Deutschland. Ein Wintermärchen
Part 2
Und jedesmal, wenn ich ein Haus Bezeichnet in solcher Weise, Ein Sterbeglöckchen erscholl fernher, Wehmütig wimmernd und leise.
Am Himmel aber erblich der Mond, Er wurde immer trüber; Gleich schwarzen Rossen jagten an ihm Die wilden Wolken vorüber.
Und immer ging hinter mir einher Mit seinem verborgenen Beile Die dunkle Gestalt - so wanderten wir Wohl eine gute Weile.
Wir gehen und gehen, bis wir zuletzt Wieder zum Domplatz gelangen; Weit offen standen die Pforten dort, Wir sind hineingegangen.
Es herrschte im ungeheuren Raum Nur Tod und Nacht und Schweigen; Es brannten Ampeln hie und da, Um die Dunkelheit recht zu zeigen.
Ich wandelte lange den Pfeilern entlang Und hörte nur die Tritte Von meinem Begleiter, er folgte mir Auch hier bei jedem Schritte.
Wir kamen endlich zu einem Ort, Wo funkelnde Kerzenhelle Und blitzendes Gold und Edelstein; Das war die Drei-Königs-Kapelle.
Die Heil'gen Drei Könige jedoch, Die sonst so still dort lagen, O Wunder! sie saßen aufrecht jetzt Auf ihren Sarkophagen.
Drei Totengerippe, phantastisch geputzt, Mit Kronen auf den elenden Vergilbten Schädeln, sie trugen auch Das Zepter in knöchernen Händen.
Wie Hampelmänner bewegten sie Die längstverstorbenen Knochen; Die haben nach Moder und zugleich Nach Weihrauchduft gerochen.
Der eine bewegte sogar den Mund Und hielt eine Rede, sehr lange; Er setzte mir auseinander, warum Er meinen Respekt verlange.
Zuerst weil er ein Toter sei, Und zweitens weil er ein König, Und drittens weil er ein Heil'ger sei - Das alles rührte mich wenig.
Ich gab ihm zur Antwort lachenden Muts: »Vergebens ist deine Bemühung! Ich sehe, daß du der Vergangenheit Gehörst in jeder Beziehung.
Fort! fort von hier! im tiefen Grab Ist eure natürliche Stelle. Das Leben nimmt jetzt in Beschlag Die Schätze dieser Kapelle.
Der Zukunft fröhliche Kavallerie Soll hier im Dome hausen, Und weicht ihr nicht willig, so brauch ich Gewalt Und laß euch mit Kolben lausen!«
So sprach ich, und ich drehte mich um, Da sah ich furchtbar blinken Des stummen Begleiters furchtbares Beil - Und er verstand mein Winken.
Er nahte sich, und mit dem Beil Zerschmetterte er die armen Skelette des Aberglaubens, er schlug Sie nieder ohn' Erbarmen.
Es dröhnte der Hiebe Widerhall Aus allen Gewölben, entsetzlich! - Blutströme schossen aus meiner Brust, Und ich erwachte plötzlich.
CAPUT VIII
Von Köllen bis Hagen kostet die Post Fünf Taler sechs Groschen preußisch. Die Diligence war leider besetzt, Und ich kam in die offene Beichais'.
Ein Spätherbstmorgen, feucht und grau, Im Schlamme keuchte der Wagen; Doch trotz des schlechten Wetters und Wegs Durchströmte mich süßes Behagen.
Das ist ja meine Heimatluft! Die glühende Wange empfand es! Und dieser Landstraßenkot, er ist Der Dreck meines Vaterlandes!
Die Pferde wedelten mit dem Schwanz So traulich wie alte Bekannte, Und ihre Mistküchlein dünkten mir schön Wie die Äpfel der Atalante!
Wir fuhren durch Mühlheim. Die Stadt ist nett, Die Menschen still und fleißig. War dort zuletzt im Monat Mai Des Jahres einunddreißig.
Damals stand alles im Blütenschmuck, Und die Sonnenlichter lachten, Die Vögel sangen sehnsuchtvoll, Und die Menschen hofften und dachten -
Sie dachten: 'Die magere Ritterschaft Wird bald von hinnen reisen, Und der Abschiedstrunk wird ihnen kredenzt Aus langen Flaschen von Eisen!
Und die Freiheit kommt mit Spiel und Tanz, Mit der Fahne, der weißblauroten; Vielleicht holt sie sogar aus dem Grab Den Bonaparte, den Toten!'
