Chapter 22
Wo standen wir? Wir jüngere Generation kennen aus eigenem Erlebnis der Vorkriegszeit nur das starke, stolze Reich, das im Inneren Einigung und Blüte, nach außen schimmernde Wehr und hohe Geltung besaß. Die Reibungen unseres innerpolitischen und wirtschaftlich-sozialen Lebens schienen uns Wachstumsschmerzen, die keinen verschonen, aber mit denen man fertig wird. Unsere Weltgeltung stand auf der Stärke einer gewaltigen Kriegsmacht und einer Wirtschaftsmaschine von unerhörter Leistungsfähigkeit, aber auch auf sozialen Kulturtaten und geistigen Leistungen, die vorbildlich waren. Mit diesen Eindrücken von Macht, Größe und Reichtum erfüllte sich unsere Seele. Wer von uns draußen war, sah auf allen Meeren, in allen Ländern die Zeichen eines aufstrebenden, gewerbefleißigen, "in allen Künsten und Hantierungen geschickten" Volkes, das im Herzen Europas saß und von dort aus das Reich seines wirtschaftlichen und technischen Unternehmungsgeistes aufbaute. Das war das Deutschland der jüngsten Vorkriegsgeneration. Ihre Väter und Großväter noch hatten das andere alte Deutschland gekannt, jenes Deutschland, das weltpolitisch und weltwirtschaftlich nicht viel mehr als ein geographischer Begriff, "Provinz" war; jenes Deutschland, dessen Getreideausfuhr der Londoner Produktenbörse den Namen "Baltic" gab, jenes bäuerlich-handwerkerliche Deutschland, das oft genug auslaufende fremde Schiffe mit Sand als Ballast befrachten mußte, weil ihm Waren zur Ausfuhr fehlten, jenes Deutschland, dessen Vorstellung für Gladstone noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts verbunden war mit Ärmlichkeit, Spießbürgertum, viel Militär und einem Bündel von Kleinstaaten. Und greift man nun zurück auf die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts, dann taucht man in die schwere Luft eines kontinentalen bäuerlich-handwerkerlichen Volkstums ein, das politisch nicht zu eigener Form kam, dessen Ohnmacht im Konzert der Völker mit seiner Zersplitterung wetteiferte, und das im ganzen mehr Objekt als Subjekt der hohen Politik war. Wenn in jenen Zeiten der deutsche Name in fremden Landen respektvoll genannt wurde, dann war es um der Werte des G e i s t e s willen. Wer von den großen Geistern unserer klassischen Zeit war Prophet und Seher genug, vorauszuschauen, was aus diesem Volke im Laufe zweier oder dreier knapper Generationen werden sollte! Wer von ihnen h o f f t e auch nur auf jene Wendungen in unserem Geschick, die wir als Volk bald nahmen? Dem Briten die See, dem Franzosen das Land, dem Deutschen das Reich des Geistes: das war jene nicht etwa schmerzvoll den Tatsachen entnommene, sondern aus innerstem Bewußtsein gewertete Teilung der Erde, die Schiller in einem seiner Gedichte vor Augen hat. Freilich: das konnte der Dichter wohl nicht ahnen, daß das "Luftreich der Gedanken" der Boden sein werde, auf dem der beispiellose deutsche Aufstieg in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts reifen würde. Man möge in dem trefflichen Buche: "Die deutsche Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert" selbst nachlesen, was Sombart mit großer Meisterschaft der Darstellung zu erzählen weiß von dem Leben der dritten Generation vor uns, von ihrem Schaffen und Mühen, von der Kleinheit -- und so schien uns wenigstens in den reichen Tagen der Vorkriegszeit -- Ärmlichkeit dieses Lebens! "Eine an Dürftigkeit grenzende Einfachheit" allerorten, in Wirtschaft und Staat, im privaten Leben und in der Gesellschaft!
