Deutsche Humoristen, 4. und 5. Band (von 8)

Part 4

Chapter 43,789 wordsPublic domain

Diesen Strauß und diesen Ring schenkte mir das kleine Ding! Seht, sie horcht! Komm her, mein Engel! Tanz einmal mit deinem Bengel! Dudeldidel dum!

Fiedler, fiedelt nicht so lahm; wir sind Braut und Bräutigam! Fiedelt frisch; ich mach’ es richtig! Und bestreicht den Bogen tüchtig mit Kalfonium!

Polisch muß hübsch lustig gehn, daß die Röcke hinten wehn! Wart’, ich werd’ euch ’mal kuranzen! Meint ihr, Trödler: Bären tanzen hier am Seil herum?

Heißa lustig! Nun kommt her! Unten, oben, kreuz und quer, laß uns Arm in Arm verschränken und an unsern Brauttanz denken! Heißa! Rund herum!

Ha! wie schön das Hackbrett summt, und der alte Brummbaß brummt! Ha! wie drehn sich rings ohn’ Ende Hüt’ und Hauben, Tür und Wände! Dudeldidel, dudeldidel dum! Dudeldidel dum dum dum!

Amor als Landschaftsmaler

von

Johann Wolfgang von Goethe.

Saß ich früh auf einer Felsenspitze, sah mit starren Augen in den Nebel; wie ein grau grundiertes Tuch gespannet, deckt er alles in die Breit und Höhe.

Stellt’ ein Knabe sich mir an die Seite, sagte: „Lieber Freund, wie magst du starrend auf das leere Tuch gelassen schauen? Hast du denn zum Malen und zum Bilden alle Luft auf ewig wohl verloren?“

Sah ich an das Kind und dachte heimlich: Will das Bübchen doch den Meister machen!

„Willst du immer trüb’ und müßig bleiben,“ sprach der Knabe, „kann nichts Kluges werden: sieh, ich will dir gleich ein Bildchen malen, dich ein hübsches Bildchen malen lehren.“

Und er richtete den Zeigefinger, der so rötlich war wie eine Rose, nach dem weiten ausgespannten Teppich, fing mit seinem Finger an zu zeichnen: oben malt’ er eine schöne Sonne, die mir in die Augen mächtig glänzte, und den Saum der Wolken macht’ er golden, ließ die Strahlen durch die Wolken dringen; malte dann die zarten leichten Wipfel frisch erquickter Bäume, zog die Hügel, einen nach dem andern, frei dahinter; unten ließ er’s nicht an Wasser fehlen, zeichnete den Fluß so ganz natürlich, daß er schien im Sonnenstrahl zu glitzern, daß er schien am hohen Rand zu rauschen.

Ach, da standen Blumen an dem Flusse, und da waren Farben auf der Wiese, Gold und Schmelz und Purpur und ein Grünes, alles wie Smaragd und wie Karfunkel! Hell und rein lasiert’ er drauf den Himmel und die blauen Berge fern und ferner, daß ich ganz entzückt und neu geboren bald den Maler, bald das Bild beschaute.

„Hab’ ich doch,“ so sagt’ er, „dir bewiesen, daß ich dieses Handwerk gut verstehe; doch es ist das Schwerste noch zurücke.“

Zeichnete darnach mit spitzem Finger und mit großer Sorgfalt an dem Wäldchen, grad’ ans Ende, wo die Sonne kräftig von dem hellen Boden wiederglänzte, zeichnete das allerliebste Mädchen, wohlgebildet, zierlich angekleidet, frische Wangen unter braunen Haaren, und die Wangen waren von der Farbe, wie das Fingerchen, das sie gebildet.

„O du Knabe!“ rief ich, „welch ein Meister hat in seine Schule dich genommen, daß du so geschwind und so natürlich alles klug beginnst und gut vollendest?“

Da ich noch so rede, sieh, da rühret sich ein Windchen, und bewegt den Gipfel, kräuselt alle Wellen auf dem Flusse, füllt den Schleier des vollkommnen Mädchens, und was mich Erstaunten mehr erstaunte, fängt das Mädchen an den Fuß zu rühren, geht zu kommen, nähert sich dem Orte, wo ich mit dem losen Lehrer sitze.

