Deutsche Lebensbilder

Part 20

Chapter 203,427 wordsPublic domain

Dabei lebt in diesem prosaischen Geschlechte unausrottbar doch die stille Hoffnung, daß das fröhlich aufblühende neue Leben unseres Staates auch die dramatische Kunst einer großen Zukunft entgegenführen müsse. Freilich nur eine unbestimmte Ahnung. Kein sicheres Volksgefühl zeichnet dem jungen Dramatiker gebieterisch bestimmte Wege vor; uns fehlt ein nationaler Stil, ein festes Gebiet dramatischer Stoffe, jede Sicherheit der Technik. Unermeßlich, zu beliebiger Auswahl breitet sich vor dem Auge des Poeten die Welt der sittlichen, sozialen, politischen Probleme aus; und wenn schon diese schrankenlose Freiheit der Wahl den geistreichen Kopf leicht zu unstetem Tasten, zum Experimentieren verleitet, so wird ihm vollends die Sicherheit des Gefühls beirrt durch die Wohlweisheit der Kritik. Scheint es doch, als verfolgten manche Kunstphilosophen nur das eine Ziel, dem schaffenden Künstler sein Tun zu verleiden, ihm den frischen Mut zu brechen. Was hat diese Altklugheit nicht alles bewiesen: für das Epos sind wir zu bewußt, für die Lyrik zu nüchtern, für das Drama zu unruhig; die alte Geschichte ist für unsere Kunst zu kahl, das Mittelalter zu phantastisch, die neue Zeit steht uns zu nahe -- und wie die anmaßenden und doch im Grunde gehaltlosen Schlagworte sonst lauten. Zu den Füßen dieser überreifen Ästhetik treibt eine vulgäre Kritik ihr Unwesen, deren erschreckende Roheit täglich deutlicher beweist, daß die besten Köpfe der Epoche sich der Kunst entfremdet haben. Wir wundern uns gar nicht mehr, wenn ein tief empfundenes Kunstwerk als Nr. 59 unter „Fünf Dutzend neuer Romane” abgeschlachtet wird, wenn eine Dichtung von G. Freytag oder G. Keller allen Ernstes in eine Reihe gestellt wird mit den Arbeiten der Frau Mühlbach oder ähnlichen Produkten einer volkswirtschaftlichen Tätigkeit, welche sich lediglich durch das Verhältnis von Angebot und Nachfrage bestimmen läßt. Wir fühlen uns nicht mehr befremdet, wenn jener beliebige Herr Schultze, der im Erdgeschoß einer politischen Zeitung seinen kritischen Sorgenstuhl aufgestellt hat, mit den Dichtern und Denkern, deren Werke er beschwatzt, auf du und du oder gar im Tone des Schulmeisters verkehrt. Wir empfinden für den Kritiker sogar eine gewisse Hochachtung, wenn er die Kenntnisse eines angehenden Obersekundaners entfaltet -- eine Bildungsstufe, welche in diesen Kreisen unserer Literatur nicht allzu häufig erklommen wird. Begreiflich in der Tat, wenn ein starker Künstlergeist, angeekelt von diesem nichtsnutzigen belletristischen Treiben, auch die ehrenwerten Ausnahmen übersieht, welche in unserer Presse zuweilen noch auftauchen, und grimmig seiner Straße zieht.

