Deutsche Sagen

Part 7

Chapter 73,777 wordsPublic domain

Der Wassermann kam auch wöchentlich in die Stadt zur Fleischerbank, sich da einzukaufen, und wie wohl seine Kleidung etwas anders war, als der übrigen Menschen, ließ ihn doch jeder gewähren und dachte sich weiter nichts besonders dabei. Allein er bezahlte immer nur mit alten durchlöcherten Groschen. Daran merkte ihn zuletzt ein Fleischer und sprach: “wart, den will ich zeichnen, daß er nicht wieder kommt.” Jetzt, wie der Wassermann wiederkam und Fleisch kaufen wollte, ersahs der Metzger und ritzte ihn flugs mit dem Messer in den ausgestreckten Finger, worin er das Geld hinreichte, so daß sein Blut floß. Seit der Zeit ist der Wassermann ganz weggeblieben.

54.

Der Schwimmer.

+Bräuner’s+ Curiosit. S. 37.

In Meissen hat es sich zugetragen, daß etliche Beckers-Knechte am Pfingst-Fest unter der Predigt hinaus gegangen sind und oberhalb der Ziegel-Scheune, gleich dem Baumgarten gegenüber, in der Elbe gebadet. Einer unter ihnen, der sich auf seine Fertigkeit im Schwimmen verlassen, hat zu seinen Gesellen gesagt, wofern sie ihm einen Thaler aufsetzten, wollte er dreimal nach einander, unausgeruht, dies Wasser hin und her beschwimmen. Den zwei andern kam das unglaublich vor, und sie willigten ein. Nachdem der verwegene Mensch es zweimal vollbracht und nun zum drittenmal nach dem Sieben-Eichen-Schloß zu hinüber schwimmen wollte, da sprang ein großer Fisch, wie ein Lachs, vor ihm in die Höhe und schlug ihn mit sich ins Wasser hinab, also daß er ertrinken mußte. Man hat ihn noch selbiges Tages gesucht und oberhalb der Brücke gefunden: am ganzen Leibe waren gezwickte Mäler, von Blut unterlaufen, zu sehen und man konnte gar leicht die Narben erkennen, die ihm der +Nix+ oder Wassergeist gemacht.

55.

Bruder Nickel.

~+Cluver+ germ. antiq. lib. 3. c. 27.~

+Prätor+. Weltbeschr. I. 487. 488.

vgl. +Micrälius+ B. 1. S. 16. +Zöllner’s+ Reise 259.

Auf der Insel Rügen liegt in einem dichten Walde ein tiefer See, fischreich, aber trüb von Wasser, und kann man nicht wohl darauf fischen. Doch aber unterstandens vor langen Jahren etliche Fischer und hatten ihren Kahn schon auf den See gebracht. Den andern Tag hohlten sie zu Haus ihre Netze, als sie wiederkehrten, war das Schiffel oder der Kahn verschwunden; da schaute der eine Fischer um und sah das Fahrzeug oben auf einem hohen Buchbaum stehen, deswegen schrie er: “wer Teufel hat mir den Kahn auf den Baum gebracht?” Da antwortete aus der Nähe eine Stimme, aber man sah niemand, und sprach: “das haben nicht alle Teufel, sondern ich mit meinem Bruder Nickel gethan!”

56.

Nixen-Brunnen.

+Kornmann+ ~mons Veneris~ Cap. 43. ~p.~ 215.

~+Vormius+ mons danica lib. I.~ p. 17. 18.

~+Hornung+ cista medica p. 191.~

Nicht weit von Kirchhain in Hessen liegt ein sehr tiefer See, welcher der +Nixen-Bronn+ heißt, und oftmals erscheinen die Nixen, an dessen Gestad sich zu ersonnen. Die Mühle daran heißt gleichfalls die Nixen-Mühle. Auch zu Marburg soll 1615. in der Lahn bei der Elisabether Mühle ein Wassernix gesehen worden seyn.

57.

Magdeburger Nixen.

+Prätor.+ Weltbeschr. I. 497. 498.

