Deutsche Sagen

Part 15

Chapter 153,574 wordsPublic domain

Im Cillerkreise der Steiermark liegt ein Ort Oberburg, auf slavisch Gornigrad, in dessen Kirche hangt eine ungeheure Rippe, dergleichen kein jetzt bekanntes Landthier hat. Man weiß nicht, wann sie ausgegraben worden, die Volkssage schreibt sie einer +Heidenjungfrau+ (slavisch: ajdowska dekliza) zu, mit der Anmerkung, daß von dieser Rippe alljährlich ein einziger Tropfen abfällt und der jüngste Tag in der Zeit komme, wo sie ganz vertröpfelt seyn wird.

141.

Jungfrau-Sprung.

Nach +Abraham+ a St. +Clara.+

Unweit Grätz in Steier liegt ein Ort, insgemein die Wand genannt, daselbst ist ein hoher Berg, welcher den Namen +Jungfrausprung+ schon von etlichen hundert Jahren her führt. Als nämlich auf eine Zeit ein üppiger und gottloser Gesell einem ehrbaren Bauer-Mägdlein lang und ungestüm nachstrebte und er sie zuletzt nach vielen Ausspähungen auf besagtem Berg ertappte, erschrack sie und wagte einen Sprung. Sie sprang von dem Berg über den ganzen Fluß, Mur genannt, bis auf einen andern hohen Bühel jenseits. Davon heißt der Berg Jungfrausprung.

142.

Der Stierenbach.

~+Scheuchzer+ iter alp. p. 12.~ u. Kupfertafel 11.

Alpenrosen. 1813. S. 28. 29.

Mitten durch das Thal der Surenalp ergießt sich der +Stierenbach+, der aus dem Surenersee entspringt und einer gemeinen Sage nach, die sowohl die Leute in Uri, als in Engelsberg erzählen, durch folgende Geschichte den Namen erhalten haben soll. Vor mehrern hundert Jahren lebte hier ein Alpenhirt, der in seiner Heerde ein Lamm hatte, worauf er besonders viel hielt und dem er so zugethan war, daß er darauf verfiel, es taufen zu lassen und ihm einen Christennamen beizulegen. Was geschieht? Der Himmel, um diesen Frevel zu rächen, wandelte das Lamm in ein scheußliches Gespenst, welches bei Tag und Nacht auf der fruchtbaren Alpe umherging, alle Gräser und Kräuter abweidete und den Strich so verheerte, daß die Engelsberger fürder kein Vieh mehr darauf halten konnten. Zu denen von Uri kam aber ungefähr ein fahrender Schüler und rieth, wie sie das Unthier zu vertreiben hätten. Nämlich sie sollten neun Jahr lang ein Stier-Kalb mit purer Milch auffüttern, das erste Jahr von einer einzigen Kuh, das zweite von der Milch zweier, das dritte dreier Kühe und so fort; nach Ablauf der neun Jahre den solchergestalt mit Milch auferzogenen Ochsen durch eine reine Jungfrau auf die Alpe führen lassen. Die Urer hofften auf guten Lohn von den Engelsbergern und nährten einen solchen Stier auf der Alpe Waldnacht, wo man noch heut zu Tag seinen Stall weist, genannt den +Stiergaden+. Wie nun der Stier zu seinen Jahren gekommen war, leitete ihn eine unbefleckte Jungfrau über den Felsengrat und ließ ihn da laufen. Der Stier, als er sich frei sah, ging sogleich auf das Gespenst los und fing einen Kampf mit ihm an. Der Streit war so hart und wüthig, daß der Stier zwar das Ungeheuer zuletzt überwand, aber der Schweiß von seinem Leib heruntertroff. Da stürzte er zu einem vorbeifließenden Bach und trank so viel Wasser, daß er auf der Stelle des Todes war. Davon hat der Bach seitdem den Namen +Stierenbach+ und außerdem zeigen die Einwohner noch jetzo die Felsen und Steine vor, in denen sich die Hinterklauen des Stiers, während des heftigen Kampfes, eingedrückt haben.