Da nun alles, alles sich bewegte, Bäume, Fluß und Blumen und der Schleier, und der zarte Fuß der Allerschönsten; glaubt ihr wohl, ich sei auf meinem Felsen, wie ein Felsen, still und fest geblieben?

Gewohnt, getan

von

Johann Wolfgang von Goethe.

Ich habe geliebet; nun lieb’ ich erst recht! Erst war ich der Diener, nun bin ich der Knecht. Erst war ich der Diener von allen; nun fesselt mich diese charmante Person, sie tut mir auch alles zur Liebe, zum Lohn, sie kann nur allein mir gefallen.

Ich habe geglaubet; nun glaub’ ich erst recht! Und geht es auch wunderlich, geht es auch schlecht, ich bleibe beim gläubigen Orden: so düster es oft und so dunkel es war in drängenden Nöten, in naher Gefahr, auf einmal ist’s lichter geworden.

Ich habe gespeiset; nun speis’ ich erst gut! Bei heiterem Sinne, mit fröhlichem Blut ist alles an Tafel vergessen. Die Jugend verschlingt nur, dann sauset sie fort; ich liebe zu tafeln am lustigen Ort, ich kost’ und ich schmecke beim Essen.

Ich habe getrunken; nun trink’ ich erst gern! Der Wein, er erhöht uns, er macht uns zum Herrn und löset die sklavischen Zungen. Ja, schonet nur nicht das erquickende Naß! Denn schwindet der älteste Wein aus dem Faß, so altern dagegen die jungen.

Ich habe getanzt und dem Tanze gelobt! Und wird auch kein Schleifer, kein Walzer getobt, so drehn wir ein sittiges Tänzchen. Und wer sich der Blumen recht viele verflicht, und hält auch die ein’ und die andere nicht, ihm bleibet ein munteres Kränzchen.

Drum frisch nur aufs neue! Bedenke dich nicht! Denn wer sich die Rosen, die blühenden, bricht, den kitzeln fürwahr nur die Dornen. So heute wie gestern, es flimmert der Stern; nur halte von hängenden Köpfen dich fern und lebe dir immer von vornen.

Gutmann und Gutweib

von

Johann Wolfgang von Goethe.

Und morgen fällt St. Martins Fest, Gutweib liebt ihren Mann; da knetet sie ihm Puddings ein und bäckt sie in der Pfann’.

Im Bette liegen beide nun, da saust ein wilder West; und Gutmann spricht zur guten Frau: „Du riegle die Türe fest.“ --

„Bin kaum erholt und halb erwarmt, wie käm’ ich da zur Ruh; und klapperte sie einhundert Jahr, ich riegelte sie nicht zu.“

Drauf eine Wette schlossen sie ganz leise sich ins Ohr: so wer das erste Wörtlein spräch’, der schöbe den Riegel vor.

Zwei Wandrer kommen um Mitternacht und wissen nicht, wo sie stehn; die Lampe losch, der Herd verglomm, zu hören ist nichts, zu sehn.

„Was ist das für ein Hexenort? Da bricht uns die Geduld!“ Doch hörten sie kein Sterbenswort, des war die Türe schuld.

Den weißen Pudding speisten sie, den schwarzen ganz vertraut. Und Gutweib sagte sich selber viel, doch keine Silbe laut.

Zu diesem sprach der jene dann: „Wie trocken ist mir der Hals! Der Schrank, der klafft, und geistig riecht’s, da findet sich’s allenfalls.

„Ein Fläschchen Schnaps ergreif’ ich da, das trifft sich doch geschickt! Ich bring’ es dir, du bringst es mir, und bald sind wir erquickt.“

Doch Gutmann sprang so heftig auf und fuhr sie drohend an: „Bezahlen soll mit teurem Geld, wer mir den Schnaps vertan!“

Und Gutweib sprang auch froh heran, drei Sprünge, als wär’ sie reich: „Du, Gutmann, sprachst das erste Wort, nun riegle die Türe gleich!“

Hochzeitlied

von

Johann Wolfgang von Goethe.

