Deutsche Sagen

Part 14

Chapter 143,956 wordsPublic domain

Zwischen Ems und Wels in Oestreich auf einer einsamen Mühle lebte ein Müller, der war an einem Sonntag Morgen, nach üblicher Weise, mit allen seinen Knechten in die Kirche gegangen und nur seine Frau, die ihre Niederkunft bald erwartete, daheim geblieben. Als die Müllerin so allein saß, kam die Hebamme, gleichsam zum Besuch, zu sehen, wie es mit ihr stehe. Die Müllerin war ihr freundlich, trug etwas auf und sie setzten sich zusammen an den Tisch. Während sie aßen, ließ die Hebamme das Messer fallen und sprach: “hebt mir einmal das Messer auf!” “Ei! antwortete die Müllerin, ihr redet wunderlich, ihr wißt doch, daß mir das Bücken saurer wird, als euch,” doch ließ sie’s hingehen, hob das Messer auf, reichte es ihr, und wie sie es reichte, noch im Bücken, faßte die Hebamme das Messer in die Faust, zückte und sprach: “nun gebt mir euer Geld, das baar bei euch liegt, oder ich stech euch die kalte Klinge in die Brust!” Die Müllerin erschrack, faßte sich aber und sagte: “kommt mit mir hinüber in die Kammer, da liegt im Schrank, was wir haben, und nehmts.” Die Hebamme folgte ihr, nahm das Geld aus dem Schrank und, weil es ihrer Habsucht nicht genug war, suchte sie noch weiter in andern Gefächern. Diesen Augenblick benutzte die Müllerin, trat schnell hinaus und schloß die Thüre fest zu, und da vor den Fenstern starke eiserne Gitter standen, so war die Hebamme in der Kammer eingefangen. Nun rief die Frau ihr siebenjähriges Söhnlein und sprach: “eil dich und lauf zum Vater in die Kirche, ich bät ihn, eilends mit seinen Knechten heimzukommen, ich wär in großer Gefahr.” Das Kind lief fort, aber nicht weit von der Mühle traf es auf den Mann der Hebamme, der verabredetermaßen kam, den Raub fortzutragen. Als er das Kind sah, faßte er’s und riß es mit sich zur Mühle zurück. Die Müllerin, die, ihren Mann erwartend, am Fenster stand, sah ihn kommen, verschloß alsbald die Hausthüre und schob alle Riegel vor. Als der Mann heran war, rief er, sie sollte ihm die Thüre öffnen und, da sie es nicht that, stieß er wüthend dagegen und hoffte sie einzutreten. Die Müllerin schrie nun mit allen Kräften zu einem Fenster hinaus nach Hülfe, aber, weil die Mühle zu fern, auch mit Gebüsch umwachsen lag, ward sie von niemand gehört. Indeß wich die Thüre den Stößen des Mannes nicht und da er sah, in welche Gefahr er und seine Frau gerathe, wenn er sich so lang aufhalte, bis der Müller aus der Kirche komme, zog er sein Messer und rief der Müllerin: “wo ihr nicht gleich öffnet, so stech ich das Kind vor euern Augen nieder und zünde die Mühle euch über dem Kopf an;” faßte auch das Kind, daß es laut zu schreien anfing. Da eilte die Müllerin und wollte die Thüre öffnen, aber wie sie davor stand, ging ihr der Gedanken durchs Herz, daß der Mörder sie nur herauslocken wolle, um sie selbst und mit ihr das Kind in ihrem Leibe zu tödten, so daß sie ein paar Augenblicke schwankte. Der Mann zauderte nicht, stach dem Knaben das Messer in die Brust, lief dann um die Mühle und suchte einen Eingang. Da fiel der Müllerin, die von dem allem nichts wußte, ein, sie wollte die Räder in Bewegung setzen, vielleicht lockte das am Sonntag ungewöhnliche Klappern Menschen zu ihrer Hülfe herbei. Der Mörder aber wollte gerade durch das stehende Rad in die Mühle sich eindrängen, hatte eben den Fuß auf eine Speiche gesetzt und wär ohne Zweifel hineingeschlüpft, als in dem nämlichen Augenblick, nach Gottes wundervoller Schickung, das losgelassene Rad anhub sich zu drehen, ihn hinunterschlug und jämmerlich zermalmte.

