Deutsche Lebensbilder

Part 25

Chapter 253,231 wordsPublic domain

Als die Eroberungsgelüste der Nachbarfürsten an dem Todesmute der Schweizerbauern gescheitert, da schollen die Sempacher Lieder und die Burgundischen Kriegsgesänge von den Alpen nieder, und die hochgemute Weise „Der Stier von Uri hat scharpffi Horn, kein Herr ward ihm nie zhoch geborn” fand frohen Widerhall unter den Marschenbauern, die im Norden zu gleichem Kampfe sich scharten, und unzählige Nachahmer in den sangeslustigen Haufen der Landsknechte. Die Reformation zog in der Schweiz so wenig wie in Deutschland einen Aufschwung der Dichtung nach sich. Seltsam genug: trug doch jene Bewegung in der deutschen Schweiz einen freieren, weltlicheren Charakter als bei uns; ist doch „unser Landskraft Zwingli” und sein staatsmännisches Wirken, sein kühner Reitertod ein ganz anders lohnender Stoff für die Kunst als Luthers gewaltigere aber mehr innerliche Größe. Erst lange nachher, zur Zeit der Wehen, welche dem Glanze unserer Dichtung vorausgingen, sprachen die Schweizer wieder ein entscheidendes und gutes Wort, als ihr natürlicher Sinn, ihr treu bewahrtes germanisches Wesen sich auflehnte gegen den Zwang französischer und Gottschedischer Regeln. An jener Blütezeit selbst haben die Schweizer nur insofern einen bedeutenden Anteil, als ihre Geschichte ein Gegenstand unserer Dichtkunst ward, und vielleicht mehr als irgendein anderes neueres Ereignis hat Schillers Tell das Gefühl der Gemeinsamkeit des Zweiges mit dem großen Stamme unter ihnen wieder angefacht. Auch neuerdings, während ihr Staatswesen so frisch und rüstig fortschreitet und der Aufschwung des Verkehrs den beschränkten Gesichtskreis der abgeschiedenen Alpengaue täglich mehr erweitert, ist das Land von den Bewegungen auf dem Gebiete der Kunst ziemlich unberührt geblieben. Zwar die französischen Schweizer haben durch die Farbenpracht ihrer unvergleichlichen Landschaftsmalerei bewiesen, daß der Hochländer ein offenes Auge, ein empfängliches Herz hat für die Herrlichkeit seiner Berge. In der schönen Literatur jedoch war es um so stiller. Die naturwüchsige Kraft des wackeren Berner Pfarrherrn in Ehren: wir verargen es doch keinem seiner Landsleute, wenn er sich ernstlich verwahrt gegen die Unterstellung, daß die Erzählungen Jeremias Gotthelfs ein getreues Bild vom Schweizerleben böten. Nur eine Seite der Schweizer Art weiß er zu schildern: die Härte, den Trotz, die örtliche Beschränktheit, das zähe Beharren der Bauern; aber statt des unbefangenen, allem Guten hell entgegenblickenden Auges, das wir von dem Bürger eines tüchtigen Freistaates erwarten, finden wir kleinlichen Sinn, einen unerträglich engherzigen Haß gegen alles, was unser Jahrhundert groß macht; und statt der lieblichen Bilder, die ihm ein Gang ins Freie zeigen konnte, führt er uns nur zu oft eine kümmerliche, häßlich-enge Welt vor die Augen.