Beengt, klein, dürftig blieb im ganzen genommen das Dasein unseres Volkes bis in hohe Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts. Gewiß, es kamen schon stärkere Impulse; im Westen und Süden regte sich industrielles Leben, das in Friedrich List den genialen Anwalt seiner Bedeutung für das ganze Volkstum fand. Aber der eigentliche Aufmarsch der deutschen Wirtschaft zu jener Stärke und Geltung, in deren Bewußtsein wir aufgewachsen sind, liegt sehr erheblich später. Noch in den sechziger Jahren hatten wir eine stärkere Getreideausfuhr als Einfuhr; erst 1873 verschwand der letzte Getreideausfuhrüberschuß, der Weizenüberschuß. Es war damals noch nicht die Konkurrenzunfähigkeit der deutschen Landwirtschaft die Ursache der Einfuhrüberschüsse bei Getreide, sondern die verstärkte Hinwendung der Landwirtschaft zum Kartoffel-, Futtermittel- und Rübenbau. Aber diese Wendung leitete eine wirtschaftliche Umwälzung ein: an der Zuckerrübe wurde eine der ersten und blühendsten deutschen Industrien wach, auf den Kartoffelböden des Ostens entstand eine landwirtschaftliche Nebenindustrie (Brennereien und Stärkefabriken) von großer Bedeutung. Im Westen und Süden entwickelte sich im Anschluß an eine alte Tradition des Gewerbefleißes eine Industrie der Textilien, des Eisens und der Kohle; sie hatte jahrzehntelang einen schweren Stand gegenüber der hochentwickelten englischen Industrie wie auch gegenüber dem französischen und belgischen Wettbewerb, der teilweise mit Ausfuhrprämien arbeitete. Aufschwungsimpulse von größter Bedeutung waren die Reichseinigung, die Kriegsentschädigung von 1870 und das gehobene Nationalgefühl, das nach dem glorreichen Kriege durch das deutsche Volk ging. Die Bevölkerung wuchs von Jahrzehnt zu Jahrzehnt in starken Rhythmen, das industrielle Leben entfaltete sich, wenn auch über Wellentäler von Depressionen weg, so doch im ganzen stark und nachhaltig; die Schutzzollgesetzgebung von 1879 kräftigte jenes Doppelfundament der deutschen Wirtschaft, Industrie und Landwirtschaft gegen die vom Weltmarkt her drohenden Erschütterungen. Wenn schon in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts die deutsche Industrie- und Reichtumsentfaltung den ausländischen Beobachtern so überraschend -- und gestehen wir auch das, in mancher Hinsicht überstürzt und gewaltsam -- vorkam, so waren das nur Auftakte zu jener ungeheuren, fast möchte man sagen: elementaren Expansion, die mit dem neuen Jahrhundert einsetzte.
Drei Züge kennzeichnen diesen neuen Abschnitt der deutschen Wirtschaftsentfaltung: das Aufschießen von Riesenbetrieben, zumal in der Kohlen- und Eisenindustrie, in der chemischen und Elektrizitätsindustrie; weiterhin der Organisationsprozeß der deutschen Wirtschaft in Gestalt von Betriebskombinationen, Kartellen, Syndikaten, Interessengemeinschaften usw.; und drittens das Vordringen der wissenschaftlich fundierten Industriewirtschaft, mit anderen Worten: der wirtschaftlichen Auswertung naturwissenschaftlicher Forschungen einerseits, andererseits des Aufbaues von Betrieben und Unternehmungen nach Methoden, die wissenschaftlich auf ihre höchste Zweckmäßigkeit ausgeklügelt sind. Während Großbetriebe, Kartelle und Truste Ergebnisse von Tendenzen sind, die alle moderne Wirtschaft in fast allen Ländern kennzeichnen, ist der Weg zur Wirtschaft über die Wissenschaft ein spezifisch deutscher Weg gewesen; seine geistigen und sittlichen Voraussetzungen lagen nur hier in der Stärke und Reinheit vor, die nötig waren, ihn zu beschreiten und zu erobern. Jedenfalls ist das Schrittmaß der deutschen Wirtschaftsentwicklung unter dem Antrieb jener neuen Organisationsformen und Produktionsmethoden so schnell, daß in seinem Gefolge schwerwiegende Erscheinungen im Inneren des deutschen Volkskörpers auftauchten. Noch schwerer wiegende nach außen!
Ein wachsendes Volk auf schmaler Rohstoffbasis! Was das wachsende Volk an Nahrung und Kleidung brauchte, konnte der deutsche Boden allein nicht hergeben; die Einfuhr mußte über eine Million Tonnen Brotgetreide und für eine Milliarde Mark (Goldmark!) Futtermittel zuschießen; dazu Milliardenbeiträge für Wolle, Baumwolle, Erze usw. Wir könnten diese wenigen Angaben noch vermehren um den Hinweis auf den stark anwachsenden Tonnengehalt unserer Handelsflotte, die Ausweise unserer Banken, die deutsche Kapitalanlage im Auslande, unsere Steuerkraft und vieles andere mehr. Doch genug der Zahlen! Sie sind heute schmerzvolle Erinnerungen. Wer sich sinnfällig den Unterschied des damaligen und des heutigen Deutschlands vergegenwärtigen will, überlege nur einen Augenblick den Wert der Mark von heute gegenüber dem der alten Goldmark. Der Unterschied redet eine Sprache, die auch der Einfältige versteht.
