Deutsche Jugend in schwerer Zeit: Erzählung für die Jugend Dritte Auflage

Part 8

Chapter 83,802 wordsPublic domain

Als sie heraustraten, war es bereits dämmerig geworden und dichter floß der Nebel über Wiesen und Felder. Schon verschwand die Ferne in Grau, und über Kloningken sanken die Abendschatten nieder. »Wir wollen eilen,« sagte Frau Friederike unruhig. »Vielleicht ist irgendeine Nachricht gekommen, vielleicht ist heute etwas geschehen!« Und wie vorher Luise, sagte auch sie jetzt: »Mir ist es so bange heute.«

Es war aber kein Bote eingetroffen, und die Gutsherrin ging ins Pfarrhaus, um sich Trost in dem friedlichen Kreise zu holen, aber auch dort traf sie sorgenvolle Mienen. Der Pfarrer erzählte, daß er in der Kreisstadt beim Posthalter gewesen sei, dort habe man davon gesprochen, daß in Sachsen sich die feindlichen Heere zusammengezogen hätten, man erwarte eine große Schlacht.

15. Kapitel.

Bei Leipzig.

Um die gleiche Stunde lag, weit von Kloningken entfernt, im Sachsenlande, in der Nähe eines Dorfes, ein Trupp Soldaten. Sie hatten sich an einem Graben eine Art Schanze gemacht und lagen flach an der Erde, ringsum wallten die ersten Nebelschleier der beginnenden Dämmerung, ein dumpfes Krachen und Brausen erfüllte die Luft, und rings am Horizont loderten die Feuersäulen auf.

Es war der 16. Oktober 1813, um die Orte Markleeberg, Wachau und Liebertwolkwitz tobte der Kampf, denn die verbündeten Heere waren mit Napoleons Armee zusammengetroffen, und jene Riesenschlacht begann, die unter dem Namen der Schlacht bei Leipzig ruhmvoll in der deutschen Geschichte verzeichnet ist.

Seit einer Stunde bereits lag die kleine Abteilung Soldaten auf dem feuchten Boden, sie hatten den Befehl, ein gegenüberliegendes Gehölz zu bewachen und, wenn möglich, das Vordringen der Feinde von dort her, so lange es ging, zu verhindern. »Sterben kann man hier vor Langerweile,« brummte ein graubärtiger Wachtmeister, »lieber ließ ich mir die blauen Bohnen um die Ohren pfeifen, als hier im Schlamm zu liegen, und dabei läßt sich keine Katze sehen.« Er stieß einen Soldaten an, der erschöpft von dem langen Liegen und den anstrengenden Märschen der vergangenen Tage eingeschlafen war. »Heda, jetzt ist keine Zeit zum Schlafen, wachen, wachen heißt es, der Schlaf kommt vielleicht früher als manchem lieb ist!«

Ein junger Fähnrich hob seinen dunkeln Kopf, und seine Augen sahen gespannt nach jenem Gehölz hinüber. Er flüsterte seinem Kameraden zu, der neben ihm auf der feuchten Erde lag: »Hans-Heinrich, siehst du nichts? Mir ist es immer, als rege sich dort zwischen den Bäumen etwas.«

Der Angeredete schüttelte den Kopf. »'s ist nichts wie Dunst und Nebel, ich glaube, wir können noch die ganze Nacht liegen, während die anderen jetzt mitten im Kampf stehen.«

Wieder trat Stille ein, jeder hing seinen Gedanken nach, und der Schläfer von vorher hatte wieder die Augen geschlossen und träumte.

»Dort, jetzt regt sich etwas, ich sehe es,« flüsterte der Fähnrich plötzlich hastig.

»Wo, Flemming?« Der Leutnant, der den Trupp kommandierte, wandte sich an diesen.

»Dort!« Walter Flemming zeigte auf eine Stelle, wo die Bäume etwas weiter auseinanderstanden.

»Keiner darf sich rühren, die Gewehre schußbereit halten,« befahl flüsternd der Offizier, und flüsternd pflanzte der Befehl sich von Soldat zu Soldat.