Unter den Lebenden ist doch _ein_ Schweizer Poet, der sein Land mit Ehren vertritt. Das Glück ist dem Erfolge von Gottfried Kellers Schriften wenig günstig gewesen, und auch während des Schaffens hat ihm nicht immer die gleiche freundliche Sonne gelächelt. Wenn wir trotzdem auch seine halbvergessenen Jugendschriften in den Kreis unserer Betrachtung ziehen, so geschieht es, weil eine lebendige Kritik nur dem möglich ist, der den Entwicklungsgang des Künstlers übersieht. Die Überfülle seichten poetischen Schaffens hat allmählich in den Reihen der Kritik einen unwürdigen Ton handwerksmäßiger Roheit eingeführt: Kritik und Kunst leiden gleich sehr, wenn ein begabter Dichter sein Fleisch und Blut als Nummer 59 unter „Fünf Dutzend neuer Romane” besprochen findet. Was der Kritik gegenwärtig vor allem nottut, ist ein wenig Pietät vor der individuellen Eigentümlichkeit der Künstler. Wer nicht einzusehen vermag, daß in jedem Kunstwerke außer seinem absoluten ästhetischen Werte und seiner historischen Bedeutung noch ein höchst persönliches Element liegt, das gebieterisch Verständnis fordert, der ist für Kunstbetrachtungen verdorben. Von Schiller kennen wir das bezeichnende Wort: „Den Schriftsteller überhüpfe die Nachwelt, der nicht größer war als seine Werke.” Lassen wir dies Eingeständnis uns einen Fingerzeig sein; suchen wir hinter jeder Dichtung, die uns erquickt, den freien und wohlgeordneten Dichtergeist zu entdecken, dem wir sie verdanken. Das Suchen wird selten unbelohnt bleiben, am wenigsten wenn es sich um einen deutschen Dichter handelt. Denn das Bewußtsein unserer Volkseinheit ist bei den meisten von uns nicht ein Werk der Reflexion und gelehrter Forschung, sondern ein Ergebnis persönlicher Erfahrung, der Erinnerung an so viele starke Männer, aus allen Ländern deutscher Zunge, die wir aus ihren Werken oder von Angesicht zu Angesicht kennen und in denen allen wir die Spuren _eines_ Volksgeistes wiederfinden. Darum ist uns jeder ganze und tüchtige Mann, in dem wir eine gute Seite deutschen Wesens erkennen, eine Freude: er ist uns ein Unterpfand mehr für die Erfüllung unserer heiligsten Hoffnungen.

Sie bildeten eine sehr gemischte Gesellschaft, die „Gedichte”, mit denen Gottfried Keller im Jahre 1846 hervortrat. Immer wieder, wenn eine solche bunte Sammlung von Gutem und Verfehltem erscheint, ertönt die Klage über den Mangel an Selbstkritik, und immer wieder vergißt man, wie tief diese kritiklose Redseligkeit in der Natur des Alters, das zur lyrischen Dichtung besonders neigt, und wohl auch in der Natur der Lyrik selbst begründet ist. Es waren damals die Tage, wo die langen und erbitterten Parteikämpfe, welche die Neugestaltung des Schweizer Gemeinwesens ankündigten, ihrem letzten gewaltsamen Ausbruche sich nahten, es schien die Schweiz „der Freiheit Werkstatt, wo zornig ihre Essen sprühn und rauchen”. Zugleich erfüllten Heinescher Weltschmerz, ausschweifende Lehren von der Emanzipation des Fleisches und der fanatische Christenhaß des Daumerschen Hafis die Köpfe unserer Jugend. Unser Schweizer Poet stürzt sich mit Leidenschaft in das berauschende Treiben der Zeit, und so stehen in dem seltsamen Büchlein schwungvoll phrasenhafte Freiheitslieder im Herweghschen Stile und bitterböse Angriffe gegen die Glatzen der Christenpfaffen friedlich neben Gedichten, deren wohllautende Verse in heiliger Andacht die Größe der Natur feiern, oder in denen der Dichter mit rührender Offenherzigkeit über den Sünden seiner Jugend zu Gericht sitzt. Das ist das Eigene an solchen Sammlungen: je mehr lyrisch die Gedichte sind, je mehr sie nur die Stimmung des Augenblicks wiedergeben, desto verwirrter der Eindruck, den das Ganze dem Leser hinterläßt. Die meisten sind befriedigt, wenn sie nur das Gefühl mit hinwegnehmen, daß der Poet ein jedem Hauche der Zeit geöffnetes Herz und die Gabe besitze, seine Empfindungen stark und schön auszusprechen. Aus diesen Gedichten war es doch nicht schwer, ein Mehreres herauszulesen, -- eine tüchtige durchaus eigenartige Natur. Leicht ließ sich erkennen, daß der Zorn dieses Dichters Muse nicht ist: seine tendenziösen Lieder sind selten tief empfunden, und je überzeugender die einfache Plastik seiner Bilder uns vor die Seele tritt, desto tiefer verletzt uns der Zynismus in dem „Apostatenmarsch”, dem „Pietistenwalzer” oder wie sonst diese weder singbaren noch witzigen Spottgedichte heißen. Der junge Republikaner ist sehr wohl fähig, seine gute Sache poetisch zu vertreten; aber nicht der Kampf ist es, der seinem Wesen zusagt: „Voran, voran, ihr Bittern in fegenden Gewittern! wir ziehen heilend, segnend nach mit klar gestimmten Zithern” -- so singt er in Augenblicken, wo er ganz er selber ist. Das Ziel nur hat einen Reiz für ihn, das glückliche Gleichmaß eines freien mit Recht und Wohlwollen geleiteten Gemeinwesens; und in diesem Sinne weiß er das Glück seiner Heimat mit einem Vollgefühle der Zufriedenheit zu preisen, um das wir ihn beneiden. Nicht eine politische Doktrin führt ihn in das demokratische Lager, sondern jene Tugend, deren sich die echte Demokratie mit größerem Rechte rühmen darf als irgendeine andere politische Richtung, die vorurteilsfreie, alles Menschliche achtende Humanität:

Hernieder laßt uns dringen, Demütigen Herzens bringen Licht in der engsten Hütte Nacht!

Noch mehr gefällt uns der Dichter, wenn er mit wenigen, klaren und sicheren Strichen ein einfaches Bild der Natur nachzeichnet, wenn er den Knaben besingt, der im Walde liegt, durch die Zweige gen Himmel blickend, und gern und ruhig duldet, daß eine Eidechse über seinen Hals schlüpft -- oder das Mädchen, wie sie eine Rose in den Brunnen wirft und das Wasser schlau in Wellen schlägt, bis der Knabe den Blumengruß gewonnen hat. Diese Einkehr in die Natur bleibt bei Keller frei von aller Sentimentalität; es ist die kerngesunde Lust am Einfachschönen, nicht eine mürrisch-trübe Flucht vor den Stürmen der Welt. Recht derb vielmehr weiß er die „Goethephilister” abzufertigen: -- wer spricht von Anmut, wenn die Berge wanken? Und dann gerade erklingt sein Lied am schönsten, wenn er die rein menschliche Lebenslust und seine Liebe zu seiner großen rastlos vorwärtsstrebenden Zeit zugleich ausspricht. Allbekannt ist sein Gedicht an Justinus Kerner. Als der alte Herr einmal einen poetischen Stoßseufzer ausstieß ob der dampfestollen Welt, die er nicht mehr verstand, da wußte ihm der frohmutige Schweizer so stolz, so jugendfrisch zu antworten, daß der greise Sänger gewiß seinen Trost davon gehabt hat:

Und wenn vielleicht, nach fünfzig Jahren, Ein Luftschiff voller Griechenwein Durchs Morgenrot käm' hergefahren -- Wer möchte da nicht Fährmann sein? Dann bög' ich mich, ein sel'ger Zecher, Wohl über Bord von Kränzen schwer Und gösse langsam meinen Becher Hinab in das verlaßne Meer!

Ein Dichter von so jugendlicher Frische, so einfachem Natursinn mußte die zeitgemäße Tendenz bald als unnützen Ballast über Bord werfen. Reifende Einsicht mußte ihn abbringen von der Neigung zum Seltsamen, Barocken, welcher er in den „Gedanken eines Lebendigbegrabenen” und ähnlichen Gedichten, die sich schon durch ihre Aufschrift verurteilen, gefrönt hatte, mußte ihn zurückführen zu dem Sinne für das Schlichte, Wahre, der in seinem Wesen lag und aus seinen gelungenen Liedern sprach.

In der Tat zeigen Kellers „Neuere Gedichte” eine reifere Gestaltungskraft. Die Stürme des Jahres 1848 waren gekommen, und in den deutschen Parteikämpfen steht der Schweizer natürlich auf demokratischer Seite. Aber wie anders weiß er jetzt seine politischen Ideen dichterisch zu verkörpern! Kurz entschlossen tritt der übermütige junge Plebejer vor das Fenster des Fürstenhauses und singt sein „Ständchen an eine Prinzessin”:

In die Tiefe tauche kühn, Jugend und Liebe zu werben, Wo die Bäume des Lebens blühn Und die Augen wie Sterne glühn! Droben bei dir ist Sterben, Liebliche Bürgerin Klara!