143.

Die Männer im Zottenberg.

+Seyfried’s+ ~medulla. p.~ 478-481.

~+Nic. Henelius ab Hennenfeld+~ in ~Silesiographia renovata c. 11. §. 13.~

Beschreibung des Fichtelbergs. Leipz. 1716. S. 59-63.

+Valvassor+ Ehre von Crain I. 247.

Im 16. Jahrhundert lebte in Schweidnitz ein Mann, Johannes Beer genannt. Im Jahr 1570, als er seiner Gewohnheit nach zu seiner Lust auf den nah gelegenen Zottenberg ging, bemerkte er zum erstenmal eine Oeffnung, aus der ihm beim Eingang ein gewaltiger Wind entgegenwehte. Erschrocken ging er zurück, bald darauf aber, am Sonntag Quasimodogeniti, beschloß er von neuem die Höhle zu untersuchen. Er kam in einen engen, geraden Felsengang, ging einem fernschimmernden Lichtstrahl nach und gelangte endlich zu einer beschlossenen Thüre, in der eine Glasscheibe war, die jenes wundersame Licht warf. Auf dreimaliges Anklopfen ward ihm geöffnet und er sah in der Höhle an einem runden Tisch drei lange abgemergelte Männer in altdeutscher Tracht sitzen, betrübte und zitternde. Vor ihnen lag ein schwarzsammtenes, goldbeschlagenes Buch. Hierauf redete er sie mit: “~pax vobis!~” an und bekam zur Antwort: “~hic nulla pax!~” Weiter vorschreitend rief er nochmals: “~pax vobis in nomine domini!~” erzitternd mit kleiner Stimme versetzten sie: “~hic non pax.~” Indem er vor den Tisch kam, wiederholte er: “~pax vobis in nomine domini nostri Jesu Christi!”~ worauf sie verstummten und ihm jenes Buch vorlegten, welches geöffnet den Titel hatte: ~liber obedientiae~. Auf Beer’s Frage: wer sie wären? gaben sie zur Antwort: sie kennten sich selber nicht. “Was sie hier machten?” -- “Sie erwarteten in Schrecken das jüngste Gericht und den Lohn ihrer Thaten.” -- “Was sie bei Leibes-Leben getrieben?” Hier zeigten sie auf einen Vorhang, hinter dem allerlei Mordgewehre hingen, Menschen-Gerippe und Hirnschädel. “Ob sie sich zu diesen bösen Werken bekennten?” -- “Ja!” -- “Ob es gute oder böse?” -- “Böse.” -- “Ob sie ihnen leid wären?” Hierauf schwiegen sie still, aber erzitterten: “sie wüßtens nicht!”

Die schlesische Chronik gedenkt eines Raubschlosses auf dem Zottenberge, dessen Ruinen noch zu sehen sind.

144.

Verkündigung des Verderbens.

+Prätorius+ Weltbeschr. II. 38.