Minute auf Minute verging, es wurde dämmeriger. Da plötzlich war es, als fingen die Bäume des Waldes an, sich zu regen, es war als führten sie einen Tanz auf, und dann lösten sich dunkle Gestalten heraus und kamen näher. Aber wie das Brausen des Sturmes empfing sie jäh das Geknatter von Schüssen. Sie schrien auf in der Überraschung, sie drängten zurück, einige stürzten, und nun schwieg das Feuer sekundenlang.

Da drängten die Feinde wieder vor, kampfbereit, entschlossen stürmten sie vorwärts, sie erwiderten die Schüsse, und immer mehr und mehr dunkle Gestalten kamen aus dem Walde empor.

Die kleine Schar der Preußen focht löwenmutig gegen die Übermacht der Feinde. Einer nach dem andern fiel. Keiner kümmerte sich darum, sie stürmten voran, vorwärts, nur vorwärts.

Da plötzlich klang's hinter ihnen wie Hurrarufen. »Die Unsern,« schrie der Offizier, ein Schuß traf ihn, »vorwärts,« rief er noch und sank zu Boden.

»Vorwärts!« Hans-Heinrich von Seeheim stürzte todesmutig vor. Ein Schlag traf ihn an den Fuß, er taumelte, raffte sich wieder auf. Da stürzte ihm der Helm vom Kopf, plötzlich lief es ihm warm über das Gesicht, es flimmerte ihm vor den Augen, er stürzte zu Boden.

Er hörte Trompeten blasen, das Hurrarufen der Deutschen, dann, dicht neben ihm klang sein Name. Mit Anstrengung öffnete er die Augen und sah über sich geneigt Walter Flemmings Gesicht. Ein Freudenstrahl glitt über des Todwunden Züge. »Grüße meine Mutter -- Kloningken -- alle,« murmelte er und schloß die Augen.

Walter Flemming warf noch einen Blick auf den Freund, keine Möglichkeit, ihn aus dem Getümmel zu tragen, ehe er noch recht zur Besinnung kam, rissen ihn die Nachstürmenden fort, weiter, immer weiter, hinein in den Kampf.

Drei Tage noch tobte die furchtbare Schlacht. Das Donnern der Geschütze vermischte sich mit dem Geschrei der Kämpfenden, dem Stöhnen der Verwundeten, und blutigrot beleuchteten die brennenden Dörfer das trostlose Bild. Napoleon mußte fliehen. Die siegreichen Verbündeten zogen in Leipzig ein, und die schwergeprüfte Bevölkerung empfing mit dankbarem Jubel die Sieger.

Es war am Nachmittag des 19. Oktober. Durch das Grimmaische Tor ritten die Truppen in die Stadt ein, eine Anzahl Offiziere, darunter ein bayrischer Leutnant, waren genötigt, mitten in der Straße zu halten, denn ein Transport Verwundeter versperrte ihnen den Weg. Tote lagen auf der Straße und Verwundete klopften, um Einlaß flehend, an die zum Teil mit Holz vernagelten Türen und Fenster. Es war ein schauriges Bild.

Ernst sah der junge Bayer darauf nieder, und vorsichtig hielt er sein Pferd, damit es nicht auf die Körper der am Boden Liegenden träte. Nachdrängende Truppen stürmten vor, und minutenlang stand er fest eingekeilt, unfähig, sich zu rühren. Ein umgestürzter Wagen lag zur Seite, eine Anzahl Verwundeter waren auf die Straße gestürzt, und niemand war da, der sie aufhob, in wenigen Minuten waren vielleicht die Wagen und Pferde der Nachkommenden über sie hinweggegangen.

Dicht vor dem Pferd des bayrischen Offiziers lag ein Verwundeter, oder war es ein Toter. Unwillkürlich beugte sich der Offizier herab, er sah in ein feines, schmales Knabengesicht. Das kam ihm bekannt vor, er mußte es schon gesehen haben, nicht so starr und bleich, blühend und frisch.

Eine Lücke entstand in dem Gewühl vor ihm. »Rasch vorwärts,« rief ein Kamerad ihm zu. In diesem Augenblick wußte der Offizier, wer der Verwundete vor ihm war, -- Hans-Heinrich von Seeheim.

