne Jehovas schweben.
Vergebens suchte ich überall Den krummen Adonis, der Tassen Und Nachtgeschirr von Porzellan Feilbot in Hamburgs Gassen.
Sarras, der treue Pudel, ist tot. Ein großer Verlust! Ich wette, Daß Campe lieber ein ganzes Schock Schriftsteller verloren hätte. - -
Die Population des Hamburger Staats Besteht, seit Menschengedenken, Aus Juden und Christen; es pflegen auch Die letztren nicht viel zu verschenken.
Die Christen sind alle ziemlich gut, Auch essen sie gut zu Mittag, Und ihre Wechsel bezahlen sie prompt, Noch vor dem letzten Respittag.
Die Juden teilen sich wieder ein In zwei verschiedne Parteien; Die Alten gehn in die Synagog', Und in den Tempel die Neuen.
Die Neuen essen Schweinefleisch, Zeigen sich widersetzig, Sind Demokraten; die Alten sind Vielmehr aristokrätzig.
Ich liebe die Alten, ich liebe die Neu'n - Doch schwör ich, beim ewigen Gotte, Ich liebe gewisse Fischchen noch mehr, Man heißt sie geräucherte Sprotte.
CAPUT XXIII
Als Republik war Hamburg nie So groß wie Venedig und Florenz, Doch Hamburg hat bessere Austern; man speist Die besten im Keller von Lorenz.
Es war ein schöner Abend, als ich Mich hinbegab mit Campen; Wir wollten miteinander dort In Rheinwein und Austern schlampampen.
Auch gute Gesellschaft fand ich dort, Mit Freude sah ich wieder Manch alten Genossen, zum Beispiel Chaufepié, Auch manche neue Brüder.
Da war der Wille, dessen Gesicht Ein Stammbuch, worin mit Hieben Die akademischen Feinde sich Recht leserlich eingeschrieben.
Da war der Fucks, ein blinder Heid' Und persönlicher Feind des Jehova, Glaubt nur an Hegel und etwa noch An die Venus des Canova.
Mein Campe war Amphitryo Und lächelte vor Wonne; Sein Auge strahlte Seligkeit, Wie eine verklärte Madonne.
Ich aß und trank, mit gutem App'tit, Und dachte in meinem Gemüte: 'Der Campe ist wirklich ein großer Mann, Ist aller Verleger Blüte.
Ein andrer Verleger hätte mich Vielleicht verhungern lassen, Der aber gibt mir zu trinken sogar; Werde ihn niemals verlassen.
Ich danke dem Schöpfer in der Höh', Der diesen Saft der Reben Erschuf, und zum Verleger mir Den Julius Campe gegeben!
Ich danke dem Schöpfer in der Höh', Der, durch sein großes Werde, Die Austern erschaffen in der See Und den Rheinwein auf der Erde!
Der auch Zitronen wachsen ließ, Die Austern zu betauen - Nun laß mich, Vater, diese Nacht Das Essen gut verdauen!'
Der Rheinwein stimmt mich immer weich Und löst jedwedes Zerwürfnis In meiner Brust, entzündet darin Der Menschenliebe Bedürfnis.
Es treibt mich aus dem Zimmer hinaus, Ich muß in den Straßen schlendern; Die Seele sucht eine Seele und späht Nach zärtlich weißen Gewändern.
In solchen Momenten zerfließe ich fast Vor Wehmut und vor Sehnen; Die Katzen scheinen mir alle grau, Die Weiber alle Helenen. - - -
Und als ich auf die Drehbahn kam, Da sah ich im Mondenschimmer Ein hehres Weib, ein wunderbar Hochbusiges Frauenzimmer.
Ihr Antlitz war rund und kerngesund, Die Augen wie blaue Turkoasen, Die Wangen wie Rosen, wie Kirschen der Mund, Auch etwas rötlich die Nase.
Ihr Haupt bedeckte eine Mütz' Von weißem gesteiftem Linnen, Gefältelt wie eine Mauerkron', Mit Türmchen und zackigen Zinnen.
Sie trug eine weiße Tunika, Bis an die Waden reichend. Und welche Waden! Das Fußgestell Zwei dorischen Säulen gleichend.
Die weltlichste Natürlichkeit Konnt man in den Zügen lesen; Doch das übermenschliche Hinterteil Verriet ein höheres Wesen.
Sie trat zu mir heran und sprach: »Willkommen an der Elbe Nach dreizehnjähr'ger Abwesenheit - Ich sehe, du bist noch derselbe!
Du suchst die schönen Seelen vielleicht, Die dir so oft begegent Und mit dir geschwärmt die Nacht hindurch, In dieser schönen Gegend.