Ach Gott! die Ritter sind immer noch hier, Und manche dieser Gäuche, Die spindeldürre gekommen ins Land, Die haben jetzt dicke Bäuche.
Die blassen Kanaillen, die ausgesehn Wie Liebe, Glauben und Hoffen, Sie haben seitdem in unserm Wein Sich rote Nasen gesoffen - - -
Und die Freiheit hat sich den Fuß verrenkt, Kann nicht mehr springen und stürmen; Die Trikolore in Paris Schaut traurig herab von den Türmen.
Der Kaiser ist auferstanden seitdem, Doch die englischen Würmer haben Aus ihm einen stillen Mann gemacht, Und er ließ sich wieder begraben.
Hab selber sein Leichenbegängnis gesehn, Ich sah den goldenen Wagen Und die goldenen Siegesgöttinnen drauf, Die den goldenen Sarg getragen.
Den Elysäischen Feldern entlang, Durch des Triumphes Bogen, Wohl durch den Nebel, wohl über den Schnee Kam langsam der Zug gezogen.
Mißtönend schauerlich war die Musik. Die Musikanten starrten Vor Kälte. Wehmütig grüßten mich Die Adler der Standarten.
Die Menschen schauten so geisterhaft In alter Erinnrung verloren - Der imperiale Märchentraum War wieder heraufbeschworen.
Ich weinte an jenem Tag. Mir sind Die Tränen ins Auge gekommen, Als ich den verschollenen Liebesruf, Das »Vive l'Empereur!«, vernommen.
CAPUT IX
Von Köllen war ich drei Viertel auf acht Des Morgens fortgereiset; Wir kamen nach Hagen schon gegen drei, Da wird zu Mittag gespeiset.
Der Tisch war gedeckt. Hier fand ich ganz Die altgermanische Küche. Sei mir gegrüßt, mein Sauerkraut, Holdselig sind deine Gerüche!
Gestovte Kastanien im grünen Kohl! So aß ich sie einst bei der Mutter! Ihr heimischen Stockfische, seid mir gegrüßt! Wie schwimmt ihr klug in der Butter!
Jedwedem fühlenden Herzen bleibt Das Vaterland ewig teuer - Ich liebe auch recht braun geschmort Die Bücklinge und Eier.
Wie jauchzten die Würste im spritzelnden Fett! Die Krammetsvögel, die frommen Gebratenen Englein mit Apfelmus, Sie zwitscherten mir: »Willkommen!«
»Willkommen, Landsmann« - zwitscherten sie - »Bist lange ausgeblieben, Hast dich mit fremdem Gevögel so lang In der Fremde herumgetrieben!«
Es stand auf dem Tische eine Gans, Ein stilles, gemütliches Wesen. Sie hat vielleicht mich einst geliebt, Als wir beide noch jung gewesen.
Sie blickte mich an so bedeutungsvoll, So innig, so treu, so wehe! Besaß eine schöne Seele gewiß, Doch war das Fleisch sehr zähe.
Auch einen Schweinskopf trug man auf In einer zinnernen Schüssel; Noch immer schmückt man den Schweinen bei uns Mit Lorbeerblättern den Rüssel.
CAPUT X
Dicht hinter Hagen ward es Nacht, Und ich fühlte in den Gedärmen Ein seltsames Frösteln. Ich konnte mich erst Zu Unna, im Wirtshaus, erwärmen.
Ein hübsches Mädchen fand ich dort, Die schenkte mir freundlich den Punsch ein; Wie gelbe Seide das Lockenhaar, Die Augen sanft wie Mondschein.
Den lispelnd westfälischen Akzent Vernahm ich mit Wollust wieder. Viel süße Erinnerung dampfte der Punsch, Ich dachte der lieben Brüder,
Der lieben Westfalen, womit ich so oft In Göttingen getrunken, Bis wir gerührt einander ans Herz Und unter die Tische gesunken!
Ich habe sie immer so liebgehabt, Die lieben, guten Westfalen, Ein Volk, so fest, so sicher, so treu, Ganz ohne Gleißen und Prahlen.
Wie standen sie prächtig auf der Mensur Mit ihren Löwenherzen! Es fielen so grade, so ehrlich gemeint, Die Quarten und die Terzen.
Sie fechten gut, sie trinken gut, Und wenn sie die Hand dir reichen Zum Freundschaftsbündnis, dann weinen sie; Sind sentimentale Eichen.