Doch das schwerste Hemmnis, das die Gegenwart dem dramatischen Dichter in den Weg wirft, ist die Gärung, die Unsicherheit unserer sittlichen Begriffe. Wieviel einfacher als der moderne Mensch standen unsere großen Dichter zu den Problemen des sittlichen Lebens! Welchen sittlichen und ästhetischen Schatz besaß Schiller an Kants kategorischem Imperativ -- eine großartige, streng sittliche Weltanschauung, wie geschaffen für den Dramatiker, denn sie läßt dem tragischen Charakter ungeschmälert die Freiheit. Seit die neue Philosophie den Glauben an Gott und Unsterblichkeit erschüttert hat, seit die Naturforschung beginnt, den Zusammenhang von Leib und Seele schärfer zu beleuchten, steht der Dichter, wenn er zugleich ein Denker ist, den einfachsten und schwersten sittlichen Fragen minder unbefangen gegenüber; selbst die Idee der tragischen Schuld und Zurechnung, die dem Dramatiker unbedingt feststehen muß, wird ihm leicht durch Zweifel verwirrt und getrübt. Und wo ist sie hin, die edle, mit Geist und Empfindung gesättigte Geselligkeit, die in den Tagen von Weimar nur einige auserwählte Kreise unseres Volkes beglückte? Die schamlose Frechheit der Halbwelt auf der einen, die unleugbar steifen, gezwungenen Formen unserer guten Gesellschaft auf der anderen Seite -- in einer solchen Umgebung erlangt der Künstler nicht leicht die harmonische Bildung der sittlichen und der sinnlichen Kräfte.

Das Edle und Große dieser durchaus von der Politik, der Volkswirtschaft, der Wissenschaft beherrschten Welt begeistert zu empfinden, ihr Leben mitzuleben und dennoch das Schöne, nichts als das Schöne zu schaffen, das ist die schwere Aufgabe des modernen Dichters. Ein Zug der Resignation, das Bewußtsein, daß nicht jede Zeit dem Künstler das Höchste zu erreichen gestattet, wird in solchen Tagen oft den Geist des Dichters ergreifen, und sicherlich viele der heutigen Poeten haben zuweilen mit eingestimmt in die Bitte, welche Friedrich Hebbel einst an seine Muse richtete:

Du magst mir jeden Kranz versagen, wie ihn die hohen Künstler tragen, nur daß, wenn ich gestorben bin, ein Denkmal sei, daß Kraft und Sinn noch nicht zu Wilden und Barbaren aus meiner Zeit entwichen waren.

Das ganze Wesen des Mannes liegt in diesen Zeilen: sein Stolz, sein ernster Künstlersinn und jene hoffnungslose Verstimmung, die ihn seinem Volke entfremdete. Aber wie schwer er auch irrte, den Ruhm, den er sich in jenen Zeilen erfleht, wird ihm heute kein Unbefangener mehr versagen. Er dachte groß von seiner Kunst, er lebte ihr mit rastlosem, fruchtbarem Fleiße, mit Andacht und Sammlung, treu seinem Ausspruch: „Leben heißt tief einsam sein.” Oftmals berührt von den Sünden der Zeit, die er lästerte, hat er nie wissentlich ihren Launen gehuldigt; in ihm waltete jene vornehme Selbstgewißheit, welche jedes unmittelbar tendenziöse Einwirken der Poesie auf die Gegenwart verschmäht und sich des freudigen Glaubens getröstet, daß der Gehalt der Dichtung ein ewiger ist und seiner Stunde harren kann.

Ein ditmarscher Kind, in einer engen und harten Welt aufgewachsen, bewahrte Hebbel immer einen Zug rauher reckenhafter Kraft, also daß starke nordische Naturen, wie der alte Dahlmann, ihm die Teilnahme des Landsmannes nie versagten, auch wenn sie seinen Wandlungen nicht folgen mochten. Er selber bezeichnete die altgermanische Welt und die Bibel gern als die Quellen seiner Dichtung. Doch auch andere, minder lautere Kräfte schlugen in sein Leben ein: die nervöse Sinnlichkeit des modernen Paris, die zersetzende, glaubenlose Reflexion der jungdeutschen Literatur. Verbittert durch die Entbehrungen einer freudlosen Jugend, ward der stolze Mann launisch, anmaßend, gehässig; bis zur Grausamkeit selbstisch mißbrauchte er die Güte der Menschen, die sich ihm liebend hingaben. Erst nach langen Irrgängen, da er endlich wieder zurückgriff zu den Sagengestalten unserer Vorzeit, die ihm die Träume der Knabenjahre erfüllt hatten, gelang ihm ein Kunstwerk, das dauern wird.

