Deutsche Jugend in schwerer Zeit: Erzählung für die Jugend Dritte Auflage

Part 7

Chapter 73,806 wordsPublic domain

Träumerisch ging Walter zurück, da kam es mit leichten Schritten hinter ihm her, und als er sich umsah, stand Renate vor ihm. Sie trug ein weißes, blumiges Kleid, ihr blondes Haar war vom Winde zerzaust und umgab ihr Köpfchen wie ein Strahlenkranz, eine leichte Röte war von dem eiligen Lauf in ihre sonst so blassen Wangen getreten, Walter meinte, er habe sie noch nie so lieblich gesehen. »Ich sah dich mit Hans-Heinrich kommen,« sagte sie, »und wollte dir gern guten Tag sagen.«

Mit einer ihm sonst fremden Scheu ergriff er ihre Hand und hielt sie in der seinen. »Ich gehe nun bald in den Krieg, Renate, tut es dir leid?«

In ihre blauen Augen trat das Wasser. »O, Walter, der liebe Gott beschütze dich, mir ist so angst um dich, so angst!«

»Renate!« des Jünglings Stimme schwankte bedenklich, »ich werde wiederkehren als ein Mann, als ein Sieger. Aber weißt du, unsere Vorfahren bekamen von ihren Damen ein Kleinod mit als Amulett, wenn sie in den Kampf zogen, gib mir eins, Renate, eins zum Zeichen, daß du an mich denkst!«

Verwirrt sah sie an sich nieder. »Ich habe doch nichts, oder da!« sie nahm eine kleine goldene Kapsel, die sie an einem schmalen schwarzen Bande um den Hals getragen, »nimm dieses hier.«

Ganz vorsichtig nahm es Walter zwischen seine Finger und öffnete es, »ach, es ist leer, doch warte!« Rasch zog er ein Messer aus der Tasche, und ehe Renate wußte, wie ihr geschah, fing er an, eine Strähne ihres blonden Haares abzuschneiden. Es ging nicht leicht mit dem stumpfen Messer, aber das Mädchen hielt geduldig still, so sehr es auch riß. Achtsam legte der Jüngling dann die Härchen in die kleine Kapsel und barg das Kleinod in seiner Tasche, »nun bist du meine Herrin, Renate,« sagte er ernsthaft.

»Ich will täglich für dich beten, Walter.«

»Vergiß mich nicht, Renate, liebe Renate,« bat Walter mit erstickter Stimme. Einige Augenblicke lang standen sie Hand in Hand, sie sahen sich tief in die Augen, und ihnen beiden war es, als könnte sie nichts mehr auf der Welt trennen. »Nur der Tod kann unsere Freundschaft scheiden,« dachte Walter, und ein seltsam banger Schauer durchrieselte ihn. Er sprach das Wort aber nicht aus, beinahe heftig riß er sich los: »Leb' wohl!« murmelte er, dann eilte er davon.

Renate blieb stehen, mit umflorten Augen sah sie dem Freunde lange, lange nach. »Wenn er nicht wiederkommt,« klang es in ihrem Herzen, da schluchzte sie auf und eilte rasch in ihr Stübchen, um allein zu sein mit ihrem Schmerz.

Einer nach dem andern kam aus dem Dorf in das Pfarrhaus, die mitkämpfen wollten in dem Kampf um die Freiheit. »Herr Pfarrer, ich will mitziehen,« so meldeten sie sich schlicht und einfach. Der Pfarrer schrieb ihre Namen auf, um die Liste dann dem Freiherrn Franz von Seeheim zu geben, der alle freiwilligen Kämpfer nach Königsberg geleiten wollte. Michael Ragnit kam und brachte seine beiden Söhne. »Sie haben Kraft, Herr Pfarrer,« sagte er, »guten Willen, ihrem Vaterlande zu dienen, haben sie auch, was ihnen sonst noch fehlt, werden die Herren Obersten ihnen schon beibringen, am Dreinschlagen wird es nicht mangeln.«