Wir singen und sagen vom Grafen so gern, der hier in dem Schlosse gehauset, da, wo ihr den Enkel des seligen Herrn, den heute vermählten, beschmauset. Nun hatte sich jener im heiligen Krieg zu Ehren gestritten durch mannigen Sieg, und als er zu Hause vom Rösselein stieg, da fand er sein Schlösselein oben, doch Diener und Habe zerstoben.

„Da bist du nun, Gräflein, da bist du zu Haus, das Heimische findest du schlimmer! Zum Fenster, da ziehen die Winde hinaus, sie kommen durch alle die Zimmer. Was wäre zu tun in der herbstlichen Nacht?“ „So hab’ ich doch manche noch schlimmer vollbracht, der Morgen hat alles wohl besser gemacht. Drum rasch bei der mondlichen Helle ins Bett, in das Stroh, ins Gestelle!“

Und als er im willigen Schlummer so lag, bewegt es sich unter dem Bette. Die Ratte, die raschle, so lange sie mag! Ja, wenn sie ein Bröselein hätte! Doch siehe! da stehet ein winziger Wicht, ein Zwerglein, so zierlich, mit Ampelenlicht, mit Rednergebärden und Sprechergewicht, zum Fuß des ermüdeten Grafen, der, schläft er nicht, möcht’ er doch schlafen.

„Wir haben uns Feste hier oben erlaubt, seitdem du die Zimmer verlassen, und weil wir dich weit in der Ferne geglaubt, so dachten wir eben zu prassen. Und wenn du vergönnest und wenn dir nicht graut, so schmausen die Zwerge, behaglich und laut, zu Ehren der reichen, der niedlichen Braut.“ Der Graf im Behagen des Traumes: „Bedienet euch immer des Raumes!“

Da kommen drei Reiter, sie reiten hervor, die unter dem Bette gehalten; dann folget ein singendes, klingendes Chor possierlicher kleiner Gestalten, und Wagen auf Wagen mit allem Gerät, daß einem so Hören als Sehen vergeht, wie’s nur in den Schlössern der Könige steht; zuletzt auf vergoldetem Wagen die Braut und die Gäste getragen.

So rennet nun alles in vollem Galopp und kürt sich im Saale sein Plätzchen; zum Drehen und Walzen und lustigen Hopp erkieset sich jeder ein Schätzchen. Da pfeift es und geigt es und klinget und klirrt, da ringelt’s und schleift es und rauschet und wirrt, da pispert’s und knistert’s und flüstert’s und schwirrt; das Gräflein, es blicket hinüber, es dünkt ihn, als läg’ er im Fieber.

Nun dappelt’s und rappelt’s und klappert’s im Saal, von Bänken und Stühlen und Tischen, da will nun ein jeder am festlichen Mahl sich neben dem Liebchen erfrischen; sie tragen die Würste, die Schinken so klein und Braten und Fisch und Geflügel herein; es kreiset beständig der köstliche Wein; das toset und koset so lange, verschwindet zuletzt mit Gesange. --

Und sollen wir singen, was weiter geschehn, so schweige das Toben und Tosen. Denn was er, so artig, im kleinen gesehn, erfuhr er, genoß er im großen. Trompeten und klingender, singender Schall, und Wagen und Reiter und bräutlicher Schwall, sie kommen und zeigen und neigen sich all, unzählige, selige Leute. So ging es und geht es noch heute.

Offne Tafel

von

Johann Wolfgang von Goethe.

Viele Gäste wünsch’ ich heut mir zu meinem Tische! Speisen sind genug bereit, Vögel, Wild und Fische. Eingeladen sind sie ja, haben’s angenommen. Hänschen, geh und sieh dich um! Sieh mir, ob sie kommen!

Schöne Kinder hoff’ ich nun, die von gar nichts wissen, nicht, daß es was Hübsches sei, einen Freund zu küssen. Eingeladen sind sie all’, haben’s angenommen. Hänschen, geh und sieh dich um! Sieh mir, ob sie kommen!

