Deutsche Humoristen, 4. und 5. Band (von 8)
Part 3
Vor jaren wont in einem walt ein waltbruder, an jaren alt, der sich der wurzeln neren tet; derselb ein jungen sune het, in dem alter bei zweinzig jarn, der war einfeltig, unerfarn, der fragt den alten: sag doch mir, sint in dem walt gewachsen wir? wan er nie menschen het gesehen. der alt tet zu dem jungen gehen: mein sun, da du noch warest klein, hab ich dich geflehet[2] herein aus der arglisting, bösen welt, das sie uns nit schmech, spott und schelt, weil ir gar niemant recht kan tan, sie schlag im doch ein blechlein an[3]. still schwig der sun, doch tag und nacht des vatters red stets nachgedacht, was doch die welt nur möcht gesein[4]. zu letzt da wolt er ie darein, legt an den vatter große bit, der es doch lang zeit widerriet; zu letzt er überredet wart und macht sich mit im auf die fart, und fürten iren esel mit ledig, ir keiner darauf rit. im walt bekam[5] in ein kriegsman, der sprach: wie laßt ir ledig gan den faulen esel hie allein? Ir dunkt mich nit fast witzig sein, das euer keiner darauf reit. als sie nun von im kamen weit, der vatter sprach: mein sun, sich zu, wie uns die welt empfangen tu. der sun sprach: laß mich darauf reiten. das gschach, da kam zu in von weiten ein altes weib neben die ecker, die sprach: secht zu dem jungen lecker, der reit, und der alt schwache man muß hindennach zu füßen gan! sun, sprach der alt, glaubst du nun mir, was von der welt ich saget dir? er sprach: laß uns versuchen baß. der jung balt von dem esel saß, und saß der alt balt auf für[6] in, reit also fuß für fuß dahin. in dem begegnet in ein bauer, der redt sie an mit worten sauer: secht an den alten groben lappen, leßt den jungen im kot her sappen[7], dem nöter wer zu reiten dan im. der alte sprach: mein sun, vernim, das man der welt nit recht mag tun. der sun sprach: vatter, laß mich nun aufsitzen, das wir reiten bed, schau, ob die welt dahzu auch red. aufsaß er und ritten dahin; da kam ein bettelman zu in, tet an einr wegscheid auf sie harrn und sprach: secht an die großen narrn, wöllen den esel gar erdrücken! der vatter sprach: in allen stücken tut uns die welt mit hönwort schmitzen[8]. der sun sprach: laß uns beid absitzen, so wöllen wir den esel tragen, was nun die welt darzu wil sagen. absaßen sie, den esel trugen und mit im übers felt hinzugen, das von in beiden ran der schweis. ein edelman kam zu der reis, tet sie all beid mit worten straffen: wann her[9], wannen her, ir schlauraffen, das ir das hinder kert herfür[10]? der vatter sprach: mein sun, hie spür, das an der welt ist gar verlorn[11]. da sprach der sun in großem zorn: den esel wöllen wir erschlagen, denn hat die welt nit mehr zu klagen. den esel schlugen sie zu haufen; da kam ein jäger zugelaufen, der schrei: o ihr großen fantasten, des esels gneußet ir am basten lebend, tot ist er euch kein nütz. zuhant der junge wart urdrütz[12] der welt, die in mit spot und straf so gar an allen orten traf, sprach: hat die welt auf einen tag über uns balt so vil der klag, solt wir denn all tag darin bleiben, was wunders würt sie mit uns treiben! und keret mit dem alten dar in walt, daraus er kommen war.
Kußlied
von
Paul Fleming.
Erneuert.
Nirgends hin als auf den Mund: da sinkt’s in des Herzens Grund; nicht zu frei, nicht zu gezwungen, nicht mit allzu trägen Zungen.
Nicht zu wenig, nicht zu viel: beides wird sonst Kinderspiel. Nicht zu laut und nicht zu leise: nur im Maß ist rechte Weise.
Nicht zu hart und nicht zu weich, bald zugleich, bald nicht zugleich. Nicht zu langsam, nicht zu schnelle, nicht stets auf die gleiche Stelle.