Blitzschnell bog er sich herab und riß den Jüngling zu sich empor, und schon ging es weiter, wie eine Vision sah er noch ein altes Männergesicht, blaß, starr, das alte Gesicht kannte er auch, es war der Vogt von Kloningken.

»Wenn Sie anfangen wollen, Tote zu sammeln, werden Sie heute nicht fertig werden,« sagte ein höherer Offizier und schaute finster vor sich hin.

Leutnant von Lühenaar ließ sich nicht beirren, er nahm den Geretteten vor sich aufs Pferd, und so bahnte er sich langsam einen Weg durch die Stadt. Aus einer Wunde am Knie quoll dem Jüngling noch immer das Blut, da riß der Offizier seine Schärpe herab, er versuchte, so gut es ihm in der schwierigen Lage gelang, das Tuch auf die Wunde zu pressen; auf dem blassen Gesicht aber erschien kein Leben, unbeweglich lag Hans-Heinrich in seinem Arm.

Weiter hinein ging's in die Stadt. Es war ein furchtbares Getümmel, ein Schreien und Tosen, und von ferne tönte noch immer dumpfes Rollen, noch immer stand ein mattes Rot am Himmel. Leutnant von Lühenaar erbat sich einen kurzen Urlaub, um seinen Schützling unterzubringen. In den Spitälern jedoch herrschte eine solche Überfüllung, und immer neue Transporte mit Verwundeten kamen an, daß er bald die Unmöglichkeit einsah, Hans-Heinrich dort ein Unterkommen zu schaffen. Er ritt nun von Haus zu Haus und bat um Aufnahme, aber überall waren die Plätze, die man hatte, längst besetzt. Viele Türen, an die er klopfte, blieben auch verschlossen, die Bewohner wußten in ihrer Angst nicht mehr, wer Freund und wer Feind war.

Der Abend brach herein. Verzweifelt sah der Offizier sich um, er hielt in einer schmalen Gasse, die von der Petersstraße sich abzweigte, auch hier schleppten sich Verwundete von Haus zu Haus. Schwer wie Blei lag der Jüngling in seinem Arm. Er fühlte nach seiner Hand, vielleicht war es ein Toter, den er da herumtrug. Aber noch klopfte leise der Puls, noch war Leben in ihm. Und der junge Offizier dachte an die stillen Tage in Kloningken, an sein eigenes Schmerzenslager, und fester nahm er Hans-Heinrich in seinen Arm, er mußte ihn retten. Er klopfte wieder an die Türen, endlich wurde ihm geöffnet und eine schlanke, schwarzgekleidete Frau trat mit einer kleinen Laterne auf die dunkle Straße hinaus.

»Madame,« rief Leutnant von Lühenaar rasch, »haben Sie Erbarmen. Geben Sie dem Jüngling hier einen Platz, ich muß zurück zu meinem Regiment und kann nirgends ein Unterkommen finden, helfen Sie mir, Madame, alle Spitäler sind überfüllt!«

»Kommen Sie näher,« sagte die Frau, »ich wollte mir eben noch einige Pfleglinge suchen, ich habe noch Platz in meinem Hause.« Kaum hatte sie diese Worte gesagt, als sich schnell zwei Soldaten herandrängten, der eine schleifte den Fuß nach, der andere hatte ein schmutziges Tuch um den Kopf gebunden. »Nehmen Sie uns auf,« riefen sie. Sie taumelten zwar erschrocken zurück, als sie den Offizier gewahrten, die Frau aber sagte ruhig: »Ich habe Platz für alle.« Sie öffnete die Tür, eine alte Magd kam zur Hilfe, und die beiden Frauen hoben Hans-Heinrich aus des Offiziers Armen, während die beiden Soldaten über die Schwelle schwankten. Leutnant von Lühenaar band sein Pferd an den eisernen Ring der Haustür und trat dann ein, er war froh, daß er dieses Asyl für seinen Schützling gefunden hatte.