Als die Magdeburger im Jahr 1550 am 22. September mit dem Herzog Georg von Mecklenburg Schlacht halten sollten, ist ihnen bei ihrem Auszuge vor dem Dorf Barleben, eine Meile Wegs von der Stadt ein langer, ansehnlicher, alter Mann, der Kleidung nach einem Bauersmanne nicht unähnlich, begegnet und hat gefragt, wo sie mit dem Kriegs-Volk und der Kriegs-Rüstung hinausgedächten? Und da er ihres Vorhabens berichtet worden, hat er sie gleich mit aufgehobenen Händen herzlich gebäten und gewarnt, von ihrem Vorsatze abzustehen, wieder heim zu kehren, ihre Stadt in Acht zu nehmen und ja des Orts und sonderlich in dieser Zeit nichts zu beginnen, weil eben auch vor zweihundert Jahren die Magdeburger auf den St. Moriz Tag und an demselben Orte, an dem Wasser Ohra geschlagen worden; wie ein jeder, der es wüßte, in der Tafel der St. Johannes Kirche zu Magdeburg lesen könnte. Und würde ihnen, wofern sie fortführen, gewiß auch diesmal glücklicher nicht ergehen. Ob nun wohl etliche sich über das Wesen und die Rede des Mannes verwunderten, so haben doch ihrer sehr viel ihn gespottet und die Warnung höhnisch verlacht, von welchen Spöttern hernach doch keiner in der Schlacht unerschlagen oder ungefangen geblieben seyn soll. Man sagt, er sey als ein gar alter eis-grauer Mann erschienen, aber solches schönen, holdseligen, röthlichen und jungen Angesichtes, daß es zu verwundern gewesen. Und demnach es leider gefolgt, wie er geweißagt, hat man allenthalben Nachforschung nach solchem Manne gehabt, aber niemand erfahren können, der ihn zuvor oder nachher gesehen hätte.

145.

Das Männlein auf dem Rücken.

+Prätorius+ Weltbeschr. II. 584. 585.

Als im März 1669 nach Torgau hin ein Seiler seines Wegs gewandelt, hat er einen Knaben auf dem Felde angetroffen, der auf der Erde zum Spiel niedergesessen und ein Bret vor sich gehabt. Wie nun der Seiler solches im Ueberschreiten verrückt, hat das Knäblein gesprochen: “warum stoßt ihr mir mein Bret fort? mein Vater wirds euch danken!” Der Seiler geht immer weiter und nach hundert Schritten begegnet ihm ein klein Männlein, mit grauem Bart und ziemlichem Alter, von ihm begehrend, daß er es tragen möge, weil es zum Gehen ermüdet sey. Diese Anmaßung verlacht der Seiler, allein es springet auf seine Schultern, so daß er es ins nächste Dorf hocken muß. Nach zehn Tagen stirbt der Seiler. Als darüber sein Sohn kläglich jammert, kommt das kleine Bübchen zu ihm, mit dem Bericht, er solle sich zufrieden geben, es sey dem Vater sehr wohl geschehen. Weiter wolle er ihn, benebenst der Mutter, bald nachholen, denn es würde in Meißen eine schlimme Zeit erfolgen.

146.

Gottschee.

Volks-Sagen. Eisenach. 1795. 173-188.

In der unter-crainischen Stadt Gottschee wohnen Deutsche, die sich in Sprache, Tracht und Sitten sehr von den anderen Crainern unterscheiden. Nahe dabei liegt eine alte, denselben Namen tragende und dem Fürsten Auersperg zuhörende Burg, von der die umwohnenden Leute mancherlei Dinge erzählen. Noch jetzt wohnt ein Jägersmann mit seinen Hausleuten in dem bewohnbaren Theil der verfallenen Burg und dessen Vorfahren einem soll einmal ganz besonders mit den da hausenden Geistern folgendes begegnet seyn.

Die Frau dieses Jägers war in die Stadt hinunter gegangen, er selbst, von Schläfrigkeit befallen, hatte sich unter eine Eiche vor dem Schloß gestreckt. Plötzlich so sah er den ältesten seiner beiden Knaben, die er schlafend im Haus verlassen, auf sich zukommen, wie als wenn er geführt würde. Zwar keinen Führer erblickte er, aber das fünfjährige Kind hielt die Linke stets in der Richtung, als ob es von jemanden daran gefaßt wäre. Mit schnellen Schritten eilte es vorbei und einem jähen Abgrund zu. Erschrocken sprang der Vater auf, sein Kind zu retten Willens, faßte es rasch und mühte sich, die linke Hand von dem unsichtbaren Führer loszumachen. Mit nicht geringer Anstrengung bewerkstelligte er das zuletzt und riß die Hand des Kindes los aus einer andern, die der Jäger nicht sah, aber eiskalt zu seyn fühlte. Das Kind war übrigens unerschrocken und erzählte: wie daß ein alter Mann gekommen sey, mit langem Bart, rothen Augen, in schwarze Kleider angethan und ein ledernes Käppchen auf, habe sich freundlich angestellt und ihm viel schöne Sachen versprochen, wenn es mit ihm gehen wolle, darauf sey es ihm an der Hand gefolgt.