Das Leben verschlang sie, das Ungetüm, Die hundertköpfige Hyder; Du findest nicht die alte Zeit Und die Zeitgenössinnen wieder!
Du findest die holden Blumen nicht mehr, Die das junge Herz vergöttert; Hier blühten sie - jetzt sind sie verwelkt, Und der Sturm hat sie entblättert.
Verwelkt, entblättert, zertreten sogar Von rohen Schicksalsfüßen - Mein Freund, das ist auf Erden das Los Von allem Schönen und Süßen!«
»Wer bist du?« - rief ich - »du schaust mich an Wie'n Traum aus alten Zeiten - Wo wohnst du, großes Frauenbild? Und darf ich dich begleiten?«
Da lächelte das Weib und sprach: »Du irrst dich, ich bin eine feine, Anständ'ge, moralische Person; Du irrst dich, ich bin nicht so eine.
Ich bin nicht so eine kleine Mamsell, So eine welsche Lorettin - Denn wisse: ich bin Hammonia, Hamburgs beschützende Göttin!
Du stutzest und erschreckst sogar, Du sonst so mutiger Sänger! Willst du mich noch begleiten jetzt? Wohlan, so zögre nicht länger.«
Ich aber lachte laut und rief: »Ich folge auf der Stelle - Schreit du voran, ich folge dir, Und ging' es in die Hölle!«
CAPUT XXIV
Wie ich die enge Sahltrepp' hinauf Gekommen, ich kann es nicht sagen; Es haben unsichtbare Geister mich Vielleicht hinaufgetragen.
Hier, in Hammonias Kämmerlein, Verflossen mir schnell die Stunden. Die Göttin gestand die Sympathie, Die sie immer für mich empfunden.
»Siehst du« - sprach sie -, »in früherer Zeit War mir am meisten teuer Der Sänger, der den Messias besang Auf seiner frommen Leier.
Dort auf der Kommode steht noch jetzt Die Büste von meinem Klopstock, Jedoch seit Jahren dient sie mir Nur noch als Haubenkopfstock.
Du bist mein Liebling jetzt, es hängt Dein Bildnis zu Häupten des Bettes; Und, siehst du, ein frischer Lorbeer umkränzt Den Rahmen des holden Porträtes.
Nur daß du meine Söhne so oft Genergelt, ich muß es gestehen, Hat mich zuweilen tief verletzt; Das darf nicht mehr geschehen.
Es hat die Zeit dich hoffentlich Von solcher Unart geheilet, Und dir eine größere Toleranz Sogar für Narren erteilet.
Doch sprich, wie kam der Gedanke dir, Zu reisen nach dem Norden In solcher Jahrzeit? Das Wetter ist Schon winterlich geworden!«
»Oh, meine Göttin!« - erwiderte ich - »Es schlafen tief im Grunde Des Menschenherzens Gedanken, die oft Erwachen zur unrechten Stunde.
Es ging mir äußerlich ziemlich gut, Doch innerlich war ich beklommen, Und die Beklemmnis täglich wuchs - Ich hatte das Heimweh bekommen.
Die sonst so leichte französische Luft, Sie fing mich an zu drücken; Ich mußte Atem schöpfen hier In Deutschland, um nicht zu ersticken.
Ich sehnte mich nach Torfgeruch, Nach deutschem Tabaksdampfe; Es bebte mein Fuß vor Ungeduld, Daß er deutschen Boden stampfe.
Ich seufzte des Nachts, und sehnte mich, Daß ich sie wiedersähe, Die alte Frau, die am Dammtor wohnt; Das Lottchen wohnt in der Nähe.
Auch jenem edlen alten Herrn, Der immer mich ausgescholten Und immer großmütig beschützt, auch ihm Hat mancher Seufzer gegolten.
Ich wollte wieder aus seinem Mund Vernehmen den 'dummen Jungen', Das hat mir immer wie Musik Im Herzen nachgeklungen.
Ich sehnte mich nach dem blauen Rauch, Der aufsteigt aus deutschen Schornsteinen, Nach niedersächsischen Nachtigall'n, Nach stillen Buchenhainen.
Ich sehnte mich nach den Plätzen sogar, Nach jenen Leidensstationen, Wo ich geschleppt das Jugendkreuz Und meine Dornenkronen.
Ich wollte weinen, wo ich einst Geweint die bittersten Tränen - Ich glaube, Vaterlandsliebe nennt Man dieses törichte Sehnen.