Halb gebissen, halb gehaucht, halb die Lippen eingetaucht, nicht ohn’ Unterschied der Zeiten, mehr allein denn vor den Leuten.
Küsse nun ein jedermann, wie er weiß, will, soll und kann! Ich nur und die Liebste wissen, wie wir uns recht sollen küssen.
Das Gespenst
von
Christian Fürchtegott Gellert.
Ein Hauswirt, wie man mir erzählt, ward lange Zeit durch ein Gespenst gequält. Er ließ, des Geist’s sich zu erwehren, sich heimlich das Verbannen lehren; doch kraftlos blieb der Zauberspruch. Der Geist entsetzte sich vor keinen Charakteren und gab, in einem weißen Tuch, ihm alle Nächte den Besuch.
Ein Dichter zog in dieses Haus. Der Wirt, der bei der Nacht nicht gern allein gewesen, bat sich des Dichters Zuspruch aus, und ließ sich seine Verse lesen. Der Dichter las ein frostig Trauerspiel, das, wo nicht seinem Wirt, doch ihm sehr wohl gefiel.
Der Geist, den nur der Wirt, doch nicht der Dichter sah, erschien und hörte zu; es fing ihn an zu schauern; er konnt es länger nicht, als einen Auftritt, dauern; denn eh der andre kam, so war er nicht mehr da.
Der Wirt, von Hoffnung eingenommen, ließ gleich die andre Nacht den Dichter wiederkommen. Der Dichter las; der Geist erschien; doch ohne lange zu verziehn. „Gut!“ sprach der Wirt bei sich, „dich will ich bald verjagen; kannst du die Verse nicht vertragen?“
Die dritte Nacht blieb unser Wirt allein, sobald es zwölfe schlug, ließ das Gespenst sich blicken; „Johann!“ fing drauf der Wirt gewaltig an zu schrein, „der Dichter (lauft geschwind!) soll von der Güte sein, und mir sein Trauerspiel auf eine Stunde schicken.“ Der Geist erschrak, und winkte mit der Hand, der Diener sollte ja nicht gehen. Und kurz, der weiße Geist verschwand, und ließ sich niemals wieder sehen.
Ein jeder, der dies Wunder liest, zieht sich daraus die gute Lehre, daß kein Gedicht so elend ist, das nicht zu etwas nützlich wäre. Und wenn sich ein Gespenst vor schlechten Versen scheut, so kann uns dies zum großen Troste dienen. Gesetzt, daß sie zu unsrer Zeit auch legionenweis erschienen: so wird, um sich von allen zu befrein, an Versen doch kein Mangel sein.
Der gute Rat
von
Christian Fürchtegott Gellert.
Ein junger Mensch, der sich vermählen wollte und dem man manchen Vorschlag tat, bat einen Greis um einen guten Rat, was für ein Weib er nehmen sollte? „Freund,“ sprach der Greis, „das weiß ich nicht. So gut man wählt, kann man sich doch betrügen. Sucht ihr ein Weib bloß zum Vergnügen, so wählet euch ein schön Gesicht; doch liegt euch mehr an Renten und am Staate als am verliebten Zeitvertreib: so dien ich euch mit einem andern Rate, bemüht euch um ein reiches Weib; doch strebt ihr durch die Frau nach einem hohen Range, nun, so vergeßt, daß bessre Mädchen sind, wählt eines großen Mannes Kind, und untersucht die Wahl nicht lange; doch wollt ihr mehr für eure Seele wählen als für die Sinne und den Leib: so wagt’s, um euch nach Wunsche zu vermählen, und wählt euch ein gelehrtes Weib.“ Hier schwieg der Alte lachend still. „Ach,“ sprach der junge Mensch, „das will ich ja nicht wissen, ich frage, welches Weib ich werde wählen müssen, wenn ich zufrieden leben will? Und wenn ich, ohne mich zu grämen -- -- --“ „O,“ fiel der Greis ihm ein, „da müßt ihr keine nehmen.“
Der sterbende Vater
von
Christian Fürchtegott Gellert.
