Deutsche Lebensbilder

Part 26

Chapter 263,470 wordsPublic domain

Die Mängel des Romans lassen sich meist darauf zurückführen, daß der Poet seinem Stoffe nicht frei genug gegenübersteht. Bezeichnend dafür ist, daß die Kindheitsgeschichte des Helden weit unbefangener und klarer dargestellt wird als seine späteren Erlebnisse, von denen manche des Dichters persönliches Interesse noch allzu nahe berühren mochten. Wir lernen den grünen Heinrich kennen, wie er von seiner Mutter und seiner Schweizer Heimat sich trennt, um in München Landschaftsmaler zu werden. Aber schon nach den ersten Reiseabenteuern wird die Erzählung abgebrochen, und wir erhalten die Jugendgeschichte des Helden in der Darstellung, die er, um sich selber Rechenschaft zu geben, aufgesetzt hat. Stört diese Zerspaltung der Fabel ohnehin den harmonischen Eindruck, so führt sie noch schwerere Nachteile mit sich. Die Form des Tagebuchs gibt dem Dichter Gelegenheit, sich in behaglicher Weitschweifigkeit zu ergehen und seiner Neigung für das Absonderliche, die er trotz aller ästhetischen Bildung doch nicht hat ablegen können, die Zügel schießen zu lassen. In der Absicht, uns mit dem Charakter des Helden vertraut zu machen, gibt er uns dessen Betrachtung über alles Erdenkliche, Herzensergießungen, so derb ehrlich, so verzweifelt naiv (denn der grüne Heinrich verdient seinen Namen nicht bloß um der Farbe seines Rockes willen), daß ein gesetzter Leser sich bekreuzen möchte. Schlimmer ist, daß diese Betrachtungen oft die Wahrheit der Erzählung zerstören. Das langsame Erwachen des Menschen aus kindischem Traumleben zu hellem Bewußtsein ist vielleicht der zarteste Gegenstand, den ein Dichter berühren kann: nur die allerruhigste, unbefangenste Erzählung kann uns hier überzeugen. Eine Reihe kleiner kindischer Sünden, die uns, einfach erzählt, ganz natürlich erscheinen würden, erregen unser Befremden, weil der zwanzigjährige Tagebuchschreiber sich die Motive seiner alten Missetaten nachträglich zu erklären sucht. Jedoch solche Mißgriffe sind nicht häufig. Im ganzen ist es eine Lust, diese Kindheitsgeschichte zu lesen. Selbst das unbefangen Tierische im Menschen wird uns gezeigt, seine natürliche Grausamkeit, seine schamlose Selbstsucht; wir sehen, wie die erste Wurzel der Unwahrheit, die falsche Scham, sich bildet, wir werden an jene haarscharfe Grenze geführt, welche das naturgemäße Erwachen einer lebendigen Einbildungskraft von der bewußten Lüge scheidet: und doch geht über dieser Fülle des Charakteristischen nicht der wehmütige Zauber verloren, der über dem Dämmerleben des Kindes schwebt. Durchaus bewährt sich des Dichters sittlicher Takt: er hütet sich wohl, den gedankenlosen Diebereien des Kindes mit dem Strafgesetzbuch in der Hand entgegenzutreten: aber sein Künstlerzorn erwacht, wenn er den Helden bei einem kleinlichen, engherzigen Gebaren findet. Die ersten bewußten Jahre verlebt der Held in engen Verhältnissen unter der liebevollen Zucht einer ernsten, genauen Mutter. Dann