In einem hellgetünchten, schlichten aber sauberen Zimmer waren Betten aufgestellt, und in einem Nebenzimmer lagen bereits drei Verwundete. »Ich nahm sie gestern auf,« sagte die Frau schlicht. »Es sind Franzosen. Mein Mann ist Arzt, Professor an der Universität, er ist in das Spital gegangen, um dort zu helfen, mir hat er die Pflege hier überlassen, aber wir haben so viele Zimmer, da erschienen mir drei Kranke zu wenig.«

Leutnant von Lühenaar drückte ihr dankbar die Hand und half ihr noch seinen Schützling betten, dabei sagte er ihr kurz dessen Namen und Heimat und erzählte, wie man ihn selbst dort einst gepflegt hatte.

»So jung ist er noch, ein Kind beinahe,« sagte die Frau, sie strich mütterlich sanft über das blasse Gesicht. »Und einer Mutter letzter Sohn ist es, sagen Sie; seien Sie ohne Sorge, was meine schwachen Kräfte vermögen, soll geschehen, aber ich fürchte, es steht nicht gut mit ihm.«

Der Offizier nahm Abschied. Am nächsten Tage schrieb er an Pfarrer Flemming und meldete, wie er Hans-Heinrich gefunden hatte, und daß dieser in guter Hut sei. Er selbst konnte nicht noch einmal nach ihm sehen, denn seine Pflicht rief ihn fort, bereits am andern Tage mußte er Leipzig verlassen.

16. Kapitel.

Eine Siegesbotschaft.

Damals trug der Telegraph nicht wie heute die Kunde des großen Sieges ins Land, es dauerte Tage und Wochen, ehe die Nachricht überallhin gelangte, auch nach dem kleinen Kloningken kam sie viele Tage später. Ein trüber, dunkler Tag war es, an dem der Regen in Strömen vom Himmel floß, da kam von der nahen Stadt ein Bote, der den Sieg im Gutshaus meldete. Wenige Minuten später wußte das ganze Dorf davon, und die Nachricht rief eine unbeschreibliche Aufregung hervor. Die sonst so ruhigen, wenig zu Gefühlsäußerungen neigenden Dorfbewohner brachen in Jubel aus, weinend vor Freude fielen sie einander in die Arme. Magister Richter lief, so schnell es seine vor Aufregung zitternden Füße erlaubten, zur Kirche, der alte Mann riß mit aller Macht am Glockenseil, daß es laut in das Land hineintönte. »Sieg, Sieg, Sieg!«

Die Leute von Kloningken strömten zur Kirche wie sie waren, in ihrer Arbeitskleidung, aus allen Häusern kamen sie daher, niemand wollte in dieser Stunde fehlen. Die Mütter kamen mit ihren Kleinen auf dem Arm, die Großmutter Romeike humpelte an ihrem Stock daher, und der alte Scharwerker Stefan, der seit Jahren nicht weiter gekommen war, als bis zu der Bank vor seinem Hause, ließ sich von seinen Enkeltöchtern zur Kirche geleiten. Von der Kanzel herab verlas Pfarrer Flemming die Siegesbotschaft, kurz und heiß, aus tiefstem Herzen kommend, war das Dankgebet, das er sprach, und kniend betete die Gemeinde mit, aber leise mischte sich in Dank und Jubel hinein die angstvolle Frage: »Wie mag es den Unsrigen ergehen?«

Erst am Nachmittag des fünften Tages nach der Siegesbotschaft kam der Brief Leutnants von Lühenaar nach Kloningken, der meldete, Hans Heinrich lebt, aber er ist schwer verwundet. Frau Friederike brach zusammen, als ihr Charlotte Flemming die Nachricht überbrachte. Sie hatte immer geglaubt, es könne nicht geschehen, Gott könne ihr nicht den letzten Sohn nehmen, nun riß diese neue Trauerkunde die alten Wunden wieder auf. Vergebens war das Mühen der treuen Freunde, ihr Trost zuzusprechen, noch sei der Sohn am Leben, noch sei die Hoffnung nicht verloren, aber kein Trost fand anfangs den Weg zu dem Herzen der verzweifelten Frau. »Er stirbt, er stirbt,« so jammerte sie nur immer, und Charlotte Flemming saß die Nacht bei ihr und sprach immer wieder von der Hoffnung, die noch sei, bis die verzweifelte Frau ruhiger wurde und überlegte, was sie tun könne.