Die Künstlertugend, welche an Hebbel zuerst in die Augen fällt, ist der seltene, dem Dilettanten allezeit unverständliche Sinn für die Totalität des Kunstwerks. Er verachtet das Haschen nach Einzelschönheiten, wie die kleinmeisterliche, an einzelne Auffälligkeiten sich festklammernde Kritik. Schon aus diesem einen Grunde sollte man endlich aufhören, ihn mit Grabbe zu vergleichen. Grabbe war das Kind einer sinkenden Epoche, welche die Ideale einer großen Vergangenheit in zuchtlosem Übermute zerschlug; in diesem rohen Talente war keine Entwicklung. Hebbel erscheint als der Sohn einer aufstrebenden Zeit, welche neue Ideale zu gestalten suchte. Freilich es war ein Suchen, an dem der grübelnde Verstand oft mehr Anteil hatte als die schaffende Phantasie. Der Dichter experimentierte, er tastete umher nach einem Kunstwerk der Zukunft, in seinen ersten Werken erschien die Intention ungleich stärker als die lebendige Ausführung. Das traurige Wort, womit Hebbel einst die Frage „Man weiß doch, was ein Lustspiel heißt?” beantwortet hat: -- „Dies steht so klar vor meinem Geist, daß, wenn ich's minder hell erblickte, das Werk vielleicht mir besser glückte” -- dieses unselige Geständnis gibt leider den Schlüssel zu einem großen Teile seines Schaffens. Er haßt die Phrase, niemals drängt sich bei ihm der Verstand in der prosaischen Form undramatischer Betrachtungen hervor; aber bei aller realistischen Anschaulichkeit im einzelnen läßt das Ganze oft kalt, erscheint als gemacht und geklügelt. Und so findet sich bei Hebbel, der nach dem edlen Ziele strebt, alles Geistige zu verleiblichen, das Zusammenfallen von Idee und Bild ebenso selten wie bei Klopstock, von dem ein altes treffendes Wort sagt, er habe alles Leibliche des Körpers entkleidet.

Man hat Hebbel schweres Unrecht getan, wenn ihm die Wärme des Gemüts gänzlich abgesprochen ward. Selbst aus den verfehltesten seiner Gedichte bricht zuweilen, und dann ergreifend, eine starke und tiefe Empfindung hervor. Wer die Gedichte kennt, worin er Selbsterlebtes, wie das stille Glück des Hauses besingt, der wird den herzlosen Vorwurf der Herzlosigkeit nicht wiederholen. Er dichtete nur, wenn der Geist ihn rief, ließ oft jahrelang die halbfertigen Gestalten seiner Entwürfe ruhen, bis sie von selber wieder erwachten. Trotzdem trat in den also aus künstlerischem Drange entstandenen Werken die Reflexion zuweilen so stark hervor, daß der Hörer kaum wußte, ob ein Dichter oder ein Denker zu ihm sprach. Dies verrät sich vornehmlich in der Zeichnung der Charaktere. Otto Ludwig nennt in seiner grobkörnigen Weise Hebbels dramatische Gestalten kurzab „psychologische Präparate”, er meint: „sie tun dick, sie wissen sich etwas” mit ihrer Eigenart. Ein hartes Urteil, das Hebbels ältere Werke leider nicht immer Lügen strafen. Seine Charaktere handeln so folgerecht, daß wir jedes ihrer Worte vorausberechnen können; er motiviert oft mit überraschender Feinheit, und eine große dialektische Kraft steht ihm zu Gebote, um den Irrgängen innerer Kämpfe nachzugehen. Aber über dem allzu eifrigen Bemühen, den Charakteren feste scharfe Umrisse zu geben, verlieren sie die Farbe, das Leben. Wohl zwingt die strenge Prägnanz des Dramas den Dichter, seinen Menschen offenherzige Geständnisse in den Mund zu legen, welche der phantasielose Verstand unnatürlich findet; doch die helle Selbsterkenntnis, welche Hebbel seinen Charakteren leiht, überschreitet zuweilen die Grenzen der poetischen Wahrheit, und wie selten schallt aus diesen Menschen der volle Brustton naturwüchsiger Leidenschaft heraus, den, wie alles Herrlichste in der Kunst, keine Anstrengung des Hirns erklügeln kann!

