Deutsche Sagen

Part 3

Chapter 33,199 wordsPublic domain

249. Die Katze aus dem Weidenbaum 337

250. Wetter und Hagel machen 338

251. Der Hexen-Tanz 339

252. Die Weinreben und Nasen 340

253. Fest hängen 341

254. Das Noth-Hemd 342

255. Fest gemacht 343

256. Der sichere Schuß 344

257. Der herumziehende Jäger 344

258. Doppelte Gestalt 346

259. Gespenst als Eheweib 347

260. Tod des Erstgebornen 349

261. Der Knabe zu Colmar 350

262. Tod des Domherrn zu Merseburg 351

263. Die Lilie im Kloster zu Corvei 351

264. Rebundus im Dom zu Lübeck 352

265. Glocke läutet von selbst 355

266. Todes-Gespenst 356

267. Frau Berta oder die weiße Frau 357

268. Die wilde Berta kommt 358

269. Der Türst, das Posterli und die Sträggele 359

270. Der Nachtjäger und die Rüttelweiber 360

271. Der Mann mit dem Schlackhut 360

272. Der graue Hockelmann 361

273. Chimmeke in Pommern 362

274. Der Krischer 362

275. Die überschiffenden Mönche 363

276. Der Irrwisch 365

277. Der feurige Wagen 366

278. Der Räderberg 366

279. Die Lichter auf Hellebarden 368

280. Das Wafeln 369

281. Weberndes Flammen-Schloß 369

282. Der Feuerberg 371

283. Der feurige Mann 373

284. Die verwünschten Landmesser 374

285. Der verrückte Gränzstein 374

286. Der Gränzstreit 375

287. Der Gränzlauf 375

288. Die Alpschlacht 378

289. Der Stein bei Wenthusen 379

290. Die altenberger Kirche 379

291. Der König im lauenburger Berg 380

292. Der Schwanberg 381

293. Der Robbedisser Brunnen 381

294. Bamberger Wage 382

295. Kaiser Friedrich zu Kaiserslautern 382

296. Der Hirt auf dem Kiffhäuser 384

297. Die drei Telle 385

298. Das Bergmännchen 386

299. Die Zirbelnüsse 388

300. Das Paradies der Thiere 388

301. Der Gemsjäger 389

302. Die Zwerglöcher 390

303. Der Zwerg und die Wunderblume 391

304. Der Nix an der Kelle 392

305. Schwarzach 393

306. Die drei Jungfern aus dem See 394

307. Der todte Bräutigam 395

308. Der ewige Jäger 397

309. Hans Jagenteufel 398

310. Des Hackelnberg Traum 399

311. Die Tut-Osel 400

312. Die schwarzen Reuter und das Handpferd 401

313. Der getreu Eckhart 402

314. Das Fräulein vom Willberg 403

315. Der Schäfer und der Alte aus dem Berg 405

316. Jungfrau Ilse 407

317. Die Heiden-Jungfrau zu Glatz 409

318. Der Roßtrapp und der Cretpfuhl 411

319. Der Mägdesprung 417

320. Der Jungfernsprung 418

321. Der Harrassprung 420

322. Der Riese Hidde 420

323. Das ilefelder Nadelöhr 421

324. Die Riesen zu Lichtenberg 422

325. Das Hühnenblut 423

326. Es rauscht im Hühnen-Grab 424

327. Todte aus den Gräbern wehren dem Feind 424

328. Hans Heilings Felsen 425

329. Die Jungfrau mit dem Bart 426