Das heißt doch die Idee der Brüderlichkeit praktisch und als Künstler verstehen! Wer heute die Schriften liest, woraus damals unsere Jugend ihre Staatsideale schöpfte, der erschrickt nicht bloß vor der Ideenarmut, sondern mehr noch vor der trostlos langweiligen Nüchternheit, die sich, bei aller phantastischen Überschwenglichkeit, in ihnen brüstet, vor jener dürren Prosa, welche sich allemal einstellt, wenn die Phantasie sich auf Gebiete wagt, die ihr verschlossen sein sollten. Wahrlich, kein geringes Maß von Kraft und Gesundheit gehörte dazu, diese abstrakten Träume des sozialen Radikalismus in individuelle Gestalten umzubilden:

Und wo flimmernd Schwan und Leier Und das Bild des Kreuzes sprühn, Wird dereinst in schönem Feuer Karoli Magni Krone glühn. Aber dann in tausend Wiegen, Hier in Gold und dort in Holz, Wird der junge Kaiser liegen, Freier Mütter Ruhm und Stolz, Wird als Hirt in Blumen weilen, Im Gebirg' als Jäger gehn, Auf des Meerschiffs schwanken Seilen Als ein braver Seemann stehn.

Sicher, das Bild einer schönen, menschlich-reinen Zukunft. Und wer wollte mit dem lyrischen Dichter über politische Fragen rechten, wenn er getan hat was er nicht lassen konnte, wenn er einen glücklichen Traum, der sein Herz bewegt, in tief empfundenen Worten wiedergibt? Die Frühlingsmonde der deutschen Revolution, die berauschende Hoffnung, die wie ein Lauffeuer von Land zu Land eilte, das erste mächtige Aufatmen nach einer langen Zeit dumpfen unnatürlichen Schweigens -- dies, bei all seiner Verkehrtheit doch wunderbar großartige Schauspiel lebt vielleicht nur denen ganz klar und schön in der Erinnerung, welche damals zu jung waren, um an dem Kampfe selbst teilzunehmen und die Sorgen und Gefahren des Augenblicks zu würdigen. Die furchtbare Enttäuschung, welche dem Rausche folgte, hat es begreiflich jedem Künstler unmöglich gemacht, den überreichen Stoff zu benutzen, den jene Tage ihm bieten. Kaum daß wir einmal in einer Gemäldesammlung ein Genrebild treffen, wie den lustigen „Einzug des Reichsverwesers” von Oppenheim, das uns die Stimmung des bewegten Frühlings zurückruft. Unter all den Gedichten, welche mit dem Sturme kamen und verschwanden, ist keines so ganz erfüllt von dem Pulsschlage jener Zeit, der fraglosen Hoffnungsseligkeit, wie diese politischen Gedichte von Keller. Freilich, nicht alle tragen diesen Charakter reiner Empfindung. Es sind manche darunter, welche in parteiischer Verschrobenheit Betteljungen und Taugenichtse als das eigentliche Volk verherrlichen. Doch aus den meisten redet ein echt humaner Freisinn, ein liebevolles Mitgefühl mit den Armen und Leidenden.

Auch in dieser Sammlung geben wir den einfachen Naturbildern den Preis, welche, frei von aller Wortmalerei, oft mit glücklicher Wahrheit die Seele einer Landschaft widerspiegeln oder als echte Idyllen den Menschen in einfach-frohem Dasein schildern. Natürlich stößt dies offene Auge auch oft auf Häßliches, und der Dichter hat nicht immer die Kraft, es zu verklären; solche Gedichte erscheinen, da seinem ehrlichen Wesen die kleinen Künste, das Widrige zu bemänteln, gänzlich fehlen, doppelt grell und abstoßend. Seine Weinlieder sind zwar keineswegs frei von jenen renommistischen Klängen, welche bei solchen Stoffen zum Handwerk zu gehören scheinen; aber der Grundton ist auch in ihnen ein gesunder: die einfache herzliche Dankbarkeit für die reichen Geschenke der Natur.