Frauen denk’ ich auch zu sehn, die den Ehegatten, ward er immer brummiger, immer lieber hatten. Eingeladen wurden sie, haben’s angenommen. Hänschen, geh und sieh dich um! Sieh mir, ob sie kommen!

Junge Herrn berief ich auch, nicht im mind’sten eitel, die sogar bescheiden sind mit gefülltem Beutel; diese bat ich sonderlich, haben’s angenommen. Hänschen, geh und sieh dich um! Sieh mir, ob sie kommen!

Männer lud ich mit Respekt, die auf ihre Frauen ganz allein, nicht nebenaus auf die schönste schauen. Sie erwiderten den Gruß, haben’s angenommen. Hänschen, geh und sieh dich um! Sieh mir, ob sie kommen!

Dichter lud ich auch herbei, unsre Lust zu mehren, die weit lieber ein fremdes Lied als ihr eignes hören. Alle diese stimmten ein, haben’s angenommen. Hänschen, geh und sieh dich um! Sieh mir, ob sie kommen!

Doch ich sehe niemand gehn, sehe niemand rennen. Suppe kocht und siedet ein, Braten will verbrennen. Ach, wir haben’s, fürcht’ ich nun, zu genau genommen! Hänschen, sag’, was meinst du wohl? Es wird niemand kommen!

Hänschen, lauf und säume nicht, ruf’ mir neue Gäste! Jeder komme, wie er ist, das ist wohl das beste! -- Schon ist’s in der Stadt bekannt, wohl ist’s aufgenommen. Hänschen, mach die Türen auf: sieh nur, wie sie kommen!

Ritter Kurts Brautfahrt

von

Johann Wolfgang von Goethe.

Mit des Bräutigams Behagen schwingt sich Ritter Kurt aufs Roß; zu der Trauung soll’s ihn tragen, auf der edlen Liebsten Schloß; als am öden Felsenorte drohend sich ein Gegner naht; ohne Zögern, ohne Worte schreiten sie zu rascher Tat.

Lange schwankt des Kampfes Welle, bis sich Kurt im Siege freut; er entfernt sich von der Stelle, Überwinder und gebläut. Aber was er bald gewahret in des Busches Zitterschein, mit dem Säugling still gepaaret schleicht ein Liebchen durch den Hain.

Und sie winkt ihn auf das Plätzchen: „Lieber Herr, nicht so geschwind! Habt Ihr nichts an Euer Schätzchen, habt Ihr nichts für Euer Kind?“ Ihn durchglühet süße Flamme, daß er nicht vorbei begehrt, und er findet nun die Amme, wie die Jungfrau, liebenswert.

Doch er hört die Diener blasen, denket nun der hohen Braut, und nun wird auf seinen Straßen Jahresfest und Markt so laut, und er wählet in den Buden manches Pfand zu Lieb’ und Huld; aber ach! da kommen Juden mit dem Schein vertagter Schuld.

Und nun halten die Gerichte den behenden Ritter auf. O verteufelte Geschichte! Heldenhafter Lebenslauf! Soll ich heute mich gedulden? Die Verlegenheit ist groß. Widersacher, Weiber, Schulden, ach! kein Ritter wird sie los.

Sendschreiben

von

Johann Wolfgang von Goethe.

Mein altes Evangelium bring’ ich dir hier schon wieder; doch ist mir’s wohl um mich herum, darum schreib’ ich dir’s nieder.

Ich holte Gold, ich holte Wein, stellt’ alles da zusammen; da, dacht’ ich, da wird Wärme sein, geht mein Gemäld’ in Flammen! Auch tät’ ich bei der Schätze Flor viel Glut und Reichtum schwärmen; doch Menschenfleisch geht allem vor, um sich daran zu wärmen.

Und wer nicht richtet, sondern fleißig ist, wie ich bin und wie du bist, den belohnt auch die Arbeit mit Genuß; nichts wird auf der Welt ihm Überdruß. Denn er blecket nicht mit stumpfem Zahn lang’ Gesottnes und Gebratnes an, das er, wenn er noch so sittlich kaut, endlich doch nicht sonderlich verdaut; sondern faßt ein tüchtig Schinkenbein, haut da gut taglöhnermäßig drein, füllt bis oben gierig den Pokal, trinkt, und wischt das Maul wohl nicht einmal.