beginnt der unreife Spieltrieb allmählich umzuschlagen in die Lust an wirklicher Tätigkeit. Heinrich beschließt, sich zum Künstler zu bilden. Da sehen wir mit Rührung, wie hilflos die arme Witwe dem fremdartigen Treiben des Sohnes gegenübersteht: kann sie doch den Liebling ihres Herzens kaum anders unterstützen, als indem sie Strümpfe für ihn strickt. Und wie ergreifend erscheint das unselige Streben des Autodidakten, der, bald führerlos, bald mißleitet von unfähigen Lehrern, haltlos seiner unfertigen Empfindungslust, seiner knabenhaften Neigung für das Sonderbare preisgegeben ist. Ein Landaufenthalt seines Helden gibt Keller Anlaß zu Schilderungen des Volkslebens von so viel Schönheit und Farbenpracht, daß wir uns erstaunt fragen, ob dies dieselben Menschen sind, welche in Bitzius' Erzählungen unser ästhetisches Gefühl so oft schwer beleidigen. Diese Bauern sind weder malerisch noch großartig, sie sind schroff und engherzig, soweit in jenem harten materiellen Leben der Mann es sein muß, um auf eigenen Füßen zu stehen; es sind starke aufrechte Männer, sondertümliche, eigenartige Charaktere, wie sie in freier Unabhängigkeit sich bilden. Aber wie ehrwürdig erscheinen uns hier die köstlichen Güter des Landmanns, das frische Brot und der junge Wein; und wie tüchtig und beneidenswert das Volksfest der Tellfeier mit all seiner Derbheit, seinem naiven Ungeschick; denn über all dem bunten Treiben sehen wir ein naturwüchsiges, freies Gesamtleben, dem der Staat noch nicht als eine dem Volk entfremdete mechanische Amtsordnung gilt. Dort auf dem Dorfe empfängt des Helden Charakter die ersten dauernden Eindrücke der Leidenschaft. Seine romantische Neigung, seine unklare Schwärmerei wird durch ein zartes junges Mädchen gefesselt, aber sein Künstlerfeuer, seine lebendige Sinnlichkeit liegen in den Banden eines gereiften Weibes. Die schöne Judith ist eine jener sicheren, naturfrischen Frauen, die auch in unseren frommen Tagen nimmer aussterben werden: schön und stark, heißblütig und mit heidnischer Unbefangenheit jeder Leidenschaft folgend, aber durchaus wahr und eine harmonische Natur, der man nicht grollen kann. Dies Doppelleben des Helden ist mit ergreifender Wahrheit geschildert, aber auch mit einer naiven Offenherzigkeit, wie wir sie nur dem grünen Heinrich verzeihen können. Wir sind die letzten, die verbildete Prüderie unserer Frauen, welche ihnen die edelsten Kunstgenüsse verdirbt, zu verteidigen, und wir wissen sehr wohl Kellers kräftige Sinnlichkeit von der faunischen Lüsternheit der Franzosen zu unterscheiden: dennoch bedauern wir, daß manche schöne Hand den Roman aus der Hand legen wird, erschreckt durch diese Darstellung des Nackten, für welche ein künstlerischer Zweck nicht zu finden ist. Das zarte Mädchen stirbt, von Judith reißt Heinrich sich los in einem gewaltsamen Ausbruche unreifen Tugendstolzes. Endlich zieht der zuversichtliche junge Held in die Fremde, um -- alles zu vergeuden, was er besitzt, sein und seiner Mutter Leben.