Während so die Pfarrerin der Freundin Trost zusprach, war ihr das eigene Herz sehr schwer, Hans-Heinrich war verwundet, aber er lebte und befand sich in guter Pflege, wo aber war Walter? Von ihm war keine Kunde ins Elternhaus gedrungen, was war sein Schicksal?

Charlotte Flemming aber war eine jener starken Naturen, die nie laut klagen, die in der Stille ihres Herzens ihr Leid tragen und dabei unermüdlich sind in treuer Pflichterfüllung, die nach jedem Leidenssturm, der über sie hinweht, uns schöner erscheinen in ihrer schlichten Größe. So fand sie auch jetzt die Kraft, über die eigene Sorge hinaus an andere zu denken. Und ihr Denken und Sorgen war notwendig. Frau von Seeheim hatte nur den einen Gedanken, den, so bald als möglich zu ihrem Sohne zu eilen. Der Pfarrer riet ab, denn eine solche Reise war beschwerlich und nicht ohne Gefahren. Der Mutter aber schienen alle Hindernisse klein, sie hatte nur die eine Sehnsucht, den Sohn wiederzusehen. Zuletzt stimmte ihr der Pfarrer zu, ja, er bot sich zu ihrer Begleitung an, er wollte dabei gleich versuchen, Nachrichten von Walter zu erhalten, denn von diesem hatten die Seinen noch nichts gehört. Es wurde der Pfarrerin nicht leicht, ihren Mann diese beschwerliche Reise antreten zu sehen, aber sie hielt ihn nicht durch Bitten zurück, sondern traf umsichtig die notwendigen Vorbereitungen. Der Geistliche fuhr noch am gleichen Tage nach der nächsten Stadt, um alles zu besorgen, und auch nach einem Vertreter Umschau zu halten; so sehr er auch eilte, so vergingen doch einige Tage, ehe er zur Reise bereit war. Tage waren es, die für Frau Friederikes angsterfülltes Herz lang wie Jahre währten, in denen sie rastlos durch ihre Zimmer eilte und Anordnungen gab, die sie nach wenigen Minuten bereits wieder änderte. Zuletzt kam Charlotte Flemming, sie sorgte in ihrer stillen Ruhe dafür, daß alles Nötige verpackt wurde, und daß Jungfer Karoline Weisungen erhielt, denn es konnten Wochen vergehen, ehe ihre Herrin heimkehrte.

Auf Renate und Luise hatte die traurige Kunde einen tiefen Eindruck gemacht, die ohnehin stille Renate sprach kaum noch ein Wort, sie half mechanisch der Jungfer Karoline bei den Vorbereitungen, aber ihre Gedanken waren so weit fort, daß sie alles verkehrt anstellte. Da ließ die Jungfer, die selbst herzlich traurig über den Kummer ihrer Herrin war, sie aufhören. Dann ging Renate in ihr Stübchen und starrte mit tränenlosen Augen vor sich nieder, oft kam ein leichter Schritt herauf, Luise war es, Luise mit rotgeweinten Augen und unerschütterlicher Hoffnung im Herzen. Luise, die in diesen Tagen überall war, sie saß bei Frau Friederike und weinte mit ihr und versicherte: »Hans-Heinrich müsse gesund werden!« Sie huschte hinter ihrer Mutter her und küßte deren Hand. »Walter kommt wieder, Mutterchen, glauben Sie es doch.« Sie ging mit Jungfer Karoline, mit der sie längst wieder gut Freund war, in die Vorratskammer und erzählte dort, auf einem Backtrog sitzend, die wundersamsten Geschichten, wie Leute aus schwerer Gefahr errettet wurden. Sie saß bei Stine Strobeck und sprach mit ihr über den Sieg und sagte treuherzig: »Euer Mann kommt wieder, es ist ja gar nicht anders möglich.«