Sieh, so ist Natur ein Buch lebendig, unverstanden, doch nicht unverständlich; denn dein Herz hat viel und groß Begehr: was wohl in der Welt für Freude wär’, allen Sonnenschein und alle Bäume, alles Meergestad’ und alle Träume in dein Herz zu sammeln miteinander, wie die Welt durchwühlend Banks, Solander.

Und wie muß dir’s werden, wenn du fühlest, daß du alles in dir selbst erzielest, Freude hast an deiner Frau und Hunden, als noch keiner in Elysium gefunden. Als er da mit Schatten lieblich schweifte und an goldne Gottgestalten streifte. Nicht in Rom, in Magna Gräcia; dir im Herzen ist die Wonne da! Wer mit seiner Mutter, der Natur, sich hält, find’t im Stengelglas wohl eine Welt.

Wirkung in die Ferne

von

Johann Wolfgang von Goethe.

Die Königin steht im hohen Saal, da brennen der Kerzen so viele; sie spricht zum Pagen: „Du läufst einmal und holst mir den Beutel zum Spiele. Er liegt zur Hand auf meines Tisches Rand.“ Der Knabe, der eilt so behende, war bald an Schlosses Ende.

Und neben der Königin schlürft’ zur Stund’ Sorbet die schönste der Frauen. Da brach ihr die Tasse so hart an dem Mund, es war ein Greuel zu schauen. Verlegenheit! Scham! Ums Prachtkleid ist’s getan! Sie eilt und fliegt so behende entgegen des Schlosses Ende.

Der Knabe zurück zu laufen kam entgegen der Schönen in Schmerzen; es wußt es niemand, doch beide zusamm’, sie hegten einander im Herzen; und o des Glücks, des günst’gen Geschicks! Sie warfen mit Brust sich zu Brüsten und herzten und küßten nach Lüsten.

Doch endlich beide sich reißen los; sie eilt in ihre Gemächer; der Page drängt sich zur Königin groß durch alle die Degen und Fächer. Die Fürstin entdeckt das Westchen befleckt: für sie war nichts unerreichbar, der Kön’gin von Saba vergleichbar.

Und sie die Hofmeisterin rufen läßt: „Wir kamen doch neulich zu Streite, und Ihr behauptetet steif und fest, nicht reiche der Geist in die Weite; die Gegenwart nur, die lasse wohl Spur; doch niemand wirk’ in die Ferne, sogar nicht die himmlischen Sterne.

„Nun seht! Soeben ward mir zur Seit’ der geistige Süßtrank verschüttet, und gleich darauf hat er dort hinten so weit dem Knaben die Weste zerrüttet. -- Besorg’ dir sie neu! Und weil ich mich freu’, daß sie mir zum Beweise gegolten, ich zahl’ sie! sonst wirst du gescholten.“

Schneider-Kourage

von

Johann Wolfgang von Goethe.

„Es ist ein Schuß gefallen! Mein; sagt, wer schoß da drauß’?“ Es ist der junge Jäger, der schießt im Hinterhaus.

Die Spatzen in dem Garten, die machen viel Verdruß. Zwei Spatzen und ein Schneider, die fielen von dem Schuß;

Die Spatzen von den Schroten, der Schneider von dem Schreck; die Spatzen in die Schoten, der Schneider in den --.

Pegasus im Joche

von

Friedrich von Schiller.

Auf einem Pferdemarkt -- vielleicht zu Haymarket, wo andre Dinge noch in Ware sich verwandeln, bracht’ einst ein hungriger Poet der Musen Roß, es zu verhandeln.