Und doch müssen wir noch einmal vom alten Deutschland reden, ehe wir uns dem armen Deutschland unserer Tage zuwenden, und zwar nach einer doppelten Hinsicht. Ein Volk, das keine Hoffnung mehr sieht und auf Generationen hinaus Wüstenwanderung vor sich hat, gibt sich auf. Haben wir dazu Anlaß? Wir hätten Anlaß dazu, wenn alle Wurzeln unserer Vorkriegsblüte verdorrt wären. Stellen wir fest, welches diese Wurzeln waren. 1. La n d als Grundlage von Ackerbau und Viehzucht, Land als Fundstätte von Rohstoffen und Kraftquellen, Land als räumliche Grundlage von Leben und Wohnen. Nach allen drei Richtungen haben wir schmerzvollste Verluste erlitten, aber keine, die nicht mehr oder minder zu mildern wären. 2. Die natürliche Lebenskraft der N a t i o n: Arbeitskraft, Geschlechtsverteilung, Altersaufbau, Gesundheit. Auch hier sind schwere Einbußen zu verbuchen, aber wiederum keine, die nicht auszugleichen oder zu ertragen wären. 3. K a p i t a l k r a f t, Vermögensmacht, Reichtum, "Wohlstand": hier liegt die gewaltigste Einbuße vor, diejenige auch, die am wenigsten von heute auf morgen ausgeglichen werden kann. Hier ist Anlaß, in der Tat von einer hochgradigen Verarmung zu reden. Teils ist sie eine Folge der Erschöpfung unserer Reichtumsquellen durch den Krieg, teils der Ausplünderung und Ausraubung durch den Frieden. Wenn es heute ein "Proletariervolk" im Sinne eines Volkes, das in Dürftigkeit von der Hand in den Mund lebt, gibt, dann sind w i r e s. Wir sind das Proletariervolk, auf das für Jahrzehnte hinaus ungeheuerliche Verpflichtungen gelegt sind. Wir sind ein verarmtes, ausgeraubtes Volk, das noch von seiner Hände Arbeit und von seiner Armut Fabelsummen in Gold ausgepreßt bekommt. Hier liegt der Punkt, wo die Wirtschaftslage in das allgemeine Leben des ganzen Volkes auf Jahrzehnte hinaus empfindlich einzuschneiden droht. Alle Kultur, alle Zivilisation, alle Bildung des Geistes und des Herzens, alle soziale Fürsorge, alle gute Verwaltung, alle Schaffung von Recht und Sicherheit hängt mit tausend Fäden an der Wirtschaftsblüte; sie entscheidet über das Leben ungeborener Geschlechter, und vor allem darüber, ob der junge Aufwuchs der Nation an Leib und Seele verkrüppelt und verwildert aufwächst oder nicht; sie entscheidet darüber, ob Mitteleuropa zurücksinkt in die stumpfe Dumpfheit und Stickigkeit einer geistig und physisch elenden Volksmasse, und weiterhin darüber, ob sich damit die Nachtschatten über ganz Europa senken. Denn man kann nicht das Mittelstück eines Kultur- und Zivilisationszusammenhanges mit frevlen Händen herausbrechen und sich dabei einbilden, das könnte den Anschlußstücken in Ost und West von Vorteil sein. Die wirtschaftliche Erschöpfung bei gleichzeitiger Überbürdung mit Verpflichtungen ist der Boden der schlimmsten Gegenwartsbefürchtungen; an diesem Punkte kann a l l e s fraglich werden. Ob die Befürchtungen sich verwirklichen, hängt ab von der Freiheit, die man unserer Arbeitskraft, unserer Unternehmungslust und unserem Erfindergeist im fremden Lande gewähren wird, und hängt nicht zuletzt ab von der tätigen Hilfe in Gestalt von Krediten, Rohstoffvorschüssen und vor allem Verpflichtungserleichterungen, die uns das Ausland gewährt 4. S i t t l i c h e E i g e n s c h a f t e n: Arbeitswilligkeit, Arbeitsfreude, Arbeitsdisziplin, Sparsamkeit, Genügsamkeit, Wille zum Vorwärtsstreben, Mut zum Leben. Wer will behaupten, daß diese Eigenschaften, die gewiß zeitweise getrübt und in manchen Einzelgruppen heute noch geschwächt sind, im ganzen unerträglich gelitten hätten? Nur interessierte Böswilligkeit oder Unverstand kann derartiges behaupten. Festzustellen ist wohl, daß das Maß der Leistungen nicht so stürmisch und ungezügelt ist wie früher. Aber das hat seine besonderen Gründe in schlechter Lebenshaltung, wirtschaftlichen Beengungen durch den Friedensvertrag und seine Folgen und ist übrigens zu einem Teil eine verständliche Reaktionserscheinung auf de ungeheueren Anforderungen der letztem sieben Jahre. 