330. Die weiße Jungfrau zu Schwanau 427

331. Schwarzkopf und Seeburg am Mummel-See 427

332. Der Krämer und die Maus 430

333. Die drei Schatzgräber 431

334. Einladung vor Gottes Gericht 431

335. Gäste vom Galgen 435

336. Teufels-Brücke 436

337. Die zwölf Johanneße 437

338. Teufels-Graben 438

339. Der Kreuzliberg 439

340. Die Pferde aus dem Bodenloch 440

341. Zusammenkunft der Todten 441

342. Das weissagende Vöglein 443

343. Der ewige Jud auf dem Matterhorn 443

344. Der Kessel mit Butter 444

345. Trauer-Weide 445

346. Das Christus-Bild zu Wittenberg 445

347. Das Muttergottes-Bild am Felsen 446

348. Das Gnadenbild aus dem Lerchenstock zu Waldrast 447

349. Ochsen zeigen die heilige Stätte 449

350. Notburga 450

351. Mauerkalk mit Wein gelöscht 454

352. Der Judenstein 455

353. Das von den Juden getödtete Mägdlein 456

354. Die vier Hufeisen 457

355. Der Altar zu Seefeld 458

356. Der Sterbensstein 459

357. Sündliche Liebe 460

358. Der schweidnitzer Rathsmann 460

359. Regenbogen über Verurtheilten 462

360. Gott weint mit dem Unschuldigen 462

361. Gottes Speise 463

362. Die drei Alten 464

1.

Die drei Bergleute im Kuttenberg.

Mündlich in Hessen.

In Böhmen liegt der Kuttenberg, darin arbeiteten drei Bergleute lange Jahre und verdienten damit für Frau und Kind das Brot ehrlich. Wann sie Morgens in den Berg gingen, so nahmen sie dreierlei mit: erstens ihr Gebätbuch, zweitens ihr Licht, aber nur auf einen Tag mit Öhl versehen, drittens ihr Bischen Brot, das reichte auch nur auf einen Tag. Ehe sie die Arbeit anhuben, thaten sie ihr Gebät zu Gott, daß er sie in dem Berge bewahren mögte und darnach fingen sie getrost und fleißig an zu arbeiten. Es trug sich zu, als sie einen Tag gearbeitet hatten und es bald Abend war, daß der Berg vornen einfiel und der Eingang verschüttet wurde. Da meinten sie begraben zu seyn und sprachen: “ach Gott! wir armen Bergleute, wir müssen nun Hungers sterben! wir haben nur einen Tag Brot zu essen und einen Tag Öhl auf dem Licht!” Nun befahlen sie sich Gott und dachten bald zu sterben, doch wollten sie nicht müßig seyn, so lange sie noch Kräfte hätten, arbeiteten fort und fort und bäteten. Also geschah es, daß ihr Licht sieben Jahr brennte und ihr kleines Bischen Brot, von dem sie tagtäglich aßen, ward auch nicht all, sondern blieb eben so groß und sie meinten, die sieben Jahre wären nur ein Tag. Doch da sie sich nicht ihr Haar schneiden und den Bart abnehmen konnten, waren diese ellen-lang gewachsen. Die Weiber hielten unterdessen ihre Männer für todt, meinten sie würden sie nimmermehr wiedersehen und dachten daran, andere zu heirathen.