Es klingt wie ein unwillkürliches Selbstbekenntnis, wenn dieser zwischen dem Reiche des Gedankens und dem Reiche der Phantasie einherschwankende Geist einmal ausruft:

Ein Shakespeare lächelt über Alle hin und offenbart des Erdenrätsels Sinn, indes ein Kant noch tiefer niedersteigt und auf die Wurzel aller Welten zeigt.

Der Denker verachtet den stofflichen Reiz, das Anekdotenhafte in der Kunst, er will nicht „der Auferstehungsengel der Geschichte” sein. Er fühlt, daß die moderne Bildung ein Recht hat, über die Tragik Shakespeares hinauszugehen und eine Tragödie der Idee, nach dem Vorbild des Faust, zu fordern; und so fest hält er diesen Gedanken, daß er niemals versucht, eine einfache Charaktertragödie zu schreiben. Die bunte Fülle des Menschenlebens reizt ihn nur, wenn sie ihm ein „Problem”, einen Kampf der Ideen, zur Lösung darbietet. Unter allen Rätseln des Menschendaseins hat ihn keines so anhaltend beschäftigt wie das Verhältnis von Mann und Weib; von der Judith bis herab zu den Nibelungen, in den mannigfachsten Formen versucht er dies große Problem künstlerisch zu gestalten, immer tiefsinnig und mit starkem Gefühle, doch zuweilen spielt auch die häßliche Überfeinerung moderner Sinnlichkeit in seine Bilder hinein.

Ganz modern ist auch seine Anschauung der Geschichte: er sieht in ihr nicht wie Shakespeare die ewig gleiche sittliche Weltordnung, die sich immer wieder herstellt, wenn die Leidenschaft des Menschen sie auf Augenblicke gestört; der Jünger der modernen Philosophen faßt sie auf als ein ewiges Werden. Er liebt den Zusammenstoß zweier Kulturwelten zu schildern: wie das Hellenentum aus der orientalischen Gebundenheit emporsteigt, das Christentum aus der jüdischen Welt, die neue Zeit aus dem Mittelalter. Ich kann jedoch nicht finden, daß der Dichter bei diesem kühnen Unterfangen immer glücklich ist. Die neue Welt, die aus der zerfallenden alten Ordnung sich erhebt, tritt nicht leibhaftig vor uns hin, sie wird uns lediglich angedeutet durch einen symbolischen Zug; und nur weil wir historische Schulbildung besitzen, erraten wir, was uns das Kunstwerk selber nicht sagt, daß die heiligen drei Könige, die am Schlusse von „Herodes und Mariamne” plötzlich auftreten, den Anbruch der christlichen Gesittung vorstellen sollen. Diese Neigung für symbolische Züge beherrscht den Dichter zuweilen so gänzlich, daß er in eine gleichgültige, ja absurde Fabel willkürlich eine Idee hineinlegt, welche ihr völlig fremd ist. Und da ja ausschweifende Phantastik im Innersten verwandt ist mit den Verirrungen überfeinen Verstandes, so erinnert Hebbel mit solcher Symbolik, solchem Mystizismus oft stark an Calderon.