5. D e r d e u t s c h e S t a a t. Sicher war das alte Staatsgefüge mit seiner inneren Ordnung, seiner Stärke und Macht nach außen ein gewichtiger Hebel wirtschaftlichen Aufstiegs. Zweifellos hat die allgemeine Heerespflicht Eigenschaften geweckt und gefördert, Sachverhalte geschaffen, die der Wirtschaft zugute kamen. Was ein starker, politisch unabhängiger Kultur- und Machtstaat der Wirtschaft zu bieten vermag, weiß kein Volk besser als das deutsche. Wir müssen uns mit dem Gedanken vertraut machen, daß unser Staat von heute so schwer nach außen und innen zu tragen hat, so überbürdet ist mit Aufgaben und toten Lasten, daß ihm die Wirtschaft eher helfen muß, als er der Wirtschaft helfen kann. Das sind Folgen des Krieges und des Friedens, Folgen aber auch der gerade in Deutschland so weit verbreiteten Neigung, in allen Nöten des Lebens nach dem Staate zu rufen. Und doch ist es nicht so, wie mancher wohl gelegentlich denken möchte, als ob der Staat von heute nur eine tote Last unserer Wirtschaft sei. Auch heute lebt die Wirtschaft auf dem Boden des staatlich gesicherten Rechtes und der staatlich gewährleisteten Ordnung. Und vor jedem vorschnellen Urteil sollte man bedenken: Das Staatsgefüge in Deutschland hat eine ungeheuere Anspannung und Probe ausgehalten, ohne unterzugehen! Gewiß, es hat sich neue Formen geschaffen; es ringt in manchen Hinsichten noch mit sich selbst und den neuen Verhältnissen -- aber das Wesentliche ist gesichert: im neuen Staate sind die Unterlagen des Wirtschaftslebens und die Voraussetzungen eines wirtschaftlichen Aufbaues gegeben. Es ist Aufgabe des Staates, auf seinem Gebiete der Wirtschaft aufzuhelfen; es ist Aufgabe der Wirtschaft, mit ihren Mitteln den Staat zu stützen. Die Vorstellung, es könne eines von beiden o h ne e das andere gedeihen, ist eine gefährliche Illusion.
Das ist der e i n e Blick auf das alte Reich, ein Blick, der uns vergegenwärtigen sollte, wieviel noch von den Pfeilern der alten Macht und Größe steht und Tragkraft besitzt für den Neubau. Und nun der andere Blick auf das alte Reich: wieviel von den Nöten, Sorgen und Schwierigkeiten unserer Gegenwart lagen in ihm schon mit zugrunde! Aus der Tiefe seiner Armut könnte es einem kommenden Geschlecht einmal scheinen, als ob in den glanzvollen Jahrzehnten des Kaiserreiches eitel Friede und Wohlfahrt in Deutschland geherrscht habe. Und ein Geschlecht, das in seinen Tagen die Fehden blutdürstiger Matabelestämme auf europäischem, politisch zerkleinertem Boden zu erleben glauben wird, könnte vielleicht einmal denken, der europäische Friede vor dem Kriege sei eitel Völkerfreundschaft gewesen. Solche Auffassungen haben mit der Wahrheit sehr wenig gemein. Das von jeher an Gegensätzen und Spannungen so reiche deutsche Leben hat auch unter dem zweiten Kaiserreiche den inneren Frieden nicht gefunden. Gewiß trat der alte Bruch zwischen Nord und Süd für das Bewußtsein der jungen Generationen als eine praktisch erledigte Angelegenheit, deren gefühlsmäßige Restbestände allmählich ganz erlöschen werden, zurück; auch war nach dem Einschwenken in der Kulturkampfpolitik der konfessionelle Gegensatz kein auseinanderreißendes Element mehr, soviel Kraft er im übrigen noch verschlingen mochte. Aber dafür ging der Riß der w i r t s c h a f t l i c h - s o z i a l e n G e g e n s ä t z e in Gestalt des