Zu Magdeburg an einer Stelle der Elbe ließ sich oft die Nixe sehen, zog die überschwimmenden Leute hinab und ersäufte sie. Kurz vor der Zerstörung der Stadt durch Tilly schwomm ein hurtiger Schwimmer um ein Stück Geld hinüber, als er aber herüber wollte und an den Ort gerieth, wurde er festgehalten und hinuntergerissen. Niemand konnte ihn retten und zuletzt schwomm sein Leichnam ans Ufer. Zuweilen soll sich das Meerwunder am hellen Tag und bei scheinender Sonne zeigen, sich ans Ufer setzen, oder auf die Äste anstehender Bäume und wie schöne Jungfrauen lange, goldgelbe Haare kämmen. Wenn aber Leute nahen, hüpft es ins Wasser. Einmal, weil das Brunnenwasser hart zu kochen ist, das Elbwasser aber weit und mühseelig in die Stadt getragen werden muß, wollte die Bürgerschaft eine Wasserleitung bauen lassen. Man fing an, große Pfähle in den Fluß zu schlagen, konnte aber bald nicht weit vorrücken. Denn man sah einen nackenden Mann in der Flut stehen, der mit Macht alle eingesetzte Pfähle ausriß und zerstreute, so daß man den vorgenommenen Bau wieder einstellen mußte.

58.

Der Dönges-See.

Mündlich, aus Hessen.

Bei dem Dorfe Dönges in Hessen liegt der Dönges- oder +Haut-See+, der an einem gewissen Tage im Jahr ganz blutroth wird. Davon gibt es folgende Sage. Einmal war im Dorfe Dönges Kirmes und dazu kamen auch zwei fremde, unbekannte, aber schöne Jungfrauen, die mit den Bauersburschen tanzten und sich lustig machten, aber Nachts zwölf Uhr verschwunden waren, während doch Kirmes Tag und Nacht fortdauert. Indeß waren sie am andern Tag wieder da und ein Bursche, dem es lieb gewesen, wenn sie immer geblieben wären, nahm einer von ihnen während des Tanzes die Handschuhe weg. Sie tanzten nun wieder mit, bis Mitternacht herannahete, da wollten sie fort und die eine ging und suchte nach ihren Handschuhen in allen Ecken. Da sie solche nirgends finden konnte, ward sie ängstlich, als es aber während des Suchens zwölf Uhr schlug, so liefen sie beide in größter Angst fort, gerade nach dem See und stürzten sich hinein. Am andern Tag war der See blutroth und wird es an selbigem noch jedesmal im Jahr. An den zurückgebliebenen Handschuhen waren oben kleine Kronen zu sehen.

Es wird auch erzählt, daß in einer Nacht zwei Reiter vor das Haus einer Kinderfrau kamen, sie weckten und sie mitgehen hießen. Als sie sich weigerte, brauchten sie Gewalt, banden sie aufs Pferd und jagten mit ihr fort zum Dönges-See, wo sie ihrer Königin in Kindes-Nöthen Beistand leisten sollte. Sie sah viel wundersame Dinge, große Schätze und Reichthümer, mußte aber schwören, keinem Menschen je etwas davon zu sagen. Nachdem sie einen ganzen Tag unten geblieben war, ward sie, reichlich beschenkt, in der Nacht wieder heraufgebracht. Nach vielen Jahren erkrankte sie und konnte nicht sterben, bis sie dem Pfarrer alles entdeckt hatte.

59.

Mummel-See.

+Simplicissimus+ B. 5. Cap. 10.

Im Schwarzwald, nicht weit von Baden, liegt ein See, auf einem hohen Berg, aber unergründlich. Wenn man ungerad, Erbsen, Steinlein, oder was anders, in ein Tuch bindet und hinein hängt, so verändert es sich in gerad, und also, wenn man gerad hinein hängt, in ungerad. So man einen oder mehr Steine hinunterwirft, trübt sich der heiterste Himmel und ein Ungewitter entsteht, mit Schloßen und Sturmwinden.

Da einst etliche Hirten ihr Vieh bei dem See gehütet, so ist ein brauner Stier daraus gestiegen, sich zu den übrigen Rindern gesellend, alsbald aber ein Männlein nachgekommen, denselben zurückzutreiben, auch da er nicht gehorchen wollen, hat es ihn verwünscht, bis er mitgegangen.