Franz Strobeck, der Schmied, kam. »Ich geh' mit, mein Weib, mit der ich immer Streit hatte, sitzt und heult. Aber Hochwürden, ein gutes Weib ist sie doch, das beste, was sie für mich schaffen kann, gibt sie her, denn sie hat Angst, ich möchte nicht satt zu essen haben, und ihren Patentaler hat sie mir als Zehrpfennig eingenäht.« Der Mann fuhr sich verlegen durch die Haare, »wenn's Friede wird, und unser Herrgott läßt mich heimkehren, dann will ich auch Frieden halten mit meinem Weib, ich gebe mein Wort, und das halte ich.«

Vogt Schwarze kam, mit ihm der lange Friedrich, der als Pferdeknecht diente, und der größte Mann im Dorfe war. Er hatte sich einst zwei Finger seiner linken Hand abgehackt, um nicht unter Bonaparte kämpfen zu müssen. »Unser gnädiger Herr König wird mich schon gebrauchen können, dreinhauen kann ich auch mit acht Fingern,« sagte er und reckte seine lange Gestalt empor, »und wenn ich nur eine Hand hätte, ich ging' doch mit.«

Daniel Romeike kam mit Sohn und Schwestersohn, er war der reichste Mann im Orte und führte darin eine gewichtige Stimme. »Hochwürdiger Herr Pfarrer, schreiben Sie mich auch mit auf, ich gehe mit, ich will mich nicht von meinem Jungen beschämen lassen.«

Viele kamen so, und Pastor Flemming sagte zu seiner Frau: »Wenn überall in Preußen so wie bei uns das Volk zu den Waffen greift, so muß es doch einen Sieg geben, denn jeder, der mitzieht, geht mit dem Bewußtsein, daß es eine heilige Sache ist, für die er kämpft.«

Am zweiten Tage, nachdem Hans-Heinrich im Pfarrhaus gewesen war, kam Frau Friederike mit ihrem Sohn. Sie kam mit festem, aufrechtem Schritt, ungebeugt hielt sie das Haupt, dessen Haar völlig ergraut war in diesen Tagen. In ihrem Gesicht standen die furchtbaren Seelenleiden geschrieben, die sie durchlitten hatte. »Ich bringe Ihnen wohl den jüngsten Kämpfer, mein Freund,« sagte sie, den Pfarrer, der ihr rasch entgegengegangen war, an der Gartenpforte begrüßend. »Er ist mein letztes Kind, doch sein Wunsch und unseres Vaterlandes Not treibt ihn fort, so gehe er denn mit Gott, vielleicht vermag mein Segen und mein Gebet, ihn zurückzuführen.«

Dem Pfarrer versagte die Stimme, voll Ehrfurcht küßte er die Hand dieser Frau, die ihrem Vaterland das schwerste Opfer brachte. Mit einem unendlich wehen Lächeln sah sie ihn an, »Mütter müssen leiden, müssen das Glück, Kinder zu besitzen, mit tausend Schmerzen bezahlen, ich leide nicht allein, Tausende tragen in dieser Stunde den gleichen Schmerz!«

Pfarrer Flemming dachte an das Wort, das der Evangelist von Maria, der Mutter Jesu, sagt: »Es wird ein Schwert durch ihre Seele dringen.«

Die Tage, die folgten, vergingen in Aufregung und Unruhe. Die Hausväter, die mit auszogen, bestellten noch in aller Eile Haus und Feld. Es wurde wacker geschafft in diesen wenigen Tagen. Mit viel Abschiedsgedanken und Klagen gaben sich die Kloningkener Bauern nicht ab, auch die Frauen waren tapfer und still. Die Gutsherrin ging ihnen darin freilich mit gutem Beispiel voran. Seit Frau Friederike dem Sohn die Erlaubnis gegeben hatte, mit in den Krieg zu ziehen, hatte sie kein Wort der Klage mehr verloren. Aufrecht und ungebeugt ging sie durch die Tage, allen denen, die zu ihr kamen mit Bitten und Fragen, wußte sie zu raten und zu helfen. Ja, in der Gegenwart ihres Sohnes beherrschte sie sich so, daß sie sogar ein Lächeln fand; sie wollte ihm den Abschied nicht schwer machen. Und Hans-Heinrich ahnte bei aller Liebe zu seiner Mutter nicht, daß das Opfer, das sie brachte, riesengroß war.