Ich spreche nicht gern davon; es ist Nur eine Krankheit im Grunde. Verschämten Gemütes, verberge ich stets Dem Publiko meine Wunde.
Fatal ist mir das Lumpenpack, Das, um die Herzen zu rühren, Den Patriotismus trägt zur Schau Mit allen seinen Geschwüren.
Schamlose schäbige Bettler sind's, Almosen wollen sie haben - Ein'n Pfennig Popularität Für Menzel und seine Schwaben!
Oh, meine Göttin, du hast mich heut In weicher Stimmung gefunden; Bin etwas krank, doch pfleg ich mich, Und ich werde bald gesunden.
Ja, ich bin krank, und du könntest mir Die Seele sehr erfrischen Durch eine gute Tasse Tee; Du mußt ihn mit Rum vermischen.«
CAPUT XXV
Die Göttin hat mir Tee gekocht Und Rum hineingegossen; Sie selber aber hat den Rum Ganz ohne Tee genossen.
An meine Schulter lehnte sie Ihr Haupt (die Mauerkrone, Die Mütze, ward etwas zerknittert davon), Und sie sprach mit sanftem Tone:
»Ich dachte manchmal mit Schrecken dran, Daß du in dem sittenlosen Paris so ganz ohne Aufsicht lebst, Bei jenen frivolen Franzosen.
Du schlenderst dort herum und hast Nicht mal an deiner Seite Einen treuen deutschen Verleger, der dich Als Mentor warne und leite.
Und die Verführung ist dort so groß, Dort gibt es so viele Sylphiden, Die ungesund, und gar zu leicht Verliert man den Seelenfrieden.
Geh nicht zurück und bleib bei uns; Hier herrschen noch Zucht und Sitte, Und manches stille Vergnügen blüht Auch hier, in unserer Mitte.
Bleib bei uns in Deutschland, es wird dir hier Jetzt besser als ehmals munden; Wir schreiten fort, du hast gewiß Den Fortschritt selbst gefunden.
Auch die Zensur ist nicht mehr streng, Hoffmann wird älter und milder Und streicht nicht mehr mit Jugendzorn Dir deine 'Reisebilder'.
Du selbst bist älter und milder jetzt, Wirst dich in manches schicken, Und wirst sogar die Vergangenheit In besserem Lichte erblicken.
Ja, daß es uns früher so schrecklich ging, In Deutschland, ist Übertreibung; Man konnte entrinnen der Knechtschaft, wie einst In Rom, durch Selbstentleibung.
Gedankenfreiheit genoß das Volk, Sie war für die großen Massen, Beschränkung traf nur die g'ringe Zahl Derjen'gen, die drucken lassen.
Gesetzlose Willkür herrschte nie, Dem schlimmsten Demagogen Ward niemals ohne Urteilspruch Die Staatskokarde entzogen.
So übel war es in Deutschland nie, Trotz aller Zeitbedrängnis - Glaub mir, verhungert ist nie ein Mensch In einem deutschen Gefängnis.
Es blühte in der Vergangenheit So manche schöne Erscheinung Des Glaubens und der Gemütlichkeit; Jetzt herrscht nur Zweifel, Verneinung.
Die praktische äußere Freiheit wird einst Das Ideal vertilgen, Das wir im Busen getragen - es war So rein wie der Traum der Liljen!
Auch unsre schöne Poesie Erlischt, sie ist schon ein wenig Erloschen; mit andern Königen stirbt Auch Freiligraths Mohrenkönig.
Der Enkel wird essen und trinken genug, Doch nicht in beschaulicher Stille; Es poltert heran ein Spektakelstück, Zu Ende geht die Idylle.
Oh, könntest du schweigen, ich würde dir Das Buch des Schicksals entsiegeln, Ich ließe dir spätere Zeiten sehn In meinen Zauberspiegeln.
Was ich den sterblichen Menschen nie Gezeigt, ich möcht es dir zeigen: Die Zukunft deines Vaterlands - Doch ach! du kannst nicht schweigen!«
»Mein Gott, o Göttin!« - rief ich entzückt - »Das wäre mein größtes Vergnügen, Laß mich das künftige Deutschland sehn - Ich bin ein Mann und verschwiegen.
Ich will dir schwören jeden Eid, Den du nur magst begehren, Mein Schweigen zu verbürgen dir - Sag an, wie soll ich schwören?«
Doch jene erwiderte: »Schwöre mir In Vater Abrahams Weise, Wie er Eliesern schwören ließ, Als dieser sich gab auf die Reise.