Ein Bauer ist zur Winterszeit über den hartgefrorenen See mit seinen Ochsen und einigen Baumstämmen ohne Schaden gefahren, sein nachlaufendes Hündlein aber ertrunken, nachdem das Eis unter ihm gebrochen.

Ein Schütz hat im Vorübergehn ein Waldmännlein darauf sitzen sehen, den Schoos voll Geld und damit spielend; als er darauf Feuer geben wollen, so hat es sich niedergetaucht und bald gerufen: wenn er es gebeten, so hätte es ihn leicht reich gemacht, so aber er und seine Nachkommen in Armuth verbleiben müßten.

Eines Males ist ein Männlein auf späten Abend zu einem Bauern auf dessen Hof gekommen, mit der Bitte um Nachtherberg. Der Bauer, in Ermangelung von Betten, bot ihm die Stubenbank oder den Heuschober an, allein es bat sich aus, in der Hanfräpen zu schlafen. “Meinethalben, hat der Bauer geantwortet, wenn dir damit gedienet ist, magst du wohl gar im Weiher oder Brunnentrog schlafen.” Auf diese Verwilligung hat es sich gleich zwischen die Binsen und das Wasser eingegraben, als ob es Heu wäre, sich darin zu wärmen. Frühmorgens ist es herausgekommen, ganz mit trockenen Kleidern, und als der Bauer sein Erstaunen über den wundersamen Gast bezeiget, hat es erwiedert: ja, es könne wohl seyn, daß seines gleichen nicht in etlich hundert Jahren hier übernachtet. Von solchen Reden ist es mit dem Bauer so weit ins Gespräch kommen, daß es solchem vertraut, es sey ein Wassermännlein, welches sein Gemahel verloren und in dem Mummelsee suchen wolle, mit der Bitte, ihm den Weg zu zeigen. Unterweges erzählte es noch viel wunderliche Sachen, wie es schon in viel Seen sein Weib gesucht und nicht gefunden, wie es auch in solchen Seen beschaffen sey. Als sie zum Mummelsee gekommen, hat es sich untergelassen, doch zuvor den Bauer zu verweilen gebeten, so lange, bis zu seiner Wiederkunft, oder bis es ihm ein Wahrzeichen senden werde. Wie er nun ungefähr ein Paar Stunden bei dem See aufgewartet, so ist der Stecken, den das Männlein gehabt, sammt ein paar Handvoll Bluts mitten im See durch das Wasser heraufgekommen und etliche Schuh hoch in die Luft gesprungen, dabei der Bauer wohl abnehmen können, daß solches das verheißene Wahrzeichen gewesen.

Ein Herzog zu Wirtemberg ließ ein Floß bauen, und damit auf den See fahren, dessen Tiefe zu ergründen. Als aber die Messer schon neun Zwirnnetz hinuntergelassen und immer noch keinen Boden gefunden hatten, so fing das Floß gegen die Natur des Holzes zu sinken an, also daß sie von ihrem Vorhaben ablassen und auf ihre Rettung bedacht seyn mußten. Vom Floß sind noch Stücke am Ufer zu sehen.

60.

Die Elbjungfer und das Saalweiblein.

Mündlich aus Magdeburg.

desgl. +Prätorius+ Weltbeschr. I. 482. 483. aus Saalfeld und Halle.

+Bräuner+’s Curiositäten, aus Leipzig. S. 33. 34.