Nun geschah es, daß einer von den dreien unter der Erde, so recht aus Herzensgrund, wünschte: “ach! könnt ich noch einmal das Tageslicht sehen, so wollt’ ich gerne sterben!” Der Zweite sprach: “ach! könnt ich noch einmal daheim mit meiner Frau zu Tische sitzen und essen, so wollt’ ich gerne sterben!” Da sprach auch der Dritte: “ach! könnt ich nur noch ein Jahr friedlich und vergnügt mit meiner Frau leben, so wollt’ ich gerne sterben!” Wie sie das gesprochen hatten, so krachte der Berg gewaltig und übermächtig und sprang von einander, da ging der erste hin zu dem Ritz und schaute hinauf und sah den blauen Himmel, und wie er sich am Tageslicht gefreut, sank er augenblicklich todt nieder. Der Berg aber that sich immer mehr von einander, also daß der Riß größer ward, da arbeiteten die beiden andern fort, hackten sich Treppen, krochen hinauf und kamen endlich heraus. Sie gingen nun fort in ihr Dorf und in ihre Häuser und suchten ihre Weiber, aber die wollten sie nicht mehr kennen. Sie sprachen: “habt ihr denn keine Männer gehabt?” “Ja, antworteten jene, aber die sind schon sieben Jahre todt und liegen im Kuttenberg begraben!” Der Zweite sprach zu seiner Frau: “ich bin dein Mann,” aber sie wollt’ es nicht glauben, weil er den ellenlangen Bart hatte und ganz unkenntlich war. Da sagte er: “hol mir das Bartmesser, das oben in dem Wandschrank liegen wird und ein Stückchen Seife dazu.” Nun nahm er sich den Bart ab, kämmte und wusch sich, und als er fertig war, sah sie, daß es ihr Mann war. Sie freute sich herzlich, holte Essen und Trinken so gut sie es hatte, deckte den Tisch und sie setzten sich zusammen hin und aßen vergnügt mit einander. Wie aber der Mann satt war und eben den letzten Bissen Brot gegessen hatte, da fiel er um und war todt. Der dritte Bergmann wohnte ein ganzes Jahr in Stille und Frieden mit seiner Frau zusammen, als es herum war, zu derselben Stunde aber, wo er aus dem Berg gekommen war, fiel er und seine Frau mit ihm todt hin. Also hatte Gott ihre Wünsche ihrer Frömmigkeit wegen erfüllt.

2.

Der Berg-Geist.

+Prätor+ Weltbeschreibung I. 110. 127. 128.

+Bräuner’s+ Curiosit. 203. 206.

~+G. Agricola+ de animalib. subterr.~

Mündliche Erzählung.

Der Berg-Geist, +Meister Hämmerling+, gemeiniglich +Berg-Mönch+ genannt, zeigt sich zuweilen in der Tiefe, gewöhnlich als ein Riese in einer schwarzen Mönchs-Kutte. In einem Bergwerk der Graubündner Alpen erschien er oft und war besonders am Freitage geschäfftig, das ausgegrabene Erz aus einem Eimer in den andern zu schütten; der Eigenthümer des Bergwerks durfte sich das nicht verdrießen lassen, wurde aber auch niemals von ihm beleidigt. Dagegen als einmal ein Arbeiter, zornig über dies vergebliche Handthieren, den Geist schalt und verfluchte, faßte ihn dieser mit so großer Gewalt, daß er zwar nicht starb, aber das Antlitz sich ihm umkehrte. Im Annaberg, in der Höhle, welche der Rosenkranz heißt, hat er zwölf Bergleute, während der Arbeit, angehaucht, wovon sie todt liegen geblieben sind, und die Grube ist, obgleich silberreich, nicht ferner angebaut worden. Hier hat er sich in Gestalt eines Rosses mit langem Hals gezeigt, furchtbar blickende Augen auf der Stirne. Zu Schneeberg ist er aber als ein schwarzer Mönch in der St. Georgen-Grube erschienen und hat einen Bergknappen ergriffen, von der Erde aufgehoben und oben in die Grube, die vorzeiten gar silberreich war, so hart niedergesetzt, daß ihm seine Glieder verletzt waren. Am Harz hat er einmal einen bösen Steiger, der die Bergleute quälte, bestraft. Denn als dieser zu Tage fuhr stellte er sich, ihm unsichtbar, über die Grube und als er empor kam, drückte ihm der Geist mit den Knien den Kopf zusammen.

3.

Der Berg-Mönch im Harz.

Mündlich, am Harz.