Es wurden viele stille, schwere Opfer dem Vaterlande dargebracht, in den Frühlingstagen von 1813. »Ach, wäre ich doch ein Junge und könnte mitgehen,« seufzte Luise Flemming, als der Vater aus der Spenerschen Zeitung den Seinen vorlas, wie man überall rüstete, und wie viele ihre kostbarsten Sachen dem Vaterlande hingaben. Die Spargroschen, das silberne Hausgerät, ja die Trauringe wurden geopfert. »Alle geben etwas, nur ich habe nichts,« dachte Luise, als sie später in ihrem Stübchen saß und versuchte, ihre dunklen Locken etwas zusammenzubinden.

Dabei fiel es ihr ein, daß der Vater neulich von einem schönen, armen Fräulein erzählt hatte, das sich seine blonden Haare abgeschnitten und sie verkauft hatte, um doch auch ein Scherflein dem Vaterlande geben zu können. Das war noch etwas, und Luise sah im Geiste schon ihre braunen Locken vor dem König liegen. Denn ihrer Meinung nach erhielt alles der König, bekam alles zu sehen und zu hören. Denken und Handeln war bei dem Wildfang Luise meist eins, und die Überlegung kam gewöhnlich mit Reuetränlein hinterher. Auch jetzt überlegte sie nicht lange, geschwind suchte sie eine Schere und dann schnitt sie, ritsch, ratsch, darauflos. Sie säbelte, mit vor Eifer heißen Wangen, in ihren schönen Locken herum, die fielen rechts und links zu Boden, auf ihrem Kopf entstanden Treppen, Lücken, da blieb ein Schöpfchen stehen, da blinkte beinahe die Kopfhaut durch, aber Luise schnitt unbekümmert weiter.

Als alle Haare herunter waren, band sie ein blaues Band um die braune Fülle, und dann lief sie, ohne sich erst noch einmal in dem Spiegel anzuschauen, hinunter. Im Wohnzimmer fand sie niemand, vom Garten her aber tönten Stimmen, und mit gewohntem Ungestüm stürzte sie hinaus. Dort standen, an der schon grün schimmernden Weißdornhecke, die Eltern und Walter mit dem Freiherrn Franz von Seeheim und Hans-Heinrich.

»Aber, Luise, wie siehst du denn aus?« riefen alle erstaunt.

»Ja, Kind, was ist denn mit deinem Kopf geschehen?« fragte die Mutter, sie sah entsetzt auf die angerichtete Verwüstung.

»Ich -- ich -- wollte doch auch etwas geben,« stammelte Luise, die bei dem allgemeinen Erstaunen ihre fröhliche Sicherheit verlor, und der es sacht zum Bewußtsein kam, daß sie vielleicht unüberlegt gehandelt hatte.

»Johanna von Kloningken,« sagte der Freiherr von Seeheim lächelnd, »es fehlt nur noch, daß unsere kleine Heldenjungfrau mitzieht.«

Die Mutter aber nahm ihrem Kind still die Haare aus der Hand, sie sah ein wenig wehmütig auf die seidige Fülle. Flehend blickte Luise zu der Mutter auf. »Sind Sie böse?« flüsterte sie und schluckte die aufsteigenden Tränen herunter.

»Nein, Kind, du wolltest ja etwas Gutes tun,« sagte Frau Charlotte, sacht über den Strubelkopf der Kleinen streichend. »Daß man auch Opfer mit Vernunft und Nachdenken bringen muß, das wird mein Wildfang schon noch lernen!«

»Ach, Luischen, du bist aber doch ein Prachtmädel,« rief Hans-Heinrich, »wenn du auch augenblicklich greulich aussiehst.«

»Ich glaube, es war sehr dumm,« sagte Luise mit einem tiefen Seufzer in ehrlicher Selbsterkenntnis.

Sie lachten alle, und der Freiherr von Seeheim tröstete: »Na, Mariellchen, für Dummheit kann niemand, vielleicht wächst mit den neuen Haaren die Klugheit gewaltig. Nun gib deine Haare nur her, sie sollen mit nach Königsberg gesandt werden. Du hast schließlich doch gegeben, was du konntest, und es wäre recht, wenn dies alle täten.«

Da trug Luise fortan froh ihren Kahlkopf, und war glücklich, daß sie dem Vaterland ein Opfer hatte bringen dürfen. Renate tat es ihr nicht nach, aber ganz heimlich trug sie alle ihre Ersparnisse der Witwe Kaslowsky hin, damit deren Sohn, der mitziehen wollte, ohne Sorge der Mutter gedenken konnte.