Zu Magdeburg weiß man von der schönen +Elbjungfer+, die zuweilen aus dem Fluß heraufkam, um an dem Fleischermarkt einzukaufen. Sie trug sich bürgerlich, aber sehr reinlich und sauber, hatte einen Korb in der Hand und war von sittsamer Geberde. Man konnte sie in nichts von andern Mädchen unterscheiden, außer wer genau acht gab und es wußte, der eine Zipfel ihrer schloßen-weißen Schürze war immer naß, zum Zeichen ihrer Abkunft aus dem Fluß. Ein junger Fleischergesell verliebte sich in sie und ging ihr nach, bis er wußte, woher sie kam und wohin sie zurückkehrte, endlich stieg er mit ins Wasser hinab. Einem Fischer, der den Geliebten beistand und oben am Ufer wartete, hatte sie gesagt, wenn ein hölzerner Teller mit einem Apfel aus dem Strom hervorkomme, seys gut, sonst aber nicht. Bald aber schoß ein rother Strahl herauf, zum Beweis, daß den Verwandten der Elbjungfer der Bräutigam mißfallen und sie ihn getödtet. Es gibt aber hiervon auch abweichende andere Erzählungen, nach welchen die Braut hinabgestiegen und der Jüngling am Ufer sitzen geblieben war, um ihren Bescheid abzuwarten. Sie wollte unten bei ihren Eltern um die Erlaubniß zur Heirath bitten, oder die Sache erst ihren Brüdern sagen; statt aller Antwort erschien oben ein Blutflecken; sie hatten sie selbst ermordet. --

Aus der +Saale+ kamen auch zuweilen die Nixfrauen in die Stadt Saalfeld und kauften Fleisch auf der Bank. Man unterschied sie allein an den großen und gräßlichen Augen und an dem triefenden Schweif ihrer Röcke unten. Sie sollen vertauschte Menschenkinder seyn, statt deren die Nixen ihre Wechselbälge oben gelassen haben. Zu +Halle+ vor dem Thore liegt gleichfalls ein rund Wasser, der Nixteich genannt, aus dem die Weiber kommen in die Stadt, ihre Nothdurft zu kaufen, und ebenmäßig an ihren nassen Kleidersäumen zu erkennen sind. Sonst haben sie Kleider, Sprache, Geld, wie wir andern auch.

Unweit +Leipzig+ ist ein Nixweiblein oft auf der Straße gesehen worden. Es ist unter andern Bauersweibern auf den Wochenmarkt mit einem Tragkorbe gegangen, Lebensmittel einzukaufen. Eben so ging es auch wieder zurück, redete aber mit niemanden ein einziges Wort; grüßte und dankte auch keinem auf der Straße, aber, wo es etwas einkaufte, wußte es so genau, wie andere Weiber, zu dingen und zu handeln. Einmal gingen ihr zweie auf dem Fuß nach und sahen wie sie an einem kleinen Wasser ihren Tragkorb niedersetzte, der im Augenblick mit dem Weiblein verschwunden war. In der Kleidung war zwischen ihr und andern kein Unterschied, außer daß ihre Unterkleider zwei Hände breit naß waren.

61.

Wasser-Recht.

+Bräuner+’s Curiositäten S. 31.

~+Schönfeld+ de spectris. Marburgi. 1685. p. 19.~

Mündlich.

Bei Leipzig, wo die Elster in die Pleisse fällt, pflegt im Sommer das junge Volk zu baden, aber das Wasser hat da einen betrüglichen Lauf, zuweilen Untiefen, zuweilen Sandbänke, besonders an einem Ort, welcher das Studentenbad genannt wird. Davon, wie von andern Flüssen, ist gemeine Sage, daß es alle Jahr einen Menschen haben müsse, wie auch fast jeden Sommer ein Mensch darin ertrinkt und wird davon geglaubt, daß die Wasser-Nixe einen hinunter ziehe.

Man erzählt, daß die Nixen vorher auf dem Wasser zu tanzen pflegen, wann einer ertrinken wird.

Kindern, die baden wollen und am Ufer stehen, rufen die Eltern in Hessen warnend zu: “der Nöcken (Nix) mögte dich hineinziehen!” Folgenden Kinderreim hat man:

Nix in der Grube, du bist ein böser Bube, wasch dir deine Beinchen mit rothen Ziegelsteinchen!

62.

Das ertrunkene Kind.

Wilh. Meister. III. 501.

Nationalzeitung der Deutschen. 1796. S. 74.