Zwei Bergleute arbeiteten immer gemeinschaftlich. Einmal als sie anfuhren und vor Ort kamen, sahen sie an ihrem Geleucht, daß sie nicht genug Öhl zu einer Schicht auf den Lampen hatten. “Was fangen wir da an?” sprachen sie mit einander, “geht uns das Öhl aus, so daß wir im Dunkeln sollen zu Tag fahren, sind wir gewiß unglücklich, da der Schacht schon gefährlich ist. Fahren wir aber jetzt gleich aus, um von Haus Öhl zu holen, so straft uns der Steiger und das mit Lust, denn er ist uns nicht gut.” Wie sie also besorgt standen, sahen sie ganz fern in der Strecke ein Licht, das ihnen entgegen kam. Anfangs freuten sie sich, als es aber näher kam, erschraken sie gewaltig, denn ein ungeheurer, riesen-großer, Mann ging, ganz gebückt, in der Strecke herauf. Er hatte eine große Kappe auf dem Kopf und war auch sonst wie ein Mönch angethan, in der Hand aber trug er ein mächtiges Gruben-Licht. Als er bis zu den beiden, die in Angst da still standen, geschritten war, richtete er sich auf und sprach: “Fürchtet euch nicht, ich will euch kein Leids anthun, vielmehr Gutes”, nahm ihr Geleucht und schüttete Öhl von seiner Lampe darauf. Dann aber griff er ihr Gezäh und arbeitete ihnen in einer Stunde mehr, als sie selbst in der ganzen Woche bei allem Fleiß herausgearbeitet hätten. Nun sprach er: “sagts keinem Menschen je, daß ihr mich gesehen habt” und schlug zuletzt mit der Faust links an die Seitenwand; sie that sich aus einander und die Bergleute erblickten eine lange Strecke, ganz von Gold und Silber schimmernd. Und weil der unerwartete Glanz ihre Augen blendete, so wendeten sie sich ab, als sie aber wieder hinschauten, war alles verschwunden. Hätten sie ihre Bilhacke (Hacke mit einem Beil) oder sonst irgend nur einen Theil ihres Gezähs hineingeworfen, wäre die Strecke offen geblieben und ihnen viel Reichthum und Ehre zugekommen; aber so war es vorbei, wie sie die Augen davon abgewendet.

Doch blieb ihnen auf ihrem Geleucht das Öhl des Berg-Geistes, das nicht abnahm und darum noch immer ein großer Vortheil war. Aber nach Jahren, als sie einmal am Sonnabend mit ihren guten Freunden im Wirthshaus zechten und sich lustig machten, erzählten sie die ganze Geschichte, und Mondtags Morgen, als sie anfuhren, war kein Öhl mehr auf der Lampe und sie mußten nun jedesmal wieder, wie die andern, frisch aufschütten.

4.

Frau Hollen Teich.

+Schaub+ Beschr. des Meißners. Cassel 1799. 8. p. 12-14.

+Münchhausen+ Abh. über den Meißner in Hinsicht auf myth. Alterthum. Hess. Denkwürdigk. II. 161-202.

Auf dem Hessischen Gebirg Meißner weisen mancherlei Dinge schon mit ihren bloßen Namen das Alterthum aus, wie die Teufelslöcher, der Schlachtrasen, und sonderlich der +Frau Hollenteich+. Dieser an der Ecke einer Moorwiese gelegen hat gegenwärtig nur 40-50 Fuß Durchmesser; die ganze Wiese ist mit einem halb untergegangenem Steindamm eingefaßt und nicht selten sind auf ihr Pferde versunken.

Von dieser Holle erzählt das Volk vielerlei, gutes und böses. Weiber, die zu ihr in den Brunnen steigen, macht sie gesund und fruchtbar; die neugebornen Kinder stammen aus ihrem Brunnen und sie trägt sie daraus hervor. Blumen, Obst, Kuchen, das sie unten im Teiche hat und was in ihrem unvergleichlichen Garten wächst, theilt sie denen aus, die ihr begegnen und zu gefallen wissen. Sie ist sehr ordentlich und hält auf guten Haushalt; wann es bei den Menschen schneit, klopft sie ihre Betten aus, davon die Flocken in der Luft fliegen. Faule Spinnerinnen straft sie, indem sie ihnen den Rocken besudelt, das Garn wirrt, oder den Flachs anzündet; Jungfrauen hingegen, die fleißig abspinnen, schenkt sie Spindeln und spinnt selber für sie über Nacht, daß die Spuhlen des Morgens voll sind. Faulenzerinnen zieht sie die Bettdecken ab und legt sie nackend aufs Steinpflaster; Fleißige, die schon frühmorgens Wasser zur Küche tragen in reingescheuerten Eimern, finden Silbergroschen darin. Gern zieht sie Kinder in ihren Teich, die guten macht sie zu Glückskindern, die bösen zu Wechselbälgen. Jährlich geht sie im Land um und verleiht den Äckern Fruchtbarkeit, aber auch erschreckt sie die Leute, wenn sie durch den Wald fährt, an der Spitze des wütenden Heers. Bald zeigt sie sich als eine schöne weiße Frau in oder auf der Mitte des Teichs, bald ist sie unsichtbar und man hört blos aus der Tiefe ein Glockengeläut und finsteres Rauschen.