Viel zu rasch für jene, die daheim blieben und ihre Angehörigen ziehen lassen mußten, verging die Zeit, und der Tag des Abschieds kam.

In der kleinen Dorfkirche segnete der Pfarrer die Freiwilligen ein. Es war eine stattliche Schar, die da vor dem Altar kniete, als erste die drei Jüngsten: Hans-Heinrich von Seeheim, Walter Flemming und Franz Ragnit. Die Sonne, die an diesem Tage so warm und hell schien, erfüllte die Kirche mit ihren Strahlen und tauchte die Köpfe der Männer, die ausziehen wollten zum Kampf, in blendendes Licht. Des Pfarrers Stimme zitterte, als er den Segen sprach, als er seine Hand auf seines Sohnes Haupt legte, dessen Augen in feuriger Begeisterung zu ihm aufblickten. Renate und Luise sangen noch einmal den Scheidenden zum Abschiedsgruß den Psalm: »Befiehl dem Herrn deine Wege«, und zum Schluß sang die ganze Gemeinde mit, dann gingen alle still auseinander.

Am nächsten Morgen zogen die Kämpfer fort, und weit über die Feldmark des Dorfes hinaus gaben ihnen die Zurückbleibenden das Geleit. Nur Frau Charlotte saß bei ihrer Freundin Friederike, die in tränenlosem Schmerz zusammengebrochen war.

Renate und Luise gingen Hand in Hand mit ihren Freunden, über Luise war wieder die Begeisterung gekommen, und am liebsten wäre sie mitgezogen, ihre dunkeln Augen blitzten, und sie versicherte Hans-Heinrich immer wieder: »Ich ginge schrecklich gern mit.« Als es jedoch zum Abschiednehmen kam, da schwand plötzlich wieder ihr tapferer Mut, und weinend hing sie an des Bruders und Freundes Hals. »Grüße meine Mutter, Luise,« sagte letzterer, »und erweise ihr so viel Liebe wie du kannst, versprich es mir!«

Luise nickte. »Ich gelobe es dir,« sagte sie ganz feierlich.

»Und wenn ich wiederkomme, dann wirst du meine Frau, ja, willst du?« fragte Hans-Heinrich, mit halbem Ernst und halbem Lachen.

Da lachte Luise unter Tränen. »Ach ja, Hans-Heinrich, das wird schön!« Sie schmiegte sich fest an ihn und sah treuherzig zu ihm auf: »Komme nur recht, recht bald wieder.«

Renate und Walter gaben sich nur die Hand, leise sagte der Jüngling: »Ich trage dein Amulett bei mir, Renate, ich werde dich nie, nie vergessen!«

Die Zurückbleibenden sahen den Scheidenden nach, solange nur noch ein Schatten in der Ferne sichtbar war, dann kehrten sie still in die Heimat zu ihrer Arbeit zurück. Manche Frau ging in diesem Jahr aufs Feld, führte mit kräftiger Hand den Pflug und versorgte dabei in rastloser Arbeit das Haus, damit der Mann, wenn er heimkehrte, die gewohnte Ordnung fände.

Frau Friederike irrte ruhelos durch Haus und Garten, sie konnte nicht, wie Charlotte Flemming, in stiller Arbeit ihre Angst und Sorge in der Stille ihres Herzens verbergen. Sie ging an die Lieblingsplätze ihres Sohnes, sie nahm in seinem kleinen Zimmer jedes Stück in die Hand, die Steine, die er gesammelt, die Bücher, aus denen er gelernt hatte, und sie bedeckte all die kleinen Andenken an ihn mit zahllosen Küssen. Sie ging auch in den Stall hinab und schmiegte ihren Kopf an das glänzende braune Fell seines Ponys. Dann wieder irrte sie im Garten umher, sie wollte zu der Bank gehen, auf der sie so oft mit dem Sohne gesessen und seinen kindlichen Plänen gelauscht hatte. Als sie näher kam, gewahrte sie, daß sich auf der Bank etwas Dunkles bewegte, nicht wie ein Mensch, wie ein unförmiger Knäuel erschien es ihr. Sie ging darauf zu und erkannte, daß es Luise war, die Nero, den großen Hund Hans-Heinrichs, umschlungen hielt. Ein leidenschaftliches Schluchzen erschütterte das Kind, in abgebrochenen Tönen klagte es: »Höre doch, Nero, Hans-Heinrich und Walter sind fort, in den Krieg sind sie beide gezogen. O, Nero, wenn sie nicht wiederkommen!«