Von hier hebt die eigentliche Erzählung wieder an, und sie sticht auch dadurch von dem Tagebuch in sehr störender Weise ab, daß von den vielen in diesem angeknüpften Fäden kaum einer von der Erzählung wieder aufgenommen wird. Mit des Helden Eintritt in das Münchener Kunstleben beginnt auch der Dichter sich eingehender mit der Kunst zu beschäftigen. Sein Buch ist das herbste, unbarmherzigste Verdammungsurteil über den Dilettantismus. Nur der Meister, nur wer seinen Beruf gründlich versteht, ist glücklich, mag er auch einen Stiefel zurechthämmern -- dies der Kern der Kunstanschauung Gottfried Kellers. Eine goldene Wahrheit, die dem Sohne eines starken und regsamen Volksstammes wohl ansteht; ein Kind mag sie fassen, aber Tausende unserer Gebildeten gehen zugrunde, weil ihnen der sittliche Mut, ihr zu folgen, mangelt! Die Standrede, welche der Maler Erikson seinem Freunde, dem grünen Heinrich, hält, über die mächtige Gesellschaft der „Wollenden” in der Kunst, über die nahe schöne Zukunft, wo die Städtebewohner sich an dem Gruße: Dichter? Dichter! Künstler? Künstler! erkennen werden, und ein Senat geprüfter Buchbinder und Rahmenvergolder zu Gericht sitzen wird über den Werken des reinen Fleißes -- dieser Scherz ist eine meisterhafte Satire, die jeder junge Künstler einmal lesen sollte. In solchem Geiste frischen vollkräftigen Künstlertums bekennt sich Keller auch zu jener Auffassung des geistigen Eigentums, die zu Recht bestehen wird, solange es rüstige Künstler gibt: der ohnmächtige Schwächling, dem eine gute Idee über Nacht gekommen, hat nicht das mindeste Recht zur Klage, wenn ein schöpferischer Kopf sie seiner unfähigen Hand entreißt und lebendig gestaltet. Wiederum eine sehr einfache, selbstverständliche Wahrheit; aber haben uns nicht die tragikomischen Erlebnisse des Schulmeisters von Possenhofen gezeigt, wie wenig unsere tonangebenden Schriftsteller diesen braven Künstlersatz begreifen? -- So gern der Dichter über künstlerische Dinge redet, so wenig wird die Schrift dadurch zum Kunstroman. Weder stellt sich hier die Kunst eitel vor den Spiegel, noch treten wir in jene Kreise der Aristokratie des Geistes, welche mit ihrem vorherrschend innerlichen Leben der Dichtung einen noch weit minder dankbaren Stoff bieten als der Adel. Das Buch bleibt ein einfacher bürgerlicher Roman; der Dichter hat es verstanden, diese besonderen Erlebnisse zu einem Bilde des Allgemeinen zu erweitern. Seine Verachtung des künstlerischen Dilettantismus ist lediglich der Haß des tüchtigen Menschen gegen alles Halbe und Schwächliche. Der Held bleibt ein epischer Charakter, er läßt die ganze Fülle der Welt der Erfahrung bildend auf sich wirken. Der Maler Ferdinand Lys schließt sich an ihn an, einer jener unselig begabten Menschen, an denen die Gegenwart reich ist: durchaus geistreich, fähig, von allem die höchsten und kühnsten Begriffe zu fassen, auch nicht gerade unproduktiv, aber mit einem Überwiegen des kritischen Denkens über die schöpferische Begabung, welches ihn am dauernden, beglückten Schaffen hindert. Oft genug gerät der gescheite Skeptiker mit dem unreifen jungen Freunde in Streit, bis einmal der Junge, stolz auf den willkürlichen Gottesglauben, den er sich aus den Trümmern der Dogmatik allein noch gerettet, ihm mit schwer beleidigenden Worten seinen Atheismus vorwirft. Da folgt eine Katastrophe, wie sie im Jugendleben nicht selten ist, lächerlich und tief traurig zugleich: seinem Herrgott zu Ehren verwundet der verblendete junge Mensch den Freund im Zweikampfe, und Ferdinand stirbt einige Jahre darauf an den Folgen der Wunde. Heinrich erkennt endlich, daß er zum Maler verdorben ist, er zeigt sich gänzlich ungeschickt zum Erwerben, er gerät in bittere Not. Eine ehrenwerte und doch falsche Scham entfremdet ihn gänzlich seiner Mutter, und die unglückliche Frau stirbt vor Sehnsucht und Gram um den verlorenen Sohn.