5.

Frau Holla zieht umher.

+Prätor.+ Weihnachtsfratzen ~prop.~ 54.

In der Weihnacht fängt Frau Holla an herumzuziehen, da legen die Mägde ihren Spinnrocken aufs neue an, winden viel Werk oder Flachs darum und lassen ihn über Nacht stehen. Sieht das nun Frau Holla, so freut sie sich und sagt:

so manches Haar, so manches gutes Jahr.

Diesen Umgang hält sie bis zum großen Neujahr, d. h. den Heiligen drei Königstag, wo sie wieder umkehren muß nach ihrem Horselberg; trifft sie dann unterwegens Flachs auf dem Rocken, zürnt sie und spricht:

so manches Haar, so manches böses Jahr.

Daher reißen Feier-Abends vorher alle Mägde sorgfältig von ihren Rocken ab, was sie nicht abgesponnen haben, damit nichts dran bleibe und ihnen übel ausschlage. Noch besser ists aber, wenn es ihnen gelingt, alles angelegte Werk vorher im Abspinnen herunter zu bringen.

6.

Frau Hollen Bad.

+Zeiller’s+ Sendschreiben II. 533. S. 695.

+Prätor+. Weltbeschr. I. 476.

Am Meißner in Hessen liegt ein großer Pfuhl oder See, mehrentheils trüb von Wasser, den man Frau Hollen Bad nennt. Nach alter Leute Erzählung wird Frau Holle zuweilen badend um die Mittagsstunde darin gesehen und verschwindet nachher. Berg und Moore in der ganzen Umgegend sind voll von Geistern und Reisende oder Jäger oft von ihnen verführt oder beschädiget worden.

7.

Frau Holla und der treue Eckart.

+Prätor+. Weihnachtsfratzen propos. 55.

+Falkenstein+ thüring. Chronik I. 167.

In Thüringen liegt ein Dorf Namens Schwarza, da zog Weihnachten Frau Holla vorüber und vorn im Haufen ging der treue Eckart und warnte die begegneten Leute aus dem Wege zu weichen, daß ihnen kein Leid widerfahre. Ein Paar Bauerknaben hatten gerade Bier in der Schenke geholt, das sie nach Haus tragen wollten, als der Zug erschien, dem sie zusahen. Die Gespenster nahmen aber die ganze breite Straße ein, da wichen die Dorfjungen mit ihren Kannen abseits in eine Ecke; bald nahten sich unterschiedene Weiber aus der Rotte, nahmen die Kannen und tranken. Die Knaben schwiegen aus Furcht stille, wußten doch nicht, wie sie ihnen zu Haus thun sollten, wenn sie mit leeren Krügen kommen würden. Endlich trat der treue Eckart herbei und sagte: “das rieth euch Gott, daß ihr kein Wörtchen gesprochen habt, sonst wären euch euere Hälse umgedreht worden; gehet nun flugs heim und sagt keinem Menschen etwas von der Geschichte, so werden eure Kannen immer voll Bier seyn und wird ihnen nie gebrechen.” Dieses thaten die Knaben und es war so, die Kannen wurden niemals leer, und drei Tage nahmen sie das Wort in acht. Endlich aber konnten sies nicht länger bergen, sondern erzählten aus Vorwitz ihren Eltern den Verlauf der Sache, da war es aus und die Krüglein versiegten. Andere sagen, es sey dies nicht eben zu Weihnacht geschehen, sondern auf eine andre Zeit.