Der Himmel erhalte dich, wackres Volk, Er segne deine Saaten, Bewahre dich vor Krieg und Ruhm, Vor Helden und Heldentaten.
Er schenke deinen Söhnen stets Ein sehr gelindes Examen, Und deine Töchter bringe er hübsch Unter die Haube - Amen!
CAPUT XI
Das ist der Teutoburger Wald, Den Tacitus beschrieben, Das ist der klassische Morast, Wo Varus steckengeblieben.
Hier schlug ihn der Cheruskerfürst, Der Hermann, der edle Recke; Die deutsche Nationalität, Die siegte in diesem Drecke.
Wenn Hermann nicht die Schlacht gewann, Mit seinen blonden Horden, So gäb es deutsche Freiheit nicht mehr, Wir wären römisch geworden!
In unserem Vaterland herrschten jetzt Nur römische Sprache und Sitten, Vestalen gäb es in München sogar, Die Schwaben hießen Quiriten!
Der Hengstenberg wär ein Haruspex Und grübelte in den Gedärmen Von Ochsen. Neander wär ein Augur Und schaute nach Vögelschwärmen.
Birch-Pfeiffer söffe Terpentin, Wie einst die römischen Damen. (Man sagt, daß sie dadurch den Urin Besonders wohlriechend bekamen.)
Der Raumer wäre kein deutscher Lump, Er wäre ein röm'scher Lumpacius. Der Freiligrath dichtete ohne Reim, Wie weiland Flaccus Horatius.
Der grobe Bettler, Vater Jahn, Der hieße jetzt Grobianus. Me hercule! Maßmann spräche Latein, Der Marcus Tullius Maßmanus!
Die Wahrheitsfreunde würden jetzt Mit Löwen, Hyänen, Schakalen Sich raufen in der Arena, anstatt Mit Hunden in kleinen Journalen.
Wir hätten _einen_ Nero jetzt, Statt Landesväter drei Dutzend. Wir schnitten uns die Adern auf, Den Schergen der Knechtschaft trutzend.
Der Schelling wär ganz ein Seneca, Und käme in solchem Konflikt um. Zu unsrem Cornelius sagten wir: »Cacatum non est pictum.«
Gottlob! Der Hermann gewann die Schlacht, Die Römer wurden vertrieben, Varus mit seinen Legionen erlag, Und wir sind Deutsche geblieben!
Wir blieben deutsch, wir sprechen deutsch, Wie wir es gesprochen haben; Der Esel heißt Esel, nicht asinus, Die Schwaben blieben Schwaben.
Der Raumer blieb ein deutscher Lump In unserm deutschen Norden. In Reimen dichtet Freiligrath, Ist kein Horaz geworden.
Gottlob, der Maßmann spricht kein Latein, Birch-Pfeiffer schreibt nur Dramen, Und säuft nicht schnöden Terpentin Wie Roms galante Damen.
O Hermann, dir verdanken wir das! Drum wird dir, wie sich gebühret, Zu Detmold ein Monument gesetzt; Hab selber subskribieret.
CAPUT XII
Im nächtlichen Walde humpelt dahin Die Chaise. Da kracht es plötzlich - Ein Rad ging los. Wir halten still. Das ist nicht sehr ergötzlich.
Der Postillion steigt ab und eilt Ins Dorf, und ich verweile Um Mitternacht allein im Wald. Ringsum ertönt ein Geheule.
Das sind die Wölfe, die heulen so wild, Mit ausgehungerten Stimmen. Wie Lichter in der Dunkelheit Die feurigen Augen glimmen.
Sie hörten von meiner Ankunft gewiß, Die Bestien, und mir zur Ehre Illuminierten sie den Wald Und singen sie ihre Chöre.
Das ist ein Ständchen, ich merke es jetzt, Ich soll gefeiert werden! Ich warf mich gleich in Positur Und sprach mit gerührten Gebärden:
»Mitwölfe! Ich bin glücklich, heut In eurer Mitte zu weilen, Wo soviel edle Gemüter mir Mit Liebe entgegenheulen.
Was ich in diesem Augenblick Empfinde, ist unermeßlich; Ach, diese schöne Stunde bleibt Mir ewig unvergeßlich.
Ich danke euch für das Vertraun, Womit ihr mich beehret Und das ihr in jeder Prüfungszeit Durch treue Beweise bewähret.