Abends desselben Tags hörte der Jäger sich bei seinem Namen rufen; als er die Thüre aufmachte, stand der nämliche Alte draußen und winkte. Der Jäger folgte und wurde an eben denselben Abgrund geleitet. Der Felsen that sich auf, sie stiegen eine Steintreppe ab. Unterwegs begegnete ihnen eine Schlange, nachher gelangten sie in eine immer heller werdende Gruft. Sieben Greise, mit kahlen Häuptern, in tiefem Schweigen saßen in einem länglichten Raume. Weiter ging der Jäger durch einen engen Gang in ein kleines Gewölbe, wo er einen kleinen Sarg stehen sah, dann in ein größeres, wo ihm der Greis 28 große Särge zeigte, in den Särgen lagen Leichname beiderlei Geschlechts. Unter den Verblichenen fand er einige bekannte Gesichter, wovon er sich jedoch nicht zu erinnern wußte, wo sie ihm vorgekommen waren. Nach diesem wurde der Jäger in einen hellerleuchteten Saal geführt, worin 38 Menschen saßen, worunter vier sehr junge Frauen, und ein Fest begingen. Allein alle waren todtenblaß und keiner sprach ein Wort. Durch eine rothe Thür führte der Alte den Jäger zu einer Reihe altfränkisch gekleideter Leute, deren verschiedene der Jäger auch zu erkennen meinte, der Greis küßte den ersten und den letzten. Nunmehr beschwor der Jäger den Führer, ihm zu sagen, wer diese alle seyen und ob ein Lebendiger ihnen die noch entbehrte Ruhe wiedergeben könne? “Lauter Bewohner dieses Schlosses sind es, versetzte hohlstimmig der Alte, die weitere Bewandniß kannst du aber jetzt noch nicht erfahren, sondern wirst es demnächst einmal.” Nach diesen Worten wurde der Jäger sanft hinausgeschoben und merkte, daß er in einem naßfeuchten Gewölbe war. Er fand eine alte verfallene Treppe und diese in die Höhe steigend gelangte er in einen etwas weiteren Raum, von wo aus er durch ein kleines Loch vergnügt den Himmel und die Sterne erblickte. Ein starkes Seil, woran er stieß und das Rauschen von Wasser ließ ihn muthmaßen, er befinde sich auf dem Grunde einer hinter dem Schlosse befindlichen Cisterne, von wo aus man das Wasser mittelst eines Rades hinaufwand. Allein unglücklicherweise kam niemand in drei ganzen Tagen zum Brunnen, erst am Abend des vierten ging des Jägers Frau hin, die sehr staunte, als sie in dem schweren Eimer ihren todtgeglaubten Mann herauszog.

Die Verheißung des alten Wegweisers blieb indessen unerfüllt, doch erfuhr der Jäger, daß er ihn in dem Vorgeben, diese Geister seyen die alten Schloßbewohner, nicht belogen hätte. Denn als er einige Zeit darauf in dem fürstlichen Saal die Bilder der Ahnen betrachtete, erkannte er in ihren Gesichtszügen die in der Höhle gesehenen Leute und Leichen wieder.

147.

Die Zwerge auf dem Baum.

Mündlich aus dem Haslithal, in +Wyß+ Volkssagen S. 320.