Mit dieser schönen Künstlertugend Gottfried Kellers hängt indes eine wunderliche Grille zusammen, -- ein grimmiger Haß gegen die Idee der Unsterblichkeit. Er wähnt, dieser Gedanke sei unverträglich mit dem Gefühle der Daseinsfülle, welches das Glück seines Daseins ausmacht, und er verfolgt ihn wieder und wieder mit dem bittersten Spotte. Wer unberührt ist von der Gehässigkeit, womit diese Idee seit alter Zeit und neuerdings wieder bald verteidigt, bald angegriffen wird, der erstaunt billig darüber, wie grundverschiedene Dinge unter diesem Namen begriffen werden. Daß, wie wir das Schaffen großer Männer und großer Völker handgreiflich fortwirken sehen von Geschlecht zu Geschlecht, so auch der schwächste Sterbliche ein notwendiges Glied ist in der großen Kette der Geschichte -- daß darum keine unserer Taten ganz verloren geht, keine wieder zu vertilgen ist durch äußerliche Buße -- dieser Gedanke ist allerdings die Grundlage jeder streng gewissenhaften Sittlichkeit. Diese Unsterblichkeit soll der Mensch -- nicht glauben, denn wer darf beim Glauben von einem Sollen reden? -- sondern ernst und klar erkennen. Und auch der Dichter mag zu Felde ziehen gegen die Leichtfertigkeit oder die äußerliche Religiosität, welche diese Erkenntnis leugnet. Wie anders der Glaube an ein bewußtes Dasein nach dem Tode! Wenn jetzt schon jeder unbefangene Denker gesteht, daß unser Wissen über diese Frage nichtig ist, so wird einst eine Zeit reinerer Menschlichkeit kommen, wo alle Welt über die heute so arg verketzerte Wahrheit einig ist, daß der Glaube an ein Jenseits mit unserem Glücke, unserer Tugend an sich nicht das mindeste zu tun hat. Für schwache oder gemeine Naturen kann der Glaube an eine Fortdauer nach dem Tode ebensowohl eine Quelle der Unsittlichkeit werden wie das Leugnen derselben; wenn es asketische Toren gibt, welche sich „die köstliche Neige der Zeit mit dem Gedanken der Ewigkeit verdünnen”, so leben noch weit mehr Menschen, welche zugleich mit dem Glauben an ein Jenseits jedes Lebensglück, jeden sittlichen Halt verlieren würden. Freilich, wenn der ungeheure Gedanke der Ewigkeit von unreinen Lippen gepredigt oder durch triviale Vorstellungen getrübt wird, dann soll der Dichter dagegen, wie gegen alles Kleinliche und Unwahre, sein lauteres Wort erheben. In dem glücklichen Gedichte „Wochenpredigt” schildert Keller, wie am heißen Erntetage die lebensmüden Alten in der Kirche sitzen und der Priester ihnen verkündigt, daß wir im ewigen Leben „von einem Stern zum andern hupfen und endlich in den Urquell schlupfen”. Dann geht das Pfäfflein heim, und, um die Zeit bis zu einem abendlichen Feste totzuschlagen, verschläft es den Nachmittag.

O Pfäfflein, liebes Pfäfflein sag': Ist dir zu lang der eine Tag, Was willst du mit all den Siebensachen, Den Millionen Sternen und Jahren machen?

Gewiß, das muß ein arger Pedant sein, dem dieser lustige Einfall keinen Beifall entlockt. An sich aber ist der Glaube an ein Jenseits weder sittlich noch unsittlich, weder schön noch unschön; er mag von Dichtern mit gleichem Glücke verherrlicht oder verworfen werden. Wer darf dem wie Sphärengesang tönenden Schwunge der von diesem Glauben durchaus getränkten Oden Klopstocks oder Hölderlins sein poetisches Recht bestreiten? Und wieder, wer darf das echt künstlerische Gefühl verkennen, welches Keller treibt, die Blumen und die irdische Herrlichkeit ringsumher also anzureden: „Ich wende mich vom Schrankenlosen zu eurer Anmut froh zurück?” Nur sollte es kaum der Bemerkung bedürfen, wie wenig eine dauernde Beschäftigung mit so formlosen abstrakten Stoffen der Dichtkunst frommen kann. Wir lächeln, lesen wir heute, wie Klopstocks seraphische Überschwenglichkeit sich sogar die Freude an einem Johanniswürmchen durch die Frage verbittert: „Du bist vielleicht, ach! nicht unsterblich?” Aber nicht bloß lächeln müssen wir über den Luftkampf, welchen die materialistischen Poeten von heute führen; auch die ernste Frage können wir ihnen nicht schenken, wie es sich mit dem Wesen der heilenden und versöhnenden Kunst verträgt, einen Glauben zu verspotten, der für Unzählige den Inbegriff alles Heiligen bildet? Lesen wir vollends Zynismen wie das Lied: „Ich hab' so manchen Narren gekannt, der wollte ewig leben” oder manche der „Gaselen”, so gestehen wir, daß dieser materialistische Fanatismus der Verketzerungssucht der „Christenpfaffen” völlig ebenbürtig ist. --