Ein Vater hinterließ zween Erben, Christophen, der war klug, und Görgen, der war dumm. Sein Ende kam, und kurz vor seinem Sterben sah er sich ganz betrübt nach seinem Christoph um. „Sohn,“ fing er an, „mich quält ein trauriger Gedanke, du hast Verstand, wie wird dir’s künftig gehn? Hör’ an, ich hab’ in meinem Schranke ein Kästchen mit Juwelen stehn, die sollen dein. Nimm sie, mein Sohn, und gib dem Bruder nichts davon.“
Der Sohn erschrak und stutzte lange. „Ach Vater,“ hub er an, „wenn ich so viel empfange, wie kommt alsdann mein Bruder fort?“ „Er?“ fiel der Vater ihm ins Wort, „für Görgen ist mir gar nicht bange, der kommt gewiß durch seine Dummheit fort.“
Die Widersprecherin
von
Christian Fürchtegott Gellert.
Ismene hatte noch, bei vielen andern Gaben, auch diese, daß sie widersprach. Man sagt es überhaupt den guten Weibern nach, daß alle diese Tugend haben; doch, wenn’s auch tausendmal der ganze Weltkreis spricht: so halt ich’s doch für ein Gedicht, und sag es öffentlich: Ich glaub es ewig nicht. Ich bin ja auch mit mancher Frau bekannt, ich hab es oft versucht, und manche schön genannt, so häßlich sie auch war, bloß, weil ich haben wollte, daß sie mir widersprechen sollte; allein sie widersprach mir nicht. Und also ist es falsch, daß jede widerspricht. So kränkt man euch, ihr guten Schönen! -- Jetzt komm ich wieder zu Ismenen. Ismenen sagte man’s nicht aus Verleumdung nach, es war gewiß, sie widersprach. Einst saß sie mit dem Mann bei Tische; sie aßen unter anderm Fische, mich deucht, es war ein grüner Hecht. „Mein Engel,“ sprach der Mann, „mein Engel, ist mir recht, so ist der Fisch nicht gar zu blau gesotten.“ „Das,“ rief sie, „hab ich wohl gedacht, so gut man auch die Anstalt macht: so finden Sie doch Grund, der armen Frau zu spotten. Ich sag es Ihnen kurz, der Hecht ist gar zu blau.“ „Gut,“ sprach er, „meine liebe Frau, wir wollen nicht darüber streiten, was hat die Sache zu bedeuten?“
So wie dem welschen Hahn, dem man was Rotes zeigt, der Zorn den Augenblick in Nas’ und Lefzen steigt, sie rot und blau durchströmt, lang auseinander treibet, in beiden Augen blitzt, sich in den Flügeln sträubet, in alle Federn dringt, und sie gen Himmel kehrt, und zitternd, mit Geschrei und Poltern, aus ihm fährt: so schießt Ismenen auch, da dies ihr Liebster spricht, das Blut den Augenblick in ihr sonst blaß Gesicht; die Adern liefen auf, die Augen wurden enger, die Lippen dick und blau, und Kinn und Nase länger; ihr Haar bewegte sich, stieg voller Zorn empor, und stieß, indem es stieg, das Nachtzeug von dem Ohr. Drauf fing sie zitternd an: „Ich, Mann! ich, deine Frau, ich sag es noch einmal, der Hecht war gar zu blau.“ Sie nimmt das Glas und trinkt. O! laßt sie doch nicht trinken! Ihr Liebster geht und sagt kein Wort; kaum aber ist ihr Liebster fort, so sieht man sie in Ohnmacht sinken. Wie konnt es anders sein? Gleich auf den Zorn zu trinken! Ein plötzliches Geschrei bewegt das ganze Haus; man bricht der Frau die Daumen aus; man streicht sie kräftig an, kein Balsam will sie stärken. Man reibt ihr Schläf’ und Puls; kein Leben ist zu merken. Man nimmt versengtes Haar und hält’s ihr vors Gesicht. Umsonst! Umsonst! Sie riecht es nicht! Nichts kann den Geist ihr wiedergeben. Man ruft den Mann, er kommt und schreit: „Du stirbst, mein Leben! Du stirbst? Ich armer Mann! Ach, meine liebe Frau, wer hieß mich dir doch widerstreben! Ach der verdammte Fisch! Gott weiß, er war nicht blau.“ Den Augenblick bekam sie wieder Leben. „Blau war er,“ rief sie aus, „willst du dich noch nicht geben?“ So tat der Geist des Widerspruchs mehr Wirkung, als die Kraft des heftigsten Geruchs.