»Luise, mein Kind!« Erschüttert beugte sich Frau Friederike über die Kleine, ihre Stimme hatte der noch nie so sanft geklungen. Sie richtete sich auf und sah in die traurigen Augen der Frau. Eine Ahnung überkam sie, von einem Leid, das viel, viel tiefer und schwerer war als ihr eigener Kummer. Sie schlang zärtlich die Arme um den Hals der ernsten Frau, und innig, tröstend flüsterte sie: »Tante, liebe Tante, ich habe es Hans-Heinrich versprochen, ich will Sie sehr lieb haben, ich will auch ganz still sein und Sie nicht kränken, und immer den lieben Gott bitten, daß er Hans-Heinrich und Walter zurückkommen läßt.«

Frau von Seeheim preßte die Kleine fest an sich, »wir wollen geduldig sein,« sagte sie leise, »und hoffen, daß unsere Lieben heimkehren.«

14. Kapitel.

Ein Kapitel, in dem viel von Angst, Sorge und Hoffnung geredet wird.

Die Postverbindung in damaliger Zeit war langsam und durch die Kriegsunruhen im Lande noch doppelt erschwert; dazu waren namentlich die Landleute noch vielfach des Schreibens unkundig, und so geschah es, daß nach dem kleinen Kloningken wenig Nachricht von den Ausgezogenen kam. Einmal schrieb Franz Ragnit, der diese Kunst schon bei Magister Ludwig Fürchtegott Richter erlernt hatte. In dem Brief, den der Magister vorlas, stand: »Liebwertester Vater und liebwerteste Frau Mutter! Ich und Gottlieb sind gesund. Bey einem Dorf, daß sich Groß-Görschen nennt, haben wir den Franzosen ordentlich die Jacke voll gehauen. Der lange Friedrich hat eins in die Rippen bekommen. Es hat ihm keinen Schaden gemacht. Er grüßt Euch. Schmied Strobeck ist auch bey und grüßt auch sein Weib und soll selbige nicht vergessen, die Löcher vom Kuhstall doch mit Stroh frisch zu stopfen. -- Unser lieber Herrgott gebe, daß wir die Franzosen bald verjagt haben, womit ich in Ehrerbietung verbleibe

Euer und der Frau Mutter gehorsamer Sohn Georg.« Nachschrift: »Die gute Frau Mutter mag ohne Sorge sein, satt werden ich und Gottlieb. Pfarrers Walter und Herr Junker grüßen mit Gesundheit.«

Der Brief war ein Ereignis im Dorf. Michael Ragnit zeigte ihn jedem, er ging damit zum Pfarrer und der gnädigen Frau und ließ ihn sich von jedem noch einmal vorlesen. Schließlich konnte er und sein Weib ihn auswendig, und seit der Zeit war ihre Achtung vor dem Magister beträchtlich gewachsen. Wie gut, daß der dem Sohn das Schreiben beigebracht hatte.

Aber auch vom Pfarrhaus und Herrenhaus wurden die Nachrichten, die kamen, im Dorf verbreitet. In dieser schweren Zeit kettete die Not die Bande fester, gleiche Sorge, gleiches Leid vereinte alle. Hans-Heinrich und Walter schrieben einige Male, und aus ihren Worten sprach feurige Begeisterung und die feste Hoffnung auf den Sieg. In einem Brief von Walter Flemming standen einmal die Worte:

»O teurer Vater, so habe ich mir nicht den Krieg gedacht, ich schäme mich nicht, Ihnen und der Mutter zu gestehen, daß Hans-Heinrich und ich nach der Schlacht bei Groß-Görschen schlaflose Nächte verbracht haben, und die schreckensvollen Bilder, die wir gesehen hatten, uns noch verfolgten.« --

Aus der Stadt brachte der Pfarrer die Nachricht mit, daß bei Bautzen eine große Schlacht stattgefunden habe; dann kam die Kunde von einem langen, langen Waffenstillstand.