Hier nun muß es sich entscheiden, ob Heinrich ein wahrer Romanheld ist, ab er fähig ist, seine inhaltlose, gutmütige Jugendbegeisterung mit einer kräftigen, durch geistigen Schwung geadelten Lebenstätigkeit zu vertauschen. Aber hier erfahren wir, wie selten jene behagliche Heiterkeit des Gemüts, die Keller befähigte, seiner Erzählung einen ruhigen epischen Fluß zu geben, sich verbunden zeigt mit der dramatischen Energie, welche zum Abschlusse jedes Kunstwerks unerläßlich bleibt. Und noch klarer zeigen sich die schlimmen Folgen davon, daß der Held zu viel von des Dichters Fleisch und Blut hat. Heinrich faßt zwar den männlichen Entschluß, der Malerei zu entsagen, aber er meint sich berufen, im lebendigen Menschenstoffe zu schaffen. Nein, junger Freund, wenn du, so derb geschüttelt durch schwere Erfahrungen, noch nicht helleren Auges in dein Inneres blicken kannst, so bist du noch immer der „grüne” Heinrich. Zum Maler taugt dieser Mensch freilich nicht, denn er ist unfähig, nur mit einem Sinne die Welt zu erfassen, er hat seine Lust an der sprossenden Frühlingssaat, während seine Malergenossen den giftigen Ton der Farbe beklagen; aber zum handelnden Leben taugt er darum noch minder. Ein ästhetischer Widerwille war es ja, der schon den Knaben von dem Mysterium des Abendmahls zurückstieß, dichterisch ist die üppige Erfindungslust, welche sein Malerwirken so bitter störte -- mit einem Worte, in Heinrich steckt ein Poet. Aber Keller hat nicht den Mut, diesen Entwicklungsgang aufzudecken, er vernachlässigt darum das fruchtbare Motiv, das in Heinrichs ästhetischer Lebensanschauung -- diesem Urgrunde seines Glücks und seiner Schuld zugleich -- enthalten ist. Er weiß sich schließlich nur so zu helfen, daß er Heinrich, während wir noch auf dem vorletzten Blatte das Beste hoffen, auf der letzten Seite sterben läßt. Diese Ratlosigkeit über den Ausgang des Helden verdirbt den letzten Band durchaus; er ist gewandter geschrieben als der Anfang, aber in der Komposition und der dichterischen Wärme steht er weit zurück. Er ermüdet uns durch lange, völlig zwecklose Schilderungen und Betrachtungen. Ja, es gelingt dem Dichter sogar einmal, unsere Teilnahme dem Helden gänzlich zu entfremden, da Heinrich im Elend in eine unerträglich weinerliche Gramseligkeit verfällt. Am Schlusse indes erhebt sich die Erzählung noch einmal zu regerem Leben. Heinrich schüttelt die letzten Spuren seines Jammers von sich, er erstarkt zu neuem Selbstgefühle, und zum ersten Male kommt die Macht einer tiefen Liebe gewaltig über ihn. Aber sein Tod zerreißt des Lesers kaum wieder erwachte Hoffnungen. Es bleibt ein Mißgriff, der nicht wieder gesühnt werden kann, daß der Dichter Heinrichs Freund und Mutter zum Teil durch seine Schuld sterben ließ. Solche Verschuldungen, die mehr dem Ungeschick des Kopfes als der Schlechtigkeit des Herzens entspringen, bilden immer einen gefährlichen Stoff für die ernste Dichtung. Es ist hart, daß Heinrich um dieser Sünden willen, welche ja nicht das Werk seines freien Willens waren, zu den Verdorbenen und Gestorbenen gehören soll. Und doch würden wir es noch minder ertragen, wenn Heinrich auf dem Grabe seiner Mutter lustig Hochzeit hielte. Im Leben freilich ist es nicht nur möglich, ja wir dürfen sogar verlangen, daß ein Mensch mit so unseliger Vergangenheit noch ein wackerer und glücklicher Mann werde. Aber so Großes bewirkt im Leben nur jene Macht, welche selbst für die freieste und gewaltigste der Künste kaum darstellbar ist -- die Macht der Zeit! So ist denn die Achillesferse aller Romane, der Schluß hier besonders schwach. Das Buch endet mit einem grellen Mißlaute.