Inzwischen hatte Keller seine Kraft zu einem größeren Werke gesammelt, zu dem Romane „Der grüne Heinrich”. Es bedarf keines Tiefblicks, um zu erkennen, daß gar manches in diesem Buche von dem Poeten selbst erlebt ist, daß er in langer und liebevoller Arbeit die Früchte einer mannigfach bewegten Jugend zusammengetragen hat. Aber hier ist nichts von jener Schönseligkeit, jener Selbstvergötterung, die seit Rousseaus Tagen solchen Konfessionen anhaftet. Das Gedicht ist entstanden aus dem natürlichen Bedürfnisse, mit einer erfahrungsreichen Zeit, die der Dichter überwunden hat, völlig abzuschließen. Freilich verliert so das Werk an Einfachheit und Abrundung der Komposition, was es an Wahrheit und Lebhaftigkeit gewinnt. Keller hat das naturgemäßeste Thema des Romans gewählt: er schildert den Werdegang eines Charakters; und wir wüßten aus den letzten Jahren kaum eine Dichtung, welche einen jungen Mann in dem Alter, wo man zuerst beginnt, auf sein Leben zurückzuschauen, so tief und dauernd fesseln könnte. Aber nicht bloß der stoffliche Reiz zieht uns zu dem Buche: auch der Kunstwert der ersten Bände ist hoch anzuschlagen. Die gleichmäßige Heiterkeit seiner Natur, sein für alle, auch die kleinsten Schönheiten der Außenwelt geöffnetes Auge, seine frohe zuversichtliche Weltanschauung, der die Geschichte als ein großes Lustspiel erscheint, worin die überlegene, unbedingte Einsicht schließlich alles versöhnt: -- das alles mußte Keller von selbst zur epischen Dichtung führen. Wie wahr weiß er die verborgensten Falten in dem Charakter seines Helden aufzudecken, und doch sind diese Schilderungen nicht peinlich-genau, nach Art englischer =matter-of-fact=-Novellen, sondern poetisch wahr. Zu den gelungenen Teilen dieses Romans möchten wir die kritischen Klopffechter des Idealismus und Realismus führen: hier, wie an jedem Kunstwerke, könnten sie lernen, daß lebendiger Schönheitssinn zum charakteristischen Stile so notwendig gehört wie der Anker zum Schiff. Keller besitzt nicht jenen leeren abstrakten Formensinn, den ästhetische Feinschmecker an Paul Heyse und Geibel bewundern, sondern ein kräftiges, angeborenes, aber durch Bildung geadeltes Schönheitsgefühl. Auch wenn die Fabel des Romans das Geheimnis nicht verriete, würde uns die Darstellungsweise auf die Vermutung bringen, daß ein Stück von Maler in ihm liegen muß. Könnte der arme Mann von Toggenburg diese lachenden Schilderungen vom Schweizerlande lesen, wie herzlich würde der Gute seine Landsleute um Verzeihung bitten, daß er ihnen das Verständnis der Naturschönheit abgesprochen. So recht an seiner Stelle ist Kellers Talent, wenn er die echt epischen, durch ihre Einfachheit großen Empfindungen ausdrückt: wenn er schildert, wie der Jüngling mit befangenem Staunen zum ersten Male seiner Großmutter begegnet und das seinem Dasein Vorangegangene groß und unvermittelt ihm gegenübertritt -- oder wenn er uns einführt in das heilige Schweigen der Nacht, wo das Glück der Erde seinen Rundgang zu halten scheint über die schlafende Welt. Kellers Sprache ist von jener anschaulichen Kraft, die dem Sohne des Volkes zu erwerben leicht wird, und sie wird mit der Freiheit gehandhabt, welche nur die Frucht gewissenhafter Arbeit ist. Keller hat sich das schöne Vorrecht des Epikers, daß er scheinbar absichtslos und ohne Rücksicht auf den Leser schreiben darf, nicht entgehen lassen: er erregt von Hause aus unsere Teilnahme für den Helden, aber nirgends reizt er uns durch jene prickelnde Neugierde, die den Kunstgenuß zerstört. Sein Buch ist, wie die Weisheit des Brahmanen verlangt, „ein Ganzes, das besteht aus tausend kleinen Ganzen”.