Des Sommers kam die Schaar der Zwerge häufig aus den Flühen herab ins Thal und gesellte sich entweder hülfreich oder doch zuschauend den arbeitenden Menschen, namentlich zu den Mädern im Heuer (der Heuernte). Da setzten sie sich denn wohl vergnügt auf den langen und dicken Ast eines Ahorns ins schattige Laub. Einmal aber kamen boshafte Leute und sägten bei Nacht den Ast durch, daß er blos noch schwach am Stamme hielt, und als die arglosen Geschöpfe sich am Morgen darauf niederließen, krachte der Ast vollends entzwei, die Zwerge stürzten auf den Grund, wurden ausgelacht, erzürnten sich heftig und schrien:

O wie ist der Himmel so hoch und die Untreu’ so groß! heut hierher und nimmermehr!

Sie hielten Wort und ließen sich im Lande niemals wiedersehen.

148.

Die Zwerge auf dem Felsstein.

Mündlich aus der Gegend von Gadmen mitgetheilt durch +Wyß+ S. 320.

Es war der Zwerglein Gewohnheit, sich auf einen großen Felsstein zu setzen und von da den Heuern zuzuschauen. Aber ein Paar Schälke machten Feuer auf den Stein, ließen ihn glühend werden und fegten dann alle Kohlen hinweg. Am Morgen kam das winzige Volk und verbrannte sich jämmerlich; rief voll Zornes:

“O böse Welt, o böse Welt!”

und schrie um Rache und verschwand auf ewig.

149.

Die Füße der Zwerge.

Aus dem Mund eines bernerischen Bauern mitgetheilt in +Wyß+ Volkssagen S. 101-118.

Vor alten Zeiten wohnten die Menschen im Thal und rings um sie in Klüften und Höhlen die Zwerge, freundlich und gut mit den Leuten, denen sie manch schwere Arbeit Nachts verrichteten; wenn nun das Landvolk frühmorgens mit Wagen und Geräthe herbeizog und erstaunte, daß alles schon gethan war, steckten die Zwerge im Gesträuch und lachten hell auf. Oftmals zürnten die Bauern, wenn sie ihr noch nicht ganz zeitiges Getreide auf dem Acker niedergeschnitten fanden, aber als bald Hagel und Gewitter hereinbrach und sie wohl sahen, daß vielleicht kein Hälmlein dem Verderben entronnen seyn würde, da dankten sie innig dem voraussichtigen Zwergvolk. Endlich aber verscherzten die Menschen durch ihren Frevel die Huld und Gunst der Zwerge, sie entflohen und seitdem hat sie kein Aug wieder erblickt. Die Ursache war diese: ein Hirt hatte oben am Berg einen trefflichen Kirschbaum stehen. Als die Früchte eines Sommers reiften, begab sich, daß dreimal hintereinander Nachts der Baum geleert wurde und alles Obst auf die Bänke und Hürden getragen war, wo der Hirt sonst die Kirschen aufzubewahren pflegte. Die Leute im Dorf sprachen: “das thut niemand anders, als die redlichen Zwerglein, die kommen bei Nacht in langen Mänteln mit bedeckten Füßen daher getrippelt, leise wie Vögel und schaffen den Menschen emsig ihr Tagwerk. Schon vielmal hat man sie heimlich belauscht, allein man stört sie nicht, sondern läßt sie kommen und gehen.” Durch diese Reden wurde der Hirt neugierig und hätte gern gewußt, warum die Zwerge so sorgfältig ihre Füße bärgen und ob diese anders gestaltet wären, als Menschenfüße. Da nun das nächste Jahr wieder der Sommer und die Zeit kam, daß die Zwerge heimlich die Kirschen abbrachen und in den Speicher trugen, nahm der Hirt einen Sack voll Asche und streute die rings um den Baum herum aus. Den andern Morgen mit Tagesanbruch eilte er zur Stelle hin, der Baum war richtig leer gepflückt, und er sah unten in der Asche die Spuren von vielen Gänsfüßen eingedrückt. Da lachte der Hirt und spottete, daß der Zwerge Geheimniß verrathen war. Bald aber zerbrachen und verwüsteten diese ihre Häuser und flohen tiefer in den Berg hinab, grollen dem Menschengeschlecht und versagen ihm ihre Hülfe. Jener Hirt, der sie verrathen hatte, wurde siech und blödsinnig fortan bis an sein Lebensende.