An einem trüben, naßkalten Novembermorgen stand die altmodische, schwerfällige Kutsche, die noch aus der Großeltern Zeiten stammte, zur Abfahrt bereit und beinahe das ganze Dorf war versammelt, um der Abreise der Gutsherrin und des Pfarrers beizuwohnen. Diejenigen, die Angehörige im Kriege hatten, trugen Grüße auf, ja, in dem großen Koffer der gnädigen Frau lag sogar eine Speckseite und eine Wurst, die Michael Ragnit und sein Eheweib aus ihrem, in dieser harten Zeit selbst recht dürftigen Vorrat mitgegeben hatten. »Für die, die es not haben,« sagte die Bäuerin, »findet der Herr Pfarrer meine Jungen nicht, so gesegne es Gott einem andern.«

Die alte Marie Romeike kam, und ihre gekrümmten Finger umschlossen einige alte polnische Silbergulden.

»Nehmen gnädige Frau Baronin es mit,« bat sie, »damals wollte mein Sohn das Geld nicht, aber nun kann er es vielleicht brauchen.«

Im letzten Augenblick kam noch Stine Strobeck, die Schmiedsfrau, an, sie trug ein dickes graues Bündel unter dem Arm, erst wischte sie sich den Schweiß mit der Schürze vom Gesicht, dann stammelte sie: »Wenn Gnaden, die Frau Baronin so gnädig wären, dem Franz das Tuchchen mitnehmen, ich weiß nicht, ob es unten bei den Franzosen nicht recht kalt ist, und -- und ein schönes Grußchen auch.« Sie knickste noch, als sich der Wagen längst in Bewegung gesetzt hatte, und ihre Gönnerin, Jungfer Karoline, führte sie endlich fort.

Der Wagen fuhr ganz langsam, Frau Charlotte ging noch einige Schritte nebenher, mit ihr Renate und Luise. Im Wagen aber saß Fritzchen auf seines Vaters Knien und schaute mit seinen großen Kinderaugen von einem zum andern, er verstand noch nicht den Ernst dieser Stunde, aber da er alle so traurig sah, war ihm sein kleines Herz auch schwer geworden. Endlich mußte doch geschieden werden, die Zeit drängte, in der Stadt wartete die Extrapost auf die Reisenden. »Der liebe Gott schütze euch!« Mehr konnte Frau Charlotte nicht sagen, ein tapferes Lächeln aber lag auf ihrem Gesicht, sie wollte nicht zeigen, wie schwer ihr der Abschied wurde.

Der Kutscher zog die Zügel an, die Pferde setzten sich in Trab und fort ging es; auf dem holprigen Wege schwankte der Wagen hin und her und bald entschwand er im Nebel den Blicken der Zurückbleibenden. Still ging die Pfarrerin mit den drei Kindern dem Hause zu, Renate sollte während der Tante Abwesenheit bei ihr bleiben.

Im Hause ging alles seinen gewohnten Gang, auf dem Gesicht der Hausfrau lag immer die gleiche freundliche Güte, und sie hatte ein williges Ohr für die Dorfbewohner, die mit ihren großen und kleinen Leiden zu ihr kamen. Während sie so immer für andere sorgte, wurde in ihrem Herzen die Angst um den Sohn immer größer, ein Tag nach dem andern verging und keine Nachricht von Walter traf ein.

Einmal, wenige Tage nach ihres Mannes Abreise, saß Frau Charlotte allein in ihrem Zimmer und betrachtete wehmütig ein kleines, auf Elfenbein gemaltes Bildchen, es stellte Walter dar, Friederike von Seeheim hatte es ihr einst zu gleicher Zeit mit dem ihres Sohnes von einem Königsberger Künstler malen lassen. Die Hand der Mutter zitterte, die das Bild hielt, und ihre Lippen preßten sich darauf, sie war so in den Anblick versunken, daß sie nicht das leise Geräusch an der Tür hörte, und erst ein schluchzender Ton ließ sie aufschauen. Da sah sie dicht hinter sich Renate stehen, der die hellen Tränen über das Gesicht liefen. »Mein liebes Kind, was ist dir?«

Charlotte Flemming bekämpfte tapfer ihren eigenen Schmerz und zog liebreich das Mädchen an sich.