Klassenkampfes durch unser Volk. Wie die moderne Wirtschaftsverfassung, zumal in ihrer hochgesteigerten deutschen Gestalt, Besitz und Verfügung über die Produktionsmittel von der Arbeit an ihnen trennt, so schichteten sich auch politisch und sozial die Gruppen. Hier Besitz und wirtschaftliche Machtverfügung, dort Nichtbesitz und ausführende Arbeit; hier stärkste soziale Geltung mit erhöhten politischen Rechten und Ansprüchen, dort tatsächliche soziale Mindergeltung und politische Minderberechtigung; hier die relativ dünnen Schichten, die mit Stolz Besitz und Bildung berufen konnten, dort die ungeheueren Massenheere der Arbeiterschaft, besitzlos, hungrig nach Bildung und Wissen. Das war der Sachverhalt, der den Ausgangspunkt gefährlicher innerer Spannungen abgab, der den Trennungsstrich zog durch das Volk, und der, so schien es manchmal, zwei feindliche Völker auf einem Boden und in einem Staatsverbande zusammenhielt. Wenn schon festzustellen ist, daß der schärfste Radikalismus von beiden Seiten sich allmählich abstumpfte, und wenn schon zugegeben werden muß, daß die staatliche Sozialpolitik sehr viel zur Milderung der Konflikte tat, so traf doch noch der plötzliche Kriegsausbruch in eine Spannung der Gegensätze, die nicht unbedingte Sicherheit gab, daß die Zusammenfassung aller Kräfte nach außen restlos gewährleistet, der Burgfriede nach innen gewahrt sei. -- Und noch eine Frage der Vorkriegszeit ragt in unsere Gegenwart hinein, doppelt und dreifach verschärft. Es ist Tatsache, daß unser Volkswachstum, getragen von dem gigantischen Aufschwung unserer Wirtschaft, mit der Folge der Überflügelung aller übrigen europäischen Wirtschaften politisch unsere Lage erschwerte. Gegnerschaften, die das alte Deutschland von vor 1870 nie herausgefordert hatte, forderte das hochindustriell entwickelte Deutschland heraus. Verständliche Besorgnis, Machtgier und Racheinstinkte schlugen vor dem Bilde des wirtschaftlich so gewaltig sich reckenden Deutschland zur verzehrenden Flamme empor und führten Staaten zu feindlichem Bund zusammen, deren Lebensinteressen an sich gegeneinanderstanden. Es wird sich zeigen, wie die Wirtschaftslage auf die politische Konstellation heute unheilvoll nachwirkt, teils infolge des Friedens und des Londoner Ultimatums, teils als Folge unserer trotz Kriegsverlust äußerlich scheinbar intakten Wirtschaft.
Man hat gesagt, der Versailler Vertrag sei die Urkunde des neuen Europas. Unser Volk weiß und fühlt es Tag für Tag, daß er allerdings die haß- und infamiegesättigte Urkunde s e i n e s Lebens ist. Seine Einzelheiten wollen wir nicht betrachten; aber was er im gröbsten für uns bedeutet, bedarf der Skizzierung. Er raubt uns ganze Länder und Provinzen. 6,7 Millionen Hektar Fläche schneidet er in Ost und West aus dem deutschen Gebietskörper heraus. Er nimmt uns alle Kolonien. Fast 6 Millionen Menschen, von denen die Mehrzahl Deutsche sind und deutsch fühlen, spricht er mit oder ohne Abstimmung fremden Völkern zu. Außerdem werden 32 000 Quadratkilometer unseres Staatsgebietes langjähriger Besetzung und feindlichen Eingriffen unterworfen, die wiederum auf 6,5 Millionen Menschen ihr Zwangsjoch legen. Suchen wir uns zu vergegenwärtigen, was nur diese wenigen Bestimmungen des Friedensvertrages wirtschaftlich besagen. Eine Regierungsdenkschrift hat berechnet, daß ohne Berücksichtigung der Abstimmungsgebiete 14,9% unserer Ackerfläche durch die Abtretungen verloren gehen. Naturgemäß bedeutet das stärkste Einbuße an landwirtschaftlichen Erträgen, um so mehr, als die verlorenen Ostgebiete geradezu die Korn- und Kartoffelkammern des Reiches darstellten. Man hat berechnet, daß 19% der Roggenernte, je 20% der Gersten- und Kartoffelernte und teilweise noch höhere Prozentzahlen bei anderen Produkten mit der Abtretung jener Gebiete unserer Volksernährung verloren gegangen sind. Also rund ein Fünftel der deutschen Ernährungsgrundlage! Dazu der Verlust an unserem stark verminderten Viehstapel. Diese Einbußen verstärken sich dadurch, daß in jenen abgetretenen Gebieten nur 13,3% der deutschen Bevölkerung wohnten. 