Man pflegt vielerlei von den Wassern zu erzählen und daß der See oder der Fluß alle Jahre ein unschuldiges Kind haben müsse; aber er leide keinen todten Leichnam und werfe ihn früh oder spät ans Ufer aus, ja sogar das letzte Knöchelchen, wenn es zu Grunde gesunken sey, müsse wieder hervor. Einmal war einer Mutter ihr Kind im See ertrunken, sie rief Gott und seine Heiligen an, ihr nur wenigstens die Gebeine zum Begräbniß zu gönnen. Der nächste Sturm brachte den Schädel, der folgende den Rumpf ans Ufer, und nachdem alles beisammen war, faßte die Mutter sämmtliche Beinlein in ein Tuch und trug sie zur Kirche. Aber, o Wunder! als sie in den Tempel trat, wurde das Bündel immer schwerer, und endlich, als sie es auf die Stufen des Altars legte, fing das Kind zu schreien an und machte sich zu jedermanns Erstaunen aus dem Tuche los. Nur fehlte ein Knöchelchen des kleinen Fingers an der rechten Hand, welches aber die Mutter nachher noch sorgfältig aufsuchte und fand. Dies Knöchelchen wurde in der Kirche unter andern Reliquien zum Gedächtniß aufgehoben. -- Die Schiffer und Fischerleute bei Cüstrin in der Neumark reden ebenfalls von einem den Oderstrom beherrschenden unbekannten Wesen, das jährlich sein bestimmtes Opfer haben müsse. Wem nun dies Schicksal zugedacht sey, für den werde der Wassertod unvermeidlich. Die Halloren zu Halle fürchten besonders den Johannestag.

63.

Schlitz-öhrchen.

+Jäger+ Briefe über die hohe Rhön. 1803. Th. 3. S. 12.

Leute, die unter Mellrichstadt über das Flüßchen Streu gehen, werden durch einen Wassergeist, +Schlitz-öhrchen+ genannt, in den Fluß getaucht und oftmals ersäuft.

64.

Die Wasser-Nixe und der Mühlknappe.

+Prätorius+ im Glückstopf. S. 505. 506. aus mündlicher Sage.

Zwei Mühlknappen gehen an einem Fluß; als der eine ungefähr übers Wasser sieht, erblickt er eine Nixe darauf sitzend und ihre Haare kämmend. Er faßt seine Büchse und legt an, sie zu schießen, aber die Nixe springt in den Fluß, winkt mit den Fingern und verschwindet darauf. Das alles war so geschwind und unvermerkt vorgegangen, daß der andere Knappe, der voran gewandert, nichts davon gesehen und erfahren, bis es ihm sein Gefährte bald erzählte. Drauf hat es sich begeben, daß dieser Gefährte am dritten Tage ertrank, wie er sich hat baden wollen.

65.

Vor den Nixen hilft Dosten und Dorant.

+Prätorius+ Weltbeschr. I. 106-108. 531-535.

Aehnlich in +Bräuner’s+ Curiositäten. 34-36.

Eine hallische Wehmutter erzählte, daß folgendes ihrer Lehrmeisterin begegnet: diese wurde Nachts zum Thor, welches offen stand, von einem Manne hinaus an die Saale geführt. Unterwegs bedräute sie der Mann, kein Wort zu sagen und ja nicht zu mucksen, sonst drehte er ihr bald den Hals um, übrigens sollte sie nur getrost seyn. Sie gedachte an Gott, der würde sie behüten und ergab sich drein, denn sie ginge in ihrem Beruf. An der Saale nun that sich das Wasser auf und weiter hinunter auch das Erdreich, sie stiegen allmälig hinab, da war ein schöner Pallast, worin ein niedliches Weiblein lag. Der half die Wehmutter in Kindsnöthen, unterdessen ging der Mann wieder hinaus. Nach glücklicher Verrichtung ihres Amts, redete mitleidend das Weibchen: “ach liebe Frau, nun jammert mich, daß ihr hier bleiben müßt, bis an den jüngsten Tag, nehmt euch wohl in Acht; mein Mann wird euch jetzt eine ganze Mulde voll Ducaten vorsetzen, nehmt nicht mehr, als euch auch andre Leute zu geben pflegen für eure Mühwaltung. Weiter, wenn ihr zur Stube hinauskommt und unterwegs seyd, greifet flugs an die Erde, da werdet ihr +Dosten+[2] und +Dorant+[3] erfassen, solches haltet fest und lassets aus der Hand nicht fahren. Dann werdet ihr wieder auf freien Fuß kommen und zu eurer Stelle gerathen.” Kaum hatte sie ausgeredet, als der Nix, gelbkraus von Haar und bläulich von Augen, in die Stube trat; er hatte eine große Mulde voll Gold und setzte sie in dem schönen hellen Zimmer der Wehfrau vor, sprechend: “sieh da, nimm so viel du willt.” Darauf nahm sie einen Goldgülden. Der Nix verzog sein Gesicht und machte grausame Augen, und sprach: “das hast du nicht von dir selber, sondern mit eines Weibes Kalbe gepflügt, die soll schon dafür leiden! und nun komm und geh mit mir.” Drauf war sie aufgestanden und er führte sie hinaus; da bückte sie sich flugs und griff in ihre Hand +Dosten und Dorant+. Der Führer sagte dazu: “das heißt dich Gott sprechen und das hast du auch von meinem Weibe gelernt. Nun geh nur hin, wo du herkommen bist.” Hierauf war sie aus dem Fluß ans Ufer gewesen, ging zur Stadt ein, deren Thore noch offen standen, und erreichte glücklich ihr Haus.