Eines Tages im Juli hieß es plötzlich: »Kosaken kommen!« Und wirklich kam eine kleine Abteilung auf ihrem Marsche von Rußland nach dem Kriegsschauplatz durch; sie hatten sich von ihren Kameraden abgeteilt, um Lebensmittel aufzutreiben. Auf kleinen, flinken Pferden kamen sie angeritten, ganz Kloningken war auf den Beinen, und scheu starrten die Kinder die seltsamen Erscheinungen an. Die fremden Krieger machten gerade keinen besonders vertrauenswürdigen Eindruck. Sie waren klein, hatten struppige Haare und Bärte, und ihre Kleidung war zum Teil unsauber und unordentlich. Aber trotzdem jubelten ihnen die Leute zu, denn sie sollten ja helfen, dem Vaterland die Freiheit mitzuerringen. Brot, Speck, was man hatte, trug man ihnen freiwillig entgegen, und Luise, voller Begeisterung, brachte einen großen Strauß Zentifolien an, der von dem ersten Offizier lachend in Empfang genommen wurde. Als er sich aber vom Pferde herabneigte und Miene machte, Luise zu küssen, da bekam diese doch einen gewaltigen Schreck vor dem Mann mit den buschigen, schwarzen Brauen über den kleinen, tiefliegenden Augen. Sie versteckte sich hinter ihrem Vater, und sie wurde glühendrot bei dem rauhen Gelächter, das die Soldaten anstimmten. Dem Pfarrer gelang es, eine Art Unterhaltung mit dem Offizier zu führen, der einige französische Worte konnte. Stolz zeigte er auf seine Narben, die glühendrot in seinem gelblichen Gesicht brannten, und sagte: »Smolensk!«

Der Geistliche mußte an seine winterlichen Gäste denken. Bei Smolensk hatte der französische Kapitän sich seine schweren Wunden geholt. So war jeder in seiner Art ein Held gewesen, ein treuer Sohn seines Vaterlandes, vielleicht ein guter, ehrlicher Mensch. Sie hätten vielleicht in Frieden miteinander gelebt, wären Freunde geworden, wenn nicht der Wille eines ehrsüchtigen Eroberers sie gegeneinandergejagt hätte.

Nach dem Durchmarsch der Kosaken trat wieder Stille ein, und unter Hoffen und Zagen schritt der Sommer weiter. Das Korn hatte geblüht, das Korn war gereift, und manche Frau schwang in diesem Jahre die Sense, den goldenen Segen zu mähen. Der Wind strich bereits über die Stoppeln, und aus dem Blättergewirr der Obstbäume leuchteten in bunten Farben die Früchte hervor. Frau Friederike saß jetzt viel im Pfarrhaus, ihre schönen weiten Zimmer schienen ihr verödet, seit Hans-Heinrich fort war. Auch im Pfarrhause war es stiller denn sonst, selbst Luise war ruhiger geworden. Die Ereignisse der Zeit, die Sorge um Bruder und Freund, das bange Hoffen auf Nachricht hatte ihre Lebhaftigkeit gedämpft. Sie saß jetzt oft stundenlang emsig bei einer Arbeit und ging der Mutter auch wie ein sittsames Haustöchterchen zur Hand. Aber dann kamen wieder Stunden, wo die sonnige Heiterkeit ihres Wesens den Ernst durchbrach, wo ihr helles, frohes Lachen durch Haus und Garten schallte. Frau Friederike, die sonst gerade die sprudelnde Lustigkeit Luises so oft getadelt hatte, liebte sie jetzt darum; immer mehr und mehr schloß sie das Mädchen in ihr Herz. Stundenlang saß Luise neben ihr und plauderte, und immer war der Schluß ihrer Worte: »Hans-Heinrich kommt wieder; er und Walter, beide als Sieger!«