3,6 Millionen Menschen durchschnittlich könnten von den Ü b e r s c h ü s s e n der verlorenen Provinzen ernährt werden, wenn man jene Mehl- und Kartoffelrationen zugrunde legt, die 1920 zugeteilt wurden. Mit anderen Worten: Die Schwierigkeit der deutschen Volkswirtschaft, ihre Menschen zu ernähren, ist heute, zur Zeit ihrer allgemeinen Verarmung und Belastung, weitaus größer als in jenen reichen Tagen der Vorkriegszeit! Um so mehr, als durch den Raubbau während des Krieges die Erträge der Böden und das Schlachtgewicht unserer Viehstapel erschreckend zurückgegangen sind. Problem: bei verminderter Fläche und ab gewirtschafteten Böden die Bedarfsversorgung einer nicht im gleichen Umfange zurückgegangenen Bevölkerung zu gewährleisten. Und wir müssen noch hinzufügen: den Bedarf einer Bevölkerung, die teilweise entkräftet ist durch die mangelnde Ernährung, die 1,7 Millionen ihrer kräftigsten Männer verloren bat, die 1,5 Millionen ganz oder teilweise erwerbsunfähiger Kriegsbeschädigter zu versorgen hat, und deren Kaufkraft für die Erzeugnisse des Auslandes ins Bodenlose zusammengefallen ist. Das ist eine Bergeslast, die der Friedensvertrag auf uns wälzte; unsere landwirtschaftliche Eigenversorgung ist völlig unzureichend; an ihr und an unserem verbliebenen Wohlstand gemessen, sind wir ein übervölkertes Land.
Mancher mag geneigt sein, das nicht so tragisch zu nehmen. Er erinnert an die wachsenden Millionen der Vorkriegszeit, für die ja auch die Eigenversorgung des deutschen Bodens nicht auslangte, und tröstet sich damit, unsere I n d u s t r i e müsse den Überschuß an Menschen ernähren. Doch so einfach liegen die Dinge nicht mehr. Zunächst ist die Quote der heute auf die Industrie angewiesenen Menschen verhältnismäßig größer als damals. Und weiterhin kann die Industrie die Menschen nur dann ernähren, wenn sie 1. Ausfuhrmöglichkeiten hat, die auf G e g e n l e i s t u n g e n beruhen, und 2. wenn ihre eigene Kraft nicht gelähmt ist. Zum ersten Punkt sei in diesem Zusammenhange nur kurz bemerken, daß die geschmälerten Ausfuhrmöglichkeiten der deutschen Industrie von heute im größten Umfange o h n e Gegenleistung sind. Es sind großenteils einseitige Leistungen, die direkt oder indirekt auf Konto der Reparation laufen und in diesem Umfange tote Lasten unserer Wirtschaft darstellen, für die in Deutschland zwar Millionen fronden, von denen aber keiner leben kann. Davon abgesehen aber hat der Friedensvertrag auch die Grundlagen unserer Industrie erheblich geschmälert. Schätzungsweise ein Viertel unserer deutschen Kaliförderung ging mit Elsaß-Lothringen verloren; wichtiger als der Förderverlust ist der Verlust der Monopolstellung, die Deutschland auf dem Kalimarkte hatte. 79% unserer vor dem Kriege geförderten Eisenerze -- das Rückgrat unserer Industrie und jeden industriellen Lebens -- sind durch den Verlust Lothringens und den Zollausschluß Luxemburgs dahin; ungefähr 9% unserer Kohlenförderung ist, wenigstens für 15 Jahre, durch die Abtrennung des Saargebietes uns entzogen; ungefähr zwei Fünftel unserer Kohlengesamtförderung wäre verloren, wenn Oberschlesien an Polen fällt[1].
[1] Das ist inzwischen geschehen, indem der Völkerbund gerade die industriereichen Teile Oberschlesiens Polen zusprach.