Das Muster der Ehen
von
Gotthold Ephraim Lessing.
Ein rares Beispiel will ich singen, wobei die Welt erstaunen wird. Daß alle Ehen Zwietracht bringen, glaubt jeder, aber jeder irrt.
Ich sah das Muster aller Ehen, still, wie die stillste Sommernacht O! daß sie keiner möge sehen, der mich zum frechen Lügner macht!
Und gleichwohl war die Frau kein Engel, und der Gemahl kein Heiliger; es hatte jedes seine Mängel. Denn niemand ist von allen leer.
Doch sollte mich ein Spötter fragen, wie diese Wunder möglich sind? Der lasse sich zur Antwort sagen: Der Mann war taub, die Frau war blind.
Die drei Reiche der Natur
von
Gotthold Ephraim Lessing.
Ich trink’, und trinkend fällt mir bei, warum Naturreich dreifach sei. Die Tier’ und Menschen trinken, lieben, ein jegliches nach seinen Trieben: Delphin und Adler, Floh und Hund empfindet Lieb’ und netzt den Mund. Was also trinkt und lieben kann, wird in das erste Reich getan.
Die Pflanze macht das zweite Reich, dem ersten nicht an Güte gleich: sie liebet nicht, doch kann sie trinken, wenn Wolken träufelnd niedersinken; so trinkt die Zeder und der Klee, der Weinstock und die Aloe. Drum, was nicht liebt, doch trinken kann, wird in das zweite Reich getan.
Das Steinreich macht das dritte Reich; und hier sind Sand und Demant gleich: kein Stein fühlt Durst und zarte Triebe, er wachset ohne Trunk und Liebe. Drum, was nicht liebt noch trinken kann, wird in das letzte Reich getan. Denn ohne Lieb’ und ohne Wein, sprich, Mensch, was bleibst du noch? -- Ein Stein.
Lob der Faulheit
von
Gotthold Ephraim Lessing.
Faulheit, jetzo will ich dir auch ein kleines Loblied bringen. -- O .. wie .. sau .. er .. wird es mir, dich .. nach Würden .. zu besingen! Doch, ich will mein bestes tun, nach der Arbeit ist gut ruhn.
Höchstes Gut! wer dich nur hat, dessen ungestörtes Leben -- -- Ach! .. ich .. gähn’ .. ich .. werde matt .. nun .. so .. magst du .. mir’s vergeben, daß ich dich nicht singen kann; du verhinderst mich ja dran.
Niklas
von
Gotthold Ephraim Lessing.
Mein Esel sicherlich muß klüger sein, als ich. Ja, klüger muß er sein! Er fand sich selbst in’ Stall hinein und kam doch von der Tränke. Man denke!
Die Geschichte von Goliath und David, in Reime bracht
von
Matthias Claudius.
War einst ein Riese Goliath, gar ein gefährlich Mann! Er hatte Tressen auf dem Hut mit einem Klunker dran und einen Rock von _drap d’argent_ und alles so nach _advenant_.
An seinen Schnurrbart sah man nur mit Gräsen und mit Graus, und dabei sah er von Natur pur wie der -- aus. Sein Sarras war, man glaubt es kaum, so groß schier als ein Weberbaum.
Er hatte Knochen wie ein Gaul und eine freche Stirn und ein entsetzlich großes Maul und nur ein kleines Hirn; gab jedem einen Rippenstoß und flunkerte und prahlte groß.