150.

Die wilden Geister.

+Hormaier’s+ Geschichte Tyrols. I. 141. 142.

Unter den vicentinischen und veronesischen Deutschen wagts von der zweiten Hälfte December bis gegen das Ende der ersten Jännerhälfte selbst der kühnsten Jäger keiner, die Wildbahn zu besuchen. Sie fürchten den +wilden Mann+ und die +Waldfrau+. Die Hirten treiben zu dieser Zeit das Vieh nicht, Kinder hohlen das Wasser in irdenen Gefäßen von der nächsten Quelle und die Heerden werden im Stall getränkt. Auch spinnen die Weiber der +Waldfrau+ ein Stück Haar am Rocken und werfen es ihr ins Feuer, um sie zu versühnen. Am Vorabend des Festes wird die Hausküche und jeder Ort, wo ein Rauchfang ist oder eine Öffnung aus der Luft herabfährt, mit Asche bestreut. Dann achtet man auf die +Fußtritte+ in der Asche und sieht an ihrer Lage, Größe und zumal daran: ob sie ein- oder ausgehen? welche gute oder böse Geister das Haus besuchen.

151.

Die Heilingszwerge.

+Spieß+ Vorrede zu seinem Hans Heiling.

Am Fluß Eger zwischen dem Hof Wildenau und dem Schlosse Aicha ragen ungeheuer große Felsen hervor, die man vor Alters den +Heilingsfelsen+ nannte. Am Fuß derselben erblickt man eine Höhle, inwendig gewölbt, auswendig aber nur durch eine kleine Oeffnung, in die man den Leib gebückt kriechen muß, erkennbar. Diese Höhle wurde von kleinen Zwerglein bewohnt, über die zuletzt ein unbekannter alter Mann, des Namens +Heiling+, als Fürst geherrscht haben soll. Einmal vorzeiten ging ein Weib aus dem Dorfe Taschwitz bürtig, am Vorabend von Peter Pauli, in den Forst und wollte Beeren suchen; es wurde ihr Nacht und sie sah neben diesem Felsen ein schönes Haus stehen. Sie trat hinein und als sie die Thüre öffnete, saß ein alter Mann an einem Tische, schrieb emsig und eifrig. Die Frau bat um Herberge und wurde willig angenommen. Außer dem alten Mann war aber kein lebendes Wesen im ganzen Gemach, allein es rumorte heftig in allen Ecken, der Frau ward greulich und schauerlich und sie fragte den Alten: “wo bin ich denn eigentlich?” Der Alte versetzte: “daß er Heiling heiße, bald aber auch abreisen werde, denn zwei Drittel meiner Zwerge sind schon fort und entflohen.” Diese sonderbare Antwort machte das Weib nur noch unruhiger und sie wollte mehr fragen, allein er gebot ihr Stillschweigen und sagte nebenbei: “wäret ihr nicht gerade in dieser merkwürdigen Stunde gekommen, solltet ihr nimmer Herberge gefunden haben.” Die furchtsame Frau kroch demüthig in einen Winkel und schlief sanft und wie sie den Morgen mitten unter den Felssteinen erwachte, glaubte sie geträumt zu haben, denn nirgends war ein Gebäude da zu ersehen. Froh und zufrieden, daß ihr in der gefährlichen Gegend kein Leid widerfahren sey, eilte sie nach ihrem Dorfe zurück, es war alles so verändert und seltsam. Im Dorf waren die Häuser neu und anders aufgebaut, die Leute, die ihr begegneten, kannte sie nicht und wurde auch nicht von ihnen erkannt. Mit Mühe fand sie endlich die Hütte, wo sie sonst wohnte, und auch die war besser gebaut; nur dieselbe Eiche beschattete sie noch, welche einst ihr Großvater dahin gepflanzt hatte. Aber wie sie in die Stube treten wollte, ward sie von den unbekannten Bewohnern als eine Fremde vor die Thüre gewiesen und lief weinend und klagend im Dorf umher. Die Leute hielten sie für wahnwitzig und führten sie vor die Obrigkeit, wo sie verhört und ihre Sache untersucht wurde; siehe da, es fand sich in den Gedenk- und Kirchenbüchern, daß grad vor hundert Jahren an eben diesem Tag eine Frau ihres Namens, welche nach dem Forst in die Beeren gegangen, nicht wieder heimgekehrt sey und auch nicht mehr zu finden gewesen war. Es war also deutlich erwiesen, daß sie volle hundert Jahr im Felsen geschlafen hatte und die Zeit über nicht älter geworden war. Sie lebte nun ihre übrigen Jahre ruhig und sorgenlos aus und wurde von der ganzen Gemeinde anständig verpflegt zum Lohn für die Zauberei, die sie hatte erdulden müssen.