In der Einsamkeit brütender Betrachtung mußte die düstere Denkweise vom Leben, wozu Hebbels Natur neigte, zu erschreckender Stärke anwachsen. Der Pessimismus ist insgemein eine Sünde begabter Menschen, denn nur ein heller Kopf wird die tiefen Widersprüche des Lebens, wird die schreckliche Tatsache, daß die Ordnung des Rechts eine andere ist als die Ordnung der Sittlichkeit, in ihrer ganzen Schärfe durchschauen, nur ein tiefes Gemüt sie in ihrer vollen Schwere empfinden. Kein Wunder, daß diese, die Werke aller bedeutenden tragischen Dichter überschattende, reformatorische Strenge, welche die Welt verachtet und Lügen straft, von dem Haufen verketzert und als unsittlich gebrandmarkt wird. Aber selbst ein tiefmelancholisches Gedicht wird dem Poeten nur dann gelingen, wenn ihm, ob auch verhüllt und verborgen, tief in der Seele der Glaube lebt an den Sieg des Geistes über die Gebrechen der Welt. Noch keinem echten Dichter hat dieser Glaube gefehlt, er atmet selbst in dem schwermütigsten Gedichte, das je in den Nebeln Altenglands ersonnen ward, in Walter Raleighs „=the lye=”. Hebbel wußte wenig von solcher Hoffnung. Wie er, der Konservative, nicht daran dachte, im Leben an der Heilung der kranken Welt mitzuwirken, so vermögen auch seine Gedichte, obwohl sie dann und wann von künftiger Versöhnung reden, von der Lebendigkeit dieses Glaubens nicht zu überzeugen. Die furchtbare Anklage, die er in einem abscheulichen Sonette gegen die menschliche Gesellschaft schleudert: „Der Mörder braucht die Faust nur hin und wieder, du hast das Amt zu rauben und zu töten” -- sie ist nicht ein wilder Ausbruch augenblicklichen Unmuts, sie blieb durch lange Jahre die Grundstimmung seiner Seele. Er erkannte mit eindringender Klarheit die Gebrechen der Welt, doch er verzweifelte an der Heilung. Ganz unerträglich wird diese Verbitterung des Gemüts, wenn Hebbel seinem eigenen Worte zum Trotz „die Kirsche vom Feigenbaum fordert” und seiner düsteren Phantasie die hellen Klänge der Komödie zu entlocken sucht.

Er gesteht, daß er mit seinen Gedichten „seiner Zeit ein künstlerisches Opfer dargebracht” habe; und gewiß, einige der Ideen, welche das moderne Deutschland bewegten, fanden in den Werken dieses Dichters einen treuen und großartigen Ausdruck. Doch gerade die schönste und herrlichste Erscheinung unserer Tage, recht eigentlich die Signatur der neuen Zeit, das Emporwachsen unseres Volkes zum staatlichen Leben, blieb diesem verdüsterten Auge verborgen. Er sah in der Entwicklung unseres Volkes „nicht eine Lebens-, sondern eine Krankheitsgeschichte”. Nun warf ihn sein Unstern unter das verkommene Deutschtum in Österreich; „wir und germanisieren!” rief er hohnlachend. Die frohe Botschaft des Jahrhunderts, die Verjüngung der antiken Sittlichkeit, welche von jedem Menschen, auch von dem Künstler, zugleich die Tugenden des Bürgers fordert -- an ihm fand sie einen tauben Hörer. Selbst die Dichtungen unserer kosmopolitischen klassischen Zeit tragen die Spuren der politisch-nationalen Kämpfe der Epoche weit deutlicher auf der Stirn als Hebbels Werke die Eindrücke der Gegenwart. Und wird ja einmal die Natur der Dinge mächtiger als Hebbels Verstimmung, entschließt er sich ein Zeitgedicht zu schreiben, so finden wir nicht, wie es bei dem Sohne der Marschen zu entschuldigen wäre, einen naturwüchsigen Ausbruch des Zornes über die Schmach seines Volkes, sondern ein griesgrämiges Epigramm über Staatsmänner, welche die Kunst verstehen, niemals zu erwachen, oder eine wegwerfende Bemerkung über moderne Staatsverfassungen -- oder ein Gedicht an König Wilhelm, das im Grunde nicht gehauen und nicht gestochen ist, in schönen Versen nur die politische Ratlosigkeit des Dichters offenbart.