Bald darauf kam der Müller mit seinen Knechten heim. Als er die Kammer aufschloß, worin die Hebamme gefangen war, lag sie todt auf der Erde und war vor Angst und Schrecken vom Schlag gerührt.

128.

Johann Hübner.

Stilling’s Leben. I. 51-54.

Auf dem Geissenberge in Westphalen stehen noch die Mauern von einer Burg, da vor Alters Räuber gewohnt. Sie gingen Nachts in’s Land umher, stahlen den Leuten das Vieh und trieben es dort in den Hof, wo ein großer Stall war und darnach verkauften sie’s weit weg an fremde Leute. der letzte Räuber, der hier gewohnt hat, hieß +Johann Hübner+. Er hatte eiserne Kleider an und war stärker als alle andere Männer im ganzen Land. Er hatte nur ein Auge und einen großen krausen Bart und Haare. Am Tage saß er mit seinen Knechten in einer Ecke, wo man noch das zerbrochene Fenster sieht, da tranken sie zusammen. Johann Hübner sah mit dem einen Auge sehr weit durchs ganze Land umher; wenn er dann einen Reuter sah, da rief er: “heloh! da reitet ein Reuter! ein schönes Roß! Heloh!” Dann zogen sie hinaus, gaben acht, wann er kam, nahmen ihm das Roß und schlugen ihn todt. Nun war ein Fürst von Dillenburg, der schwarze Christian genannt, ein sehr starker Mann, der hörte viel von den Räubereien des Johann Hübners, denn die Bauern kamen immer und klagten über ihn. Dieser schwarze Christian hatte einen klugen Knecht, der hieß +Hanns Flick+, den schickte er über Land, dem Johann Hübner aufzupassen. Der Fürst aber lag hinten im Giller und hielt sich da mit seinen Reutern verborgen, dahin brachten ihm auch die Bauern Brot und Butter und Käse. Hanns Flick aber kannte den Johann Hübner nicht, streifte im Land umher und fragte ihn aus. Endlich kam er an eine Schmiede, wo Pferde beschlagen wurden, da stunden viele Wagenräder an der Wand, die auch beschlagen werden sollten. Auf dieselben hatte sich ein Mann mit dem Rücken gelehnt, der hatte nur ein Auge und ein eisernes Wams an. Hanns Flick ging zu ihm und sagte: “Gott grüß dich, eiserner Wams-Mann mit einem Auge! heißest du nicht Johann Hübner vom Geissenberg?” Der Mann antwortete: “Johann Hübner vom Geissenberg liegt auf dem Rad.” Hanns Flick verstunde das Rad auf dem Gerichtsplatz und sagte: “war das kürzlich?” “Ja, sprach der Mann, erst heut.” Hanns Flick glaubte doch nicht recht und blieb bei der Schmiede und gab auf den Mann acht, der auf dem Rade lag. Der Mann sagte dem Schmied ins Ohr, er sollte ihm sein Pferd verkehrt beschlagen, so daß das vorderste Ende des Hufeisens hinten käme. Der Schmied that es und Johann Hübner ritt weg. Wie er aufsaß, sagte er dem Hanns Flick: “Gott grüß dich, braver Kerl, sage deinem Herrn, er solle mir Fäuste schicken, aber keine Leute, die hinter den Ohren lausen.” Hanns Flick blieb stehen und sah, wo er übers Feld in den Wald ritt, lief ihm nach, um zu sehen, wo er bliebe. Er wollte seiner Spur nachgehen, aber Johann Hübner ritt hin und her, die Kreuz und Queer und Hanns Flick wurde bald in den Fußtapfen des Pferdes irre, denn wo jener hingeritten war, da gingen die Fußtapfen zurück. Also verlor er ihn bald und wußte nicht, wo er geblieben war. Endlich aber ertappte er ihn doch, wie er Nachts bei Mondenschein mit seinen Knechten auf der Heide im Wald lag und geraubt Vieh hütete. Da eilte er und sagte es dem Fürsten Christian, der ritt in der Stille mit seinen Kerlen unten durch den Wald und sie hatten den Pferden Moos unter die Füße gebunden. So kamen sie nah herbei, sprangen auf ihn zu und kämpften miteinander. Der schwarze Christian und Johann Hübner schlugen sich auf die eisernen Hüte und Wämser, daß es klang, endlich aber blieb Johann Hübner todt und der Fürst zog in das Schloß auf dem Geissenberg. Den Johann Hübner begruben sie in einer Ecke, der Fürst legte viel Holz um den großen Thurm und sie untergruben ihn auch. Am Abend, als im Dorfe die Kühe gemolken wurden, fiel der Thurm um und das ganze Land zitterte von dem Fall. Man sieht noch die Steine den Berg hinunter liegen. Der Johann Hübner erscheint oft um Mitternacht, mit seinem einen Auge sitzt er auf einem schwarzen Pferd und reitet um den Wall herum.