»Ich weiß, o, ich weiß, daß Walter nie wiederkommt,« rief Renate leidenschaftlich, »mir ist so bang um ihn.«

Das sonst so ruhige, scheue Mädchen war wie umgewandelt, und Frau Charlotte enthüllte sich in dieser Stunde, wie groß die Liebe dieses Kindes zu ihrem Sohne war; ihr einsames Herz hatte sich mit all seiner tiefen Innigkeit dem Kameraden zugewandt. Der zarte Körper des jungen Mädchens litt unter diesem heftigen Schmerz: Fieber stellte sich ein, sie empfand einen Widerwillen gegen jegliche Nahrung, und die Pfarrerin hatte sorgenvolle Tage, bis es endlich ihren liebevollen Trostworten und Luises Plauderworten gelang, die Leidende etwas aufzurichten. Luise besaß noch die ganze Hoffnungsfreudigkeit des Kindes, bei ihr stand es fest, daß Walter und Hans-Heinrich gesund wieder heimkehren würden. Mit ihrer sieghaften Beredsamkeit sagte sie dies immer und immer wieder, und es gelang ihr auch oft, Mutter und Freundin hoffnungsvoller zu stimmen. »Ein Brief konnte verloren gegangen sein, Walter war gewiß frisch und munter, Vater findet ihn sicher in Leipzig,« tröstete sie.

»Wenn Walter gesund ist, erfährt Vater es bei seinem Regiment, ist er aber verwundet, wer weiß, ob ihn Vater findet, Leipzig ist eine große Stadt,« sagte die Mutter einst, »da ist es nicht so leicht, jemand zu finden, wie in unserm Kloningken.«

Luise, die in ihrem jungen Leben noch nicht weit über die Kloningkener Feldmark hinausgekommen war, breitete ihre Arme weit aus. »So, so viel größer sicher, ich glaube es, aber Sie können sich darauf verlassen, unser Vater findet sich zurecht, wenn er kommt, dann sagt man ihm schon Bescheid!«

Unwillkürlich mußte Frau Charlotte über ihr kleines naives Mädel lächeln. »Tausende von Menschen sind dort, und wohl so viele, viele Verwundete, wer kann sie alle kennen, und Vater ist dort völlig unbekannt, wohl kein Mensch, der ihn kennt.«

Dies leuchtete Luise nun nicht völlig ein, ihr Vater, der Inbegriff aller Weisheit für sie, sollte dort unbekannt sein, man sollte nicht wissen, wer Pfarrer Flemming aus Kloningken sei, nachdenklich saß sie lange, dann leuchtete es in ihren Augen auf, und erleichtert sagte sie: »Ach, so furchtbar viele Häuser werden schon nicht dort sein, daß Vater nicht überall hineingehen kann und fragen, na, und der dortige Pfarrer wird ihm auch schon helfen.« Und die felsenfeste Überzeugung, daß ihr geliebter Vater den Bruder finden würde, blieb ihr Trost. Sie war es auch, die zuerst den Boten traf, der einen Brief brachte, einen Brief, der Walters Handschrift zeigte. Mit einem lauten Jubelruf rannte Luise in das Zimmer, in dem die Mutter, Renate und Fritzchen saßen: »Walter lebt, Walter lebt, er hat geschrieben,« jauchzte sie.

Ja, er lebte wirklich, er war auf dem Marsch nach Frankreich, und er schrieb von der großen Schlacht, die ihm nur eine kleine Wunde gebracht hatte. Nun lag er in einem Quartier in der Nähe von Frankfurt, und er schrieb: »Wir alle möchten je eher je lieber nach Frankreich ziehen, und unser Blücher möchte es auch, aber wer weiß, wann wir über die Grenze kommen.« Walter schrieb auch, daß Hans-Heinrich gefallen sei, daß der Freund gerettet war, wußte er noch nicht, und die Mutter teilte es ihm gleich mit.

»Siehst du, Walter lebt doch, er ist gesund,« jubelte Luise immer wieder, wenn sie mit Renate zusammensaß.

»Aber er ist noch immer im Kriege,« sagte diese leise, »er zieht nach Frankreich, wer weiß ob er heimkommt?«

17. Kapitel.

Wiedersehen.