Bei so trostloser Anschauung des Lebens weiß er nichts von jener edlen Volkstümlichkeit, welche der Ehrgeiz großer Dichter ist. Darum hat er, der Dramatiker, Schillers Größe lange gänzlich verkannt; darum verschmähte er die hohe Schule des Dramatikers, den Wechselverkehr mit der Bühne. Auch dieser Irrtum ist eng verflochten mit einer ehrenwerten Tugend, einer wohlberechtigten Verachtung gegen die bornierten Rücksichten der Konvenienz, welche gemeinhin das Bühnenschicksal eines Dramas bestimmen. Aber nicht die Theaterzensur allein verbannt seine Werke von den Brettern, sie sind in ihrer Mehrzahl in Wahrheit nicht darstellbar. Sie behandeln nicht bloß extreme Fälle, sondern abnorme, krankhaft seltsame Konflikte, welche keinen Widerhall erwecken in den Herzen der Hörer; und wer es verschmäht, die Edelsten seiner Zeit im Innersten zu bewegen, der mag der stolzen Hoffnung entsagen, für das Theater aller Zeiten zu schreiben.

Hart, ja grausam ward diese gewollte Vereinsamung an dem Lebenden bestraft. Über den vielgelesenen Schriftsteller bildet sich die Welt zuletzt immer ein mildes, ausgleichendes Urteil. Doch die Werke dieses Sonderlings fielen zumeist nur einzelnen Kritikern in die Hände, die ihn von den Wällen ihres ästhetischen Systems herab schonungslos bekämpften. Nun geschah ihm, was gemeinhin den Einsiedlern des Gedankens widerfährt: wie um Friedrich Rohmer und Schopenhauer -- Männer, die ich übrigens weder unter sich noch mit Hebbel vergleichen will -- so scharte sich um diesen vielbekämpften Dichter eine kleine Gemeinde fanatischer Anhänger, die durch unmäßiges Lob den Hohn der Gegner erweckten. So zwischen gehässigen Tadel und blinde Bewunderung gestellt, ward das wohlbegründete Selbstgefühl des Mannes krankhaft reizbar. Auch wir halten es für trockene Philisterweisheit, wenn dem Poeten zugemutet wird, er solle nicht empfindlich sein. Wer darf Angriffe auf sein eigen Fleisch und Blut mit Kälte ertragen? Und wer könnte die alte Wahrheit, daß ein halbes Lob tiefer verletzt als ein ganzer Tadel, bitterer empfinden als der Dichter? Führt doch der Künstler das Los des verwunschenen Prinzen: im Leben soll er sich schelten und stoßen lassen wie die anderen auch, und kaum nimmt er das Saitenspiel zur Hand, so ist er ein geborener Fürst und hat immer recht und treibt mit uns, was ihm gefällt; darum mögt ihr Nachsicht üben, wenn nicht ein jeder dies gespaltene Dasein mit Haltung zu tragen weiß. Aber es ist ein anderes, seinem Ärger über die Kritik einmal durch einen derben, in Gottes Namen ungerechten Zynismus Luft zu machen -- und wieder ein anderes, jahrelang die geschmacklose Rolle des verkannten Genies zu spielen, fortwährend mit „Wichten” und „Kannegießern” um sich zu werfen, jedes seiner eigenen Worte mit einer Andacht zu bewahren, die dem reichen Geiste schlecht ansteht, ja sogar nach Knabenart pathetisch zu prahlen: diese und jene Tugend hat mir noch niemand abgesprochen. Jene Liebenswürdigkeit, die, nach der Versicherung seiner Freunde, dem Menschen zuweilen eigen war, blieb dem Schriftsteller versagt. Es gibt glückliche Naturen -- und viele unserer streitbarsten Männer, Lessing vornehmlich, zählen dazu -- denen wir niemals grollen, auch wenn wir widersprechen; andere wieder, welche uns immer in Versuchung führen, mit ihnen zu rechten, sie mögen sagen, was sie wollen. Zu diesen letzteren zählt Hebbel, nach meinem und vieler anderer Gefühl; er hat den Mitlebenden erschwert, gerecht über ihn zu reden.