Wir durften wohl erwarten, daß ein so stark gärender Most endlich zu einem reinen und edlen Wein werde. Nicht gänzlich haben die Erzählungen von den „Leuten von Seldwyla” diese Hoffnungen erfüllt. Wie in jenem Romane breite, ermüdende Reflexionen sich neben den schönsten Bildern bewegten Menschenlebens ausdehnten, so stehen in dieser Schrift einige gänzlich verfehlte Erzählungen neben Novellen, die aus dem Schatz unserer Dichtkunst, will's Gott, nie wieder verschwinden werden. Die Leute von Seldwyla sind, was schlechte Künstler „ein poetisches Völkchen” nennen. Gegen dieses selige Lumpentum, das die Gemütlichkeit für seine besondere Kunst hält, wendet sich der Dichter mit der lustigsten und doch bittersten Ironie. Keller hat sehr richtig gefühlt, daß solche flache Lustigkeit, die schließlich ins Elend versinkt, zu gehaltlos ist, um der Kunst einen Stoff zu bieten. Das verkommene Volk gibt ihm nur den Hintergrund, von dem sich die Schilderungen einiger origineller Menschen abheben.

Freilich, wie ganz hat den Dichter sein guter Genius verlassen, als er seinen „Pankraz, den Schmoller” schrieb. Uns ist, als müßte der lange Erikson hervortreten, dem Poeten auf die Schulter klopfen und ihn fragen, ob auch er nach so mannhaftem Kampf gegen das Dilettantenwesen für die mächtige Genossenschaft der Wollenden sich habe werben lassen. Es scheint des Dichters Absicht, zu schildern, wie oft gerade seine kleinen Eigenschaften des Menschen Schicksal bestimmen, ihn fast wider Wissen und Willen in ein schweres Schuldverhältnis zu seiner Umgebung bringen. Und wieder scheint es, er wolle in dem nichtig-eitlen Charakter der Lydia das unheimliche Geheimnis der Schönheit, das schon Vater Homer geahnt, enthüllen. Aber er versucht nicht einmal, diese Motive auszuführen. Kurz und gut, die Geschichte entbehrt jeder Pointe -- so sehr, daß wir nicht einmal sicher sind, ob die Vermutungen, welche wir vorhin über des Dichters Plan äußerten, in Wahrheit zutreffen.

Kaum anders steht es mit dem Märchen „Spiegel das Kätzchen”. Hier ersteht der ideenlose Humor der alten Romantik aus dem Grabe, jener leere Humor, der sich nicht begnügt, die Poesie von falschen moralischen Zwecken zu säubern, sondern auch die künstlerischen Zwecke aus der Kunst verbannen möchte, jener Scherz, dem der Halt eines gedankenvollen Ernstes fehlt. Der Dichter weiß den altertümlichen Ton der Märe vortrefflich anzuschlagen, und einige Stellen der Erzählung erinnern an die schönheitssatte Einfachheit der alten italienischen Novellen; auch die Hexengeschichten sind phantastisch und lustig genug -- aber wir ahnen nicht einmal, wo hinaus der Poet mit dem Ganzen will. Wir sehen hier zwar nicht den in vollkommener Tendenzfreiheit, im reinen Dasein sich ergehenden Fleiß des Dilettanten, aber eine sehr verwandte Verirrung: den Übermut des Künstlers, der sich bewußt ist, schön zu erzählen und nun meint, jede grundlose, willkürliche Erfindung tue es auch. Dabei geht die Eintracht zwischen der Phantasie und dem schlichten Verstande verloren, welche doch in einem rechten Künstlerkopfe fein brüderlich zusammen hausen sollten.