152.

Der Abzug des Zwergvolks über die Brücke.

+Otmar+’s Volkssagen.

Die kleinen Höhlen in den Felsen, welche man auf der Südseite des Harzes, sonderlich in einigen Gegenden der Grafschaft Hohenstein findet, und die größtentheils so niedrig sind, daß erwachsene Menschen nur hineinkriechen können, theils aber einen räumigen Aufenthaltsort für größere Gesellschaften darbieten, waren einst von Zwergen bewohnt und heißen nach ihnen noch jetzt Zwerglöcher. Zwischen Walkenried und Neuhof in der Grafschaft Hohenstein hatten einst die Zwerge zwei Königreiche. Ein Bewohner jener Gegend merkte einmal, daß seine Feldfrüchte alle Nächte beraubt wurden, ohne daß er den Thäter entdecken konnte. Endlich ging er auf den Rath einer weisen Frau bei einbrechender Nacht an seinem Erbsenfelde auf und ab und schlug mit einem dünnen Stabe über dasselbe in die bloße Luft hinein. Es dauerte nicht lange, so standen einige Zwerge leibhaftig vor ihm. Er hatte ihnen die unsichtbar machenden Nebelkappen abgeschlagen. Zitternd fielen die Zwerge vor ihm nieder und bekannten: daß ihr Volk es sey, welches die Felder der Landesbewohner beraubte, wozu aber die äußerste Noth sie zwänge. Die Nachricht von den eingefangenen Zwergen brachte die ganze Gegend in Bewegung. Das Zwergvolk sandte endlich Abgeordnete und bot Lösung für sich und die gefangenen Brüder, und wollte dann auf immer das Land verlassen. Doch die Art des Abzuges erregte neuen Streit. Die Landeseinwohner wollten die Zwerge nicht mit ihren gesammelten und versteckten Schätzen abziehen lassen und das Zwergvolk wollte bei seinem Abzuge nicht gesehen seyn. Endlich kam man dahin überein, daß die Zwerge über eine schmale Brücke bei Neuhof ziehen, und daß jeder von ihnen in ein dorthin gestelltes Gefäß einen bestimmten Theil seines Vermögens, als Abzugszoll werfen sollte, ohne daß einer der Landesbewohner zugegen wäre. Dies geschah. Doch einige Neugierige hatten sich unter die Brücke gesteckt, um den Zug der Zwerge wenigstens zu hören. Und so hörten sie denn viele Stunden lang das Getrappel der kleinen Menschen; es war ihnen als wenn eine sehr große Heerde Schaafe über die Brücke ging. -- Seit dieser letzten großen Auswanderung des Zwergvolks lassen sich nur selten einzelne Zwerge sehen. Doch zu den Zeiten der Elterväter stahlen zuweilen einige in den Berghöhlen zurückgebliebene aus den Häusern der Landesbewohner kleine kaum geborene Kinder, die sie mit Wechselbälgen vertauschten.

153.

Der Zug der Zwerge über den Berg.

+Otmar’s+ Volkssagen.