Mitwölfe! Ihr zweifeltet nie an mir, Ihr ließet euch nicht fangen Von Schelmen, die euch gesagt, ich sei Zu den Hunden übergegangen,
Ich sei abtrünnig und werde bald Hofrat in der Lämmerhürde - Dergleichen zu widersprechen war Ganz unter meiner Würde.
Der Schafpelz, den ich umgehängt Zuweilen, um mich zu wärmen, Glaubt mir's, er brachte mich nie dahin, Für das Glück der Schafe zu schwärmen.
Ich bin kein Schaf, ich bin kein Hund, Kein Hofrat und kein Schellfisch - Ich bin ein Wolf geblieben, mein Herz Und meine Zähne sind wölfisch.
Ich bin ein Wolf und werde stets Auch heulen mit den Wölfen - Ja, zählt auf mich und helft euch selbst, Dann wird auch Gott euch helfen!«
Das war die Rede, die ich hielt, Ganz ohne Vorbereitung; Verstümmelt hat Kolb sie abgedruckt In der »Allgemeinen Zeitung«.
CAPUT XIII
Die Sonne ging auf bei Paderborn, Mit sehr verdroßner Gebärde. Sie treibt in der Tat ein verdrießlich Geschäft - Beleuchten die dumme Erde!
Hat sie die eine Seite erhellt, Und bringt sie mit strahlender Eile Der andern ihr Licht, so verdunkelt schon Sich jene mittlerweile.
Der Stein entrollt dem Sisyphus, Der Danaiden Tonne Wird nie gefüllt, und den Erdenball Beleuchtet vergeblich die Sonne! -
Und als der Morgennebel zerrann, Da sah ich am Wege ragen, Im Frührotschein, das Bild des Manns, Der an das Kreuz geschlagen.
Mit Wehmut erfüllt mich jedesmal Dein Anblick, mein armer Vetter, Der du die Welt erlösen gewollt, Du Narr, du Menschheitsretter!
Sie haben dir übel mitgespielt, Die Herren vom hohen Rate. Wer hieß dich auch reden so rücksichtslos Von der Kirche und vom Staate!
Zu deinem Malheur war die Buchdruckerei Noch nicht in jenen Tagen Erfunden; du hättest geschrieben ein Buch Über die Himmelsfragen.
Der Zensor hätte gestrichen darin, Was etwa anzüglich auf Erden, Und liebend bewahrte dich die Zensur Vor dem Gekreuzigtwerden.
Ach! hättest du nur einen andern Text Zu deiner Bergpredigt genommen, Besaßest ja Geist und Talent genug, Und konntest schonen die Frommen!
Geldwechsler, Bankiers, hast du sogar Mit der Peitsche gejagt aus dem Tempel - Unglücklicher Schwärmer, jetzt hängst du am Kreuz Als warnendes Exempel!
CAPUT XIV
Ein feuchter Wind, ein kahles Land, Die Chaise wackelt im Schlamme; Doch singt es und klingt es in meinem Gemüt: »Sonne, du klagende Flamme!«
Das ist der Schlußreim des alten Lieds, Das oft meine Amme gesungen - »Sonne, du klagende Flamme!« Das hat Wie Waldhornruf geklungen.
Es kommt im Lied ein Mörder vor, Der lebt' in Lust und Freude; Man findet ihn endlich im Walde gehenkt An einer grauen Weide.
Des Mörders Todesurteil war Genagelt am Weidenstamme; Das haben die Rächer der Feme getan - »Sonne, du klagende Flamme!«
Die Sonne war Kläger, sie hatte bewirkt, Daß man den Mörder verdamme. Ottilie hatte sterbend geschrien: »Sonne, du klagende Flamme!«
Und denk ich des Liedes, so denk ich auch Der Amme, der lieben Alten; Ich sehe wieder ihr braunes Gesicht, Mit allen Runzeln und Falten.
Sie war geboren im Münsterland, Und wußte, in großer Menge, Gespenstergeschichten, grausenhaft, Und Märchen und Volksgesänge.
Wie pochte mein Herz, wenn die alte Frau Von der Königstochter erzählte, Die einsam auf der Heide saß Und die goldnen Haare strählte.
Die Gänse mußte sie hüten dort Als Gänsemagd, und trieb sie Am Abend die Gänse wieder durchs Tor, Gar traurig stehen blieb sie.