Heb auf das Gewand und lege die Hand Hier unten an meine Hüften, Und schwöre mir Verschwiegenheit In Reden und in Schriften!«
Ein feierlicher Moment! Ich war Wie angeweht vom Hauche Der Vorzeit, als ich schwur den Eid, Nach uraltem Erzväterbrauche.
Ich hob das Gewand der Göttin auf, Und legte an ihre Hüften Die Hand, gelobend Verschwiegenheit In Reden und in Schriften.
CAPUT XXVI
Die Wangen der Göttin glühten so rot (Ich glaube, in die Krone Stieg ihr der Rum), und sie sprach zu mir In sehr wehmütigem Tone:
»Ich werde alt. Geboren bin ich Am Tage von Hamburgs Begründung. Die Mutter war Schellfischkönigin Hier an der Elbe Mündung.
Mein Vater war ein großer Monarch, Carolus Magnus geheißen, Er war noch mächt'ger und klüger sogar Als Friedrich der Große von Preußen.
Der Stuhl ist zu Aachen, auf welchem er Am Tage der Krönung ruhte; Den Stuhl, worauf er saß in der Nacht, Den erbte die Mutter, die gute.
Die Mutter hinterließ ihn mir, Ein Möbel von scheinlosem Äußern, Doch böte mir Rothschild all sein Geld, Ich würde ihn nicht veräußern.
Siehst du, dort in dem Winkel steht Ein alter Sessel, zerrissen Das Leder der Lehne, von Mottenfraß Zernagt das Polsterkissen.
Doch gehe hin und hebe auf Das Kissen von dem Sessel, Du schaust eine runde Öffnung dann, Darunter einen Kessel -
Das ist ein Zauberkessel, worin Die magischen Kräfte brauen, Und steckst du in die Ründung den Kopf, So wirst du die Zukunft schauen -
Die Zukunft Deutschlands erblickst du hier, Gleich wogenden Phantasmen, Doch schaudre nicht, wenn aus dem Wust Aufsteigen die Miasmen!«
Sie sprach's und lachte sonderbar, Ich aber ließ mich nicht schrecken, Neugierig eilte ich, den Kopf In die furchtbare Ründung zu stecken.
Was ich gesehn, verrate ich nicht, Ich habe zu schweigen versprochen, Erlaubt ist mir zu sagen kaum, O Gott! was ich gerochen! - - -
Ich denke mit Widerwillen noch An jene schnöden, verfluchten Vorspielgerüche, das schien ein Gemisch Von altem Kohl und Juchten.
Entsetzlich waren die Düfte, o Gott! Die sich nachher erhuben; Es war, als fegte man den Mist Aus sechsunddreißig Gruben. - - -
Ich weiß wohl, was Saint-Just gesagt Weiland im Wohlfahrtsausschuß: Man heile die große Krankheit nicht Mit Rosenöl und Moschus -
Doch dieser deutsche Zukunftsduft Mocht alles überragen, Was meine Nase je geahnt - Ich konnt es nicht länger ertragen - - -
Mir schwanden die Sinne, und als ich aufschlug Die Augen, saß ich an der Seite Der Göttin noch immer, es lehnte mein Haupt An ihre Brust, die breite.
Es blitzte ihr Blick, es glühte ihr Mund, Es zuckten die Nüstern der Nase, Bacchantisch umschlang sie den Dichter und sang Mit schauerlich wilder Ekstase:
»Bleib bei mir in Hamburg, ich liebe dich, Wir wollen trinken und essen Den Wein und die Austern der Gegenwart, Und die dunkle Zukunft vergessen.
Den Deckel darauf! damit uns nicht Der Mißduft die Freude vertrübet - Ich liebe dich, wie je ein Weib Einen deutschen Poeten geliebet!
Ich küsse dich, und ich fühle, wie mich Dein Genius begeistert; Es hat ein wunderbarer Rausch Sich meiner Seele bemeistert.
Mir ist, als ob ich auf der Straß' Die Nachtwächter singen hörte - Es sind Hymenäen, Hochzeitmusik, Mein süßer Lustgefährte!
Jetzt kommen die reitenden Diener auch Mit üppig lodernden Fackeln, Sie tanzen ehrbar den Fackeltanz, Sie springen und hüpfen und wackeln.
Es kommt der hoch- und wohlweise Senat, Es kommen die Oberalten; Der Bürgermeister räuspert sich Und will eine Rede halten.
In glänzender Uniform erscheint Das Korps der Diplomaten; Sie gratulieren mit Vorbehalt Im Namen der Nachbarstaaten.
Es kommt die geistliche Deputation, Rabbiner und Pastöre - Doch ach! da kommt der Hoffmann auch Mit seiner Zensorschere!