Eine andere Hebamme, bürtig aus Eschätz bei Querfurt, erzählte nachstehendes: in ihrer Heimath war der Ehmann ausgegangen und hatte seine Frau als Kindbetterin zu Haus lassen müssen. Um Mitternacht kam der Nix vors Haus, nahm die Sprache ihres Mannes an und rief zum Gartenfenster hinein: sie solle schnell herauskommen, er habe ihr etwas sonderlichs zu weisen. Dies schien der Frau wunderlich und sie antwortete: “komm du doch herein, aufzustehen mitten in der Nacht schickt sich für mich nicht. Du weißt ja wo der Schlüssel liegt, draußen im Loch über der Hausthür.” “Das weiß ich wohl, du mußt aber herausgehen” und plagte sie so lang mit Worten, daß sie sich zuletzt aufmachte und in den Garten trat. Das Gespenst ging aber vor ihr her und immer tiefer hinab; sie folgte nach, bis zu einem Wasser unweit des Hauses fließend, mittlerweile sprach der Nix:

heb auf dein Gewand daß du nicht fallst in +Dosten und Dorant+

welche Kräuter eben viel im Garten wuchsen. Indem aber erblickte sie das Wasser und fiel mit Fleiß ins Kräutich hinein, augenblicklich verschwand der Nix und konnte ihr nichts mehr an- noch ab-gehaben. Nach Mitternacht kehrte der Ehmann heim, fand Thür und Stube offen, die Kindermutter nicht im Bett, hub an erbärmlich zu rufen, bis er leise ihre Stimme im Garten vernahm und er sie aus dem Kraut wieder ins Zimmer brachte. Die Wehemütter halten deshalb gar viel auf diese Kräuter und legen sie allenthalben in Betten, Wiegen, Keller, tragen es an sich und lassen andere es bei sich stecken. Die leipziger Krautweiber führen es häufig feil zu Markte.

Einmal soll auch ein Weib um Mittag in den Keller gegangen seyn, Bier abzulassen. Da fing ein Gespenst drinnen an und sprach:

hättestu bei dir nicht Dosten wollt ich dir das Bier helfen kosten.

und man hört diesen Reim noch in andern Geschichten wiederkehren.

[2] ~Origanum vulg.~ Wohlgemuth.

[3] ~Marrubium vulg.~ Helfkraut, Gotteshülf.

66.

Des Nixes Beine.

+Prätorius+ Weltbeschr. I. 533.

Eine Wehmutter bürtig von Eschätz, eine halbe Meile von Querfurt, erzählte: zu Mitternacht sey in Merseburg ein Weib vor ein Balbiershaus gekommen, der nahe am Wasser gewohnet und haben dem Fenster hineingeschrien: die Wehemutter solle doch herausgehen, welches sie anfänglich nicht thun wollen. Endlich sey der Balbier mitgegangen, habe ein Licht bei sich gehabt und flugs nach des befürchteten Nixes Beinen gesehen. Darauf es sich niedergeduckt. Wie solches der Balbier gemerkt, da hat er es greulich ausgescholten und gehen heißen, darauf es verschwunden.