129.

Eppela Gaila.

+Fischart+ im Garg. (springen) über Eppelins Heuwagen.

+Rentsch+ Antiquitäten des Burggrafthums oberhalb Gebirg, aus einer ihm 1684 vom Pfarrer Meyer zu Muggendorf mitgetheilten Nachricht.

Beschreibung des Fichtelbergs. Lpz. 1716. S. 149.

+Edward Brown+ sonderbare Reisen S. 67.

+E.M. Arndt+ Bruchst. einer Reise von Baireuth nach Wien im Sommer 1798. Leipz. 1801. 8. S. 27. 28. 96.

Eppelein von Gailingen, ein Schauspiel von +Hansing+. Leipz. 1795. 8.

Vor nicht lang sangen die nürnberger Gassenbuben noch diesen alten Reim:

Eppela Gaila von Dramaus reit allzeit zum vierzehnt aus;

und:

Da reit der Nürnberger Feind aus Eppela Gaila von Dramaus.

In alten Zeiten wohnte im Baireuthischen bei Drameysel (einem kleinen, nach Muggendorf eingepfarrten Dörfchen) +Eppelin von Gailing+, ein kühner Ritter, der raubte und heerte dort herum und sonderlich aufgesessen war er den Nürnbergern, denen schadete er, wo er mochte. Er verstand aber das Zaubern und zumal so hatt’ er ein Rößlein, das konnte wohl reiten und traben, damit setzte er in hohen Sprüngen über Felsen und Risse und sprengte es über den Fluß Wiesent, ohne das Wasser zu rühren, und über Heuwagen auf der Wiese ritt er, daß seines Rosses Huf kein Hälmlein verletzte. Zu Gailenreuth lag sein Hauptsitz, aber rings herum hatte er noch andere seiner Burgen und im Nu wie der Wind flog er von einer zur andern. Von einer Bergseite war er flugs an der gegenüber stehenden und ritt oftmals nach Sanct Lorenz in Muggendorf. Zu Nürnberg hielten ihn weder Burgmauern auf, noch der breite Stadtgraben und viel ander Abentheuer hat er ausgeübt. Endlich aber fingen ihn die Nürnberger und zu Neumarkt ward er mit seinen Helfershelfern an den Galgen gehängt. In der nürnberger Burg stehen noch seine Waffen zur Schau und an der Mauer ist noch die Spur vom Huf seines Pferdes zu sehen, die sich eingedrückt hatte, als er darüber sprang.

130.

Der Blumenstein.

Kurhess. Magazin 1804. Nr. 30.