8.

Frau Holla und der Bauer.

+Prätor+. Weihnachtfr. prop. 56.

Frau Holla zog einmal aus, begegnete ihr ein Bauer mit der Axt. Da redete sie ihn mit den Worten an, daß er ihr den Wagen verkeilen oder verschlagen sollte. Der Taglöhner that, wie sie ihm hieß und als die Arbeit verrichtet war, sprach sie: raff die Späne auf und nimm sie zum Trinkgeld mit; drauf fuhr sie ihres Weges. Dem Manne kamen die Späne vergeblich und unnütz vor, darum ließ er sie meistentheils liegen, blos ein Stück oder drei nahm er für die Langeweile mit. Wie er nach Hause kam und in den Sack griff, waren die Späne eitel Gold, alsbald kehrte er um, noch die andern zu holen, die er liegen gelassen; so sehr er suchte, so war es doch zu spät und nichts mehr vorhanden.

9.

Die Springwurzel.

Mündlich auf dem Köterberg von einem Schäfer.

vgl. Altdeutsche Wälder II. 95.

Vorzeiten hütete ein Schäfersmann friedlich auf dem Köterberg, da stand, als er sich einmal umwendete, ein prächtiges Königs-Fräulein vor ihm und sprach: “nimm die Spring-Wurzel und folge mir nach.” Die Spring-Wurzel erhält man dadurch, daß man einem Grünspecht (Elster oder Wiedehopf) sein Nest mit einem Holz zukeilt; der Vogel, wie er das bemerkt, fliegt alsbald fort und weiß die wunderbare Wurzel zu finden, die ein Mensch noch immer vergeblich gesucht hat. Er bringt sie im Schnabel und will sein Nest damit wieder öffnen, denn hält er sie vor den Holzkeil, so springt er heraus, wie vom stärksten Schlag getrieben. Hat man sich versteckt und macht nun, wie er heran kommt, einen großen Lärm, so läßt er sie erschreckt fallen (man kann aber auch nur ein weißes oder rothes Tuch unter das Nest breiten, so wirft er sie darauf, sobald er sie gebraucht hat.) Eine solche Springwurzel besaß der Hirt, ließ nun seine Thiere herumtreiben und folgte dem Fräulein. Sie führte ihn bei einer Höhle in den Berg hinein, kamen sie zu einer Thüre oder einem verschlossenen Gang, so mußte er seine Wurzel vorhalten und alsbald sprang sie krachend auf. Sie gingen immer fort, bis sie etwa in die Mitte des Bergs gelangten, da saßen noch zwei Jungfrauen und spannen emsig; der Böse war auch da, aber ohne Macht und unten an den Tisch, vor dem die beiden saßen, festgebunden. Ringsum war in Körben Gold und leuchtende Edelsteine aufgehäuft und die Königstochter sprach zu dem Schäfer, der da stand und die Schätze anlusterte: “nimm dir, so viel du willst.” Ohne Zaudern griff er hinein und füllte seine Taschen, so viel sie halten konnten und wie er, also reich beladen, wieder hinaus wollte, sprach sie: “aber vergiß das Beste nicht!” Er meinte nicht anders, als das wären die Schätze und glaubte sich gar wohl versorgt zu haben, aber es war das Spring-Wort[1]. Wie er nun hinaustrat, ohne die Wurzel, die er auf den Tisch gelegt, schlug das Thor mit Schallen hinter ihm zu, hart an die Ferse, doch ohne weitern Schaden, wiewohl er leicht sein Leben hätte einbüßen können. Die großen Reichthümer brachte er glücklich nach Haus, aber den Eingang konnte er nicht wieder finden.

[1] Der erzählende Schäfer brauchte ganz gleichbedeutend die Spring-+Wurzel+ und das Spring-+Wort+ wie im Gefühl von der alten Verwandschaft beider Ausdrücke.

10.

Fräulein von Boyneburg.

Mündlich, aus Hessen.