Denn angenagelt über dem Tor Sah sie ein Roßhaupt ragen, Das war der Kopf des armen Pferds, Das sie in die Fremde getragen.
Die Königstochter seufzte tief: »O Falada, daß du hangest!« Der Pferdekopf herunterrief: »O wehe! daß du gangest!«
Die Königstochter seufzte tief: »Wenn das meine Mutter wüßte!« Der Pferdekopf herunterrief: »Ihr Herze brechen müßte!«
Mit stockendem Atem horchte ich hin, Wenn die Alte ernster und leiser Zu sprechen begann und vom Rotbart sprach, Von unserem heimlichen Kaiser.
Sie hat mir versichert, er sei nicht tot, Wie da glauben die Gelehrten, Er hause versteckt in einem Berg Mit seinen Waffengefährten.
Kyffhäuser ist der Berg genannt, Und drinnen ist eine Höhle; Die Ampeln erhellen so geisterhaft Die hochgewölbten Säle.
Ein Marstall ist der erste Saal, Und dorten kann man sehen Viel tausend Pferde, blankgeschirrt, Die an den Krippen stehen.
Sie sind gesattelt und gezäumt, Jedoch von diesen Rossen Kein einziges wiehert, kein einziges stampft, Sind still, wie aus Eisen gegossen.
Im zweiten Saale, auf der Streu, Sieht man Soldaten liegen, Viel tausend Soldaten, bärtiges Volk, Mit kriegerisch trotzigen Zügen.
Sie sind gerüstet von Kopf bis Fuß, Doch alle diese Braven, Sie rühren sich nicht, bewegen sich nicht, Sie liegen fest und schlafen.
Hochaufgestapelt im dritten Saal Sind Schwerter, Streitäxte, Speere, Harnische, Helme, von Silber und Stahl, Altfränkische Feuergewehre.
Sehr wenig Kanonen, jedoch genug, Um eine Trophäe zu bilden. Hoch ragt daraus eine Fahne hervor, Die Farbe ist schwarzrotgülden.
Der Kaiser bewohnt den vierten Saal. Schon seit Jahrhunderten sitzt er Auf steinernem Stuhl, am steinernen Tisch, Das Haupt auf den Armen stützt er.
Sein Bart, der bis zur Erde wuchs, Ist rot wie Feuerflammen, Zuweilen zwinkert er mit dem Aug', Zieht manchmal die Braunen zusammen.
Schläft er oder denkt er nach? Man kann's nicht genau ermitteln; Doch wenn die rechte Stunde kommt, Wird er gewaltig sich rütteln.
Die gute Fahne ergreift er dann Und ruft: »Zu Pferd! zu Pferde!« Sein reisiges Volk erwacht und springt Lautrasselnd empor von der Erde.
Ein jeder schwingt sich auf sein Roß, Das wiehert und stampft mit den Hufen! Sie reiten hinaus in die klirrende Welt, Und die Trompeten rufen.
Sie reiten gut, sie schlagen gut, Sie haben ausgeschlafen. Der Kaiser hält ein strenges Gericht, Er will die Mörder bestrafen -
Die Mörder, die gemeuchelt einst Die teure, wundersame, Goldlockichte Jungfrau Germania - »Sonne, du klagende Flamme!«
Wohl mancher, der sich geborgen geglaubt, Und lachend auf seinem Schloß saß, Er wird nicht entgehen dem rächenden Strang, Dem Zorne Barbarossas! - - -
Wie klingen sie lieblich, wie klingen sie süß, Die Märchen der alten Amme! Mein abergläubisches Herze jauchzt: »Sonne, du klagende Flamme!«
CAPUT XV
Ein feiner Regen prickelt herab, Eiskalt, wie Nähnadelspitzen. Die Pferde bewegen traurig den Schwanz, Sie waten im Kot und schwitzen.
Der Postillion stößt in sein Horn, Ich kenne das alte Getute - »Es reiten drei Reiter zum Tor hinaus!« Es wird mir so dämmrig zumute.
Mich schläferte und ich entschlief, Und siehe! mir träumte am Ende, Daß ich mich in dem Wunderberg Beim Kaiser Rotbart befände.
Er saß nicht mehr auf steinernem Stuhl, Am steinernen Tisch, wie ein Steinbild; Auch sah er nicht so ehrwürdig aus, Wie man sich gewöhnlich einbildt.
Er watschelte durch die Säle herum Mit mir im trauten Geschwätze. Er zeigte wie ein Antiquar Mir seine Kuriosa und Schätze.