Hell wieherte der Hippogryph, und bäumte sich in prächtiger Parade! Erstaunt blieb jeder stehn und rief: Das edle, königliche Tier! Nur schade, daß seinen schlanken Wuchs ein häßlich Flügelpaar entstellt! Den schönsten Postzug würd’ es zieren. Die Rasse, sagen sie, sei rar, doch wer wird durch die Luft kutschieren? Und keiner will sein Geld verlieren. Ein Pachter endlich faßte Mut. „Die Flügel zwar,“ spricht er, „die schaffen keinen Nutzen; doch die kann man ja binden oder stutzen, dann ist das Pferd zum Ziehen immer gut. Ein zwanzig Pfund, die will ich wohl dran wagen.“ Der Täuscher, hoch vergnügt, die Ware loszuschlagen, schlägt hurtig ein. „Ein Mann, ein Wort!“ Und Hans trabt frisch mit seiner Beute fort.

Das edle Tier wird eingespannt; doch fühlt es kaum die ungewohnte Bürde, so rennt es fort mit wilder Flugbegierde und wirft, von edelm Grimm entbrannt, den Karren um an eines Abgrunds Rand. „Schon gut,“ denkt Hans. „Allein darf ich dem tollen Tiere kein Fuhrwerk mehr vertraun. Erfahrung macht schon klug, doch morgen fahr’ ich Passagiere, da stell’ ich es als Vorspann in den Zug. Die muntre Krabbe soll zwei Pferde mir ersparen; der Koller gibt sich mit den Jahren.“

Der Anfang ging ganz gut. Das leichtbeschwingte Pferd belebt der Klepper Schritt, und pfeilschnell fliegt der Wagen. Doch was geschieht? Den Blick den Wolken zugekehrt und ungewohnt, den Grund mit festem Huf zu schlagen, verläßt es bald der Räder sichre Spur, und, treu der stärkeren Natur, durchrennt es Sumpf und Moor, geackert Feld und Hecken, der gleiche Taumel faßt das ganze Postgespann, kein Rufen hilft, kein Zügel hält es an, bis endlich, zu der Wandrer Schrecken, der Wagen, wohlgerüttelt und zerschellt, auf eines Berges steilem Gipfel hält.

„Das geht nicht zu mit rechten Dingen,“ spricht Hans mit sehr bedenklichem Gesicht. „So wird es nimmermehr gelingen; laß sehn, ob wir den Tollwurm nicht durch magre Kost und Arbeit zwingen.“ Die Probe wird gemacht. Bald ist das schöne Tier, eh noch drei Tage hingeschwunden, zum Schatten abgezehrt. „Ich hab’s, ich hab’s gefunden!“ ruft Hans. „Jetzt frisch, und spannt es mir gleich vor den Pflug mit meinem stärksten Stier.“

Gesagt, getan. In lächerlichem Zuge erblickt man Ochs und Flügelpferd am Pfluge. Unwillig steigt der Greif und strengt die letzte Macht der Sehnen an, den alten Flug zu nehmen. Umsonst, der Nachbar schreitet mit Bedacht, und Phöbus’ stolzes Roß muß sich dem Stier bequemen, bis nun, vom langen Widerstand verzehrt, die Kraft aus allen Gliedern schwindet, von Gram gebeugt das edle Götterpferd zu Boden stürzt, und sich im Staube windet.

„Verwünschtes Tier!“ bricht endlich Hansens Grimm laut scheltend aus, indem die Hiebe flogen. „So bist du denn zum Ackern selbst zu schlimm, mich hat ein Schelm mit dir betrogen.“

Indem er noch in seines Zornes Wut die Peitsche schwingt, kommt flink und wohlgemut ein lustiger Gesell’ die Straße hergezogen. Die Zither klingt in seiner leichten Hand, und durch den blonden Schmuck der Haare schlingt zierlich sich ein goldnes Band. „Wohin, Freund, mit dem wunderlichen Paare?“ ruft er den Baur von weitem an. „Der Vogel und der Ochs an +einem+ Seile, ich bitte dich, welch ein Gespann! Willst du auf eine kleine Weile dein Pferd zur Probe mir vertraun? Gib acht, du sollst dein Wunder schaun.“

Der Hippogryph wird ausgespannt, und lächelnd schwingt sich ihm der Jüngling auf den Rücken. Kaum fühlt das Tier des Meisters sichre Hand, so knirscht es in des Zügels Band, und steigt, und Blitze sprühn aus den beseelten Blicken. Nicht mehr das vor’ge Wesen -- königlich, ein Geist, ein Gott, erhebt es sich, entrollt mit einem Mal in Sturmes Wehen der Schwingen Pracht, schießt brausend himmelan, und eh der Blick ihm folgen kann, entschwebt es zu den blauen Höhen.