Als auf dem Blumenstein bei Rotenburg in Hessen noch Ritter lebten, wettete eines Abends ein junges, muthiges Bauernmädchen in dem benachbarten Dorf Höhnebach, daß es um Mitternacht bei Mondschein hinaus auf die furchtbare Burg gehen und ein Ziegelstück herabholen wollte. Sie wagte auch den Gang, holte das Wahrzeichen und wollte eben wieder zurückgehen, als ihr ein Hufschlag in der stillen Nacht entgegenklang. Schnell sprang sie unter die Zugbrücke und kaum stand sie darunter, so kam auch schon der Ritter herein und hatte eine schöne Jungfrau vor sich, die er geraubt und deren köstliche Kleidungsstücke er hinten aufgepackt hatte. Indem er über die Brücke ritt, fiel ein Bündel davon herab, den hob das Bauernmädchen auf und eilte schnell damit fort. Kaum aber hatte sie die Hälfte des Spisses, eines Berges, der zwischen Höhnebach und dem Blumenstein liegt, erstiegen, so hörte sie, wie der Ritter schon wieder über die Zugbrücke ausritt und wahrscheinlich den verlorenen Bündel suchen wollte. Da blieb ihr nichts übrig, als den Weg zu verlassen und sich in den dicken Wald zu verbergen, bis er vorüber war. Und so rettete es seine Beute und brachte das Wahrzeichen glücklich nach Haus.

131.

Seeburger See.

Neues hanöv. Magazin 1807. St. 13. u. St. 40.

Zwei kleine Stunden von Göttingen liegt der seeburger See. Er vermindert sich jährlich, ist jetzt 30-40 Fuß tief und von einer guten halben Stunde Umkreis. In der Gegend sind noch mehr Erdfälle und gefährliche Tiefen, die auf das Daseyn eines unterirdischen Flusses vermuthen lassen. Die Fischer erzählen folgende Sage.

In alten Zeiten stand da, wo jetzt der See ist, eine stolze Burg, auf welcher ein Graf, Namens Isang, wohnte, der ein wildes und gottloses Leben führte. Einmal brach er durch die heiligen Mauern des Klosters Lindau, raubte eine Nonne und zwang sie, ihm zu Willen zu seyn. Kaum war die Sünde geschehen, so entdeckte sich, daß diejenige, die er in Schande gebracht, seine bis dahin ihm verborgen gebliebene Schwester war. Zwar erschrack er und schickte sie mit reicher Buße ins Kloster zurück, aber sein Herz bekehrte sich doch nicht zu Gott, sondern er begann aufs neue nach seinen Lüsten zu leben. Nun geschah es, daß er einmal seinen Diener zum Fischmeister schickte, einen Aal zu holen, der Fischmeister aber dafür eine silber-weiße Schlange gab. Der Graf, der etwas von der Thier-Sprache verstand, war damit gar wohl zufrieden, denn er wußte, daß, wer von einer solchen Schlange esse, zu allen Geheimnissen jener Sprache gelange. Er hieß sie zubereiten, verbot aber dem Diener bei Lebensstrafe, nichts davon zu genießen. Darauf aß er so viel, als er vermogte, aber ein weniges blieb übrig und wurde auf der Schüssel wieder hinausgetragen; da konnte der vom Verbot gereizte Diener seiner Lust nicht widerstehen und aß es. Dem Grafen aber fielen nach dem Genuß alsbald alle je begangenen Sünden und Frevel aufs Herz und standen so hell vor ihm, daß die Gedanken sich nicht davon abwenden konnten und er vor Angst sich nicht zu lassen wußte. “Mir ist so heiß, sprach er, als wenn ich die Hölle angeblasen hätte!” Er ging hinab in den Garten, da trat ihm ein Bote entgegen und sprach: “eben ist eure Schwester an den Folgen der Sünde, zu der ihr sie gezwungen habt, gestorben.” Der Graf wendete sich in seiner Angst nach dem Schloßhof zurück, aber da ging alles Gethier, das darin war: die Hühner, Enten, Gänse, auf und ab und sprachen untereinander von seinem ruchlosen Leben und entsetzlichen Frevel, den er all vollbracht, und die Sperlinge und die Tauben auf dem Dache mengten sich in das Gespräch und riefen Antwort herab. “Nun aber, sagten sie, haben die Sünden ihr volles Maas und das Ende ist gekommen: in kurzer Stunde werden die prächtigen Thürme umfallen und die ganze Burg wird versunken seyn.” Eben als der Hahn gewaltig auf dem Dache krähte, trat der Diener, der von der Schlange gegessen hatte, herzu und der Graf, der ihn versuchen wollte, fragte: “was ruft der Hahn?” Der Diener, der in der Angst sich vergaß und es wohl verstand, antwortete: “er ruft: eil! eil! eh die Sonne untergeht, willst du dein Leben retten, eil! eil! aber zieh allein!” “O du Verräther, sprach der Graf, so hast du doch von der Schlange gegessen, packe zusammen, was du hast, wir wollen entfliehen.” Der Diener lief hastig ins Schloß, aber der Graf sattelte sich selbst sein Pferd und schon war er aufgesessen und wollte hinaus, als der Diener zurückkam, leichen-blaß und athemlos ihm in die Zügel fiel und flehentlich bat, ihn mitzunehmen. Der Graf schaute auf und als er sah, wie die letzte Sonnen-Röthe an den Spitzen der Berge glühte und hörte, wie der Hahn laut kreischte: “eil! eil! eh die Sonne untergeht, aber zieh allein!” da nahm er sein Schwert, zerspaltete ihm den Kopf und sprengte über die Zugbrücke hinaus. Er ritt auf eine kleine Anhöhe bei dem Städtchen Gieboldehausen, da schaute er sich um, und als er die Thurmspitzen seines Schlosses noch im Abendroth glänzen sah, däuchte ihm alles ein Traum und eine Betäubung seiner Sinne. Plötzlich aber fing die Erde an, unter seinen Füßen zu zittern, erschrocken ritt er weiter und als er zum zweitenmal sich umschaute, waren Wall, Mauern und Thürme verschwunden und an des Schlosses Stelle ein großer See.