Im Saale der Waffen erklärte er mir, Wie man sich der Kolben bediene, Von einigen Schwertern rieb er den Rost Mit seinem Hermeline.
Er nahm ein Pfauenwedel zur Hand, Und reinigte vom Staube Gar manchen Harnisch, gar manchen Helm, Auch manche Pickelhaube.
Die Fahne stäubte er gleichfalls ab, Und er sprach: »Mein größter Stolz ist, Daß noch keine Motte die Seide zerfraß, Und auch kein Wurm im Holz ist.«
Und als wir kamen in den Saal, Wo schlafend am Boden liegen Viel tausend Krieger, kampfbereit, Der Alte sprach mit Vergnügen:
»Hier müssen wir leiser reden und gehn, Damit wir nicht wecken die Leute; Wieder verflossen sind hundert Jahr', Und Löhnungstag ist heute.«
Und siehe! der Kaiser nahte sich sacht Den schlafenden Soldaten, Und steckte heimlich in die Tasch' Jedwedem einen Dukaten.
Er sprach mit schmunzelndem Gesicht, Als ich ihn ansah verwundert: »Ich zahle einen Dukaten per Mann, Als Sold, nach jedem Jahrhundert.«
Im Saale, wo die Pferde stehn In langen, schweigenden Reihen, Da rieb der Kaiser sich die Händ', Schien sonderbar sich zu freuen.
Er zählte die Gäule, Stück vor Stück, Und klätschelte ihnen die Rippen; Er zählte und zählte, mit ängstlicher Hast Bewegten sich seine Lippen.
»Das ist noch nicht die rechte Zahl« - Sprach er zuletzt verdrossen -, »Soldaten und Waffen hab ich genung, Doch fehlt es noch an Rossen.
Roßkämme hab ich ausgeschickt In alle Welt, die kaufen Für mich die besten Pferde ein, Hab schon einen guten Haufen.
Ich warte, bis die Zahl komplett, Dann schlag ich los und befreie Mein Vaterland, mein deutsches Volk, Das meiner harret mit Treue.«
So sprach der Kaiser, ich aber rief: »Schlag los, du alter Geselle, Schlag los, und hast du nicht Pferde genug, Nimm Esel an ihrer Stelle.«
Der Rotbart erwiderte lächelnd: »Es hat Mit dem Schlagen gar keine Eile, Man baute nicht Rom an einem Tag, Gut Ding will haben Weile.
Wer heute nicht kommt, kommt morgen gewiß, Nur langsam wächst die Eiche, Und chi va piano, va sano, so heißt Das Sprüchwort im römischen Reiche.«
CAPUT XVI
Das Stoßen des Wagens weckte mich auf, Doch sanken die Augenlider Bald wieder zu, und ich entschlief Und träumte vom Rotbart wieder.
Ging wieder schwatzend mit ihm herum Durch alle die hallenden Säle; Er frug mich dies, er frug mich das, Verlangte, daß ich erzähle.
Er hatte aus der Oberwelt Seit vielen, vielen Jahren, Wohl seit dem Siebenjährigen Krieg, Kein Sterbenswort erfahren.
Er frug nach Moses Mendelssohn, Nach der Karschin, mit Intresse Frug er nach der Gräfin Dubarry, Des fünfzehnten Ludwigs Mätresse.
»O Kaiser«, rief ich, »wie bist du zurück! Der Moses ist längst gestorben, Nebst seiner Rebekka, auch Abraham, Der Sohn, ist gestorben, verdorben.
Der Abraham hatte mit Lea erzeugt Ein Bübchen, Felix heißt er, Der brachte es weit im Christentum, Ist schon Kapellenmeister.
Die alte Karschin ist gleichfalls tot, Auch die Tochter ist tot, die Klenke; Helmine Chézy, die Enkelin, Ist noch am Leben, ich denke.
Die Dubarry lebte lustig und flott, Solange Ludwig regierte, Der Fünfzehnte nämlich, sie war schon alt, Als man sie guillotinierte.
Der König Ludwig der Fünfzehnte starb Ganz ruhig in seinem Bette, Der Sechzehnte aber ward guillotiniert Mit der Königin Antoinette.