Der geplagte Bräutigam

von

Theodor Körner.

Im ganzen Dorfe geht’s Gerücht, daß ich um Greten freie; sie aber läßt das Tändeln nicht, die Falsche, Ungetreue! -- Denn Nachbar Kunzens langer Hans führt alle Sonntag’ sie zum Tanz und kommt mir ins Gehege -- -- Man überlege! --

Auf künft’ge Ostern wird’s ein Jahr, da faßt’ ich mich in Kürze -- und kaufte ihr (das Ding war rar) ein Band zur neuen Schürze; und an dem zweiten Feiertag, just mit dem neunten Glockenschlag, bracht’ ich ihr mein Geschenke -- -- Man denke! --

Ich hatte nämlich räsonniert den Tag vorher beim Biere: wenn ich sie mit dem Band geziert zum Abendtanze führe, so sag’ ich alles lang und breit, und breche die Gelegenheit im Fall der Not vom Zaune -- -- Man staune! --

Drauf hatt’ ich mich schön angetan, als ging’s zum Hochzeitsfeste! Ich zog die neuen Stiefeln an, und meines Vaters Weste; doch als ich kam vor Gretens Haus, war auch der Vogel schon hinaus mit Hansen in die Schenke -- -- Man denke! --

Das faßte mich wie Feuerbrand, der Zunder mußte fangen; da kam, um seinen Hut mein Band, der Musjö Hans gegangen; nun sprüht’ ich erst in voller Wut, er wurde grob -- und kurz und gut ich kriegte derbe Schläge -- -- Man überlege! --

Den Tag darauf an Gretens Tür lauscht’ ich als Ehrenwächter. Da schallte aus dem Garten mir ein gellendes Gelächter. Und als ich habe hingeschaut, da saß denn meine schöne Braut mit Hansen hinter’m Zaune -- -- Man staune! --

Das fuhr mir arg durch meinen Sinn, das Wort blieb in der Kehle; des andern Morgens ging ich hin, und hielt ihr’s vor die Seele; und sagt’ ihr’s endlich grad heraus: „Hör’, Grete, mach’ mir’s nicht zu kraus, sonst geh’ ich meiner Wege.“ -- -- Man überlege! --

Da lachte sie mir in’s Gesicht und kehrte mir den Rücken. Ja, wenn der Hans den Hals nicht bricht, so reiß’ ich ihn in Stücken! Sonst bringt sie es gewiß so weit, daß ich mich noch bei guter Zeit im nächsten Teich ertränke! -- -- Man denke! --

Des Feldpredigers Kriegstaten

von

Theodor Körner.

Ich bin bei englischem Rindfleisch erzogen und habe bei englischem Biere studiert; der Herr General war mir gewogen, drum ward ich zum Feldprediger avanciert; denn der Mensch muß etwas versuchen und wagen, drum sitz’ ich hier auf dem Bagagewagen.

Bin in Portugal nun Soldaten-Pastor und predige über Ach und Weh, und warne vor Trunkenheit und Laster die reuige, aber besoffne Armee! Pfleg’ aufs Beste die Kehl’ und den Magen, und sitze hier auf dem Bagagewagen.

Gestern war eine große Bataille, es kam zu einer blutigen Schlacht! Wir fochten alle _en canaille_, ich hätt’ es kaum als möglich gedacht. Der Franzose ward aufs Haupt geschlagen, und ich saß auf dem Bagagewagen.

Es ward erschrecklich viel Blut vergossen, ich kam in den größten Embarras; die Feinde hatten einen Bock geschossen, und wir, wir schossen Viktoria. Der gehört zu meinen glorreichsten Tagen, denn ich saß auf dem Bagagewagen.