In dem Schwanke von den „Drei gerechten Kammachern” hat Keller durch die Tat gezeigt, was wahrer Humor ist: drollig genug ist die Erzählung, recht, was man bei uns daheim eine pudelnärrische Geschichte nennt; aber hinter den mutwilligsten Einfällen schaut ein ernstes und starkes Gefühl hervor, eine rüstige Verachtung jener Laster, welche dem Künstler die hassenswürdigsten der Sünden sein müssen, der Engherzigkeit und Heuchelei. Nach dem verlumpten Neste Seldwyla kommen drei gerechte Gesellen in ein Kammachergeschäft. Ein jeder in der Absicht, des Meisters Nachfolger zu werden, machen sie sich durch ihren wütenden Fleiß, ihre makellose Gerechtigkeit das Leben zur Hölle. Das Ende ist, daß die Gerechten um den Preis des Meisterrechts und der Hand einer alten Jungfer unter dem Jubel der Narren und Lumpe der Stadt einen aberwitzigen Wettlauf halten. Der Scherz ist lustig genug, das elende Dasein dieser Menschen mit einer Wahrheit geschildert, welche freilich oft bis zu den Grenzen des Erträglichen, ja dann und wann darüber hinaus schreitet. Leider siegt zuletzt des Dichters warmes Herz über seinen Kunstverstand. Wir verargen ihm nicht, daß er dieser widerwärtigen Rotte eine derbe Züchtigung zudachte; wir finden es ganz in der Ordnung, daß er den Dietrich unter den Pantoffel jener schrecklich tugendhaften Schönen bringt; aber wenn er seinen Jobst am ersten besten Baum aufhängt und Fridolin ins Elend stürzt, so hat einfach der Spaß ein Ende.

Gar eigen hebt sich von diesem tollen Treiben die tiefernste Erzählung von „Frau Regel Amrain” ab. Die allereinfachste Geschichte: eine herrliche junge Frau, die ihren jüngsten Sohn erzieht, um es kurz zu sagen -- ein solches Weib, wie wir unsere Mütter uns vorstellen. Keller betritt hier ein Gebiet, wo er besonders heimisch, besonders reich ist an feinen Beobachtungen -- das Kinderleben; und niemand wird ungerührt bleiben von der schlichten Einfalt dieser Erzählung. Freilich, eine reine Novelle ist sie nicht. Denn nicht nur führt sie -- was der Novelle nicht zusteht -- den ganzen Entwicklungsgang eines Charakters an uns vorüber; sondern sie ist auch -- befremdlich genug bei diesem freisinnigen Dichter -- nicht ohne einen gewissen moralisch erbaulichen Beigeschmack. Die Versicherung mindestens, daß seine Geschichte authentisch sei, hätten wir ihm, im Interesse der Kunst und des Dichters, gern geschenkt: Frau Amrain lebt sicherer und leibhaftiger in dieser Novelle als in einem „wirklichen” Schweizerstädtchen.

Aber einen glücklichen Dichtersonntag hat Gottfried Keller gefeiert, als er die Novelle schrieb: „Romeo und Julia auf dem Dorfe.” Um den Tadel, der uns drückt, nur gleich vom Herzen zu nehmen: Welcher böse Geist trieb den Dichter, uns am Schlusse dieser wunderschönen Novelle durch ein tendenziöses Nachwort aus allen Himmeln der Poesie in die bare Prosa herabzustürzen? Er schreibt alles Ernstes eine Apologie seiner Fabel, als müßte der Leser nicht von selbst empfinden, daß alles gar nicht anders kommen konnte. Nun gar die Behauptung, solche gewaltige Leidenschaften seien nur noch unter dem „eigentlichen Volke” möglich -- eine Parteiverirrung, welche Keller in Goethes Schule hätte verlernen sollen -- dreifach unbegreiflich am Ende einer Erzählung, welche ausgesprochenermaßen nur ein Gegenbild ist zu einer Geschichte aus der vornehmen Welt! Dieser Vorwurf ist jedoch der einzige Tadel, den wir gegen das schöne Gedicht zu erheben wissen. Etwa einige Dichtungen Groths und Hebels abgerechnet, hat uns keine der modernen Dorfgeschichten so schlagend gezeigt, wie schön das arme Volk ist, wenn sich das offene Auge findet, es zu schauen. Der Vergleich mit Shakespeares Tragödie, zu dem der Titel herausfordert, schadet der Novelle nicht allzusehr, denn die bescheidene Form der Erzählung und die kleine Welt, wohin sie uns führt, stimmen unsere Ansprüche von Anfang an herab. Um zu schweigen von dem unendlich vielen, das den großen Briten über alle modernen Poeten hoch emporhebt -- schon um der Form der Darstellung willen muß die glühende Sinnlichkeit der Fabel in der Novelle mehr stofflich, mehr unmittelbar auf uns wirken, als in der idealen durchgeistigten Atmosphäre des Dramas. Aber wie schreckhaft auch diese starke Leidenschaft verwöhnte Nerven berühren mag, sie bleibt doch lauter, sie bleibt die welterhaltende Macht der Liebe. Echt tragisch ist das Los der Liebenden; denn was sie heraushebt aus der Gemeinheit ihrer Umgebung, die Tiefe ihres, reinem Ehrgefühle und wahrer Leidenschaft zugänglichen Wesens -- das begründet zugleich ihre Schuld. --