Die Königin zeigte großen Mut, Ganz wie es sich gebührte, Die Dubarry aber weinte und schrie, Als man sie guillotinierte.« - -
Der Kaiser blieb plötzlich stillestehn, Und sah mich an mit den stieren Augen und sprach: »Um Gottes will'n, Was ist das, guillotinieren?«
»Das Guillotinieren« - erklärte ich ihm - »Ist eine neue Methode, Womit man die Leute jeglichen Stands Vom Leben bringt zu Tode.
Bei dieser Methode bedient man sich Auch einer neuen Maschine, Die hat erfunden Herr Guillotin, Drum nennt man sie Guillotine.
Du wirst hier an ein Brett geschnallt; - Das senkt sich; - du wirst geschoben Geschwinde zwischen zwei Pfosten; - es hängt Ein dreieckig Beil ganz oben; -
Man zieht eine Schnur, dann schießt herab Das Beil, ganz lustig und munter; - Bei dieser Gelegenheit fällt dein Kopf In einen Sack hinunter.«
Der Kaiser fiel mir in die Red': »Schweig still, von deiner Maschine Will ich nichts wissen, Gott bewahr', Daß ich mich ihrer bediene!
Der König und die Königin! Geschnallt! an einem Brette! Das ist ja gegen allen Respekt Und alle Etikette!
Und du, wer bist du, daß du es wagst, Mich so vertraulich zu duzen? Warte, du Bürschchen, ich werde dir schon Die kecken Flügel stutzen!
Es regt mir die innerste Galle auf, Wenn ich dich höre sprechen, Dein Odem schon ist Hochverrat Und Majestätsverbrechen!«
Als solchermaßen in Eifer geriet Der Alte und sonder Schranken Und Schonung mich anschnob, da platzten heraus Auch mir die geheimsten Gedanken.
»Herr Rotbart« - rief ich laut -, »du bist Ein altes Fabelwesen, Geh, leg dich schlafen, wir werden uns Auch ohne dich erlösen.
Die Republikaner lachen uns aus, Sehn sie an unserer Spitze So ein Gespenst mit Zepter und Kron'; Sie rissen schlechte Witze.
Auch deine Fahne gefällt mir nicht mehr, Die altdeutschen Narren verdarben Mir schon in der Burschenschaft die Lust An den schwarzrotgoldnen Farben.
Das beste wäre, du bliebest zu Haus, Hier in dem alten Kyffhäuser - Bedenk ich die Sache ganz genau, So brauchen wir gar keinen Kaiser.«
CAPUT XVII
Ich habe mich mit dem Kaiser gezankt Im Traum, im Traum versteht sich - Im wachenden Zustand sprechen wir nicht Mit Fürsten so widersetzig.
Nur träumend, im idealen Traum, Wagt ihnen der Deutsche zu sagen Die deutsche Meinung, die er so tief Im treuen Herzen getragen.
Als ich erwacht', fuhr ich einem Wald Vorbei, der Anblick der Bäume, Der nackten hölzernen Wirklichkeit, Verscheuchte meine Träume.
Die Eichen schüttelten ernsthaft das Haupt, Die Birken und Birkenreiser, Sie nickten so warnend - und ich rief: »Vergib mir, mein teurer Kaiser!
Vergib mir, o Rotbart, das rasche Wort! Ich weiß, du bist viel weiser Als ich, ich habe sowenig Geduld - Doch komme du bald, mein Kaiser!
Behagt dir das Guillotinieren nicht, So bleib bei den alten Mitteln: Das Schwert für Edelleute, der Strick Für Bürger und Bauern in Kitteln.
Nur manchmal wechsle ab, und laß Den Adel hängen, und köpfe Ein bißchen die Bürger und Bauern, wir sind Ja alle Gottesgeschöpfe.
Stell wieder her das Halsgericht, Das peinliche Karls des Fünften, Und teile wieder ein das Volk Nach Ständen, Gilden und Zünften.
Das alte Heilige Römische Reich, Stell's wieder her, das ganze, Gib uns den modrigsten Plunder zurück Mit allem Firlifanze.
Das Mittelalter, immerhin, Das wahre, wie es gewesen, Ich will es ertragen - erlöse uns nur Von jenem Zwitterwesen,
Von jenem Kamaschenrittertum, Das ekelhaft ein Gemisch ist Von gotischem Wahn und modernem Lug, Das weder Fleisch noch Fisch ist.
Jag fort das Komödiantenpack, Und schließe die Schauspielhäuser, Wo man die Vorzeit parodiert - Komme du bald, o Kaiser!«
CAPUT XVIII