Nach dieser wundervollen Errettung bekehrte sich der Graf und büßte seine Sünden im Kloster Gieboldehausen, welchem er seine übrigen reichen Besitzungen schenkte. Nach seiner Verordnung werden noch jetzt reuigen Sündern an einem gewissen Tage Seelenmessen gelesen. In dem Dorfe Berenshausen stiftete er den Chor und die Altarstühle, worüber sogar noch ein Schenkungs-Brief da seyn soll. Auch werden noch jetzt aus dem See behauene Quadern und Eichenbohlen herausgeholt; vor einiger Zeit sogar zwei silberne Töpfe mit erhabenen Kränzen in getriebener Arbeit, von denen der Wirth in Seeburg einen gekauft hat.

132.

Der Burgsee und Burgwall.

+Kosegarten+ Rhapsodien. II. 110.

In der Stubniz auf der pommerschen Insel Rügen liegt ein mächtiger Erdwall, von hohen Buchen bewachsen und einen langrunden Kreis umschließend, in dessen Mitte mancherlei Baumwurzeln und Steine verstreut liegen. Hart neben dem östlichen Rande des Walles fließt in einem runden und tiefen Kessel ein See, der +schwarze See+, oder +Burgsee+ genannt. Jener Wall heißt der +Burgwall+. Nach der Landsage soll in diesem Wall vor alten Zeiten der Teufel angebetet und zu seinem Dienst eine Jungfrau unterhalten worden seyn. Wann er der Jungfrau überdrüssig wurde, so führten sie seine Priester zu dem schwarzen See und ersäuften sie darin.

133.

Der heil. Niclas und der Dieb.

+Prätorius+ Weltbeschr. I. 200. 201. aus

+Michael Saxe+ ~alphab. hist. p.~ 383.

Zu Greifswald in Pommern stund in einer Kirche St. Niclasen Bild. Eines Nachts brach ein Dieb ein, wollte den Gotteskasten berauben und rief den Heiligen an: “o heiliger Niclaus, ist das Geld mein oder dein? komm, laß uns wettlaufen darum, wer zuerst zum Gotteskasten kommt, soll gewonnen haben.” Hub damit zu laufen an, aber das Bild lief auch und überlief den Dieb zum drittenmal; der antwortete und sprach: “mein heil. Niclaus, du hasts redlicher gewonnen, aber das Geld ist dir doch nicht nutz, bist von Holz und bedarfst keines; ich wills nehmen und guten Muth dabei haben.” -- Bald darauf geschah, daß dieser Räuber starb und begraben wurde, da kamen die Teufel aus der Hölle, holten den Leib aus dem Grab, warfen ihn bei den beraubten Gotteskasten und hängten ihn zuletzt vor der Stadt an eine Windmühle auf. Diese Windmühle soll nachher immer links umgelaufen seyn.