Ach, und die geängstigte Mutter hoffte so gern, schöpfte so gern Trost aus Luises kindlicher Zuversicht. Renate sah es wohl, wie die Freundin der Tante immer mehr ans Herz wuchs, und in ihrer selbstlosen Bescheidenheit fand sie es ganz natürlich. Es war ihr aber oft weh ums Herz und sie fühlte sich einsamer als je. Ihr Freund Walter fehlte ihr, niemand hatte sie so gut verstanden, als der ernste, kluge Jüngling. Ihre Sehnsucht, ihren Kummer suchte sie durch Arbeit zu bekämpfen. Pfarrer Flemming hatte ihr den Weg gewiesen, als er einmal zufällig davon gesprochen hatte, daß es die Mütter der kleinen Kinder in diesem Jahre besonders schwer hätten. Sie hatten wenig Zeit, sich um ihre Kleinen zu kümmern, die größten Kinder mußten fleißig in Haus und Feld helfen, und Magister Richter hatte beinahe ununterbrochen Ferien. Renate nahm sich nun der Kleinsten an, und da ihre Tante ihr nicht wehrte, versammelte sie die Kinder so oft sie konnte um sich, entweder draußen im Garten oder bei Regenwetter in der großen Halle des Herrenhauses. Luise half der Freundin, dann ging es freilich laut genug zu, denn Luise fand die wildesten Spiele besonders schön. Manchmal, wenn Renate zur Stille mahnte, sagte sie wohl seufzend: »Nein, Herz, so gut wie du versteht es niemand, die kleinen Quälgeister in Ordnung zu halten.«

Wirklich erfüllte auch Renate, mit einem für ihre Jugend seltenen Ernst, die freiwillig übernommenen Pflichten. Sie ließ sich durch nichts abhalten, und beinahe zögernd folgte sie an einem Oktobertag der Aufforderung ihrer Tante, mit ihr einen Besuch in Schönheide abzustatten. Sie war froh, als Frau Charlotte, die ihr schüchternes Zögern merkte, sich erbot, an ihrer Stelle die Kinder zu überwachen. Da fuhr sie freilich gern mit Frau Friederike und Luise nach dem Nachbargut.

Es war ein stiller, trüber Herbsttag, an dem die Sonne nicht recht die Wolkenschleier zerreißen konnte. »Wir wollen durch den Wald zu Fuß wandern,« sagte Frau von Seeheim auf dem Heimweg. Sie ließ den Wagen voranfahren und ging mit den beiden Mädchen die stillen Waldwege. Anfangs sprachen sie alle drei von Schönheide, von den lieben Menschen dort, allmählich aber verstummte das Gespräch. Selbst die lebhafte Luise schritt still einher. Sie dachte daran, wie sie im vergangenen Jahre zur gleichen Zeit mit Hans-Heinrich und ihrem Bruder durch den Wald gelaufen war. Da hatten sie gelacht und gescherzt, hatten mit den Füßen im welken Laub geraschelt, und heute war es so still, Freund und Bruder waren fern.

Von der Erde stieg ein feiner Modergeruch auf, und weiße Nebelstreifen schwebten zwischen den dunkeln Stämmen wie flatternde Schleier. Der Wind schwieg, dennoch rieselten unablässig die gelben Blätter von den Bäumen herab, still und lautlos sanken sie zu Boden, sie webten der Erde einen dichten bunten Teppich. Plötzlich unterbrach ein gellender Schrei die Stille, ein Raubvogel flog kreischend empor, und ferne verklang der klagende Ruf einer Wildtaube. Ängstlich schmiegte sich Luise an Renate an, »mir ist so bange heute,« flüsterte sie, leicht zusammenschauernd. Frau von Seeheim hatte dieses »mir ist so bange« gehört, und das Wort fand einen Widerhall in ihrem Herzen. Auch sie hatte eine seltsame Bangigkeit erfaßt, eine heiße Angst um ihren Sohn quälte sie, daß ihr, der sonst so Gefaßten, die Tränen in die Augen stiegen. Sie zog die Mädchen mit ungewohnter Innigkeit an sich, und so, fest aneinander geschmiegt, gingen sie durch den herbstlichen Wald.