67.

Die Magd bei dem Nix.

+Prätorius+ Weltbeschr. I. 498. 499.

Folgendes hat sich auf einem Dorf bei Leipzig zugetragen: eine Dienstmagd kam unter das Wasser und diente drei Jahre lang bei dem Nix. Sie hatte es an einem guten Leben und allen Willen, ausgenommen, daß all ihr Essen ungesalzen war. Dies nahm sie auch zur Ursache, wieder wegzuziehen. Allein sie sagte noch weiter: “nach dieser Zeit habe ich nicht über sieben Jahre zu leben, davon bleiben mir jetzo noch dreie.” Sonst war sie immer traurig und simpel. Prätorius hörte die Geschichte im Jahr 1664.

68.

Die Frau von Alvensleben.

+Tenzel+ monatl. Unterr. 1689. S. 525.

+Hammelmann+ oldenb. Chronik.

Der vielförmige Hinzelmann. S. 313-316.

+Prätorius+ Weltbeschr. I. S. 95. 101-104. u. Glückstopf S. 488. aus mündlichen Sagen und aus:

+Cyriak ~Edinus~+ poematischen Büchern, die er vom Geschlecht der Alvensleben 1581. in 4to. herausgegeben.

Vor etlichen hundert Jahren lebte zu Calbe in dem Werder aus dem alvenslebischen Geschlecht eine betagte, gottesfürchtige, den Leuten gnädige und zu dienen bereitsame Edelfrau; sie stand vornämlich den Bürgersweibern bei in schweren Kindsnöthen und wurde in solchen Fällen von jedermänniglich begehrt und hochgeehret. Nun ereignete sich aber folgendes: zu nächtlichen Zeiten kam eine Magd vor das Schloß, klopfte an und rief ängstlich: sie möge ihr doch nicht zuwider seyn lassen, wo möglich alsobald aufzustehen und mit hinaus vor die Stadt zu folgen, wo eine schwangere Frau in Kindesnoth liege, weil die äußerste Stunde und Gefahr da sey und ihre Frau ihrem Leibe gar keinen Rath wisse. Die Adelfrau sprach: “es ist gleich mitten in der Nacht, alle Stadtthore sind gesperrt, wie wollen wir hinauskommen?” Die Magd antwortete: das Thor sey schon im voraus geöffnet, sie solle nur fortmachen, (doch sich hüten, wie einige hinzusetzen, an dem Ort, wo sie hingeführt werden würde, nichts zu essen noch zu trinken, auch das ihr angebotene nicht anzurühren). Darauf stand die adliche Frau aus dem Bett, zog sich an, kam herunter und ging mit der Magd fort, welche angeklopft hatte; das Thor fand sie aufgethan und wie sie weiter ins Feld kamen, war da ein schöner Gang, der mitten in einen Berg führte. Der Berg stand aufgesperrt und ob sie wohl sah, das Ding wäre unklar, beschloß sie doch unerschrocken weiter zu gehen, bis sie endlich vor +ein kleines Weiblein+ gelangte, das auf dem Bette lag in großen Geburtswehen. Die adliche Frau aber reichte ihr Hülfe (nach einigen brauchte sie nur die Hand ihr auf den Leib zu legen) und glücklich wurde ein Kindlein zum Tageslicht geboren. Nach geförderter Sache sehnte sie sich wieder aus dem Berg heimzugehen, nahm von der Kindbetterin Abschied (ohne etwas von den Speisen und Getränken, die ihr geboten waren, berührt zu haben) und die vorige Magd gesellte sich ihr aufs neue zu und brachte sie unverletzt nach dem Schlosse zurück. Vor dem Thorweg aber stand die Magd still, bedankte sich höchlich in ihrer Frauen Namen und zog einen güldenen +Ring+ vom Finger herab, den verehrte sie der adlichen Frau mit den Worten: “nehmet dies theure Pfand wohl in acht und lasset es nicht von euch noch von euerm Geschlecht kommen; die von Alvensleben werden blühen, so lange sie diesen Ring besitzen, kommt er ihnen dermaleins ab, so muß der ganze Stamm erlöschen.” Hiermit verschwand die Magd.