134.

Riesensteine.

+Prätorius+ Weltbeschr. I. 591-593.

Man findet hin und wieder greuliche Steine, worin die Male von Händen und Füßen eingedrückt sind und wovon die Sage ist, dieses rühre von Riesen her, die sich vor Alters damit geworfen, oder darauf gestanden. Ein solcher Stein liegt zu Leipzig beim Kuhthurm am Wege und die Spur einer großen Hand mit sechs Fingern steht daraufgedruckt. Ein anderer großer Stein ist auf dem Wege von Leipzig nach dem Dorf Hohentiegel zu finden, dem Dorfe näher als der Stadt, darauf man ein Schmarre sieht, als wäre sie mit einem Schlachtschwerte eingehauen.

Als Salzwedel vor uralters hart belagert wurde von einem grausamen Feind, der sie doch nicht einbekommen mochte, weil Engel auf der Stadtmauer hin und hergegangen, die Pfeile auffingen und die Stadt behüteten; da erbitterte der Feldherr und wie im Lager ein großer Stein vor ihm lag, zog er sein Schlachtschwert und sprach: “soll ich die Stadt nicht gewinnen, so gebe Gott, daß ich in diesen Stein haue, wie in einen Butterweck.” Als er nun hieb, gab der Stein nach, als ob er ganz weich wäre. Dieser Stein wurde dem Prätorius an derselben Stelle im Jahr 1649 gezeigt, auf dem Wege zwischen Salzwedel und Tielsen, und er betastete ihn und sah mit eigenen Augen die tiefe Spalte, die er durch die Mitte hatte.

135.

Spuren im Stein.

Mündlich, aus Hessen.

Bei der Mindner Glashütte ist ein Wald, der heißt der Geismar-Wald, da hat vor dem dreißigjährigen Krieg eine Stadt Namens Geismar gestanden. Daneben ist ein anderer Berg, welcher der Todtenberg heißt und dabei ist eine Schlacht vorgefallen. Der Feldherr war anfänglich geschlagen, hatte sich in den Geismar-Wald zurückgezogen, saß da auf einem Stein und dachte nach, was zu thun am besten wäre. Da kam einer seiner Hauptleute und wollte ihn bereden, die Schlacht von neuem anzufangen und den Feind muthig anzugreifen, wo er jetzt noch siege, sey alles gerettet. Der Feldherr aber antwortete: “nein, ich kann so wenig siegen, als dieser Stein, auf dem ich sitze, weich werden kann!” Mit diesen Worten stand er auf, aber seine Beine und selbst die Hand, womit er sich beim Aufstehen auf den Stein gestützt, waren darin eingedrückt. Wie er das Wunder sah, ließ er zur Schlacht blasen, griff den Feind mit frischer Tapferkeit an und siegte. Noch heut zu Tag steht der Stein und man sieht die Spuren darin ausgedrückt.

136.

Der Riesen-Finger.

vgl. Taschenbuch für Freundschaft und Liebe 1815. S. 279-281.

Am Strand der Saale, besonders aber in der Nähe von Jena, lebte ein wilder und böser Riese; auf den Bergen hielt er seine Mahlzeit und auf dem Landgrafenberg heißt noch ein Stück der Löffel, weil er da seinen Löffel fallen ließ. Er war auch gegen seine Mutter gottlos und wenn sie ihm Vorwürfe über sein wüstes Leben machte, so schalt er sie und schmähte und ging nur noch ärger mit den Menschen um, die er Zwerge hieß. Einmal, als sie ihn wieder ermahnte, ward er so wüthend, daß er mit den Fäusten nach ihr schlug. Aber bei diesem Gräuel verfinsterte sich der Tag zu schwarzer Nacht, ein Sturm zog daher und der Donner krachte so fürchterlich, daß der Riese niederstürzte. Alsbald fielen die Berge über ihn her und bedeckten ihn, aber zur Strafe wuchs der kleine Finger ihm aus dem Grabe heraus. Dieser Finger aber ist ein langer schmaler Thurm auf dem Hausberg, den man jetzt den Fuchsthurm heißt.

137.

Riesen aus dem Unterberge.