So kam er alle Tage her und sprach Israel Hohn. „Wer ist der Mann? Wer wagt’s mit mir? Sei Vater oder Sohn, er komme her, der Lumpenhund, ich bax’n nieder auf den Grund.“
Da kam in seinem Schäferrock ein Jüngling zart und fein; er hatte nichts als seinen Stock als Schleuder und den Stein und sprach: „Du hast viel Stolz und Wehr, ich komm im Namen Gottes her.“
Und damit schleudert’ er auf ihn und traf die Stirne gar; da fiel der große Esel hin, so lang und dick er war. Und David haut in guter Ruh ihm nun den Kopf noch ab dazu. --
Trau nicht auf deinen Tressenhut noch auf den Klunker dran! Ein großes Maul es auch nicht tut: das lern vom langen Mann; und von dem kleinen lerne wohl, wie man mit Ehren fechten soll.
Rheinweinlied
von
Matthias Claudius.
Bekränzt mit Laub den lieben vollen Becher, und trinkt ihn fröhlich leer, in ganz Europia, ihr Herren Zecher, ist solch ein Wein nicht mehr!
Er kommt nicht her aus Hungarn noch aus Polen, noch wo man franzmännsch spricht: da mag Sankt Veit, der Ritter, Wein sich holen, wir holen ihn da nicht.
Ihn bringt das Vaterland aus seiner Fülle: wie wär’ er sonst so gut? Wie wär’ er sonst so edel, wäre stille und doch voll Kraft und Mut?
Er wächst nicht überall im deutschen Reiche; und viele Berge, hört, sind wie die weiland Kreter faule Bäuche und nicht der Stelle wert.
Thüringens Berge zum Exempel bringen Gewächs, sieht aus wie Wein, ist’s aber nicht: man kann dabei nicht singen, dabei nicht fröhlich sein.
Im Erzgebirge dürft ihr auch nicht suchen, wenn ihr Wein finden wollt: das bringt nur Silbererz und Kobaltkuchen und etwas Lausegold.
Der Blocksberg ist der lange Herr Philister; er macht nur Wind wie der: drum tanzen auch der Kuckuck und sein Küster auf ihm die Kreuz und Quer.
Am Rhein, am Rhein, da wachsen unsre Reben: gesegnet sei der Rhein! Da wachsen sie am Ufer hin und geben uns ihren Labewein.
So trinkt ihn denn, und laßt uns allewege uns freun und fröhlich sein! Und wüßten wir, wo jemand traurig läge, wir gäben ihm den Wein.
Der Kaiser und der Abt
von
Gottfried August Bürger.
Ich will euch erzählen ein Märchen, gar schnurrig: es war mal ein Kaiser, der Kaiser war knurrig; auch war mal ein Abt, ein gar stattlicher Herr; nur schade! sein Schäfer war klüger als er.
Dem Kaiser ward’s sauer in Hitz’ und in Kälte; oft schlief er bepanzert im Kriegesgezelte, oft hatt’ er kaum Wasser zu Schwarzbrot und Wurst, und öfter noch litt er gar Hunger und Durst.
Das Pfäfflein, das wußte sich besser zu hegen und weidlich am Tisch und im Bette zu pflegen. Wie Vollmond glänzte sein feistes Gesicht Drei Männer umspannten den Schmerbauch ihm nicht.
Drob suchte der Kaiser am Pfäfflein oft Hader. Einst ritt er mit reisigem Kriegesgeschwader in brennender Hitze des Sommers vorbei. Das Pfäfflein spazierte vor seiner Abtei.
„Ha,“ dachte der Kaiser, „zur glücklichen Stunde!“ und grüßte das Pfäfflein mit höhnischem Munde. „Knecht Gottes, wie geht’s dir? Mir däucht wohl ganz recht, das Beten und Fasten bekomme nicht schlecht.
„Doch däucht mir daneben, Euch plage viel Weile. Ihr dankt mir’s wohl, wenn ich Euch Arbeit erteile; man rühmet, Ihr wäret der pfiffigste Mann, Ihr höret das Gräschen fast wachsen, sagt man.
„So geb’ ich denn Euern zwei tüchtigen Backen zur Kurzweil drei artige Nüsse zu knacken. Drei Monden von nun an bestimm’ ich zur Zeit. Dann will ich auf diese drei Fragen Bescheid:
„Zum ersten: Wann hoch ich im fürstlichen Rate zu Throne mich zeige im Kaiserornate, dann sollt Ihr mir sagen, ein treuer Wardein, wieviel ich wohl wert bis zum Heller mag sein.