Dem Toten sollen endlich die menschlichen Schwächen vergessen werden; auch von dem Kunstwerk seines Lebens gilt das gute Dichterwort, das er einmal über das Drama aussprach: „In einem Kunstwerk muß immer die letzte Zeile die erste rezensieren.” Er ist wirklich gewachsen mit seinem Volke, das er nie ganz würdigte, er befreundete sich als reifer Mann mit den einfachen Idealen, die er einst mißachtet, er lernte die Größe des edelsten unserer Dramatiker schätzen und schuf endlich jene hochpoetischen Gestalten der Nibelungen, die nicht mehr angekränkelt sind von der Blässe des Gedankens. Von diesen letzten Werken des Dichters fällt verklärend ein Lichtstrahl zurück auf die unfertigen Dichtungen seiner früheren Zeit. Kein Zweifel mehr: der friedlose Sinn, der aus Hebbels älteren Dramen spricht, ist nicht die blasierte Ironie der Romantiker, nicht die zuchtlose Frivolität, der buhlerische Weltschmerz der Jungdeutschen, er ist der tiefe und wahre Schmerz eines starken Geistes, der erst nach harten Kämpfen eine Versöhnung finden konnte, welche der Glückliche, der Gedankenarme mühelos erreicht. -- Der Dichter wies in seinem Eigensinne jede Kritik der Wahl seiner Stoffe zurück, weil „das einmal lebendig Gewordene sich nicht zurückverdauen” lasse. Heute, da wir sein Schaffen im ganzen überschauen, wird uns das Körnlein Wahrheit deutlich, das in diesem anmaßenden Ausspruch liegt; auch in den seltsamsten Experimenten des Poeten läßt sich eine gewisse Notwendigkeit nicht verkennen.

Wir gehen rasch hinweg über Hebbels erste Novellen, die in der Art des Humors an Jean Paul, in der Hast der Darstellung an Heinrich Kleist erinnern. Wie seltsam verkannte der Dichter sein ganz und gar nicht populäres Talent, wenn er hoffte, seine niederländische Geschichte „Schnock” werde im Bauernkittel von Fließpapier auf den Jahrmärkten feilgeboten werden; den derben Ton herzhaften Spaßes, den der Bauer verlangt, findet dieser Poet des Gedankens nicht.

In seinem ersten Drama Judith versucht Hebbel in der Seele der epischen Heldin der Bibel einen Bruch, einen Kampf hervorzurufen, er will uns an ihr das Recht des Weibes auf wahre Liebe zeigen und dergestalt den Liebling starkgeistiger Maler und Poeten dem modernen Bewußtsein verständlich machen. Freilich wird das gräßliche Weib selbst dadurch kein tragischer Charakter; denn unter den widerstreitenden Gefühlen, welche ihr Herz bewegen, der religiösen Begeisterung für ihr Volk, der durch den Anblick kläglicher Schwächlinge geschärften Ruhmbegierde, endlich der geheimen Liebe zu dem einzigen ganzen Manne, den sie kennt, tritt bald die nackte tierische Sinnlichkeit als das herrschende Motiv hervor. Noch häßlicher ist Holofernes, wohl der unwahrste aller jener souveränen Kraftmenschen, in deren Schilderung sich die Literatur jener Tage gefiel, bei aller scheinbaren Größe ein lächerlicher Prahler. Wahrhaft empfunden sind allein die glaubenseifrigen Gestalten des jüdischen Volkes. Hier war es dem Sohne strenger bibelfester Bauern leicht, aus voller Seele zu schaffen. Aber wie fremd steht die Frömmigkeit des Alten Testaments neben einem Materialismus, der an die häßlichsten Ausgeburten der =poésie de sang et de boue= gemahnt! Diese Zerfahrenheit der Stimmung, diese Unsicherheit der sittlichen Begriffe des Dichters raubt dem Stücke, trotz der in mächtigem Aufschwung stetig anschwellenden Handlung, die innere Einheit.