Es bleibt ein mißlich Ding mit den heitren harmonischen Menschen, denen es wohl ist in ihrer eigenen Haut, zu rechten: sind sie doch imstande, auf jeden Vorwurf die unwiderlegliche Antwort ihres großen Altmeisters zu geben: „Ich habe mich nicht selbst gemacht.” Wir wollen es darauf wagen. Wie wacker er auch das Seldwyler Völkchen an den Pranger gestellt hat: es fließen doch ein paar ansehnliche Tropfen Seldwyler Blutes durch Kellers eigene Adern. Nur so ist es zu erklären, daß sein schönes Talent so ganz Verfehltes schaffen konnte, wie jene beiden Novellen. Versteht er es, solche Schwachheit mit der Kraft eines rechten Künstlerwillens zu bändigen, so dürfen wir noch schöne Gaben von ihm hoffen. Eine lange Reihe von Jahren liegt noch vor ihm, und wir preisen ihn in seiner Schweizer Heimat glücklich, daß die Bitterkeit des deutschen politischen Elends nicht unmittelbar verstimmend auf seinen künstlerischen Gleichmut wirken kann. Vergessen hat er Deutschland darum nicht; davon hat er noch jüngst Zeugnis abgelegt, als er auf dem Züricher Festschießen die nordischen Gäste mit dem Liede begrüßte:

Erzwungen ist der Haß und Groll, Ein sündlich Narrenspiel -- -- -- -- Es gibt ein stolzes Fürstenwort, Das heißt: von Fels zum Meer. Doch wird es einst der Völker Hort, Wiegt's noch einmal so schwer. Dann eint ein glücklicher Geschlecht Vom Firnenrand Zum Meeresstrand _Ein_ Denken und _ein_ Recht.

Nachwort

Heinrich von Treitschke, geboren in Dresden am 15. September 1834 und gestorben in Berlin am 28. April 1896, zählt zu den besten Männern des Zeitalters Bismarcks. Was uns als der stärkste Ton in dem großartigen Zusammenklange der Persönlichkeit Bismarcks erscheint, der tatfrohe, praktische Idealismus einer rücksichtslosen deutschen Gesinnung, das klingt auch aus jedem Worte dieses Geschichtsschreibers, der zugleich ein leidenschaftlicher Mensch und ein Dichter war. Zwar bedeuten seine Verse und Dramen als Kunstwerke nicht viel; aber als Schilderer großer Menschen, als Darsteller vergangener Zeiten hat er jenes Dichtertum bewiesen, das August Wilhelm Schlegel meinte, wenn er den Historiker einen rückwärts gewandten Propheten nannte. Und dazu gesellte sich bei Treitschke das leidenschaftliche, in den Glaubenskämpfen der Hussiten bewährte Temperament seiner tschechischen Vorfahren. Der Vater stieg vom Husarenleutnant zum sächsischen General auf, die Mutter war die Tochter eines Kavalleriemajors, und etwas vom kühnen Soldatentum hat Treitschke sein Leben lang behalten, trotzdem ihm seit der Jugend ein Gehörleiden, das sich bis zu völliger Taubheit steigerte, das frische fröhliche Dasein verkümmerte.