„Zum zweiten sollt Ihr mir berechnen und sagen, wie bald ich zu Rosse die Welt mag umjagen, um keine Minute zu wenig und viel! Ich weiß, der Bescheid darauf ist Euch nur Spiel.
„Zum dritten noch sollst du, o Preis der Prälaten, aufs Härchen mir meine Gedanken erraten. Die will ich dann treulich bekennen; allein es soll auch kein Titelchen Wahres dran sein.
„Und könnt Ihr mir diese drei Fragen nicht lösen, so seid Ihr die längste Zeit Abt hier gewesen; so laß ich Euch führen zu Esel durchs Land, verkehrt, statt des Zaumes den Schwanz in der Hand.“ --
Drauf trabte der Kaiser mit Lachen von hinnen. Das Pfäfflein zerriß und zerspliß sich mit Sinnen. Kein armer Verbrecher fühlt mehr Schwulität, der vor hochnotpeinlichem Halsgericht steht.
Er schickte nach ein, zwei, drei, vier Un’vers’täten; er fragte bei ein, zwei, drei, vier Fakultäten; er zahlte Gebühren und Sportuln vollauf; doch löste kein Doktor die Fragen ihm auf.
Schnell wuchsen bei herzlichem Zagen und Pochen die Stunden zu Tagen, die Tage zu Wochen, die Wochen zu Monden; schon kam der Termin! Ihm ward’s vor den Augen bald gelb und bald grün.
Nun sucht’ er, ein bleicher, hohlwangiger Werther, in Wäldern und Feldern die einsamsten Örter. Da traf ihn auf selten betretener Bahn Hans Bendix, sein Schäfer, am Felsenhang an.
„Herr Abt,“ sprach Hans Bendix, „was mögt Ihr Euch grämen? Ihr schwindet ja wahrlich dahin wie ein Schemen. Maria und Joseph! Wie hotzelt Ihr ein! Mein Sixchen! Es muß Euch was angetan sein.“ --
„Ach, guter Hans Bendix, so muß sich’s wohl schicken. Der Kaiser will gern mir am Zeuge was flicken und hat mir drei Nüss’ auf die Zähne gepackt, die schwerlich Beelzebub selber wohl knackt.
„Zum ersten: Wann hoch er im fürstlichen Rate zu Throne sich zeiget im Kaiserornate, dann soll ich ihm sagen, ein treuer Wardein, wieviel er wohl wert bis zum Heller mag sein.
„Zum zweiten soll ich ihm berechnen und sagen, wie bald er zu Rosse die Welt mag umjagen, um keine Minute zu wenig und viel! Er meint, der Bescheid darauf wäre nur Spiel.
„Zum dritten, ich ärmster von allen Prälaten, soll ich ihm gar seine Gedanken erraten; die will er mir treulich bekennen; allein es soll auch kein Titelchen Wahres dran sein.
„Und kann ich ihm diese drei Fragen nicht lösen, so bin ich die längste Zeit Abt hier gewesen; so läßt er mich führen zu Esel durchs Land, verkehrt, statt des Zaumes den Schwanz in der Hand.“ --
„Nichts weiter?“ erwidert Hans Bendix mit Lachen. „Herr, gebt Euch zufrieden, das will ich schon machen. Nur borgt mir Eur Käppchen; Eur Kreuzchen und Kleid; so will ich schon geben den rechten Bescheid.
„Versteh’ ich gleich nichts von lateinischen Brocken, so weiß ich den Hund doch vom Ofen zu locken. Was ihr euch, Gelehrte, für Geld nicht erwerbt, das hab’ ich von meiner Frau Mutter geerbt.“
Da sprang wie ein Böcklein der Abt vor Behagen. Mit Käppchen und Kreuzchen, mit Mantel und Kragen ward stattlich Hans Bendix zum Abte geschmückt und hurtig zum Kaiser nach Hofe geschickt.