Brixener Volksbuch.

Alte Männer aus dem Dorfe Feldkirchen, zwei Stunden von Salzburg, haben im Jahr 1645 erzählt, als sie noch unschuldige Buben gewesen, hätten sie aus dem Wunderberge Riesen herabgehen gesehen, die sich an die nächst dieses Berges stehende Grödicher Pfarrkirche angelehnt, daselbst mit Männern und Weibern gesprochen, dieselben eines christlichen Lebens und zu guter Zucht ihrer Kinder ermahnt, damit diese einem bevorstehenden Unglück entgingen. Sodann hätten sich diese Riesen wiederum nach ihrem Wunderberg begeben. Die Grödicher Leute waren von den Riesen oft ermahnt, durch erbauliches Leben sich gegen verdientes Unglück zu sichern.

138.

Der Jetten-Bühel zu Heidelberg.

~+Freher+ orig. palat.~ I. 50.

+Kaiser+ Schauplatz von Heidelberg S. 19. 20. u. 169. 170. und andere.

Der Hügel bei Heidelberg, auf dem jetzt das Schloß stehet, wurde sonst der +Jetten-Hügel+ genannt und dort wohnte ein altes Weib, Namens Jetta, in einer Capelle, von der man noch Ueberreste gesehen, als der Pfalzgraf Friedrich Kurfürst geworden war und ein schönes Schloß (1544) baute, das der neue Hof hieß. Diese Jetta war wegen ihres Wahrsagens sehr berühmt, kam aber selten aus ihrer Capelle und gab denen, die sie befragten, die Antwort zum Fenster heraus, ohne daß sie sich sehen ließ. Unter andern verkündigte sie, wie sie es in seltsamen Versen vorbrachte, es wäre über ihren Hügel beschlossen, daß er in künftigen Zeiten von königlichen Männern, welche sie mit Namen nannte, sollte bewohnt, beehrt und geziert und das Thal unter demselben mit vielem Volk besetzt werden.

Als Jetta einst bei einem schönen Tag nach dem Brunnen ging, der sehr lustig am Fuß des Geißbergs nah am Dorf Schlürbach, eine halbe Stunde von Heidelberg liegt und trinken wollte, wurde sie von einem Wolf, der Junge hatte, zerrissen. Daher er noch jetzt der +Wolfsbrunnen+ heißt. Nah dabei ist unter der Erde ein gewölbter Gang, von dem Volk das Heidenloch genannt.

139.

Riese Haym.

+Matth. Holzwart+ Lustgart. newer deutscher Poeterei. Strasb. 1568. ~f.~ S. 164-166.

~+Pighius+ hercules prodic.~ 167.

vgl. +Joh. Müller+ Schweiz. Gesch. I. 98. N. 81.

Es war vor Zeiten ein Riese, genannt +Haym+ oder +Haymon+. Als nun ein giftiger Drache in der Wildniß des Innthals hauste und den Einwohnern großen Schaden that, so machte sich Haymon auf, suchte und tödtete ihn. Dafür unterwarfen sich die Bewohner des Innthals seiner Herrschaft. Darnach erwarb er noch größern Ruhm, indem er die Brücke über den Inn, daher die Stadt Innsbruck den Namen führt, fester baute, weshalb sich viel fremde Leut unter ihn begaben. Der Bischof von Chur aber taufte ihn und Haymon erbaute zu Christi Ehren das Kloster Wilten, wo er bis an sein Ende lebte und begraben liegt.

Zu Wilten ist sein Grab zu sehen, vierzehen Schuh, drei Zwergfinger lang, auf dem Grab ist seine Gestalt in Rüstung aus Holz geschnitten. Auch zeigt man in der Sacristei die Drachen-Zunge, sammt einem alten Kelch, worauf die Passion abgebildet ist, den man vor mehr als 1100 Jahren, wie man das Fundament des Klosters grub, in der Erde gefunden, also daß der Kelch bald nach Christi Himmelfahrt gemacht war. Neben Haymes Grab hängt eine Tafel, worauf sein Leben beschrieben steht.

140.

Die tropfende Rippe.

Wiener Litter. Zeitung. 1813. Febr. col. 191. 192.