Hier thronte der Kaiser im fürstlichen Rate, hoch prangt’ er mit Zepter und Kron’ im Ornate: „Nun sagt mir, Herr Abt, als treuer Wardein, wieviel ich itzt wert bis zum Heller mag sein.“ --
„Für dreißig Reichsgulden ward Christus verschachert; drum geb’ ich, so sehr ihr auch pochet und prachert, für Euch keinen Deut mehr als zwanzig und neun, denn +einen+ müßt Ihr doch wohl minder wert sein.“ --
„Hum,“ sagte der Kaiser, „der Grund läßt sich hören und mag den durchlauchtigen Stolz wohl bekehren. Nie hätt’ ich, bei meiner hochfürstlichen Ehr’! geglaubet, daß so spottwohlfeil ich wär’.
„Nun aber sollst du mir berechnen und sagen, wie bald ich zu Rosse die Welt mag umjagen, um keine Minute zu wenig und viel! Ist dir der Bescheid darauf auch nur ein Spiel?“ --
„Herr, wenn mit der Sonn’ Ihr früh sattelt und reitet und stets sie in einerlei Tempo begleitet, so setz’ ich mein Kreuz und mein Käppchen daran, in zweimal zwölf Stunden ist alles getan.“ --
„Ha,“ lachte der Kaiser, „vortrefflicher Haber! Ihr füttert die Pferde mit Wenn und mit Aber. Der Mann, der das Wenn und das Aber erdacht, hat sicher aus Häckerling Gold schon gemacht.
„Nun aber zum dritten, nun nimm dich zusammen! sonst muß ich dich dennoch zum Esel verdammen: was denk’ ich, das falsch ist? Das bringe heraus! Nur bleib’ mir mit Wenn und mit Aber zu Haus!“ --
„Ihr denket, ich sei der Herr Abt von Sankt Gallen.“ -- „Ganz recht! und das kann von der Wahrheit nicht fallen.“ -- „Sein Diener, Herr Kaiser! Euch trüget Eu’r Sinn; denn wißt, daß ich Bendix, sein Schäfer, nur bin!“ --
„Was Henker! Du bist nicht der Abt von Sankt Gallen?“ Rief hurtig, als wär’ er vom Himmel gefallen, der Kaiser mit frohem Erstaunen darein; „Wohlan denn, so sollst du von nun an es sein!
„Ich will dich belehnen mit Ring und mit Stabe. Dein Vorfahr besteige den Esel und trabe! Und lerne fortan erst _quid juris_ verstehn! Denn wenn man will ernten, so muß man auch sä’n.“ --
„Mit Gunsten, Herr Kaiser! Das laßt nur hübsch bleiben! Ich kann ja nicht lesen, noch rechnen und schreiben; auch weiß ich kein sterbendes Wörtchen Latein. Was Hänschen versäumt, holt Hans nicht mehr ein.“ --
„Ach, guter Hans Bendix, das ist ja recht schade! Erbitte demnach dir ein’ andere Gnade! Sehr hat mich ergötzet dein lustiger Schwank; drum soll dich auch wieder ergötzen mein Dank.“ --
„Herr Kaiser, groß hab’ ich soeben nichts nötig; doch seid Ihr im Ernst mir zu Gnaden erbötig, so will ich mir bitten zum ehrlichen Lohn für meinen hochwürdigen Herren Pardon.“
„Ha bravo! Du trägst, wie ich merke, Geselle, das Herz wie den Kopf auf der richtigsten Stelle; drum sei der Pardon ihm in Gnaden gewährt und obenein dir ein Panisbrief beschert:
„Wir lassen dem Abt von Sankt Gallen entbieten: Hans Bendix soll ihm nicht die Schafe mehr hüten. Der Abt soll sein pflegen, nach unserm Gebot, umsonst bis an seinen sanftseligen Tod.“
Reigen
von
Johann Heinrich Voß.
Sagt mir an, was schmunzelt ihr? Schiebt ihr’s auf das Kirmesbier, daß ich so vor Freude krähe und auf einem Bein mich drehe? Schurken um und um!
Kommt die schmucke Binderin euch denn gar nicht in den Sinn, die mich wirft mit Haselnüssen und dann schreit: „Ich will nicht küssen!“ Nun so schert euch zum ...!